Ausschau

In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Süden, Westen und Norden

hin, nicht zu ermessen mit Augen, lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen

geschoben, hineingefügt azurblaue Seen und das silberne Geschlängel des

Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem Golde, grüne

Flächen, gelbe, und bräunliches Gehügel der sich rötenden Haide,

lagernde Bergrücken in den Fernen unter grauen Dünsten. Unten aber, zu

Füßen seines Hügels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit ringsum,

sah er die grüne Ellipse der Arena ruhen, völlig leer, im farbenreichen

Kranze der Tribünen und Zuschauerringe, und bemerkte nun auch ihre

Riesigkeit, denn von hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und

Gemenge von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die vielen großen

Banner, an Stellen zu schattigen Wäldern gesammelt, knatternd und

schlagend über den glänzenden Tribünendächern, schienen wie

Taschentücher klein. Ringsum in dem bunten Kranze lief ein

ununterbrochenes Glitzern, Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen

Metallspitzen und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich rundum,

viele rote Tupfen flammten auf einmal an jener Stelle hervor, plötzlich

war alles weiß gesprenkelt, und immer wieder strahlten das Blau, das

Weiß und das Grün der Landesfarben hervor, -- keine schöneren kann es

geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grün der Natur und das schöne

menschliche Weiß. -- Er entdeckte nun auch den zum Walde den Hügel

hinansteigenden Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den größten

Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei unterscheiden:

Strohhüte, rote Hemden, weiße, gelbe, das Rosige von Händen und

Gesichtern, und er sah Männer und Frauen, Mädchen und Kinder, hörte ihr

leises Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablässig

bewegten, drehten, gingen und setzten und über die Schranken vorbeugten.

-- Unsichtbar blieb ihm das obere Ende des Damms hinter dem Vorsprung

des Waldrandes, er trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich

wie manchmal im Traum, daß die Hufe in einer tiefen Furche am Rand eines

stillen, wehenden Haferfeldes entlang schritten. -- Noch einmal ließ er

die Augen ins Weite schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten

groß unter der bläulichen Kuppel in der Sonne, stürzten herab aus Lüften

mit Getön und rissen nun jählings mit Zauberkraft zu sich herauf das

Unerkennbare: die Schwärme von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen,

Halsausschnitte in violettem Samt, in weißer Seide der Frauentrachten,

die schönen, geschatteten Falten ihrer Mäntel, die sie im Arme trugen,

und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich bogen, im Stuhl sich

drehend, nach oben sprachen zu Männergesichtern, die sich neigten, --

und er schnellte ab und warf sich über den breiten Bannerschwarm hin wie

über einen faltig rauschenden See, -- und siehe, etwas noch Ungesehenes

war da, nämlich ein dunkel herwandernder Strom von Geharnischten, der

aus der Ebene kam und jenseits in die Arena mündete, tausendfach

überhüpft vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbügel und den winzigen

Segeln der weißroten Dreieckfähnlein. Tausend Pferdeköpfe bewegten sich

nickend, die Gesichter der Männer glühten in Staub und Schweiß, -- alles

sah Georg, die linken Fäuste über der Vorderlehne des Eisensattels, aus

denen die vier Zügelriemen flossen, sah die Beine in Stahlmaschen, die

ledernen Bügelschuh der Lanzen und unten im Schatten das wirre

Durcheinander der braunen und weißfüßigen Pferdebeine. Die ganze

Beuglenburgische Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte Georg

im Traum, Dragoner und Jäger zu Pferd, oder der einziehende

Beuglenburgische Heerbann.

Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die Fanfare, Georg sah

und erblickte undeutlich, hinter einer langen Reihe dunkelgrauer

Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln: Waldinneres, wie ein Bild,

angefüllt mit Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben,

ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinäle oder Äbte auf

Maultieren. Die Reihe der Berittenen setzte sich eben langsam talwärts

in Bewegung, alsbald begannen sie zu traben, zwanzig grünweiße Fähnlein

senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd den

Damm hinunter, verteilten sich unten, schwärmten, entfalteten sich durch

den ganzen Durchmesser der Arena und hielten auf einen Ruck in langer,

loser Reihe. --

Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt -- wo war Renate? -- Im

Grün des Waldes und der Menge sah er ein braunes, südliches Gesicht auf

dem Grund eines weißen Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei

Reihen von Herolden in Weiß und Grün, an den hochaufgesetzten Trompeten

viereckige Standarten von dunkelblauer Seide mit silbernen Fransen. Die

Klänge prasselten lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter

den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar, -- ah, die

Geistlichkeit, Mönche, Äbte, Kardinäle, -- und schon löste es sich vorn

heraus, in grandiosem Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers,

vorsichtig schreitend unterm großen grünen Behang mit goldenen Wappen

und Verzierungen, auf dem Rücken einen schwankenden Turm von Weiß und

Gold: der Erzbischof, ein faltig rosiges, mächtiges Gesicht, Kinn und

starke braune Augen unter der goldenen und weißen, mittwärts gespaltenen

Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der Klerus, eine erlauchte

Schar von hundert Berittenen, Mönche in weißen Chorhemden mit

handbreiten goldenen Säumen, alles glitzerte von Gold und weißer

Leinwand, da waren scharlachne Pelerinen und Hüte, Kasulen und Stolen

funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett loderte dazwischen,

Decken von weißem Samt, von Wiesengrün, ein riesiges gelbes Banner mit

schwarzen Greifen entfaltete sich, zeigte sich groß und schloß sich

zufrieden, und alles umrahmten, umwallten und trugen die langen

Schlangenbänder der blauweißgrünen Fahnen. Es schwankte zu Tal.

Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte, sein Herz tobte

nach ihr, wieder war da eine schwarze Mauer Geharnischter, zwanzig

Rappen bewegten sich und stiegen Schritt vor Schritt bergab, -- da --

ach, da war sie, da hielt sie ja, ein wenig blaß, er sah es deutlich,

mitten im Halbkreis ihres waldumdämmerten Hofstaats, der Ritter,

Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen Pferd, jetzt weit umwallt

von dunkelroten Mantelfalten. Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe

entwogte der glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mußte den Kopf senken

und seine zitternden Hände sehn, eiskalt vom Kopf zu den Füßen. Er sah

auf, -- das silberne Pferd bewegte sich und schritt vor, langsam,

beseelt von seiner Einsamkeit und sehr stolz; es tänzelte leicht

seitwärts, Georg sah Renates Körper sacht nach vorn rucken bei jedem

Schritt des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, -- aber jetzt,

unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den Kranz der Menschen

gefahren, ein Brausen, erst dumpf, dann heller brandete herauf, alle

Fahnen wankten, senkten sich und stiegen und stürzten wieder, Wellen um

Wellen von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen Tüchern, Hüten,

Schleiern, Händen jagten sich im Ring, Musikchöre schmetterten hoch auf,

unerschöpflich toste der Jubelsturm, -- unendlich einsam und königlich

trug das kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam,

langsam -- in die Ebene hinunter.

Georg fuhr mit der Hand über die Augen; sie brannten. Er glaubte nicht,

was er sah, fühlte sich nun vom Getümmel des Gefolges aufgenommen und

ritt, sich selber unsichtbar, umhüllt von kostbarer Dunkelheit, tief im

Traum, Renate nach.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 14 / 240 题