Die Südländer haben eine fischartige Natur. Bäder sind ihnen
Bedürfnisse.
Ich trete in ein großes, von oben beleuchtetes Zimmer. In der Mitte ein
Wasserbecken. Darum ein mit Marmor ausgelegter Boden. An den Wänden
eine Bühne; darauf Bettpolster in Menge. Neben der Pforte eine Art
Kanzel. Von der Bühne streben jonische Säulen empor. Am Eingange in das
Dampfgewölbe eine kleine Kaffeeküche, aussehend wie ein Doppelkästchen
mit einem Raume dazwischen[13]. Ich bin im Entkleidezimmer; auf den
Polstern der Bühne die Badegäste; auf der Kanzel der Geldeinnehmer.
Der Badende steigt auf die Bühne. Er entkleidet sich. An der flinken
Hand des Badeknappen fliegt im Nu ein weißes Tuch ihm um die Lenden.
Ein Tuch von bunter Farbe schlägt der Badeknecht ihm über die Brust,
und ein anderes über den Rücken, das erste hinten und das letztere
vorne bindend. Den Kopf umwickelt er, auf daß ihn ein Turban schütze
und ziere. Das die vollkommene Bademontur, es fehlen einzig noch die
Kapuzinerschuhe, in die man schlüpft, sobald man von der Bühne herunter
gestiegen ist.
Jetzt geht der Badende behutsam davon, damit er nicht auf dem nassen
und glatten Marmorboden niederglitsche. Durch einen engen, düstern,
gewölbten Gang gelangt er in ein Zimmer: das Ent- und Ankleidezimmer in
der kältern Jahreszeit, weil es gewärmt werden kann.
Er kommt durch eine Thüre in ein Gewölbe. Das Licht dringt mühsam
und spärlich durch kleine, runde, mit Glas hermetisch verschlossene
Oeffnungen von der Kuppel herab. In der Mitte ruht ein Wasserbecken.
Aber er weilt dießmal hier nicht.
Durch den warmen Dampf links oder rechts einige Treppenstufen hinauf,
er befindet sich in einem kleinen, noch düstrern Gewölbe, worin
warmer Nebel ihn umschwebt. In der Mitte ein Wasserbecken, tief bis
an das Kinn. Der Knappe entwindet ihm all’ das Badegewand bis an
die Lendenschürze. Es ist das Wasser aber allzu heiß, und er taucht
nicht unter. Andere scheuen indeß die Hitze minder, und man erblickt,
spaßhaft genug, bloß noch ihre Köpfe. Er begnügt sich, neben dem
Wasserbecken auf dem harten Marmorboden sich hinzustrecken und daraus
auf seinen Körper fleißig Wasser zu schwenken. Ein Araber, nur mit
einem Tuche an den Hüften umschürzt, legt ihn zurecht, und, mit einem
wollenen Handschuhe versehen, reibt er seine Haut in geschäftigem Hin
und Her, doch sanft und ohne wehe zu thun.
Hierauf in das letzte Gewölbe zurück. Hier seift ein Bursche den ganzen
Körper ein, und der Badende tritt mit dem schaumigen, seifenweißen
Leibe in ein kleines Nebengewölbe, wo zwei Röhren mit Hähnen über ein
Becken sich krümmen. Aus der einen Röhre fließt warmes und aus der
andern kaltes Wasser. Hier wird die Seife am Leibe abgespült, indem
dieser den prallen Strahl der Röhre bricht, und zu guter Letze hilft
die Hand dem schwemmenden Brunnen.
Zurück in das gleiche größere Gewölbe der Mitte. Hier hätte der
Badende, statt die Stiege hinaufzugehen, in einem Becken an der Wand,
wie in einer Badewanne, sitzen können, worein das Wasser mit der
beliebigen Wärme geströmt wäre.
Schon ist der Badende ausgedämpft, ausgespült, ausgerieben,
ausgewaschen, hoffentlich fix und fertig. Er tritt, allenthalben von
trockenen Schürzen und Quehlen umfangen, aus der Dämmerung ans Licht,
aus dem Qualm ans Trockene, aus dem heißen Mittag in den kalten Nord.
Er besteigt die Ankleidebühne, beinahe vor Kälte schaudernd. Er lagert
sich auf dem Polster. Ein Bursche deckt ihn zu. Sanft drückt dieser
ihm die trocknenden Hüllen an den Körper. Er will den Badenden an der
Fußsohle kitzeln. Dieser kann es nicht leiden, und weigert sich dessen.
Er hat Zeit genug, seine Schaulust an Andern zu befriedigen, welche
dort eben eintreffen, hier zum Ausgehen sich anschicken. Er ist frei
vom Naß, und es fehlt nichts mehr, als daß er sich anziehe und dem
Geldeinnehmer eine Kleinigkeit gebe.
Der Dampf in den Gewölben übte weder den beklemmenden Einfluß auf mich,
wie auf andere Franken, aus, noch wirkte die kältere Atmosphäre im
Ankleidezimmer mit ausnehmend erfrischender Kraft. Ich fühlte mich
nach dem Bade allerdings leicht, und damit vertrieb ich eine leichte
Unpäßlichkeit, welche ich dem Zurücktreten der Hautausdünstung in einem
innern Theil zuschrieb.
Bei dem morgenländischen Bade müssen drei Dinge erwogen werden: der
Dampf, das warme oder heiße Wasser und die Reibungen. Es sind dieß
so wirksame Agenzien, daß die hohe medizinische Wirksamkeit selbst
demjenigen, dem gründlichere Kenntnisse in der Arzneiwissenschaft
abgehen, nicht begreiflich gemacht werden darf. Andrerseits will ich
nicht verhehlen, daß der schnelle Uebergang aus dem heißen in ein
kaltes Mittel, also der rasche, schnelle Wechsel der Temperatur,
manchmal Schaden zufügt. Einen solchen Fall nahm auch ich wahr.
Der Apparat des Bades scheint ursprünglich nur die +Reinigung des
Leibes+ zum Ziele sich gesetzt zu haben, mithin mehr der Hygieia,
als der Heilkunde anzugehören. Diesen Zweck erreicht das Bad mit
Leichtigkeit. Nach dem Bade erscheint viel geschmeidiger auch die Haut,
von welcher die Unreinigkeiten sich ordentlich abschuppen, so völlig
rein wird sie.
Der Dampf wird nicht förmlich bereitet. Er steigt von den heißen
Wassern auf, und man wendet bloß Sorgfalt an, ihm jeden Ausweg
abzusperren. Es liegt am Tage, daß darunter die Reinheit der Luft
leidet. Ich soll übrigens bekennen, daß kein besonders unangenehmer
Geruch in den Gewölben mir aufstieß.
Man liest in den Schriften, daß von Seite der Bader, außer dem Kneten
der Glieder, auch eine Art Aus- und Einrenken geschehe. Ich ließ diese
Manipulation an mir nicht vornehmen, noch sah ich sie an Andern.
Das komplizirte Bad ist so außerordentlich wohlfeil, daß es auch der
ärmere Araber benutzen, und dadurch dem Gesetze +Mohammets+ nachleben
kann.
Man darf die Badeanstalt des Morgenlandes nicht verlassen, ohne zu
bedauern, wie sehr die Hautkultur im Abendlande vernachlässigt wird.
Wie die Egypzier im sechszehnten Jahrhunderte die Bäder gebrauchten.
Ich wähle einen treuen Beobachter, den Doktor +Prosper Alpinus+, als
Führer in die Hallen der Vorzeit. Darf denn der Reisende nicht auch
bisweilen einen Schritt in dieselben wagen?
Wie die Nordländer, so überliefert +Prosper Alpinus+, Vieles zum
Wärmen, so haben die Egypzier Vieles zum Kühlen, als: die vielen
Brunnen in den Wohnungen, insbesondere aber die Süßwasserbäder, diese
jedoch auch zu Verschönerung des Körpers. Zu den Bädern nimmt man
einfaches, geläutertes Nilwasser, ohne Beimengung von Medikamenten.
Die Badeanstalten sind sehr zahlreich, geräumig und prachtvoll. Das
Badehaus besteht aus mehrern von einander geschiedenen Gewölben, worin
die Leute schwitzen, gerieben und gewaschen (gebadet) werden. Ungefähr
im Mittelpunkte der Badeanstalt steht das An- und Entkleidegemach.
In den verschiedenen Badegewölben herrscht ungleiche Temperatur, nach
den Bedürfnissen der Badenden. Die Böden sind mit Marmor zierlich
ausgelegt, und jeder abgeschlossene Raum hat zwei marmorne Becken,
in welche das Wasser herabfällt. An dem gewölbten Dache sind die
Glasscheiben gleichsam eine Zierde, und fügen sich so genau, daß von
Außen keine Luft eindringen kann. Die Badegewölbe empfangen ihre Wärme
vom Dampfe des in die Marmorbecken fallenden heißen Wassers. Wer da
will, kann jederzeit zwischen heißen, lauwarmen und kalten Bädern
wählen. Die mäßig warmen sind die gemeinsten.
Weil die Egypzier das ganze Jahr vom Staube umgeben sind, und beständig
von Schweiß triefen, so werden sie der Träger vieler Unreinigkeiten,
weßwegen sie übel riechen, und an Ungeziefer nichts weniger als Mangel
leiden. Darum ist bei den Egypziern das Baden so gebräuchlich,
zumal beim weiblichen Geschlechte, das sich mehr angelegen sein
läßt, durch Beseitigung der Unreinigkeiten und durch Verscheuchung
des übeln Geruches den Körper gefällig zu machen, auf daß es den
Männern um so lieber sei. Die Frauenzimmer waschen sehr oft den Körper
in den Bädern, und überziehen ihn mit wohlriechenden Salben, die
vermöglichen mit solchen von Bisam, Ambra, Aloe. Beinahe unglaublich
groß ist der Gebrauch von Salben zu Verbesserung des Geruches und zu
Weckung sinnlicher Begierden. Wie aber die Italienerinnen und andere
Abendländerinnen allen Fleiß auf den Haarputz und auf die Verschönerung
des Gesichtes verwenden, so vernachlässigen die Egypzierinnen
wenigstens erstern.
Viele Weibsleute trachten durch das Baden auch fetter zu werden. Je
dickleibiger sie sind, desto lebhafter werden sie von den Männern
begehrt. Man wird daher eine große Menge ungemein fetter Frauenzimmer
antreffen. Es hielt sich in Kairo ein Weib auf, welches in der Kunst,
fett zu machen, ihren Broterwerb suchte. Man legt es ordentlich
darauf an, fett zu werden. Zu dem Ende baden die Frauenzimmer in
lauem Süßwasser +viele Tage hinter einander+. Indeß sie lange im Bade
verweilen, essen und trinken sie darin, und gebrauchen Lavements, die
aus verschiedenen fetten Substanzen bereitet werden. Gleichzeitig
nehmen sie viele innerliche Medikamente ein. Es steht durch
eigene Erfahrung fest, daß mehrere Frauenzimmer durch ein solches
Badeverfahren viele Tage hinter einander, in Verbindung mit reichlicher
Ernährung durch den Mund, fett wurden. Unter den Speisen wählen die
Kandidatinnen der Fettigkeit viel fette Brühen mit Bammia, Melochia
und Kulkassia, gewöhnlich eine Suppe von fetten Hühnern, auf egyptisch
+Maluf+. Jedwedes Frauenzimmer trinkt die ganze Suppe von einem Huhne,
und verzehrt hernach dieses selbst. Viele dürftige Weiber nehmen das
sogenannte +Thaine+, oder das Oel von indischen Nüssen, oder den Absud
von Chinawurzeln, oder den Sesamölkuchen, welcher mit dem Fleische
fetter Hühner und mit der indischen Nuß zugleich gekocht wird u. dgl.
Allein vor Allem preist man den täglichen Genuß zehn gerösteter,
gemeiner Zwiebeln vor Schlafengehen, und zwar etwa fünfzehn bis zwanzig
Tage hinter einander. Bei dieser Kur verspüren die Frauenzimmer nicht
die mindeste Beschwerde.
In Egypten verläßt Niemand das Bad, ohne gerieben zu werden. Die
Reibknechte lassen die Person, welche zuerst beinahe eine Stunde im
Bade ausgehalten, und absichtlich gebrochen oder wenigstens geschwitzt
hat, auf einen Stuhl sitzen, sie kneten und behandeln alle Körpertheile
des Dasitzenden auf verschiedene Weise. Sie fangen bei den Füßen an,
und bewegen sie vorwärts, rückwärts und seitwärts, bald dann die Unter-
und Oberschenkel nach allen Richtungen; sodann die Hände, jeden Finger
besonders, darauf die Arme, die Schulter und ihre Blätter, hernach
den Hals, den Kopf, die Brust und den Rücken nach allen Seiten. Es
geschehen diese Bewegungen drei- bis viermal.
Darauf heißen die Reibknechte den Badenden auf den Marmorboden
rücklings sich legen, und beginnen den ganzen Körper zu reiben. Es gibt
dreierlei Reibungen: 1) die sanfte und mittelmaßige, mit der bloßen
flachen Hand, welche manchmal mit Sesamöl eingerieben wird, 2) die
mittelmäßige und häufige, welche mit roher Leinwand geschieht, und 3)
die harte und mittelmäßige, mit rauhem Tuche von Ziegenhaaren. Man
fängt, beim Reiben der vordern Körperfläche, an den Füßen an, ihre
Muskeln werden der Länge nach gerieben, indem die Hände von oben nach
unten fahren -- von Gelenke zu Gelenke, was mit großer Geschicklichkeit
und Zierlichkeit ausgeführt wird, ohne ein Gelenk zu überhüpfen;
dann kommt die Reihe an alle Gelenke und Muskeln der Schienbeine,
Wadenbeine, Kniescheiben, Oberschenkel, hernach der Hände, Arme, der
Schultern und Schulterblätter, so wie des Gesichtes, des Halses, der
Brust, der mittlern Gegend des Abdomens. Nachdem dieses geschehen, wird
der Körper auf den Bauch umgelegt, und die hintere Fläche nicht anders
behandelt, als die vordere. Die drei Arten von Reibungen werden eine um
die andere, von der sanften zur harten ansteigend, vorgenommen.
Nach den Reibungen wird der Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel
hinauf eingeseift, darauf in heißem Süßwasser abgewaschen und der
Schmutz abgestreift. Ueberdieß bringen die Badeknappen die Füße des
Badenden in eine gewisse Pflastermasse, welche gegen die feuchten und
übel riechenden Füße herrliche Dienste leistet, auch diese orangegelb
färbt. Es ist Sitte gemeiner Frauen, die Nägel der Hände und Füße so zu
färben.
Der Sklavenmarkt.
Den fühlenden Menschen nimmt nicht leicht etwas lebhafter in Anspruch,
als der Sklavenmarkt.
Wie die Welt anfing, zu glauben, daß Gott die Hände und Fäuste nicht
derb genug geschaffen habe, womit sie sich plagen und züchtigen könne,
entsprangen die Waffen. Diese sind nun die seltsamsten Wappen des
Menschenadels. Mit solchen Gedanken betrachten wir die Karbatschen oder
Peitschen, die aus der Haut des Nilpferdes gearbeitet sein sollen. Dort
werden sie am Eingange eines Hofes verkauft, und deuten den Markt so
gut an, als wäre er mit großen Buchstaben überschrieben. Sklaven in
einem Hofraume, andere in daran liegenden Zimmern, andere hinwieder
oben in Kammern und auf einer Gallerie -- das ist das Sklavenokel.
