Ebenso betrachten die europäischen Alexandriner die Pest durchaus als

kontagiös. Sie schließen sich ihretwillen ein, doch nicht überall so,

daß gar nicht mehr ausgegangen wird. So besorgte ein Handelsmann die

Geschäfte außer dem Hause, in welchem seine Mitarbeiter und das Gesinde

stets eingesperrt waren. Er stülpte unten die Beinkleider auf, beölte

die Schuhsohlen und, mit einem großen Stocke bewaffnet, machte er sich

auf der Gasse Bahn, damit ihn Niemand berühre. Der Araber weicht ohne

Anstand aus. Jener Mann, den ich zum Beispiele wählte, rettete sich

durch die Pestzeit[5].

Wenn sonst auf der Straße die häßlichsten Weiber jeden Augenblick

erhaschen, ihr Antlitz vor dem Europäer zu verhüllen, so überraschte

es mich, in einer der Pesthütten kranke Weiber unverschleiert zu

sehen. Sie verriethen beim Erscheinen des Arztes, seines Assistenten

und meiner Person nicht die mindeste Verlegenheit, und rollten ihre

schwarzen Augen rechts und links, so oft es sie gelüstete. Unter den

Kranken befand sich, wie sich etwa der Pariser vornehm ausdrücken

würde, auch eine Galante.

* *

*

Die Gesundheitspolizei würde in der Stadt noch Manches aufzuräumen

haben. Dem Garstigsten vom Menschen begegnet man an den meisten

Orten. Ueber dem Bassar, nämlich auf den Deckbretern, häufen sich

Unreinigkeiten fast jeder Art, die wohl selten weggeschafft werden.

Aeser erblickte ich wenige. Wie dem auch sei, so werden immerhin einige

Gassen gekehrt und etliche Plätze mit Wasser besprengt[6]. Gleichwie

die Unreinigkeiten am Gesichte auf Nachlässigkeit und schlechte

Gesundheitspolizei des Mikrokosmus schließen lassen, so zeigen die

Unreinigkeiten an den Gebäuden und auf den öffentlichen Plätzen mit

der Gewißheit der Uhr an, wie wenig sich der Staat um das öffentliche

Gesundheitswohl bekümmere.

Die Katakomben und der Pferdestall.

Hat man den Mahmudiehkanal überschritten, und ist man an den großen

Baumwollenmagazinen vorüber, so leitet der Weg durch eine wüste

Gegend, und bald gelangt man zu den Katakomben, welche, südwestlich

von Alexandrien, an der Seeküste sich hinziehen. Wo das Meer in

Gemächer fließt, heißen diese +die Bäder Kleopatra’s+. Sie waren es

auch wahrscheinlich, und jetzt noch könnte man hier mit Bequemlichkeit

Seebäder gebrauchen. Von da ging ich in eine der vielen Oeffnungen.

Der Eingang bildet eine geräumige Höhle, welche jetzt als Pferdestall

dient. Am Lichte der Fackel wendete ich mich links. Ich trat in einen

Tempel, welcher, mit sorgfältiger Hand in den Felsen ausgehauen,

durch seinen einfachen und edeln Styl mir ungemein gefiel. Weiter

kam ich in eine Menge viereckiger, kleinerer und größerer Gemächer.

Bald durfte ich aufrecht gehen, bald mußte ich durch eine Oeffnung

oder einen Gang geduckt mich durchhelfen; selbst war ich genöthiget,

durchzuschlüpfen oder durchzukriechen. Ich hatte mich wie in einem

Labyrinthe verloren. Der Araber, die einzige Seele mit mir, hätte mich

an den Ort des Verderbnisses führen können, ich würde ihm nachgegangen

oder nachgekrochen sein, wenigstens bis an die Schwelle. Die Größe

der unterirdischen Arbeit beschäftigte in diesem Augenblicke am

meisten meinen Geist. Ich vergaß der Schakals und Hyänen, die Herr

von +Prokesch+ in den Katakomben hausen läßt. Denn ich sah nichts

Böses, nur Alles leer, öde, ausgestorben, höchstens einige Gebeine

herumliegen, oder ein Käuzlein auffliegen[7]. Ich athmete bei meinem

unterirdischen Spazierengehen und Spazierenkriechen keine erstickende

Luft, wie Herr von +Prokesch+ (I. 23). Allerdings fühlte ich Hitze,

doch keine drückende. An den Wänden konnte ich weder Zeichen, noch

Farben finden.

Wer mochte wohl die Katakomben geleert, geraubt, entweiht haben? Wie

sehr sind die Religionsformen der Wandelbarkeit unterworfen. Mit saurer

Mühe brach man einst die Zellen in den Felsen, mit religiöser Verehrung

setzte man die Todten bei; nun ist Alles Heilige aus den heiligen

Oertern entwichen, und es fehlt dem Araber nur noch der Geldreiz, daß

er seinen Auswurf nicht in den Zellen aufhäuft. Mich beschämte der

Gedanke, wie viel mehr Ehre die Alten den menschlichen Ueberresten

erwiesen haben, als unsere Zeitgenossen bezeugen. Vielleicht würden

sie, wenn sie wieder lebendig wären, uns der Unmenschlichkeit oder

des Barbarismus beschuldigen, weil wir den Leichen so wenig Rechnung

tragen, daß sie in unlanger Zeit spurlos verschwinden, und auch nicht

+einen+ Haltpunkt des Andenkens darreichen, etwa mit Ausnahme der

Leichenbeine, welche, unter Zerstörung des Individualitätswerthes,

herumgeworfen, oder in der größten Unordnung aufgestapelt werden.

Die Nadeln der Kleopatra und der Flohfänger.

Hart am neuen Hafen sieht man die Nadeln oder Obelisken der

+Kleopatra+, den einen stehen und den andern liegen. Ich näherte

mich dem stehenden Obelisken von der Südseite. Ich erblickte einen

verwitterten Stein. Ich wendete mich um, die Ostseite zu besehen.

Gleicher Anblick. Wie ich mich gegen die Nordseite wendete, siehe, da

saß am Schatten des Obelisken ein nackter, erwachsener Mann, welcher

die Nähte seines Hemdes durchspionirte und an dem Todschlage oder

Toddrucke eines gewissen Missethäters wahrscheinlich eben so sehr sich

ergötzte, als ich mich an den Obelisken. Daß es ernsthaft zuging, mußte

ich daran merken, daß der neue Adam kaum aufschaute, und ein daneben

sitzendes Mädchen in aller Unschuld ihn in seinen Bestrebungen bestens

unterstützte.

Ist es nicht eine halbe Gotteslästerung, daß man vor einem so erhabenen

Denkmale, welchem die Seele in edler Begeisterung zugelenkt wird, ein

Scheusal von Prosa auskramt? In der Natur ist aber überall Gegensatz

-- neben dem Erhabenen das Niedrige, neben dem Edeln das Unedle.

Wenn wir uns dergleichen erhabene Monumente vorstellen, so dichtet

freilich unsere Einbildungskraft Allem um sie herum den Anstrich

des Erhabenen an; es dürfen keine lumpige oder entblößte Leute in

ihrer Nähe herumstehen, herumwandeln oder herumsitzen, sondern nur

edle, halbverklärte Geister müssen herumschweben. Wie denn von jeher

das Große, Erhabene und Edle seine Verächter und Spötter fand, so

wiederholt sich diese Verachtung und dieser Spott im Angesichte der

Obelisken. Kann man sich wohl eine größere Verachtung oder einen

ironischern Spott auf ein Werk, welches die vereinte Anstrengung so

vieler Menschen kostete, denken, als einen Flohfänger, der von aller

Pracht +nichts+ wollte, +als den Schatten+? Ein solches Schauspiel

gewinnt selbst höhern Sinn in poetischer und politischer Beziehung.

Schon beherrscht mein Auge die Nordseite des Obelisken. Diese hat

sich mit den Hieroglyphen noch in gutem Zustande erhalten; so auch

die Westseite. Der Obelisk besteht aus rothem Granit und erhebt sich

siebzig Pariserfuß. Nicht durch seine Größe, noch durch seine Form

macht er Eindruck, sondern man betrachtet diesen Stein erst mit rechter

Aufmerksamkeit, wenn man weiß, daß er ein einziges Stück und ein sehr

altes Geschichtbuch ist. Die Sache beim Lichte besehen, bewundern

wir nicht den Stein selbst, sondern einzig den ihm aufgeprägten

Geist der Menschen. Sonst dürften wir jede Handvoll Erde, die so gut

ein Alterthum ist, wie der Obeliskenstein selbst, in die Liste der

Denkwürdigkeiten aufzeichnen.

Der zweite Obelisk +liegt+ gleich neben dem stehenden. Die Hälfte

bedeckt der vielmächtige Sand; die andere verzeigt Hieroglyphen. Die

Engländer sollen ihn umgestürzt haben, in der Absicht, denselben

nach ihrem Vaterlande zu bringen, wovon sie bloß die Berechnung des

kostspieligen Transportes abgehalten hätte. Der Luxor wurde in der That

von den Franzosen freundlicher behandelt.

Die Pompejussäule und die Schandsäule.

Man hat mir so viel von der Pompejussäule vorgeschwatzt, daß ich sie

zuerst nicht sehen wollte. Ich stand lieber still bei den Kameelen, in

dem Bassar und zu aufmerksam bei den elenden, beinah mehr mit Ketten,

als mit Kleidern bedeckten Sträflingen.

Die Säule wurde zu Ehren des Kaisers +Diokletian+ errichtet. Die Statue

steht nicht mehr. Die Engländer, welche 1776 den Schaft bestiegen,

und auf dem Fußgestelle eine Schale Punsch tranken, entdeckten noch

einen Fuß. Die Säule ruht auf einer vortheilhaft erhobenen Stelle im

Süden der Stadt. Gleich an ihrem Fuße breitet sich ein Leichenacker

aus, auf welchem ich die Turbane durchmusterte. So eben lag eine, in

ein blaues Tuch gewickelte Leiche auf einer Bahre, neben Weibern ohne

Klage, während gegraben wurde. An manchen Orten Europens hat man das

Grab im Vorrathe, und hier muß die Leiche darauf warten. Um keine

Verletzung der Sitten und Gebräuche mir zu Schulden kommen zu lassen,

stieg ich vom Esel und ging zu Fuß querein durch den Leichenacker. Der

Treiber wollte den Esel mir nachführen; allein er wurde angewiesen,

mit dem Thiere den Weg um das Leichenfeld einzuschlagen. Man mußte

dießmal von der Ansicht geleitet worden sein, daß der Esel nicht würdig

wäre, auf den Gräbern der Menschen zu wandeln. Mit dem Purismus ist

es aber eine kitzliche Sache; immer und immer wirft er den Fallstrick

des Widerspruchs vor. Läßt man jetzt den Esel nicht +über+ die Gräber

traben, so versenkt man vielleicht später Ungeziefer in die Gräber.

Ich muß es ganz herausbrocken; sonst haben die Worte keine Kraft.

Vom Leichenacker aus gesehen, prangt die Säule des +Pompejus+ als ein

großartiges Denkmal, auf welchem das Auge mit Lust weilt. Die ganze

Höhe der Säule, nämlich des Schaftes mit Knauf und Piedestal, mißt

98 Pariserfuß. Der Schaft besteht aus einem einzigen Stücke rothen

Granits. Billig staunt man darüber, wie ein 68 Pariserfuß langer und

7 bis 8 Fuß im Durchmesser haltender Stein (der Schaft) gebrochen,

fortgeschafft, ausgearbeitet und aufgestellt werden konnte.

Das Verdienst, daß die Säule noch aufrecht steht, verdankt sie

dem Umstande, daß sie von stummem Stein und schwer ist. Wäre sie

mit ~D. O. M.~ überschrieben gewesen, so würde sie wahrscheinlich

zerstört worden sein, wie die Alexandriner-Bibliothek, deren Verlust

einer der unersetzlichsten für die Menschheit genannt werden darf.

Es erregt Abscheu im höchsten Grade, daß die Leidenschaften der

Menschen schadenfroh zerstören, was Andere Schönes und Erhabenes

mühsam zu Stande brachten, und nichts vermag mehr, den Hochmuth

unseres Zeitalters zu beugen, als die Betrachtung, daß die gleichen

Leidenschaften den Krieger ohne Aufhören in den barbarischen Kampf

rufen, in welchem so manches unschuldige Leben verblutet.

Reisende, welche die Säule bestiegen, bezeichneten diese mit ihren

Namen. So viel Namen; so viel Entweihungen, so viel Beschuldigungen der

Eitelkeit, so viel Stoff zum Aergernisse. Man würde sich scheuen, einen

altrömischen Kriegsmann in eine Pariser-Jacke zu zwingen, aber die

gleiche Thorheit an der alten, ehrwürdigen Säule zu begehen, trägt man

kein Bedenken.

Bei der Pompejussäule genießt man eine schöne Aussicht auf Stadt und

Land, Gärten und Wüsten, Hafen und Meer.

Die Nachgrabungen.

Wenn auch nicht das wissenschaftliche, so regt sich ein anderes

Interesse, welches die Nachgrabungen im Schutte veranlaßt.

+Ibrahim-Pascha+ will neue Bauwerke, und so läßt er die von den

längst entschwundenen Vorfahren gemeißelten Bausteine aus dem Schutte

heraufholen. Daher sieht man an den im modernen Style sich erhebenden

Gebäuden Steine aus der grauen Vergangenheit, die man bloß zurechtsägt,

damit sie sich desto besser in die lästige Gegenwart fügen.

Ich sah zwei Schachte, in denen man Nachgrabungen anstellte, und meine

Aufmerksamkeit wurde doppelt angespannt: in den Rahmen der neuen Welt

waren die Arbeiter und die Behandlung derselben, so wie die Art und

Weise in Verrichtung der Arbeit u. s. f., in denjenigen der alten Welt

die Antiquitäten gefaßt. Wenn die lebensreiche Jetztwelt mich mit

größerer und unwiderstehlicherer Macht zu ihr hinreißt, so wolle der

Vorweltler mir nach Herzenslust grollen, aber nur nicht eher, als bis

er sich den Alterthumsschlaf aus den Augen gerieben hat. Es standen

zwei Aufseher da, ein Grieche, ein dem Anscheine nach unwissender

Mensch, und ein farbiger Mohammetaner. Beide hielten Peitschen in

den Händen. Mich empörte es, wie der letzte ein etwa zwanzigjähriges

Mädchen, welches eine ungemeine Lebhaftigkeit zeigte, und seine Arbeit

mit Gesang begleitete, liebkosete, und später ihm mit der Peitsche

aufmaß, so daß es entsetzlich schrie, freilich nicht ohne Verstellung.

Mehr noch, als das Schlagen ärgerte mich, daß man es duldet. Schimpft

nicht auf die Tyrannen, aber auf diejenigen, welche sie leiden. Wenn

die Leute nicht in eine Art thierischer Unterwürfigkeit versunken

wären, wenn bei ihnen die Selbstachtung nicht gleichsam erloschen wäre,

so würde bald eine andere Saite aufgezogen sein. Die Europäerin meint

nun zum allermindesten, daß jenes egyptische Mädchen vom bittersten

Zorne und Hasse gegen den Aufseher ergriffen wurde. Nichts weniger,

als dieß. Kaum schien der Schmerz ausgesumset zu haben, so kehrte

die frühere Fröhlichkeit zurück, und man konnte aus dem freundlichen

Benehmen des Aufsehers gegen das ihm wieder freundlich zulächelnde

Mädchen deutlich schließen, daß nach der Arbeit zwischen diesen zwei

Leutchen ein herzlicheres Verhältniß obwalten müsse.

