Reise nach Triest 1.
Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero 10.
Fahrt nach Alexandrien 25.
=Alexandrien.=
Lage 58.
Gebäude 59.
Krankenhäuser 67.
Auch das Observazionsspital oder die Observazionshütten 70.
Die Katakomben und der Pferdestall 78.
Die Nadeln der +Kleopatra+ und der Flohfänger 80.
Die Pompejussäule und die Schandsäule 82.
Die Nachgrabungen 85.
Leute. Bevölkerung 88.
Der Ritt zur Beschneidung 91.
Primarschule 92.
Die Zeichenschule 93.
Weiberhändel 95.
Geld und Geldnoth 97.
Das Schiff der Wüste 99.
Anleitung für den Reisenden 100.
Die Nilfahrt nach Kairo 104.
=Kairo.=
Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand
der Menschen 134.
Die Stadt nach ihrer Bauart 140.
Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von
Kâyd-Bei 148.
Das Militärkrankenhaus 155.
Die Narrenmenagerie 157.
Die Stadt der Einäugigen und der Blinden 162.
Das öffentliche Bad 163.
Wie die Egypzier im sechszehnten Jahrhundert die Bäder
gebrauchten 168.
Der Sklavenmarkt 173.
Das Katzenstift 177.
Gärten 181.
Die Esbekieh 183.
Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner 184.
Tracht 194.
Speisen und Getränke 198.
Kaffeehäuser 204.
Schneller Justizgang 208.
Der egyptische Tanz 210.
Der Brautzug 213.
Der Leichenzug 216.
Der Straßensänger 218.
Der Versteigerer 219.
Der Barbier 220.
Der Lagerstellenmacher 221.
Der Glaser 222.
Der Schuhmacher 223.
Der Töpferwaarenflicker 224.
Die Missionarien 226.
Die Renegaten 228.
Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt
über Kairo aus Europa 230.
Undank für treue Liebe 233.
Unter österreichischer Protekzion 235.
Meine Wohnung 236.
Meine Nahrung und Getränke 238.
Umgebung von Kairo:
Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim 242.
Die Wasserleitung 244.
Altkairo und das armenische Kloster 246.
Das griechische Kloster und der Altar der h. Frau im
koptischen Kloster 247.
Der Tempel +A’mrus+ 250.
Der Garten +Ibrahim-Paschas+ und der Nilometer auf
der Insel Ruda 253.
Ausflug nach Heliopolis und Abusabel 258.
Geschichtlicher Rückflug nach Mattarieh 280.
Abenteuerlicher Ritt nach den Pyramiden von Gizeh 281.
Wegweiser in und um Kairo 295.
Rückblick auf Kairo 297.
Reise durch die Wüste nach El-Arysch 297.
Die Quarantäne in El-Arysch 321.
Vorwort.
Von manchen Seiten her wurde ich aufgefordert, die Beschreibung meiner
Lustreise in das Morgenland der Presse zu übergeben. Ich hätte es
vielleicht nicht thun sollen, -- ich entsprach der Aufforderung. Wohl
wäre es möglich, daß die Sache allzu leicht genommen würde. Es ist viel
minder schwierig, zu reisen, als eine Reise, zum Behufe öffentlicher
Mittheilung, zu beschreiben. Wer einzig zur Erholung herumwandern
will, ferne vom Vorsatze, etwaige Wahrnehmungen, Beobachtungen und
Erfahrungen ans Tageslicht zu ziehen, darf sich nur den Paß und dessen
goldenen Rahmen verschaffen; legt er den Wanderstab hin, so verlangt
man von ihm im Ernste kaum Rechenschaft darüber, ob er viel oder wenig,
richtig oder unrichtig aufgefaßt habe. Umgekehrt verhält es sich mit
dem Reisenden, der eine Beschreibung durch den Druck bekannt macht;
das Wort ist nicht mehr sein eigen, sondern Gemeingut der Leser, der
Gewährsmann wird in die Schranken des öffentlichen Gerichtes gerufen.
Ich sehe gut die weithin langenden Folgen meines Versprechens, und
gleichwohl rücke ich heraus mit meinen Tageblättern. Wenn ich die
Aufforderung recht verstanden habe, so will man, ohne meine wirklichen
Mühseligkeiten, im Geiste mir nachreisen; man erwartet keine neue
Entdeckungen weder aus der Vor-, noch Mitwelt, weder in Beziehung
auf die Kenntniß des Himmels, noch der Erde, weder ihrer Bewohner,
noch Hervorbringnisse; man will Bekanntes in einem traulichen Kreise
zusammenplaudern; man denkt billig genug, daß ein Lustreisender,
der in einer Spanne Zeit drei Welttheile berührt, der Wissenschaft
keine Dienste leistet. Ich rücke +darum+ mit meinen Tageblättern
heraus, +weil die Erwartungen nicht über meine geringen Ansprüche
hinaufreichen+.
Aber warum wurde denn die Beschreibung nicht zeitungswarm geliefert?
So höre ich die Frage an mich richten. Mit einer Antwort bin ich
keinesweges verlegen. Ich mochte nun einmal nicht in den bestaubten
Reisekleidern unter so anständige Leute treten. Weil es anders
nicht schicklich gewesen wäre, so begann ich den egyptischen und
palästinischen Staub herauszubürsten. Freilich da merkte ich bald,
daß in meinem Heimathlande nicht mehr die stillen Klostermauern mich
umfangen; ein Hinderniß häufte sich auf das andere. Das Reise-Tagebuch
lag neben meinem Krankenbuche, und Jedermann weiß, daß die Leidenden
in der Regel durch etwas ganz Anderes genesen, als durch Schildereien
aus dem Leben eines Pilgers. Kurz, ich stellte die Reisebogen in den
Hintergrund, und widmete meine Feder vorzüglich den Tageblättern
für meine Kranken. Doch nach und nach schaffte ich, so gut es in der
vielzersplitterten Muße gehen wollte, wenigstens einige Ordnung, daß
ich nun endlich die Schwelle des Hauses verlasse, um -- der Geneigtheit
und Nachsicht der Leser mich zu empfehlen.
+Lutzenberg+, im Appenzeller-Lande,
an Ostern 1839.
=Reise nach Triest=
Am 22. August 1835 trat ich, vom schweizerischen Kanton Appenzell aus,
meine Reise an. Sie nahm ihre Richtung über den Arlberg, über Insbruck,
Bozen, Trient, Vicenza, Padua und Venedig nach Triest. Ich werde diese
Reise durch eine Gegend, welche, so zu sagen, nur einen Sprung weit
von meinem Heimatlande entfernt ist, nicht näher berühren. Ich erwähne
bloß, daß ich dießmal mit ungleich mehr Zufriedenheit durch diesen
Theil Welschlands reisete, als im Jahre 1826, wohin ich von Wien aus
einen Abstecher gemacht hatte. Ich wählte vorzüglich italienische
Wirthshäuser, und die Wahrheit heischt von mir das Bekenntniß,
daß ich nicht den mindesten Grund zu Klagen über Betrügereien in
denselben fand. Niemals handelte ich mit den Wirthsleuten zum Voraus
die Mahlzeit ab. Bei deutschen Wirthen dieses Landes befand ich mich
eher schlimmer. Zank und Streit mit zwei Vetturini waren ganz unsere
Schuld, oder vielmehr die meines Reisegefährten, eines Kroaten, der
+weniger+ bezahlen wollte, als wir bereits schon übereingekommen
waren. Es bot ein rührendes Schauspiel dar, wie ein Vetturino nur das
+Seinige+ verfechten mußte. Wenn die Deutschen oder wenigstens
die deutsch Redenden auf diese Weise fortfahren, es dürften sich traun
die italienischen Vetturini brüsten, um dem deutschen Uebermuthe die
Flügel zu stutzen. Die Deutschen, welche nach Italien reisen wollen,
hauen darum leicht über die Schnur, daß sie auf erster Linie mit den
Schlechtigkeiten der Italiener allzusehr sich vertraut machen, statt
daß sie es sich angelegen sein lassen, die Gedanken in ihrer Sprache
auszutauschen. Der Deutsche, gewohnt, beinahe in jedem schlechten
italienischen Gewande eine schlechte Seele zu suchen, richtet auch
nach dieser, über das Gebirge geschleppten vorgefaßten Meinung, die
Behandlung des Italieners. So wie aber dieser wahrnimmt, daß der
Fremde an ihm keinen grünen Zweig erblickt, mag es ihn freuen, daß der
Reisende sich ja nicht täusche.
+Den 29. August.+
Ich langte in der überaus lebhaften Handelsstadt Triest an. Meine
Empfehlungen an dasige Häuser thaten erwünschte Wirkung. Ein Landsmann
gab Anleitung zum Einkaufe der für die Seereise nöthigen Effekten. Ein
jüdisches Haus kam mir zuvor, um später den Aufenthalt in Alexandrien
mir angenehm zu machen, und versah mich mit Schreiben, damit mir die
Reise nach Egypten in finanzieller Beziehung gesichert werden sollte.
Sechs Tage mußte ich warten, bis ein Schiff unter Segel ging. Mein
Vertrag mit dem Kapitän, Herrn +Simon Budinich+ aus Lossin, wurde
doppelt ausgefertigt, und in demselben ausdrücklich bemerkt, daß ich
freie Hand behalten wolle, wenn zur bestimmten Frist die Abfahrt nicht
erfolgen würde. Der Vertrag beschlug übrigens, um nach Landart zu
sprechen, nicht bloß Logis, sondern auch Kost.
+Donnerstag den 3. September.+
Ich ließ mein Bett, (ein Kissen, eine Stramatze [~Stramazzo~,
Matratze], eine Wolldecke, [Kotze], zwei Leintücher) und meine übrigen
Effekten an Bord bringen. Vom Kai holten sie unsere Matrosen ab, ohne
daß ich mich vor der Hand weiter darum bekümmerte. Abends neun Uhr
rief ich den Matrosen unsers Schiffes, ~il Giusto~. Gleich ruderten
sie mir entgegen, und ich nahm Abschied vom Lande. Frohmüthig bestieg
ich meine neue Behausung. Mein Auge weidete sich zuerst an dem Walde
von Mastbäumen und an dem sternenreichen Himmel; dann trat ich in die
Kajüte, wo ich meine Effekten in Ordnung fand. Ein fester Bursche, der
Buchhalter (~scrivano~), saß eben an einer wohlbesetzten Tafel; ein
mit rothem Wein gefülltes Glas wurde nicht selten von seinem Munde
magnetisch angezogen. Derselbe plauderte an Einem fort anmuthig und
offenherzig; er nannte ohne Umschweif die Regierung von Triest eine
strenge. Als er inne ward, ich sei ein schweizerischer Republikaner,
gab er Freude zu erkennen. Im Politischen faßte ich mich kurz. Ich
suchte darzuthun, daß die Regierungsform nicht immer wesentlich die
Wohlfahrt eines Volkes untergrabe oder begründe, und fügte hinzu, daß
die Schweizer im Allgemeinen zufrieden leben. Ich sprach mit einer
Mäßigung und Zurückhaltung, daß kein Schein da war, als wolle ich den
Republikanismus außer meinem Vaterlande verkündigen.
Die Kajüte gefiel mir; blau angestrichen und geräumig; in der Mitte ein
Tisch, ringsum Stühle und ein Kanape von hartem Holz. Zum Ueberflusse
eingerahmte Bilder: hier das Sinnbild der Dreieinigkeit; dort ein
pausbäckiger Zweimaster mit österreichischer Flagge; ferner weibliche
Schönheiten aus allen vier Welttheilen. In einer Ecke ein Käfich mit
zwei Kanarienvögeln. Für mein Lager war zur Seite der Kajüte ein
Kasten, den man ~cuccietta~ nennt, und der durch zwei Flügelthürchen
verschlossen werden kann. Der Kapitän hatte noch ein besonderes
Schlafgemach, welches durch Thüre und Vorhang von der Kajüte getrennt
war.
Um zehn Uhr sollte der Kapitän ankommen; allein die Vergnügungen auf
dem Lande fesselten ihn über die Zeit. Mich überfiel Schläfrigkeit;
ich begab mich zu Bette, nicht ohne einige Besorgniß, auf einem Lager,
welches durch seine Weichheit sich nicht zum Besten empfahl, nur
mit Mühe den Schlaf zu finden. Bald langte der Hauptmann mit meinem
Reisegefährten an. Es dauerte nur noch kurze Zeit, und ich schlief.
+Den 4. September.+
Nach Mitternacht hörte ich lautes Getrampel. Die Matrosen waren
beschäftigt, das Schiff in segelfertigen Stand zu stellen. Erst in
der Frühe wurden die Segel dem Winde gegeben. Doch wir mußten zuerst
laviren; denn einiger Proviant und das unter polizeilicher Aufsicht
gelegene Schießpulver waren noch nicht eingetroffen.
Ein zureichender Grund bewegt mich, meinen Reisegefährten +Cesare+
nicht bei seinem Familiennamen in den Kreis meiner Leser einzuführen.
Aus einem großen Dorfe bei Mailand gebürtig, studirte er in Pavia,
hielt sich als Apothekergehülfe in Venedig, und die letzten vierthalb
Jahre in Triest auf. Er theilte mir, auf verdankenswerthe Weise,
eine Reisebeschreibung, ~Viaggio in Siria e nella Terra Santa~ von
+Giovanni Failoni+ (~Verona, 1833, Pietro Bisesti~), mit. Ein anderer
Passagier blieb zu nicht geringem Verdrusse des Schiffmäcklers aus,
wiewohl er sein Jawort zur Abreise gegeben hatte. Er war ein Deutscher,
dem Vermögen nach unabhängig, und nur Reiselust entzog ihn seinem
Familienschooße. Wenige Tage vor meiner Abreise erhielt er aus Kairo
Nachricht vom 31. Juli, daß dort die Cholera herrsche, und eines
Mehrern bedurfte der bewegliche Mann nicht, um den Reiseplan vorläufig
auf sich beruhen zu lassen. Mittlerweile lief noch denselben Tag, auf
welchen unsere Abreise festgestellt war, ein Schiff von Alexandria
ein, mit der günstigen Zeitung, daß der Gesundheitszustand in Egypten
befriedigend sei. +Von Hezels+ arabische Grammatik, aus der freigebigen
Hand des zurückgebliebenen Deutschen, war wohl ein geringer Ersatz für
eine Gesellschaft, auf die ich vergeblich mich so lebhaft freute.
