Theater

Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden, tastete nach Ulrikas

Hand und faßte sie. »Was war dir denn?« hörte sie Ulrika fragen, »du

weintest.« Jetzt entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie

wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste Gesicht, ein

wenig entfremdet von der großen, dunkelroten Krone von Haar, die mit

grünen Bändern durchflochten einem maurischen Turban ähnlich war, und

sammelte ihre Gedanken. »Laß dich anschaun,« sagte sie, »wie köstlich du

aussiehst!«

Ulrika ließ sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten und befühlen

in ihrem großen, grünen Mantel, dessen weißseiden gefütterte Falten sie

im linken Arm trug, die goldene engärmlige Tunika darunter, und den

weiten, mattlila Kleidrock. »War es denn nicht schön?« fragte sie,

wieder besorgten Gesichts, »ich meine, -- weil du weintest ...«

»Habe ich geweint?« fragte Renate erstaunt. »Richtig, Georg war ja da,

-- wo ist er denn geblieben? -- Ja, es war schön, aber -- es war

schauerlich -- oh!« sie zog die Schultern zusammen. »Ich bin völlig zu

Eis geworden, weißt du.« Sie lachte. »Nun, und das hat halt schmelzen

müssen. Du weißt doch, Herz, man weint nie, wenn etwas grausig ist oder

so, sondern wenn man sich nicht anders zu helfen weiß.«

Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurück, fand jedoch

wenig und sah nun nahe vor sich den Schimmel, dem eben Decken und Sattel

abgenommen wurden, auch das Kopfzeug.

»Mein Gott, sieh doch nur, wie schön sie ist!« rief Ulrika entzückt, als

die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit ihrer edlen Glieder,

gedrungen, doch nicht plump, zierlich die Hufe voreinander wie eine

Tänzerin, breit von Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark

verjüngten Halses, mit dem starken Wirbelhaar über der Stirn, schnobernd

mit den Nüstern, daß leises Wiehern quoll.

»Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus deinen warmen

Decken«, sagte Renate, zu ihr gehend, um ihr den Hals zu liebkosen.

»Ohne Furcht und Tadel bist du wie ich,« murmelte sie dabei, »was wird

aus uns werden?«

Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, kamen, legten

der Stute eine Trense in weißem Halfter an, in deren Ringen dünne und

viele Ellen lange, rote Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf

schönen, goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden.

»Bitte, wollen Sie nun --« hörte Renate den Schauspieler sagen. Sie

griff in den Halfter und führte die Stute einige Schritte gegen den

leeren Damm vor, besann sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich

unsicher: »Ja, nun mußt du laufen!«

Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der Zunge, hinten

knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, trat drei Schritte vor,

blickte sich erschreckt und verwundert mit klugen Augen um, wieder

knallte die Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte

sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte sie ab,

flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter jagten bergunter nach,

aber schon schienen die Riemen sich erstaunlich zu verlängern, und

schon, gedankenschnell, war der weiße Ball durch die leere Hälfte der

Arena geschnellt, auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen

Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, war sie die breite Gasse

hinab und draußen im Dunste der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit

zurück, leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. --

Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter. Sie wandte sich

zu Ulrika, die lachend meinte, sie sei neugierig, ob der gute Schimmel

richtig von selber zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde

warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah wieder weiße

Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über den fernen Erdrand

heraufklimmen.

»Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter reiten mußte,«

sagte sie tief in Gedanken, »oder vielmehr --, da hörte etwas auf.