Fast ganz nackte Männer hoben den Schutt hervor; man dürfte wohl sagen,

ganz nackte, weil so nichts vor den Blicken verborgen war, indem die

Lumpen bald diesen, bald jenen Theil kümmerlich verhüllten. Ich war an

den Anblick solcher Leute noch nicht gewöhnt; allein die kleineren und

größern Mädchen schienen das nicht zu beachten, was in der Meinung des

Europäers die Wohlanständigkeit so tief verletzen würde. Der Schutt

wurde in, aus Dattelblättern geflochtene, kleine, runde Körbe geworfen,

und so auf dem Kopfe weggetragen. Zugleich richteten es die Lastträger,

um sie scherzweise so zu nennen, gar fein ein, dergestalt, daß der eine

auf den andern warten konnte, damit ja wieder einige Augenblicke in

süßem Nichtsthun dahinfließen. Man las auf den Gesichtern der Arbeiter,

und auch alle ihre Bewegungen verriethen es, daß nicht die mindeste

Lust zur Arbeit sie beseelte, und daß sie lediglich aus Furcht vor

der Gewalt oder aus Zwang sich dazu anschickten. Viele in Alexandrien

wohnende Europäer hegen die Ueberzeugung, daß ohne Peitsche und Stock

der Araber von seinem Hange zum Müßiggange nicht loszurütteln und zur

Arbeit zu bewegen wäre. So bald er etwas erspart habe, behaupten sie,

lege er sich auf die Bärenhaut, und verthue oder vergeude wieder Alles.

Uebrigens sorgt der Pascha mit väterlicher Theilnahme dafür, daß die

Arbeiter nicht zu viel Geld in die Hände bekommen; denn die 30 bis 40

Para, welche er ihnen täglich in die Hand +preßt+, reichen kümmerlich

für die allernothwendigsten Bedürfnisse hin. Würden +Mehemet-Ali+

und +Mahmud+ den abendländischen Fürsten darin nachahmen, daß sie,

statt der Chiffres, ihre Köpfe auf der Silbermünze abprägen ließen,

sie dürften gewiß nicht besorgt sein, daß sie in den Händen dieser

egyptischen Arbeiter rothe Backen bekämen.

Leute. Bevölkerung.

Auf den Straßen ist es ungemein lebhaft. Die Budengassen (Bassar)

sind theilweise gedrängt voll. Man darf sich mit Recht wundern,

daß, bei allem Gedränge, die in ein bloßes Hemde gekleideten

mohammetanischen Weiber den Franken selten berühren. Die bunte Kumpanei

von so verschiedenen Menschen mit ihren abweichenden Sitten und

Religionsformen, der bunte Wechsel von so verschiedenen Thierarten,

als von Kameelen, Büffeln, Eseln, Pferden, hin und wieder das Knarren

von Lastkarren (welche der Regierung gehören) wirkt beinahe betäubend.

Nirgends traf ich mehr Getriebe und mehr Rührigkeit, als im Arsenale

und in den Schiffswerften. Tief in die Nacht dauert der Lärm, und wenn

das Getümmel der Menschen verstummt, so erhebt sich das Gebell der

herrenlosen Hunde. Schwerlich wird dem Schlaflosen je eine feierliche

Stille vergönnt.

Der arabische Alexandriner ist eine wahre Lärmtrompete. Er lernt laut;

arbeitet er, so singt er. Wenn dreißig bis vierzig Arbeiter eine Last

heben, so tönt nicht unangenehm für das Ohr der Chor der Menge, welcher

dem Solo des Kommandirenden antwortet. Alle die Lärmereien sollen eine

religiöse Bedeutung haben. So rufen die Mohammetaner gar oft ihren

Propheten an, der auch +Hamma+ heißt.

Ueber die Bevölkerung der Stadt konnte ich nichts Zuverlässiges

in Erfahrung bringen. Jährlich sollen, nach einem eben so gut

unterrichteten, als angesehenen morgenländischen Bewohner Alexandriens,

im Durchschnitte dreitausend Menschen sterben. Es leidet kaum einen

Zweifel, daß die Sterblichkeit in Alexandrien, dessen Lage allgemein

für ungesund gehalten wird, groß ist. Lassen wir, wie in Rußland, den

fünfundzwanzigsten Theil der Bevölkerung jährlich sterben, so erhalten

wir eine Gesammtheit von fünfundsiebzigtausend Menschen. Jedenfalls

steigt die Einwohnerzahl weit höher, als man sie in Europa glaubt.

Uebrigens hat sie durch die letzte Pest (1834/5) bedeutend abgenommen,

obwohl man, wie man mich versicherte, am Gedränge in den Gassen keinen

Unterschied bemerke. Nach den Einen sollen unter dem Todesstreiche

der letzten Pest 13,000, nach Andern selbst 20,000 Menschen gefallen

sein. Man muthmaßt, daß die Regierung geflissentlich die Zahl der

Gestorbenen minder groß (etwa 11,000) angab, und man will bestimmt

wissen, daß manche in den Hütten an der Pest Verstorbene gleich unter

denselben in die Erde verscharrt wurden, weil die Gesundheitspolizei

gegen verpestete Hütten sogleich zu Maßregeln schritt, welche den

Araber belästigten. Die Bevölkerung Alexandriens gleicht einem

Polypen. Schneidet man ein Stück davon, alsbald wird das Verlorene

wieder ergänzt. Wenn die arabische Bevölkerung der Stadt auch viel

einbüßt, so wird der Verlust doch wieder in kurzer Zeit ersetzt,

theils weil das arabische Weib gerne und leicht Kinder bringt, theils

weil vom Lande immerfort Lückenbüßer einrücken. Es mag nebenbei die

Bemerkung nicht überflüssig erscheinen, daß der Pascha seine Stärke

in der größtmöglichen Vermehrung seiner Unterthanen sucht. Er thut

ihr daher jeden Vorschub. So darf ein Seesoldat nicht ans Land gehen,

wenn er kein Weib nimmt. Wie wenig wurzelfest ein solches Prinzip

sei, könnte er von unsern Lehrern der politischen Oekonomie lernen.

Hohl und trügerisch ist der Gewinn für das Ganze, wenn die Zunahme

und der Verlust der Bevölkerung in gleichem Grade steigen. Eine klein

scheinende Sache ist manchmal von großer Wichtigkeit, und hier +die

Erhaltung der Bevölkerung+, und wollte der Pascha nach diesem Ziele

ringen, so könnte er nicht nur über die gleiche, sondern selbst über

eine intensiv stärkere Bevölkerung gebieten, sich nicht nur einen

Theil seiner Laufbahn von Dornen säubern, sondern auch Andern tausend

Unbilligkeiten und Ungerechtigkeiten, tausend Kümmernisse und Seufzer

ersparen.

Der Ritt zur Beschneidung.

Was ist das für ein Reuter dort auf stolzem Rosse, den Bassar

durchziehend? Was für eine gellende Musik? Was für ein rufendes,

wogendes Menschengedränge, aus dem -- Salz gegen das Roß anstäubt?

Ach, eine Komödieankündigung; mit solchen Ausposaunungen füllt man die

Ohren in allen Krähwinkeln der Welt. O Wahnsinn, welcher dergleichen

verdeutet! Das wohlaufgeputzte Kind, welches der Reuter auf dem Schooße

hält, ist ein mohammetanischer Knabe, mit dem man an den Ort reitet, wo

die Beschneidung vorgenommen werden +soll+. Freilich +soll+, +muß+ u.

s. f., mögen nun seine Augen triefen von Krankheiten und naß sein vor

Wehmuth. Was -- Wehmuth? Sein Weinen hört man ja nicht, weil das Ohr

von Pauken und Tambour und Schalmeien übertäubt wird.

Die Mohammetaner halten auf der Beschneidung sehr viel. Erst wenn

der Knabe beschnitten, ist er ein Moslim (Rechtgläubiger). Die

Großen begleiten dieselbe mit sehr viel Gepränge. Die Beschneidung

des nachherigen Sultans +Mehemet+ dauerte vom 21. Mai bis zum 30.

Brachmonat 1582. Die abgeschnittene Vorhaut wurde in einer goldenen

Schale der Mutter des Sultans, und das Barbiermesser blutig der

Großmutter zugeschickt. Wenn man damit zugleich die Rohheit der

türkischen Sitte bezeichnen möchte, so versteht sich von selbst, daß

auch +Sauls+ Forderung (1. +Samuel+, 18, 26 und 27) in der Vorderreihe

roher Sittenzüge steht.

Primarschule.

Du gehst auf den Gassen. Du hörst einen Lärm, ein Brumsen und Sumsen.

Auf einmal erblickst du eine Menge Kinder, die in einer offenen, über

die Gasse nur wenig erhöheten Bude hocken[8], den Körper vor- und

rückwärts bewegen, eine weiß bemalte, hölzerne Schreibtafel in der Hand

halten. An einer Wand hockt der Schulmeister, und macht mit seinem

Körper eben so komische Bewegungen. Er lehrt und ißt Bohnen zu gleicher

Zeit.

Das ist eine Kinderschule. Nirgends sah ich die fröhliche

Ausgelassenheit der Kleinen in höherm Grade als hier.

In Alexandrien gibt es mehrere Schulen. Ich glaube nicht, daß sie

gesetzlich bestehen. Weil in den Schulen die Religion nach dem Koran

gelehrt wird, so schickt der Mohammetaner aus religiösem Eifer die

Kinder in dieselben. Der Schreiber wird unter dem Volke sehr geachtet.

Mädchen nahm ich unter den Schülern nicht wahr.

Die Zeichenschule.

Ich begegnete im Arsenale einem Europäer, den ich um Auskunft fragte.

Sein Aeußeres wollte eben nicht viel versprechen. Mit zuvorkommender

Gefälligkeit führte er mich in ein Zimmer, wo etwa zwanzig ältere

Zöglinge zeichneten, davon mehrere schon an zwei Weiber verheirathete.

Mein Führer, aus Marseille gebürtig, stand der Schule, die er erst

vor kurzem gegründet hat, selbst vor. Die Araber saßen auf Bänken vor

Tischen, und die Muster lagen oder hingen vor ihnen. Mir schienen

die Zöglinge Eifer an den Tag zu legen, und ihre Arbeiten, Laub- und

Blumenwerk, z. B. für Tapeten, geriethen nicht übel. Der Zeichenlehrer

eröffnete mir, daß der Araber viel Talente besitze, daß er aber zu sehr

Schlaraffe sei, um sie anbauen zu wollen. Er bestätigte, was ich von

Andern vernahm, daß er denselben nur durch strenge Zucht zur Arbeit und

zum Fortschritte bringe. Von Stockschlägen faselte der Franzose ganz

geläufig, als wäre er mit ihnen aufgewachsen. Der Mangel gründlicher

Kenntniß in der arabischen Sprache stellt dem Lehrer viele Hindernisse

in den Weg. Indessen bemüht er sich eifrig, diese Sprache in seinen

Besitz zu erlangen, damit seine Mittheilungen leichter werden. Da der

Lehrer selbst nicht gar viel Zeit im Schulzimmer zubringt, so sucht er

sich durch eine Art +Lancasterschen+ Unterrichtes zu helfen. Während

seiner Abwesenheit vertritt der beßte Zögling die Stelle eines Lehrers.

Die Lehrlinge werden im Ganzen strenge gehalten. Des Mittags dürfen

sie nicht ausgehen, und sie speisen im Zimmer. Eben hockten zwei auf

dem Boden, und langten mit ihren Fingern eine Art Brei aus einem großen

Teller heraus.

Der Pascha verbindet mit dieser Schule offenbar den Zweck, sich von

dem Abendländer mehr und mehr unabhängig zu machen. Vielleicht sind

die goldenen Tage des letztern in Egypten vorüber, so bald er den

Pascha und seine Leute einen solchen Schatz gelehrt haben wird, daß die

Anleitung und die Mithilfe des Fremdlings entübrigt werden können.

Weiberhändel.

Zum Troste der Europäerinnen gibt es auch in Afrika Weiberhändel.

Ich lag unter dem Fenster, über einem Bassar. Auf einmal wendete sich

eine Mohrin kreischend und, mit einem Schäufelchen drohend, rasch

gegen einen Türken. Das Weiße des Auges gegen die Schwärze der Haut,

wie das Licht gegen den Schatten, abstechend, warf den lebhaften Glanz

der Gemüthsbewegung. Der Türke stand in stolzer Ruhe; fest heftete er

seinen Blick an das Weib. Auf einmal fiel ein minder schwarzes Weib der

ersten in diejenige Hand, welche das Schäufelchen hielt. Die Weiber

wetteiferten mit Lärmen. Was für ein Ende wird der Auftritt noch

nehmen? Wie treffen doch die zierlichen Europäerinnen und die plumpen

Afrikanerinnen den gleichen Punkt, ob auch nicht so +haargenau+; denn

in Europa raufen sich Weiber die Haare, hier dagegen greifen sie

nicht nach dem Kopfe, sondern halten sich einander die Hand, oder

kneipen und reißen an den Kleidern. Daß die auf einander erbosten

afrikanischen Damen mehr nach dem in der Gemüthsaufwallung gepreßten

Herzen greifen, ist es etwa instinktmäßiger? Ich glaube nicht, daß,

wenn es keine Männer gäbe, die Welt aussterben, sondern bloß, daß die

übrig bleibenden Weiber von einander aufgerieben würden, nämlich zuerst

die guten von den bösen, dann die bösen von den bösesten. Und das habe

ich nicht nur schon im Stillen gedacht, sondern ich wollte es auch vor

Männiglich sagen, wozu es freilich keines Muthes bedarf; denn sollte

ich mit meinem harten Urtheile irgend eine Schöne zum Zorne aufregen,

so bin ich überzeugt, daß sie sich selbst, im Schmucke desselben, vor

dem Mann mißfiele, und daß sie ihn viel lieber an einer schwachen

Mitschwester entlüde.

Es kam, um zu unserm Spektakel zurückzukehren, Polizei dazwischen,

und so nahm der Handel flugs ein Ende. Natürlich wurde ich an der

Fortsetzung meiner nicht ganz unangenehmen Beobachtung gestört.

Geld und Geldnoth.

Eine englische Guinee gilt 100 Piaster (Krusch); 40 Para (Medi)

machen einen Piaster aus. Beiläufig 8 Piaster kommen einem Gulden

Reichswährung gleich. Die egyptischen Goldmünzen sind 10, 9, 4 und 3

Piasterstücke. Diese letztern empfehlen sich wegen ihrer Kleinheit

wenig. Man darf ordentlich auf der Hut sein, um sie nicht zu verlieren.

Die Silbermünzen sind 1, ½, ¼ und ⅛ Piaster, selbst ein Para. Es

gibt übrigens auch ¼, ¼ Piaster und 1 Parastück in Kupfer. Dieß die

Hauptmünzen. Man könnte wohl noch mehr angeben, wenn man weitläufiger

sein wollte.

In Alexandrien ist Noth an Scheidemünze, so daß bisweilen für das

Wechseln von 4 Piaster in Gold ohne Anstand 10 Para abgezogen werden.

Ich war einmal genöthigt, einem Araber, der meine Sprachen nicht besser

als ich seine verstand, so viel Para zu bezahlen. Anfänglich glaubte

ich freilich hintergangen worden zu sein, weil eine so beschaffene

Ordnung von Unordnung mich allzusehr befremdete. In Kaffee- und

Wirthshäusern tritt gewöhnlich der Fall ein, daß man nicht quitt

rechnet. Bald bleibt der Wirth, bald der Gast schuldig. Einmal konnte

der Wirth mir keine kleine Münzen zurückgeben, und erklärte, mit

Annahme der Zahlung zu warten. Wie staunte ich über das gastwirthliche

Zutrauen, welches das Morgenland so lieblich verkündiget. Man fasse

sich wohl, dieses Zutrauen ging auf den Stelzen der Münznoth. Ein

andermal blieb ein Kaffeewirth, aber ein Grieche, mir eine Kleinigkeit

schuldig. Die Begehr nach Scheidemünze fällt, wenigstens dem Fremden,

ungemein beschwerlich; man muß gleichsam auf dieselbe Jagd machen,

indem man jede Gelegenheit auffängt, um eine größere Münze auszugeben,

die beim Umwechseln kleinere zurückwirft. Dazu kommt noch eine andere

Unbeliebigkeit, daß schwierig zu erkennende falsche, oder gebrochene

und beschädigte Münze im Umlaufe ist, welche nicht angenommen wird.