Der Kapitän, ein starkbärtiger Mann, von gedrungenem Körperbau, noch
nicht dreiundzwanzig Jahre alt, war nicht ohne Bildung. Er sprach
etwas Französisch, benahm sich Anfangs zuvorkommend, und beantwortete
willig die Fragen, welche dem Reisenden auf der Zunge liegen. Die
ganze Bemannung des Schiffes machte keinen widrigern Eindruck, als die
Floßknechte, mit denen man auf der Isar und Donau von München nach Wien
reist.
Der erste Ort, der mir an der Küste auffiel, war das Kap von Istrien
(~Capo d’Istria~). Ein langes Gebäude bezeichnet das Gefängniß.
Dann Isola auf einer Landzunge; la Punta del Salvore. Die Nacht war
herrlich; der Mond verbreitete sanft seinen himmlischen Glanz über das
schweigende Meer. Triest war noch nicht verschwunden; man erblickte
immer noch seinen Leuchtthurm.
+Den 5. September.+
Endlich sieht man nichts mehr von Triest. Die Luft regt sich ein wenig,
und wir machen dabei einige Fortschritte. Das Schaukeln des Schiffes
vermochte mir leichten Schwindel zu verursachen, der sich nach einem
Trunk mit Rhum vermischten Wassers sogleich verminderte. Ich glaube,
die sattelfestesten Legitimisten könnten auf dem Meere Schwindelköpfe
werden. Mittags kehrte mein Taumel zurück, und ich fand für gut, mich
während des Mittagessens mit der einen Hand am Tische zu halten.
Uebrigens schmeckte mir die Suppe vortrefflich, und gleichzeitig
erging sich mein Auge an den Mehlperlen, weßwegen sie Paternoster
genannt wird; auch mußte ich über die Suppe lachen, daß sie, in allem
Ernst, mir im Teller die Ebbe und Fluth des Meeres anschaulich machte.
Unsern Cesare wollte der Schwindel ebenfalls übernehmen, er verließ
den wohlbedeckten Tisch, und begab sich auf das Verdeck. Der Sirocco
(Südostwind), der heute ziemlich stark blies, rieth uns, von der Küste
sich mehr zu entfernen, so daß man den Küstensaum in Osten, als einen
Spiegelrahmen, wohl wahrnehmen, aber keine Ortschaften unterscheiden
konnte.
+Den 6. September.+
Ein eingetretener Nordostwind brachte uns über Nacht beträchtlich
weiter. Wir näherten uns ziemlich dem Ufer. Des Morgens erblickte man
zur Linken, uns gerade gegenüber, den hoch über die Hügel emporragenden
Berg Caldiera; dann südöstlich das Promontore, wo bei Nacht den
Seeleuten eine Laterne leuchtet, und wo wir bald vorbeigeschifft waren;
ferner deckte den Hintergrund, in der gleichen Richtung, der Monte
d’Ossero, eine breite Bergkuppe, der erhabenste Punkt des Eilandes
Lossin. Jenes Promontore bildet den südwestlichen Grenzwinkel des
Festlandes, von Istrien. An dem Promontore vorbei; und es beginnt
das Mare Ouarenaro, an dessen Ende die Stadt Fiume liegt; auf diesem
Meere schlugen die Wellen wilder gegen das Schiff. Nach dem Zeugnisse
der Seemänner macht das Ouarenaromeer, im Winter, wenn der Nordwind
(~tramontana~) brauset, die Schifffahrt sehr schwierig. Ich genoß kaum
je in meinem Leben so entzückende Augenblicke, als an diesem Morgen.
Majestätisch jagte unser Giusto die tobenden Wellen aus einander, die
selbst auf das Verdeck stoben. Der Anblick der entstehenden und gleich
wieder verschwindenden kleinen Hügel und Thäler war zu köstlich. Süß
verschmolzen vaterländische Erinnerungen in den wirklichen Genuß der
Seereise.
Ich vernahm, daß in der Nähe des Promontore eine alte griechische
Kolonie ihre Sprache und Sitten beibehalten habe. Ich gedenke dessen
nicht, weil ich glaube, etwas Neues zu schreiben, sondern weil es
mich nicht minder ansprach, als die Thatsache, daß, in der Nähe von
Verona, die Bewohner der Sette comuni, als Abkömmlinge deutscher
Auswanderer, noch ein deutsches Sprachgerippe reden, obschon sie von
der italienischen Sprache umringt sind.
Wir geriethen in eine Inselgruppe: zur Linken Unie, Canidole, zur
Rechten die kleine, jedoch nicht minder merkwürdige Insel Sansego, weil
sich auf ihr keinerlei Gestein findet, während der Archipel gleichsam
nur Steinhaufen vorstellt. Aus Sand und wenig Erde bestehend, wird
diese Insel von ungefähr fünfhundert Einwohnern zum Weinbau benutzt,
die sich in der Zwischenzeit mit dem Fischfang abgeben.
+Den 7. September.+
Nach dem Erwachen stellte sich zur Rechten die Insel Pietro di Nembo,
und östlich im Hintergrunde eine bergichte Küste dar, welche zu
Kroazien gehört. Noch Vormittag erreichten wir den sogenannten Hafen
von Lossin grande.
Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero.
Lossin interessirte mich ungemein, weil mein Auge so viel Fremdartigem
begegnete. Das ganze Eiland besteht aus Kalkstein, der an den meisten
Orten nackt hervorguckt. Er lagert sich schief von Westen nach Osten,
und öffnet kleine Buchten oder, mit andern Worten, natürliche Häfen
in Menge. Derjenige in Lossin grande gewährt ziemliche Sicherheit
vor dem Ungestüm des Windes, faßt aber bloß drei größere Schiffe
(~bastimenti~). Um so geräumiger dagegen ist der Hafen von Lossin
piccolo, der wenig zu wünschen übrig läßt. Zwischen den so zahlreichen
Steinblöcken, welche der Insel ein ziemlich ödes Ansehen verleihen,
erscheint hie und da eine röthliche Erde, welche, obwohl sie nie
gedüngt wird, leicht hervorbringt. Die Vegetazion überraschte mich
besonders. Fast überall stark- und wohlriechende Pflanzen, welche
den freigebigen Süden begleiten. Wenn ich ausging, so war es meine
Wonne, einen wohlriechenden Strauß zu pflücken. Die Einwohner selbst
scheinen durch die Gewohnheit für die Genüsse, welche die Flora
darbietet, unempfänglich geworden zu sein. Nirgends sah ich auch nur
einen Blumentopf; nirgends ein Mädchen mit einer Blume oder einem
Strauße geschmückt. Unter den angebauten Gewächsen stehen der Oelbaum,
der Feigenbaum und die Rebe oben an. Beinahe so oft ich den Oelbaum
betrachtete, trug die Phantasie mich in das gelobte Land, wovon das
Buch aller Bücher so viel Denkwürdiges erzählt. Vor allen andern
ein zahlreich gepflanzter Baum, bemüht er sich an den Abdachungen
Lossins, von den Steinen den Charakter der Traurigkeit auszulöschen.
Das Lossiner-Baumöl ist sehr gut, und soll selbst demjenigen von Lucca
nicht nachstehen. Hundert Pfund (zu 16 Unzen) Oliven geben beiläufig
vierzig Pfund Oel. So rechnen die Leute. Außer, daß die Feige frisch
gegessen wird, vermengt man sie auch mit Gewürz und bereitet eine Art
Teig, der in etwa vier Zoll hohe Kegel geformt und dann an der Sonne
getrocknet wird. Man nennt diese Mischung Feigenbrot (~pane di fichi~),
und wird im Winter als Leckerbissen genossen. Auf die Rebe wird
möglichst wenig Sorgfalt verwendet; man enthebt sich der Mühe, sie zu
pfählen; nur an wenigen Orten wird sie etwa an einer Mauer aufgezogen;
sie kriecht daher auf dem Boden fort, wie der Himbeerstrauch. Bei
meiner Anwesenheit war die Weinlese zum Theile schon vorüber. Die
gesammelten Trauben bringt man in einen Schlauch, von der Gestalt
eines mißgeborenen, ausgestopften Kalbes. Es ist recht drollig zu
sehen, wie die Weiber solche Mißgestalten auf ihren Köpfen tragen. Der
Sack ist in der That nichts Anderes, als das Fell eines Ziegenbockes,
welches ganz nahe geschoren, gleich hinter den Vorderbeinen ringsum
abgeschnitten und dann umstülpt wird. Die den Hinterbeinen und dem
Schweife entsprechenden Oeffnungen zugebunden, wird das abgezogene Fell
bloß mit dem Athem aufgeblasen und an der Luft getrocknet. Hierin liegt
alle Kunst der Sackbereitung. Der Wein ist stark, aber herbe, schwer,
etwas bitterlich. Es gibt auch sehr guten, süßen und geistigen Wein,
dessen Bereitung aber auf besonders delikate Weise geschieht, und der
nur auf die Tafel fashionabler Lebeleute gesetzt wird. Als Seltenheit
wächst auch der Dattel-, Granat-, Zitronen- und Pomeranzenbaum.
Lossin grande wie piccolo bieten kein übles Aussehen. Die Häuser sind
von Stein gebaut; das Wenigste daran von Holz. Die Dächer bestehen aus
Hohlziegeln. An einigen Häusern Rinnen, durch welche das Wasser ins
Innere der Wohnungen zum Hausgebrauche geleitet wird. Von andern aber
rieselt das Wasser in der Rinne, wenn es nicht in Kübeln aufgefangen
wird, auf die Straße herunter, wo es fortfließt, um bei starkem Regen
ein ordentliches Bächlein zu bilden. Auf Brunnenquellen würde man
sich umsonst trösten. Ihre Stelle vertreten Ziehbrunnen. Nicht von
allen Häusern erheben sich Kamine. Im Freien, an den Eckmauern der
Wohngebäude sah ich an vielen Orten eine Art Herd. Die Mauern schienen
mir sehr fest, wozu sich der harte Kalkstein vortrefflich eignet, und
der Mörtel zeichnet sich durch Güte aus. Ueberhaupt mögen hier die
Mauern viel länger halten, als in nördlichen Gegenden, wo die Kälte
unermeßlichen Schaden anrichtet, wie besonders das Jahr 1830 bezeugen
kann. Um Gassen anzulegen, wurde an vielen Orten nur der Kalkfelsen
ein wenig ausgeebnet. Sie werden länger dauern, als anderwärts die
auf’s kunstreichste und kostbarste gepflasterten Straßen. Allein sie
laden eben nicht am freundlichsten ein. Die spitzigen Geschiebsteine
schneiden beinahe in das Leder der Schuhe, und leicht gleitet man auf
den Flächen des Felsen -- nicht in den Himmel, wohl aber auf den Boden.
Besonders mühsam wird das Gehen außer den Dörfern. Wer einmal in der
Schweiz einen recht steinigen, doch bessern Bergweg wandelte, kann sich
das Gehen auf den hiesigen Landwegen gar leicht vorstellen. Ueber große
Unreinlichkeit auf Plätzen, Wegen u. s. f. könnte man gerade nicht
klagen. Keine Misthaufen. Das Vieh ist aber nicht zahlreich; wenig Kühe
werden gehalten; am meisten noch Schafe und Ziegen. Letztere haben
lange, seidenartige Haare und liefern einen schmackhaften Käse. Nur ein
einziges Pferd nahm ich wahr; es ritt darauf eine kranke Frau, sich
Bewegung zu verschaffen. Ein Fuhrwerk rollte schon gar nicht vorüber.
Es zieht sich zwar eine schmale Straße von dem großen Lossin nach dem
kleinen, die allerdings fahrbar wäre, wenn man auf eine Lustfahrt
Verzicht leisten wollte. Es darf übrigens nicht unerwähnt bleiben, daß
auch hier die französischen Umwälzungsmänner eine Spur ihres Wirkens
zurückließen, indem +sie+ diese Straße bauten. Andere, als solche
Thiere, welche der Hauswirthschaft, so zu sagen, angehören, sind selten.
Um die Bewohner zu beobachten, war mir +Mariens+ Geburtstag
willkommen. Soll ich im Namen Lossin grande beklagen, daß die dortigen
Frommen die obere Kirche nicht ausfüllten? Wie ich in das Gotteshaus
trat, spielte eine Musik, die hätte zum Tanze ermuntern können. Erst
als die Orgel ertönte, hob eine ernstere Melodie an. Die Frauen knieten
bald auf den Boden, bald ließen sie sich auf die Fersen nieder, andere
saßen auf dem Boden, indem sie die Füße auf einer Seite an sich zogen,
noch andere kauerten bloß auf einer Ferse, und streckten den andern Fuß
vorwärts, daß das Bein der Länge nach auf dem Boden ruhete. Uebrigens
wußten sich alle gar züchtig niederzusetzen. Man durfte wenigstens
drei Viertheile Frauen auf nur einen Viertheil Männer annehmen: ein
Mißverhältniß der Leute beiderlei Geschlechtes, das später klar wird.
Ein ziemlicher Theil Frauenzimmer war gar schön aufgeputzt, und ihre
Andacht spendete dann und wann einen Blick auf die Seite in die Welt,
und vermochte ein weltliches Schmunzeln nicht zu überwinden. Die Zahl
der Priester fiel mir auf. Das große Lossin zählt zu seinen 2400
Einwohnern vierzehn Priester, darunter vier, welchen die eigentliche
Seelsorge obliegt. Einige Male traf ich einen alten, gutmüthigen
Priester auf der Straße: seine Kleidung lieferte einen ansehnlichen
Beitrag zu Löchern und Lappen, das heißt, zur Bescheidenheit und Demuth.
Die Leute kleiden sich wohl. Selbst in der Hitze des Tages umgibt
die Jacke den Oberleib. Von der Kleidung der Männer springt nichts
Besonderes in die Augen. Dem weiblichen Geschlechte gebührt das Lob
oder der Tadel eines eigenthümlichen Kopfputzes. Ein Flor von Musseline
bildet auf jeder Seite einen Ring, ohne den Kopf zuzudecken. Wer möchte
diesen Rückprall einer Kinderei schön nennen?
Die Lossiner thun sich durch Körpergröße hervor. Man muß zwei
Menschenschläge unterscheiden, einen italienischen und slavischen.