Die schwarze Farbe, die Blöße der Weiber bis zu den Lenden herab, das
müßige Sitzen oder Liegen der Sklaven auf kleinen Gerüsten (egyptischen
Bettstellen) oder auf dem Boden befremden den Ankömmling in gleichem
Grade. Ich sah keinen Sklaven weinen, manchen lachen und scherzen. Die
meisten waren jung; ein einziges altes Weib erblickte ich. Wie ich das
erste Mal in den Sklavenmarkt trat, mochten an zweihundert Sklaven zum
Verkaufe ausgestellt gewesen sein. In wenigen Tagen waren davon viele
aufgekauft. Die Sklavenverkäufer, welche, mit der Pfeife im Mund,
wie ein Krämer auf den Käufer mit gespannter Seele harren, verübten
vor meinen Augen keine Grausamkeit an den Sklaven. Einer unter ihnen
bemühte sich nicht wenig, ein weißes junges Mädchen, die einzige weiße
oder doch halbweiße Sklavin, mir aufzuschwatzen.
Mehrere Weiber besuchten den Markt und waren eben im Kaufe begriffen,
ohne daß sie die Sklaven berührten. Diese werden zu sehr ungleichen
Preisen losgeschlagen; ein junger Bursche etwa zu 50 bis 60
Reichsgulden und ein ausgewachsenes schwarzes Mädchen zu 120 Gulden R.
W. Auch dem Europäer wird der Kauf von Sklaven gestattet. Auch +er+
erzählt mit Freude oder Reue, was für einen guten Handel von Menschen
er getroffen habe. Die Polizei mischt sich nicht ein, welche Laster
er an den Sklaven, als seinem Eigenthume, abkühlen würde. Ihr gilt
völlig gleich, wenn er zwanzig Sklavinnen, zu jedem beliebigen Zwecke,
erhandeln sollte, selbst wenn sie sich schon zum Mohammetanismus
bekennen.
Jüngere Sklaven zeigten sich noch in ihrer ganzen Nazionaltracht, wie
man bei uns die Wilden abgezeichnet findet. Von einem Gürtel um die
Hüften hangen etwa einen halben Fuß lange Fransen herunter. Den Hals
schmücken Korallen, darunter weiße, welche mit den weißen Zähnen,
und dem Weißen im Auge gegen die schwarze Hautfarbe grell abstechen.
Unter den Mohren gab es selten einen mit schlechten Zähnen. Mehrere
Sklaven waren über und über blatternnarbig; andere litten an einer Art
Krätze, welche man Nilkrätze nennt. Die meisten Weibsleute behielten
den Haarputz aus ihrem Geburtslande, so viel ich weiß, Nubien oder
Abyssinien. Winzig gerollte und ziemlich lange Locken erwecken eine
günstige Meinung; allein der Schmutz widert im höchsten Grade an.
Manche trugen die Locken scheitelförmig.
Der häßliche Geruch, welchen das Zusammenleben vieler Menschen
begleitet, macht den Sklavenmarkt zu einem wenig einladenden Orte.
Die Stiege, welche auf die Gallerie führt, deckt das Garstigste, was
der Mensch von sich wirft, in dem Maße, daß man ihm kaum ausweichen
kann, sofern man jene ersteigen will. Die Unreinigkeiten würden auf
dem Sklavenmarkte wahrscheinlich noch mehr sich häufen, wenn nicht das
Interesse wohlthätig ins Mittel griffe. Zuviel Nachsicht schadet der
Gesundheit -- so studirt man praktisch die ~humaniora~ -- und -- --
kranke Sklaven gelten minder, und todte verderben den Handel ganz. Es
sucht doch allenthalben die Natur an der Unnatur sich zu rächen.
Nirgendwo mag man ernster aufgefordert werden, Betrachtungen über
Selbstständigkeit und Freiheit des Menschen anzustellen, als auf
dem Sklavenmarkte, dort wo nicht die Vernunft über dem Materiellen,
sondern das Geld über der Vernunft steht. Für was Anderes wird denn die
Vernunft angesehen, als für etwas grobes Wägbares, wenn man so und so
viel Gold oder Silber in die eine und die von Gott verliehene Vernunft
in die andere Wagschale legt? Da wird das zerknirschte Herz jubelnd dem
Schöpfer danken, daß man frei geboren ist, und daß man nicht, wie das
Vieh ohne freien Willen, einem Herrschlinge blinden Gehorsam leisten
muß. So lange indeß der Sklavenhandel nicht abgeschafft wird, so lange
ist unser jubelnder Dank nicht völlig ungetrübt von Besorgnissen,
so lange ist Niemand sicher vor dem traurigen, wiewohl für die große
Mehrzahl von Menschen höchst unwahrscheinlichen Schicksale der
Knechtschaft. Sowohl Mitleiden, das man für den Nächsten hegen sollte,
als der mögliche Fall, daß man selbst in Sklaverei gerathen könnte,
fordern so laut die Verstopfung jener unmenschlichen Erwerbsquelle mit
einer Festigkeit, daß sie auf immer versiege.
Das Katzenstift.
Wenn man an der schönen Gâma’ (Tempel) el-Muristân vorbeikommt,
so lenkt man in eine gewölbte Gasse ein. Im Halbdunkel windet man
gleichsam sich fort. Endlich erblickt man ein heiteres Gebäude. Man ist
schon im Hofe des Kadi und Mufti, wo die Katzen gefüttert werden. Das
Gebäude heißt, meines Wissens, das +Muristàn-el-Kadym+. Wir waren noch
zu frühe, um der Fütterung zusehen zu können; wir mußten el-Asser (etwa
viertehalb Stunden nach Mittag) abwarten.
Indeß wir müßig herumstanden, näherte sich uns ein Mann in sehr
freundlichem Tone. Weil wir in dem Hofe des Hohenpriesters oder Mufti
uns befanden, so meinte er, daß wir unsere christliche Religion
abschwören wollen, und er fragte, wer beschnitten zu werden wünsche.
Er bot sich an, die Beschneidung für 20 Para zu unternehmen. So
verteutschte einer der Franken, wenn diesem anders zu trauen war. Es
bedurfte nur eines Jawortes, und wir vier wären sämmtlich, ohne weitern
Vorgang, in einer Viertelstunde Moslim geworden. Wie vieles Fragen,
Bekennen, Schreiben und Laufen dagegen in Europa, bis man in den Schooß
einer andern Kirche treten darf, während doch so viel Zeit aufgeopfert
wird, um Andere zu bekehren, welche Zeit der Mohammetaner in der Regel,
mit der Pfeife Tabak, auf dem Diwan zubringt.
Wir wollten begreiflich keine Mohammetaner werden. Inzwischen folgten
wir der Einladung zum Kadi. Erst traten wir durch den offenen
Gerichtssaal, der leer war; dann schritten wir durch die Vorsäle.
Ein rother Vorhang vertrat an einem Orte die Thüre. Wir wurden hier
durch in den großen Saal geführt, worin sich der Kadi aufhielt. Es
gibt nichts Einfacheres, als den Saal. Den weiten Raum schmückt nicht
eine einzige Geräthschaft, außer dem Diwan, welcher an den Wänden
herumläuft. Daß man keinen Glanz suche. Bloß die Decke des Zimmers war
bemalt, doch nicht mit Figuren und ohne Geschmack. Der Kadi hockte auf
dem Diwan, in einer Ecke am Fenster, die Pfeife im Munde: ein Mann von
etwa vierzig Jahren, mit blassem Angesichte, lieblichem, schwarzem
Auge, und schwarzem Bartbusche. Er trug einen dunkelfarbigen Turban und
Rock. Kein Buch lag ihm zur Seite. Nur las neben ihm ein Mann für sich
ein großes, geschriebenes Blatt.
Wir machten unsere Komplimente, so gut wir konnten. Wir fuhren mit der
Rechten auf Brust, Mund und Stirne, und senkten unsere Köpfe, worauf
die Mützen fein blieben. Der Kadi lud uns ein, Platz zu nehmen. Wir
setzten uns, nach europäischer Art, auf den Diwan. Sogleich wurden wir
mit schwarzem, unversüßtem Kaffee bewirthet. Die Diener trugen ihn in
kleinen Schalen, welche, von bemaltem Porzellan, in einem goldenen
Becher ruhten. Der Kaffee dampfte vor Hitze, wie man ihn in Kairo zu
trinken pflegt. Ich befand mich in einiger Verlegenheit, weil ich ihn
schnell trinken sollte, und ich mir nicht gerne wehe thun wollte. Trotz
meines fleißigen Blasens, als hätte ich verfrorene Hände aufzuwärmen,
und trotz meines langsamen Trinkens, so daß ich als der letzte die
Schale dem auflauernden Diener zurückgab, brennte ich mich doch ein
wenig an der Zunge. Die Gesellschaft fordert allezeit von der Freiheit
ein Opfer.
Fragte der Kadi, ob unser Gewissen in Ordnung wäre, ob wir Beruf
fühlten, es bei den Mohammetanern gehörig einrichten zu lassen. O
nein. Unsere Unterhaltung berührte weltliche Dinge. Er erkundigte sich
nach dem Vaterland eines Jeglichen von uns. Nachdem wir sodann seine
Neugierde und wir mit Herumschauen die unserige befriedigt hatten,
wiederholten wir unsere Komplimente und gingen hinweg.
Endlich war Mahlzeit für die Katzen. Ein Knabe rief mit einem eigenen
Laute, und plötzlich sammelten sich etwa zwölf Katzen. Er warf ihnen
Fleischstücke vor, die sie sogleich verschlangen. Kaum aber lag das
Fleisch auf dem Boden, so wurde der Hofhimmel plötzlich lebendig von
mehr denn einem Dutzende herumflatternder Raubvögel. Diese erfrechten
sich so weit, daß sie das Fleisch zwischen den Katzen wegpickten, und
hart an meinem Kopfe vorbeischwirrten. Die Katzen selbst, auf ihre
Speisen nicht minder versessen, achteten nicht einmal der fliegenden
Räuber. Der Knabe schleuderte einige Male Stücke Fleisch nur ungefähr
in die Luft, und sie fielen nicht mehr herunter; denn die Vögel pickten
im Fluge sie weg. Es ist nicht ohne Werth, zu beobachten, wie sich auch
die Thiere an eine Zeitordnung gewöhnen. Warum sollen denn gewisse
Menschen allein so ordnungslos leben?
Eine Frau, unzweifelhaft eine Liebhaberin der Katzen, stiftete, heißt
es, ein Vermächtniß zu dem Zwecke, daß Katzen, namentlich auch kranke,
gefüttert werden. Somit erklärt sich das Katzenstift. Wahrscheinlich
werden die Pfaffen das Vermächtniß so gut verwalten, daß mehr in ihre
Magen, als in die Katzenmagen spazirt.
Man trifft auch an andern Orten des Islams, z. B. in Damaskus,
Katzenspitäler. „Es ist bräuchlich“, erzählt +Salomon Schweigger+,
„daß die Türken den Katzen und Hunden Almosen geben; denn bei dem
Stifte +Sultan Mehemet-Jeni+ in Konstantinopel pflegen sich durchweg
um Vesperzeit dreißig oder vierzig elende Katzen zu versammeln, und
diesen werfen etliche Türken, die auf demselben Platz vorhanden,
etliche Brocken Fleisch oder gebratene Leber vor, die man an kleinen
Spießlein herumträgt. Solches wird für ein herrlich Almosen gehalten.“
Es liegt ein eigener Zug in dem Mohammetaner, daß er die Katzen so
gütig bepflegt. Es soll daher kommen: Dem Propheten +Mohammet+ warf
eine Katze in den Rockärmel Junge. Um diese aber nicht zu beunruhigen,
schnitt er den Aermel ab. Daraus schlossen die Mohammetaner, daß ihr
Religionsstifter die Katzen verehrte, und darum verehren sie die Katzen
bis auf den heutigen Tag.
Gärten.
Einen ziemlich großen Theil der Stadt nehmen Gärten ein[14]. Doch
fallen sie wenig auf, und gleichsam verstecken sie sich, wie die
Ochsen darin, welche, phlegmatisch in der gleichen Runde herumtappend,
das Wasserrad treiben. Der Europäer geht nicht ohne unangenehme Gefühle
in den Garten, worin der General +Kleber+ ermordet wurde. Der von den
fränkischen Spaziergängern besuchteste Garten ist der +Rosettische+.
Wenn in den europäischen Gärten die Kunst mehr prangt, mehr Nettheit
in der Anordnung, mehr Regelmäßigkeit in der Eintheilung, mehr Fleiß
in der Behandlung angetroffen wird, so übertrifft hier die Natur jene
weitaus an Pracht und Fülle.
Niemand erwartet einen Roman oder eine Novelle aus einem der
Lustgärten, und ich wäre wenig geneigt und, meines Dafürhaltens, nicht
berufen, dergleichen zu schreiben. Nur möchte ich den Wunsch äußern,
daß ein europäischer Romanschreiber, dessen Kopf einen Bankerott
machte, einen Garten von Kairo besuchte. Hier dürfte er einzig seine
Augen aufschließen, und dann in seinem Kämmerlein den Bogen füllen,
es würde der Roman über manche von Europa den Sieg davon tragen, daß
er zugleich die Leserin und den Leser, auf belehrende Weise, in so
abweichende Sitten einweihte.
Die Esbekieh.
Man fühlt sich in den schmalen Gassen, die von hohen Häusern
eingemauert sind, manchmal so beengt wie in einer Felsenkluft. Man
sehnt sich nach einem geräumigen Platze. Das Auge will unumschränkter
sehen, und die Brust freier athmen. Im Freien ist Wonne.
Der berühmte und berüchtigte Platz Esbekieh versöhnt Einen vollkommen.
Bei meiner Ankunft in Kairo bot er das Aussehen eines der reizendsten
Seen dar. Ich konnte mich beinahe nicht satt an dem Wasserspiegel
ergötzen, dessen Rahmen ringsum Häuser vorstellten; weiße neben
schwärzlichen malten ihn bunt, hohe neben niedrigen machten ihn
vielzackig. Ich wandelte am Ufer hin und her, und fortan ergriff mich
die zauberhafte Stelle der Stadt. Ich schwebte in einer Feenwelt. Wo
ist eine europäische Stadt, welche dergleichen besitzt? Der Zauber
wächst bei dem Gedanken, daß der Grund dieses kurz dauernden Sees,
nach der Austrocknung als Spaziergang und Feld benutzt wird. Auf dem
gleichen Platze spaltet abwechselnd zu einer Zeit der Schiffskiel das
Wasser und zur andern das Feldgeräthe den Wassergrund.
Ich weilte in Kairo gerade zur Zeit, da der Esbekiehsee abnahm und nach
und nach fast ganz eintrocknete. Kaum kam der schlammige Boden recht
zum Vorschein, als ihn schon das Grün wuchernd überspann, und wenn ich
zuerst, die ansehnliche Wasserfläche betrachtend, stutzte, daß darunter
in einer andern Jahreszeit die schönsten Feldfrüchte gedeihen sollen,
so ward mir nachher klar, da ich mit eigenen Augen sah, wie die nackt
hervortretende Erde so bald mit einem grünen Teppiche sich bekleidete.
In Egypten zeigt die Natur, ich möchte sagen, ihre Reize unverhüllt. Im
Wesentlichen würde der See nicht gewinnen, wenn der alte Römer seine
Kunst und seinen Luxus daran verschwendete; bloß würde so etwas mehr
berauschen und dem verwöhnten Geschmacke mehr schmeicheln. Wo aber wäre
wohl die Kunst ohne die Natur?
Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner.