Zählen wir doch nichts zu den Unmöglichkeiten. Vielleicht rührt die

Scheidemünznoth vom +Kometen+ her, den ich in Egypten gerade zum

ersten Male, als einen hübschen, langen Schweif, in der nördlichen

Himmelsgegend zur Sicht bekam. Im Kaffeehause erregte diese Erscheinung

plötzlich ernstes Rufen, lautes Lärmen, eiliges Laufen, anders nicht

fürwahr, als wäre Feuer ausgebrochen. Wenn der Schwanzstern nun

dieses zu bewirken, und, wie es denn bekannt ist, Krieg und Pest

heraufzubeschwören vermag, wie soll er die Leute nicht auch in die

Klemme des kleinen Geldes treiben können? Uebrigens bin ich selbst

froh, daß die Sterngucker den Spaß dort ungefähr errathen haben; denn

mich bangte nicht wenig, der Komet werde gar ausbleiben, dieweil er aus

dem Wirrwarr der Himmelspropheten sich etwa nicht herauszufinden wisse,

die in der Festsetzung des Tages oder der Nacht für das Stelldichein so

nicht einig werden wollten oder konnten.

Das Schiff der Wüste.

Auf Alexandriens Boden reichten auch die vielen Kameele meiner

Neugierde Nahrung dar. Zu Lande werden meist auf dem Rücken dieser

Vierfüßer die Lasten fortgeschafft. Wie ein Faden spinnt sich eine

lange Reihe von Kameelen oft mitten durch das Menschengedränge in den

Gassen, eines hinter das andere gebunden. In ein weitfenstriges Netz

von Stricken werden größtentheils die Lasten aufgeladen; so Steine, so

Säcke, so Anderes. Das hohe Kameel bewegt sich in gemessenen langen und

eher langsamen Schritten, während der niedrige Esel mit seinen kurzen

Füßen trippelt. Der Fuß des Kameels ist wie das Pendul einer Thurmuhr,

der Fuß des Esels wie dasjenige einer Taschenuhr. Und noch mehr

Gegensatz. Das Kameel ernst, der Esel flatterhaft; das Ohr des großen

Kameels klein, des kleinen Esels groß. Es macht Spaß, diese zwei Thiere

neben einander zu sehen.

Anleitung für den Reisenden.

Langt man im Hafen an, so fährt der Kapitän in seiner Schaluppe ans

Land. Ergreift man nicht gleich diese Gelegenheit, so holt man später

auf einer der Barken, die im Hafen jederzeit bereit liegen, die

Effekten, höchstens für einen Piaster. Zu Lande wird das Gepäcke von

den Mauthbeamteten untersucht, welche einen Piaster von mir forderten.

Ein Lastträger bringt für einen Piaster das Gepäcke bis ins Logis. Eine

größere Last würde man am beßten auf Esel oder auf Kameele laden, und

auch auf letztern kostet die Fortschaffung des Gepäckes nicht viel.

Ehe ich das Zimmer im Wirthshause zu den drei Ankern (welches sonst

dem kostspieligeren zum goldenen Adler nachgesetzt wird) bezog, fand

ich mich mit dem Wirthe ab. Das Zimmer war geräumig, mit der Aussicht

auf einen Bassar, das Bett rein; die Flügelthüren mußten mit einem

Vorlegeschloß gesperrt werden.

Mein Paß war von der Polizei in Triest mit nicht mehr Umständlichkeiten

nach Alexandrien visirt, als reisete ich von dort nach Venedig, und der

Kapitän händigte am Orte der Bestimmung ihn selbst dem österreichischen

Konsul ein. An das Reisen nach Egypten binden sich überhaupt keine

polizeiliche Schwierigkeiten. Nachdem mein Paß in meinem Kantone

ausgefertigt war, wurde er einzig dem österreichischen Gesandten bei

der schweizerischen Eidgenossenschaft zum visiren übersandt, weil ich

in Europa keinen andern als österreichischen Boden beschreiten wollte.

Die Polizei abgerechnet, fiel er hier weder in die Hände eines Konsuls,

noch sonst Jemandes. Als ich mich beim österreichischen Konsulate in

Alexandrien anmeldete, eröffnete es mir, daß es mir den Paß nach Kairo

unterschreiben werde, wenn ich hinauf reisen wolle, und daß ich ihn

dann abholen könne. Das Visum erhielt ich „gratis“, und ich mußte nur

einem egyptischen Angestellten, welcher sich auf der Konsulatskanzlei

befand, für einen Vorweis bei der Douane am Mahmudiehkanale einen oder

zwei Piaster, so wie den Douaniers selbst, welche auf eine den Fremden

sehr belästigende Weise die Effekten durchsuchen, wiederum einen

kleinen Tribut bezahlen. Manche bedecken den Statthalter mit Ruhm wegen

seiner Liebe zu den Abendländern, und die gleichen Abendländer dürfen

bloß den Fuß auf Egypten setzen, und er benützt, wie es am Tage liegt,

jede Gelegenheit, um ihnen das Geld aus der Tasche herauszudrücken.

Als Arzt hatte ich nur meine nothwendigsten Effekten mit einer Zugabe

weniger Arzneien bei mir, und demungeachtet mußte ich den Inhalt des

Felleisens in Alexandrien zweimal untersuchen lassen.

Wer sich mit Empfehlungsschreiben versieht, thut wohl daran. Die

meinigen leisteten mir wesentliche Dienste, was ich auch dankbar

anerkenne. Ich stellte mir etwas schwer vor, daß ich, als Ankömmling

auf Afrika, in Mitte arabischer Zungen mich zurecht finden werde. Mein

Erstes war, durch einen Araber geführt, meine Empfehlungsschreiben

an einen Schweizer aus Schaffhausen abzugeben. Ich fand ihn -- einen

Freund; ich fühlte mich in seiner Nähe so traulich wie zu Hause. Er

ertheilte mir zu Allem Anweisungen, deren ich so sehr bedurfte. In

der Gesellschaft der Herren +Ott+, +Wehrli+, +Wyß+, Korvettenkapitäns

+Baumgartner+, welche Schweizer sind, und des Oberarztes der Marine,

~Dr.~ +Koch+ aus München, hatte ich erfreuliche Gelegenheit, die

nöthigen Erkundigungen einzuziehen.

Wenn man einen entferntern Gegenstand besehen will, so bedient man

sich am beßten eines Esels. Fiacres gibt es gar nicht und im Ganzen

äußerst wenig Gefährte. Man kann aber auch zu Fuß gehen, was ich

meistens that, und selten wurde ich von den Eseltreibern bestürmt.

Diese fangen eigentlich nur an, in Jemand zu dringen, oder sich in

den Weg zu stellen, und ihn so aufzuhalten, wenn sie ihm anmerken,

daß er einen Esel sucht. Alsdann ist er augenblicklich von zwölf- bis

zwanzigjährigen Leuten umringt, welche, laut lärmend, sich anbieten

und so nahe sich andrängen, daß sie Einem die Kleider verunreinigen.

Das unverschämte Andrängen war mir immer höchst widerlich, selbst wenn

ich dadurch im beengten Raume nicht gehindert worden wäre, den mir

beliebigen Esel und Treiber auszuwählen. Man schwingt sich endlich auf

ein Thier, bloß um die Stürmer los zu werden; denn sobald man auf dem

Esel sitzt, ändert sich die Szene, als wäre ein Licht ausgeblasen, --

gänzliche Stille tritt plötzlich ein. Außer dieser Kriegslist schützt

auch noch die Peitsche vor der Unverschämtheit. Einige Male folgten

mir Eseltreiber, Esel voran, mit dem ermüdenden: ~Volete un’ buon’

burrico?~ weit nach. Ich kehrte rasch um, und dann wandelte ich wieder

vorwärts. Es half wenig. Die Drohung mit der geballten Faust wies zu

guter Letze die Meister in der Zudringlichkeit zurecht.

In einem halben Tage kann man das Sehenswürdigste finden. Man

reitet zuerst zu den Katakomben, wo Leute aus den arabischen Hütten

den Wißbegierigen unter die Erde führen. Von da zu dem Garten

+Ibrahim-Paschas+, mit den Blicken über den See Mareotis. Weiter zu der

Pompejussäule, zu den Obelisken und zuletzt zum Pharus. Für den Ritt

nach den Katakomben, zur Pompejussäule und zu den Nadeln +Kleopatras+

gibt sich der Eseltreiber mit vier Piaster zufrieden. Vielleicht

verdienen auch die Ruinen der Athanasiuskirche und der Katharinakirche

besehen zu werden.

Die Nilfahrt nach Kairo.

Linkische Lastträger; seichter Kanal; ~licentia poetica~;

Kornspeicher; Fruchtbarkeit des Nilthals; possirlicher

Hühnerhandel; eine Abendunterhaltung; das Schlachten eines Lammes;

Gewandtheit der Barkenknechte; die reisende Familie; Truppe nackter

Kinder; Einerlei der Aussicht; Kaffeewinkel; Bewässerung des

Landes; seltsame Schiffsladung; Pyramidenanblick; Telegraphen;

Bulak; ~hôtel de l’Europe~.

+Freitags den 16. Weinmonat.+

Ich schied von Alexandrien. Aus Rücksicht für die gute Gesellschaft

mit einem Dragoman der französischen Regierung und einem jungen,

piemontesischen Kaufmanne reisete ich nicht eher ab, wie ich vorhatte,

ja ich ließ mich sogar lieber während dieses Tages bis gegen Abend ins

Wirthshaus einsperren. Denn da die Cholera immer weiter um sich griff,

und der Wirth keine Maßregel dagegen versäumen wollte, so unterstellte

er sein ganzes Haus der Quarantäne. Ich weiß nicht, wie ich sagen soll,

ob die neue Ordnung der Dinge, z. B. der Einkauf von Lebensmitteln,

das Parlamentiren vom Rastelle aus bei dem Besuche eines Freundes, mich

mehr betrübte oder belustigte. Noch wunderlicher kam es mir vor, wie

der italienische Wirth mich als Verpesteten behandelte, weil ich über

Nacht Brechen und Anderes litt, und eine Zeitlang mich wirklich von der

morgenländischen Brechruhr ernsteren Grades befallen glaubte. Die mit

Reiswasser gefüllte Flasche übergab der kummervolle Italiener nicht mir

unmittelbar, sondern mittelst eines vor meiner Zimmerthüre stehenden

Geschirres, in welches die Flasche ging. In das Weise der Menschen

flicht sich auch manchmal so viel Thörichtes, daß man oft nicht weiß,

wo der Verstand aufhört oder anfängt.

Ich sorgte für einen kleinen Vorrath an Lebensmitteln, auch Holz,

und zwar kaufte ich dieses nach dem Gewichte. Die eine Fürsorge ist

vergeblich, und nur für Leckergaumen räthlich. Ueberall am Nil bekommt

man gutes Brot, Hühner, Eier, auch Reis, und in den meisten Dörfern

Milch, Alles in geringem Preise. Einzig Zitronen, Zucker und Rhum mögen

nebst Kohlen und einem Kochofen dienen. Ich kann voraussetzen, daß der

über Meer Gelangte auch ein Bett mit sich schleppe.

Von zwei Arabern wurde mein Gepäcke aus der Ankertaverne nach

dem Mahmudiehkanal getragen, aber täppisch oder träge genug,

indem dieselben, im Schweiße gebadet, die Bürde bald los- bald

zusammenbanden, jetzt niederlegten, dann aufnahmen. Ich traf eben

da meine Reisegefährten. Es sollte mein Gepäcke nur noch unter den

bekannten Förmlichkeiten die Zolllinie überschreiten; ich bestieg das

Fahrzeug, und wir stießen in den Kanal. Der Wind blies günstig. Bald

verschwand die Pompejussäule aus unsern Augen -- und der Tag.

+Den 17.+

Die Ufer des Kanals sind niedrig, oft wüst, genußarm. Der Kanal

ist schmal, hie und da seicht, und Manche glauben, daß in kurzer

Zeit der immer mehr anwachsende Niederschlag des Nilschlammes ihn

unschiffbar machen werde. Dergestalt würde das glänzende Unternehmen

+Mehemet-Alis+, den Nil mit der See Alexandriens zu verbinden, in

Schatten sinken, nachdem es in aller Welt so hochgepriesen war.

Wir segelten einer französischen Dame voran. Vornehm steckte sie durch

einen baufälligen Laden ihren Kopf heraus. Von einem Monsieur unserer

Barke wurde sie nur befragt, ob sie des Nachts viele Flöhe gehabt

hätte. Das war eine schlechte ~licentia poetica~, aber eine natürliche.

Gegenseitige Theilnahme an den Plagen ist wenigstens ein Erguß der

Gemüthlichkeit.

Um Mittag langten wir in Atse an. Hier verbindet sich der Kanal

mit dem westlichen Arme des Nils. Das Dorf mit seinen elenden,

schwarzgrauen Hütten gleicht einem Ameisenhaufen, so viel Leben und

Regsamkeit zeigt sich in dem Bassar und an den Stapelplätzen. In der

Kornhalle, aber keinem Konterfei der Pariser, liegt das Getreide

auf dem Boden an einem Haufen unter freiem Himmel. Der Kornhändler

hockt auf dem Kornkegel und schmaucht mit aller Behaglichkeit

eine Pfeife. Auf diesen Markt soll man nicht gehen, um Eßlust zu

fördern. Solche Getreidemärkte besitzt auch das übrige Egypten.

Die Kornspeicher stellen indeß andere Male einen, mit einer Mauer

umfangenen, unbedeckten Platz vor. Ich wollte im Bassar eine Limonade

trinken; allein den widerlichen Geschmack dieses mit Meth oder Melis

zubereiteten Getränkes konnte ich nicht überwinden. Ich war noch nicht

so weit in das Reisen eingeschossen, daß ich Alles verschlingen wollte.

Im Bassar gewahrte ich eine Höckerin mit einem nackten Kinde, das an

den Blattern litt. In Egypten hausen diese auf eine schreckliche Weise.

Billig nahm der +Nil+ mit seinem weißgelblichen Schiller meine

Aufmerksamkeit in Anspruch. So habe ich denn ein Ziel meiner Reise

erreicht. Mit Recht danken dir, o Nil, die Bewohner des Landes, daß du

die von dir überschwemmten Ländereien segnest. An andern Orten schadet

im Gegentheile der Fluß durch Ueberschwemmung. In der Mitte zwischen

den Quellen und Mündungen ist der Weltstrom am größten, und an andern

Orten wird der Fluß um so größer, je näher er gegen das Meer anströmt.

Nicht durch majestätische Größe, mehr aber durch den reißend schnellen

Lauf zeichnet sich dieser Nilarm aus. Und welch’ eine Fruchtbarkeit

der Nilufer! Alles keimt üppig, und man sieht der Natur an, daß sie

mit der größten Leichtigkeit hervorbringt. Sie scheint den Bewohnern

zuzurufen: „Nehmet von mir, so viel ihr wollet; denn ich ermüde nicht

mit Wiedergeben.“ Der Karakter der Nilgegend ist eigentlich kein

schwerer, sondern ein leichter, kein ernster, sondern ein frohmüthiger,

ein jugendlicher. Das alte, das schon so oft und oft geerntete Land ist

noch ein Kind.

