Traumspiel

Ja, nun war der Traum vollkommen.

Georg hielt zu Pferde -- weshalb zu Pferde? -- und wie war dies Pferd

vermummt! aber es war Unkas! -- in fremder, grün und weißer Tracht --

warum in fremder Tracht? -- inmitten einer dichten Menge von Frauen und

Männern zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter, neben ihm,

vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie das andre, allesamt

unbeweglich gradeaus eingestellt waren. Es erinnerte seltsam an das

teilnahmslose Beieinandersein der Menschen auf der vorderen Plattform

eines Straßenbahnwagens. Und wie still war es? Was ging hier vor? Wozu

war er, waren all diese versammelt?

Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus Bäumen und

Gebüsch, aus verzauberten Menschen; traumhell brannte Sonnenglut herein,

und alles beschattete sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen

kurzen, mit schwarzem Pelz verbrämten dunkelgrünen Mantel und die runde

Kruppe eines glänzend schwarzen Pferdes, die Wurzel des Schweifs und die

rote Schlinge, aus der er wuchs, den Schweif, -- wie still er hing auf

die starken Pferdehacken; darunter waren die Füße weiß, von den Hufen

stand einer fest auf, etwas einwärts, der andre auf seinem vorderen

Rand, und dies Bein war gewinkelt; am andern Huf glänzte noch ein Streif

der schwarzen Wichse durch den Bezug von Staub. -- Und nun, unten

wandernd mit den Augen, sah er überall dies andre, dies untere Leben,

das für sich war, ganz für sich allein und im Schatten, Pferdebeine und

Hufe überall, große Decken, verändert durch das Dunkel, grün und braun

und gelb leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf

umdunkelt; er sah die still hängenden Falten der Schleppröcke, einen

roten, einen grauen, einen violetten, sah die Linien der Pferdebäuche,

Gurten, an deren Rand das eingeschnürte Fell manchmal zuckte, und die

prallen, runden Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf

bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich stampfend

auf im Gras, -- und dort im winklig verhängten Schattendunkel von

Kleidern und Decken kam eine weiße Frauenhand nach unten, tastete in

grünen Falten, raffte sie, ein farblos dunkler Fuß wurde sichtbar, ein

leer hängender Steigbügel, und der Fuß suchte nach dem Bügel, stieß

daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen, Fuß und Bügel waren

völlig fort. --

Diese Stille! -- Aber sprach nicht jemand, ganz allein?

Georg richtete sich in den Bügeln auf und war plötzlich ganz hoch und im

Freien. Ein paar Gesichter links und rechts drehten sich, blickten nach

ihm. Fern drüben, wie eine Blumenterrasse, war die Tribüne,

menschenvoll, noch eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend

Farben und Gesichter glänzten in der Sonne, schräg gestreift vom

Schatten der Dächer, in dem alles farbloser und dunkel war; darüber

glänzten wie Silber die Dächer; schlaff hingen die Fahnentücher,

unkenntlich.

Unterhalb war der grüne Rasen, ein Trupp lediger Pferde stand dort, alle

Zügelriemen liefen zusammen in die Hände zweier Menschen, die rot und

weiß gestreift waren von oben bis unten, sich anstießen und

unterhielten. Über die fast leere, grüne Fläche schritten Geharnischte

von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den Topfhelm im Arm, etliche

knieten; mit jedem zog im Grase sein kurzer Schatten und machte jede

Bewegung mit, manchmal kaum zu erkennen flüchtig. Diese waren in einer

unverständlichen Handlung begriffen. Einer trat vor und verbeugte sich;

ganz schnell, als müßte er eher fertig sein, tat sein Schatten dasselbe.

Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, -- und sieh -- -- ganz

nahe zur Rechten, erschreckend nahe, über ein paar Reiter hinweg, sah er

einen großen Thronhimmel mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in

seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz entfremdet, nur

ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß in einem Stuhl mit hoher

Rückwand, die Unterarme flach auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas

zurück, stand ein Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen

Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn Schritt in die Wiese

hinein, stand ein andrer Geharnischter und schien zu reden. Jenseit

gewahrte Georg den Erzbischof zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und

goldne Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden Mondsichel

seiner Kirchendiener.

Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber keine Silbe.