Die Bevölkerung Egyptens ist ein Mischmasch aus Türken und Mamelucken,
aus Kopten und Mohren, aus Arabern und Beduinen, aus Juden und Franken
und aus andern Fremdlingen. Erstände +Adam+ aus dem Grabe, er
würde sich verwundern, daß so viele Enkel von verschiedenen Hautfarben,
Religionen und Sprachen im Frieden beisammen wohnen.
Der +Kopte+, der wahrscheinliche Abkömmling der alten Egypzier, und
noch im Besitze einer eigenthümlichen, wenn auch todten, Sprache, ist
nicht groß, aber wohl untersetzt; der Teint weißgelblich; Haupthaare,
Augenbraunen und Iris schwarz; das Gesicht voll, kurz, breit; die
Stirne breit, nicht hoch; die Augen etwas tief liegend, der Blick
mehr brütend, als lebhaft, mehr ernst, als lieblich; die Nase kurz
und ausgebogen; der Mund ziemlich weit gespalten und die Lippen dünn;
die Zähne senkrecht und schön weiß; der Unterkiefer hervorstehend und
stark. Die Koptinnen, so viel ich sah, haben roth gefärbte Fingernägel,
und tragen auf der Haut des Kinnes und in der Nähe des Handgelenkes
blaue Figuren. Sie treffen, unter uns gesagt, den europäischen
Geschmack nicht ganz genau. Man muthmaßt, daß etwa 200,000 Kopten
Egypten bewohnen.
Der +Araber+ bildet weitaus die größte Anzahl der Egypzier. Unter
diesem letztern Namen sind auch vorzugsweise die Araber begriffen,
welche den meisten Boden anbauen. Die Masse der egyptischen Bevölkerung
ist daher kein alter eingeborener Volksstamm, sondern ein im Laufe der
jüngern Zeit eingewanderter und fremder, der sich selbst als fremde zu
betrachten scheint.
Der Araber, in der Regel nicht schön, ist mittelgroß; die Leibesfarbe
schwarzbraun oder auch kaffeebraun; das Haar, wenn es nicht wegrasirt
wird, klein gelockt (doch nicht wollig) und schwarz; der Schädel nicht
geräumig, das Hinterhaupt etwas zugespitzt; die Stirne ziemlich hoch,
nicht breit; die Regenbogenhaut schwarz, die Augenlieder meist dick,
wie aufgewulstet; die Augenbraunen nicht stark; die Nase kurz, die
Flügel weit aus einander gesprengt; der Rücken gerade oder ein wenig
konkav, der Rand der Scheidewand etwas aufwärts geneigt; der Mund groß,
die Lippen dick und auswärts geworfen; die Zähne ein wenig auswärts
stehend, weiß, an einander geschlossen; das Kinn etwas hervorragend,
die Kinnbacken stark; das Ohr wulstig; die Linie von der Nase bis zum
Kinne lang; der Gesichtswinkel demjenigen der Aethiopen sich nähernd.
Das Fleisch ist sehr derbe, der Fettapparat unbedeutend, und die Formen
nehmen einen Grad von Niedlichkeit an, welcher bei den europäischen
plumpen Gebilden, die noch für Vollkommenheiten gehen, vermißt
wird. Also der eigentliche Typus der Araber, welche mit den Weißen
unvermischt sind.
Der schwarzbraune Araber hält das Uebergangsglied zu den Mohren. Die
Mischung dieses Arabers mit Weißen artet in unzählige Mittelformen aus,
welche zuerst den Beobachter verwirren. Des Arabers tiefgelbe Farbe,
seine gebogene Nase, seine breite Stirne, sein starker Gesichtswinkel
u. s. f. zeugen offenbar von der Vermischung und Verwischung der Typen.
Die Weiber werden von den Männern an Schönheit übertroffen, und der
häßlichere Theil ist mithin das schöne Geschlecht.
Es gibt Mädchen, die schön genannt zu werden verdienen, allein zu der
Lieblichkeit einen eigenthümlichen Schmerz ausdrücken; dieser aber
vermehrt nur ihr anziehendes Wesen. Der eigenthümliche Zug, den ich
sonst nirgends wahrnahm, liegt in den Mundwinkeln.
Hauptsächlich um die Schönheit zu erhöhen, zeichnen beide Geschlechter,
nach alter Sitte, verschiedene blaue Figuren auf die Haut des
Vorderarmes und des Handrückens, meist Sterne, z. B. in Zirkelform,
manchmal auch im Zikzak laufende Striche, etwa drei an der Zahl. Die
Weiber haben überdieß blaue, senkrechte Striche auf dem Kinne, manche
-- gefärbte Augendeckel. Es gibt Männer, welche auch auf jeder Seite
der Brust mit blauen Punkten bezeichnet sind. Alle Zeichnungen auf der
Haut erschienen in meinen Augen höchst überflüssig, um nicht zu sagen,
sehr häßlich, und niemals konnte ich mich in den sonderbaren Geschmack
finden. Das Sprichwort freilich will, daß man über den Geschmack nicht
hin- und widerreden dürfe.
Der Kopf der Männer ist, wie beim Morgenländer überhaupt, bis auf
die Haut geschoren. Nur ausnahmsweise tragen gewisse Religiose oder
Heilige[15] fliegende Haare auf dem ganzen Kopfe. Die Muselmänner
lassen übrigens nicht den ganzen Kopf scheren, sondern auf dem Scheitel
eine kleine Scheibe groß Haar wachsen, das manchmal geflochten, bis
zum Nacken herabfliegt, und unter der rothen Mütze mitunter hinten
hervorguckt. Mit diesem Büschel Haare könnte man genau die Tonsur der
römisch-katholischen Priester decken[16]. Ich geißele die Kopfschur
als eine abscheuliche Mode, mögen ihre Bequemlichkeit auf dem heißen
Erdgürtel immerhin manche Franken aus eigener Erfahrung preisen. Wenn
wahr ist, daß das Barbieren unter den Abendländern deswegen aufkam,
weil die gütige Natur, die hoch über die Fürsten erhabene, einmal
einem französischen Könige einen Bart zu schenken vergessen hatte, so
dürfte man mit eben so viel Recht glauben, daß die Morgenländer ihre
Kopfschur einem kahlköpfigen Großen verdanken. Man weiß auch, wie gerne
+Julius Cäsar+ seinen Kopf vertauscht hätte, nämlich seinen kahlen
an einen haarichten, und wie sehr der große Geist sich abmühte, die
ausfallende Kleinigkeit zu ersetzen. Der Bart des Arabers ist schwarz,
undicht, und wird nicht lang. Er zerschiert ihn zu den wunderlichsten
Dingen. Es lassen die Wenigsten ihn ganz stehen; Andere rasiren
bloß einen Halbmond über dem Adamsapfel; die Meisten tragen nur den
Schnurrbart und den Bart neben den Ohren und über dem Kinnbacken, den
Kinntheil nicht ausgenommen. Dies thut so üble Wirkung, als wenn man
einem Hahne den Kragen abschneiden würde.
Die Bewegungen der Araber sind leicht und angenehm, man dürfte
beinahe sagen, graziös. Der Mann geht in gerader Stellung und mit
Schnelligkeit; ebenso das Weib, welches dabei die gebogenen Arme, mit
einer niedlichen Haltung der Finger, ein wenig emporzuheben pflegt.
Die antikförmigen Wasserkrüge trägt es sehr leicht und zierlich. Es
nimmt keine Lasten auf den Rücken, selten auf die eine Schulter. So
darf das Kind ihm wie ein Reiter auf die Achsel sitzen, indem es ein
Bein über die Brust, das andere über den Rücken hängen und mit den
Händen ihren Kopf umklammern läßt. Von dem Weibe selbst wird das
Kleine nicht gefaßt, und ich mußte mich ordentlich wundern, wie sich
kleinere Kinder in dieser Stellung gut zu erhalten wußten, während
die Tragende davon eilte. Der Kopf ist der eigentliche Träger, und
sogar winzige Dinge müssen auf demselben getragen werden. Kauft ein
Mädchen in einer Bude für einen Piaster Kaffee, so wird es ihn auf
dem Kopfe nach Hause bringen. Es wurde in Alexandrien auf eine Mauer,
die man eben aufführte, einmal über das andere so wenig Mörtel und
am Orte der Nachgrabungen so wenig Schutt auf dem Kopfe weggetragen,
daß fast jede Europäerin sich weigern würde, die Wenigkeit zu tragen.
In Kairo wird übrigens so spärlich gebaut, daß man diese Wahrnehmung
nicht immer leicht wiederholen könnte. Der Mann schafft die Lasten am
liebsten so fort, daß er den Strick über die Stirne anlegt, welcher die
Bürde umfängt. Diese liegt am Rücken auf. Er trägt mithin ebenfalls
am liebsten auf dem Kopfe, aber zu gleicher Zeit auf dem Rücken. Etwa
das Wasser, in ein Ziegenfell aufgefaßt, trägt er über einer Schulter,
wie der europäische Jäger seine Waidtasche. Der Lastträger bietet das
Eigenthümliche, daß er, außer dem Singen, auch stöhnt. Es ist dieß mit
nichten gleichsam das letzte Zeichen der Kraftanstrengung, welches das
Mitleiden erregen sollte, sondern der Araber, im Lärmen ein Meister,
sucht sich nur durch das Gestöhne das Geschäfte zu erleichtern. Als
Lastträger macht sich der Araber eben nicht bemerklich; darin aber
thut derselbe es dem Europäer zuvor, daß er leichtere Bewegungen, wie
das Gehen oder Laufen, außerordentlich lange ausdauert, ohne daß er
Speisen oder Getränke zu sich nehmen muß. Dem Araber sind, wenn ich
mich so ausdrücken darf, federleichte Lungen und stählerne Muskelfibern
gegeben. Wollte man den arabischen Soldaten nach den nicht selten
schlechten Kleidern beurtheilen, man würde zur Einseitigkeit verleitet
werden. Zu anhaltenden Märschen, bei kärglicher Nahrung taugt kaum ein
Soldat besser, als der arabische. Neben dem Schatten erblickt man immer
auch Licht.
Was den psychischen Karakter des Arabers anbelangt, so ist er
mohammetanisch finster, und haßt im Grunde seines Herzens den
Andersgläubigen. Viele besitzen bemerkenswerthe Geistesfähigkeiten,
doch keine ausgezeichnete, wofern man nicht zur Annahme berechtigt
ist, daß ein großer Schatz schlummert. Ruhe und Faullenzen geht nicht
bloß dem Alexandrinischen- und Deltaaraber, sondern auch andern über
Alles. Damit er nicht die Mühe zu denken sich geben müsse, leiert er
gedankenlos nach, was seit Jahrhunderten wahrscheinlich schon gesungen
war. Er lebt blind in den Tag hinein; blindlings nimmt er Weiber und
zeugt Kinder. Wenn ihm die Kunst, durch Ersparnisse eine, wo möglich,
sichere Zukunft zu begründen, abgeht, so dürfte man freilich auch
anfragen: Wird in einem Lande, wo das Eigenthum vor der Regierung nicht
sicher steht, zur Sparsamkeit aufgemuntert? Vielleicht beschleicht
den Araber dann und wann der Gedanke, daß er am Ende doch nicht mehr,
als Hungers sterben könne. In ihm wohnt eine wahre Diebesseele, aber
eine feige. Große Diebstähle begeht er nicht leicht, allein keineswegs
aus Gewissensbissen, sondern aus Feigheit oder Trägheit. Am liebsten
stiehlt er Eßwaaren; denn, ein Kind des Augenblickes, weiß er, daß
dieselben ihm ohne ein Weiteres nützen. Um Anderes als Eßwaaren zu
entwenden, wäre schon mehr Ueberlegung erforderlich, z. B. wie man sie
an den Mann bringen könnte, um dafür Nahrung zu bekommen. Immerhin
schaut man jeden Araber für einen Dieb an, und wenn der Fremde nicht
bestohlen werden will, so muß er in Beziehung auf denselben stets auf
der Hut sein. Ein ernstes, muthiges, karakterfestes Benehmen hält ihn
leicht im Zaum. Im Uebrigen ist er von Natur fröhlich und aufgeräumt;
diese Fröhlichkeit und Aufgeräumtheit streift aber mehr an Leichtsinn,
selbst an feile, für den Zuschauer ekele Ausgelassenheit.
Ich beobachtete den +Beduinen+, diesen unsteten Sohn der Wüste, zu
wenig ungestört, als daß ich mir erlaube, von ihm ein Karaktergemälde
zu entwerfen. Er schreitet oder reitet stolz einher, selten ohne
Feuergewehr, Säbel oder Pistolen.
Das Land, wo ein +Josef+, +Moses+ und +Aaron+ gelebt hatten, zählt
immer noch +Kinder Israels+, aber nicht mehr in jenem Hause der
Knechtschaft. Der Mangel an Bekanntschaft mit den Juden Kairo’s nöthigt
mich, den Faden eher abzureißen, als mir lieb ist.
Und die +Franken+ in Kairo will ich hie und da, mehr oder minder leise
berühren. Bloß mag ich es hier nicht thun; denn da sie überall ihre
Besonderheiten, ihr Frankenquartier wollen oder haben, so ist billig,
daß ich ihnen auch in diesen Blättern ein Frankenquartier anweise.
Einzig die +levantischen Christen+, welche ich wegen ihres Anzuges
zuerst immer für Türken hielt, so wie die Griechen, darf ich, ohne eine
große Lücke fühlbar zu machen, mit Stillschweigen übergehen.
Tracht.
Bei der Tracht der Araber muß diejenige des Mannes von derjenigen des
Weibes unterschieden werden.
Der gemeine Araber geht beinahe immer barfuß. Der aufs einfachste
gekleidete hat im Sommer und Winter ein grobes, weißes, gegürtetes
Hemde an, und eine weiße oder rothe Mütze auf. Andere tragen dieses
Hemde und darüber einen grauen, blauen, schwarzen oder weiß und schwarz
gestreiften Rock mit weiten Aermeln (Abba). Zu einer zusammengesetztern
Kleidung gehören weite Hosen, welche, unmittelbar auf dem Leibe
getragen, um den Lenden und unter dem Knie zusammengebunden
werden. Diese zusammengesetzte Kleidung ist jedoch nicht echt
egyptisch-arabisch. Ueber den Röcken auf dem Rücken trägt der Araber
wohl auch ein Thierfell, dessen Pelzseite nach innen gewendet wird.
Außer einem Rocke mit weiten Aermeln, hüllt der Araber sich in einen
Mantel der nicht umschließt, und der oft über beide, meist aber
über die eine oder andere Schulter geworfen wird. Mit diesem Mantel
bekommen die Männer ein alttestamentisches Aussehen, und stattlich
ging derselbe schon unserm Steuermanne. Die Franken in ihren engen
Kleidern erscheinen gegen so gekleidete Araber als närrische Fratzen.
Mich belustigte oftmals, wie der Araber den Mantel in so verschiedenen
Gestalten umhängen konnte. So wenig ich darin etwas Spaßhaftes oder
Spotthaftes fand, so konnte ich mich dennoch der Vergleichung mit
dem geschmeidig die Gestalt wechselnden Hute eines Harlekins nicht
erwehren. Dieser Mantel oder Ueberrock leistet den Arabern die besten
Dienste. Brennt die Sonne, so legen sie sich nieder, und beschatten
damit ihr Angesicht; vor dem Regen schützt er nicht minder wohlthätig,
und Nachts sinkt das müde Haupt auf dieses unentbehrliche Gewand. Die
Kopfbedeckung hält sehr warm. Wer nur die Kosten zu bestreiten vermag,
tragt unmittelbar über dem Kopfe eine weiße Mütze, welche sich zum
Waschen eignet. Diese wird von einer rothen mit einer blauen Troddel
(Fẻs) bedeckt, welche der Turban, eine Auszeichnung des Orientalen,
umfängt. Den kleinen Finger schmückt der Araber mit einem Ringe, z. B.
von Silber.