Es war Mittag. Die Sonne brannte durch einen Flor atmosphärischer

Dünste. Wir verweilten einige Stunden, weil die Waaren von unserer

Barke auf eine andere umgepackt werden mußten. Gepäcke um Gepäcke aus

den Händen legend, schrie der das Schiff beladende Araber Zahl um Zahl

laut: für mich eine gute Gelegenheit, die arabischen Zahlen zu lernen.

Bei diesem und andern Auftritten verging mir die Zeit leicht, doch

angenehmer, als gegen Abend ein herrlicher Wind dahersäuselte, die

etwas drückende Hitze zu mildern. In Atfe hält sich ein französischer

Konsularagent auf, welcher uns besuchte.

Gegen die Neige des Tages stachen wir in den Nil. Die zwei lateinischen

Segel schwollen lustig an, wie die Backen der Kinder, welche dem Aeolus

ins Handwerk greifen wollen. Bald lagen wir vor der Stadt Fuah, in der

ein Thurm am andern emporragt. Jetzt trat Windstille ein. Der Abend war

lieblich warm. Die Leute vertrieben ihn mit Spiel und Tanz, und ich

glaube zuversichtlich, daß sie wenig Empfänglichkeit für die Lehren

unserer Mystiker gehabt hätten, nach denen das lachende Nilthal ein

Jammerthal wäre oder hoffentlich werden sollte.

+Sonntags, den 18.+

Gegenwind. Das Schiff an einem Seile gezogen.

Ich kaufte drei Hühner für etwa 30 Kreuzer R. V. Man darf aber Eines

nicht außer Auge setzen: die egyptischen Hühner erlangen keineswegs

die Größe der unserigen. Eine Henne sieht aus wie bei uns ein junges

Huhn. Es fiel mir zum ersten Male nicht wenig auf, wie eine Gluckhenne

(von der Größe eines europäischen, halbausgewachsenen Huhns) sich

bemühte, ihre so außerordentlich winzigen Küchelchen mit den Flügeln zu

beschirmen. Hätte ein Säugling an die Brust eines zehnjährigen Mädchens

sich geschmiegt, es wäre mir kaum spaßhafter vorgekommen. Auch die

Eier der egyptischen Hühner sind bedeutend kleiner.

Ich nahm sofort meine angekauften Hühner zur Hand, wendete mich gegen

das Nilufer und ging an diesem hinauf, um an einer vortheilhaften

Stelle zu warten, wo ich wieder in den Kahn steigen könnte. Auf einmal

verfolgte mich ein Weib wehklagend, +juh, juh+ schreiend. Ich wußte

nicht recht was es wollte; nur glaubte ich aus seiner Stimme und aus

seinen Geberden entnehmen zu müssen, daß es wähne, ich hätte die

Hühner ihm gestohlen. Schon umzingelten mich Leute, selbst von der

Polizei; ich sollte mein Eigenthum abtreten. Was anfangen? Ich suchte

durch Deuten verständlich zu machen, daß ich mich zur Barke begeben

wolle, wo man Aufschluß ertheilen werde. Das Glück brachte gerade den

Piemonteser. Meine Vermuthung wich der Gewißheit. Er sagte mir, das

Weib habe seine Hühner bezeichnet, und ich solle sie ihm zeigen. Ich

that es, und die Bestohlene -- überzeugte sich sogleich von ihrem

Irrthume. Das Weib war wenigstens moralisch so gut, daß es diesen

eingestand. Es gehört zur Macht des Irrthums, wie kleine Zwiste, so

selbst blutige Kriege zu entzünden, und ich durfte mich in der That

glücklich preisen, daß aus diesem Handel nicht gar ein Krieg entsprang.

Wir rückten heute vor bis +Mohalèt-Abu-Ali+, einem Orte am Ufer des

Delta. Nach einem nebelichten Tage war der Abend sehr schön und wie

ergötzlich, das will ich in Kürze erzählen.

In diesem Dorfe wohnt eine Art Großer, welchem die Barken des

westlichen Nilarms zugehören sollen. Er kannte den Vater des

Piemontesen. Wir schickten ihm Rhum, oder er ließ vielmehr holen. Bald

beehrte er uns selbst mit seiner Gegenwart, und trank den Rhum vor

Aller Augen. Er erfreute die Gesellschaft zugleich mit einer blinden

Sängerin. So wurde der Abend mit rauschendem Vergnügen, unter Sang,

Tanz und Spiel verbracht. Wenn die Egypzier mit der Schalmei (Surna)

und dem Tambur (Deff) spielen, so klatschen sie mit den Händen den

Takt, manchmal unter dem Rufe +Hamma+. Mich belustigte das fröhliche

Geberdenspiel. Man versicherte mich, daß die Sängerin ihre Rolle

vortrefflich spielte. Es fesselte mich vor Allem das lange Pausiren,

die vielen Molltöne und der Liebeston, eine Art +Ach+ (a-a), der

letzte, ersterbende Seufzer der Liebe. Dem Dragoman, einem mit den

Sitten und der Sprache des Landes vertrauten Manne, schmeckte die

Soirée überaus köstlich. Ich genoß dabei im Ganzen wenig. Weil ich die

Nachtluft im Freien fürchtete, stellte ich mich bloß dann und wann,

kein Vaterunser lang, unter die Thüröffnung der Kajüte. Ein Kind würde

kaum scheuer, unter den Polizeiaugen des sparsamen Vaters, in den

Honigtopf gelangt sein. Wenn die Araber mich auslachten, so hatten sie

-- Recht.

Ich lasse nun ein Verzeichniß der an den Nilufern gelegenen Ortschaften

in der Reiheordnung folgen, wie wir an ihnen vorübergefahren sind[9].

+Rechtes Ufer.+ +Linkes Ufer.+

Allah-uhu. Sanahbahdieh.

Schurafa. Iluieh.

Salamunih. Kaffer-Schech-Hasan.

Mahalèt-Malèk. Somchroat.

Dissuh. Rachmanieh.

Kaffer-Ibrahim. Margass.

Dimikunum. Miniet-Selamme.

Mahalèt-Abu-Ali.

+Den 19.+

Es wird ein Schaf von einem Manne auf dem Rücken in die Barke getragen:

ein Geschenk von Seite des Barkeninhabers, der uns gestern Abend einen

Besuch abstattete. Das schien mir echt morgenländischer Ton. Das

Geschenk galt dem Piemonteser. Kurz darnach kam der Barkeninhaber mit

seinem jungen Sohne. Sie ließen sich voller Würde am Borde nieder und

wurden mit Kaffee bewirthet. Mich wunderte, wie gar der Junge sich

so ernst, männlich und geschickt benahm. Mißtrauen wir doch nie dem

vielvermögenden Einflüsse des Beispiels in der Erziehung. Vater und

Sohn begleiteten uns eine Strecke weit, und ließen sich sodann ans Land

tragen.

Bald ward das Schaf geschlachtet und zerhauen. Ein Jeglicher hoffte auf

einen guten Bissen. Wir feierten munter die Ostern.

Die Barkenknechte sind Leute von erprobter Geschicklichkeit. Wenn,

aus Mangel an Wind, die Barke am Seile geschleppt werden sollte, so

nahmen sie die Kleider, wickelten diese zusammen, legten sie über den

Kopf, sprangen ins Wasser, schwammen davon, bis sie waten konnten, und,

ans Ufer gekommen, zogen sie, bisweilen ohne einen Faden am Leibe,

das Schiff. So geschieht es bei Tage, wie bei Nacht, und nicht einmal

selten. Auch dem aufsitzenden Fahrzeuge zu Hülfe springen die Amphibien

ins Wasser, und heben mit Rücken und Händen die Barke vom Strande. Zu

diesem Ende sind sie genöthigt, unterzutauchen, und bemerkenswerthe

Zeit bleiben sie manchmal unter Wasser, um die Last zu bewegen.

Wir kamen an einem Landhause des Pascha vorbei.

Unsere Gesellschaft auf der Barke war zahlreich. Stelle man sich vor

die gebieterischen Franken und die beugsame Mannschaft des Schiffes,

ein Weib mit Kindern und einen alten, magern Kuppler, ein altes Weib

neben einem jungen, welches Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte, und

seinen häßlichen, großen Mund mit Aengstlichkeit verbarg, und man hat

das bunte Bild von unserer reisenden Familie. Beinahe aber hätte ich

die liebenswürdige Puppe vergessen, welche, eher einer Vogelscheuche

ähnlich, einem kleinen Mädchen viel Freude bereitete. Eine Mutter

behandelte ihren Säugling mit einer Grausamkeit, welche dem zarten

Geschlechte wenig zur Ehre gereicht. Wenn er weinte, so schlug sie ihm

mit der Hand fort und fort auf den Mund. Das ist die liebenswürdige

Kunst der Egypzierin das Weinen zu zerschlagen. Bei den arabischen

Müttern überhaupt nahm ich wenig Zärtlichkeit für ihre kleinen Kinder

wahr. Die Brust reichen sie zwar jeden Augenblick, aber, wie es beinahe

scheint, mehr aus Gewohnheit und darum, weil sie selbst daran Freude

finden, als weil sie solche den Kindern gönnen.

Die Beschreibung meines Zahnwehes dürfte Niemandem angenehm sein. Man

wird lieber vernehmen, daß den Araber in der Regel schön weiße Zähne

zieren, und daß er selten an Zahnschmerzen leidet. Das zweite Zahnen

erfolgt bei den egyptischen Kindern in einem Alter von 6½ Jahren.

Sogar ältere Leute erfreuen sich noch weißer Zähne. Es wird allgemein

von den Franken behauptet, daß die arabischen Weiber früh altern.

Dieß dürfte nicht so durchgängig wahr sein. Eben weil bei ihnen die

blendend weißen Zähne lange erhalten werden, so erscheinen sie nicht

besonders alt. Die Franken hätten auch bedenken können, daß die geringe

Korpulenz, welche so gerne die Jahre multiplizirt, unter den Arabern

jedes Alter begleite. Bis +Tunup+.

+Rechtes Ufer.+ +Linkes Ufer.+

Dimènki. Kaffer-Osmann.

Kaffer-Megẻr. Sibréchît.

Saffiéh. Maéssra.

Móhalédié. Hali-Dächmèt.

Minidschéhnâ. Sibirîs.

Kaffer-Dówâe. Kaffer-Senâgli.

Génaht. Kaffer-Chadẻr.

Salhadschar. Niklé.

El-Kótabé. Dahrygieh.

Férahstak. Amié.

Mohallèt-el-Läbben. Kaffer-Ibn-Schäet.

Abîtsch. Kaffer-Laihs.

Kufur-Bilsẻ. Schabûr.

Kaffer-Hósâr. Sèlamûn.

Kaffer-Schech-Ali. Kaffer-Harimm.

Manûfur. Chäli-Dächmèt (Hali-Dächmet).

Kaffer-Sajàd.

Tschalgamûn.

Kufur-Haschasch.

Kaffer-Jukûb (Jabobsdorf).

Kaffer-Bâgi.

Kaffer-Tschèddid.

Kaffer-Mischléh.

Mischléh.

Sahyahra.

Tunup.

+Den 20.+

Am Ufer standen mehrere Bettler, die auch in andern Gegenden von

Egypten nicht selten sind. Doch laufen oder rennen sie nicht so

unverschämt nach, als in einigen Schweizer-Gauen. Wie in Europa, so

spaziren hier die Fliegen auf Zucker. Man jammere nun aber nicht über

den Fliegenschwarm, so lange man den Zucker nicht weghebt.

Die Reisebeschreiber erwähnen der Weiber die zahlreich in Krügen aus

dem Nile Wasser holen. Ich sah sie sehr selten, und ihre Scheu vor

den Männern konnte ich nicht bestätigen. Nichts weniger, als daß sie

aus Zartgefühl mit ihren Händen das Gesicht verhüllten. Es muß seit

einiger Zeit Manches anders geworden sein. Mich wundert, daß die

Reisebeschreiber die ungemein geringe Menge Wassers nicht hervorhoben.

Bei uns würde man ein Mädchen ausspotten, wenn es nur einen Krug voll

Wasser holte. Man weiß, daß unsere Weibsleute große Gelten voll Wasser

auf dem Kopfe oder an den Händen tragen.

An vielen Fellahs (Bauern) würde man vergebens mehr suchen, womit sie

ihren Leib bedecken, als eine Lendenschürze. Ich fand jedoch wenig

Unanständiges in dieser Kleidungsart, vielmehr etwas Vernünftiges

in Beziehung auf die heiße Sonne. Gar viele Kinder, selbst größere,

wandeln völlig entblößt herum. Der Anblick einer Truppe nackter Kinder

unter freiem Himmel hat immerhin etwas Eigenes. Ihre auffallend großen

Bäuche könnten sie wahrscheinlich mit andern Kindern theilen, wenn

diese nackt ausgingen, und somit ihre Bäuche den Blicken zugänglicher

würden.

Mir thut es leid, den Nilufern nachsagen zu müssen, daß sie, in die

Dauer besehen, langweilen. Beinahe immer das nämliche Einerlei. Keine

Hügel, keine Berge, keine Seen, dafür flaches Uferland, welches

unmerklich in den Horizont verfließt. Selten stützt sich der Himmel

auf eine Landlehne. Am Nilufer erblickt man zwar viele Dörfer, aber

auch +die+ sehen in der Regel einander beinahe gleich, wie ein Ei

dem andern. Aus der Ferne verheißen sie eine seltene Pracht, schon

bewundert man antike Paläste, über welche der schlanke Minaret

emporsteigt; die runde Moschee füllt das Maß der Täuschung. Alles

scheint in Palmen und Sykomoren gebettet. Ja recht viel Reiz in der

Ferne, aber in der Nähe Kothhaufen als Mauern, enge, von armseligen

Leuten betretene Gäßchen, krumme Minarets, kärgliche, von schönen

Waschhäusern überbotene Moscheen. Nichts schmerzt so sehr, als

fortwährend getäuscht zu werden. Einfacheres kaum, als ein Häuschen

an den Nilufern. Ein viereckiges Zimmer ohne Fenster, mit einer

Thüröffnung über dem Erdboden; das Dach platt; der Baustoff aus einer

Art von Backsteinen, welche von Schlamm und Mist geformt und an der

Sonne gedörrt werden. So die große Mehrzahl der Häuser. In Ghisahi

bieten sie eine andere Gestalt. Sie erheben sich kegelförmig. Diese

Zuckerhüte dienen den Tauben zur Wohnung.

Gegen Abend langten wir in +Nadîr+, einem Marktflecken, an. Hier sprach

ich deutsch mit einem Hannoveraner, welcher auf einer andern Barke

hergefahren war. In Kaffeewinkeln schienen zwei Frauenzimmer sich wenig

zu freuen, daß der Vizekönig das berüchtigte Patent zurückgezogen hat.

Der Aufenthalt der französischen Armee in Egypten, während dessen

freier Verkehr unter den Leuten beiderlei Geschlechts gestattet war,

so wie die vom Pascha ausgefertigten Patente lehren, zu welcher

unsäglichen Ausgelassenheit der heiße Himmelsstrich führte. Der

Vizekönig hat wohl weniger aus religiösen Gewissensbissen diese Patente

zernichtet, als vielmehr aus dem Grunde gesellschaftlicher Ordnung.