Jählings zusammenfahrend, mit den Augen schon wieder im unteren

Schatten, vernahm er Renates Stimme, so hell und klingend, daß er vor

Bestürzung die Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte

ein paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen Tisch und

vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus auf allen Seiten, Bewegung,

alle Arme fuhren empor und winkten, Georg selber schrie und winkte mit

und sagte zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. -- Aber da,

ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau wie im

Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang mit solchen Worten

bekräftigt, die, wenn ich mich im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern

waren. Einmal -- wie war es doch? -- das große Hurra, etwas vom großen

Hurra sagte jemand, und im Traum begriff ich es ...

Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. Also paß auf!

Beuglenburg und Trassenberg konnten sich nicht besiegen und schlossen

auf einer großen Wiese vor Altenrepen ein Bündnis. Aber die

Beuglenburger verlangten, daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte,

denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von der

Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal Erlesenen finden würde,

und von dem eisernen Tisch, an dem er tafele, und das bezogen sie auf

ihre eisernen Schilde, gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor

... Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich bewegte; er

träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit war allzu

traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr müde im Kopf, er schloß die Augen,

öffnete sie nach einer Weile wieder, da es bergan ging; rings war

blendendes Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen ihm

riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte er nicht weit von

sich entfernt, mitten im Gedränge, das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie

blickte vor sich hin, ganz ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie

innerlich verzweifelt: Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal dies

bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist da und sieht mich

doch nicht, ganz wie -- wie -- wer war es denn? -- Renate? -- Nein ...

Dora! Dora Vehm ...

Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte Fetzen auseinander

und zerstreute sich. Georg hielt auf der Plattform der Dammhöhe nahe dem

Walde, ein Geharnischter näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu

wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, er kehrte

um. -- Der Raum ward leer, mitten darin, einsam, hielt Renate.

Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang ab, eilte auf sie

zu, dabei immer müder von Sekunde zu Sekunde, stand unter ihr, streckte

die Hand empor. Da schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab,

unendlich fremd und hoffärtig, -- aber langsam kehrte Blick und Erkennen

zurück, die Starre schmolz, doch waren die Züge noch ohne Bewegung, als

sie das rechte Knie über das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg

anzurühren.

Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen das Pferd gelehnt,

wankte dann und fiel gegen Georg. Er glaubte, vor Müde und Seligkeit

umzusinken, hielt ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die

rotbekleideten Schultern, dicht unter sich die großen Perlen des

Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete seinen Duft und merkte,

daß sie weinte. Ihre Schultern zuckten, sie schluchzte mehrere Male

heftig auf, den Kopf auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die

verschleierten Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr,

über Georgs Schulter hinweg gerichtet.

»Was ist denn?« flüsterte er, sah sich um und starrte schaudernd: da,

neben einem weißgolden flimmernden Mönchshaufen, stand einer der

schwarzen Gugelmänner aus seinem Traum. -- Ach, Unfug! schnob er

innerlich, das ist ja Zuf-- und sah im selben Augenblick, daß Renates

Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz.

»Es ist ja ...« murmelte sie, denn der Schwarze erhob eben die flache

Hand und winkte.

»Wer?« fragte Georg; er hatte nicht verstanden.

»Saint-Georges«, wiederholte Renate, völlig wach. »Ach, bitte, Georg --

-- ja, wie stehn wir denn da?« fragte sie erstaunt und trat ohne

weiteres Befremden zurück. »Bitte,« fuhr sie fort, »gehen Sie hin und

sagen Sie ihm, er möchte -- ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt

im Burghof auf mich warten.«

Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte vor Müdigkeit, suchte

unwillkürlich nach einem Halt und sah den guten, ruhigen Unkas dastehn,

gesenkten Halses, mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er

ging zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch wieder

schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden Gugelmann zu.

»Fräulein von Montfort läßt Sie bitten,« sagte er, »nachher am

Ankleidezelt zu sein, im Burghof.«

Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und fuhr fort, durch die

Augenschlitze gradaus zu spähn, -- denn so schien es. Todmüde wandte

Georg sich um und sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den

Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter sich her,

waldeinwärts, stolpernd mit halbgeschlossenen Augen, und dachte noch

schlaftrunken: So führt ein Blinder den andern. -- Dann zog sich alles

in flimmernde, farbige Kreise auseinander, und mehr wußte er nicht.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 15 / 240 题