Die Venezianer eroberten zu seiner Zeit die Insel. Vom italienischen
Schlage sind sowohl reine, als mit dem slavischen vermischte Sprößlinge
vorhanden. Auf den Leuten vom italienischen Schlage ruht der Zug der
Schönheit, von etwas Edlem, von Stolz, welcher Zug sich in der Regel
charakteristisch beim Herrscher ausspricht. Das pechschwarze Haar
und die Gluth der schwarzen Augen könnten uns in die Mauern Padua’s
versetzen. Die Bewohner vom slavischen Schlage, weitaus die Mehrzahl,
zeichnet ein breites Gesicht, hervorstehende Backenknochen (selten
volle Backen), eine etwas ausgebogene Nase, üppiges, bräunliches oder
blondes Haar aus. Wie es zwei Schläge gibt, so zwei Sprachen. Der
Sieger brachte das Italienische, welches jetzt noch in den Kreisen der
Wohlhabendern geredet wird; bei den Uebrigen das Kroatische, welches
vorherrscht, oder die eigentliche Landessprache ist.
Die Leute beschränken sich in ihren Beschäftigungen nicht bloß auf
Viehzucht, Ackerbau, die Weiber auf Spinnen, Sticken u. dgl., sondern
die Lossiner beziehen ihre Nahrung auch vom Fischfang, und, die
Hauptsache, ein bedeutender Theil verlegt sich auf die Schifffahrt.
Die Lossiner bilden mit den Bocchesen den Kern der österreichischen
Seemacht. Lossin piccolo nennt mit Stolz allein über achtzig größere
Kauffahrteischiffe (~bastimenti~). Da stößt man auf eine Menge
Kapitäne, welche die Meere durchsegelten, und von Konstantinopel,
Alexandrien, Algier, London u. s. f. erzählen, nur nicht von Stürmen,
als etwas Abgedroschenem. Bewog Liebe zu ihren Ehemännern selbst
Frauen, sich auf unsichern Fluthen zu entfernen, um zugleich angenehme
Berührungen mit den berühmten Städten der Welt herüber zu nehmen.
Der Vater des Kapitäns, Podestà (Gemeindspräsident) +Budinich+, empfing
uns mit vieler Gewogenheit. Am zweiten Tage nach der Ankunft in Lossin
wurden +Cesare+ und ich von ihm zu einem Mittagsmahle eingeladen. Gern
entsprachen wir der Einladung. Zwei Familien vereinigten sich, um sich
und uns Gesellschaft zu leisten; die Menge Kinder dabei lachte, lärmte,
befahl u. dgl., so daß Einem die Zeit nicht lange werden konnte. Das
Gespräch verbreitete sich größtentheils über Seereisen. Ich wurde als
Mann mit deutscher Zunge auf recht schonende Weise behandelt. Einmal
sagte der Signor’ Patrong’ zu +Cesare+, als dieser nicht trinken
wollte: ~Italiani~, ~Sociani~. Er sagte es in so gutem, so wenig
exkommunizirendem Tone, daß ich es ihm nicht im mindesten übel nehmen
durfte. Die Tafel war üppig bestellt, und deßwegen schon ein Dorn in
meinem Auge, um mich an einem andern Tage nochmals zu ihr hinzusetzen.
Der freundliche Ton der Familien gefiel mir unaussprechlich. Ich möchte
behaupten: Familienliebe ist eines der erhabensten religiösen Gefühle.
Unser Hauptmann saß neben dem Vater, bescheiden und wenig redend,
der innigsten Liebe Blicke brüderlich erwiedernd, welche auf ihn die
daneben sitzende Schwester heftete; für ihn plauderte der erfahrnere
Vater; der Sohn gebot auf dem Schiffe, wo er an seinem Platze war.
Der Umstand, daß wir wider Erwarten lange nicht in die See stechen
konnten, trug dazu bei, daß ich die Insel noch genauer kennen lernte.
Die Lebensmittel sind zum Theile sehr wohlfeil. Ein Seidel Wein, d. h.
ein Viertel eines Triestiner-Pokale, kostet nicht einmal 5 Pfennige R.
V. So wenig haushälterisch geht man mit den Trauben um, daß solche hie
und da auf den Wegen herumliegen. Dagegen ist die Milch überaus theuer.
Ein Pokale Schaf- oder Ziegenmilch kostet 12 Kr. R. V., also über die
Hälfte mehr, denn so viel Wein.
Als ich eines Nachmittags nach dem kleinen Lossin ging, zog eine
Weberin meinen Blick auf sich. Ich trat sogleich in das Zimmer. Eine
alte Frau, mit einer Brille auf der Nase, jagte mühsam das Schiff durch
die Kette. Der Webstuhl war sehr einfach, klein und so eingerichtet,
daß er mit leichter Mühe an einen andern Ort gebracht werden kann. Das
Weib wob grobes Tuch. Indem es mit beiden Füßen zugleich, jetzt auf
die einen zwei, dann auf die andern zwei Schemmel, überhüpfte, setzte
es diese in Bewegung. Gleich hernach nahmen meine Aufmerksamkeit dem
Webstuhle gegenüber sich befindende zwei Steine in Anspruch. Es waren
Mühlsteine, die von Menschenhand herumgedreht werden, um das Speisemehl
zu bereiten. Solche Mühlsteine trifft man in den meisten Bauernhäusern.
Dürftigkeit ruft der Einfachheit. Auch dieses Mahl-, Web-, Wohnzimmer
u. s. f. war etwas sparsam durch das Fenster beleuchtet, und das meiste
Licht trat durch die Thüre. Das Nämliche gilt auch von vielen andern
Häusern. So sah ich ein Mädchen nicht ohne Kunst auf einem Rahmen
nähen; um aber die, die Augen etwas mehr anstrengende Arbeit verrichten
zu können, mußte es sich an die Thüröffnung setzen.
Lossin grande kann sich eines Kalvarienberges rühmen, dessen Aussicht
das Meer ringsumher beherrscht. Im Hintergrunde des Ostens steigt das
Küstenland Kroaziens himmelan. Doch welch öder Anblick! Fast nichts als
Stein oder Felsen bieten sich dem Auge dar. Wenn der Himmel recht hell
sei, soll man im Westen selbst Ankona sehen. Da die Bewohner von Lossin
keine tiefe Erde aufzuweisen vermögen, so leuchtet bald ein, daß sie
keine Gottesäcker, dafür aber Todtengrüfte besitzen. In Lossin grande
öffnet sich gleich neben der untern Kirche eine Gruft. Durch eine
der fünf Oeffnungen wird die Leiche an Stricken in dieselbe versenkt.
Ein Sarg würde zu viel Raum einnehmen, und so werden die sterblichen
Ueberreste bloß in ein Tuch gewickelt, um sie beizusetzen. Es kann sich
bisweilen ereignen, daß eine Leiche auf eine andere geschichtet wird;
doch sucht man dieß bestmöglich zu vermeiden. Die Oeffnung wird nach
jeder Beisetzung durch eine Steinplatte geschlossen und zugemauert,
damit die kadaverösen Aushauchungen der Gesundheit keinen Schaden
zufügen. Der Boden der Gruft ist siebartig durchlöchert, und deckt eine
andere Höhle, welche mit dem Meere in Verbindung steht. Durch dieses
Sieb finden nun diejenigen Theile des menschlichen Körpers, welche der
Verwesung zufallen, einen Ausweg, und das bloße Gerippe bleibt am Ende
zurück. Wehe einem Scheintodten, welcher in einer solchen Gruft wieder
lebendig würde. Grauenvolleres könnte man sich kaum vorstellen, als
das Leben unter faulen, stinkenden Leichen, wo die Aussicht, dasselbe
zu retten, so gut, als ganz abgeschnitten wäre. Ich bedaure es, daß
ich die Gruft selbst nicht sah. Wohl nahm ich in der Kirche einen
ausgesetzten, nur mit einem dünnen Tuche verhüllten Leichnam wahr.
Im Hause des Herrn +Marco Sopranich+ zeigte man mir einen Sarg,
worin Wachskerzen aufbewahrt werden, auf den Fall, daß im Hause Jemand
sterbe.
Die Festtage scheinen die Lossiner nicht so strenge zu feiern, als
die Katholiken der deutschen Lande. In Lossin piccolo war an +Mariä+
Geburt die Fleischbude offen, und Einer blies so eben das Fell eines
Ziegenbockes auf. Lumpige und unreinliche Leute trugen sich auch an
diesem Tage nicht anders, als an Werktagen. Einen großen Theil des
Volkes soll die Armuth in hohem Grade drücken. Es ist voreilig, wenn
man von vielen Reichen gleich auf den Wohlstand der Bewohner eines
Landes im Allgemeinen schließt. Wenn allerdings unter den Lossinern
manche sich ansehnlicher Schätze erfreuen, so muß man indeß bedenken,
daß das Eiland der See +eine Menge Matrosen+ liefert, welche zu Hause
ein Weib mit Kindern unterhalten müssen, und +wie+ unterhalten?
Kärglich.
Es war am 10. Abends, als ich dem Podestà, dem Vater des Kapitäns,
meine Aufwartung machte, weil die Abfahrt des Schiffes auf den 11.
bestimmt war. Ich wurde dießmal über das Befinden der Frau Podestà
befragt, und Tages darauf sollte ich mehrern Frauen von Lossin meinen
ärztlichen Rath ertheilen. Ich entsprach dem Ansuchen um so lieber,
einerseits, als die Wiederaufnahme meiner Geschäfte, wenn auch nur
auf kurze Zeit, am ehesten geeignet war, den entstehenden Ueberdruß
zu verscheuchen, und um so lieber andererseits, als ich wußte, daß
der Arzt mit Dingen in Berührung kommt, die andern Reisenden leichter
entgehen. Darf ich mir ein Urtheil zutrauen, so läßt man sich auch
in Lossin viel verschreiben, um wenig zu nehmen; man will die Aerzte
aushorchen, um aus ihren Ansichten diejenigen zu wählen, die gleichsam
am meisten schmeicheln, um nicht zu sagen -- die Bequemlichkeit am
wenigsten stören. Die alten Frauen zeigten ungemein viel Lebhaftigkeit
in der Rede, wie im Benehmen; ich hörte nicht den leisesten Ton der
Klage. Die Sprache legte dem Krankenexamen einige Hindernisse in den
Weg. Da ich mich im Italienischen nur mit vieler Mühe ausgedrückt
haben würde, so begleitete mich der Kapitän, und übersetzte meine in
französischer Sprache gestellten Fragen ins Italienische, und bei einer
Magd mußte dieses dann erst noch ins Kroatische übertragen werden, weil
der Hauptmann von seiner Landessprache zu wenig verstand.
Ein alter Schiffseigenthümer, der an einem Lippenkrebse litt, kam
zu mir an Bord, um ärztliche Hülfe zu suchen. Ich hielt deßwegen
mit dem achtungswerthen ~Dr.~ +Boselli+, welcher in Lossin piccolo
niedergelassen ist, eine Konsultation. Es wurde diese am Borde
gepflogen, weil ich wegen der Ruhr nicht ausging, die mich seit zwei
Tagen plagte.
+Den 14. Herbstmonat.+
Dem Eigenthümer des Schiffes, einem reichen Manne, machte es Vergnügen,
den Giusto in dem Hafen zu sehen, und so konnten wir einmal wegen
dieses fatalen Vergnügens nicht weg. Doch heute war es ihm selbst daran
gelegen, daß die Abreise nicht länger verzögert werde. Indessen hatten
unglücklicher Weise der Herr +Marco+ und der Himmel ungleiche
Launen. Man wollte die Brigg aus dem engen Hafen herausbugsiren; allein
der Wind blies so widerlich, daß man den Versuch aufgeben mußte.
Mittlerweile umgab uns Gesellschaft. Der Vater des Kapitäns nebst
seiner Gattin und einer hübschen Anzahl Kinder waren am Borde --
im Abschiedsgeleite und auf dem Wege zum Landgute. Mich freute es,
dießmal die Familie in alltäglichem Putze zu sehen. Der Podestà, ein
ziemlich betagter Mann, mit kahlem Kopfe, von fettem Leibe, trug
eine hinten breit abgeschnittene Jacke, an der hie und da die Naht
von einander gähnte; die schwarze Weste war mit hellbraunem Tabake
übersäet; die Schuhe roth, ordentlich schuppig, ein langes Register von
Lobsprüchen auf den Schuhflicker. Der gute Mann war stets aufgeräumt;
die alltäglichste Frage pflegte er zu deklamiren; er plünderte gerne
Stellen aus französischen Schriften, besonders aus +Rousseau+, welcher
so unbarmherzig die Geißel über die Aerzte schwang. Der französischen
Sprache keineswegs fremde, überwarf er sich leicht in der Aussprache;
z. B. +but+ statt bü (~but~). Sogar mit lateinischen Brocken sättigte
er zuweilen das Gespräche. Auf dem geschichtlichen Felde spielte er
am liebsten und beßten. Auf echt italienisch erzählte er, daß Lossin,
die Absorus der Alten, +früher+ bevölkert worden sei, als Rom. Die
Italiener führen den Adel auf ihre Urväter zurück, wie die wirklichen
Adelichen auf den Wipfel ihres hohen Stammbaumes hinauf. So lange die
heutigen Italiener nicht mehr leisten, erscheint ihr Adel possirlich
genug. Madame, eine Frau von Geist und sehr eingezogenem, stillem
Karakter, übernahm die Rolle als Kranke. Während des Mittagmahles
setzten ihr die Bewegungen des Schiffes so zu, daß ich nicht eilig
genug mein Felleisen öffnen, und ein Fläschchen herausziehen konnte.
Die verheirathete Tochter, eine fette, große Gestalt, mit der
Adlernase, mit Haaren, deren Farbe am wenigsten gefällt, von Ansehen
überaus gutmüthig, in der Rede äußerst nachläßig, schien das größte
Wohlgefallen am Lachen zu finden, auf daß sie ihre blendend weißen
Zähne weisen könne. Es fiel mir auf, daß die Kinder ihren Vater Signore
und ihre Mutter ~Signora~ titulirten. Uebrigens will der Titel mit
größerem Recht einen Platz, wenn man Jemandem +Herr+ sagt, der mehr
oder weniger über Einen herrscht, als einem Andern, dessen Herrschaft
man sich gelindestens verbitten würde.
Hatte der Herr Podestà sich satt gegessen, wozu, als zu einem
Lieblingsthema, er sich recht Zeit nahm, so suchten wir Unterhaltung im
Spiele. Ich konnte ihm die entzückenden Lorbeeren des Gewinnes leicht
gönnen, weil ich das Damenspiel auf italienische Weise erst lernen
mußte. Mit den Damen wechselten noch das Karten- und Dominospiel.