Auf unserer Barke wurde mancher Spaß getrieben, mitunter auch solcher,

welchen zu beschreiben die Feder sich weigert. Der Reis (Kapitän)

schlug z. B. einen Barkenknecht. Er genießt übrigens das Recht, seine

Leute zu schlagen, wenn sie sich gegen ihn vergehen. Ein Knabe von etwa

zwölf Jahren wurde von Jedem, wer wollte, durchgeprügelt. Er bekommt

als Barkenjunge monatlich fünf Piaster zum Lohne. Es gibt europäische

Burschen, welche sich für 38 Kreuzer nicht so viel prügeln ließen,

geschweige daß sie noch als Zugabe einen Monat lang arbeiten würden.

Die meisten Nächte brachte ich ziemlich gut zu. Das Schiff fuhr selten,

und wenn es auch unter Segel ging, so gleitete es so sanft dahin,

daß ich keine Bewegung verspürte. Alles, was ich während der Nächte

erlauschte, war das Bellen der Schäferhunde, das Krähen der Hähne, das

Quacken der Frösche und das eigene Pfeifen der Nachtvögel. Hingestreckt

auf mein Bett in einem engen und dunkeln Winkel wurde ich, bei meinen

Gedankenausflügen in die weite Ferne, durch die Laute jener Thiere an

die Wirklichkeit meiner Lage erinnert.

Wir kamen heute bis +Abu-Néschâbe+.

+Rechtes Ufer.+ +Linkes Ufer.+

Gómâsi. Nigil.

Amrûß. Sauüt-èl-Bacher.

Béstâma. Sawaff.

Sanüt-èl-Bagli. Machnîm.

Danasûr. Kóm-Scherîk.

Kaffer-Hédglâsi. Darîeh.

Gésiret-èl-Hagar. Abu-Chaui.

Nadîr. El-Gamm.

Schabschir. Dimischlé.

Dannaléhé. Buratschatt.

Ghisahi. Kaffer-Dahûd (Davidsdorf).

Sónsóft. Térânéh.

Kómmagnuß. Lèchmas.

Abu-Néschâbe.

+Den 21.+

Man würde irren, wenn man den egyptischen Himmel sich wolkenlos

vorstellte. Beinahe alle Tage trübten Wolken den unserigen; einmal

warfen sie uns so schwarze Schatten, daß der Europäer gewettet hätte,

es müßte aus ihnen Regen platzen. Allein vor Nacht verstrich in der

Regel das Gewölke.

Ich höre ein schwerfälliges Geknirre vom Ufer her. Was soll denn

das? -- Blindgebundene Thiere treiben in ihrem kreisenden Gange ein

Wasserrad (Sakyeh). Das Wasser wird entweder mit einem fächerigen

Rade oder mit an einem Rade befestigten Krügen aus dem Nile geschöpft

und in einen Graben ausgeleert, welcher das Wasser dem Felde zuführt.

Man begreift leicht, daß die Fächer oder Krüge unten am Rade aufwärts

stehen, um so das Wasser zu schöpfen. Wenn das Rad sich halb um seine

Achse gedreht hat, so stellen sich dieselben umgekehrt und gießen das

Wasser aus. Das einige Schritte vom Nilufer abliegende Wasserwerk,

zu welchem ein Kanal gegraben ist, besteht aber nicht bloß aus dem

beschriebenen Schöpfrade, sondern noch aus zwei andern Rädern. Ein

wagerechtes greift in ein kleines, perpendikuläres, welches mit dem

Schöpfrade +eine+ Achse hat. Das Thier, der Büffel z. B., zieht bloß

an einem Stricke, womit das wagerechte Rad in Bewegung gesetzt wird.

Diese Wasserräder sind meistens so einfach und mit so wenig Eisen

zusammengehalten, daß sie nicht viel ausdauern. Es wird daher manche

Zeit nur mit dem Nachbessern verloren. Mag meine Beschreibung des

Paternosterwerkes auch ein wenig schwierig zu fassen sein, es ist doch

die Wasserschöpfung so einleuchtend und so leicht zu bewerkstelligen.

Als Aufseher oder Treiber faullenzt in der Nähe ein Knabe oder

Mann, nie ein Weib; bei ihm steht eine kleine Kocheinrichtung. Den

Treiber scheint kaum so viel Lust zur Arbeit anzuspornen, daß er beim

Stillestehen des Thieres +chòh chòh+ ruft, um es aufzumuntern. Nach den

Gesetzen der strafenden Gerechtigkeit fällt dem Faullenzer das Leichte

so schwer, als dem Arbeitssamen das Schwerste.

Das Wasser wird überdieß, ohne eine solche Vorrichtung von Menschen aus

dem Nile geschöpft. An dem Arme eines Hebebaumes ist ein Gewicht, gegen

das Land, -- an dem andern der an einem Stricke befestigte Wasserkorb,

gegen den Nil. Ein Mann schöpft, und das Gewicht des Hebebaumes

hilft ihm den mit Wasser gefüllten Korb heben. Weil das Schöpfen und

Ausleeren mit großer Schnelligkeit nach einander geschieht, so verliert

dieses enge geflochtene Gefäß wenig Wasser. Gewöhnlich schöpfen, statt

eines, zwei Männer neben einander, die Gesichter sich zuwendend, fast

nackt, vom Wasser benetzt, von der Sonne gebrannt und so fleißig,

daß sie kaum sich umsehen, wenn ein Schiff vorübersegelt. Sie bilden

den schroffen Gegensatz zu den Thierhütern an den Wasserrädern und

zu andern arbeitsscheuen Arabern. Es geschieht wohl auch, daß, ohne

weitere Vorrichtung, ein Mann mit einem Korbe aus dem Nile Wasser

schöpft und in einen Kanal ausschüttet. Wenn die Egypzier freilich so

viel Stammholz besäßen, wie die Europäer und Amerikaner, so würden

sie unzweifelhaft ihre Körbe an wasserdichte Kübel vertauschen. Eine

Menge Wassergräben durchkreuzen netzweise die Feldereien, damit diese

überall bewässert werden. Daher die kleinen Feldbeete, ähnlich unsern

Gartenbeeten. Gewöhnlich zieht man bei uns Gräben, um das Wasser

+ab+zuleiten, bei den Egypziern aber, um dasselbe +zu+zuleiten. Es wäre

voraus zu sehen, daß die egyptischen Gräben nicht tief sein dürfen,

während ihnen in Europa, wo man dem Wasser Abfluß verschaffen will,

die entgegengesetzte Eigenschaft zur Tugend angerechnet wird. Wenn man

in Egypten das Wasser nicht mehr in ein Beet fließen lassen will, so

wird, vermittelst der Hände, der Graben mit Koth und Schlamm zugedämmt.

Um einen Begriff zu geben, wie stark die Pflanzen unter Wasser gesetzt

werden, so stand der Mais, welcher hier blühte, dort klein war, hie und

da einige Zoll hoch in zugeleitetem Wasser.

Die Bewässerung ist die Hauptarbeit, welche der Boden erfordert.

Sicher bereitet sich der egyptische Bauer mit Wasser, sofern, im

seltenen Falle, der Nil es ihm weder zu reichlich, noch zu sparsam

zutheilt, den Feldsegen. Der europäische Bauer schwankt wie der

Segelmann. Will dieser glücklich fahren, so muß günstiger Wind wehen;

will jener ernten, so muß lauer Regen das Feld netzen. Der Wind aber,

wie der Regen, kommen von der unsichtbar waltenden Hand, welche kein

Sterblicher zu leiten vermag. Und wenn auch dem europäischen Bauer ein

lauer Regen Segen zuwinkt, ach, es muß ihn noch bangen, daß das Wasser

des Himmels nicht durch Ueberschwenglichkeit, oder daß kein harter

Frost, kein schwerer Hagel die Hoffnung auf Ernte vereiteln. Wenigstens

kann kein Hagel die Hoffnung des egyptischen Fellah zernichten.

Neben dem Bewässerungsgeschäfte sind Säen, Hacken oder Pflügen und

Ernten die Arbeiten des Ackerbauers. Man machte mir die Mittheilung,

daß, wenn das Ueberschwemmungswasser ganz niedrig stehe, bloß der

Same auf das Wasser ausgestreut werde. Mit dem Versiegen des Wassers,

hieß es, ziehe sich der Same in die Erde, und man dürfe nur die Ernte

abwarten. Das erzähle ich einem Franken nach; ich will nun aber dessen

gedenken, wovon ich selbst Zeuge war. Ich sah säen und hacken oder

pflügen. Sobald das Wasser verschwunden war, wurde der Same mit einer

krückenförmigen Hacke oberflächlich unter die Erde gebracht oder viel

eher gescharrt. Ich glaube nicht, daß die Hacke sechs Pariser-Zoll tief

griff. Der Pflug, welchen ich genauer ins Auge faßte, hatte nur ein

Sech, keine Schar. Er ging nicht tief, und ließ eine undeutliche Furche

zurück. Es konnte mit diesem Pfluge lediglich bezweckt werden, die Erde

etwas durch einander zu wühlen. Zwei Thiere zogen ihn, jedes an einem

Stricke, welcher am Halse festgemacht war.

Von den Ackergewächsen erwähne ich einzig des Hanfes und der

Baumwollpflanze. Der Hanf wird sehr hoch, ja manneshoch und riecht

gewürzhaft. Wegen seines angenehmen Geruchs ist es eine Lust, in

der Nähe eines Hanffeldes zu wandeln. Eben bereitete er sich zum

Blühen vor. Ohne an mein Vaterland mich zu erinnern, wo die Baumwolle

mit vielem Fleiße verarbeitet wird, konnte ich den merkwürdigen

Pflanzenstengel nicht betrachten. Dieses Gewächs bedeckt ungeheure

Strecken des Delta. Es wuchs gleichsam vor den Augen beinahe durch alle

seine Entwickelungsperioden heran: Hier Knospen, dort Blüthen, hüben

Kapseln, drüben Wolle, gerade so, als würden alle Aufzüge und Auftritte

eines Schauspieles auf einmal sich aufrollen.

Wenn der Herr des Himmels und der Erde ein besonderes Füllhorn des

Segens über das Egyptenland ausgegossen zu haben scheint, so wird

befremdlich, daß das Wenigste dem Bauer angehört, was er dem Boden

abgewinnt. Den Stoff zur Kleidung, welche er sich verfertigt, verkauft

er an den Pascha, und dieser gibt ihn um die Hälfte theurer zurück.

Der Fellah darf keinen Faden am Leibe tragen, wenn er ihn nicht dem

Pascha, dem ersten Kaufmanne in Egypten, abgekauft hat. Die ganze Last

von Baumwolle drängt sich in die Hand des Vizekönigs zusammen, welcher

damit +allein+ Handel treibt. Kurz, die Bauern sind nur Lehenbauern.

Der Pascha ist der Grundherr, der Grundbesitzer des Landes, und dieses

Verwaltungssystem bewirkt, daß der Fellah, unter dem Drucke des

Monopols, selbst zur frohen Erntezeit seufzet. Es ist seltsam, daß noch

kein fränkischer Ulema die Härte des Pascha darum vertheidiget, weil

sie dem rechtgläubigen Bauer den Anlaß gebe, sich um so inniger nach

den Freuden des ewigen Lebens in dem immergrünen Garten zu sehnen.

Wir begegneten einer Schiffsladung getrockneter Mistfläden. Wo das

Holz, wie hier, so theuer ist, läßt man sich selbst den Gebrauch

solcher Dinge gefallen; sie dienen als Brennstoff, und kann der

Abendländer glauben, daß sogar mit dem Eckelhaftesten vom Menschen

geheizt wird? und wenn es der St. Louisianer in Amerika glaubte, würde

er sich nicht davor entsetzen, da er nicht einmal die Milch von einer

Kuh genießt, welche Gras von einer mit Hausjauche besprengten Wiese

fraß?

Ueber Warnâm begann rechts die Düne; links Weideland und Hirtenzelte.

Ich erging mich an einer Herde schwarzer Büffel. Dieses Thier ist für

Egypten gar nützlich. Der Büffel hält sich sehr gern im Wasser auf,

auch liegend und wiederkauend. Es ist kurzweilig, zu sehen, wie er über

das Wasser schwimmt, um an den Ort zu gelangen, wo er zu übernachten

pflegt. Der behende Hirte schwingt sich wohl auch auf den Rücken des

Thieres, das ihn schwimmend ans Land trägt.

Erst von Schmûn aus erblickte ich die Pyramiden von Gizeh. Sie halten

mit der aufragenden Düne gleiche Höhe, und ich hielt sie zuerst für

Schiffssegel, vielleicht weil ich kurzsichtig (~myops~) bin. -- Bis

+Abu-èl Gheied+.

+Rechtes Ufer.+ +Linkes Ufer.+

Samüt-Rosiéh. Èl-Chatabẻ.

Sagiéh. Bini-Sèlâmé.

Tagwueh. Awlatt-Fèradsch.

Èl-Hamum. Dé-Rîß.

Karfòrtereiné. Wardàn.

Munsi. Abu-Ghalibb.

Èl-Manschîé. Èl-Katta.

Dschures. Gisahijeh.

Abu-Awuali. Niklé.

Sidi-Ibrahîm.

Schmûn.

Tâlié.

Gawâdi.

Èl-Baraniéh.

Èl-Gonamiéh.

Mimèt-èl-Arûß.

Kaffer-Mansûr.

Schaschâ.

Schatanỏff.

Darawû.

Schalakan.

Charabaniéh.

Abu-èl-Gheied.

+Donnerstags den 22. Weinmonat.+

Die Nachricht, daß wir in der Nacht an der Spitze des Delta

vorüberfuhren, betrübte mich zum Theile, weil ich von ihr nichts sah.

Des Morgens lagerte ein wenig Nebel, der aber bald sich verzog. Durch

die Vereinigung der Nilarme erscheint der Nil kaum breiter, wohl aber

geben ihm zahlreichere Schiffe mehr Leben. Der Berg Mokatam, links

oben die westliche Kuppe des arabischen Gebirges, der Basanites Lapis

der Alten, an dessen Fuße Kairo sich ausbreitet, brachte angenehmen

Wechsel in die Aussicht. Seit einiger Zeit mußte ich den Anblick eines

höhern Hügels entbehren, und darum ruhte auf jener Kuppe mein Auge mit

besonderm Wohlgefallen. Man fühlt eine gewisse Leere in der Seele, wenn

liebgewonnene größere Eindrücke auf längere Zeit keine Nahrung finden,

und ein neues, erquickliches Aufleben durchzuckt das Innere, wenn liebe

alte Eindrücke durch verwandte neue in einem Male aufgeweckt werden.

Mittlerweile wuchsen die Pyramiden immer stattlicher heran.

Meine Reise fiel in die Ueberschwemmungszeit. Die Wasser, wiewohl im

Fallen, strömten doch noch in ziemlicher Höhe, ein Umstand, der für uns

gerade günstig war, da bei niedrigem Wasserstande das Fahrzeug leicht

strandet; denn es kostet oftmals viel Anstrengungen, bis es flott wird.

Eine neue Erscheinung für Egypten sind die Telegraphenthürme. Dann und

wann unterbrechen sie während der Nilfahrt die Gleichförmigkeit der

Aussicht. Für ein Zeichen der höhern Kultur mochte ich sie eben nicht

ausgeben, und wahrscheinlich thun sie ihr nicht den leisesten Vorschub.

Dem Europäer mögen sie Vergnügen gewähren, indem sie ihn an das Land

seiner Väter zurückmahnen, und indem er sich aufs neue der Wahrheit

bewußt wird, daß nun Europa mit seinem Tochterlande Amerika den

eigentlichen Brennpunkt der Wissenschaften und Künste, der Entdeckungen

und Erfindungen bildet. Vielleicht kommen die Telegraphen, die

schnellen Ueberbringer oberherrlicher Befehle, in Egypten der seidenen

Schnur trefflich zu Statten.