Die einfachste Kleidung der +Weiber+ ist ein blaues weites Hemde mit
einem Schlitze über der Brust, so daß diese selten vor den Blicken sich
verbirgt; dazu noch ein Kopf- und Gesichtstuch. Die zusammengesetztere
Kleidung erfordert Hosen, die, um die bloßen Lenden geschürzt, in
der Mitte geschlitzt, dabei weit sind und um den Knöcheln enden, wo
sie fest gebunden werden. Das Kopftuch ist viereckig und eine Art
Schleier. Damit wird der ganze Kopf bis zu den Augenbraunen verhüllt,
ohne daß es den übrigen Theil des Gesichtes berührt. Dafür fällt
es in zierlichen Falten über Schultern und Rücken, beinahe bis zu
den Fersen herunter. Dieser Kopfschleier ist nicht immer blau, am
Rande oft buntfarbig gestreift und mit Fransen besetzt. Ein anderes
Kleidungsstück, vielleicht das überflüssigste von allen -- -- das
Gesichtstuch oder der Gesichtsschleier. Diesen stellt ein einige
Zoll oder die Breite des Gesichts haltender schwarzer Lappen vor,
welcher nichts als die Augen frei läßt, abwärts aber das ganze Gesicht
verhüllt, ja manchmal, schmäler werdend, bis zu den Füßen reicht. Was
der offene Brustschlitz des Hemdes unbedeckt läßt, wird bisweilen mehr
oder minder kümmerlich von diesem Gesichtstuche verschleiert. Es wird
durch zwei Bänder befestigt: durch eines, welches in der Quere um den
Kopf herumläuft, und durch ein anderes, welches zwischen den Augen
gerade zum Kopfschleier hinaufsteigt. Das letztere Band wird oft auch
durch eine Kette oder Spange vertreten. Hier schlägt eigentlich der
Putz seinen Hauptsitz auf. Goldstücke, eines unter dem andern, sind in
gerader Linie mitten auf das Gesichtstuch genäht. Diese Goldstücke, oft
christliche Münze, Dukaten z. B., besetzen meist die ganze Länge der
Gesichtskleidung. Die Araberin lockt die Aufmerksamkeit des Mannes auf
das Gold über dem Gesichtstuche, als wollte sie damit andeuten, daß
unter demselben noch mehr Gold glänze. Die Mehrzahl der Weiber trägt
keine Schuhe. Mit Ringen schmücken die Araberinnen Finger und Ohren.
Auch sah ich zwei Weiber mit einem großen Ringe am rechten Nasenflügel.
Es ist ein seltsam Sprichwort: ~Circulus aureus in naribus ejus mulier
pulchra.~
Die Jüdinnen tragen sich ganz levantisch. Ich konnte sie von den
Türkinnen nicht erkennen. Die Franken sind am launigsten. Viele
richten sich nach der Tracht der Morgenländer; Andere halten steif an
dem Europäer, wieder Andern beliebt ein profosmäßiges Durcheinander.
Wenige lassen den Bart ganz wachsen, wie hauptsächlich die Trümmer
des Saint-Simonismus. Klage man noch nicht über die Flatterhaftigkeit
des Franken in seiner Kleidungsart. Die Tracht ist ein Spiegel der
Seele. Jeden Weg, welcher in diese führt, muß der Beobachter willkommen
heißen. Wenn wir gerecht sein wollen, müssen wir im Allgemeinen +die
Flatterhaftigkeit des Frankengeistes+ anklagen, der als ein wahrer
Proteus erscheint. -- Die Griechen verläugnen sich ungleich weniger,
als die Franken.
Speisen und Getränke.
Das Brot macht eine Hauptspeise auch der Araber aus. In Alexandrien
findet man recht schön weißes und schmackhaftes (gesäuertes) Brot
(~pane Francese~), welches aber vom Araber bloß als Leckerbissen
genossen wird. Sein gewöhnliches Brot ist von schlechter
Beschaffenheit. Er nimmt zermahlene Gerste oder anderes Mehl, knetet
bloß mit Wasser einen Teig in einem großen, dicken Napfe, und bäckt
denselben, in Form eines großen, flachen Kuchens, in der heißen Asche.
Dieser Kuchen wird für eine Mahlzeit gebacken und meistens warm
genossen. Er ist nicht unschmackhaft, doch etwas schwer verdaulich.
Besser, als dieses grobe Hausmannsbrot, aber minder fein und weiß als
das ~pane Francese~, ist jenes egyptische Brot, welches arabische
Weiber, z. B. in Alexandrien, mittelst einer breiten Unterlage auf dem
Kopfe in den Gassen herumtragen, und unter Anpreisungen: „Kauf Brot, es
ist schön und gut“, feil bieten.
Die eigentliche Hauptnahrung der dürftigern Klasse sind Datteln,
Feldbohnen (Fûl) und Mais, letzterer als Sange, indem er ohne Weiteres,
wo es angeht, in dem Ofen gesengt (geröstet) und dann abgespeist wird.
Als eine häufige Nahrung dienen auch Zwiebeln und Rüben oder Rettiche.
Beide werden frisch genossen. +Alpinus+ nennt vor allen Speisen saure
Milch und das gekochte Zuckerrohr.
Wenn man delikater essen will, so greift man nach Gallerte (Sulze),
viereckigen oder runden, fetten Kuchen, auch nach kleinen Stücken
fetten Fleisches, die, mit Petersilie durchwürzt, über dem Feuer
geröstet werden u. dgl. Hühner werden viel gegessen[17]. Die Würste
sind von schlechtem Geschmacke, die Zuckerbrote dagegen vortrefflich.
Von Pillau (in kochendem Wasser erweichter und dann mit Butter
gewürzter Reis) hörte ich, wo nicht selten, doch nicht häufig. Der
inländische Reis enthält zugleich viel beigemischtes Salz, entweder
des Gewichtes, oder der bessern Erhaltung willen. Man muß ihn daher,
vor dem Kochen, fleißig schwemmen, und wäscht man das ausgeschwemmte
Salz, so nimmt dieses eine sehr schöne weiße Farbe an, und eignet sich
vortrefflich zum Gebrauche. Das käufliche Salz ist von schmutzig gelber
Farbe und unrein. Die Milch ist gut; die Abendländer aber behaupten,
daß sie zu fett für sie sei. Häufig wird Milch genossen, nachdem sie
künstlich gesäuert, und zum Schlottern gebracht worden. Die Butter
schmeckt gut; man darf nur das Salz auswaschen, ehe man sie genießt.
Wie bei uns der Maibutter, so wird in Egypten der Christmonat- oder
Jennerbutter der Vorzug eingeräumt. Der Käse mürbe, schmackhaft, aber
übersalzen.
Der Araber ißt im Ganzen wenig und frugal, sagten die Alten, und
diese Frugalität hat sich bis auf heute erhalten. Das Rauchen bleibt
immer seine Hauptsache. Gebietet er über die volle Pfeife, so gibt er
sich zufrieden, wenn er vor dem Einschlafen nur wenige Rettiche zu
zerbeißen hat. Die meisten Speisen werden kalt genossen, ohne Löffel
und Gabel. Die gelenkigen Finger müssen diese ungelenken Werkzeuge
vertreten. Man darf die Einfachheit tadeln; aber man muß dann zugleich
die vielfältigen Bedürfnisse und ihre strenge Herrschaft loben. Wenn
irgend eine Regel sich aufstellen ließe, so speist der Araber bei
Sonnenaufgang, bei Sonnenhöhe und nach Sonnenuntergang.
Unter den +Getränken+ steht das schlammige Nilwasser oben an. Es
wird aus dem Nile geschöpft, und in Menge getrunken, ohne vorher
gereinigt zu werden. Es war zur Zeit meines Aufenthaltes, nämlich zur
Ueberschwemmungszeit, im Glase gelblichweiß. Filtrirt man es, was bei
den Großen geschieht, so wird es lauter und farblos. Es gibt in vielen
Häusern Krüge (Bardâka), welche, von einer besondern Erde gebildet, die
Eigenthümlichkeit besitzen, daß sie das Wasser langsam durchsickern
lassen. Dadurch wird es kühl und angenehm. Das Nilwasser wird aus
dem Flusse auf dem Rücken der Kameele in die zahlreichen Zisternen
Kairo’s geschafft, und aus diesen können es die Einwohner unentgeltlich
holen[18].
Man wähne übrigens nicht, daß die Araber sich des berauschenden
Getränkes gänzlich enthalten. Ein solches heißt +Bỏsa+ oder +Busa+,
eine Art Bier, das aus Getreide gegohren wird. Es ist von Farbe
weißgrau und schäumt wie Bier, wenn man es rasch rüttelt. Mit dem
Bỏsa berauschen sich Viele. +Salomo Schweigger+ sagt vom „Bỏsa“,
daß es ein gedörrtes, mit Wasser angerührtes Griesmehl sei, und von
Türken, wie Egypziern getrunken werde. Nach +Prosper Alpinus+ ward
„Bỏsa“ aus Lülchmehl (~farina loliacea~), aus Hanfsamen und Wasser
zu einem Getränke oder zu einem Teige bereitet, und es soll in einem
gleichen oder noch höhern Grade als Hanfkraut (Assis) einen Zustand
der Berauschung, der Entzückung und süßer Träumereien herbeiführen.
Zum feierlichen Konstantinopler-Umzuge vom Jahre 1582 gehören die
+Bosatschi+, so einen graulichen Trank von Brei wie ein Bier machen;
den Laden zogen zwei Ochsen, worin ein Knabe den Brei oder Hirsen
rieb, der andere das Bỏsa oder den Trank bereitete. Gleichermaßen wird
nach +Tavernier+ das „Bỏsa“ mit Hirsen zubereitet und macht, sagt er,
einen Rausch wie der Wein. Allein nach +Burckhardt+ ist Durra der
Lieferungsstoff zum Busa.
Wein oder Branntewein trinkt der gemeine Araber nicht oder selten,
wohl aber der vornehmere Mohammetaner, am liebsten geheim. Ich sah
einen solchen in einer +fränkischen+ Wirthschaft, in welcher beinahe
nur Franken einkehren, so gewandt den Spiritus trinken, daß ich mich
bewogen fand, mich über den Mann zu erkundigen, und ich vernahm, daß
er regelmäßig zuspreche. Es verdient Erwähnung, daß mir auf der Fahrt
von Alexandrien nach Kairo nichts gestohlen wurde, als eine halbe
Flasche Rhum, mein ganzer Rest. Ich sah zwar während derselben keinen
Barkenknecht nach dem geistigen Getränke langen, oder sich damit
berauschen, welche Enthaltsamkeit den Europäer angenehm überraschte;
selbst als man mir einen kranken Barkenknecht vorstellte, und ich
ihn Rhum trinken hieß, so geberdete er sich ziemlich unwillig, und
schluckte möglichst in Duodez. Indessen konnte die Lüsternheit im
Verborgenen nicht gefehlt haben. Ueberall wird der Damm, welcher
der Trunkenheit wehren sollte, eingerissen. Sollte man es nicht dem
Schöpfer klagen, daß er den Menschen Vernunft gab, weil sie, nur
vermöge dieser himmlischen Gabe, so viel Mittel erdenken können, um
dieselbe in ihrer Thätigkeit zu verirren oder zu hemmen?
Von einem echt morgenländischen, und wenn auch nicht unter den Fellah,
doch unter der wohlhabendern Klasse sehr häufigen Getränke will ich so
eben besonders reden.
Kaffeehäuser.
Es gibt sehr viel Kaffeehäuser. Ich besuchte dasjenige, welches nach
fränkischer Weise eingerichtet war. Im Vorübergehen konnte ich wohl die
egyptischen sehen. Sie liefern aber, ihrer Einfachheit willen, wenig
Stoff zum Beschreiben. Sähe man nicht einen Kochofen und die rauchende
Kaffeeschale, so würde man das Kaffeehaus verkennen; man müßte vielmehr
glauben, daß die Leute nur deßwegen den einsamen Diwan belagern, um
Tabak zu rauchen. Allerdings ist in einem Kaffeehause das Tabakrauchen
nicht das Geringste, und der Egypzier läßt sich nicht minder gern mit
Pfeife und Tabak bedienen, als mit Kaffee. Die Morgenländer genießen
den Kaffee ohne Milch und ohne Zucker. Die Franken heißen einen solchen
Kaffee türkischen (~alla Turca~).
Der Genuß des Kaffees ist in einem großen Theile der Welt gleichsam
zum Bedürfnisse geworden, und tausend +Napoleone+ wären wahrscheinlich
nicht im Stande, ihn vom Erdballe zu verbannen. Und doch haben unsere
alten Vorväter vor nicht einmal anderthalb Jahrhunderten ohne den
Kaffee gelebt.
Es macht ungemein viel Spaß, wenn man über den Kaffee, als ein den
Abendländern unbekanntes Getränke, in den Beschreibungen derjenigen
lieset, welche Egypten und Konstantinopel gegen Ende des sechszehnten
und zu Anfange des siebenzehnten Jahrhunderts besucht haben.
Ich führe zuerst +Salomo Schweigger+, welcher im Jahr 1581 in Egypten
war, redend ein: Ein anderes Trank wird +Chaube+ genannt, welches man
in den Tabernen ausschenkt, ist schwarzbraun von Farbe. Das gebrauchen
Etliche des Morgens. Da versammeln sich viel Türken (des Egyptenlandes)
vor der Taberna, lassen ihrer etliche in einer Kumpanei ihnen eine
Schale oder ein irdenes Schüsselein voll nach dem andern hergeben. Das
trinken sie nach einander fein höflich aus, so heiß, als sie es mögen
erleiden. Gleichwie das deutsche gemeine Volk den Branntewein oder
Wermuthsgeist des Morgens trinkt, also soll jenes auch den Magen zu
erwärmen dienstlich sein.
+Prosper Alpinus+, welcher im nämlichen Jahre, gleich auf +Schweigger+,
nach Egypten kam, gibt eine genaue Beschreibung von dem Absude
(~decoctum~) +Chaova+. Sehr häufig im Gebrauche, sagt er, ist der Absud
+Chaova+, welchen man aus gewissen schwarzen, den Bohnen ähnlichen
Samen zu bereiten pflegt. Er wird übrigens auch aus den Samendecken
bereitet, und im letzteren Falle zeigt er sich kräftiger. Die
Bereitungsart ist folgende: Man nimmt anderthalb Pfund von den Hüllen
befreite Samen, röstet diese ein wenig über dem Feuer und siedet sie
in zwanzig Pfund Wasser, während Andere von den gerösteten und in
kleine Stücke zerbröckelten Samen einen Aufguß machen und solche einen
Tag lang am Wasser stehen lassen, diejenigen aber, welche die Samen
ohne Aufguß behandeln, die Hälfte Wasser einkochen. Die durchgeseihte
Abkochung dient in wohl verschlossenen irdenen Gefäßen zum Gebrauche.
Werden die Samendecken abgekocht, so nimmt man davon sechs bis neun
Unzen auf zwanzig Pfund Wasser, wovon die Hälfte eingekocht wird. Der
Same heißt +bon+, und den Baum, welcher ihn trägt, sah ich in dem
Garten eines türkischen Bei, wohin er aus Arabien verpflanzt war. Die
Egypzier sind dem +Chaova+ nicht minder leidenschaftlich ergeben, als
die Franken in ihren Kneipen dem Weine.
