Renate, still vor sich niederblickend, sehr glücklich, atmete tief und
leicht, gewahrte von Georg gegenüber in der sonnigen Dämmrung des
kleinen Raums den Schatten seines blassen Gesichts, dachte an seinen
Vater, lächelte sanft auf, indem sie bemerkte, daß sie ja seine Mutter
sein würde, blickte ihn voll an und fand ihn so hübsch, so liebenswert,
so jung und schmal wie je; freilich nur ein schmaler Baum war er neben
dem Turmbau seines Vaters.
»Wie mager Sie geworden sind, Georg,« sagte sie leise bedauernd.
Die letzten Wochen, erklärte Georg, seien schon schlimm gewesen, er habe
sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg und kaum Atem geschöpft.
Sie fand ihn leidender aussehend, während er so sprach. »Und obendrein
waren Sie krank«, sagte sie.
»Ach,« äußerte er munter, »das war ganz schön, -- die paar Tage! -- und
da ist mir auch alles eingefallen. Ja, was Sie heute sehn, und ich
hoffe, einiges davon wird Sie erstaunen, das habe ich mir ausgedacht,
als ich krank lag. Ja, geben Sie schön acht, damals lag ich wie ein
brennender Saturnring um Ihre --«
Sie hob warnend den Finger, lächelte und sagte: »Georg! Ich mag sehr
gern, wenn man mir schöne Dinge sagt, aber man muß niemals übertreiben,
dann verraucht die Wirkung spurlos.« Übertreiben? dachte Georg, ach, du
lieber Herr Jesus! »Erzählen Sie mir, wer war Heliodora!« befahl sie.
»Heliodora«, erklärte Georg, »war eigentlich Libussa. Kennen Sie
Libussa?«
Renate nickte und sagte, Libussa sei ihre Lieblingsgeschichte gewesen
als Kind.
»Meine auch«, log Georg und fuhr fort. »Ich wollte Libussas Geschichte
aufführen lassen, Sie sollten Libussa sein, aber als ich mit Onkel Salm
darüber sprach -- Papa hat ihn mir überlassen, er mußte alle meine Pläne
ausführen -- sagte er, wieso ich nach Böhmen wolle -- er weiß ja alles
--«
Wie Georges, dachte Renate gerührt; wie er sich freuen wird, der Gute,
und sie unterbrach Georg mit der Frage, was Saint-Georges darstellen
würde, aber er wußte es nicht. Ihr hatte er nichts verraten wollen.
»Also, da sagte er,« fuhr Georg fort, »warum ich nach Böhmen wollte, da
wir doch die Heliodora hätten. Aus dem Festspiel kennen Sie ja dieselbe,
sie war, richtig wie im Festspiel, eine byzantinische Prinzessin,
verstand allerdings leider nicht, ihre Legendenschönheit zu vererben, --
oder -- was meinen Sie?«
Renate meinte, er könne ganz zufrieden sein, aber woher denn die schiefe
Nase seines Vaters komme.
»Nicht von Heliodora freilich, sondern eben von dem Bauern, dem Gregor,
oder Georg, den sie zum Mann nahm, -- es steht ja alles im Festspiel.
Auch das weiße Pferd und der Tisch von Eisen ist Legende, nur waren es
in der Überlieferung die Sachsen, nicht die Beuglenburger Markgrafen,
mit denen Heliodoras erster Mann und sie selber kämpfte, und Trassenberg
war damals natürlich noch nicht Herzogtum, wie im Festspiel, sondern
Freigrafschaft. Heliodora,« sagte Georg langsam und leise, »Sonnegabe,
ein schöner Name ...«
Sonnegabe, wiederholte Renate, sich erinnernd, daß der Herzog seinen
Antwortbrief auf den ihren, in dem sie ihre Mitwirkung im Festspiel
erwähnte, mit diesem Wort begonnen hatte, -- und da, dachte sie,
wußte ich schon alles, aber ich wollte es nicht wissen ...
»Zwölfhundertsiebenunddreißig« hörte sie Georg murmeln, und der Wagen
stand still. Georg öffnete den Schlag, sprang hinaus und reichte ihr die
Hand hinein. So stieg sie gebückt vorsichtig ins Freie hinab. Da standen
sie auf der Landstraße neben dem Reitweg und sahen sich um.
Allein Georg, von plötzlichem Argwohn herumgeworfen, mußte vor Renate
hintreten und fragen, indem er ihre Hände ergriff:
»Renate! begreifen Sie es, oder nicht, daß ich mich hier unter Trachten
und bei Festen herumtreiben kann und heute nachmittag die Verantwortung
für ein ganzes Volk auf mich nehmen soll?« --
Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen dicht über dem ihren,
sah ihn nur gut an und antwortete nach einer Weile, ihm zu helfen: »Ist
es nicht auch Ihre letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal
gestaunt,« fuhr sie leise fort, »wenn ich im stillen bedachte --« sie
lächelte, da seine Züge sich schon glätteten, »-- was Sie auf sich
nahmen, aber -- nun, Sie haben das Herrschen wohl im Blut ...«
Was hatte sie gesagt? -- Er zuckte zusammen. »Im Blut ...« wiederholte
er tonlos, »nicht im Blut, Renate ...«
Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begütigend über ihn: »Ich
weiß ...«
Gleich warf er den Kopf auf. »Sie wissen? Ach, dann ist es gut, dann ist
es gut! Und Sie verstehn mich doch?« Sie nickte. »Papa hat es Ihnen
verraten?« Sie nickte. »Aber ich habe gelogen vorhin,« murmelte er
beschämt, »als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate,« fuhr er
glühend und eifrig fort, »mir ist so unbeschreiblich heute ums Herz, so
wild und zugleich sanft und kühl, kräftig und wunschlos und glücklich,
nur eins fehlt, nur eins müßte man können!« Er hob die linke Hand und
ballte sie: »Sein können, was man ist!« Er trat zurück, wies mit leicht
gebreiteten Armen auf seine Tracht und sagte: »Wie locker und gewandelt
fühle ich mich nicht schon durch diese Kleider, und doch -- von der
göttlichen Laune, die mich erfüllt, kann ich nichts nach außen schlagen
lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen, ich
kann mich nur fühlen, geben kann ich mich mit keinem Blick, keiner Geste
und keinem Wort, wie ich bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt
genug dazu, aber selbst wenn ichs wäre, wäre immer mein Anzug von
Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten, Weste und Stiefel
und alle Allüren meiner großstädtischen Erziehung, die nur zum Verbergen
da sind, nicht zum Ausdrücken, zum Zurückhalten, nicht zum Ausströmen.
Anno zwölfhundertsiebenunddreißig wäre ich ein Schwärmer gewesen, ein
Dichter, jedem ins Gesicht hinein und -- aber genug!« er brach ab.
»Jetzt _will_ ich siebenhundert Jahre zurück, geben Sie acht, sehen Sie
mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg, Heliodora,
Sonnegabe, Zwölfhundertund --« »Siebenunddreißig,« ergänzte Renate
lächelnd. »Nun wollen wir uns umsehn!«