Mummenschanz

Georg behielt freilich ihr sonneglänzendes Profil vor Augen, dahinter

die Äcker, Roggenfelder, wogend in reifem Gelb, dahinter den grünen

Traum der Hügel und ein Stück der dunstigen Stadt, Türme grau und

Neubauten, flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt sah er mit

Freude die weiße Straße unter schwer tragenden Kuppeln der Fruchtbäume

weithin betupft mit leuchtenden Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz

vorn heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem zwei

Zinnoberrote glühten, und er berührte Renates Arm, damit sie es auch

sähe.

Dann mußte er aufhorchen. War das wirklich oder nur in seinem Gehirn?

Ein weiter Ring von sanft hallendem, ruhigem Glockengeläut schien ihm

alle Fernen zu umschließen, -- darinnen war tiefe Sommerfülle, -- nein,

es klang wohl doch nur in seinen Ohren, -- aber waren nicht alle Weiten

erfüllt mit heiter schwirrender Musik? -- Ah, Mandolinen und Gitarren,

sie kamen auf der Landstraße heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die

Pferde seien, hörte er Renate fragen, wandte sich und sah mit ihr zur

Rechten hinauf; dort enteilte die Straße leer, von den Schatten der

Obstbäume leicht gegittert, zur Ferne der Landschaft, und dort flackerte

es bunt, rot und gelb. Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein

braunes Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im

Bügelschuh, den Kopf im spitzgewölbten blanken Helmtopf, das Kinn vom

stahlmaschigen Halskragen umschlossen, im grauen Kettenhemde mit

anliegenden Ärmeln, die Beine in ebenso anschließenden, stahlmaschigen

Strümpfen, -- die Vermummung eines Feldgendarmen, der für Ordnung zu

sorgen hatte. Wieder nach links schauend, glaubte Georg in der Ferne,

von der Stadt her, hinter den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes

mit einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes, dann auch

einen Reiter in Weiß und Grün; das waren die Pferde. Er zeigte sie

Renate.

Indem war drüben auf dem Fußsteig unter den Bäumen der Wandrer im

faltigen Zitronenhemd nahe gekommen, ein rüstiger Greis von fünfzig

Jahren in schönen, grünen Strümpfen, am Wanderstabe, einen spitzen

Strohhut auf dem Kopf, hager und braunbärtig. Jetzt blieb er stehn und

starrte, Augen und Mund weit offen, auf Renate. Georg lachte.

»Mit Permission,« sagte der Gelbe, »ob dies wohl die Heliodora ist?«

Georg zog zwei arg verbogene Zigaretten aus dem Wams, schlenderte

frohgelaunt zu dem Staunenden hinüber und reichte ihm eine, seine Frage

bejahend und um Feuer bittend. Der Gelbe bedankte sich höflich, krempte

sein Hemd auf, eine mächtige, manchesterne Hose kam zum Vorschein und

aus ihrer Tasche alsbald eine alte Streichholzschachtel, die der Mann

halb auseinanderzog, um Georg in der Höhlung das brennende Streichholz

zu reichen. Georg bemerkte, als die Zigaretten beide qualmten, es sei

ein schöner Tag.

Jeder Tag, sagte der Gelbe, sonderbar im Stehn beständig die Füße

wechselnd wie ein Tanzmeister, jeder Tag sei schön, an dem der

Christenmensch sich nicht zu schinden brauche. Er blinkte Georg

verschmitzt zu und sagte: »Heliodora, eiweih! die heilige Dora! ha, ha,

ha, ha!« und wechselte die Füße, seinen Stock hinter sich aufstützend.

»Frei Essen und Trinken obendrein«, bemerkte Georg leutselig, aber der

Mann kratzte sich den Kopf unterm Hut, daß er ihm über das halbe Gesicht

rutschte, nahm ihn ab, schwenkte ihn und meinte, was zum Teufel er

morgen mit dem gelben Hemde machen solle.

