Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervögel staunten,
Georg staunte, Renate staunte höchlich. Unkas ging, bis zu den Hufen
vermummt im steifen Umhang dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und
Ornamenten, was aber neben ihm schwebte, das war die silberne
Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweißer Kopf und Nacken
unter breitfallender, gewellter Mähne und starrer Deckenumhang von
silbernem Brokat mit blauen Wappen und Arabesken; ein weißer Gießbach,
ergoß sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten, blauen,
silbergestickten Säumen hoben sich und traten die versilberten Hufe. Die
großen, braunen Augen aber blickten aus vergilbten, faltigen Lidern
fremd und fromm wie die eines Fabeltiers. -- Renate, ganz gerührt,
bedankte sich feierlich bei Georg für diese schöne Erfindung, er aber
lachte und sagte, dies wäre nun noch gar nichts, aber jetzt wüßte sie
wohl, was ihrer noch wartete ... Ferdinands, des Reitknechts, blankes
und schurkisches Gesicht -- wie das aller Reitknechte -- fuhr
dazwischen, er schwang sich vom Pferde, weiß und grün halbiert wie
Georg, doch nicht so schön, und auf der Brust das silberne Wappen in
Metall. Er führte den Schimmel vor, aber nun stürzten sich sämtliche
Wandervögel auf den Steigbügel, einer stand ab nach Kampf, nahte sich
ritterlich Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie ein
kostbares Gefäß aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben, Georg fragte,
ob sichs gut sitze, Renate fand, sie sitze weich wie in einem Heuberg,
und Georg saß selber auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist
dermaßen in Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange;
er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut, es
drängte ungestüm gegen die Schimmelstute, sie stob schnaufend auf und
davon, Georg folgte, Unkas mit voller Armkraft in die Trense nehmend,
aber das half alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den
locker laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstürmend, die
linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak leicht und
galoppierte weiter, aber Georg, Unkas zurückreißend, merkte, daß der die
Trense aus dem Maul genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg
ab, schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder auf und
folgte einem Hauch von Blau und Silber oben auf dem Hügelrücken, den die
Landstraße überstieg.
Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strömte eine breitere
Chaussee heran, über und über bedeckt mit farbiger Bewegung, Kavalkaden
von Edelleuten und Frauen, wandernden Mönchen in schwarzen und weißen
Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten ihrer
breitkrempigen Muschelhüte. Leiterwagen rollten heran, geschmückt mit
Kränzen, unter wallenden Bannern, gefüllt mit schmetternder Musik und
Scharen buntfarbener Männer und Frauen in weiten Mänteln, die sich
blähten; überall wandelten gelbe, weiße, grüne Hemden, grüne, weiße,
rote Strümpfe, bekränzte Mädchen. Stimmen, Zurufe, Scheltworte und
Gelächter schollen, der Himmel flammte mit goldenen, weißen und blauen
Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht wie himmlische
dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen, Felder in breiten gelben
Wogen, Wiesen, kleine, dunkle Haine über Gehöften, -- eine Augenlust
unbeschreiblich. Schon war Georg das silberne Pferd im Getümmel verloren
gegangen, er ließ Unkas die Zügel und stob bergunter, vorbei am
rollenden Strom der Wagen, Rosse und Wandrer, an Geharnischten zur
Seite, die aufrecht Wache hielten; um ihn sauste die Kälte der
durchschnittenen Luft, hinter ihm weg schnellte fortgerissen das
schreiende Bunt gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und
birnengrüner Mäntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd,
schwenkte großartig von rechts nach links an kurzem Fahnenstiel ein
ungeheures, blau-weiß-schräg kariertes Banner mit grüner Bewimpelung an
der unteren Kante, -- dann war die Straße vor ihm leer und weiß, in der
Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen Nähe etwas Blutrotes,
das Georg im Näherfliegen als zwei Beine in blutroten Strumpfhosen
erkannte; auch die linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so
blendende Blitze von Silber schleuderte, das war -- es war ein riesiges
Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewölbter Schneide. Ein Henker.
-- Neben ihm trabte der Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem
Beil auf rotem Mantel über der linken Achsel, im kurzen schwarzen
Büffelwams drehte sich um und zeigte Bogners langes, graues Gesicht.
»Halloh, Bogner!« rief Georg, »machen Sie den Henker?!«
Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick mit hurtigem
Satz seiner langen roten Beine neben Renate auf den Reitweg, und Georg
verstand nicht, was er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und
schallenden Posaunen vierspännig ein ganzer Leiterwagen voll Musikanten
und schwerer Ratsherren, pelzverbrämt und mit blitzenden Amtsketten,
vorbeigerollt, ein zweiter dahinter voll von lustigen Matronen, ein
dritter gefüllt mit Töchtern und Schwiegersöhnen und Bräutigamen bis zum
Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener Hühner, Enten und
Tauben, Becher und Gläser und sangen »Weg mit den Grillen und Sorgen!«
daß es in Georgs Ohren brauste. Vor ihm saß Renate, weich wie auf einem
Stuhl in einem Kahn; auf der silberweißen Kruppe ihres Pferdes saß
Rücken an Rücken mit ihr ein kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun,
der hielt das Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern
und blies mit vollen Backen hinein, daß der luftige Bogen hinter ihr
stand.
»Ist es schön, Renate, ist es schön?« schrie Georg überlaut.
Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten Hand mit dem
Trensenzügel im Nackenwirbelhaar des Pferdes, in der Linken im Schoß die
Enden ihrer Zöpfe und der Bänder, drehte sich um, lächelte und nickte.
Bogner getroffen zu haben, war schön, er erinnerte angenehm an den
Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser Halt in all dem
Lärm und Getriebe, der bunten Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen,
zumal in den letzten, stillen Jahren.
»Seht ihr die Burg?« schrie Georg. »Bogner hat sie ganz neu aus Pappe
gemacht!«
Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die längsterblickten
klobigen grauen Rundtürme, drei, über deren Plattform, weit
ausgebreitet, schwer Falten schlagend, die blauweißgrünen Banner
standen; dazwischen graue Mauern mit mächtigen Streben und breiten
Zinnen, fast so hoch wie die Türme selbst.
Jetzt war eine blauweißgrüne Schranke neben der Landstraße, von zwei
Geharnischten bewacht; dahinter führte ein Feldweg zur Burg, der im
Bergwalde verschwand. Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und
öffnete die Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen
dem hohen Roggen, Georg mußte zurückbleiben.
»Sie sehen so schön aus, Maler,« sagte Renate leise, »es ist schade, daß
Sie sich nicht immer so kleiden können. Haben Sie die Gesichter der
Menschen gesehn, wieviel freier, leichter und schöner sie alle geworden
sind durch die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht
hat, der sieht gleich wie ein König aus oder mindestens wie ein
Minister.«
Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters Freundlich
und gab Renate eifrig recht. -- Es ging bergan, die Sonne glühte schon,
doch nahm jetzt der Wald sie in Kühle und grünes Dunkel seiner schönen
Wölbungen auf; es roch strömend nach Buchenblättern, Brombeeren und den
herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden Pferde rauschten im braunen
Laub, Georg saß, träumerisch bewegt vom Schreiten des Pferdes, im
Schweigen lauter tönenden Herzens, verklärt aufblickend in die laubigen
Baldachine von durchbrochenem Grün und Himmelsblau, hörte im Traum einen
schneeweißen Wasserfall rauschen und murmelte sich trunken zu, das sei
der Schweif von Renates Stute. Ich träume wieder, dachte er, ich träume,
wann werde ich wieder stürzen? Ich werde nicht stürzen, lächelte er, all
dies geht vorüber, der Nachmittag naht Schritt vor Schritt mit dem
Ernst, mit der Last, mit der Sorge, dann werde ich glücklich sein, all
dies gesehn zu haben, und Renate -- Renate --, die Gedanken verließen
ihn, er sah über sich im Wald den Fuß der grauen Mauern und ringsum die
Räume des Waldes bevölkert mit Gestalten, Trupps lediger Pferde,
langhalsig angelnd mit dem Maul nach Gras und Gestrüpp, farbige Menschen
wandelten umher, lagerten in Gruppen beim Frühstück und waren allesamt
unsterblich guter Dinge.
Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom Pferde, sie konnten
keinen Schritt weiter, denn der Hof war vollgepfropft mit essenden
Menschen. Georg sprang ab und versuchte, sich zur Schenke
durchzudrängen, wurde alsbald erkannt, und schon bestürmte ihn vorn und
hinten ein Getümmel der reizendsten Frauen und Mädchen, die ihm
Schinkenbrote, Gläser voll Wein und Backwerk hinhielten und bettelten:
»Von mir, königliche Hoheit, bitte von mir!« oh es war herrlich! So viel
er fassen konnte, teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber,
was der Mund halten konnte, mußte aber mit randvollen Backen bald
versichern, von jetzt ab nähme er nur schon Vorgekautes. Eine Weile
später, umringt, lachend, scherzend, immer ausgelassener, hatte er
dunkel das Gefühl, in einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu
sein, plätschernd in allen Becken, und deren Ränder waren dicht besetzt
mit Schwärmen äußerst bunter, wild durcheinander schwatzender,
flatternder und zwitschernder Papageien, Kolibris und Eisvögel, oder was
es sonst ganz Buntes gab. Diese Vision wurde jählings weggefegt von drei
schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarenstößen, und schon
toste herum die gewaltigste Aufregung; Alles rannte gegeneinander,
bekämpfte sich, rang, umschlang und entwand sich einander. Geschrei,
Gekreisch und Gelächter. Herrgott, wo ist denn bloß mein Mann? -- Mein
Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken ja an meinem Hut fest! Und
eine ungeheure Baßstimme sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee
bezahlen lassen? -- -- Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins Freie
geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde ich Renate? wo ist
Unkas? Unkas stand da, Ferdinand dabei, das gnädige Fräulein, hörte
Georg, wäre schon fortgeritten. Hastig saß er auf, befahl dem
Reitknecht, sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getümmel von
Bäumen und lauter plötzlich Berittenen zu durchspalten, gab es auf und
lenkte den Abhang hinunter und im Bogen auf den Waldrand zu. Die
Buchenzweige zur Seite stemmend, gelangte er ins Freie.
Mein Gott, das war ein Ausblick! Er schoß, ein riesenhafter Fächer, aus
Georgs Augen so gewaltig nach allen Seiten dahin, daß er taumelnd nach
Himmel und Gewölkedunst griff, um sich zu halten, und er schaute ...