In der „Hoffhaltung des Türckhischen Keysers,“ worin ein im Jahr 1582
zu Konstantinopel gehaltener feierlicher Umzug beschrieben wird, heißt
es: „Die +Caahuetschi+, so einen schwarzen, warmen Trank verkaufen,
welcher zu Verdauung der Speisen, +Verhinderung des Schlafes+ und der
Traurigkeit dienen soll, mit rothen und weißen Fahnen, darinnen etliche
Buchstaben. Zwei und dreißig haben Verehrung getragen; der andern,
Knaben, jungen Leute und Meister, sind in die zweihundert gewesen.“
+Johann Jakob Ammann+, welcher im Jahr 1612 in Konstantinopel
weilte, läßt sich dahin vernehmen: „Auch haben die Türken noch andere
Wirthshäuser, darinnen die Wirthe nichts Anders geben, als schwarz
Wasser zu trinken, von ihnen +Gahwe+ und von Arabern Lorbeeren genannt,
welches mehrentheils von Gerste und andern Sachen gemacht wird. Sie
kochen ganze Kessel voll, pflegen es den Gästen in kleinen irdenen
oder porzellanenen Schüsseln siedheiß zu geben. Solches trinken die
Türken, wie auch die Araber, so warm sie immer können, jederzeit ein
Schlücklein auf einmal, bis es aus ist. Welches gar ein gemeiner Brauch
bei ihnen, dieses Wasser zu trinken, bei Tage, wie auch Morgens und
Abends. Etwa bei fünfzig mehr und minder sitzen da und dort beisammen;
währet oft lang mit Trinken, Reden und Konversiren; wird aber Keiner
von dem gedachten Wasser betrunken. Sie vermeinen, es trockne die
Flüsse auf, und sei gar ein gesundes Wasser.“
Ich vergesse des +Adam Wenner+ nicht, welcher im Jahr 1616 nach
Konstantinopel gereiset ist. „Die Kafuannen,“ sagt er, „sind Häuser,
in welchen schwarz Wasser gesotten und von Türken und Andern täglich
warm getrunken wird, so dem Magen und sonst sehr dienlich. Sie sitzen
gemeiniglich einen halben Tag dabei, spielen im Schach und Bret
(darinnen sie trefflich erfahren), aber um kein aufgesetzt Geld,
sondern wer für den Andern die Zeche zahlt. Eben an solchen Orten
finden sich auch Personen, welche unterdessen von ihrer Kaiser und
anderer Vorfahren Thaten, auch Historien öffentlich lesen, und hernach
deßwegen von den umsitzenden Zuhörern etwas Geld bekommen.“
Wie mühsam mußte man ehemals thun, um sich den Abendländern
verständlich zu machen, daß von Kaffee die Rede sei. Dieser Fremdling
war damals ein selten Ding in der großen Schatzkammer der Gelehrten,
und jetzt kennt ihn jedwedes Kind. Haben +Rauwolf+ und +Schweigger+,
+Alpinus+ und +Ammann+, +Wenner+ und Andere geahnt, daß das schwarze
Wasser einst eine Weltherrschaft ausüben, und die besorglichen Aerzte
des Abendlandes dasselbe beklagen werden? Die Götter allein entziffern
die Zukunft.
Schneller Justizgang.
In Egypten wird gerichtet und sogleich vollzogen. Das hat wohl sein
Gutes, aber auch sein Schlimmes. Durch den +langsamen+ Gang der Justiz
windet sich am Ende mancher Schuldige hinweg, und im +kurzen+ Gange
wird mancher Unschuldige erdrückt.
Ein Deutscher geht mit einer Flinte auf die Jagd. Auf dem Wege
bleibt er in einer Nilbarke über Nacht. Er legt seine Flinte neben
sich. Morgen ist sie nicht mehr. Er wendet sich an die Polizei; der
Barkenführer (el-Reis) mit ihm. Der Polizeidirektor läßt auf den
Vortrag des Franken, ohne weitere Umstände, dem Barkenführer hundert
und zwanzig Hiebe auf die Fußsohlen messen, weil er nicht besser für
das Eigenthum des Reisenden gesorgt habe, und es kaum möglich sei, daß
ohne sein Einverständniß hätte etwas gestohlen werden können. Zugleich
muß der Reis für den Schaden einstehen.
Das ist ein Beispiel von dem schnellen egyptischen Justizgange; der
Fall ereignete sich eben während meines Aufenthaltes in Kairo.
Die Sache von geringem Belange richtet und exequirt der Franke selbst.
Hochmüthig treibt er sich ordentlich in Kairo mit der Peitsche herum,
und traktirt damit den Araber, sobald dieser ihm nicht den Weg
räumt. Lebt in Egypten nicht noch die alte flotte Zeit der deutschen
Studenten, welche eben so hoch über die obskuren Philister trabten?
Andere Male regalirt der Franke mit Stockschlägen, mit Ohrfeigen oder
Fußstreichen. Kaum wehrt sich der Araber dagegen; viel weniger würde er
Gleiches mit Gleichem vergelten. Wie müssen die Leute gesunken sein,
welche, der Zahl nach, die Herrscher des Landes sein könnten, und sich
von Fremden, ich will nicht sagen, von Andersgläubigen, auf eine Weise
mißhandeln lassen, wie man in Europa nicht überall die Thiere behandelt.
Der egyptische Tanz.
Man machte früher viel Aufhebens von den Bajaderen. Man bekommt sie
heutzutage minder oft zu sehen. Gleichsam ein Spiel des Zufalles rief
mich auf den Schauplatz des so seltsamen Tanzes.
Ein arabisches, züchtig gekleidetes Mädchen oder, wenn ich der
Versicherung trauen darf, gar ein Soldatenweib stellte sich in die
Mitte des Zimmers. Es wollte seinen Gesichtsschleier nicht lüften,
denn ein häßlicher Mund versäuerte das sonst süßliche Gesicht.
Nirgends zeigt man dasjenige gerne, was eine vortheilhafte Meinung
trüben könnte. Die Hände stemmte die Tänzerin auf die Flanken des
Leibes. Nun bestand der Tanz darin, daß das Mädchen die Hüften rasch
in die mannigfachsten Bewegungen setzte, während der Körper, so viel
als möglich, steif gehalten wurde. Dieß nahm ein ganz sonderbares
Aussehen an, und ich mußte die eigenthümliche Art, das Becken zu
bewegen, in der That bewundern. Der Schein meiner Bilder blieb weit
hinter der Wirklichkeit zurück. Diese Bewegungen kosteten gewiß
Mühe und Anstrengung[19], letztere augenscheinlich in dem Maße, daß
den tiefbraunen Grund des Gesichtes ein dunkles Blau überflog. Mit
den Füßen machte das Mädchen wenig Bewegungen, nicht einmal viel
trippelte es, und nicht das Kreisende zeichnet den egyptischen Tanz
aus. Die Bajaderen singen wohl auch; unsere ließ sich selten hören. Ein
ältliches Weib pauckte mit ausgelassenen Geberden und schmetterndem
Sange einen Tambour zum Tanze.
Nachdem die junge Bajadere ihre Rolle geendet, wollte auch die ältere
Matrone eine übernehmen. Sie schürzte den Rock ein wenig auf, und
gürtete ihn also um den Leib. Wie wahnsinnig trieb sie den Schooß nach
allen Richtungen. Das Alter schützt vor Thorheit nicht. Jetzt bedurfte
ich nicht des Mehrern, um mich von dem Unanständigen des Tanzes
vollkommen zu überzeugen.
Noch unanständiger erscheint der Tanz beim Manne. Er schürzt ebenso den
Rock auf, und rüttelt auf gleiche Weise das Becken. Derjenige Tänzer,
welcher seine Fantasien auf unserer Nilfahrt zum Beßten gab, führte
auch ein Stöckchen in der Faust, und Männer an der Reihe klatschten mit
den Händen den Takt.
Wenn der Fremde diesem Beckentanze zuerst zuschaut, so kann er Anfangs
wohl das Lachen nicht verhalten. Nachher gewinnt er Zeit, seine
moralischen Betrachtungen anzustellen.
Ich möchte den egyptischen Tanz nicht verlassen, ohne einer
Merkwürdigkeit aus dem Jahre 1582 zu gedenken.
An dem mehrerwähnten großen Prachtzug, zu Ehren des neubeschnittenen
kaiserlichen Prinzen +Mehemet+, schloß sich der Dulumtschi-Pascha
oder der Hauptmann der Fünfhundert mit den geschmierten Ziegenhäuten.
Er entblößte sich oberhalb des Gürtels, entkleidete sich bis aufs
Hemde, geberdete sich seltsam mit Kopf und Augen, Händen und Füßen.
Hierauf zog er das Hemde über den Kopf, machte in dünnen leinenen Hosen
seltsame Sprünge, tanzte, zog den Bauch bald ein, bald trieb er ihn
hervor, warf die Hüften hin und her, daß es schändlich und abscheulich
zu sehen war. Allein die Türken fanden daran Wohlgefallen, lachten
des Tänzers und lobten ihn. Es wäre freilich voreilig, von dieser
Einzelnheit auf den sittlichen Karakter überhaupt zu schließen. Große
Volksfeste haben jederzeit einzelne Ausbrüche von Rohheit in ihrem
Gefolge.
Der Brautzug.
Voran lärmen Tambour und Pauken. Hier Männer, dort Knaben, hier
ein Halbblinder, dort ein Zerlumpter schlagen darauf los: Alle in
Unordnung, in ungleicher Reihe, in ungleichem Schritte, ohne Ernst,
herumgaffend, und die Knebel oder Stäbchen scheinen ohne Takt auf die
Felle zu fallen, wie die Regentropfen auf die Erde. Im Reiche der
Töne Mangel an Takt, wie an den Gebäuden Mangel an Ebenmaß. Daß dem
Egypzier etwas gefalle, muß es ein Spiel der Einbildung sein, das
kaum Schranken kennt. Jetzt kommen hübsch geputzte Knaben in besserer
Reihe, in geschlossener Ordnung. Sie tragen schönfarbige Krüge von
antiker Form. Daraus sprengen sie wohlriechende Flüssigkeiten; so das
Rosenwasser, welches, wie frische Rosen im Garten, den süßen Geruch
düftet. Die Weiber mit ihren Lappen über das Gesicht, diese Masken
schreiten zierlicher daher, je zwei neben einander, eines mehr wie das
andere bestrebt, damit hochlaut aus ihrer Kehle das Freudengeschrei
erschalle, welches dem Froschgequak am Nile oder dem Laute ähnlich ist,
wenn bei uns die Kinder, die Stimme erhebend, mit dem Finger über die
etwas hervorgestreckten Lippen auf- und abwärts klimpern. Je näher
dem Traghimmel, desto schmuckreicher die Weiber; ihr Gesichtsschleier
prangt von größern und kleinern Goldstücken, und sie heben ihre
Arme aus den weiten, faltigen Seidengewändern, gleich dem Priester,
welcher das Volk benedeit. Einen runden Wedel, auf dessen einer Seite
die Eitelkeit ein Spiegelchen anbrachte, hält ein Weib in der Hand.
Es bietet alle seine Rührigkeit auf, damit die Braut zu befächeln.
Andere Weiber spritzen wohlriechende Flüssigkeiten. Männer mit kleinen
Stäben gebieten und schaffen zur Seite links und rechts Ordnung. In
der Mitte zwei schön gekleideter Weiber, unter dem von vier Männern
getragenen blutrothen Baldachin +erblickst du die Braut+. Der Europäer
möchte gern ihre Schönheit bewundern. Vergeblich; sie ist in einem
rothen Schleier so ganz und gar verhüllt. Den Kopf kleidet fürstlich
ein kronartiger Aufsatz. Um die Stirne und das Gesicht drängt sich
ein Goldstück an das andere, ein Edelstein an den andern; die Braut
legt mit morgenländischer Ueppigkeit hier Alles zur Schau, was sie
nur Glänzendes auftreiben konnte. Geblendet von den ausgehängten
Kostbarkeiten, wünscht man beinahe nicht weiter zu schauen, obschon
das Geheimnißvolle die Neugierde stachelt; denn man fürchtet, bei
gelichtetem Schleier, mit getäuschter Phantasie das Auge wegwenden zu
müssen. Hinter dem Baldachine schalmeien sie in das Getümmel der Pauken
und Tambour. Langsam schreitet der Zug, aber immer noch rasch für das
neugierige Auge, um das Mannigfaltige aufzufassen.
Wenn der Zug mehr oder weniger pompös ist, so gibt es noch manche
Zugaben und Anderes mangelt.
Einmal gerieth der Brautzug ins Gedränge in einer ziemlich schmalen
Gasse; denn es kam ein langer Zug Kameele, deren Ladung am Bauche
wie ein Kobold hin- und herpurzelte, und durch ihre Gespenstergröße
die Gasse buchstäblich mehr als halb füllte. Ich befand mich eben
am Baldachine, und die kleine Braut rückte mir nahe. Nur ihre Nase
prägte sich unter dem anliegenden, rothen Schleier aus. Die Sonne
lauerte fortwährend hinter dem rosigen Gewölke. Auf der Stelle ward die
Bedrängte von dienstbaren Geistern umringt, und ein Schwarm von Fingern
flog auf den Kopf, seinen Putz zu halten, nicht anders, als führe man
eine Glasfigur herum, die man an dieser gefährlichen Stelle mit allen
Händen beschirmen müsse, auf daß sie ja nicht breche.
An der äußerst reich ausgeschmückten Mohammetanerin fiel mir ein
goldenes Kreuz auf, welches von der Stirne herunter hing. Dieser
Theil des Kopfputzes war wahrscheinlich ursprünglich im Besitze der
Christen. Putzliebe überwiegt nicht selten sogar religiösen Skrupel.
Die Mohammetanerin fragt wenig nach der Form, wenn nur Glanz, nur Gold,
nur Flitter. Sie versteht die mit Brüchen rechnende Engherzigkeit
mancher Protestantinnen nicht, welche, Gott weiß, wie tief sie in die
Finsterniß des Papstthums plötzlich gerathen würden, wenn sich einmal
ein Kreuz auf ihre Stirne verirrte.
Wo der Brautzug aufhörte, und wie die weiteren Festlichkeiten waren,
dessen war ich nicht Zeuge, und das ist der Grund, warum ich nicht
davon rede.
Der Leichenzug.
Knaben mit fröhlichen Mienen gehen voran in Reihe und schlagen
Liedeslärm. Ihnen folgen blinde Männer, Hand in Hand, mit vereintem
Gesang, ohne Sinn für einen geregelten Zug. Drei Männer tragen
hier einen vierkantigen, dort einen mit einer Firste versehenen
fünfkantigen, so flüchtig verfertigten, breternen Sarg, daß der Blick
in die Fugen unschwer sich stiehlt. Von ihm erhebt sich ein Turban,
auf dem Sarge das Kreuz des Mohammetaners. Liegt ein Mann in den
Bretern, so werden sie mit einem rothen Tuche umwunden, beim Weibe --
drängt sich dessen Kopfschmuck darum. Hinter dem Sarge selten ein
Mann, aber Weiber, verwandte und bekannte, voll bitterer Klagen über
den Verlust. Die Hände und das Gesicht dieser Klageweiber sind, zum
Zeichen der Trauer, blau gefärbt. Am Nile das Trauerblau, bei uns
das Trauerschwarz, anderwärts das Trauerweiß, -- was ist denn die
Trauerfarbe? Ein hellblaues Tuch, um in der Schilderung fortzufahren,
umflattert über dem gewöhnlichen Schleier den Kopf, -- und ein blaues
Tuch, an den Zipfeln mit beiden Händen fassend, schleudern die
Klagefrauen mit gellendem Schrei gegen den Sarg, als wollten sie dem
Sensentrager die Beute abringen. Nur die weiblichen Verwandten tragen
die blaue Trauerfarbe, kein einziges Trauerzeichen die Uebrigen.