Ich vernahm, daß die ganze Familie, mit Ausnahme der verheiratheten
Tochter, die Nacht am Borde zubringen werde. Das wird wunderlich
hergehen, dachte ich bei mir selbst. Doch schickte sich die Sache
ziemlich gut. Matratzen wurden auf den Boden ausgebreitet, und nach
langem Aufbleiben legte sich Alles bunt darauf, der Dorfschulze,
versteht sich, am breitesten, +Cesare+ und ich steckten uns ohne
Komplimente in unsere Bettkasten (~cuccietta~).
+Den 16. Herbstmonat.+
Gestern wurden vergebens Versuche gemacht, um die offene See zu
erreichen. Die Familie blieb am Borde, essend, trinkend, gähnend,
schlafend, strickend, spielend, plaudernd, ganz wie den Tag vorher.
In aller Frühe hörte man Lärm auf dem Verdecke. Man bereitete sich
vor, das Schiff flott zu machen. Am Eingange des Hafens scheiterten
wieder alle Versuche, den Giusto weiter zu bugsiren. Unter einem
azurblauen Himmel, der von keiner Wolke getrübt war, durften wir wieder
liegen bleiben. -- Alles ~in majorem gloriam~ einer Laune.
Es war Mittag, der Tisch gedeckt, das Mahl bereitet. Der Scrivano
kam zu melden, daß ein wenig Windstille eingetreten sei, welche die
Ausfahrt erlauben dürfte. Sogleich Lärmen und Laufen. Endlich gelang
die Zangengeburt. Neun Tage mußten wir uns in dem Hafen von Lossin
grande aufhalten. Bei der Ausfahrt pikirte mich eine alte Figur
von neunzig Jahren. Es war ein etwas lumpig gekleideter, ehrwürdig
aussehender Chorherr, der in einem Kahne herumfischte. So muß die
Uebermenge Priester hier ihr Brot verdienen.
Bald erhielt unser Podestà einen Besuch am Borde von seinem
Stellvertreter. Ich möchte wohl um keinen Preis dessen Kupfernase
gekauft haben, aus lauter Besorgniß für einen Trinker, Notabene für
keinen Wassertrinker, gehalten zu werden.
Abends verließ uns die Familie +Budinich+, welche sich auf ihr
Landgut begab. Der Podestà drückte mir zwei Küsse auf den Mund, und
der Anstand forderte von mir ein Gleiches. Nichts widersinniger, als
daß die Männer sich küssen, und dabei die Bärte aneinander reiben.
Mein Urtheil über diese Familie fällt mit Entschiedenheit günstig.
Tugendhaftigkeit, Religiosität, die von Bigottismus weit abliegt,
hinderten jedoch keinesweges, daß mehr Ordnungsliebe noch eine äußere
Zierde wäre. Unsere Matrosen ruderten, vom Kapitän begleitet, die Gäste
ans Land, und nach anderthalb Stunden setzten wir unsere Seereise fort.
Diesen Tag ergötzten mich zwei Delphine, die drollig davon schwammen.
+Den 17.+
Links endete der Gebirgszug von Kroazien. Dort in der Nähe liegt Sarah.
Südwestlich erblickten wir den Berg von Ankona, dem wir, vom Sirocco
genöthiget, uns immer mehr näherten. Der Wind nahm Abends so zu, daß es
stürmte.
+Den 18.+
Diese Nacht brauste der Meeressturm, welcher uns zur Rückkehr zwang.
Die Wuth des Meeres vergönnte mir keinen Schlaf, und ich mußte mich
selbst in der Cuccietta halten, um nicht von einer Seite auf die andere
geworfen zu werden. In der Kajüte purzelte bald dieses, bald anderes
Geräthe. Des Morgens wollte ich auch Zeuge des Schauspieles sein. Ich
möchte es nicht beschreiben, weil es zu gewöhnlich ist, und beinahe
in alle Schilderungen von Seereisen, manchmal selbst da, wohin es im
Ernste nicht gehört, als Würze eingestreut wird. Auf dem Verdecke
fragte mich der Hauptmann: Wie gefällt es Ihnen? Das ist sehr schön,
antwortete ich, hingerissen vom Anblicke. Doch die angenehmen Momente
dauerten nicht lange. Auf die Einladung des Hauptmanns ließ ich mich am
Steuerborde nieder, im tröstlichen Glauben, daß ich von diesem, wie von
einer Brustwehr, geschützt würde. Kaum war ich recht festgesessen, als
eine Welle über Bord schlug, mich zudeckte und durch und durchnäßte.
Ich legte mich zu Bette um darin das Ende der Szene zu erwarten.
Kurz nach Mittag warfen wir im Hafen San Pietro di Nembo Anker, wo
wir schon gestern Abends vorbeigesegelt waren. Unangenehme Gefühle
bemächtigten sich meiner, weil das Schicksal mir nicht besser zum
Vorwärtskommen dienen wollte.
+Den 19.+
Wir begaben uns zur Kirche von San Pietro di Nembo. Ohne Thurm,
ungemein ärmlich und klein ist sie. Unter einem Dache vereinigen sich
brüderlich das Wirths- und Pfarrhaus. Dieses nämlich stellt eine Kammer
im obern Stocke vor. +Cesare+ und ich besuchten den Pfarrer. Ein fetter
Herr mit einer Perrücke, wußte er über sein Elend viel zu klagen. Er
beseufzete sein Schicksal das ihn der Carità unterwerfe. Es sei nicht
zu unserer Ehre gesagt, daß die Börse dabei nicht das mindeste Mitleid
empfand. Lateinisch verstand der Mann Gottes nicht; höchstens mag ihm
das Latein bei der Messe verständlich sein. Auf meine Frage: ~Quomodo
nominatur haec insula?~ erwiederte er: ~Ego sum parocho hic.~ Dieser
Mann kann sich, wie der Anschein lehrt, in einer Gemeinde, die nur
etwas mehr denn zweihundert Seelen zählt, fett essen.
Ich rede mit meinen Lesern wohl ab. Es ist ebensosehr meinen Ansichten,
als meinen Neigungen entgegen, konfessionistische Plänkeleien zu
eröffnen. Ich ehre die katholische Religion, aber nicht alle ihre
Bekenner, nicht alle ihre Priester. Ich habe es mit +Personen+ zu
thun, aber nicht mit der +Dogmatik+. So sehr ich dem Zartgefühl gegen
Andersdenkende und Andersgläubige Rechnung trage, so wenig nehme
ich Anstand, ein freies Wort über Personen, ohne Unterschied ihres
Glaubensbekenntnisses, zu führen.
Nachmittags besuchte ich die Wohnungen auf der südlich gelegenen Insel
San Pietro di Nembo. Dieses Eiland ist im Allgemeinen sehr gedeihlich,
und dem größten Theile nach ein Weingarten köstlich schmeckender
Trauben. Die Feigen wachsen üppig neben den Oliven. Würde der Bischof
in Veglia, +Giovanni Antonio+, welchem das Eiland angehört, diesem mehr
Aufmerksamkeit zulenken, es müßte beinahe zu einem Paradiese erblühen.
Die Wohnungen theilen mit dem Lande nicht das gleiche Lob. Wie die
ungarischen, in die Länge gebaut, haben sie nur ein Erdgeschoß; den
Kamin trifft man zur Seltenheit, und seine Stelle vertritt die Thüre
oder eine Queröffnung im Dache. Nicht minder selten sind die Fenster;
ich sah nicht ein einziges. Des Sommers tritt genug Licht durch die
Thüre, und wenn, was selten, im Winter die Kälte es nicht erlaubt,
die Thüre offen zu halten, so macht man auf dem Herde ein Feuer an,
und umlagert dieses, sich zu wärmen. Ich erinnere mich, des Sommers
auf Schweizerbergen mich aufgehalten zu haben, da es schneite, und da
es nicht weniger kalt war, als es in San Pietro di Nembo mitten im
Winter sein dürfte. Ich litt auf dem Berge von der Kälte sehr wenig.
Ich setzte mich ans Feuer, oder legte mich ins Bett, wie auch die
Hirten zu thun pflegen. Die Häuser von San Pietro di Nembo sind von
Stein gebaut und mit Hohlziegeln gedeckt. Anstalten für Bedürfnisse,
die ich nicht weiter bezeichne, nahm ich nicht wahr. Das Feld sei
ja thätig genug, mögen die Leute denken, indem sie die Reinlichkeit
zu niedrig anschlagen. Man suche in San Pietro keine eigentliche
Backhäuser. Als ich einem Haufen Steine begegnete, schaute ich hinein,
und siehe, es war ein Backofen mit kleinen Broten angefüllt; er mußte
wohl zu dem etwas weiter unten stehenden Häuschen gehören. Besonders
zog meine Aufmerksamkeit ein Haus auf sich, dessen Mauern bloß aus
übereinandergelegten Steinen bestanden, ohne daß sie mit Mörtel
verbunden gewesen waren. Ich ging mit ~buona sera~ hinein, und
fand zwar, daß das Innere der Mauern übermörtelt war. Wer aber hätte
hier einen Keller, eine Kammer, eine Küche, eine Stube, eine Mühle
gesucht? -- Um das Maß der Wirthschaft zu füllen, gleich außen an
der Mauer fand sich ein Backofen. Die Gesetze sind gegen die Winzer
nachsichtig. Jedes Häuschen verkauft sein eigen Gewächs, und so besteht
das Dörfchen aus lauter Schenkhäusern.
Die Bewohner, nicht ausgezeichnet groß, nicht schön, sind meist von
heller Farbe. Uebrigens sehen sie lebhaft und fröhlich aus. Zwei
Weibspersonen fanden gar großes Vergnügen, mit den Füßen im Meere,
den Saum ihrer Röcke, die sie trugen, zu waschen, und ihr schallendes
Gelächter bei diesem Geschäfte konnte sogar mich ergötzen. Was die
Leute indeß auszeichnet, ist die Unreinlichkeit und Lumpigkeit. Es ging
ein Weib vor mir her, an dem ich nichts unbegreiflicher fand, als daß
es einen Rock trug; denn dieser war so in aller Aufrichtigkeit voller
Löcher, daß -- --. Ich sah größere Kinder, die halb entblößt umher
gingen. Wegen des Schmutzes konnte man an vielen Kleidern, und unter
den Kindern an vielen Gesichtern die Farbe nicht gehörig erkennen. Nur
das Auge sah man rein, schön, unschuldig; wäre es aber möglich gewesen,
auch dieses zu verunreinigen, man würde es sonder Zweifel gethan haben.
Von diesen unzierlichen Leuten kommt ein guter Wein in den Handel. Es
war eben die Weinlese vorüber, als ich das Eiland besuchte, und mich
belustigte die einfache Bereitung des Nektars. Ein Böttcher hämmert in
dem dunkeln Häuschen die Fässer zurecht, und ein Mann steht im Fasse,
um Trauben herauszuschöpfen. Man wird da nichts weiter sehen; man gehe
nur gleich auf die Seite des Häuschens. Da zertritt und zerdrückt ein
Mann, im Freien tanzend, die Trauben. Sie stehen über einem Brete, in
einem hölzernen walzenförmigen Käfiche. Wenn der Treter darin keinen
Saft mehr auszupressen vermag, so wird derselbe weggehoben; der Treber
mit einem dicken Seile schneckenartig umwunden, und dann, einen Deckel
darüber, gekeltert. Wo man hinblickte, überall Weinfässer. Hier,
wo die Einfachheit ihren Sitz aufschlug, hat doch der Bauer seine
Fässer voll Wein, und würzt damit täglich seine Gerichte; hier, wo
Unzierlichkeiten allen Anstand auslachen, findet man wohl noch einen
Mörser oder eine Bank von Marmor. Doch allenthalben wenigstens einiger
Kontrast!
Ich wollte die Schafmilch kosten; allein die Schafe werden bloß im
Frühjahre gemolken.
Es gibt Leute, welche die Schulen mit schelen Augen ansehen. Sie werden
sich freuen, daß die San-Pietrianer einer Schule entbehren. Der Bischof
gehört nicht zu manchen edeln Bischöfen der katholischen Kirche,
die es sich zur Gewissenssache machen, für die Geistesbildung und
Herzensveredlung alle Sorge zu tragen.
+Sonntags, den 20. Herbstmonat.+
Der Nordwind stellte endlich sich ein. Wir lichteten die Anker. Allein
um den Kapitän abzuholen, mußten wir rückwärts steuern, in kräftigem
Kampfe gegen denjenigen, der uns für die Fahrt nach Alexandrien nicht
mehr Gunst hätte erweisen können. Der Kapitän ließ uns zudem beinahe
ans Ufer segeln, und damit Alles ja recht langsam und zeremoniös
hergehe, sich von seiner ganzen Familie bis an Bord begleiten. Durch
die Schuld des Hauptmanns verloren wir fünf der günstigsten Stunden.
Dießmal wich von mir die Geduld, und auf meiner ganzen bisherigen
Reise hatte ich keine trübern Augenblicke. Ich lasse mir die Geduld
gerne gefallen, wenn ein ungünstiger Wind, dem kein Mensch den Lauf
befiehlt, die Fahrt hemmt; wo aber diese rein vom menschlichen Willen
abhängt, erscheint die Sache in einem andern Lichte. Es wäre Pflicht
des Kapitäns gewesen, an Bord zu bleiben, und er hätte beherzigen
sollen, daß, nachdem bereits fünfzehn Tage auf der kleinen Reise von
Triest nach Lossin verstrichen waren, jeder günstige Augenblick für
den Reisenden ein goldener sein mußte. Ich kann diejenigen, welche von
Triest aus das adriatische Meer in seiner Länge befahren, nicht genug
warnen, daß sie sich einem Kapitän von Lossin grande anvertrauen, darum
schon, weil es sehr schwer hält, bisweilen gar unmöglich ist, aus dem
Hafen zu dringen, selbst beim günstigsten Winde.
Links sah ich die Isola grossa, welche Dalmatien angehört.
+Den 21.+
Bei der Isola grossa vorbei; die Eiländer San Andrea und Lissa.
+Den 22.+
Windstille und schönes Wetter.
+Den 23.+
Vor dem Winde. Meist sah ich nichts, als Himmel und Wasser. Es ist
fürwahr ein eigener Anblick. Das Meer bildet eine Scheibe, dessen
Mittelpunkt das Schiff ist. Der Himmel wölbt sich wie ein Deckel über
die Wasserscheibe. Das ist nun freilich Alles, was man sieht.