Links sahen wir noch nach Schubbra, welches sich eines vizeköniglichen

Gartens von seltener Schönheit rühmt, und an einer Stadt ergötzte sich

das Auge schon von Ferne her. Es war +Bulâk+, in dessen Hafen wir bald

einliefen.

+Rechtes Ufer.+ +Linkes Ufer.+

Galiubb. Burgaschi.

Basûß. Errahauwi.

Mid-Halfé. Òm-dinâr.

Damanhur. Dikelkó.

Schubbra. Èl-Achsâß.

Minièt-èl-Sirik. Dschaladmé.

Gésiret-èl-Batrân. Hassan-inn.

Bulâk. Èl-Górótin-Hin.

Russim.

Sigîl.

Tanâsch.

Gésiret-Mohammet.

Waran.

Embâbé.

Wir langten in Bulâk eben in der größten Sonnenhitze an, und wir

konnten zwischen der großen Menge von Kähnen uns nur mit Mühe Platz

verschaffen, auf daß wir das Ufer erreichten. In Atfue zerschmetterten

wir beim Anlanden den Hintertheil einer Barke, ohne daß es viel Krieg

absetzte.

Unsere Barke war nicht schön, doch gut. Der europäische Holzarbeiter

würde an ihr Manches ausgesetzt haben. Dafür leistete sie reichlichen

Ersatz mit Mäusen und andern Plaggeistern. Ich wußte mehr als einmal

beinahe nicht: Wo wehren? In der Kajüte stand, nach der Uebersetzung

des französischen Dragoman, an der Wand auf arabisch, daß man sich

den Verordnungen zu unterziehen habe. Etwa den Verordnungen dieser

Unholden? Ueber unserer Barke schwebte die dreifarbige Flagge der

Franzosen.

Nachdem meine Effekten untersucht waren, wurden sie auf einen Esel

gepackt, und einen andern bestieg ich. An hohen Häusern, zwischen

denen angenehme Kühlung herrschte, ritt ich vorüber, und bald war

ich außerhalb der Stadt. Jetzt, im Freien, erblickte ich das große

+Kairo+, ehedem das Kahira, jetzt das Maser des Arabers. Ergreifendes

Schauspiel. Keine halbe Stunde mehr, und ich befand mich in den

Ringmauern der Hauptstadt. Da verließen mich die beiden Franken, und,

mit einem Eseltreiber allein, zog ich fürbas. Kairo machte gleich

Anfangs einen ungemein günstigen Eindruck auf mich. In dem Wirrwarre

von Häusern und Gassen folgte ich getrost der Führung des Eseltreibers.

Er hätte mich in eine ~Casa di Diavolo~ verführen können. Ich wollte

freilich nicht dahin, sondern ins Quartier der Franken (el-Musky), die

übrigens in Kairo vielmehr zwischen den Mohammetanern zerstreut leben,

als in Alexandrien. Lange ritt ich durch Gassen und Gassen, jetzt krumm

herum, dann gerade dahin, ohne daß ich einem Abendländer begegnete.

Ich war auf dem Punkte, Zweifel zu fassen, daß mein Geleitsmann das

Quartier der Franken wisse. Auf einmal bog er um, und ich erblickte

Hüte. Ich war richtig im Quartiere; umsonst aber suchte ich die

Lokanda, die man mir empfahl. Und kurzen Prozeß, -- ich ritt zum ersten

besten Wirthshause.

Der Wirth des ~Hôtel de l’Europe~ wies mir ein gefälliges und hohes

Zimmer an; aber kaum sah ich mich recht um, so fand ich ein Licht ohne

Glasfenster. Das fiel mir schwer; denn bei offenem Fenster wollte

ich nicht schlafen. Dem Uebel war auch bald geholfen; der Gastgeber

eröffnete mir ein anderes Zimmer, welches mit Thüre und Fenster

gesperrt werden konnte. Die heimatlichen Gefühle erneuerten sich, als

wäre ich in einem Gasthause des Abendlandes; eine Mousquetiere (Vorhang

um das Bette, gegen die Stechfliegen) und eine gute, reine Bettung

ließen mit Recht eine süße Schlafnacht erwarten. Man lernt den ruhigen

Genuß des Schlafes erst recht schätzen, wenn man desselben, sei es

durch die Plage des Ungeziefers, oder durch andere störende Einflüsse,

eine Zeitlang beraubt war.

Kairo.

Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand der Menschen.

Kairo oder Großkairo liegt fünfzig deutsche Meilen südlich von

Alexandrien, unweit vom rechten Ufer des Nilstroms und auf einer Ebene

bis an den Hügel Mokatam.

In hohem Grade beneidenswerth sind die Europäer in Alexandrien und

Kairo. Die Alexandriner rühmen das Klima von Alexandrien und tadeln

dasjenige von Kairo. Die Kairaner dagegen erheben den Himmel von Kairo

auf Kosten desjenigen von Alexandrien. Es ist mit besonderer Güte

dafür gesorgt, daß die Einen mit dem zufrieden sind, womit die Andern

unzufrieden wären.

Kairo streift an den 30. Grad nördlicher Breite. Wenn die Sonne am

höchsten steht, brennt sie sehr heftig. Indessen wird die Hitze eines

Windes aus der Wüste, von den Pyramiden her, weit weniger leicht

ertragen, als die größte Hitze des Sommers. Diesen Wind nennt der

Araber +Chamsîn+, das heißt, +Fünfzig+; denn er weht fünfzig Tage und

fünfzig Nächte, aber einige Tage und Nächte mit ausnehmender Stärke und

Verderben. Er hebt Mitte Aprils an, und treibt viel Staub vor sich hin,

so daß vor demselben, auch mit möglichster Sorgfalt, die zubereitete

Nahrung auf dem Tische des wohl verschlossenen Zimmers nicht leicht

geschützt wird. Im Winter fällt der Regen, doch in der Regel sehr

wenig. Gewölke sah ich auch hier zur Genüge, und ich zählte keinen

einzigen wolkenlosen Tag. Man will ebenfalls in dieser Gegend von

Egypten eine Veränderung des Klimas zu Gunsten des Wasserniederschlages

wahrgenommen haben.

Um mich des Gesundheitszustandes einigermaßen zu +vergewissern+,

suchte ich in dem Tauf- und Sterberegister der lateinischen Gemeinde

bei den Kapuzinern (Kloster ~de propaganda fide~) nach. Ich rühme

die Freundlichkeit und Bereitwilligkeit, womit der würdige Guardian

meine Nachforschungen unterstützte. So wenig meine Erwartung durch die

Anlage des Todtenbuches gerechtfertiget wurde, so wäre noch weit minder

bei den Mohammetanern auszubeuten gewesen, die auf dem Kissen des

Fatalismus gar zu sanft schlafen. Ich möchte das von der lateinischen

Gemeinde (die namentlich auch Levantiner zählt) gewonnene Resultat

allerdings nicht als Maßstab für die gesammte Bevölkerung von Kairo

vorhalten. So viel leidet indessen kaum einen Widerspruch, daß es,

weil es eben von Einwohnern dieser Stadt abgezogen wurde, eher im

Allgemeinen die Bevölkerung Kairo’s ankündigt, als irgend eine andere.

Im jährlichen Durchschnitte starben, mit Ausnahme des Jahres 1831,

in den 10 Jahren 1824 bis und mit 1834, 36 Personen, und 47 wurden

getauft. Wenn der Getaufte zur Bevölkerung sich verhielte gleich 22 zu

1, wie in dem französischen Finistère-Departement, wo gerade 1 auf 22

geboren wird, so wäre die lateinische Gemeinde 1034 Seelen stark. Jeder

Sachkundige sieht ein, daß dieser Schluß um so mehr Mißtrauen erregt,

je gewisser die Gemeinde eine sehr zusammengesetzte und wandelbare

Bevölkerung enthält. Das Alter der Verstorbenen fand ich bloß in den

Jahren 1833 und 1834 genügend verzeichnet. In diesen Jahrgängen fehlt

es einzig bei zwei erwachsenen Personen, denen ich willkürlich 20

Jahre gab. Die insgesammt (durch diese zwei Jahre) 114 Verstorbenen

hatten zusammen ein Alter von 2180 Jahren, 10 Monaten und 14 Tagen. Die

durchschnittliche Lebensdauer beträgt demnach 19 Jahre. Die älteste

Person, welche ich im Sterberegister traf, war eine +Maria Hadad+ aus

Jerusalem; sie brachte ihr Leben auf 95 Jahre. +Prosper Alpinus+ gibt

den Egypziern ein sehr langes, und selbst ein längeres Leben, als den

Europäern, ohne jedoch einen Beweis für seine Behauptung anzuführen. In

den genannten Jahren starben im Durchschnitte während der Monate Julius

und August am meisten, und während des Hornungs am wenigsten. Der

Weinmonat gilt als der gesundeste Monat des Jahres. Kaum weniger gesund

dürften November, Jenner und Hornung sein, wie die Sterbeliste andeutet.

Die Krankheiten, welche vor den übrigen Schrecken verbreiten, sind Pest

und Cholera.

Die Bubonenpest verschonte Egypten in der neuern Zeit seit dem Jahre

1824 bis zum Christmonat 1834, hiemit ein ganzes Jahrzehn. Indessen

wüthete sie im Jahr 1824 nicht besonders heftig, und es gingen aus der

lateinischen Gemeinde bloß 37 Personen in den Monaten Merz, April und

Mai mit Tode ab. Nach ältern Beobachtungen beginnt sie im Jenner oder

Hornung, schreitet verheerender während des +Chamsîns+ vorwärts, und

wird durch die größte Sonnenhitze gleichsam abgeschnitten. Am +St.

Johannestage+ glaubt der Europäer sich sicher. Im ersten Halbjahre und

im Monate Julius 1835 verlor die lateinische Gemeinde +zweihundert und

elf+ Pesttodte, und zwar weitaus die größte Zahl im April und Mai.

Man schätzte die Summe aller in Kairo an der Pest Hingeschiedenen,

wohl doch in übertriebenem Maße, auf 100,000. Die Europäer, welchen in

der letzten Pestzeit die Mittel zu Gebote standen, sperrten sich ein.

Unter alle Eingesperrte schlich sich während der letzten Seuche die

Pestkrankheit nie und nirgends ein. In einem Hause brach zwar die Pest

aus; allein sie wurde durch einen besonderen Fall eingeschleppt. Aus

einem verpesteten Hause ließ man ohne alle Gefährde einen sogenannten

Drachen zur Belustigung auffliegen. Ein Kind jenes Hauses befand sich

auf dem Söller, der Drache fiel auf dasselbe, und in wenig Stunden

erkrankte es und erlag dem Drachen -- der Pest. So lange keine

Todtenregister geführt werden, dürfen die Sterbeziffern nicht anders,

als mit Zweifel betrachtet werden. Dieß gilt namentlich auch von der

geschichtlichen Angabe, daß zu Kairo im Jahr 1472 während sechs Monaten

600,000 und, nach +Prosper Alpinus+, im Jahr 1580, 500,000 Menschen in

ebenso viel Zeit an der Pest starben.

In der neuern Zeit erklärten vorzüglich die französischen Aerzte, an

ihrer Spitze +Clot-Bei+, aber auch der besonnenere +Gaëtani+ die Seuche

für miasmatisch. Mit einiger Vorsicht öffneten sie viele Leichname

und blieben verschont. Mittlerweile verschwanden drei deutsche Aerzte

als ein Opfer der Pest. Die Bravour +Clots+ gefiel +Mehemet-Ali+ in

so hohem Grade, daß letzterer ihn in den Generalsstand erhob, und der

glänzende Halbmond hängt als Ehrenzeichen an der Brust von +Clot+,

wie beim vizeköniglichen Muselmann von Auszeichnung. Die Ansicht der

neuen Propheten, daß die Pest nicht anstecke, erfreute sich übrigens

zu meiner Zeit keiner Popularität bei den Europäern in Kairo. Diese

verwarfen sie vielmehr fortwährend als überspannt. Sie werden mit

höchster Wahrscheinlichkeit sich durch den neuen Pestfirman inskünftige

am Beobachten der Quarantäne nicht im mindesten stören lassen.

Huldigten doch öffentliche Anstalten, wie die Kadettenschule, dem

Grundsatze der Sperrung, ungeachtet der Pascha einen Miasmatiker zum

Bei adelte.

Die Cholera ist eine frisch gebrochene Geißel Egyptens. In den Monaten

August, September und Oktober 1831 zwickte sie aus der lateinischen

Gemeinde in Kairo 94 Personen hinweg. Manche Kairaner fürchten die

Cholera mehr, als die Pest, weil die Sperre dagegen nichts oder gar

wenig vermöge.

Führe ich fort, von andern Krankheiten der Egypzier, wie von den

Pocken, den Augenentzündungen, den Ruhren, umständlicher zu reden,

manche Abendländer würden einen allzu trüben Gesichtskreis finden, und

das Land der Fleischtöpfe als ein Land unnennbarer Plagen ansehen.

Ich möchte aber nicht zu Vorurtheilen Stoff darbieten, deren Angel

man begierig verschlingt, ohne zu beherzigen, daß man an derselben

gefangen und gequält werde. Die Natur vergißt nicht, darüber zu wachen,

daß, wo die menschliche Vernunft ihre Aufgabe löset, das Gesetz des

Gleichgewichtes erfüllt werde.

Die Stadt nach ihrer Bauart.

Die Häuser bestehen aus Mauern, und das Holz ward dazu ziemlich sparsam

verwendet. Daher die Seltenheit der Feuersbrünste in Kairo. Das häufige

Brandunglück des hölzernen Konstantinopel kennt das steinerne Kairo

nicht. Als vor wenigen Jahren eine Feuersbrunst ausbrach, wurde sie

bald gedämpft, ohne einen großen Rüstzeug von Spritzen, Feuerordnungen,

Feuerpolizei, Feuerkompagnien u. dgl.

Von Mittag nach Mitternacht bildet die Stadt die längste Linie, und

in dieser Richtung wird man den Weg von einem Thore zum andern vor

anderthalb Stunden zu Fuße schwerlich zurücklegen. Lange, gerade Gassen

gibt es nicht. Sie lenken meist bald um, und verlaufen oft in ein

Gewölbe, in eine Art Passage oder Schwibbogen. Manche sind sehr schmal,

und in der Judengasse können nicht zwei Personen neben einander gehen,

ohne an einander zu streifen. Hier langen die Erker bereits zu der

entgegengesetzten Seite der Gasse hinüber. Auch springen dieselben hie

und da in andern Gassen, wenigstens über die Mitte in diese, hervor.

Dann und wann sieht man eine Brücke über dem Haupte. Manche Gassen sind

mit einer Art Dach versehen oder auch zeltartig zugedeckt, zumal die

Bassar. Wegen der Enge der Gassen und der Höhe der Häuser herrscht in

manchen der ersteren ein gewisses Halbdunkel, das mich nicht unangenehm

stimmte. Die Gassen darf man nicht beurtheilen, ohne das Klima in

Anschlag zu bringen. Große, offene, gerade Gassen würden in der heißen

Jahreszeit den Aufenthalt fast unerträglich machen; wie sie aber

wirklich angelegt sind, gewähren sie die möglichste Kühlung, und stehen

in einem sehr verständigen Verhältnisse zum Himmelsstriche.

Hier, wo selten Regentage eintreten, und wo kein Wagenrad den Boden

durchfurcht, wäre das Straßenpflaster überflüssig. Es ist ungleich

angenehmer, auf der hart getretenen Erde dieser Stadt zu gehen, als

auf den schönen Pflastersteinen zu Paris und Wien, und der Esel, in

leisem Tritte, gleitet beinahe über die Gasse hinweg. Wenn es aber

regnet, so werden die Klagen groß, und voraus dem Kameel ist das Gehen

beschwerlich. Dann ereignen sich wohl auch Unglücksfälle. Es verdient

bemerkt zu werden, daß in den neuntehalb Jahrhunderten seit Erbauung

der Stadt die Gassen so wenig ausgetreten worden sind.