Ach, der Todte bleibt todt, todtenbleich und todtenstarr, mögen ihm die
Einen leise nachweinen oder laut nachschluchzen, die Andern gellend
nachschreien.
In Alexandrien hörte ich von einem Hause herab zuerst den unvergeßlich
gellenden Lärm; ich wußte nicht, ob von einigen verrückten oder im
Zanke begriffenen Weibern. Ich stand wie verdutzt da, als man mir die
Erscheinung dahin aufklärte, daß darin eine Person gestorben wäre, und
daß, zur Bezeugung der Trauer, so lange in demselben Hause geschrieen,
bis sie daraus getragen wurde. Es wäre manchmal an einem Trauerfalle
so genug, daß man diesen nicht überlaut verkündigen oder amplifiziren
dürfte.
Der Straßensänger.
Da steht ein Jüngling, der mit der einen Hand das Ohr zuhält, mit der
andern dann und wann hinter den schwarzbraunen Nacken fährt. Er scheint
+Galls+ Tonorgan nachfühlen zu wollen. Er trägt eine Mütze und eine
Jacke, weiter aber keinen Faden am Leibe. Das ist ein Sänger in einer
der Hauptstädte des osmanischen Reichs.
Die Stimme klang nicht unangenehm; aber wenig Wechsel in der Singweise,
zum Unglücke verstand ich kein Wort. Ich zweifle nicht, daß Alles
artig und poetisch gewesen sei; denn es hatte ja sich in dem Sänger
selbst der Ausbund von Poesie personifizirt. Was ich gut verstand
und mich zum herzlichen Lachen rührte, war das Gekrähe eines jungen
Hahns, das Gebell eines Schoßhündchens und das Gefauche einer Katze,
welche anmuthigen Töne der Virtuose nach jeder Strophe vortrefflich
nachahmte. Die Nachahmung der Thiere ist freilich mehr ergötzlich, als
des Menschen würdig.
Der Europäer meinte in Egypten, er lebe in einer ganz andern Welt,
wenn ihn nur zur rechten Zeit und zur Unzeit, mit Erlaubniß zu sagen,
die Flöhe und die Wanzen nicht stächen, wenn nur die Sonne viereckig
und der Mond hornlos, das Feuer kalt und das Wasser trocken wären,
wenn nur, worauf es eben jetzt ankommt, nach einer andern Melodie die
Hähne krähten, die Hunde bellten, die Katzen fauchten; aber sogar
die egyptischen +Menschen+ kennt der Europäer auf dem Resonanzboden
Europas, wenn sie schwatzen, wie die egyptischen Hähne, Hunde und
Katzen. Dagegen liefert Europa manchmal Konterfeie seiner selbst,
welche dem Urbilde gleichen wie John Bull einem Känguruh.
Der Versteigerer.
Um etwas dem Meistbietenden zu überlassen, sind in Europa erst lange
Berathungen, Edikte, Zeitungen, Lizitazionskommissarien nöthig. Niemand
versteht besser, auf krummem Wege das Ziel zu verfolgen, als der
Abendländer.
Ein Araber ging in die Frankengasse, in der Hand ein Hausgeräthe, womit
er die Schaulust möglichst reizte, und rief den Preis desselben mit
lauter Stimme aus. Er hört aus einer Bude ein Gebot; er wiederholt es;
aus einer andern Bude vernimmt er ein höheres Gebot; er wiederholt
auch dieses. Hin- und herrennend, als hätten ihn die Bremsen angebohrt,
wiederholt er die Gebote, bald in arabischer, bald in italienischer
Sprache. Sobald die Gebote nicht höher steigen, und das höchste dem
Versteigerer anständig ist, so überläßt derselbe den Gegenstand dem
Meistbietenden. Hier befindet sich der Araber in der That auf dem
rechten Flecke, wo es ihm denn trefflich zu Statten kommen mag, daß er
so gerne lärmt und schreit.
Der Barbier.
Es ist ein kurios Ding um den Bart, daß er am Antlitze des Mannes zur
Schererei entsprossen sein soll.
Die bessern Barbierstuben Kairos sind prächtig ausgestattet. An die
Wände lehnen sich unbewegliche Reihen schnörkelhafter Sitze von hartem
Holze, wie in einem Kirchenchore.
Da zwängt man Einem den Kopf über die Brust, um die Schwarte nackt zu
scheren; dort wird die Lippe straff angestreckt, um die Mundwinkel
auszuputzen, dort der Kopf rücklings umgebogen, über dem Adamsapfel
einen Streifen wegzubarbieren. Wenn in einer Stube Mehrere barbiert
werden, so machen die Köpfe so verschiedene Richtungen, als wären sie
aufs allergutmüthigste illuminirt. In den Barbierstuben wird man nicht
in hockender Stellung rasirt, wohl aber auf den Gassen. Der Barbier
schneidet die Stoppeln völlig auf der Haut, schier wie ätzend, und
er versteht in Summa seine Kunst meisterhaft. Leicht handhabt er das
scharfe Messer, es bald auf- bald abwärts, bald seitwärts führend
über fast alle Theile des Kopfes. Jeder mag sich im runden Spiegel,
welcher, in einen schmucken Rahmen gefaßt, von dem Barbier mit
Selbstzufriedenheit unfehlbar dargeboten wird, selbst überzeugen, ob
ich in guten Treuen schilderte.
Der Lagerstellenmacher.
Die Lagerstellen der Egypzier haben etwas eigenthümliches, da sie
gleich einem Käfiche zusammengestäbelt sind. Lagerstellenmacher, wie
hier, dürften in Europa schwerlich gefunden werden. Die Noth schuf im
Nilthale die Eigenthümlichkeit; es gebricht an größerm Holze, welches
den Hobel zuläßt.
Der Lagerstellenmacher besitzt keine Bude; er begnügt sich, in dem
Winkel einer Gasse oder sonst wo zu hocken. Ein Schneide- und ein
Hohlmesser sind seine Werkzeuge. Mit ersterm schnitzelt er die
Holzstäbchen etwas zurecht, und gibt ihnen die gehörige Länge; mit
letzterm schlägt er Oeffnungen, dadurch die rundlichen Stäbchen zu
ziehen.
Kein Pinsel beleidigt je diese Lagerstellen. Sie tragen den Schweren,
wie den Leichten, den Müden wie den Muntern, den Schlafenden wie
den Wachenden; dem Sünder aber nehmen sie die Last seines Herzens
ebenso wenig ab, auf daß ihn eher der sanfte Schlaf erquicke, als die
europäischen köstlichen und bequemen Bettstellen solch ein Wunder zu
bewirken vermögen.
Der Glaser.
Als ich die Einsetzung von Scheiben verlangte, kamen zwei Menschen,
ein gesetzter Mann und ein Jüngling von etwa sechszehn Jahren. Der
Kontrakt in Betreff der Scheiben war bereits geschlossen. Wer sich eine
Bedeutung geben will, muß doch die Kleinigkeiten umständlich behandeln.
Der Glaser ließ sich auf den Boden nieder; der Gehülfe ihm gegenüber.
Sorgfältig schlug jener die hölzernen Nägel aus den Fensterrahmen.
Er arbeitete langsam, aber sicher; so war sein Augenmaß. Statt eines
Diamants bediente er sich eines Bröckchens Granit. Wenn dieser nicht
tief genug schnitt, so führte er ihn auch über die Rückseite des
Glases. Dann ballte er die rechte Hand, nahm die Scheibe zwischen den
Zeigefinger und den auslangenden Daumen, und drückte solchergestalt
mit Behutsamkeit abwärts, um das Glas über den Riß abzubrechen. Dieß
gelang ihm freilich nicht, daß er eine schöne, ebene Linie bekam, doch
brach er auch nicht fehl.
Ich glaube, der beste europäische Glasermeister würde mit einem solchen
Hülfsmittel kaum besser das Glas gebrochen haben. Es ist immer eine
Kunst, mit Wenigem gehörig auszureichen.
Der Schuhmacher.
Ohne eine lederne oder tüchene Schürze, ohne pechschwarze Hände
+sitzt+ der Schuhmacher auf einem niedrigen Stuhle vor einem runden,
ebenfalls niedrigen Tische, welcher der Querabschnitt eines Baumstammes
und auf drei breite Füße gestützt ist. Die Schuhleisten weichen von
den europäischen kaum ab, wenn nicht darin, daß sie, ohne den Moden
unterworfen zu sein, alle spitz sind. Wie oft wird der europäische
Schuhmacher durch die Modesucht Anderer geplagt, und wie ruhig kann
deßhalb der egyptische schlafen. Der Flattersinn der Modenjournalisten
erzeugt fürwahr eine Menge Qualen.
Mit einem Stücke Messing, welches die Form eines Mörserpistills, nur
eine breitere Birne zum Schlagen hat und kürzer ist, werden Leder
und Nähte geklopft. Flink schneidet dasselbe mit einem leichten
Schroteisen der Schuster, der überhaupt mit einer großen Fertigkeit
arbeitet. Der Mohammetaner näht nicht mit Schweinborsten, weil nach
seiner Ansicht Alles, was vom Schweine kommt, unrein macht. Den gelben
und grobkörnigen Stoff oder den Kleister, womit ein Lederstück auf das
andere gekleibt wird, erkannte ich nicht. Die egyptischen Schuhe sind
dem Klima angemessen: leicht, halten sie wenig warm, werden aber bald
durchnäßt.
Der Töpferwaarenflicker.
In einem Lande, wo man mit schönen Porzellangefäßen so viel Aufwand
treibt, ist es oft keine Kleinigkeit, wenn etwa eines bricht. Porzellan
kommt hoch zu stehen, und so wird leicht erhellen, daß man sich Mühe
gibt, die Bruchstücke zu einem Ganzen zu vereinigen.
In Europa fehlt es nicht an gutem Kitte für Töpferwaaren; doch hält
selten einer längere Zeit, und in die Bauernhäuser fand er den Weg noch
nicht. Sehr pfuschermäßig werden bei uns die Bruchstücke mit einem
Drahte auf die Weise zusammengeheftet, daß er, nachdem er an beiden
Enden sich berührt, gezwirnet, und an das Gefäß gedrückt wird.
Was ist denn das für eine Bude? fragte ich mich, als ich darin einen
Haufen gemalter Scherben, davon die meisten von Porzellan, erblickte.
Ein Mann hockte an der einen Wand, und bog den rechten Fuß auf den
linken Schenkel. Er legte eine Scherbe auf die große Zehe, an der
Stelle, wo er bohren wollte. Ohne jene mit einer Hand zu fixiren,
setzte er den Bohrer an. Diesen brachte er mit einer Art Geigenbogen
in Bewegung. Nämlich die Schnur des letztern umschlang den Bohrer
einmal, ungefähr in der Mitte, und indem der Arbeiter den Bogen hin-
und herbewegte, drehte sich der Bohrer bald rechts, bald links um
die Achse. Das Loch ließ der gewandte Handwerker nicht durchdringen.
Nachdem zu den Seiten des Bruches ein Loch neben dem andern angebracht
war, wurde der klammerförmige Draht, indem er quer über den Bruch sich
zog, unter sanften Schlägen eingehämmert. Die Bruch- und Bohrstelle
bestrich der Tausendkünstler mit einem Kitte, welchen er sogleich
bereitete. Er knetete bloß Eierklar und Gips ohne Feuer zu einem Teige.
Ich darf nicht erst beifügen, daß die Hefte beinahe niedlich aussahen,
und an der innern Seite des Gefässes nahm man sie nicht einmal
wahr, eben weil die Bohröffnungen nicht durchdrangen. Die fleißige
Arbeit verfehlt den Beifall nicht, und schiene sie selbst ihrer
Geringfügigkeit willen keinen Fleiß zu verdienen.
Die Missionarien.
Das protestantische Frommthum und Frommthun bewacht Kairo mit nicht
weniger denn drei Missionarien, und zwar mit lauter Teutschen:
+Kruse+, +Lieder+ und +Müller+. Ich erblickte in diesem Missionariate
weniger minder, als protestantischen Luxus. Die vielen Bemühungen,
bisweilen nicht ohne übertriebenen Eifer, werden äußerst selten mit
einer Bekehrung belohnt. Auch darf das Christenthum nicht durch die
Zahl seiner Bekenner nach einem arithmetischen Scheinwerthe gelüsten,
sondern es soll durch seinen innern Reinwerth glänzen.
Den in Kairo angekommenen und niedergelassenen Fremden aus dem
Abendlande, mögen die Missionarien nicht überflüssig erscheinen. Wenn
der Ankömmling nicht gerne in das Gewühl der fränkischen Kumpanei sich
wagt, so kann er sicher sein, bei diesen Männern gute Gesellschaft
zu finden. Er leite das Gespräche nur anfänglich so, daß sie ihn
nicht mit überfrommen Dingen bestürmen. Nirgends stieße man sonst
auf größeren Kontrast. Dießseits die Jesusherzeleien, jenseits die
unfläthigste und unzüchtigste Zunge und zwischen zwei Enden -- --
Einsamkeit und Langeweile, wofern man nicht glücklich genug ist, in
der Mitte derselben Gleichgesinnten sich anschließen zu können. Mit
Lehren und Predigen, Briefeschreiben und Diskuriren verbringen die
Missionarien ihre meiste Zeit. Manchem Abendländer helfen sie auch
wohlthätig aus der Noth. Der Sonderbarkeit muß ich gedenken, daß das
Auditorium der Prediger eben auszusterben im Begriffe war, und daß bloß
noch +zwei Katholiken+, doch mehr aus Liebe zur deutschen Sprache, den
+protestantischen Predigern+ zuhörten. +Lieder+ macht auch den Arzt
nach den Grundsätzen der Homöopathie. +Müller+ langweilte mich durch
seine mystische Deutelei des +Hahnemannianismus+ außerordentlich, und
ich überzeugte mich aufs Neue, daß die Homöopathie der Mystizismus der
Medizin ist.
Daß die neuen Apostel nicht bloß lehren und predigen, schreiben und
diskuriren, liegt in der Natur des Menschen. Ein wohlbestellter Tisch
wird nicht etwa nur angeschaut, und +Kruse+ ritt einen ebenso schönen,
als prächtig gesattelten Esel. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, daß man
hie und da die Demuth, gleich einem Kruzifix, in Gold einfaßt.
Die Renegaten.
Frankreich schuf die neue Lehre des St. Simonismus. Die Anhänger
desselben, in ihrem Vaterlande von allen Seiten beunruhigt, ausgelacht,
verspottet, gehaßt, verminderten sich dadurch, daß ein Theil den
Wanderstab ergriff. Der Pabst +Enfantin+ und Andere zogen nach Egypten.
Man zeigte mir in Kairo öfter Saint-Simonisten. Sie zeichneten sich
vor den übrigen Franken durch einen langen Bart aus. Sie führten ein
ziemlich gesondertes Leben. Auch +eine+ St. Simonistin sah ich, und
billig machte ich meine Glossen. +Enfantin+ scheint entweder wenig
gekannt, oder beinahe vergessen zu sein. Wenn ich auch nach ihm mich
erkundigte, so wollte man doch in der Regel nichts von ihm wissen.
Nach den Einen lebe er, von dem Geräusche der Städte entfernt, in der
Einsamkeit; nach einem Andern habe er das Zeitliche gesegnet[20].