Der Abend war ungemein lieblich und angenehm. Keine herbstliche Kühle,
kein Nebel. Nach dem Untergange der Sonne schien der Horizont auf der
Abendseite lange wie glühend. Als ich mich zu Bette legte, fühlte ich
ungefähr die nämliche Wärme, wie bei uns mitten im Sommer.
+Den 24.+
Albaniens Gebirge unterbrachen das Einerlei von Himmel und Wasser.
Eine frohe Stimmung entströmte dem Gedanken, daß ich schon einen Theil
der Türkei erblicke. Bisher sah ich keine andere, als christliche
Länder. Auf einmal drängten sich in meiner Phantasie die eigenen
Religionsgebräuche, die Moscheen, der Halbmond, der Turban vor.
Begreiflich wurde meine Sehnsucht nur um so reger, einmal das Land der
Mohammetaner zu betreten. -- Bis Abend waren wir so weit vorgerückt,
daß auch die Küste von Italien, gegen Otranto hin, als ein schmaler,
unansehnlicher Streifen dem Auge sich darstellte, indeß das türkische
Gebirge, der ~Monte della Pegola~ (Pechberg, weil dort Schiffspech
ausgebeutet wird), nunmehr sich in die Ferne verbarg.
Ich bestätige die Erfahrung manches Reisenden, daß man mit den
natürlichsten Fragen die Seemänner leicht in Unmuth bringt. Als ich dem
Kapitän einen konditionellen Satz über den Wind mittheilte, brummte er
beinahe kopfschüttelnd: +Wenn+ sagt alle Welt. Er schimpfte früher auf
die Trockenheit der Engländer, und ich ergriff diesen Anlaß, ihm zu
erwiedern: Es wäre mehr, als englische Trockenheit, wenn man sich der
+Wenn+ fürder enthalten wollte. Ich überzeugte mich, daß ich anderwärts
einlenken müsse. Meine Neugierde fand Mittel. Theils waren die Matrosen
mittheilender, wenn ich den Namen eines Landes, das ich eben erblickte,
erfragen wollte, theils sah’ ich dem Tagebuchhalter (~scrivano~) nach,
wenn er täglich den Standpunkt in Bezug auf geographische Länge und
Breite; wenn er die Richtung, welche der Wind und das Schiff nahm, wenn
er den stündlich zurückgelegten, in Seemeilen ausgedrückten Weg in das
Buch eintrug. Was wollte ich mehr? Denn durch die Güte des Kapitäns
stand mir doch die hydrographische Karte und der Teleskop zu Gebote,
daß im Grunde nichts mehr zu wünschen übrig blieb. Nur das Gespräch
ging ab, und wollte ich es erzwingen, mußte ich meine Seele in zwei
Theile spalten, damit wenigstens meine Seelenhälften mit einander
plaudern können. Die Zukunft entzifferte der Kapitän in der That nicht
viel besser, als ich und unsere Wetterpropheten, welche auf ein Jahr in
den Himmel hineingucken, um die Kalender zu schreiben.
Schon früher verlangte mich, die Apotheke des Kapitäns zu sehen. Nun
keine erwünschtere Gelegenheit, als heute. Der Kapitän benutzte die
Anwesenheit des Pharmazisten, um mit ihm die Arzneien durchzugehen, ob
sie noch brauchbar und ob sie richtig angeschrieben seien oder nicht.
Ich hätte meine Ohren zustopfen mögen, so sehr wurde gequacksalbert und
in den Markt geschrieen. Auch in der Arzneikiste des Kapitäns spielt
le Roi, und ich vergesse nie den Fanatismus, mit dem ein Deutscher in
Triest für diesen Arzt sprach, ihn den einzigen wahren Heilkünstler
nannte, und ihn als Heiland der Medizin nicht genug preisen konnte.
Ich glaubte, die Geschichte könnte uns vor Thorheiten solcher Art
schützen; aber nein, immer kehren sie zurück, und selbst in unserm
zu oft aufgeklärt genannten Jahrhunderte, nistet der tollste Unsinn,
nicht etwa bloß in den untern, sondern auch in den höhern Kreisen der
menschlichen Gesellschaft.
Vor Mitternacht noch verließen wir das adriatische Meer. Es endet auf
der türkischen Seite in Valona, und in Otranto auf der italienischen
Küste.
+Den 25.+
Immer guter Wind. Wir waren so fern, daß ich von der Insel Korfu
(~Corcyra~) das Gebirge undeutlich erblicken konnte. Ich sah heute
zum ersten Male das mittelländische, oder, wenn man näher will, das
jonische Meer; aber Wasser ist Wasser. Abends die Luft so warm, als
an unsern Sommerabenden. Ich durfte, bei offener Kajüte, mich nur mit
einem Leintuche bedecken.
+Den 26.+
Ich erblickte in der Ferne Santa Maura (~Leucadia~), etwas näher
Cephalonien (~Cephallenia~) und südöstlich das Eiland Zante
(~Zacynthus~). Cephalonien lag deutlich vor den Blicken. Wie
blau gefärbt erhoben sich die Berge im Süden. Abends gab die
hinuntersinkende Sonne diesem Eilande ein besonders malerisches
Aussehen. Jedes Uebel hat wieder sein Gutes. Wäre mir nicht der
köstliche Ausblick entzogen worden, wenn guter Wind unsere Segel
geschwellt hätte?
+Sonntags, den 27. Herbstmonat.+
Cephalonien stellte sich in den Hintergrund; dafür breitete Zante
sich immer mehr aus. Neben vielen Einkerbungen des Landes unterschied
ich Wohnungen der Zanteser. Ausgezeichnet schön konnte ich die mir
zugewendete Seite der Insel nicht finden.
Endlich tauchte aus dem Meere ein Theil vom griechischen Festlande,
der Peloponnes der Alten, das heutige +Morea+. Gefühle der Bewunderung
für die alten Griechen, waren die ersten, die mich ergriffen. Der
Bewunderung folgte dann Freude, daß ich so glücklich war, einen Theil
ihres Landes zu sehen. Ach, als ich die Feldherren des +Kornelius
Nepos+ las, deren Beschreibung mein junges Gemüth so lebhaft anzog, wie
hätte ich damals glauben dürfen, daß mein Auge es erreiche? So ungefähr
dachte ich beim Anblicke der griechischen Halbinsel.
Abends erkannte man das Licht des Leuchtthurms auf der Insel Stanfagni.
Hier soll auch ein griechisches Kloster stehen.
+Den 28.+
Heftiger Gegenwind, der üble Sirocco hielt mich den ganzen Tag gefangen
im Bette. Wir mußten laviren.
+Den 29.+
Zum Glücke wieder Abendwind, daß die Wellen sich aufbäumten. Er blies
uns hübsch weiter.
Für das Auge nur Himmel und Meer.
Abends lief ein Schiff in unsere Nähe. Die Flaggen wurden beiderseits
aufgezogen. Durch ein kurzes Sprachrohr ward zu einander gesprochen.
Aus den Fragen ergab sich, daß der Hauptmann, mit Reisenden am
Borde, von Alexandrien den Weg nach Marseille nehme, und daß +in
Alexandrien Pest und Cholera herrschen+. Diese Nachricht schlug meinen
Reisegefährten +Cesare+ ganz nieder, weil er keine Rezepte für die
Cholera mitgebracht habe. Der Kapitän seufzte aus Besorgniß, daß die
Schiffsladung schwer halten werde. Hat doch ein Jeglicher seinen Grund.
Es ist etwas Angenehmes, auf der Wasserwüste Leuten zu begegnen. Der
entzückende Abend bewog uns, auf dem Verdecke zu speisen.
+Den 30.+
Heute fühlte ich zum ersten Male so völlig, daß ich unter einem ganz
andern, dem schönsten blauen, aber heißen Himmel lebe. Von der Hitze
litt ich zwar nicht, weil ich den Schatten sorgfältig aufsuchte. Schon
waren wir über den 36ten Grad nördlicher Breite hinausgerückt.
+Den 1. Weinmonat.+
Schöne Witterung fuhr fort. Morgens schon erspähete ich einen
Gebirgsstreifen von Kandien, welcher über Wolken oder Nebel emporragte.
Bescheiden trat die winzige Insel Gozzo auf. Wir wurden bisweilen von
Schwalben besucht.
+Den 2.+
Windstille. Heerrauch, so daß man nicht immer Kreta (Kandien)
erblickte. Das Farbenspiel beim Untergange der Sonne gewährte ein
herrliches Schauspiel. Westwärts bis zum Schiffe schien das Meer in
flüssiges Gold verwandelt. Der Spiegel war glatt, außer den sanften
langsamen Wallungen. Das Wasser zeigte sich so liebsam, als lüde es
ein, mit ihm den Abschied der Sonne zu verherrlichen. Doch unter dieser
gefälligen Schminke grausiger Abgrund. Die Sonne selbst, wie glühendes
Erz, goß eine helle, lodernde Säule in das Meer -- uns zu. Als die
Spanier nach Amerikas Schätzen dürsteten, konnten sie das Gold nicht
schöner, nicht reizender sich vorstellen, als es mir vor Augen schwebte.
+Den 3.+
Windstille. Mittags erhob sich ein leiser Wind, und die Focklee-,
so wie die Vormarsleesegel rechterseits bekamen Pausbacken. Indeß
stand die Kandia immer noch nahe, und Abends zeigte sich der
weitherumschauende Idaberg in seiner ganzen Pracht.
+Sonntags den 4. Weinmonat.+
Ein wenig Wind. Das schönste Wetter, so warm und so heiter, als in
unsern Heumonaten. Der Gedanke erfüllte mich sehr oft mit Freude, daß
ich die sommerlichste Witterung genieße, während es zu gleicher Zeit
bei uns kalte Morgen und Abende, unfreundlichen Regen und Nebel gebe.
Das Land war entschwunden aus dem Gesichtskreise.
+Den 5.+
Schöne Witterung; wenig Wind. Abends spannte mich die lange Weile so
recht auf die Folterbank; doch unberechnete Umstände können sie oft
schnell verscheuchen. So flog eine Schwalbe daher, müde, schläfrig
und so kirre, daß ich sie schmeichelnd streicheln konnte, zu meiner
innigsten Freude. Endlich fing ich sie ohne Mühe mit der Hand. Die
Philosophie wappnete und wehrte sich vergebens gegen die Langeweile,
und ein kleiner Vogel machte allen Kampf der erstern zu Schanden.
+Den 6.+
Zum ersten Male waren wir überall vom Nebel eingeschlossen, doch nur
auf sehr kurze Dauer. Was hat ein Haus auf dem Lande zu rühmen, wenn
Nebel es umgibt? Man sieht Haus und -- Nebel; hier sehe ich Schiff und
Nebel, und doch noch zur Unterhaltung das frohe Spiel des Windes an den
Segeln -- -- --.
Endlich fing Mittags an ein frischer Nordwest zu blasen, der unser
Schiff beflügelte.
Seit zwei Tagen steuerte ein Schiff hinter uns. Wir waren 200 Seemeilen
von Alexandrien entfernt, als es die Flagge aufsteckte, zum Zeichen,
daß es der Hülfe bedürfe. Das Nothzeichen besteht darin, daß die
große Flagge gehißt und in die Quere zusammengezogen wird. Wir
segelten dem Schiffe, das wir früher für ein griechisches hielten,
sogleich entgegen und bald bekamen wir es in die Schußweite. Welch ein
Anblick für mich. Die Flagge ganz roth; am Borde Barbaresken, welche
nach Mekka zu wallfahrten vorhatten. Der Kapitän, ein Alexandriner,
mit seinem schwarzen Gesichte, dem Turban und den Pluderhosen war
ein gar rühriges, lebhaftes Wesen. Ein Matrose mit einem türkischen
Bunde bestieg behende die Strickleiter. Unser Schiffshauptmann
entsandte jenem auf italienisch den Gruß: Guten Abend. Er wurde von
dem alexandrinischen Kapitän in der gleichen Sprache erwiedert. Was
verlangen Sie? fragte unser Hauptmann. Er versetzte, daß er Mangel
an Wasser bekommen werde, und wenn solches unter den Pilgern ruchbar
würde, eine Empörung im Schiffe zu besorgen stände. Unser Hauptmann
fragte ihn weiter, ob er keine Krankheit am Borde hätte? Nein,
antwortete er, es ist Alles sauber. +Budinich+ versprach ihm Wasser,
doch wolle er Windstille abwarten, weil sonst die Fahrt zu viel
einbüßen müßte. Um zu beurtheilen, mit wie viel nautischen Kenntnissen
der arabische Seemann ausgerüstet ist, genügt einzig noch zu wissen,
daß der Reis (Kapitän) die Frage stellte, wie weit es bis Alexandrien
wäre? Als er dann die Entfernung erfuhr, erschien er hoch erfreut, und
fügte hinzu, daß wir morgen in Alexandrien einträfen. Der Auftritt
ergötzte mich ungemein. Ich besah mit bewaffnetem Auge die hingehockten
Hadschi (Pilger) in die Runde. Unser Kapitän hatte keinen Gedanken
an einen Streifer (Korsar). Ich wußte es nicht, und vertraute dem
Hauptmann und -- unsern Kanonen.
+Den 7.+
Vor gutem Winde. Obschon unsere Brigg nicht der beßte Segler war, blieb
das egyptische Fahrzeug dennoch zurück, so daß wir es ganz aus den
Augen verloren. Unter solchen Umständen wäre es überaus schmerzlich
gewesen, einige Segel einzuziehen, bis der Araber uns eingeholt haben
würde. Was werden aber die ohne Hilfe zurückgebliebenen Mohammetaner
von der christlichen Liebe denken? Als es gestern hieß, daß ein Schiff
auf der weiten, hohen See Hilfe begehre, so entzückte mich der Gedanke,
daß man selbst auf diesem treulosen Elemente nicht ganz verlassen sei,
und ich sagte zum Hauptmann, es sei Christenpflicht, Andern in der Noth
zu helfen. Nein, entgegnete er, es sei moralische Pflicht. Noch besser.
Denn wenn es bloß Christenpflicht wäre, dem Nebenmenschen beizustehen,
was wollten die Mohammetaner, nothleidenden Christen gegenüber, thun,
jene Andersgläubigen, welche die +christliche+ Pflicht als solche
nicht kennen? Es muß also eine allgemeinere, als bloße Christenpflicht
geben. Es ist Menschenpflicht, Andern in der bedrängten Lage hilfreiche
Hand zu reichen.