Unreinigkeiten eckeln nicht öfter an, als in italienischen Städten. Man

glaubt im Anfange nicht, wie schnell ein Theil der Garstigkeiten von

der heißen Sonne in Staub verwandelt wird.

Auf Aeser stieß ich nie im Umfange der Mauern, wohl aber zur Seltenheit

in der Umgebung der Stadt. Auf dem Wege nach Abu-Sabel labte sich eben

ein halb Dutzend herrenloser Hunde an einem todten Thiere.

Ueberall, wo der Mensch lebt, ist ihm beim Baue der Wohnungen die

ferne Sonne am Himmel das erste Augenmerk. Bei der Bauart der Häuser

von Kairo fasse man, wie bei den Gassen, das Bedürfniß wohl ins Auge.

Sie müssen gegen die Hitze schützen, während sie in Europa gegen die

Kälte schirmen sollen. Man findet daher die Zimmer in den nördlichern

Gegenden gewöhnlich klein, d. h., nicht breit und nicht tief. In Kairo

sind die Gemächer umgekehrt sehr geräumig, tief, kapellenartig. Ja

es übertreffen viel Zimmer der Stadt an Raum europäische Kirchen.

Manches staunte ich mit Wohlgefallen an, theils auch wegen der hohen

Bögen und der maurischen Zierathen. Wie dem Fußgänger und Reiter

auf der Gasse die hohen, einander nahe gegenüber stehenden Häuser

lieblichen Schatten werfen, so beschatten sie einander selbst, und

je schattenreicher ein Zimmer ist, desto mehr wird es geschätzt. Die

Dächer sind flach oder nur ein Boden (Söller), und das Licht fällt

nicht bloß durch Fenster, die über einander sich folgen, herein,

sondern auch durch das Dach. Ueber die Oeffnung an diesem wirft sich

gegen Mitternacht eine Nase auf, welche geschlossen werden kann. So

strömt erfrischende Luft an der Spitze des Hauses bis unten auf den

Boden von Erde oder Stein. Die Fensterscheiben selbst sind viereckig,

und es wird an einigen Orten Europas keineswegs eine neue Mode

eingeführt, wenn man dort auf runde Scheiben verzichtet, um viereckigen

Platz zu machen. Viele Häuser sind einstöckig. Ein großes Thor führt

durch den Eingang in einen Hof, wo die Küche frei steht; der Hof ist

zugleich der Rauchfang. Manches große Thor wird selten geöffnet. Dafür

steht in demselben eine kleine Thüre offen, durch die man geduckt und

mit hochgehobenem Fuße schreiten muß. Ueber dem Eingange, wenn man will

über dem Erdgeschoße, finden sich die Zimmer, welche bis zum Dache 15

bis 25 Fuß sich erheben. Es gibt wohl auch Zimmer, die von ebener Erde

an 40 Fuß hoch anstreben. Zweistöckige Häuser gehören zwar immerhin

nicht zur Seltenheit, aber drei- und vierstöckige. Der Europäer kann

sich sehr leicht täuschen, wenn er die Häuser bloß von Außen besieht.

Er stellt sich hohe Gebäude vor, in denen drei Familien über einander

wohnen würden. Verschwenderisch birgt hier manchmal nur ein Stockwerk

eine Familie. Dieses berücksichtigend, könnte man nicht begreifen, daß

etwa 300,000 Menschen in Kairo wohnen oder einst gewohnt haben, sofern

man nicht wüßte, daß viele Araber einer Wohnung entbehren. Wandelte ich

Nachts nach Hause, so wurde es mir zuerst unangenehm zu Muthe, wenn ich

hier auf dem Boden der Gasse, dort auf der Bettstelle an einem Hause

einen vermummten Araber ruhen sah. In der offenen Herberge der Gasse

brachte er die Nacht hin. Die Milde eines Himmelstriches bettet den

Menschen mit wenig Mühe.

An oder in den Häusern verdienen zwei Dinge noch besondere Erwähnung;

das Schloß und die Stiege. Die meisten Schlösser sind von Holz. Ein

Joch, an der Thüre befestiget, nimmt den Riegel auf. An dem obern

Theile der für den Riegel bestimmten Jochöffnung ragen, ohne strenge

Ordnung der Entfernung von einander, mehrere drähtene Stifte hervor,

die gehoben werden können, und ohne eine hebende Kraft von selber

herunterfallen. In den Riegel, als den zweiten Theil des Schlosses,

dringt auf einer Seite und an dem einen Ende eine kantige Rinne. Oben

besitzt der Riegel den Stiften entsprechende Oeffnungen, und diese

sind in solcher Ordnung angebracht, daß, wenn er vorgeschoben ist, die

drähtenen Stifte vom Joche herunterspringen und eingreifen, wodurch der

Riegel gesperrt wird. Der Schlüssel, als der dritte Theil des Schlosses

und gleichfalls von Holz, ist ebenso einfach, als die vorigen Theile.

An einem Ende, das in die Rinne des Riegels läuft, stehen gerade so

viel drähtene Stifte unbeweglich herauf, als der Riegel Oeffnungen

zählt. Drückt man die Stifte des Schlüssels in diese, so heben sie die

Stifte des Joches, und der Riegel kann herausgezogen werden. -- Mit

der Konstrukzion der Stiegen konnte ich nicht ins Klare kommen. Sie

sind von Stein, und von der Gestalt eines gezahnten Rades, wenn dieses

keinen Zirkel beschriebe. Sie haben ihre Befestigung nur an einer

Seite, an der Mauer des Hauses; im Uebrigen liegen sie ganz frei heraus.

Aus Furcht vor dem gräuelvollen Götzendienste verbietet der Islam die

Abbildung von Menschen und Thieren. Es fehlt indessen noch viel, daß

dem Verbote von allen Mohammetanern nachgelebt wird. Es wird schon

von +Selim+ I. erzählt, daß er dem Sohne +Soliman+ II. sein Bildniß

hinterließ, über dem man die Worte las: Sultan +Selim Ottoman+, ein

König aller Könige, ein Herr aller Herren, ein Fürst aller Fürsten, ein

Sohn und Kindskind Gottes. Von dem jetzigen Sultan +Mahmud+ II. weiß

man, daß er, zum Verdrusse der Gesetzlehrer, sein Porträt dem Pascha

zuschickt. Bei Beschneidungsfestlichkeiten im Jahr 1582, zu Ehren des

nachherigen Sultan +Mehemet+, wurde in einem Prachtzuge Zuckerwerk

herumgetragen, das verschiedene Arten von Thieren vorstellte, z. B.

Elephanten, Löwen, Tiger, Leoparden, Affen, Pferde, Kameele, Giraffen,

Syrenen, Falken, Habichte, Sperber, Storchen, Kraniche, Enten, Pfauen,

ein Ungethüm von riesenhafter Mannesgröße, nackt und sitzend wie ein

Schneider. Kehren wir nach Kairo zurück.

Gemälde trifft man an den Häusern selten, und wenn noch, so lassen

sie allenthalben die Schülerhaftigkeit durchblicken. Europäische

Primarschüler von acht Jahren würden treuer und geschmackvoller malen.

Die Malereien an den Mauern der Häuser stellen meistentheils Laub- oder

Blumenwerk dar, das etwa aus schnörkelreichen Töpfen sich entfaltet.

Die rothe Farbe herrscht vor. Auch trägt die Mauer einiger Häuser,

rechts und links an der Thüre, einen gemalten angebundenen Löwen zur

Schau. An einem Hause ist auf ein Thier ein kleines Gebäude gepackt;

allein ich konnte nicht errathen, was für ein groteskes Ding es war,

weil die Pfuscherei wirklich zu hoch sich überboten hat. An andern

Häusern, und zwar an vielen, wechselt einfach die rothe und weiße

Farbe, so daß, wenn eine Reihe Quader weiß, die erste darüber roth ist.

Hie und da steht über den oben abgerundeten Thüren ein Stern. Mehr, als

an Farben versucht sich der Kairaner an Formen, und diese sind es, die

seine Geschicklichkeit verkündigen. Wo Holz verbaut ist, da liefert

es beinahe durchgängig Beweise von kunstreichen Schnitzarbeiten. Noch

triumphirender aber zeigen die Mauern das Gepräge der Kunst. Die

Moscheen (Gâma’) empfehlen sich in der Regel durch ihre Pracht, und die

hohen Thürme sind bis an die Spitze von lauter Quadern aufgeführt. Die

meisten umkrämpen zwei frei herausragende Galerien mit Geländer, und

auf dem Helme schießen Arme schief hinauf, um daran, zu Verherrlichung

der Festtage, Laternen zu hängen. Auf den Galerien hingegen wird

vom Thürmer (Muezeinn) singend der Gläubige zum Gebete ermahnt.

Dadurch wird die fehlende Glocke entbehrlich. Ueberall erregten die

sarazenischen oder maurischen Werke meine Bewunderung. Obschon ich in

meiner Kunsteinfalt einem einfachern Styl mehr Geschmack abzugewinnen

vermag, so ergötzte ich mich gleichwohl manchmal an dem Laub- und

Blumenwerk, an den bizarren geometrischen Figuren oder Arabesken.

Eine Bildsäule würde man vergebens suchen. Es geschieht nicht selten,

daß man beim Ausjäten des Unkrautes auch das nützliche Gewächs

herausreißt. So hat der Islam, bei Zerstörung der Götzendienerei, die

bildende Kunst überhaupt mit Füßen getreten.

Aufschriften in arabischer Sprache liest man ungemein selten.

Paris sieht gegen Kairo wie ein aufgeschlagenes geschriebenes Buch

aus. Die Tochter Mokatams ist Album. Die europäischen Städte sind

Erklärungswörterbücher (Reallexika), belehrend für Kinder und Fremde,

ein ~Cornu Copiae~ von Pleonasmen für die Unterrichteten. In Italien

lernte ich manche Handwerksnamen über den Buden, und Niemand hätte es

mir verarget[10].

Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von Kâyd-Bei.

Wollen die Europäer wohin gehen, laufen, reiten, fahren, so werden

die gebieterischen Witterungs-+Wenn+ angeknüpft. +Morgen, wenn es gut

Wetter ist+, heißt es. Wenn das Frauenzimmer schon seinen Flitter

bereit hielt, wenn Pferde und Wagen bestellt waren, wenn die Liebe und

Freude den Schlaf verscheuchten, und wenn dann in der Frühe Wasser oder

Schnee vom Himmel fällt; -- ach, welch saures Gesicht wird geschnitten,

welche Seufzer werden ausgestoßen, wie werden mit beklommenem Herzen

die Hände zusammen und über einander gerungen, weil -- es regnet oder

schneit, und weil der Regen oder Schnee den Gang, den Lauf, den Ritt,

die Fahrt hindern. Man darf in Kairo während der sichern Jahreszeit

gut Wetter auf morgen so zuversichtlich erwarten, als das Tageslicht

selbst. Die europäischen Witterungs-Wenn sind hier daher außer

Tagesordnung und werden, Wunder genug, nicht einmal gewünscht, um sich

damit zu europäisiren.

Ich lud einen Freund zu einem Spazierritte ein. Ich zählte auf diesen

mit einer Sicherheit, welche nicht vom fernsten Zweifel beengt

war. Doch haben, daß ich es zu melden nicht vergesse, die Kairaner

manchmal ein anderes Wenn und zwar ein noch schlimmeres; ich meine das

Pest-Wenn. Du ladest Abends einen muntern Freund auf morgen zu einem

Spazierritte ein; ehe der Tag graut, ereilt ihn die Pest mit ihrem

tödtlichen Gifte.

Es war Sonntag. Am frühen Morgen trugen uns die Esel im

Geschwindschritte durch die Gassen und Bassar. Die Läden waren noch

nicht überall offen. Die sarazenischen Schnörkeleien an den Häusern,

Thürmen und Tempeln, die arbeitenden Mohammetaner eigneten sich gleich

sehr, die Aufmerksamkeit zu fesseln. Nun etwas bergan. Der Esel schritt

immer noch schnell, und der Eseltreiber rannte keuchend nach. Schon

erblickte ich das Schloß in der Nähe. Ich verging in Staunen. Wir bogen

rechts ein, um auf der günstigsten Stelle die Stadt und ihre Umgebung

zu überschauen. Man kommt an stehenden und gestürzten mächtigen

Granitsäulen vorbei, welche, wahrscheinlich Trümmer von Memphis, über

dem Grabe der Altzeit prangen.

Das ist nun Kairo unter meinen Füßen, seit Jahrhunderten ein Gegenstand

der Bewunderung, früher weniger gekannt und von den Europäern nicht

selten mit Fabeln angefüllt, von den französischen Heerschaaren

bezwungen, von ihren Gelehrten gemessen, beschrieben, gezeichnet bis

auf die kleinsten Einzelnheiten; das ist nun Kairo vor meinen Augen,

die größte bekannte Stadt in Afrika, die zweitgrößte des osmanischen

Reichs, eine der größten der Welt, mit den vierhundert Tempeln,

mit den graulichen plattdächigen, kaminlosen Häusern in dem weiten

Umkreise, mit den 200,000 Einwohnern[11]. Kaum kann das Auge ausruhen.

Südwestlich liegt Altkairo, weiter weg der die Inseln umspülende Nil,

dann die hoch aufragenden Pyramiden von Gizeh (Gîsa) und Sakâra, der

wüste lybische Hügelstrich, und gegen Morgen der letzte Absenker des

arabischen Gebirges. Vor allen Gebäuden zeichnet sich durch Größe der

Hassantempel und gegen Sonnenaufgang die vielen Grabmale aus. Wo ist

aber Babylon, wo Memphis? Du bist stumm, Maser el-A’tykah, und du,

Gelände jenseits des Nilstroms.

Das Schloß stützt sich auf einen Abfall des Berges Mokatam, im

Süden der Stadt. Es ist von festem Mauerwerk und sehr groß, so daß

es für sich schon eine ordentliche Stadt bildet[12]. Das Stockhaus

liegt im Umfange der Burg. Wegen der Schönheit wäre das Harem

nicht nennenswerth. In der Nähe desselben standen Entmannte. Ein

ungewöhnlich großer Mohr verrieth durch Haltung und Geberde, durch

Stimme und Gesichtszug so völlig das bis zum kindischen unmännliche

Wesen, daß der Kontrast sich tief in meine Seele prägte. Dem Auge des

Kastraten fehlt der Glanz der Kraft und Liebe. Die ersten Frauenhüter

sah ich eben in einem Schloßhofe um ein Pferd stehen, das, mit

zusammengebundenen Füßen, auf dem Boden ausgestreckt war. Man schnitt

demselben den Schweif ab, brannte dessen Stumpf mit einem Glüheisen,

und brühte ihn dann in einer mir nicht bekannten Flüssigkeit. Die

Kastraten schienen mit Wohlgefallen der blutigen Operazion zuzusehen.

Man kann sich doch nicht bergen, daß man in Kairo leichter und

schneller die Rosse englisirt, als die Araber zivilisirt.

Vom Militär, durch welches das Residenzschloß bewacht wird, stellt

der Abendländer sicher nichts Geringeres sich vor, als von der

orientalischen Pracht geblendet zu werden. Nichts weniger als Luxus.

Dafür findet man zerrissene Kleider in Menge.

