Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von sich selber um- und
angeschillert mit seidener Buntheit, durch einen fremden, sonnigen
Vorgarten, auf ein fremdartiges, grau und sonniges Haus zu, über Stufen
hinweg durch ein gläsernes Tor, warf sich durch einen kühl dämmrigen
Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an wohlbekannten Bildern, Spiegeln,
weißen Türen auf eine dämmerweiße Doppeltür zu, die von selber vor ihm
sprang, und schon stand er vor dem Wunder.
Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er stürzte an den Boden, leicht,
in sich gefaßt, geworfen und gehalten, auf das rechte, gebogne Knie, die
Arme aufwerfend und breitend und senkend, die flachen Hände angeströmt
von Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter allen Gliedern
wie ein niederströmender Aar aus Lüften und Gewölk, und rief mit heller
Stimme: »Herrlichkeit! Herrlichkeit über Herrlichkeit! ich bin da, ich
bin gekommen!«
Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes, leuchtendes
Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda hinter ihr den Schleier auf ihrem
Kopf befestigte, sah steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn
nieder, faßte, um ihn zu begrüßen, in die Falten ihres Kleidrocks über
dem Knie und hob ihn an, so daß der starre Saum von Silberbrokat an sein
Gesicht rührte. Er faßte mit beiden Händen zu, Inbrünstigkeit spielend,
so tief er sie empfand, und küßte sie lachenden Mundes. Dann bat er um
Erlaubnis, aufstehn, und nachdem sie ihm gewährt worden, die
Wundererscheinung betrachten zu dürfen. -- Renates Gelächter schwang
über ihm wie eine Glocke, da sie erklärte, das Wunder sei erst halb,
noch fehlten die Überärmel und der Mantel, ja, es sei alles schon
verpackt, jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, daß er dann nicht
wüßte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing an, um sie herumzugehn.
-- Ihr Haar sah er, das bräunliche; es schimmerte durch ein fabelhaftes
Netz von großen Perlen, vorne aber fielen die Zöpfe, wie Taue so dick,
Haarsträhnen, durchflochten mit Perlenschnüren und schilfgrünen Bändern,
über die Brust bis zu den Knieen herab, und die Enden der Bänder bebten
bei jeder Bewegung leise dicht über den Füßen in silbernen Schuhen. Die
lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nähe der Nähte,
umschloß Brust, Leibesmitte und Hüften eng, ergoß sich dann in großem,
starrem Faltenwurf; vom runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei
Hände breit eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis zum
Saum, der starr stand, drei Hände breit, silberner Brokat. Und in all
dem Silbernen, dem lichten Blau, Perlweiß und lichtem Grün glühte das
meilentiefe Blau ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen,
glühte das Rot ihrer Lippen, der göttlich geschwungenen, alles in allem
ein Pokal voll Unersättlichkeit, in den Georgs Herz hineinsprang mit
einem Satz wie ein Panther. -- In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte
er, werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie eine Harfe,
auf der ich -- ach, ich weiß es nicht, aber warum sage ich es ihr nicht?
Ich werde es ihr sagen, doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am
Abend, ich will -- noch -- noch! -- kein Band und keine Fessel zu ihr
hinüber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte: »Jetzt wollen wir
fahren. Aber Magda, -- was ist denn mit dir? kommst du nicht mit?«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: erstens müßte sie das Haus
hüten und den Onkel ...
»Und zweitens?«
Zweitens hätte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl noch, daß er
selber das Gebot erlassen habe, daß niemand in andrer als in alter
Tracht sich heut öffentlich zeigen dürfe ...
Georg mußte es zugeben. Allein in plötzlicher Liebe zu ihrer dürftigen
Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend das Feuerwerk und den Tanz in
den Gärten zu zeigen. Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern
anziehen könne, -- und nun gab sie gerührt nach.
Und schon saß Georg, nachdem Renate lächelnd zugegeben hatte, daß er die
Vorhänge herunterzog, auf dem schmalen Rücksitz des Wagens ihr
gegenüber, genau genommen, dachte er, in ihr, denn sie füllte den halben
Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft und Blühen. Sie
schauerte ihn an wie atlantischer Wind, er schloß die Augen und sah sie
in brennenden Umrissen dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie
liebte, die er liebte, das Kinn in die rechte Hand gestützt, den
Ellenbogen auf dem übergeschlagnen rechten Knie, in der Linken im Schoß
den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden und der Seidenbänder. Ihr
leibliches Leben strahlte über und über aus ihr; in allen Falten
raschelte, in allen Nähten lief, im äußersten Saume brannte und zitterte
noch die Süßigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, -- sah alles
Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel wie eine lockre Schar
schneeweißer Fittiche das Gewoge ihrer Leibwäsche in weißer Dämmrung;
darein stiegen von unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schäfte ihrer
Beine, glatt bespannt mit blauem Flor; da wölbten sich unbeschreiblich
die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu einer Handbreit höher
hinauf, wo es kaum sichtbar schimmerte -- nicht wie Marmor und nicht wie
Rosen, wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblüte, -- Magnolie
vielleicht, -- nein, davon nichts, sondern lebendige Haut, unfaßliche
Glätte, Süße, Hauch, Schimmer, Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem
weißen Spitzenschaum und -- Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete
die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte umsonst zu
begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die sanften Schwellungen
ihrer Brust offnen Auges betrachtend, dazu die zarte Linie ihres
Profils, der gebogenen Nase, lieblichste Wölbung der Oberlippe und
flügelnde Entzückungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum
sichtbarem, weißem Fruchtflaum umhaucht, -- anstatt in all dies
hineinzuwühlen Haupt und Mund und erblindende Augen, an allen Sinnen
gesträubt und betäubt, geglättet, unersättlich, rauchend und begraben im
klirrenden Schutt seines Daseins.