Festzug

Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen auf die leere und

sonnige Landstraße kletternd -- sie seien dicht vor der Stadt, erklärte

Bogner --, fand sich nahe gegenüber einer haushoch scheinenden goldenen

Wand, die fast die Breite der Straße ausfüllte und über und über mit

einer leuchtenden Malerei von altertümlichen Figuren bedeckt war. Indem

kam um die Ecke, staunend nach oben verdrehten Kopfes, der eine

himbeerfarbene Kugel war, der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene

Mitra, ein golden und weißes Faß auf Füßen, warf gegen Renate einen

verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch über den blanken Schädel

und fuhr fort, zu schauen und zu staunen. Die Wand war in hohe und

schmale gotische Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die

Umrahmungen waren von Gold, golden auch der Grund des Inneren, das die

gemalten Figuren füllten. Bogner hinter ihr sagte, es sei die Rückwand

des Festwagens. Die Gestalten -- Heilige schienen es in reichen Trachten

-- waren so schön gemalt, daß sie nach dem Künstler fragte. Statt

Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr, Bogner habe sie

entworfen, und Tobias und sein Hündlein hätten sie gemalt. Ja, da stand

Tobias, blaß und mit ängstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim

Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun müßte er ihr die Bilder auch

erklären.

Es wären die neun Monate, fing der Junge an.

»Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?«

Tobias sah verlegen zu Josef auf. »Weil es«, hörte Renate seine Stimme

hinter der Maske, »nur neun giebt, mein Knabe. Ihr könnt das erstens

daran erkennen, daß der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhält

und nicht zwölf, seine Natur müßte sich also an eine ganz neue Rechnung

gewöhnen. Ihr wißt aber, daß es die Eigenschaft der Natur ist, sich an

nichts und niemals zu gewöhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein

Junge, indem du dir sagst, daß von unsern zwölf Monaten drei keine

Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nämlich Dezember, Januar und Februar,

wo die Erde schläft oder sich erholt. Im ersten Falle müßtest du jedem

unsrer Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen, und wenn

du dann das Ganze durch Drei teilest, so bekämest du drei schöne

Jahresstücke, die ungefähr unserm März bis Juni, Juli bis Oktober und

November bis Februar entsprechen würden, mit Werdezeit, Reifezeit und

Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier das Jahr mit dem

Frühling, mit dem März beginnen, einem schönen Sankt Sebastian, dessen

Stricke gesprengt zu seinen Füßen liegen, der ins Goldgewölk lächelt,

und dessen Leib und Marterstamm über und über gespickt sind mit farbigen

Krokus, Schlüsselblumen, Hyazinthen und Narzissen, in die sich die

Pfeile oder Hagelgeschosse des Winters verwandelt haben, -- aber,

Renate, es wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen willst

...«

»Nein, diesen noch,« bat Renate entzückt, »das scheint Sankt Christofer

--« sie zählte ab, »-- Oktober, warum Oktober?«

»Siehst du nicht,« sagte Josef, »daß es nicht Sankt Christofer ist,

sondern der griechische Gott Herakles mit seiner Keule, der den kleinen

Dionysos-Christus auf der Schulter trägt, Weinlaub im Haar, und daß es

die große, blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so viel

Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hölderlin nachlesen.«

»Was doch dieser Maler alles weiß!« lächelte Renate verwundert und

bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche die goldene Wand ihres

Mantelfutters entfaltete. Sie ließ sich den dunkelblauen Mantel auf die

Achseln legen und wollte den hohen, nach außen gebogenen Kragen der

Wärme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: »Einen Augenblick!« hakte

den Kragen zu, raffte die dunkelblauen Falten unten, belud ihr den

linken Arm damit, spreizte auch leicht die Finger der Hand unter dem

Bausch, trat zurück und sagte: »Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf ein

Haar?«

Renate, an sich herunterblickend, meinte: »Der Naumburger Uta? Seh ich

so hold und kindlich aus?«

»Oh, sie hat ja auch keine Zöpfe,« sagte er, »aber die Hand mit dem

Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe, das ist kostbarer als

der alte graue Stein. Komm weiter!«

Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig zurück, denn

dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt, standen zwei Elefanten,

nein vier, nein sechs! zu zweien hintereinander, Ungetüme von hellgrauer

Farbe, seltsam von einem rötlichen Hauch bedeckt, und von Josef

hingezogen, sah Renate, daß es die künstlichsten Ornamente, Ranken,

Blumen und Tiere waren, mit feinem, rotem Pinsel aufgetragen.