Wir traten in viele Hallen und Zimmer des Schlosses. Die Kanzlei hatte

ganz den orientalischen Zuschnitt; ringsum der Diwan, d. h. eine

niedrige, breite Polsterbank, ohne einen Tisch, bloß ein unbemaltes

Pult steht einsam in einem Winkel. Die Kanzlei war heute leer, weil

die Kanzlisten, koptische Christen, eben den Sonntag begingen. Es

klingt in Wahrheit sonderbar, daß in Egypten die Staatskanzlei eines

mohammetanischen Fürsten den christlichen Sonntag feiert. An den

Werktagen wird der Diwan um und um von den Schreibern besetzt, um nicht

zu sagen, belagert.

Was auf dem Schlosse meinen Geist am meisten und mein Gemüth am

angenehmsten beschäftigte, war der sogenannte +Jussufsbrunnen+. Ein

mohammetanisches Weib führte mit brennender Kerze mich hinunter. Es war

unverschleiert; doch bisweilen schnappte es in das Kopftuch, um das

häßliche, schwarzbraune Gesicht zu verhüllen. Zwei Kinder leuchteten

mir nach. Der Brunnen, über 280 Fuß tief in den Kalkfelsen gearbeitet,

ist viereckig. Man steigt auf einer Felsentreppe hinunter. Die Stufen

lassen sich jedoch an vielen Orten wegen der darauf liegenden Erde

nicht erkennen. Die innere Wand der Treppe durchdringen an vielen

Orten Oeffnungen zum Einlassen des Lichtes. Wenn man zu einer gewissen

Tiefe hinabgelangt, endet die Treppe, und mittelst eines Rades wird

das Wasser in Krügen, welche an einem Seile befestiget sind und mit

diesem umherlaufen, aus der Tiefe geschöpft und hier ausgeleert. Ein

zweites Rad findet sich oben, welches mittelst der Krüge das Wasser

von der nächsten Stazion heraufholt, um es dort ans Tageslicht zu

bringen. Von dem Orte, wo das untere Wasserrad angebracht ist, senkt

sich der Brunnen bis zum Wasserspiegel, welcher mit dem Nil die Höhe

theilt, so tief, daß einige Sekunden verstreichen, bis man den Fall

des hinabgeworfenen Steins vernimmt. Neben dem untern Rade greift eine

Kerbe in den Fels, wo ein weiß marmorner Turban, das Grabmal des +Jusef

Salâh el-Dyn+ (des berühmten +Saladin+), ruht. Man fühlt in der Tiefe

eine angenehme Temperatur, und es fällt eben so leicht, als es die Mühe

lohnt, Zeuge eines so merkwürdigen Denkmals zu sein. Mich erinnerte

dieser Erdenthurm und die Treppe an den Markusthurm und dessen Treppe

in Venedig.

Vom Schlosse weg wendeten wir uns, indem wir die auf einen Schutthügel

gebauten Batterien zur Linken ließen, gegen den nach Suez führenden

Wüstenweg, um die Moscheen und Grabmale der Großen (Turâb Kâyd-Bei) zu

durchstreifen. Jener Hügel verdeckte unsern Blicken die Stadt, und das

Schloß sperrte die Aussicht nach Süden. Die Grabmale, in einem Thale

auf sandigem Grunde, stellen meist Thürme oder Moscheen dar. Von diesen

umringt, glaubt man sich mitten in einer Stadt; man +ist+ in einer

Leichenstadt. In der Bauart der Grabmale bespiegelt sich offenbar der

schmuckselige Sarazene, welcher Fleiß mit Geschmack verband. Große

Schätze sind an den unbewohnten ansehnlichen Gebäuden aufgegangen; aber

leider zerfallen diese, und lassen den Genossen unserer Tage eine Reihe

von Jahrhunderten aus der Urne der Zeit verwünschen, damit er dieselben

in dem Zustande der Unversehrtheit bewundere. Beim Anblicke zerstörter

oder der Zerstörung entgegeneilender, ausgezeichneter Kunstwerke möchte

man beinahe vorziehen, daß sie nie entstanden wären, nur um des bittern

Schmerzes über ihren Zerfall überhoben zu werden.

Das Militärkrankenhaus.

In der Esbekieh nimmt ein Krankenhaus den Kriegsmann auf. Für das Zivil

würde man eines nach europäischer Einrichtung vergebens suchen, -- doch

mit Ausschluß der Franken, welche in ihren kranken Tagen allerdings

öffentliche Pflege erhalten, indem sie in dem Militärkrankenhause

untergebracht werden. Ausnahmsweise hat das arabische Zivil ins

Spital ein junges Mädchen geliefert, bei welchem die Steinoperation

vorgenommen werden mußte.

Das Gebäude ist massiv von Stein erbaut, und begreift zwei Höfe in

sich. Es enthält große Säle; so einen mit 24, einen andern mit 60

Kranken. Die Krankenzimmer sind auch licht; aber in einigen kam dem

Eintretenden ein unangenehmer Geruch entgegen, das +zuverlässigste

Zeichen+, daß sie nicht reinlich genug gehalten werden.

Man traut den eigenen Augen kaum, wenn man zu einem Araber

geführt wird, welcher mit Arsenik das Gesicht sich raubte, um des

Militärdienstes unfähig zu werden. Fälle, daß die Araber in dieser

Absicht sich mit Blindheit schlagen, ereignen sich nicht selten. Aus

dem gleichen Grunde werden auch Finger verstümmelt, Zähne ausgebrochen

u. s. f. Eine +Mutter+ stach ihrem Sohne ein Auge heraus, um ihn nicht

verlieren zu müssen.

Die Apotheke des Spitals sieht sehr unscheinbar aus. Es ist merkwürdig,

wie hier Leute zu Apothekern geschnellbleicht werden. Ein polnischer

Offizier berechnete, daß er als Apotheker besser stehen würde. Er

meldete sich an, ist gegenwärtig als Apotheker angestellt, und bildet

sich auf seine Kunst sehr viel ein. Unwissenheit und Eigendünkel

gehen Hand in Hand. Ein weiland österreichischer Aide-Major hielt

sich einst eine Zeitlang in einer Droguerie auf. Er bewarb sich um

eine Apothekerstelle, bekam Anstellung, und eben während meines

Aufenthaltes in Kairo durchsprang er einen Theil der kurzen Lehrzeit

(von beiläufig einem Monate). Dieser Leichtsinn, womit die Stellen

im Gesundheitsdienste verliehen werden, erscheint indeß in einem

mildern Lichte, wenn man den großen Mangel geeigneter Subjekte ins

Gedächtniß zurückruft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Regierung

der Aufnahme solcher Glücksritter in den Staatsdienst einen Riegel

vorschöbe, wenn ihr eine Auswahl zu Gebote stände. Man macht in

Egypten, wie anderwärts, aus der Noth eine Tugend.

Die Narrenmenagerie.

Es gibt Leute, die sich an den Namen mehr ärgern, als an den Dingen.

Bei solchen besorge ich wohl, daß sie an dieser Ueberschrift Anstoß

nehmen. Vorläufig möchte ich sie aber damit beruhigen, daß der

Ausdruck, so hart er klingen mag, doch nicht härter ist, als die Sache,

die er bezeichnet.

Um dem Eseltreiber verständlich zu machen, wohin ich wolle, ließ ich

ihm sagen, daß er mich dahin führe, wo die Narren und die Närrinnen

seien.

Ich kam in einen Palast, das berühmte Spital +Muristan+, welches mit

der schönen Moschee gleichen Namens zusammenhängt. Ein geduckter,

etwas kleiner Mann mit einem grauen Barte, stand in einem Vorzimmer;

er fiel mir zuerst nicht auf. Es war der Menagerieinspektor. Mein

Führer eröffnete ihm meine Absicht, -- denn ich konnte durchaus nicht

arabisch, -- und ohne Anstand ward mir der Eintritt bewilliget. Noch

aber ließ ich Brote holen, um sie unter die Kranken zu vertheilen.

Die Zufriedenheit mit Wenigem ist in der Regel ein Zeichen echter

Selbstbeherrschung; die Zufriedenheit mit einem geringen Geschenke

zeugt gemeinhin von wahrer Dürftigkeit. Auf diese zählend, hoffte ich

mit meinen Kleinigkeiten Liebes zu thun.

Nun wurde die Thüre aufgeschlossen. Ich war nur Auge, nur Ohr. Ein

viereckiger Hof, in dessen Mitte ein steinernes Becken, selbst mit

dem unlautern Wasser, fürs Auge gute Wirkung macht, zieht voraus den

Blick an sich. Der erste Eindruck verspricht Gutes; allein er trügt

nur zu gewiß: denn den gefälligen Hof umgeben lauter Käfiche, an

Stattlichkeit und Solidität gleich denjenigen für die Thiere, welche

zur Schau gestellt werden. Um den Schein einer Menagerie zu vollenden,

erheben sich die Krankenzellen bühnenartig. Das Licht und die

Speisen gelangen durch ein eisernes Gitter, welches nicht Manneshöhe

erreicht. Die Zelle ist schmal, doch hoch. Ich konnte die Zellen und

die Kranken nicht zählen; denn der Menagerieinspektor sputete sich

zu sehr, weil er vielleicht meinte, daß die Kranken beim Anblicke

eines Giaur (Ungläubigen) gewaltig beunruhiget würden. Ich glaube,

daß den Hof sechszehn Zellen umfassen. Sie sind sämmtlich von festem

Mauerwerk. In den meisten Zellen fand ich einzig einen Kranken, in

einer andern aber selbst drei, wovon einer angekettet war. Der letzte

nämlich trug ein Halseisen mit einer langen Kette. Diese lief durch

das Gitter, und ward so weit unten festgemacht, daß der Kranke mit

den Händen die Endglieder derselben nicht ergreifen konnte. Hände

und Füße blieben dabei ungefesselt. In Europa würde man bei solcher

Anfesselung das Selbsterdrosseln befürchten. Zur Bettung dient dem

Kranken im besten Falle etwas Stroh, sonst der harte Boden. Dieß

ist nicht das Herbste des Schicksals. Wie der Hunger die Küche bald

gut bestellt, so bereitet der Mangel an Schlaf dem schwankenden und

trunkenen Haupte ohne Schwierigkeit einen Polster, und am Ende macht

sich die Macht der Gewohnheit geltend. Vielleicht werde ich letztern

Satz gelegentlich einmal wiederholen, weil dessen Wahrheit beinahe nie

genug ausgesprochen und beherziget werden kann. Einige Kranke waren

ordentlich gekleidet, andere aber wenig oder fast gar nicht.

Wie ich vor die ersten Käfiche trat, wollte ich das Brot selbst

austheilen; allein der Menagerieinspektor wand mir es mit einer

Meisterfertigkeit aus der Hand, und mir war klar, was ich thun oder

lassen sollte. Meine fränkische Person schien den Unglücklichen

wenig Aergerniß zu geben; sie haschten, wie kleine Kinder, nach dem

Geschenke, welches ihre Aufmerksamkeit für den Augenblick verschlingen

mochte. Nur ein Andächtiger, der betend auf den Knieen lag, und den

Boden anglotzte, nahm von Allem, was vorging, keine Notiz. Dagegen

betrug sich sein Nachbar um so rühriger, und er erhob ein betäubendes

Geschrei. Der Aufseher warf einen Lappen Brot ihm zu. Das war der

Friedensbote, welcher alsobald den Sturm besänftigte, nachdem eine Art

Mensch, vielleicht ein Menagerieknecht, vergeblich den Stock über ihn

geschwungen hatte. Schlagen sah ich nicht.

Uebrigens hält man mit dem Schlagen oder Peitschen in Egypten keine

genaue Rechnung. Jeder Herr peitscht oder prügelt seinen Diener. Das

Schlagen des kranken Irren wird in Egypten unzweifelhaft nicht die

gleiche Wirkung hervorbringen, welche man sich in Europa versprechen

würde, und wenn in diesem Welttheile mit dem verwerflichen,

barbarischen Mittel zur Seltenheit Heilungen erzielt wurden, so würde

es von dem ans Schlagen beinahe mehr als ans Brotessen gewöhnten Araber

mit Gleichgültigkeit, wenigstens mit abprallender Härte ertragen werden.

In der Flüchtigkeit ward ich ruhige Gesichter und gut genährte Leute

in den Käfichen gewahr. Es beschwichtiget gewissermaßen zuletzt der

gegründete Glaube, daß die Eingekerkerten doch nicht mit Hunger gequält

werden.

Als ich schon zur Thüre hinaus war, hörte ich noch den Lärm der Irren,

selbst vor dem Geklirre der Ketten. Von der Besorgung der Närrinnen

weiß ich weder etwas Rühmliches, noch etwas Tadelnswerthes. Den Männern

ist der Eintritt in die Weiberzellen untersagt, wohl aber +Knaben+ bis

zum Alter von ungefähr neun Jahren erlaubt.

Bei einem zweiten Besuche vergönnte man mir mehr Zeit. Ich konnte

achtzehn Käfiche zählen. Dießmal überzeugte ich mich von der

zurückstoßenden Unreinlichkeit. Daß in diesen Krankenställen keinerlei

Versuche zur Heilung vorgenommen werden, versteht sich von selbst.

Das kultivirte Europa schaudert wie vor der Einrichtung der

Observazionsanstalt in Alexandrien, so vor einer solchen Behandlung

unglücklicher Irren. Wie lange her ist es aber, daß dort das

Licht der Humanität glänzt? Noch vor einem Jahrhunderte wurden

die unschuldigsten Gemüthskranken, gleichwie die schuldigsten

Verbrecher, fast durchgehends in Ketten geworfen. Vielleicht werden

die bemitleidenswerthen Gemüthskranken an das eiserne Kriegsherz des

Pascha klopfen, daß es erweicht wird, und falls er dem gräßlichen

Uebelstande wehrt, so flicht er sich schönere Lorbeeren um sein

Haupt, als wenn er noch einmal Militärkrankenhäuser, Arzneischulen und

andere Anstalten, Pulvermühlen und andere Fabriken ins Dasein riefe,

und er bleibt unsterblicher unter den Sterblichen, als wenn auf sein

Machtwort der Anbau einer zweiten Baumwolle und eines zweiten Oelbaumes

u. dgl. gediehe. Insbesondere die edeln Züge des Zartgefühles für

das Wohl und Weh aller Menschen, ohne Ansehung des Standes und des

Vermögens, erwartet das aufmerksame Europa von dem schöpferischen und

durchgreifenden Vizekönige des Egyptenlandes.

Die Stadt der Einäugigen und der Blinden.

Man nennt wohl keine Stadt in der Welt, worin so viel Einäugige und

Blinde wohnen wie in Kairo. In keiner Stadt, würde der Spötter sagen,

wird öfter ein Auge zugedrückt, und ist die Liebe blinder. Man ziehe

bloß die Gasse hin und her, und bald wird die Aufmerksamkeit von einem

Manne gereizt, der mit einem Stocke den Weg befühlt, oder seine Rechte

auf den Kopf oder die Schulter einer Person legt, die als Wegweiser

vorangeht. Selbst die Blinden wandeln nicht mit Andern wie in Europa,

wo sie am Arme geführt werden. Man weiß beinahe nicht, ob man über das

Glück Unglücklicher lachen darf, wenn man wahrnimmt, wie etwa drei

Blinde einander leiten und leiten +können+.

Einst schilderte man das Gedränge in der Stadt als so groß, daß man

jeden Augenblick Gefahr laufe, Jemand umzubringen oder umgebracht zu

werden. Diese Schilderung kann für die jetzige Zeit nicht gelten.

Ich sah in einer sehr besuchten und belebten Gasse, gleich vor der

Hauptwache über der Brücke, einen +blinden+ Greis +allein+, freilich in

kurzen und furchtsamen Schritten, sich vorwärts bewegen, ohne daß er

umgebracht oder auch nur unsanfter berührt wurde. Es ist hinwieder eine

natürliche Sache, daß die Sehenden noch gefahrloser ihres Weges gehen,

als die Blinden.

Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2) · 第 5 / 11 题