Verkleidung I

Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, daß es Morgen war.

Ungeblendet sahen seine Augen ins Zimmer, -- ja, wie ist mir denn?

dachte er, -- oh, mir ist wunderbar! -- Unvermutet mußte er die Arme mit

geballten Fäusten von sich stoßen und aus dem Bett springen; im

Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen Stuhl zu und hielt sich

daran, lachte und hielt erstaunt einen kostbaren Gegenstand in der Hand,

eine seidene Strumpfhose, deren eines Bein weiß, das andre schilfgrün

war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun merke ich, daß der

wunderbare Tag anfängt. Er bauschte in den Händen die weiche Seide

zusammen und betrachtete entzückt die hineingestickten Wappen, Blumen

und Ornamente von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der Rock überm

Stuhl, gleichfalls zur Hälfte weiß, zur Hälfte grün, und am Bügel

darüber der kurze Mantel, tiefblau, glänzend von Seide, mit Hermelin

leicht verbrämt, und am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von

weißen und schilfgrünen Bändern, -- alles genau so, wie er selber es am

Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er ans Fenster, riß den Vorhang

auf und bemerkte enttäuscht, daß es grau draußen war; aber siehe, der

Himmel blendete leicht, naß und schwer hingen die Büsche und die

Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu sehn, daß dieses

Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum Abstreifen lose, befestigt war. Die

Sonne kommt, frohlockte er, Renate kommt, und nun bin ich Großherzog.

Seine Brust dehnte sich schwer, er mußte einen Augenblick die Hände

darauf drücken, er suchte die alte Angst im Herzen, aber nichts da,

nichts gab es als eine seltsam üppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem

sein Innres glühte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl,

flüsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich, ich möchte

-- was möchte ich nur? Einen Kiefernbaum ausreißen und den Staub von

Renates Türe kehren, ja, das möchte ich! -- Aber erst will ich baden.

Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer und stellte

sich unter die kalte Brause. Da ward ihm so unbändig zumut, daß er

glaubte, er sei berauscht. Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht,

aber eine solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt.

Er trocknete sich flüchtig ab, trat dann mit einem plötzlichen Entschluß

an das Fenster, und -- jetzt in einer süßen Beklommenheit zum Beten

entschlossen -- öffnete er die Flügel. Er blieb so, die erhobenen Hände

an den Fensterflügeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschämung,

alles vergessend, hineinwachsend, als ob er sauste, in eine Inbrunst

ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen Schwingen stehend, zum

sicheren Absturz in unendliche Tiefen bereit war, sammelte er die Worte

der Andacht.

»Licht, du selber verhülltes!« sagte er, »sieh mich nun! Verhüllt,

siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh mich auf meinem Gipfel! Groß

ist der Tag, zu dem ich entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin

heiter, -- aber nicht würdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde

der Freiheit, gönne mir, noch einmal heiter zu sein, gönne mir noch

einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten, diesen Kuß der schönen

Vergänglichkeit! Dann will ich die Arme gern ausstrecken, die eisernen

Handschellen darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe.

Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine ewige Gnade,

erleuchte mich morgen und allezeit, laß mich, wie in diesem feurigen

Augenblick, nur allezeit wahr sein, ganz sein, der ich bin, wahr, wahr,

ein Gemächt des Schicksals, aber ein stolzes!«

Er öffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn die Worte

verließen, wandte sich und atmete, als wäre er in sich zurückgekehrt,

tief auf, gleichsam beruhigt, sich so einfach zu finden. So einfach, ja,

aber auch so hundertfältig wohl.

Aus den Poren seiner Haut strömte nicht Wärme, sondern Kühle; von sich

selber umfächelt trat er vor den Spiegel und war durchaus mit sich

einverstanden, außer mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, -- ja,

das war gerechte Folge der Arbeitsmonate, -- und dafür hatte er seine

Augen noch nie so groß und leuchtend gesehn; sie blitzten wie durch

Glas, und die Pupillen schienen ihm vergrößert, als hätte ihm jemand

Belladonna eingegeben. --

Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf die nackte Haut,

eine kühle Wonne, in die er sich kleidete. Dabei fiel ihm ein, daß er

schwer und seltsam geträumt hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem

Bettrand sitzend, die Hosen erst halb übergestreift, und für einen

Augenblick wälzte sich schwer und wolkig ein Stück Nacht in sein Innres,

gefüllt mit schaurigen Beängstigungen. Ich stürzte ja immer, erinnerte

er sich, zuletzt von einer Klippe ins Meer, -- wie war es doch nur?

Sonnenuhr ... aber die Ziffern waren Menschen, und ich -- ich konnte

meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja diese

Gugelmänner! Und wie sie fortwährend schwanden! Dann redeten sie

kostbare Dinge, Verse glaub ich, die mich durchschauderten, aber das

habe ich schon oft erlebt, daß mir im Traum etwas wunderbar erschien,

was sich im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als Esther noch

lebte, träumte ich einmal eine ganze Novelle von ihr, noch im Wachen war

ich entzückt davon, und dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stücke;

daß eine Droschke darin vorkam, weiß ich noch. -- Sieh da -- habe ich

nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion, den Winterstern! ist

es zu sagen ...