Kannst du dir diese Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich

der riesigen Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? Ich weiß

nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen wurden unermeßlich weit,

aber ich sah trotzdem nichts als den Himmel und diese gewaltigen, weißen

Wolken, und wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen sie

aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach -- --, sehen konnten sie,

wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber es galt doch mir, und das

gab einen Sturm, der mich leer ausfegte und mit Eis, -- ja mit Eis

anfüllte. Ich mußte mich zusammenraffen -- furchtbar!« Sie lächelte und

fuhr eifrig fort. »Da konnt ich denn freilich merken, -- das heißt,

weißt du, ich merke es erst jetzt, -- wie wenig ich in Wirklichkeit

allein gewesen bin, denn es sind doch immer Gedanken dagewesen,

Erinnerungen und immer doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche

auf dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz gewesen sein. Und

erst unten, weißt du, -- ja, was lachst du denn?«

»Ich lache, weißt du,« sagte Ulrika, »weil du, weißt du, immer weißt du

sagst!«

»Sage ich das? Ja, weißt -- nein wirklich! -- aber da kannst du sehn,

wie ich durcheinander geraten bin. Nein, der Jubel unten, sie rasten,

und nun wußte ich doch auch, daß sie mich wirklich sahen --«

»Ha,« unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, »das hast du doch gemerkt!«

»Ich habe es gefühlt, du Närrchen,« sagte Renate lachend, »aber ich weiß

es erst jetzt!«

»Ist das ein Unterschied bei dir?« fragte Ulrika verwundert. Renate sah

sie an. »Ja, bei dir etwa nicht?«

Ulrika schien innerlich zu kämpfen. »Du magst recht haben,« gestand sie

endlich, »aber -- wenn es so ist -- dann --«

»Ist es unsre ganze Macht«, funkelte Renate. »Nein, weißt du, sie rissen

mich in Stücke mit ihrem Lärm.«

»Und das war das Grausige?«

Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die Achseln. »Das

Schöne«, sagte sie leise. »Es war nur noch Brausen, ich war wie -- weit

fort, und doch war ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das

einmal erlebt zu haben, -- ein zweites Mal ...« Sie schauerte.

»Und den Festzug hast du noch vor dir«, neckte Ulrika.

Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn:

Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge,

Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ...

Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen gewesen? --

Nein, und -- nein, das verschmolzen bezog der Dichter ja nicht auf den

Dargestellten, sondern auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie

sich recht erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden?

Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr. Aber das war nun so ihre

Art ... Die Augen öffnend, rief sie: »Sieh nur, was kommt da?«

Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen der dunklen und

blitzenden Harnischleute kam von jenseit ein großes, braunrotes Pferd

dahergebraust; sein Reiter schien sehr klein, -- ah, es war der

Botschafterjunge! In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes wie eine

Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran, der Gaul bockte am Damm, kam

aber dann in großen, heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe,

nacktbeinig in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein

mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen, -- jedoch in

der Tiefe ward jetzt wieder das weiße Pferd sichtbar, das unter einem

Reiter leicht zwischen den Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse

der Edelleute. -- Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im vollen

Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, fiel aber geschickt

und anmutig auf seine Knie vor Renate, die Arme ausbreitend, den Kopf im

Nacken, offnen Mundes minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht,

das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken. Endlich konnte

er mit heller Stimme rufen: »Sie kommen! Der König kommt! Es lebe

Heliodora!«

»Herzog muß es heißen,« flüsterte Renate lachend, über sein beflammtes

Gesicht huschte leichter Schreck, dann lächelte er und fuhr richtig

fort:

»Am eisernen Tische fand dein weißes Roß

Den Auserwählten, doch es war kein Schild;

Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste

Sein karges Brot!«

Renate, hinter sich das erstaunte Bühnengemurmel ihres Hofes, sagte:

»Da, komm, mein braver Junge!« und, den süßen Botenlohn ihrer Jamben

verschluckend, hob sie den Jungen kräftig von der Erde auf, drückte ihn

-- er war klein wie ein zehnjähriger -- an die Brust und küßte ihn fest

auf den Mund. Der Junge schloß die Augen, hing einen Augenblick still,

riß sich erschrocken los, machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als

ob er sich den Mund wischen wollte, schüttelte sich plötzlich und

sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit der Umgebung

fröhlich nach.

Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt, der

Schauspieler im weißen Bauernhemd und blauen, riemenumwundenen

Strümpfen, nicht ungeschickt auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah

sich staunend um. -- Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares!

-- Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitläufig an Georg,

aber die tönende Stimme, mit der er nun sein: »Wo bin ich? Welch ein

Traum umfängt mich denn?« hervorsang, enttäuschte Renate. Sie erklärte

mit natürlichem Hochmut:

»Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und wie es scheint,

sollst du mein Gatte sein!«

Über ihre eigne Nichtachtung lächelnd, froh, daß eine Schauspielerin im

nächsten Akt Heliodoras Zähmung darzustellen habe, fuhr sie fort: woher

er komme, wer er sei. -- Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom

Pferde, es wurde fortgeführt, er sank aufs Knie, flüsterte: »Sakrament,

Sakrament, Fräulein, wie schön sind Sie!« und ließ die Jamben des

Stadtpoeten rollen:

»Wie leicht ist Fragen, -- Antwort, ach, wie schwer!

Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war!

Kaum weiß ich dies; verzaubert bin ich wohl,

Ein Roß, ein holdes Weib ...«

Renate überhörte den folgenden Schwall, nahm beim Nahen ihres

Stichwortes den Mantel von der Achsel, schleuderte ihn über eine

Schulter des Knieenden, indem sie dachte: Handeln ist besser als Reden!

und herrschte ihn kühl an:

»Ich erkenne -- Den Spruch des Schicksals an. Da ist mein Mantel. --

Zeichen der Würde, weiter nichts. Ich selbst -- Bleibe mein eigen, hörst

du wohl --« Sie endete, plötzlich selbst erregt: »Mein eigen!«

Das Übrige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um, sah Ulrika

dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um ihre Schulter legend,

lächelnd: »Das Stück ist aus, -- nun wollen wir zu Georges, der Bauer

machte Augen wie ein Dorsch!« worauf sie, zierlich und hochmütig

angelehnt, wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse ihres

Hofstaats in den Wald hineinging.

»Verstehst du denn die Menschen?« fragte sie, stehen bleibend, und

drückte die Handflächen lachend gegen die Wangen. »Du weißt doch, was

für einen Kampf es gegeben hat, bis die Schauspielerin zugab, daß ich

ihr diese paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich den Ritt

aufführen zu sehn, -- ja, wo ist er denn nur geblieben?«

Ulrika bückte sich zu einem Grashalm am bemoosten Wegrand, riß ihn aus

und sagte nachdenklich im Weitergehn:

»Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt _habe_, wenn ich fertig bin und

die Leute klatschen, und ich gehe hinaus und komme wieder, sooft man

mich hineinschiebt, -- das ist -- Lärm, davon verstehe ich nichts. Aber

vorher -- -- die Erwartung, und das Gefühl: zu können, Macht zu haben,

und -- das Zurechtrücken im Stuhl, und das Präludieren ... ja, es ist

sonderbar und ist doch so: besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich

mit dir oder sonst jemand im Zimmer allein bin, -- aber anders spiele

ich, ganz anders, und sie Alle spielen mit ...«

Renate vergaß, etwas zu antworten, denn sie waren im Burghof; die beiden

Ankleidezelte waren da, aus dem einen spähte eine Frau mit nackten

Armen, eine andre ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn.

»Eins,« hörte sie Ulrika sagen, »du hast es leider nicht gesehn, das war

köstlich. Der Junge, den du geküßt hast, -- ich sah ihn nachher unter

dem Gedränge stehn, versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin,

und auf einmal zog er ihn zurück, sah seine Hand an, und dann legte er

sie auf den Mund, -- so --« Ulrika machte es vor, den Kopf in den Nacken

legend, als schütte sie Beeren in den Mund. -- »Danach nahm er die Hand

wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wäre, deckte die Hand

drüber, ganz vorsichtig, und schlich sacht damit fort.«

Renate begriff noch nicht recht. »Ach, er konnte meinen Kuß nicht im

Mund behalten?« sagte sie lachend. »Ja, wie alt war der Junge denn?«

»Dreizehn,« versetzte Ulrika, »er sieht viel jünger aus, weil er so

klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben, er ist sein kleiner

Schüler, und Bogner sagt, er könnte jetzt schon mehr als er.«

»Ja, so ist Bogner«, lachte Renate, den Vorhang hebend.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 17 / 240 题