»Dein Ritter Georg hat es so gewollt,« äußerte Josef, »man macht es so

in Indien, aber ohne meinen Chinesen hätte er es nicht bekommen.«

»Chinesen? Ach, der auch deine Maske --«

»So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, außer bei Dämmrung,«

meinte Josef, »aber der Brave liebt mich sehr und brachte sie eines

Tages an.«

Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter schreitend, von einem

Anblick zusammen, dessen Art und Gewalt sie fürs erste gar nicht

begriff. Wo war sie denn? Ein schneeweißes Tier hielt ein langes weißes

Horn auf sie gerichtet ... Auf der leeren Straße, einsam in einem weiten

Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die Vorderhufe zierlich

eingestemmt, milchweiß -- das Einhorn. Das Legendentier, das heilige, --

am Nacken breit fiel das gewellte Tuch der weißen Mähne nieder, vor der

Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand -- wunderbar -- die lange

Düte des großgewundenen weißen Horns.

Schauder von Furcht, Schauder von Süße durchwirbelten Renate; sie

faltete die Hände, ihr ward glühend heiß und jetzt auf eine

unerklärliche Weise furchtsam, immer furchtsamer zumut, bis es sie kalt

durchlief und sie sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit

unsichtbarem Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum wissend, was

sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drängte sich an seine Brust und

sagte angstvoll zu den Augenschlitzen hinauf:

»Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche, heilige Tier!«

Seltsam fern hörte sie Josefs Stimme:

»Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate? Das Horn ist

Papiermasse und mit einer kleinen, silbernen Platte befestigt, siehst

du?«

Sie lächelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde. Nachdenklich

stützte sie das Kinn in die linke Hand, den Ellbogen in die Rechte

setzend, und betrachtete das Wunder, wie es den Kopf senkte und aufwarf

und das weiße Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner

geworden und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz und gar

fabelhaft aus.

»Welch gutes Herz du doch hast, Renate,« hörte sie Josef sagen, »aber

das kommt davon, wenn man nie ins Theater gehn will, dann nimmt man

alles für Natur.«

Sie lächelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum, tiefes Mittelalter

... Ein wenig entfremdet wurden für Renate all diese Edelleute, Frauen

in Mänteln und engärmeligen Tuniken, diese Mohren in reichen Gewändern,

Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das graue Mittelalter

der steinernen Uta vor sich gesehn, aber nun wurden es schon die alten

Evangelienbilder Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cöln und

Niederland, und schließlich erschien langsam die neue Zeit in den von

der Tracht veränderten Zügen der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von

Negerknaben in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen

Kardinalskäppchen auf dem Kopf, die, sich balgend, über das Feld zur

Seite dahinstoben. Ah, die gehörten wohl auf den Rücken der Elefanten,

wo auf kleinen grünen Schabracken dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel

groß, befestigt waren. Nun sah sie auch die Straße hinab das wogende

Getümmel, hochgetürmte Wagen hintereinander, seltsame, riesige Puppen,

Tiere, Berittene in Kettenhemden und ringsum den Hain der Masten,

Fahnen, Wimpel und Banner in allen Farben, vor allem den heiteren Blau,

Weiß und Grün, und dieser Strom war am Straßeneingang links und rechts

flankiert von den fensterlosen Ziegelwänden zweier Neubauten wie von den

Wänden eines Steinbruchs. Die Häuserfronten an der Straße waren kaum

sichtbar vor hangenden Fahnentüchern, Teppichen und den Gesichtern und

Oberkörpern in allen Fenstern. Gläsern wie über Korn oder Haide

flackerte darüber die Sonnenluft in den heißen, blauen Himmel.

Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte sich, -- sieh, da stand

auf der untersten breiten Plattform, -- mit buntem Steinmosaik belegt,

zwei Schuh hoch über dem Pflaster, -- der riesige Erzbischof mit dem

Krummstab auf einem flachen Podium, eine weiß und goldene Glocke, die

gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich bot der dicke Mann -- in

Wahrheit der Postdirektor, sie kannte ihn vom Sehen -- ihr die Hand, sie

stieg die Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse in

fünf Streifen, breit von der obern Plattform droben herunterströmende

Gefälle von mannshohen Lilien, drei, an den Seiten und in der Mitte;

dazwischen die schmaleren, goldenen Streifen waren sechs oder sieben

fußhohe Stufen mit goldenen Geländern. Darauf kämen viele holde

Jungfrauen zu stehn, erklärte Bogner, der plötzlich wieder da war und

ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen sah sie die obere Plattform;

zwei schwarze, überlebensgroße Reiher standen da links und rechts, die

scharfen langen Schnäbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte ein

goldner Sessel ohne Rückenlehne vor einer ganz goldnen Wand von drei

grünspangrünen gotischen Bögen, die blendend glitzerte, mit gehämmertem

Goldblech belegt. Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? -- Er hatte

scheinbar Wert darauf gelegt, daß alles an diesem Wagen echt sein

sollte. Ganz verwirrt ließ sie sich zwischen den Reihern nieder, aber

nur um jählings zusammenzuschrecken von dem unverhofft schwindelnden

Niedersturz ihres Blickes aus dieser Höhe. Sie mußte sich halten und

sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten Mädchen, Kränze

im Haar und lange Lilienstengel in den Händen, unten der Erzbischof war

klein geworden, klein sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier

stand vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt, an

langen, dünnen Goldketten den Rüsselungetümen vorgespannt. Aber kühn

geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe schweifte ihr Blick über den

wogenden Strom der Straße, wegschnellend über Bannerwälder in die Täler

der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer tief hinunter, zu

kleinen Gesichtern, Händen, Schwertern und Blumen, hundert

durchschatteten, flimmernden, beweglichen, hundertfach wechselnden und

sich verändernden Farben, und jählings durch ein riesenhaft

erschreckendes, in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen und

Gebausche von Fahnen über Fahnen hoch hinauf in den Himmel rechts,

anprallend, zurück und um taumelnd vor einer gigantischen, still im Azur

hangenden, smaragdgrünen Raupe, von deren Bauchseite lange blauweiße

Fahnentücher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen, zum Lachen

schön und gelassen und deutlich mit jeder Schattenregung auf einem der

Farbenstreifen, -- und schon -- weit in die Ferne davongeschossen,

kreiste ihr Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe,

schneeweiß blitzend, unterwärts behangen mit langen Purpurtüchern, und

schließlich verging ihr das Schauen an einer flimmernden goldenen

Riesenkugel hoch über dem Dächermeer der Stadt.

Gottseidank, da lächelte und nickte Ulrikas Gesicht aus dem Schwarm der

Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren Füßen kniete ja Bogner, mit den

violetten Falten ihres Kleiderrocks beschäftigt, die er -- ganz mit den

Bewegungen eines gefälligen Ladeninhabers -- um ihre Füße die Stufen

hinunter in gebrochene Wellen fallen ließ. Blutrotbeinig und

schwarzbewamst -- Bogner war doch sehr vertraueneinflößend, und

obendrein wand sich auch jetzt mit vieler Mühe ein schwarz Geharnischter

durch die kreischenden und sich windenden Mädchen, unter dessen Topfhelm

das graue und heiße Gesicht des Erasmus sichtbar wurde, ungemein passend

zu diesem Rahmen von Helm und stahlmaschigem Halskragen, der fest das

Kinn umschloß. Nun war er oben, lachte vergnügt, indem er Renate die

Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren Füßen links auf die

oberste, frei gebliebene Stufe. -- Bogner ordnete noch ihre blauen

Mantelfalten, daß der Goldstoff seines Futters und ihrer Überärmel

sichtbar wurde, turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich

auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein Henkerbeil, das

auf dem roten Mantel lag, so daß seine Beine herunter hingen. Im selben

Augenblick fühlte auch Renate schon, daß sie sich bewegte. Die

Elefantenbeine in der Tiefe schritten; eifrig, vornübergebogen mit

stählernen Schenkeln zog das weiße Pferd an, und unaufhörlich im Auf und

Nieder zeigte sich und verschwand das lange Horn.

Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rädern fühlte Renate sich hinbewegt

in der Höhe des ersten Stockwerks an den Häusern vorüber. Sie freute

sich, alle Furcht war verflogen, sie lächelte heiter und gelassen, als

nun wieder der Jubel, unten überm Pflaster und die langen Reihen der

Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem Nahen, immer neue,

weiter wallende, voraufeilende Bewegung, geschwungene Hüte und Tücher,

winkende Hände, hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend

staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und zurufende

Gesichter, Augen und schallende Münder, so viele immerhin, daß die

Häßlichkeit nicht eines einzigen sich gewahren ließ, wenn es sie gab. Zu

ihren Füßen Ritter, Bischof und Henker, die Träger ihrer Macht, gezogen

von Fabel- und Legendengetier, -- es war eine sonderbare Wanderschaft

durch die Stadt. Sie hatte nie dergleichen geträumt, aber wie töricht

war es auch, zu erschrecken! sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu

ertragen, war das einzig Mögliche, das Nötige mit Anmut zu leisten. Wie

war sie nur dahineingeraten? -- Sie konnte sich im Augenblick nicht

besinnen, jedoch wurde nach einer Zeit das Gesicht des Herzogs hinter

diesen transparenten bunten Wänden sichtbar, sie nickte ihm zu und

sagte: Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst du denn dazu?

-- Ein großer Mummenschanz, Renate, hörte sie ihn gutmütig murren.

Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn Meter lang gewiß,

die der Kerl da auf dem Schornstein schwenkte. Da bog der Wagen um die

Ecke, langsam, langsam in eine breitere Straße hinein, die nun

unabsehbar vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von

Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, überschäumend in Blumengirlanden,

Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen, Fahnen, schlagenden, Schatten groß

niederwerfenden, brandend aufwärts, klatschend und spritzend die steilen

Ufer empor, über Gesichter und Gelächter in die Fenster, in die Zimmer

hinein und wieder hinausgeschüttet mit vollen Händen: es regnete Blumen.

Renate fühlte ihren Aufschlag auf Kopf und Schultern und Schoß, um sie

her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen Sträußen,

einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen, ununterbrochen kreuzten sich in

der Luft vor ihr von beiden Seiten die Sturzbögen des bunten Regens, die

Mädchen schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und nach unten,

Erasmus -- da hatte er den ganzen Helm voll gesammelt im Arm und schien

begeistert und schleuderte Blumensträuße, wohin sichs schleudern ließ,

mit ungeheurem Eifer. Unübersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe,

ohrbetäubend scholl das Gebrause, Toben und Gelächter, in Lüften

tauchten auf und schwebten vorüber andre Ungetüme, Lindwurme mit

beweglichem, feuerzüngigem Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen,

aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden schneeweißen

Luftschiffes regneten blitzende Schauer grünweißer Fähnlein, ein

feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber mit blauen Ringen, ein

flammendblauer, schlugen herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in

schwingenden Bögen durcheinander und hoch davon, wieder rollte zu

Renates Füßen der Strom, der tausendstimmige, und wieder, in seiner

Einsamkeit immer wieder fremd und ganz Legende, erschien das weiße,

gehörnte Tier, ein kleiner Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit

einem Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles sich

fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer voll Eifer in

seiner Arbeit, als schleppe es die sechs rüsselschwingenden Riesentiere

auch, die ihm großmütig nachschritten. Da warf jemand von einem

Eckbalkon einen ganzen Schwarm weißer Tauben in die Luft, daß es überall

von geschwungenen Flügeln blitzte; eine, zwei, dreie strichen, laut

flatternd, dicht über und vor Renate dahin; sie hielten Blumen in den

roten Krallen. Ach, da unten saß ja dieser geduldige Bogner auf dem

Wagenrand! Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der linken Hand, zog

mit der rechten das Fell sorgsam in Streifen nach unten und biß hinein

mit Behagen, während er schon mit der freigewordnen Hand nach

einer neuen griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den

auseinandergeschlagenen Falten seines roten Mantels.