Egypten gibt allen Glaubensbekennern Zuflucht, ohne daß es jedoch mit
der eigentlichen Toleranz, Humanität und Liebe den Andersgläubigen
begegnet. So werden von den Abendländern die Juden geduldet.
In der neuern Zeit zogen die St. Simonisten deßwegen das Gerede auf
sich, weil einer um den andern zum Mohammetanismus hinübertrat, ob aus
Ueberzeugung oder aus Habgierde, oder aus Rache gegen die Christen,
weiß derjenige, welcher die Nieren der Menschen prüft. Es gibt indessen
hin und wieder auch andere Franken, welche ihren Glauben verläugnen.
Ich habe, um mich selbst anzuklagen, mit meiner Toleranz es noch
nicht so weit gebracht, daß nicht unangenehme Gefühle sich meiner
bemächtigten, wenn ich einen Renegaten erblickte. Im Falle wirklich
reine Ueberzeugung als Triebfeder zur Renegazion wirkte, so lasse ich
mir diese gefallen. Wie schwer hält es aber, daran +zu glauben+, wenn
man lediglich erwägt, daß die Renegaten die Religion der Zivilisirten
unsers Erdballs verlassen, um sich zu derjenigen der Halbbarbaren zu
bekennen.
Ich kannte einen Renegaten, welcher in Verachtungswürdigkeit
seinesgleichen sucht. Durch die Abschwörung seines Glaubens hoffte er
steif und fest auf Beförderung. Er sprach von nichts lieber, als von
einem zu erhaltenden Orden, z. B. wie er die beste Wirkung für das Auge
thun werde. Er wählte sich ein Weib. Die Hochzeit verschlang seine
Barschaft. Er wünschte ein hübsches Mädchen. Er bekam, im Sinne der
Egypzier, eine Vettel. Er verstieß sie. Wenn die Sperlingseele würdig
wäre, dem großen +Cäsar+ verglichen zu werden, so träfen ihn die
Worte, deren +Curio+ für diesen Römer sich bediente, daß er der Mann
aller Weiber und das Weib aller Männer sei (~omnium mulierum virum et
omnium virorum mulierem~). Mehr darf man nicht sagen, um den niedrigen
sittlichen Standpunkt anzugeben. +Und das ist ein Renegat+, ein
gewesener Christ und ein nunmehriger Mohammetaner. Soll die Religion
dienen, zu irdischem Wohlleben und Glanze emporzuhelfen, so würdiget
man sie mit ruchlosem Herzen zur Magd roher Sinnlichkeit herab.
Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt über Kairo aus
Europa.
Zu den pikanteren Dingen, nach meinem Geschmacke, rechne ich den
Lebenslauf der nach Kairo zerstobenen Europäer. Weil diese Stadt so
weit von Europa abliegt, so müssen Neigungen und Verumständungen
seltener Art die große Reise veranlassen.
Die Europäer in Kairo verdienen im Ganzen den Ruf der Lockerheit. Gut
essen und trinken, reiten und müßig gehen u. dgl. treten als Hauptzüge
in ihrem Leben hervor. Das Schuldenmachen ist das Allerunschuldigste,
und das Nichtbezahlen der Schulden etwas Gewöhnliches. Daß auch
Personen höhern Ranges in Schulden stecken, ist freilich nichts
Bezeichnendes für die egyptischen Franken, und, dem guten Tone der
Europäer zu lieb, möchte ich es ja nicht tadeln. Ich kannte einen
General, welcher einem armen Schlucker an 100 Piaster schuldete. Dieser
begab sich oft zu ihm, die Anforderung zu erledigen. Es hieß immer
+morgen+. Und warum: +Morgen?+ Weil der Sold schon ein Jahr lang beim
Pascha ausstehe. Uebrigens bewegt sich dieser General auf einem sehr
glänzenden Fuße; viel Gesinde, Pferd und Kameel, Strauß und Fasan
und dgl. reden von seiner Herrlichkeit. Solchen Aufwand zieht er dem
Abtragen der Schulden und der Erleichterung eines geldbedürftigen
Mannes vor. Ein Angestellter, welcher bei einem monatlichen Einkommen
von 500 Piaster (an 200 Gulden R. W.) demselben ehrlichen Schlucker
schuldig war, überschwemmte sich lieber die Nacht hindurch in der
rauschenden Gesellschaft des theuren Bacchus, lieber bezahlte er Andern
die Zeche, lieber hielt er einen eigenen Esel, lieber bereitete er sich
andere Lustbarkeiten und Bequemlichkeiten, als daß er seinen Gläubiger
zufrieden stellte. Ich hüte mich wohl, den großen Ton lächerlich zu
machen, aus Besorgniß, daß man mich des kleinen Tones zeihe.
Wer frisch in Kairo ankommt, und gerne Geld aushängt, der rechne
zuversichtlich auf Freundschaft, aber, mit Erlaubniß zu sagen, auf
eine Zungen-, keine Herzensfreundschaft. Der schwärzeste Undank folgt
meistens der Gabe oder dem beßtgemeinten Darlehen.
Manche Europäer langen in Kairo an, ohne daß sie etwas mitschleppen,
als das Kleid am Leibe; denn auf alsbaldige Anstellung und damit auf
Eröffnung der Goldgruben zählen sie so sicher, als der gläubige Christ
auf das Erbe des Himmels. Wenn sie dann nicht geradezu betteln oder,
nach ihrer vornehmen Redensweise, Geld entlehnen, so schenkt ihnen noch
ein Gastwirth Kredit. Wunderbar sind die Künste der Berechnung. Bei
aller Armuth aber sind sie, in ihrer verbindlichen Stellung gegen den
Wirth, genöthigt, wohl zu leben, z. B. Wein zu trinken. So natürlich;
je mehr der Wirth aufschreibt, desto mehr gewinnt er; denn an irgend
einer Anstellung zweifelt Niemand. Aus einem Militär erstümpert man
exempelsweise einen Zeichenlehrer für die medizinische Schule. Der
Wirth spielt mit den neuangekommenen und geldentblößten Abendländern
Lotterie, welche ihm jedenfalls Vortheil bringt, muß er auch hin und
wieder eine Niete ausbezahlen.
Daß Stümper, Weltlinge, am meisten noch Glücksritter, manche
Verschuldete, selbst auch Verbrecher eine große Zahl der Franken
in Kairo bilden, leidet wohl keinen Zweifel. In dem Kaffeehause,
wo Spanier, Franzosen, Engländer, Deutsche, Polen, Italiener und
Griechen bunt durch einander gemengt waren, konnte ich mich oft der
wunderlichsten Gedanken nicht erwehren: links saß vielleicht ein
Betrüger, rechts ein Dieb, vor mir ein Todtschläger. Ich will nun eine
biographische Skizze der Mittheilung nicht vorenthalten, ohne daß ich
jede Einzelnheit verbürgen möchte.
Undank für treue Liebe.
Ein junger Mann gewann ein Mädchen lieb. Er war Katholik und sie
Protestantin. In seiner heimatlichen Gegend warf die Eingehung einer
gemischten Ehe ungemein viel Staub auf. Um die Schwierigkeiten auf dem
richtigsten Wege zu beseitigen, unternahm er eine Reise nach Rom. Hier
erlangte er von der Kurie die Erlaubniß zu einer paritätischen Ehe.
Auf der Heimreise hielt er sich eine Zeit lang in Triest auf, wo er,
als Mechaniker, das Auskommen zu seiner gänzlichen Zufriedenheit fand.
Er schrieb seiner Geliebten, daß ihm die Heirathsbewilligung ertheilt
worden sei, und daß auch sie die weitern Schritte thun solle, wodann
er ohne Verzug zurücktreffen werde. Die Eltern indeß, schon lange dem
katholischen Freier ungünstig, wußten während der Abwesenheit des
Liebhabers überwiegenden Einfluß bei der Tochter geltend zu machen.
Kurz, sie knüpfte eine andere Bekanntschaft an.
Wem auch schon ruhige Augenblicke vergönnt waren, das Seelenleben nach
seinen Ursachen und Wirkungen zu durchschauen, findet in der Liebe eine
mächtige Triebfeder zu vielen eigenthümlichen und außerordentlichen
Unternehmungen. Tief ergriff die Nachricht von der Untreue des
Mädchens den Geliebten, welcher ein so großes Opfer, wie die Reise
nach dem entfernten Sitze des römisch-katholischen Oberhauptes, nicht
scheute. Es verdüsterte sich sein Gemüth in dem Grade, daß er Europens
überdrüssig wurde. Er reisete nach Jerusalem, und von dort nach Kairo.
In der Hauptstadt Egyptens suchte und erhielt er als musikalischer
Instrumentenmacher eine Anstellung bei der Regierung, obschon er von
der Musik so viel als nichts verstand, mithin auch die Instrumente
nicht stimmen konnte. Musikanten von seiner Bekanntschaft halfen ihm
aus der Klemme. Mittlerweile vervollkommnete er sich in der Kunst,
bis er durch Ohrenbläsereien und durch geheime Untergrabungen von
seiner Stelle verdrängt wurde. Später eröffnete er eine Bude, worin er
arabische Bibeln[21], andere Bücher und auch andere Dinge feil bot.
Hart prüften langwierige Ruhr und andere Mißgeschicke sein Leben.
Unter österreichischer Protekzion.
In Ermangelung eines schweizerischen Konsulates mußte ich mich in ein
fremdes fügen. Ich hatte Ursache, das österreichische zu wählen. Als
ich in Wien die Arzneiwissenschaft studirte, wurde mir von Seite der
Hochschule zu viel Gutes zu Theil, um Oesterreich undankbar vergessen
zu können; als ich im Jahr 1834, zum Theile in schriftstellerischer
Absicht, eine Reise nach Wien unternahm, ward mir so viel Unterstützung
gewährt, wie ich sie kaum erwarten durfte. Zudem war es Anfangs schon
nicht ganz unwahrscheinlich, daß ich über Oesterreich zurückreisen
werde, in welchem Falle, dachte ich, am zweckmäßigsten der Reisepaß mit
den Visa der österreichischen Konsuln versehen wäre.
In Kairo bedarf man, strenge genommen, keiner Aufenthaltsbewilligung.
Die egyptische Polizei bekümmert sich in der Regel um die Franken wenig
oder gar nicht. Einen Tag nach meiner Ankunft stellte ich mich bei
dem österreichischen Konsul, Herrn +Champion+, und drückte ihm meinen
Wunsch für österreichischen Schutz aus. Er nahm auf eine verbindliche
Art den Paß in Verwahrung, und damit war Alles in Ordnung. Der Aufnahme
von Seite des Herrn +Champion+ sowohl als des österreichischen
Generalkonsuls in Alexandrien, eines eifrigen Freundes der schönen
Künste und des Besitzers einer ansehnlichen Gemäldesammlung, zolle
ich meine wärmste Anerkennung. Ich fand an beiden Männern ebenso gut
unterrichtete als gefällige Rathgeber. Vielleicht würde man es missen,
wenn ich mit Stillschweigen überginge, daß mein Paß auch an der letzten
Stelle „gratis“ visirt wurde, weil es nicht überall der Fall ist.
Ehemals herrschte die nicht selten lästige Sitte, daß die Reisenden von
den Konsuln zu Mahlzeiten eingeladen wurden. Es scheint sich dieselbe
zu verlieren.
Meine Wohnung.
Am Tage meiner Ankunft suchte mich ein Schweizer auf, weil er vernahm,
daß ein Landsmann angelangt sei. Die Ferne nähert die Gemüther.
Wiewohl ich mich außerordentlich freute, einem Schweizer in so
großer Entfernung die Hand zu schütteln, so wollte ich dennoch mit
einiger Vorsicht mich einlassen. Denn die Schilderung der in Kairo
sich aufhaltenden Franken, die mir zu Gesichte kam, machte mich bei
Anknüpfung freundschaftlicher Bande eher furchtsam. Ich erfuhr aus
guter Quelle, daß der Schweizer ein wackerer Mann sei, und da ich dieß
bei jeder Gelegenheit selbst bestätigen konnte, so nahm ich keinen
Anstand mehr, mit ihm in freundschaftliche Verhältnisse zu treten. Er
ist aus dem schweizerischen Kanton Thurgau gebürtig, und sein Name
+Karl Baumgartner+: gewiß einer der edelsinnigsten Franken, die in
Kairo leben, ein Mann, dessen Andenken mir immer theuer bleibt[22].
+Baumgartner+ hatte ein halbes Haus in Miethe, und bei ihm lebte ich
in Aftermiethe. Daß ich auch hier auf zerbrochene Scheiben stieß,
dessen verwundere man sich nicht. In keiner größern Stadt sah ich so
wenig auf die Glasscheiben verwendet, als in Kairo. Blind vor Staub ist
die Menge, man läßt sich die Mühe zum Waschen reuen, und zerbrochene
Scheiben oder Scheibenlücken verunzieren selbst manches bessere Haus.
Die zerbrochenen Scheiben mochte ich aber auch hier nicht leiden. Wir
ließen den Glaser rufen.
Ich wohnte im Frankenquartiere (Hârah el-Musky). Wo? kann ich hier so
wenig +genau+ angeben, als ich es vor dem Konsul konnte. Die Franken
sagen, bei wem sie wohnen, oder nennen auch einen Hauptplatz, ein Thor
u. s. f. Mein Zimmer war so hoch, wie eine Kapelle, und man hätte nur
einen Altar bauen dürfen, um in einer wirklichen Kapelle zu wohnen.
Eine Fledermaus, welche Nachts herum flog, erfreute sich eines so
großen Spielraums, daß sie, hin- und herflatternd, nie nöthig fand, an
meinen Kopf zu streifen.
Meine Nahrung und Getränke.
Aus dem gebirgigen und kaltwinterigen Lande Europas in das niedrige und
heiße Land der Afrikaner versetzt, nahm ich mir vor, Alles pünktlich
zu meiden, was meine Gesundheit beleidigen könnte. Der Magen würde
schwerlich +unter+ dem Haupte liegen, wenn +er+ Herr im Leibe sein
müßte. Vorzüglich hütete ich mich vor dem Gemüse, vor grünen Früchten,
als: Bananen, Granatäpfeln, Datteln, Melonen, so gerne sie mich
verführt hätten. Sogar +gekochtes+ Gemüse schlug ich aus. Dadurch war
ich an den Tischen freilich nicht wenig geplagt. Man wartet hier mit
Fleisch und immer wieder mit Fleisch auf; viel Fleisch aber bekam mir
nicht gut. Zudem genießt es der Franke mehrentheils geröstet oder
gebraten, daß es leicht +Durst+ verursacht, +dem man beinahe um jeden
Preis vorbauen soll+.
Neben leichtem Fleisch aß ich Reis, mit besonderer Vorliebe Milchreis
(~riso con latte e zucchero~), und nicht selten genoß ich Kartoffeln.
Die Fische kostete ich nickt einmal, weil sie Niemand für gesund hält.
Des Morgens erquickte ich mich am Milchkaffee, oder ich begnügte mich
auch nur mit Milch und Brot. Es trieb in der Frühe ein Araber Ziegen
vor die Hausthüre. Wenn ich ein Schnalzen mit der Zunge hörte, so
waltete kein Zweifel, daß der Melker angelangt war. Vor meinen Augen
molk er mit der geballten Hand, indeß er mit der andern Hand das Gefäß
vorhielt. Ich konnte mich überzeugen, daß ich unverfälschte Milch
bekomme. Noch warm getrunken schmeckte sie mir köstlich, und ich spürte
davon nicht im mindesten nachtheilige Wirkungen. Ich füge dem Gesagten
bei, daß die Milch der egyptischen Ziegen mit ihren Schafsohren,
angenehmer und milder schmeckt, als diejenige der Schweizerziege.
