Frühstück

Renate, schon in ihrem lavendelblauen Festkleid, wollte sich eben vor

ihren Frühstücksteller setzen, als ihr der Herzog gemeldet wurde. Leicht

innerlich zuckend, fragte sie sich: Morgens um acht Uhr, was soll denn

das bedeuten? -- Sie wußte, was das bedeutete, aber sie verschwieg es

sich, ging in die Halle und sah ihn eben zur Tür hereinkommen, ein wenig

ungeschickt, aber ganz leicht, den Stock kaum benützend, ein großes

Bündel Lilien in der Hand. Sie lachte ihn an, er blieb stehn, lachte

auch, und -- »Lieber Freund,« sagte sie, »das ist ja wundervoll, so früh

am Morgen und auf so tapferen Füßen!«

Nun ging sie zu ihm hin und gab ihm die Hand, zugleich die Lilien aus

seiner Linken nehmend und an die Brust drückend. Sie neigte das Gesicht

in die Kelche und hörte ihn sagen, während er ihre Hand festhielt:

»Ja, Renate, das ist wahr, was Sie sagen: tapfere Füße, und es sind auch

-- besondre Füße, auf denen ich hereinkomme.«

»Ja?« sagte sie zögernd. Er legte auch die andre Hand um die ihre, zog

sie zur Brust empor, wollte lachen, atmete mit ganzer Brust auf und

sagte ernsthaft: »Freiersfüße, Renate.«

Hart stand ihr Herz auf und lief. Ich wußte es ja, sagte eine Stimme in

ihr, wußte es längst, aber ich wollte es nicht wahrhaben. -- Es gelang

ihr, ihn anzusehn, da mußte sie lächeln. Wie er keuchte! Sie drehte ihre

Hand in den seinen hin und her, bis sie losgenestelt war, ging zum

nächsten Fenster, legte die Lilien auf die Fensterbank und stützte das

Kinn in die linke Hand, den Ellenbogen in die rechte setzend. Sie

blickte auf, ließ die Hände fallen und wandte sich langsam zum Herzog

herum. Der schloß eben die hängenden Hände und spreizte sie wieder. Sie

sah ihn voll an, fühlte, wie sie errötete, und sagte leise: »Ja -- ich

möchte -- -- ich möchte sehr gern -- --.«

Hastig lief sie wieder auf ihn zu, legte die Hände auf seine Brust, sah,

die Brauen ganz zusammenziehend, angstvoll in sein großes, starkes

Gesicht und hörte ihn sagen:

»Ich liebe Sie, Renate, das ist der ganze Grund, ich liebe Sie sehr. Ich

bin fünfundzwanzig Jahre älter als Sie, aber ich -- ich gebe Ihnen mein

Wort, daß ich in fünfundzwanzig Jahren noch so jung bin wie heut, wenn

Sie ...«

Er verstummte und tastete nach ihren Händen. Sie merkte, daß er

zitterte, und alle Macht strömte aus seinem Zittern frohlockend in sie

zurück. Lange stand sie und sah nichts als seine fast schwarzen,

flehenden, besorgten, zuckenden, befehlenden Augen. Langsam glitt sie

mit den geschlossenen Händen an seinem Gesicht empor und deckte seine

Augen zu, drückte sie dann gegen seine Lippen, seine Wangen, trat

plötzlich zurück und sagte, aufhorchend bei dem tiefen Klang ihrer

Stimme: »Nun Geduld! -- Geduld ...«

»Geduld«, sagte er mit zuckenden Brauen, »ist das Schwerste auf der

Welt.«

Nun konnte sie strahlend lächeln und rief: »Das Schwerste von der Welt

ist grade noch leicht genug für Renate Montfort!« Sie stampfte leicht

mit dem Fuß auf: »Weißt du das nicht?«

»Doch!« sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt sie mit einer

Handbewegung ab, ging zur Tür, drückte auf die Klingel und blieb dort

wartend, die Hand am Klingelknopf, indem sie lächelnd auf den Herzog

blickte, der sich umgewandt hatte. Als das Mädchen kam, bat sie um eine

Vase für die Blumen und um noch ein Gedeck für den Herzog.