»Menschenskind,« rief Georg entrüstet, »müßt Ihr denn immer was zu

sorgen haben?«

Der Gelbe grinste. Indem war die schwirrende Saitenmusik nahe gekommen,

Georg sah das bunte Menschenhäuflein, die Zinnoberroten voran,

hermarschieren mit Mandolinen und Lauten im festen Takt eines muntern

Marsches. Wandervögel, dachte er und hörte den Gelben sagen, er wäre

Professor am Orientalischen Seminar, wozu er da ein gelbes Hemd

brauchte? -- Georg fuhr lachend und erschreckt herum, aber der witzige

Professor winkte großartig ab und wanderte fürbaß.

Hinter den Jungens, die ihre Instrumente spielten -- sie waren ähnlich

wie Georg gekleidet, einer in Schwarz und Gelb, einer in Grün, -- kamen

die Mädchen, schön flatternd in Gewändern, Kränze im Haar, eine

schieferblau, eine rostrot, eine grün und weiß gestreift, Arm in Arm

kamen sie daher. Jetzt hoben die Jungens die Instrumente vor der Brust

hoch, vollführten ein betäubendes Saitengerassel und fielen mit Klängen

und Stimmen in das rasche Lied: Horch, was kommt von draußen 'rein? --

Sie sangen aber, kräftig ausschreitend, die Augen stramm auf Renate

geheftet:

»Seht, was steht denn dort am Rain?

Hollahe! hollaho!

Das muß Heliodora sein!

Hollahehaho!

Hel--io--do--ra, lächle mal!« damit kamen sie taktfest vorüber. Georg

wollte sich umdrehn, um Heliodora lächeln zu sehn, wäre aber ums Haar

überritten worden, sprang zurück vor einem feueräugigen roten Roßkopf

und sah darüber das volle, brennend braun und rote Gesicht eines

Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart und funkelnden

schwarzen Augen, der lachend sein Streitroß zur Seite nahm, Georg im

Bogen umtrabte und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu --

erfreut vom Anblick den blauverstählten Panzerhemdes mit aufgesetzten

Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und Ellbogengelenken --:

»Wer sind Sie?«

Mit schallender Stimme: »Rittmeister Freundlich, königliche Hoheit,

vierte Eskadron Beuglenburgische Jäger zu Pferde!« rief der Trabende

winkend zurück, und da schaukelte sein weiß und roter Knappe an Georg

vorüber, Schild und Lanze seines Herrn in Händen, den Helm am Sattelbug,

aber das rosige Gesicht war umflogen von langem, braunem Haar, eine Frau

wars, und »Ich bin seine Frau!« rief sie strahlend, aber da war die

Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote schwitzende

Bauerngesichter unter den Helmen, auf und nieder, auf und nieder im

englischen Trabe, nickende Pferdehäupter, Mähnen, Hufschlag, wirbelnde

schwarze Schweife, weißrote Dreieckfähnlein und wogendes Wippen in den

fesselartigen Eisensätteln, Geklirr und Geklapper, zwei hüpfende Reihen

dunkelgrauer Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister

hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der Spitze nach einem der offnen

Mundes anstaunenden Mädchen, die bog Brust und Hals zurück und erwischte

den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen,

scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend; die reitenden

Kerle in Eisen lachten dröhnend, da wars vorüber, reitende Schatten

verschwanden in weißem, wolkig steigendem Staub, und von den am

Straßenrand aufgestellten Musikanten waren schwirrend und rauschend die

heitern Takte des Radetzkymarsches zu hören. Sie fielen Georg ins

rauschende Blut, oh er hätte tanzen mögen, und eins der Mädchen, das in

Schieferblau mit violettrotem Rocke, sah aufs Haar wie jene

Riemenschneidersche Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust

glatt bedeckt vom Stoff, der über den Hüften locker auseinanderfiel auf

den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzückte sie Georg mit Erröten und

Knicks und Lächeln, denn nun wußten sie ja Alle, wer er war.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 12 / 240 题