Mein +Hauptgetränke+ war Nilwasser. Ich trank es meistentheils so,
wie es aus dem Flusse kam, bisweilen jedoch mit einem geringen Zusatze
von Rhum. Ich wußte recht gut, daß viele Arten von Unreinigkeiten in
den Nil fallen. Ich schöpfte mit der Hand aus dem Nil in den durstigen
Mund, während Stroh herumschwamm. Was hätte hier zögern und prüfen
gefrommt? Durst quälte mich, und mir stand nur ein +einziges+ Wasser
zu Gebote. Darum überließ ich das Grübeln Andern, und trank mit
Herzenslust. Das Nilwasser ist leicht und schmeckt vortrefflich. Von
jeher wurde dessen seiner gesunden Eigenschaft wegen mit Lob gedacht.
Es soll selbst auf den Tisch des Sultans in Konstantinopel gesetzt
werden. Man will beobachtet haben, daß der Nilschwamm, welcher mit
dem Wasser häufig getrunken wird, auf der Haut Knötchen (~boutons~)
erzeuge. Davon nahm ich an mir nichts wahr, ohne daß ich diese
Beobachtung in Abrede stellen möchte. +Alpinus+ sagt geradezu, daß sich
gewöhnlich alle Ankömmlinge in Kairo eine Diarrhöe zuziehen.
In den fränkischen Wirthshäusern, will sagen, sowohl in dem Gasthause
(~locanda~), als in den Speisehäusern (~trattoria~), wird viel Wein
ausgeschenkt. Ich vermied ihn sorgfältig. Mich wunderte, daß die
Franken nach diesem schlechten Getränke, wie es in Kairo beschaffen
ist, so begierig haschen, wenn sie auch vor der Schuldenlast nicht
wissen, was sie anfangen sollen. Es schlenderten so häßlich berauschte
Franken auf der Gasse herum, daß ich mich für sie, des fränkischen
Namens willen, schämte. Willkommen war mir dagegen das fränkische
Kaffeehaus eines Griechen, wo ich keinen Tag fehlte, um Kaffee zu
trinken, dessen man sich unter diesem heißen Himmel nicht enthalten
darf. Ich trank ihn meist ~alla Franca~, d. h. mit Zucker, seltener
~alla Turca~, und in letzterem Falle, wie Andere, mit dem Satze, was
mir wenig Mühe kostete. Bisweilen genoß ich die köstlich bereitete
Orgeade oder eine Limonade.
+Nachlese.+ Bei diesem Anlasse will ich mit wenig Worten meines
regiminellen Verhaltens erwähnen. Mehr als die Morgen- und Abendkühle
floh ich die Mittagshitze, welche, meines Bedünkens, am schädlichsten
wirkt. Der Abendkühle könnte ich nichts Nachtheiliges nachreden. Sie
war während meiner Anwesenheit in Kairo nicht vorhanden, sondern es
herrschte vielmehr des Abends bis zehn Uhr eine +gemäßigte+ Temperatur,
die nicht angenehmer hätte sein können. Wenn ich des Abends, bei der
lieblichen Witterung des Wintermonats, im windoffenen Kaffeehause
saß, konnte ich das herrliche Klima nicht genug preisen. Außer der
Mittagshitze, klage ich allerdings noch die Morgenkühle an. Der
Zureisende bringt, gleich den wohlhabenden Einwohnern, die frühen
Morgen am besten im Bette zu. Immerhin suchte ich den Unterleib warm
zu pflegen, und das Duften der Haut, wenn es einmal begonnen, zu
unterhalten. Es sollte Niemanden schwer fallen, eines so großen Gutes
willen, wie die Gesundheit ist, in gewissen Schranken zu leben.
Umgebung von Kairo.
Bereits besuchte ich außerhalb der Stadt die Grabmale der Großen
(Turâb Kâyd-Bei). Die Umgegend verdient, daß man sich weiter umsehe.
Rückerinnerungen an erstere erweckte der Anblick +der Todtenstadt
el-Seydeh Omm Kâsim+.
Reitet man von Altkairo gegen die Burg, so tönt es oft hohl unter
den Hufen des Thieres; es scheinen die Geister der grauen Vorwelt zu
klagen; man kommt über Schutt, über sandichte Schutthügel, welchen die
vielen rothen Ziegelscherben ein scheckiges Ansehen verleihen; es ist
Wüste; das Auge erholt sich nicht an einem einzigen grünen Gräschen.
Das Turâb (Todtenstadt) el-Seydeh Omm Kâsim liegt südlich unter der
schroffen Wand des Mokatam, gleich am Fuße des Schlosses. An Umfang
gibt dasselbe einer kleinen Stadt nicht nach. Selbst das Bauwerk stellt
sich ansehnlich heraus, und mit dessen Kosten hätten mehrere hundert
egyptische Dörfer gebaut werden können. Auf diesem Leichenfelde verirrt
man sich staunend mit dem Auge in den Wald von kleinen Moscheen und
Minarets. Manches Prachtwerk aber zerfällt in einen Wirrwarr öder
Steine. Immerhin bleibt es eine Seltsamkeit, daß die Mohammetaner den
Todten mehr Ehre erweisen, als den Lebendigen.
Wie sich allerwärts bei den Muselmännern der Unterschied zwischen den
Großen und den Geringern durch das Aeußere laut ankündigt, daß z. B.
der Große sein Weib einsperrt, während der Geringe das seine frei
herumgehen, selbst bei einem Christen den Hausdienst versehen läßt,
so besonders zeichnen sich der Großen Denkmäler, diese feierlichen
Grabesdome, aus. Was ist das Grab und Grabmal des Geringen? Wenige Fuß
tief wird Erde aufgeworfen, die Leiche hineingelegt, und darüber ein
kleines Gewölbe flüchtig gemauert; obenher bringt man einen, aus Stein
gehauenen, auf einer dünnen Unterlage ruhenden Turban an, welchen ich
deßwegen so nenne, weil ich weiß, daß er einen vorstellen +muß+, und an
der entgegengesetzten Seite erhebt sich etwa ein plumper Halbmond mit
seinen stumpfen Hörnern. Wenige Jahre halten die zusammengepfuschten
Steine aus, und sie verlieren ihren Zusammenhang, als wären sie
bloß zusammengedacht gewesen, werden jetzt aber dem Grabmaurer als
Baustoff erst wieder nützlich. Das ist das Grab und Grabmal eines
muselmännischen Geringen. Selbst auf dem stummen Leichenacker,
möchte man ausrufen, herrscht unter den Mohammetanern der schreiende
Despotismus der Großen; allein im Innern der Gräber bebt derselbe
beschämt vor der Wahrheit zurück: Der Staub aller Todten ist gleich.
Die Nekropolis steht an Pracht und Aufwand weit hinter dem Gottesacker
Kâyd-Bei zurück.
Auf den Grabstätten erzeigen sich diejenigen Moslims, welche dem
Christen den Eintritt in ihre Kirchen verweigern oder erschweren, sehr
tolerant. Ungehindert ritt ich in Kairo auf einem Esel kreuz und quer
über die Gräber. -- Die größten Todtenfelder liegen außer dem Umkreise
der Stadt[23].
Die Wasserleitung.
Schon auf der Burg empfahl sich meiner besondern Aufmerksamkeit
eine auf vielen Pfeilern ruhende, lange, steinerne Brücke, die
Wasserleitung, und ich war sehr begierig, in der Nähe sie zu besehen.
Will man nach Altkairo sich begeben, so ist es ihrer Bögen einer,
unter welchem der Weg durchführt. Der Wasserthurm (el-Migreh), als das
Haupt des Aquädukts, steht rechts am Rande des Nils. Man kann auf ihn
in einer unbedeckten Bahn reiten. Eben traf ich einige Weiber, welche
die Brustwehre mauerten; ihr Mörtel war Viehmist, welchen sie mit
heitern Mienen und zierlich mit ihren kleinen Fingern herumdrückten.
Die Hände der Schönen waren Mörtelkellen, um welche diese Egypzierinnen
von den Schönen Europas wahrscheinlich nicht wenig beneidet werden.
Oben kirren sechs Räder, von zwölf Ochsen getrieben, um das Wasser aus
der Tiefe zu schöpfen. Dasselbe wird in ein Becken ausgeleert, das in
den Kanal ausmündet. Der liefert das Wasser in die Burg. Eine weite
Strecke erhebt er sich hoch über die Erde. Erst in der Todtenstadt
el-Seydeh Omm Kâsim greift er in das Erdreich. Die Rinne selbst mißt
etwa zwei Fuß in der Breite und Tiefe. Der Nilschlamm, welcher sich aus
dem Wasser niederschlägt, wird mit Sorgfalt herausgeschafft. Ich ging
ein Stück weit neben der Rinne bis an einen Ort, wo die Wasserleitung
ausgebessert wurde.
Nahe an dem Wasserthurme fängt der ungemauerte Nilkanal an. Dieser wird
jährlich zu seiner Zeit mit einem Damme querüber gesperrt, dessen
Durchschneidung dann die Anwohner mit großem Jubel feiern. Allahu akbar
(Gott ist groß); Gott läßt keinem Volke des Elendes so viel werden, daß
er nicht dann und wann in dasselbe eine Rose der Freude streute.
Altkairo und das armenische Kloster.
+Altkairo+ oder ehemals +Fostât+, dann +Maser el-A’tykah+ der Araber
ist eine besondere, mit Mauern und Thoren verwahrte, nicht unbedeutende
Stadt im Süden und eine halbe Stunde von Großkairo, hart am Nil. Es
gewährt ein einförmiges, schwarzgraues Aussehen. Die Häuser sind hoch
und von Thürmen weit überragt; die Gassen enge und belebt, letzteres
wenigstens diejenigen am Hafen.
Altkairo wurde im 20. Jahre der Heschira gegründet und 564. in Brand
gesteckt.
Weil ich noch nie in einer armenischen Kirche war, so hatte ich kein
geringes Verlangen, das Kloster der Armenier zu sehen. Ich weiß nicht,
mit welchem Rechte man den Namen +Kloster+ gebraucht, da ich eben
keine klösterliche Einrichtung fand, wenigstens keine Mönche antraf.
Die Kirche stellte einen Saal mit weiß überkalkten Wänden vor, ohne
Glocke, ohne Beichtstuhl, ohne Stühle oder Bänke, ohne Seitenaltar.
Der Choraltar vergegenwärtigte mir die römisch-katholische Kirche. Als
der Führer in die Kirche trat, fuhr er mit der Hand öfter vom Herzen
zum Munde, nachdem er sie in einem kleinen Becken benetzt hatte, das
an der Mauer sich befand. Ich machte keine Zeremonie, so wenig als
ein Muselmann sich in Zeremonien eingelassen hätte, und der Führer
glotzte mich sehr seltsam an. Meinerseits konnte ich mich damit nicht
befreunden, daß er als Christ im Wesentlichen wie der Mohammetaner
gekleidet war. Vom armenischen Kloster wird nördlich Altkairo
geschlossen.
Das griechische Kloster und der Altar der heiligen Frau im koptischen
Kloster.
Das griechische und koptische Kloster liegen nicht im Umfange von
Altkairo, sondern in einiger, wiewohl sehr geringer Entfernung davon,
nämlich in +Kaser-el-Schàma+, und sie bilden mit den um sie gedrängten
Häusern ein eigenes Städtchen. Noch nirgends sah ich die Häuser so nahe
beisammen, gleichsam auf einander geschoben wie hier. Der Sonnenstrahl
kann an den wenigsten Orten die Gasse erreichen. Mir kam es vor, als
sei ich von hohen, unförmlichen Felsenriffen umlagert, als wären die
ersten Einwohner in der Verwirrung hieher geflüchtet, und als hätten
sie sich in der gleichen Verwirrung ihre Gebäude aufgeführt.
Als ich in das +griechische+ Kloster des seligen +Georgius+ kam, wollte
ich gleich wieder umkehren; denn es zeugte hier das wenigste von einem
Kloster. Wie in der Verborgenheit fand sich auf dem anderobersten
Stockwerke die griechische Kirche, die ich nur flüchtig anschaute.
Mehr sprach mich einen Stock weiter unten eine Säulenhalle an. Ich
entscheide nicht, ob ich mich glücklich preisen soll, daß ich keines
griechischen Priesters ansichtig werden konnte[24].
Nicht weit vom griechischen Kloster liegt, an einer sehr schmalen
Gasse, das +koptische+ zum seligen +Sergius+. Ich war schon ein
Stockwerk hoch und kehrte wieder um, weil sich mir nichts Klösterliches
darbieten wollte. Mein Geruchsorgan hatte sich an den Weihrauch und
an das Kellerichte feuchter Mauern, denen man in den Klöstern der
Lateiner begegnet, so sehr gewöhnt, daß ich an kein Kloster glaubte,
wenn jene fehlen. Doch alsbald trat ein alter, langbärtiger Mann mit
einem Turban daher; er hielt in seiner Hand einen großen, hölzernen
Schlüssel, mit dem er rüttelnd das Schloß öffnete. Ich war in hohem
Maße gespannt, die koptische Kirche zu sehen. Was ich von ihr sagen muß
-- -- sie ist nicht schön, und im Zerfalle begriffen; vor dem Altare
erhob sich etwas Pultartiges wie bei den Griechen; am Altare selbst
nahm ich das Christusbild nicht wahr. Mehrere Bilder, z. B. eines,
welches die +Jesum+ auf dem Schooße haltende +Maria+ vorstellte, waren
um den Altar auf eine zu überladene Weise gehängt, sogar wenn sie keine
Stümpereien gewesen wären. Ist es wohl dem heiligen Zwecke gemäß,
daß ehrfurchtsvolle Erinnerungen durch stümperhafte Bilder beleidigt
werden? Nur blinder Fanatismus, verbunden mit krasser Unwissenheit auf
dem Gebiete der Kunst, kann an geweihter Stätte Fratzen leiden.
Zwei Treppen führen in ein Gewölbe, an den Ort, wohin die heilige Frau
mit +Josef+ und dem +Christus+kinde geflohen sein +soll+. Am Lichte
einer Kerze stieg ich hinunter. Vergebens, daß man hier eine Grotte
oder Höhle suche. Alles ist Mauerwerk. Zudem müßte, meines Erinnerns,
die Höhle eine überirdische sein, weil die Kirche einen Stock hoch
liegt, und man gerade ebenso tief bis zu jener hinabsteigen muß. Die
Katholiken und Kopten haben ihre Verehrungsstellen durch eine Mauer
gesondert, und, um recht billig zu sein, möchte ich fragen: Wer weiß
es, daß die gefeierten Flüchtlinge gerade die Stelle am meisten berührt
haben, welche die Eifersucht der in verschiedenen Meinungen lebenden
Christen mit einer Mauer zudeckte? Den Lateinern gehört ein kleines,
ganz niedriges Gewölbe, auf dessen Boden ein Kreuz eingegraben ist.
Davor hängt ein Oelgemälde auf Holz, welches die heilige Familie
vorstellt. Die Kopten besitzen ebenfalls ein Gewölbe, auf dessen Boden
aber ein viereckiger Stein oder ein Altar ohne ein Zeichen steht.
Beim Herausgehen aus der Kirche fielen mir in einem Winkel mehrere
Krücken auf. Sie werden von denjenigen, welche während des langen
Gebetes durch Stehen müde geworden sind, als eine Stütze gebraucht.
Der Tempel A’mrus.