Welch süßer Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen von Frische umstäubte

mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht? Ah, diese Reiher! Da stießen sie in

Pausen haardünne Silberstrahlen aus den Pfeilschnäbeln in die Lüfte, wo

sie zerstäubend Kühle und Erquickung nach unten regneten. Dieser Georg

hatte an alles gedacht. Aber wo war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu

machen, war doch sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und

nun tat sich der Boden vor ihren Füßen auf, eine Klappe schlug hoch, und

herauf stiegen schwarze Gugelkappe, schwarze Schultern und Arme, die

Josef, Renate den Rücken wendend, zu beschwörender Gebärde über die

Tiefe ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate, lachend

und entrüstet mehr als erschreckt, raffte ihr Kleid und stieß ihm die

Fußspitze zwischen die Schultern. Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie

sich rechtzeitig, gewahrte freilich mit einem Seitenblick, daß Erasmus

weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt und

vertieft war, daß er von dem Auftauchen seines Bruders nichts merkte.

Ob das auch zum Programm gehöre, fragte Renate leise, sich vorbeugend,

da Josef sich langsam zu ihr umdrehte.

»Nicht eigentlich,« hörte sie ihn raunen durch das Getose, »ich sitze

unten bei dem Mechaniker und der Musik und wollte mich nur überzeugen,

ob die Reiher ordentlich arbeiteten.«

»Musik?« fragte Renate erstaunt.

»Ja, hast du sie nicht gehört? Gieb acht, sie fangen gleich wieder an!«

Die ganze Luft war zum Bersten und Reißen gefüllt mit Musik, Fanfaren,

Märschen, Glocken und dem menschlichen Gelärme dazu, aber jetzt

plötzlich prasselte, rasselte und stampfte aus der geöffneten Klappe ein

seltsam barbarisches Getöse von gestopften Hörnern, Fagotten, Becken und

Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das schwarze Zeug, aber Renate

konnte nichts mehr verstehn. Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam

in die Tiefe, die Klappe fiel, gedämpfter scholl die Janitscharenmusik

und verging im übrigen Brausen.

Jetzt, da sie erst des Getöses bewußt geworden war, ermüdete Renate

schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre Augen ebenso. Neue

Taubenschwärme, neue Luftungeheuer, rosige und schwarze Fische mit

ungeheuren, schleierartigen Schwänzen und Flossen, neue Riesenraupen,

Paradiesvögel, Böllerschüsse, Kanonenschläge, Glocken, Schreie

vernichteten allmählich alle Empfindungen, sie saß kalt und matt,

aufatmend, da am Ende der verengten Gasse der Marktplatz sichtbar wurde

und die blumenbunte gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen

vor der Treppe, allein; der übrige Zug war abgeschwenkt, um von andrer

Seite her vorbeizuziehn.

Irgendwie nach unten gelangt, fühlte Renate mit schwachen Beinen das

Pflaster unter den Füßen, als sei sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt

schwankend auf festem Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur

Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie saß in einem Sofa, vor

ihren Augen kreiste es und zuckte, ein Glas berührte ihre Lippen, sie

sah aufblickend Ulrikas gute, besorgte Züge, trank und schmeckte kühle

Limonade von Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas in

der Hand und zu Tode erschöpft, auch den Spielleiter sah sie und sagte

ihm ein paar Worte, da er nach ihrem Befinden zu fragen schien. Sie

hatte sich nun wieder und war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun

fehlte die königliche Hoheit. Der Darsteller des bäurischen Herzogs

erschien in großem Krönungsornat, bereit für Georg einzutreten, wenn er

ausblieb. Sie warteten.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 21 / 240 题