Zelt

Stühle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des zweiten Kleides

bedeckt, die Zofe drängte, Renate ließ sich entkleiden, setzte sich in

Unterrock und Leibchen vor den Spiegeltisch und sah über sich Ulrikas

Gesicht im Glas, etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst,

während ihre Hände das Perlennetz behutsam aus dem Haar lösten.

»Du siehst so dunkel aus«, sagte Renate in den Spiegel. Ulrika

antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als die Zofe sich entfernt von

ihnen beschäftigte, sagte sie halblaut: »_Mio marito e ritornato._«

»So ...« Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate mochte nicht gern vor

einer Dienerin in fremder Sprache reden und fragte erst nach einer

Weile: »Anderthalb Jahr war er fort?«

Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen, sei nun in

Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald zum Admiralstab nach

Berlin ... Weiter ließ sich zur Zeit wohl nichts sagen.

Nun war auch das Haar zu kämmen und zu bürsten, die Zöpfe mit Perlen und

Goldbändern neu zu flechten, dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit

weißem Flor unter dem Kinn zu befestigen. -- Renate stand auf.

Die Zofe kam, auf den Armen den mächtigen Bausch des dunkelvioletten

Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend, fragte leise: »Was soll denn nun

werden?«

Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf, faßte in die Falten des

Kleides und zog sie nach unten, während die Zofe sie oben über Renates

Kopf und Schultern auf die Hüften senkte. Dann fuhr sie in die

schilfgrüne, engärmelige Tunika mit goldenen Säumen und Stickerei;

Ulrika brachte einen Gürtel aus schwarzen und goldenen Quadraten.

»Den kenne ich ja gar nicht«, sagte Renate verwundert und betrachtete

voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken, die Tiere der

Wendekreise und Figuren aus den Sternen. »Seine Durchlaucht«, gestand

die Zofe lächelnd, »haben ihn mir heute morgen gegeben.« Ulrika sagte

nur: »Ha!« während Renate errötete und sich freute. Das war schön, das

war ein schöner Gedanke, sie heute zu gürten. Sie hakte den Gürtel

wortlos über den Lenden zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer

großen goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen, dann

stand die Zofe da mit den schneeweißgefütterten, goldenen Überärmeln,

riesengroßen Tüten, deren Zipfel, als sie übergezogen waren, bis auf die

Füße hinunterhingen.

»Bin ich schön?« fragte sie, sich vorm Spiegel drehend und

zurücktretend, die händefaltende Ulrika, »ach, es ist eine Lust heute,

schön zu sein! Den Mantel nachher,« sagte sie und mußte plötzlich zum

Türvorhang eilen, im Gefühl, jemand stehe draußen. Die Falte hebend, sah

sie wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach ihm, erfaßte

die seine und sagte leise: »Komm herein, Georges, ich bin so froh, daß

du --«

Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin und her. »Wir

befinden uns in einem Irrtum«, sagte eine nicht völlig unbekannte

Stimme; er lüpfte die Kappe über der Achsel; im Dunkel, dort wo das

Gesicht war, wurde etwas häßliches Rotes sichtbar.

»Josef!« stieß sie halblaut hervor, erschreckt. Er ließ die Kappe wieder

fallen und nickte. Sie sah jetzt durch die Schlitze dunkel den Schein

seiner Augen, dazu auch seine Größe, da er Georges doch um einen Kopf

überragte. Sie ließ seine Hand fallen.

»Komm herein«, sagte sie und trat zurück. Er folgte.

Für Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von wünschenden,

hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte Renate in den großen Raum

hinein, bemerkte einen Karton, an dem die Jungfer packte, und bat sie,

einen Augenblick ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurück, sah den

schwarzen Josef still an der Tür stehn, drehte sich um, stand und sagte

kurz zu Ulrika hinüber: »Es ist mein Vetter Josef.«

Ulrika grüßte freundlich und murmelte etwas. -- Renate vergrub die

Unterarme in die Ärmelfalten, dachte schwirrend deutlicher an den

Herzog, an ihren Onkel, warf den Kopf in den Nacken und sagte: »Ich habe

damals nicht gewollt, daß du meinetwegen zum Vater gingest. Sagtest du

nicht, daß du gehen würdest?« Die schwarze Kappenspitze bewegte sich

bejahend. »Heute muß ich wünschen, daß du um meinetwillen gehst, meine

Gedanken verkehren sich, ich weiß nicht mehr, was Recht und was Unrecht

ist.«

»Wie unverständlich«, hörte sie Josef sagen. »Wenn du dir von meinem

Kommen etwas versprichst für deinen Onkel, so dürfte es wohl gleich

sein, aus welchem Grunde ich komme.«

»Ich wußte es längst,« murmelte Renate unwillig, »ich fühlte es.«

»Wir sind es immer,« hörte sie Josefs kühle Stimme sagen, »die alle

fremde Angelegenheit durch unsre eigenen entstellen. Immer müßt ihr

selber zwischen euch stehn und den Dingen.«

»Du sprichst gegen dich selbst, Josef?«

»Ich sehe, was kommt,« versetzte er ruhig, »und außerdem äußere ich eine

Meinung, weiter nichts. Wenn jemand imstande ist, von sich selber

abzusehn, so bin ich derjenige, -- du weißt.«

Renate mußte da lächeln, heftete die Augen fest auf ihn und sagte: »Seit

heute morgen bin ich die Verlobte des Herzogs.« Ihre Augen glitten zu

Ulrika, die überrascht und heiter den Kopf zurückbewegte. Josef regte

sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate etwas vernahm,

das halb ein Pfeifen war, halb ein Seufzer, schwer, und doch wieder --

erleichtert. Dann hörte sie ihn sagen:

»Ich gratuliere. Ziemlicheres ließ sich kaum erdenken. -- Er ist ein

Mann,« setzte er großmütig hinzu, kam zu Renate, sie ließ ihm die rechte

Hand, er ergriff und küßte sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie

schweigend und mit Innigkeit.

»Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das Haus nicht, eh dein

Vater dich gesehn hat.« Er neigte den Kopf.

»Dann fort!« rief Renate, »auf dem Festwagen wird Platz für dich sein.«

Sie lief zur Tür, winkte der Zofe, die herlaufend rief, Herr Bogner

ließe sagen, das Automobil stünde am andern Ende der Burg. -- Sie

verließen das Zelt.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 18 / 240 题