Nun ein weiteres Wort über meinen Hauptmann und den Gefährten
+Cesare+. Jenem macht die Gutmüthigkeit Ehre, die Launenhaftigkeit
Mühe, das jugendliche Alter Belehrung fühlbar. Der Pharmazist, eine
lange, hagere Gestalt mit glänzend schwarzen Haaren, mit einer
schmalen, kurzen Stirne, einer vollen Baßstimme, ist ein seltenes
Muster von einem rechthaberischen, anmaßenden Menschen[1]. Selbst
über arzneiwissenschaftliche Dinge mußte ich ihm Recht lassen, nur um
unangenehme Auftritte zu vermeiden. Qualvoller kann man sich die Lage
eines Arztes kaum denken, als die meinige war. Wo nur etwas Weniges
haperte, war +Cesare+ mit Arzneien, z. B. mit einem Abführmittel,
bereit. Er zeigte sich unerschöpflich, dem Hauptmann Rezepte zu
diktiren. Ich schwieg, weil ich zu gut einsah, daß die Quacksalberei
ihr Hauptlager hier aufgeschlagen hatte. Von solchen Querköpfen als
Arzt anerkannt zu werden, konnte mich nicht begierig machen. Betrübend
und ergötzlich war es zu gleicher Zeit für mich, wahrzunehmen, daß die
Quacksalberei im Ganzen wenig Segen hatte. Der Kapitän befand sich erst
besser, als er auf das Einnehmen der Arzneien Verzicht that. Ich suchte
ihm begreiflich zu machen, daß man der Natur mehr vertrauen müsse, und
daß, bei fortwährendem Verschlucken von Arzneistoffen, bisweilen der
Körper in einem Grade von Abhängigkeit sich daran gewöhne, wofern jene
ihn nicht ganz zerrütten. +Cesare+ selbst litt nicht am wenigsten,
vielleicht nicht am unverdientesten. Um durch ein Beispiel anschaulich
zu machen, was für seichte Gespräche mitunter geführt wurden, so
zankten sich die Helden lange, indem +Cesare+ behauptete, daß Egypten,
so zu sagen, in Europa liege. Er las in dem ~Universo pittoresco~,
einem, aus dem Französischen ins Italienische übersetzten Werke, daß
Egypten, zwischen Asien und Afrika, von den Geographen bald zu jenem,
bald zu diesem Welttheile gezählt werde. Er faßte die Stelle unrichtig
auf, und behauptete, daß es heiße, Egypten gehöre weder +Asien+, noch
+Afrika+ an. Nun schloß er, es müsse Europa zufallen. +Cesare+ wandert
nach Egypten, um sich Schätze zu sammeln. In wie weit ihn edle Gründe
leiten, konnte ich nicht erschauen; so viel wurde mir klar, daß er ein
überspannter Glücksritter war. Als er in der gleichen Schrift las,
daß, nach +Pariset+, der Verbreitung der Pest durch Verbrennung der
Leichen, wie vor Alters, ein Ziel gesetzt werden könne, gerieth er in
gänzliche Wallung, und äußerte sich, daß man dieses Mittel ausführen
sollte, ja ausführen müsse, weil er an die Untrüglichkeit schon
glaubte. Je mehr dem Menschen an gründlichem Wissen gebricht, desto
mehr läuft er Gefahr, eine Beute der Leichtgläubigkeit zu werden.
Seit einigen Nächten fühlte ich eine Plage, die ich früher nie kannte.
Ich mag die neue Auflage lebendiger Pfennige nicht nennen.
+Den 8. Weinmonat.+
+Diesen Morgen entdeckte der Hauptmann auf dem Mastkorbe Alexandrien.+
Ich fühlte keine besondere Freude bei der Mittheilung dieser Nachricht,
einestheils, weil die Witterung in der letzten Zeit, seit mehr
denn drei Wochen, die schönste war, die je mein Leben erheiterte,
anderntheils, weil ich die Zeit recht leicht mit Lesen, Schreiben, z.
B. mit Uebersetzen aus dem Italienischen, mit der Tagebuchhaltung,
früher auch mit Spiel, hinbringen konnte, so daß mich nur wenige
Stunden eigentliche Langeweile folterte, -- dann auch, weil das Landen
an einem Orte mit zwei Pestilenzen einige unangenehme Gefühle erregte,
so sehr das Interesse der Wissenschaft die Resignazion vorbereiten
mochte.
Daß ich ruhrkrank wurde, habe ich oben erwähnt. Es entging mir nicht,
daß die Ruhr einen ernsthaftern Karakter hätte annehmen können.
Ich hege die Ueberzeugung, daß ich die schnelle Wiederherstellung
vorzüglich einer ganz geregelten Lebensart, namentlich dem Aufenthalte
im Bette, verdanke. Bei den Worten, daß ich leide, rief +Cesare+
aus: ~Corpo di Dio~, er macht mit der ganzen Krankheit die Reise.
Ein Matrose setzte kaltblütig hinzu: Er wird bald abreisen. Das war
richtig der Fall, aber in einem andern Sinne. Ich konnte so ganz bequem
zuhören. Ich widerlegte den falschen Propheten damit, daß ich mich
mindestens bald eben so gut befand, als zu Hause.
Die Seekrankheit konnte mir so wenig etwas anhaben, als +Cesare+. Wenn
die See hoch ging, bekamen wir höchstens einen schweren, schwindlichten
Kopf, und die Eßlust verminderte sich, welche bei mir sonst sich sehr
lebhaft ankündigte. Ich verzichtete auf ein einziges Nachtessen.
Die Beschwerden zur See entspringen unstreitig aus den +unordentlichen+
Bewegungen des Schiffes. Der wärmere Wind trägt das Seinige bei,
um dieselben zu vermehren; allein die sogenannte Seekrankheit
hervorzubringen, wird er kaum vermögen. Ich sage mit Fleiß:
+unordentliche+ Bewegungen; denn die gleichmäßigen würden wenig zu
bedeuten haben, und das Schaukeln bald hin und her, der Länge und
Breite nach, bald auf- und abwärts, zumal das +stoßweise+, kommt in
Anklagezustand. Das Schaukeln zur See läßt sich platterdings nicht mit
dem Schaukeln zu Lande auf gleiche Linie stellen. Andere Beschwerden
rühren offenbar vom übeln Geruche faulender Stoffe, z. B. des faulenden
Wassers im Schiffsraume, her, einem Geruche, welcher um so stärker
wird, je unordentlicher das Schiff bewegt wird. Ich hörte selbst den
Hauptmann oft über die ~sentina~ klagen, welche ihm Kopfweh verursachte.
Man rühmt gegen die Seekrankheit Limonade, oder schwarzen Kaffee mit
Zitronensaft, ohne Zucker. So lange die Ursache, das Schaukeln oder
der üble Geruch, dauert, leisten wohl +wenig+ Mittel +viel+. Essen,
wenn man sogar vom Appetite nicht eingeladen wird, schadet nichts, es
nützt eher, wie ich aus Erfahrung weiß. Wenn die Witterung es zuläßt,
begibt man sich am beßten auf das Verdeck, und statt zu liegen oder
zu sitzen, steht man, indem man trachtet, den Bewegungen des Schiffes
auszuweichen, und den Körper in möglichst senkrechter Stellung zu
erhalten. Zudem zügle man die Einbildungskraft. Wer sich in den Kopf
setzt, daß er speien müsse, kann es leicht dahin bringen. Man erwägt zu
wenig, welcher Menge von Uebeln die Selbstherrschaft vorbeugt.
Ich habe von der Seekrankheit der Thiere wenig gelesen. Sie werden
zuversichtlich von derselben nichts Großes sich vorstellen. Daß
den Thieren das Unglück zu Theil ward, keine Vernunft zu besitzen,
genießen sie andererseits das Glück, sich nicht durch Vormalung einer
unglücklichen Zukunft, mittelst der Vernunft, die Tage des Lebens zu
beunruhigen. An unsern Thieren, den Kanarienvögeln, Katzen, Ratten,
Hühnern, nahm man keine Störung durch den Aufenthalt auf dem Schiffe
wahr. Man sieht -- doch, daß wir in guter Gesellschaft lebten. Wir
hatten gebetene und ungebetene Gäste.
Schon seit der Frühe sah ich das Wasser des Meeres rothgelblich,
trüber. Es war mit dem Nilwasser getränkt. Es fing an von Schiffen und
Vögeln belebter zu werden. Erst um neun Uhr ungefähr erblickte ich mit
bewaffnetem Auge Alexandrien, nämlich den Palast des Pascha -- freilich
nur geometrische Linien, ein todtes, vom Meere auftauchendes Viereck im
Sonnenglanze. Wir waren bloß noch zehn Seemeilen von Alexandrien.
Bald näherte sich die Küste, die rechts, ein röthlicher, wenig
erhabener Sandhügel, sich gleichsam ins Meer verlor; Häuser,
deren Umrisse undeutlich waren, erhoben sich immer zahlreicher;
im Hintergrunde aber, wie auf einen Hügel gepflanzt, strebte die
Pompejussäule und, ein wenig links, der Obelisk der +Kleopatra+ empor.
Alles schien eine Insel zu sein, und hatte so wenig Ungefälliges, daß
man hätte glauben mögen, von Lido aus Venedig sich zu nähern.
Es fuhr ein Schiff in solcher Entfernung an uns vorüber, daß wir
es beinahe hätten entern können; seine Flagge trug das Zeichen des
Halbmondes. Alles überraschte mein Auge, ausgenommen das Schiff.
Wir waren schon so weit vorgerückt, daß wir den Lothsen, das ist
der Wegweiser für unser Schiff, erwarteten. Endlich wimmelte ein
schwarzer Punkt, der fortan größer wurde, bis man die Ruderknechte
unterscheiden konnte. Doch wurden sie bisweilen von einer Wellenwand
fast ganz verborgen. Weil die Einfahrt wegen der Bänke gefährlich
ist, so sind Lothsen unerläßlich. Schon hat der Lothse uns eingeholt.
Wir fragten nach dem Gesundheitszustande. Es steht gut, antwortete
er, weder Pest, noch Cholera. Das Gespräch wurde auf italienisch
geführt. Der Araber, ein großer Mann von tiefbrauner Gesichtsfarbe,
mit großer Bognase, schwarzem Barte, und von etwas stolzer Haltung,
sprach fertig +fränkisch+, wie man das Gemisch von Italienischem und
wenig Morgenländischem in der Levante nennt. Er saß auf dem spitzigen
Hintertheile seiner Barke, so daß die Füße von den aufliegenden
Oberschenkeln bedeckt waren. Mit einer Hand lenkte er das kleine
Steuer wie im Zauber. Nachdem sein Kahn an das Schlepptau unserer Brigg
genommen war, erhielt er das Kommando, und unser Kapitän durfte es nur
wiederholen[2].
Bald flog ein anderer Kahn mit zwei lateinischen Segeln daher. Er war
mit vielen Männern besetzt. Eine dicke Figur mit einem Schulzenbauche,
einem langen Schnurrbarte und einer rothen Mütze, von deren Mitte
eine große Troddel herunterschwabbelte, fiel mir am meisten auf, kaum
aber die bedenkliche Hintansetzung der Etikette, daß er einen Fuß auf
der Bank, den andern unten hatte. Beim Anlegen schlugen die Wellen
hoch auf, und er runzelte, nicht gegen diese, sondern gegen die heiße
Sonne die Stirne. Es war ein Polizeikommissär. Neben ihm stand ein
junger Dolmetsche, der nach dem Namen des Kapitäns und des Schiffes,
nach der Zahl der Passagiere, nach dem Orte der Abfahrt, der Dauer
der Reise und nach der Befrachtung fragte. Er zog eine Bleifeder und
ein vielfach in das Viereck zusammengelegtes Papier heraus, welches
er auf den Handteller nahm, darauf etwas zu schreiben. Weil wir der
Angabe des Lothsen über den Gesundheitszustand wenig Glauben beimaßen,
so wurde die gleiche Frage wiederholt, und eben so befriedigend
beantwortet. Schon stieß der lateinische Segler von hinnen. Wie eine
eben sich öffnende Blüthenknospe erschloß sich die Freude sichtbar
auf den Antlitzen unserer Leute. +Cesare+, welcher seit wenigen Tagen
gegen mich den Stummen machte, bekam die Sprache auf einmal wieder.
Nimmersatt am Sehen, so sehr reizte Alles meine Aufmerksamkeit,
vergaß ich das Geschehene, und wir fanden den Faden der Mittheilung,
-- -- durch die merkwürdigen Araber angeknüpft. Freude und Leid sind
oft Bindemittel, indem vor ihrer mächtigen Erschütterung kleinere
Erscheinungen auf dem Gebiete des Gemüths leichter und standloser als
Flaum entfliehen.
Bald fuhr in einer andern Barke ein mit einem Hute bedeckter,
wohlgekleideter Mann einher. Aehnliche Fragen wie früher. Noch ein
Kahn mit einem hübschen Manne, der einen Hut trug, stieß gegen unser
Fahrzeug. Dieser Herr erkundigte sich über den Gesundheitszustand.
So weit bekümmern sich die Mohammetaner, oder doch Andere in ihrem
Namen. Die Antwort lautete freilich sehr wohl. Unser Kapitän
übergab sofort eine Ausweisschrift, welche nicht ohne Beobachtung
der Gesundheitsvorschriften angenommen wurde. Der Steuermann des
Gesundheitsbeamten hob nämlich auf einmal eine große, weißblechene,
viereckige, offene Büchse empor, und in diese ließ unser Kapitän seine
Schrift fallen. Der Gesundheitsbeamtete selbst ergriff mit einer Hand
ein Stückchen Holz, mit der andern ein vorne abgerundetes Messer,
das einen hölzernen Griff hatte, er wendete dann die zusammengelegte
Schrift mit diesen Werkzeugen um, bis sie entfaltet vorlag. Nach Lesung
der Schrift wurde die Strickleiter erstiegen, und auf der Stelle
eröffnete sich freier Verkehr an unserm Borde. Es war, wie wenn man
aus dem Regen in die Sonne tritt, wie wenn den eingesperrten Bienen im
Korbe Luft gemacht wird. Ein Araber, der an einer Traubengeschwulst des
Auges litt, erinnerte mich bei Zeiten an die egyptische Augenplage.
Aber schon sind wir im Hafen, und noch hoch am Tage, sinkt der Anker.