»Ich habe Hunger,« sagte sie freundschaftlich, »wollen Sie mit mir

frühstücken? Wir müssen uns beeilen, um neun Uhr kommt Georg und holt

mich zum Festspiel.« Als sie an ihm vorübergehen wollte, merkte sie, daß

er nach ihr greifen wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr

Kleid vorn mit beiden Händen und lief schwebenden Schrittes und vor sich

hinlächelnd zur Tür des Frühstückszimmers; dort blieb sie stehn, ließ

ihr Kleid fallen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Türfüllung, faßte

den Rahmen mit den Händen und sah ihn so von dort aus an, lächelnden

Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. »Komm!« verlockte sie, kaum

die Lippen bewegend, und dachte: Ich habe ja Künste in mir aufbewahrt,

-- oh, dann will ich sie brauchen! -- Damit ging sie leicht und die

Stirn gesenkt wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Während er sie

an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer und tiefer, unvermögend,

einen Gedanken zu fassen.

Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische saß, dem Herzog

gegenüber, Kaffee in seine Tasse füllend. Da merkte sie plötzlich, daß

ihre Augen heiß und feucht wurden, sie setzte hastig die Kanne hin,

schüttelte, den ängstlichen Ausdruck in seinen Zügen gewahrend, den

Kopf, daß zwei Tränen abfielen, und sagte ernst: »Lieber, ich habe dies

Haus hier zu hüten, was soll ich tun? Ich habe mir geschworen, nicht

hinauszugehn, als bis alles wieder so ist, wie ich kam, -- ja, das tat

ich nun,« sagte sie fest, »das müssen wir behalten. Du weißt ja alles

vom Onkel, ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht habe,

kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch gleich; du bist nun

gekommen, und es muß wohl irgend etwas geschehn. Du mußt dich gedulden,

bis ich das erledigt habe. Rede ich zuviel?« fragte sie wehmütig,

lächelte ihn an und streckte ihre Hand über den Tisch nach ihm hin, zog

sie aber schnell fort, als er danach faßte, ergriff ihre

Weißbrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann zu essen.

»Mein Sohn Georg«, hörte sie den Herzog sagen, »hatte einmal eine

Redensart, die hieß: quid quod? auf deutsch: Was soll man dazu sagen?

Also ich sage: quid quod? Nämlich,« fuhr er eiliger fort, während sie

leise lachte, »ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das mit Georg

erledigt sein würde, aber heut morgen hat es mich doch übermannt.«

»Oh,« meinte Renate nachsichtig, »zu früh aufstehn kann man nie.«

»Und den Tag über heut«, fuhr der Herzog fort, »habe ich keine Zeit; da

mein Sohn Festspiele aufführt, muß ich die Gäste empfangen, und heut

nachmittag sind ja die großen Vereidigungen.«

Die großen Verneigungen ... klang es sonderbar in Renate, sie suchte,

wann und wo sie das einmal gehört hatte, hörte zerstreut zu, was der

Herzog sagte, ohne etwas zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und

Trinken fertig. Plötzlich übergoß es sie dann, da sie den Herzog groß

dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, während er sagte: »Sie sind ja

so über alle Begriffe schön, daß -- -- daß --«

Die drei großen Verneigungen, klang es wieder, die drei großen

Verneigungen. Dann merkte sie, daß er Sie gesagt hatte, und gerührt von

dieser Zartheit, erhob sie sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte

einen Arm um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte sich

und küßte seine Stirn.

»Genug für heut,« sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, »und nun

muß ich mir das Haar machen lassen, in einer Stunde kommt Georg.«

»Georg,« sagte der Herzog aufstehend, »ja, ist er eigentlich blind?«

Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. »Leb wohl«, sagte sie

und streckte die Hand aus.

Wieder stand er vor ihr, sehr groß, fast überwältigend, und sie bebte

leicht, bog sich zurück, ließ aus aller Glut, die sie in Schnelle zu

sammeln vermochte, einen strahlenden Schein aus ihrem Antlitz über das

seine gehn, verschattete sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging,

von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten hinaus.

In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaßliche Vorstellungen verloren, so

lange, bis die Zofe mahnte; die nächste halbe Stunde verging ihr

gedankenlos unter dem mühseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 8 / 240 题