Kaja ...

Plötzlich sanken ihm die Hände, er erschrak, aber -- was war denn zu

erschrecken? Er suchte und fand nichts, als wieder dies Wort Kaja, und

dann -- er lächelte -- ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe

Kaja geheißen. Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hieß doch die alte

römische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da bin auch ich, Kaja. --

Es ist aber doch eigentlich schauerlich mit dem Träumen, dachte er,

aufstehend und den Hosenbund zusammenschnürend, sie machen, was sie nur

wollen, mit uns, wir müssen lieben oder hassen, bekämpfen oder fürchten,

ganz ohne unser Zutun, und was uns längst abgetan schien, das kommt

wieder, immer wieder, auch die Toten ...

Überdem war er wieder vor den Spiegel geraten und vergaß alles über dem

unverhofften Glanz seiner Beine. Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn

zu, von der Achselhöhle zur Hüfte; er fiel über die halben Oberschenkel

herab, in der Mitte leicht eingerafft; die Ärmel, der weiße und der

grüne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine, lagen eng wie die Haut

selber an, aus dem Halsausschnitt kräuselte sich der gewellte Ring des

Hemdes am Halse empor. Während er das verwirrte Haar mit dem Kamm

glättete, sah er im Spiegel, daß draußen das Grün schon leuchtete und

sich vergoldete, und plötzlich glänzte es zu seinen Füßen, und ein

breiter Streif Sonne stand, in Milliarden Stäubchen schimmernd, mitten

im Zimmer. Ach, und kühl war es, kühl! Er griff nach dem kurzen Schwert,

dessen Gürtel über der Stuhllehne hing, und der aus verhakten Quadraten

von Silberfiligran und dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in

schwarzlederner Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den Gürtel

auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb des Leibgurtes, wo er

an kleinen Haken festhing. Auf die Uhr blickend, fand er, daß es gleich

dreiviertel Neun war, er eilte ins Eßzimmer und aß mit starkem Hunger

Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei mit Milch. Im Hause war

es still, Egon mußte längst draußen sein, auch die Hausmeistersleute

waren gewiß schon auf der Wandrung zu ihrem Tribünenplatz.

Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal fort, trat in die

offne Gartentür, atmete tief und lang die Kühle des Morgens und begrüßte

mit immer leichterem Herzen die hervorsegelnden Bläuen überm Nebelmeer

der Lüfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lächeln und

Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte nur atmen und sich

wohlfühlen und dem Himmel danken, daß er Augen hatte zu schaun, Lungen

zu atmen und eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie

Luft, um sie zu verzehren und höher davon zu leuchten. Alles funkelte

ihn an, jede Farbe, das Grün, das lichte Gelb und Zinnober der

Stockrosen; das Blau der Glockenblumen im Garten schien ihm noch einmal

so tief, er begriff es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur

war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig gekrümmt,

gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie mußte erst blühen Renate! --

und er kehrte um, lief zur Tür, besann sich auf seine Laute, suchte sie

in allen Zimmern, dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen

Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich auf dem

Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang und zur Tür hinaus, wo

bei Gott ein Automobil stand, als wäre es hergezaubert. Nach einem

kleinen Versuch, mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu

springen, öffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu:

Güntherstraße fünf! warf sich in den Rücksitz und schloß die Augen.

Wenn wir nur erst zu Pferd wären! wünschte er begierdevoll und öffnete

die Augen wieder; sogleich wogten zu beiden Fenstern bunte Stürze von

Stoffen, Fahnen, Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der

Vorhänge und zog sie straff herunter, er wollte nichts sehn, wollte die

ganze Vollkommenheit des Schauspiels sich bewahren, drückte sich wieder

in die Ecke, stöhnte vor unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen

zu. Alsbald brandete die Woge der Erregung wilder und kälter um sein

Herz, so daß er sich leiblich umklatscht fühlte von einer großartigen

Kühle, die ihn trug und aufrecht machte, ja, deutlich unterschied er im

lauten Toben seines Blutes die geistige, fast eisige Stille seiner

Kaltblütigkeit. Sein ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nähten

vor fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie eine

Stichflamme aufschießend mitunter, schien er sich als ein riesenhaft

gebauchtes Segel, eine tönende Gefäßwand voll praller Windvölle über

einem tosenden Geroll strömender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu

fliegen, unsagbar leicht und straff, strotzend von Kräften. Draußen

unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das farbenreiche

Getümmel der sich zur Freude sammelnden Mengen, und mit ihnen -- so war

es! -- rollte aus allen Fesseln die Gewalt seines durchkühlten Bluts,

schlug wogenhoch an Häuserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern

hinein, wirbelte um auf Plätzen und ergoß sich vollen, stürmischen

Schwalles durch die Gassen, während er selber dasaß, wie ein Gott in

sich zuhaus, in einer flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten,

tönenden Herzens, in den Ohren Musik und Gelächter, die Lippen

überquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in langen, lang

schwankenden Minuten sich ergoß, um so magischer war es auch, -- wie

Legende, so wars. Und schon hielt der Wagen an.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 9 / 240 题