Rechts von den Ruinen bewegen sich in langsamen Kreisen zierliche
Windmühlen, dreißig bis vierzig an der Zahl; links preiset der
stattliche Palast des Statthalters europäischen Geschmack; die Mitte
der Schaubühne schließt ein Gesäe unansehnlicher Häuser hinter einem
Walde von Masten. Man mußte von dem Gedanken durchdrungen werden, daß
man in einem andern Welttheile athme, und sah man bloß ins Meer, so
fragte man sich neugierig über das trübe, in der Sonne rothgelblich
schillernde Wasser, worüber ein Schwarm Vögel flatterte.
Ich schickte mich an, ans Land zu gehen. Neben mir Kriegsschiffe,
über deren Größe ich erstaunte; vorwärts wieder Halbmonde auf den
Flaggen; dort eine Barke mit trommelnden Soldaten; hier guckt eine
Europäerin aus der Kajüte heraus, und fragt nach Neuigkeiten; dort ein
Morgenländer mit der Pfeife im Munde, hinter einer behaglich auf dem
Schiffsrande hockenden, den Schweif um die Beine niedlich windenden
Katze, und hinter dem Netze von Tauen; ein englisches Dampfboot; ein
hellenisches Schiff, dessen Name mit großen griechischen Buchstaben
geschrieben war; kurz, eine Menge Fahrzeuge, rechts und links, vorwärts
und rückwärts, ein bewohntes Meer. Ich höre Musik, vom Lande her Lärm,
als wäre ich einer Kirmes nahe. Hurtig stieg ich auf den breternen
Steg, und wenig Schritte, ich war zu Land, auf Sand, in Afrika, in
Egypten, in +Alexandrien+. Unbeschreibliche Freude erfüllte mein
Gemüth. In ~Deo gratias~ ergoß sich beinahe unwillkürlich das Herz,
-- meine ersten Worte in Afrika. Die mir nächste Person auf dem Lande
war linker Hand ein halb entblößter Mensch von ungefähr dreißig Jahren
und schwarzbrauner Farbe. Er lag abwechselnd auf den Knien und warf
sich auf den Staub nieder, faltete manchmal die Hände, verdrehte oft
die Züge des Gesichtes. Das ist ein Verrückter, dachte ich, und wenn
er es nicht ist, so verwendet er doch seine gesunde Vernunft zur
Verrücktheit. Was soll ich sagen? Er verrichtete, nach dem Gesetze
Mohammets, das dritte Gebet zwischen Sonnenhöhe und Sonnenuntergang
(el-Asser); aber ich sehe ein, daß ich mit meinem verwerfenden Urtheile
zurückhalten muß. Die religiöse Mimik will tiefer gewürdiget sein.
Hat denn, frage ich, das Zusammenstrecken der zehn Finger bei den
Protestanten mehr Bedeutung, als die Niederwerfung vor Gott bei den
Morgenländern, oder das Niedersinken auf die Knie bei den römischen
Katholiken?
Der alte Hafen ist jetzt den Europäern direkte geöffnet, und, außer
den wiederholten Anfragen, deren gedacht ward, gibt es keinerlei
Umstände, um in denselben zu gelangen. Wie vieles hat sich nun seit
fünfzig Jahren umgestaltet. Das Traurigste aber ist, daß das türkische
Regierungssystem auf keine sichere Grundlage sich stützt, da beinahe
mit jeder neuen Besetzung eines Paschaliks (Statthalterschaft)
eine neue, bald vor-, bald rückwärts schreitende Ordnung der Dinge
eingeführt wird.
Ich miethete in der Stadt ein Zimmer, und begab mich wieder an Bord,
an welchem ich die letzte Nacht hinbringen soll.
Ich konnte vor Freude über den jetzigen Aufenthalt den Schlaf kaum
finden. Indessen bemerkte ich, daß es etwas kühler wurde, mein Kopf
unbedeckt war, und die Frische, die ich an jenem fühlte, meinen Schlaf
verhindere. Ich zog das Oberleintuch herauf und machte eine Kaputze. In
wenig Minuten war ich eingenickt. Lärm weckte mich.
+Den 9.+
Schon in aller Frühe. Ich hörte zwar nicht mehr das Geklingel im
Hintertheile des Schiffes und die antwortenden Glockenschläge über
der Kajüte der Matrosen, zum Zeichen, wie lange das Geschäft des
Ruderbesteurers dauere; ich hörte nicht mehr: ~Rende la guardia al
timone, a che tocca la (terza)~; in dem Kastenbette hörte ich nicht
mehr den Wellenschlag neben mir an der Wandung, oder das Kollern, oder
bei günstiger Fahrt das Gezische, ähnlich demjenigen beim Pumpen des
dicker gewordenen Rahms: aber das taktmäßige, weinerliche Rufen und
Singen ganz eigener Art erklang noch, der Losungsruf der Matrosen, daß
sie vereint und gleichzeitig große Kraft anwenden, z. B. um eine Last
zu heben, aber das monotone, grelle Pfeifen der egyptischen Seetruppen
tönte jetzt herüber. Wie ich den Matrosenruf zum ersten Male vernahm,
machte er einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich, welchen
nur nach und nach die Gewohnheit mildern konnte. Unser ~ragazzo~
(Schiffsjunge), beinahe immer auf dem Meere, ohne viel Anderes singen
zu hören, trillerte das Geleier der Matrosen zu seiner Ergötzung daher.
Endlich hieß es: eingepackt, und ich setzte Fuß ans Land, um mit meinem
Gepäcke das Zimmer zu beziehen.
Ohne Tagesordnung bringe ich verschiedene Denkwürdigkeiten von
Alexandrien.
=Alexandrien.=
Lage.
Die Stadt +Alexanders+ (Skanderun) liegt auf einer Landzunge, die in
der Richtung gegen Nordwest ins Meer sich verliert. Die Spitze verläuft
in einen Lappen, der sich südwestlich umbiegt, und in einen Faden,
der sich in entgegengesetzter Richtung bis zu einer kleinen Festung
ausdehnt. Hier, an der Stelle dieses Vertheidigungswerkes, soll einst
der Pharus gestanden haben. Der westliche Zungenrand begränzt den
+alten+ Hafen und der östliche den +neuen+, welcher letztere indeß
wegen seiner Untiefe, durch die gränzenlose Nachlässigkeit der jetzigen
Beherrscher Egyptens, sehr wenig belebt ist, immerhin aber sich sehr
hübsch herausstellt. Auf der Wurzel der Zunge hatte sich das alte
Alexandrien ausgebreitet, und dieselbe ist jetzt nur wenig angebaut.
Dagegen strotzt es gleichsam von Ruinen, sobald man den Schutt weghebt.
Die schönsten Marmorsäulen sind von diesem bedeckt, und eben grub man
eine hervor. Unlängst zog man auch ziemlich viel Goldmünzen heraus.
Man kann heutzutage nicht mehr behaupten, daß die Stadt landwärts von
einer Wüste umgeben sei. Gegen Mittag schließen sich schöne Gärten an,
woraus die Dattelpalme den neu angekommenen Europäer dem Afrikaner
willkommen heißt. Der am nördlichen Ufer des Mareotis angelegte Garten
des +Ibrahim-Pascha+ verdient vor andern Lob. In der Nähe desselben
übernimmt ein Strich angebauten Landes die versöhnende Rolle zwischen
dem üppigen Garten und dem kahlen Sandmeere der Sahara. Der Mareotissee
selbst, mit seinen wenig aufragenden, wüsten, gelbsandigen Ufern, sieht
eher einem Sumpfe gleich, und gewährt daher keinen angenehmen Anblick.
Gebäude.
Die Moscheen sind meistens häßlich; die Minarets oder Thürme steigen
nicht hoch empor. Beide weiß, überkalkt, ohne Schmuck, ohne ein Bild,
mit dem Gepräge des Zerfalles. Antike Säulen tragen hie und da den
Söller (Decke) des Tempels oder den Thurm. Der Zerstörungswuth, die vor
Zeiten den Ton angegeben hatte, entgingen doch zum Theile die Säulen,
und als brauchbare Baustoffe trifft man sie auch an andern Gebäuden.
Indeß liegen Säulenstücke noch müßig herum. Eine einzige Moschee
erspähete ich, die man schön nennen darf.
Der Sommerpalast des Vizekönigs liegt auf dem bezeichneten Zungenlappen
(Ras-el-tin), vortheilhaft für das Auge. Auf der Morgenseite trat ich
durch ein bewachtes Thor der Umfangsmauer, und ich gelangte auf einen
schönen, geräumigen Platz. Mit gespanntem Gemüthe richtete ich meinen
Blick umher, rechts auf das einstöckige, statt der Glasfenster -- mit
hölzernem Gitterwerke versehene Harem, links auf den Palast des Pascha,
der, ebenfalls nur ein Geschoß hoch, in einen Giebel sich aufdachet.
Das Wohn- oder Audienzzimmer des Vizekönigs schaut gegen den Hof oder
gegen Mitternacht. Diese Lage erklärt sich leicht, da unter einem so
heißen Himmel die Sonne geflohen und der Schatten gesucht wird. Den
Eingang in den Palast bildet eine Halle, welche schöner, weißer Marmor
auskleidet. Hier immerwährender Schatten, angenehme Kühlung. Da sieht
man Höflinge in ihren orientalischen Prachtgewändern ein- und ausgehen,
um nicht zu sagen, ein- und ausschlendern. Die Hoflakaien warten ihrer
Herren. Stolze Hengste stehen an einer Reihe gesattelt in Bereitschaft.
Das Roß des Pascha, mit nicht sehr ausgezeichnetem Schmucke, wird vom
Sattel nie befreit, auf daß es immer gerüstet sei, seinen Herrn von
hinnen zu tragen.
Ich sah eben eine Truppe Araber in ihren mitunter schmutzigen Mänteln
einherschreiten, denen man zwar Fassung genug, aber doch so viel ansah,
daß sie sich zu einer Vorstellung vorbereiteten, indem sie die Mäntel
etwas zurecht legten und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Truppe zog
festen und weidlichen Schrittes die breite Marmorstiege hinauf. Als sie
vor dem Pascha erschien, erblickte ich diesen vom Hofe aus; denn das
Fenster war offen. +Mehemet-Ali+ imponirte durch seine Haltung, trug
eine rothe Mütze, einen auf die Brust herabwallenden, dichten, grauen
Bart, und hatte das schöne Aussehen eines muntern Greises. Ich schaute
neugierig hinauf, und keine Seele hinderte mich daran. Man sagte mir
später, daß ich hätte hinaufgehen und an der Thüre des Audienzzimmers
zusehen dürfen. Solche Dinge geschehen im Morgenlande weniger geheim,
als in Europa. Freilich darf man nicht unberücksichtiget lassen, daß
die physische Kälte die Europäer so oft zum Schließen der Fenster und
Thüren nöthiget. Die Leibwache des Pascha ist mit blauem Tuche, einer
rothen Mütze und mit gelben, plumpen Schuhen bekleidet. Ein Wachposten
kam aus dem Palaste, die Füße ungleich bewegend, die Schuhe gleichsam
nachschleppend, lachend, beinahe spielend. Bei aller Leichtigkeit des
Karakters fällt es dem französischen Militär doch nie ein, am Posten
oder unterwegs von einem Posten zum andern Spaß zu treiben. Selbst
unsere Knaben von acht bis vierzehn Jahren benehmen sich ernster, wenn
sie sich in den Waffen üben.
Die Häuser sind von dreierlei Art: europäische, türkisch-egyptische und
die Hütten.
+Die europäischen Häuser+ liegen im Frankenviertel. Ein Theil derselben
hat flache Dächer oder Söller. +Ibrahim-Pascha+ ließ ansehnliche
aufbauen -- um einen sehr geräumigen Platz. +Ibrahim+ (Abraham) thut
wirklich zur Verschönerung und Belebung der Stadt sehr viel, wobei er
durch Beziehung schwerer Hauszinse seine Rechnung recht gut findet.
Die Konsulatsgebäude stehen nahe beisammen. Hoch über ihren Dächern
flattern die Flaggen, welche dem Abendländer einen sehr wohlthuenden
Anblick gewähren, und ihm gleichsam Schutz und Sicherheit zulispeln.
Wenn ein Schutzempfohlener stirbt, so wird eine besondere Flagge, doch
minder hoch gehißt. Den Söller der hohen fränkischen Häuser heißt man
+Terrasse+, auf der man sich angenehm aufhält. Von derselben erhebt
sich ein offenes Thürmchen, +Belvedere+ genannt, und mit Recht, da man
darauf eine schöne Aussicht genießt. Man kann auf einem Thürmchen die
ganze Stadt und die Häfen übersehen. Die Flachheit der Dächer beklagen
manche Europäer. Während der Regenzeit dringt durch das Deck Wasser,
welches das Wohnen nicht weniger unangenehm, als ungesund macht.
Man will behaupten, daß der Regen, welcher im Winter tageweise und
in starken Güssen anhalte, in Alexandrien von Jahr zu Jahr häufiger
falle, und man schreibt dieß den im Weichbilde angepflanzten Bäumen
zu. In der That ist der Regen in Mexiko seltener geworden, seit der
in seiner Nähe belegene Wald ausgehauen ist. Die Franken scheinen
sich zu überzeugen, daß geneigte Dächer zum Bedürfnisse gehören, und
während meiner Anwesenheit zog man einen Kanal durch die Frankengasse,
um das Regenwasser abzuführen. Weil ohnehin in der Stadt keine Gasse
gepflastert ist, so wird der Schmutz, bei starkem Regen, tief und
lästig. Ich vermuthe aber, daß man von rascher Abänderung des Klima und
vom jährlich zuwachsenden Regen ein wenig träume, wie denn auch die
Vorstellung von der sengenden Gluth der egyptischen Sonne bei Manchen
übertrieben sein mag. Ich könnte den Doktor +Prosper Alpinus+[3], der
vor zwei Jahrhunderten Egypten bereiset hat, zum Zeugen anrufen.
Er bemerkt, daß in einem Theile dieses Landes, wie in Kairo, der
Regen eine seltene Erscheinung sei, wogegen es an der Meeresküste,
in Alexandrien und Damiat, oft und sehr stark regne. Wenn auch, vor
+Christo+, +Pomponius Mela+ das wahrscheinlich viel baumreichere
Egypten ein regenloses Land („~terra expers imbrium~“) nennt, so darf
man wohl immerhin nicht glauben, daß dieß zur Zeit des Autors durchhin
wahr sein mochte, sondern vielmehr, daß er die Regenlosigkeit auf
einzelne Gegenden bezogen, und diese für das Ganze genommen hat.
Mischten die Egypzier sich nicht in das Schauspiel, wenn man in das am
neuen Hafen liegende Frankenquartier kommt, man würde gerne läugnen,
daß man den Boden Afrikas unter den Füßen hätte, so sehr ist Alles
über den europäischen Leisten geschlagen. Laden an Laden, Kaffeehäuser
und zwei Wirthshäuser sorgen für die Bequemlichkeiten der Europäer.
Alexandrien ist halb europäisch, halb afrikanisch, und darum erscheint
es dem europäischen Ankömmlinge eben so freundlich, als merkwürdig.
+Die türkischen Häuser+, in der Regel ziemlich niedrig, haben gegen
die Gasse einen großen Vorsprung oder Erker, worin man zu faulenzen
pflegt; die Fenster werden meist von einem niedlich gearbeiteten
engen Holzgitter versehen. Solches kann unter einem milden Himmel
gut angehen; allein es dürften nur Kälte und Regen stärker werden, so
würden die empfindsamen Bewohner unfehlbar leiden. Manchen Häusern
verleiht der Kalk ein schneeichtes Weiß.
+Die Hütten+ zeugen von Einfachheit und Elend. Von der Form eines
unordentlich kantigen Würfels, enthält die Hütte bloß ein Gemach, und
in dieses führt eine einzige Oeffnung zur Aufnahme der Thüre, welche
mit einem hölzernen Schlosse gesperrt werden kann. Wenn man nicht
mehr als das Hausgeräthe auf arabisch nennen müßte, so würde man im
Nu arabisch verstehen. Der Boden dient als Sessel, als Tisch, als
Bettstelle u. dgl., und ist somit ein wahres Wunderding. Mann und Weib,
Kinder, Freunde und Verwandte legen sich neben einander, und füllen,
wenigstens auf dem Boden, den Raum der Hütte. Die Kleider, womit Manche
sich des Tages bedecken, sind im guten Falle die einzige Bettung für
die Nacht, und die Leute entkleiden sich in der Regel nur dann, wenn
sie der allzu dienstfertigen Kreaturen auf die anständigste Weise
los werden wollen. Es soll die Armuth eines Theiles der Alexandriner
so groß sein, daß nicht beide, welche eine Hütte bewohnen, ausgehen
können, weil sie nur +ein+ Kleid besitzen. Darum warte der eine
Elende nackt in der Hütte, bis der andere in dem gemeinschaftlichen
Kleide zurücktreffe. Die Hütten sind von Erde aufgeführt und von
Farbe schwarzgrau. Sie vermögen lange andauernden Regen nicht zu
bestehen. Es ist nicht lange her, daß in einer kalten Regennacht viele
Hütten einstürzten; eine Menge obdachloser Bewohner erkrankte und
starb. Erst jetzt mochten die Leute den Segen ihres Himmels dankbarer
erkennen. Wie viel Schweißtropfen rinnen über die Stirne herunter,
bis der Europäer sein Heizungsholz, seine Strümpfe, Schuhe, seine
Winterkleider zusammengebracht, bis er seine Wohnung mit allem Nöthigen
ausgerüstet hat. Ein Theil der Hütten gefällt sich in der Nähe des
vizeköniglichen Palastes. Dort bietet sich die beste Gelegenheit dar,
über den schroffsten Gegensatz von „Herr und Unterthan“ Betrachtungen
anzustellen. Eine andere Abtheilung von Hütten besetzt den Süden
der Stadt, neben den vielen schönen Zisternen des Alterthums, und
verspottet die Ruinen, jene Mauern, welche Jahrtausenden widerstanden,
und noch die baufälligen Hütten unserer Tage tragen müssen.
Das sind die polsterarmen Hütten, und werden so viele Alexandriner
darin geboren, und wo anders strecken sich diese auf das Sterbelager?
Und doch werden die polsterreichen Europäer mit nicht minder Schmerzen
geboren, und doch müssen sie auch sterben, todt werden müssen sie
trotz ihrer Eiderdunen.
Krankenhäuser.
Das europäische, das am Mahmudiehkanal, das auf dem Ras-el-tin und
die Observationshütten.
Das +europäische Krankenhaus+ ist für die Europäer bestimmt, wie
schon der Name bezeichnet. Es liegt, von kleinen Araber-Hütten auf
der einen Seite umgeben, unweit des Frankenquartiers. Das Gebäude,
nach europäischem Geschmack, nimmt sich für das Auge recht gut aus[4].
So weit mir ein Blick in das Krankenhaus, das wenigstens eine gute
Verwaltung ankündigt, vergönnt war, schöpfte ich die Ueberzeugung,
daß der Europäer in seinen kranken Tagen hier gut verpflegt wird, und
in dieser Beziehung Europa ihn nicht mit schmerzlichen Erinnerungen
quält. Diejenigen, welche mehr (täglich einen levantischen Thaler)
bezahlen, bekommen ein eigenes Zimmer, damit ihren Wünschen noch
besser entsprochen werden könne. Was vielleicht am hemmendsten auf die
Unternehmung einer Reise ins Morgenland wirkt, ist die Vorstellung
von der Verlassenheit und den Scheusalen in den kranken Tagen; die
Bemerkungen über die Krankenanstalt aber können kaum verfehlen, diese
irrige Vorstellung zu verdrängen.
Das +Mahmudiehkrankenhaus+ steht nahe am Mahmudiehkanale, den großen
Baumwollenmagazinen gegenüber. Ehe man zum Gebäude kommt, geht man
durch ein Gitterthor, womit eine Art Verschlag oder ein Pfahlzaun
geschlossen wird. Der Eintritt durch diesen ist Jedermann gestattet.
Von der Gitterthüre bis zum Krankenhause beträgt die Entfernung nur
wenige Schritte. Den Zwischenraum kleiden, dem Auge sehr wohlthuend,
Garten- und Wildgewächse. Am Thore des Krankenhauses selbst stieß ich
auf Schwierigkeiten. Der Soldat, welcher Wache hielt, wies mich zurück,
doch nicht unsanft. Ich wurde eben einen Mann gewahr der schrieb,
und der mir ein Arzt zu sein schien. Ich redete ihn in französischer
Sprache an. Es war ein französischer Arzt, mit Namen +Etienne+, der mir
sogleich die Gefälligkeit erzeigte, mich im Krankenhause herumzuführen.
Von allen Krankheiten interessirte mich am meisten die egyptische
Augenentzündung. Die daran Leidenden füllen mehrere Säle. Sie ist
beinahe ein größeres Uebel zu nennen, als Pest und Cholera. Denn
entweder genesen die an diesen beiden Krankheiten Leidenden, wie
meistens, ganz, oder sie sterben -- ganz. Der letztere Fall kann für
die +Betreffenden+ im Grunde nicht unglücklich sein. Welch ein Uebel
dagegen ist es, völlig blind zu werden. Von zehn Arabern wird man
einen entweder Halb- oder Ganzblinden finden. Ich sah weniger blinde
Weiber, als blinde Männer, und die Krankheit scheint den Erwachsenen
feindlicher als den Unerwachsenen.
Aus den Krankenzimmern trug ich die Ueberzeugung, daß die Leidenden,
wo nicht auf eine glänzende, doch auf eine befriedigende Weise
behandelt werden. Meine Erwartung ward übertroffen. Mag ein Anderer
das Krankenhaus eine Nachäfferei der europäischen heißen, es wird in
demselben so zu sagen Alles geleistet, was sich unter den obwaltenden
Umständen thun läßt. Davon, wie Diät und Regimen gehalten wird, kann
ich übrigens nichts mittheilen, wenn nicht das Wenige, daß in der
Küche Reinlichkeit und guter Geruch mich bewillkommten. Das Haus
ward von etlichen neunzig Kranken bewohnt. Beiläufig erwähne ich,
daß diejenigen, welche außer dem Bette sich aufhielten, Achtung für
+Etienne+ erwiesen, indem sie militärisch sich stellten. Ich konnte
nicht umhin meine Glossen zu machen, wenn der Eingeborene gegen den
Fremden sich so unterwürfig geberdete.
Geht man zu dem Palaste des Vizekönigs, so sieht man rechts, in
der Nähe des Residenzschlosses, ein dem Umfange nach großes, aber
niedriges, einstöckiges Gebäude, das von Pallisaden umzingelt ist:
wie das letzte, ein Militärspital. Es ist das +Krankenhaus auf
dem Ras-el-tin+ (Feigenkap) oder das Tasikispital. Früherhin eine
Kaserne, bildet es mehrere Höfe, und ich konnte keine regelmäßige
Bauart wahrnehmen. In der Bade- und Dampfbadeanstalt, deren
Pracht mich überraschte, begegnet das Auge allenthalben weißem,
geschliffenem Marmor bis an die Kuppeln, welche von zahlreichen,
runden, mit Glasscheiben verstopften Oeffnungen zum Einlassen des
Lichtes durchbrochen sind. Auch dieses Krankenhaus erfreut sich einer
Einrichtung, welche den Bedürfnissen abhelfen dürfte.
Das Observazionsspital oder die Observazionshütten.
Ich ritt eines Nachmittags dahin; allein der Arzt war noch nicht
eingetroffen. Ich ging unterdessen zum Mahmudiehkrankenhause, welches,
dem Meere etwas näher, den Observazionshütten gegenüber liegt. ~Dr.~
+Etienne+ ritt eben auf einem Esel daher. Kaum unterhielt ich mich
mit ihm, als ein Kranker plötzlich umfiel. Ich sagte: Es ist ein
Cholerakranker. ~Dr.~ +Etienne+ verneinte, wahrscheinlich weil er
glaubte, er könne mir einen Schrecken ersparen. Seine Geschäfte riefen
ihn hinweg, und ich begab mich zu den Observazionshütten. Hören wir
später das Weitere.
Diese Hütten sind mit einer Pallisadirung umgeben. Man lasse aber den
Pinsel der Einbildung fallen, welcher schöne Gemälde entwirft; zur
Seltenheit ist ein Pfahl genau so dick, und so hoch wie der andere. Die
Pallisadirung fesselt durch ihre Unordentlichkeit schon von weitem das
Auge, und wenn ein Europäer das Militär noch nicht kennte, welches,
mit dem schwarzbraunen Gesichte, zwar einen Säbel und ein Kleingewehr
trägt, aber sonst in Wenigem einem der europäischen Krieger gleich,
oder auch bloß ähnlich sieht, so würde er schlechterdings die Hütten
für Alles eher, als für ein Staatsgebäude erklären. Die Pallisadirung
wird vom Militär bewacht, und dieses läßt Niemand, wenigstens den
Europäer nicht, durchschlüpfen. Ich wartete wenige Minuten am Gatter
der Observationshütten, und es kam der Arzt, Herr +Gallo+, ein Grieche,
auf dem Esel geritten. Ich machte schon in einem geselligen Kreise
seine Bekanntschaft, und so durft’ ich auf seine wohlwollende Aufnahme
zählen.
So eben trug man einen Kranken daher über die Gatterschwelle.
Plötzlicher Lärm entstand. Die Wärter eilten mit Pestzangen herbei,
seinen Träger zurückzustoßen. Nun wurde der Kranke auf den Boden
gestellt; allein zu schwach, um sich aufrecht halten zu können, sank er
auf die Erde nieder: Der nämliche Kranke, welchen ich an der Pforte des
Mahmudiehkrankenhauses umfallen sah. +Er war wirklich cholerakrank.+
Die Observazionshütten sind nichts, als Hütten, und zwar elende,
fensterlose, schlecht ausgezimmerte, daß zwischen den Bretern,
woraus die Wände bestehen, Licht eintrat, und zu einer andern Zeit
unzweifelhaft Wind und Regen eindringen werden. Die Thüren werden mit
einem Vorlegeschlosse gesperrt. Der Boden ist die nackte Erde, und
+Brutus+ hätte nur den Spitalboden küssen dürfen, um den Götterspruch
von Delphi zu erfüllen. Das Ganze stellt eine Art Dörfchen vor. Die
Hütten sind dazu bestimmt, eines pestartigen Uebels verdächtige Fälle,
Pest- oder Cholerakranke, so wie auch kranke Sträflinge aufzunehmen.
Einen schauderhaften Anblick für mich erregte die Kette, welche von
einem Krankenbette zum andern, von einem Leidenden zum andern in
gesenktem Halbbogen hinüberlangte. Die Bettstellen sind ein hölzerner
Käfich, welchen ich zum ersten Male im Krankenhause auf dem Ras-el-tin
wahrnahm. Wenige lagen nur auf einem Strohteppich, und auf etwas
Wollenzeug, welche die Blöße der Erde zudeckten.
Die erste Hütte, in die ich geführt wurde, war zur Observazion
bestimmt. Nicht Bettstellen darf man hier suchen, noch Sönderung.
Cholerakranke und ein von Wechselfieber Befallener waren neben einander
auf nackter Erde ausgestreckt; einer der erstern kreuzte seine Beine
über den andern. Im Ganzen fanden sich drei neu hereingebrachte Kranke
zur Observazion, wovon einer als nichtcholerisch erklärt wurde.
Ueberdieß sah’ ich noch etwa sechs andere Choleristen.
Ich nahm die Weltcholera in den Hütten zum ersten Male wahr, und ich
werde nun bei dieser Seuche ein wenig mich aufhalten. Man setzt in
denselben voraus, daß die Cholera sich durch einen Ansteckungsstoff
fortpflanze, und es werden gegen sie ungefähr die nämlichen Maßregeln
ausgeführt, wie gegen die morgenländische Pest. Ehe Herr +Gallo+ einem
Kranken den Puls fühlte, ließ er sich die Hände mit Baumöl begießen,
ohne daß jedoch die Schuhsohlen beölt worden wären.
Das Bild der Cholera ist dasselbe wie in Europa. Gänzliche oder
fast gänzliche Abwesenheit des Pulses an der Hand, die Haut kalt,
über den Phalangen schrumpfig, wie bei einer Wäscherin, der Abgang
einer wässerigen, weißlichen Flüssigkeit ~sursum et deorsum~, das
Auge gläsern, wie erstorben, der Blick stier und bedeutungslos, die
Nase dünn und spitzig, die Löcher mit Staub, die Lippen trocken und
bläulich, die Zunge beinahe starr und wird vom stoßweise Lallenden nur
mit Mühe gezeigt, die Backen zu eckigen Vertiefungen eingefallen u. s.
f. Kurz, im höhern Grade der Krankheit hat man einen lebendigen Todten
vor sich. Der Anblick von Cholerakranken ergriff mich nicht besonders;
denn die schwarzbraune Farbe der Araber ist nach europäischen Begriffen
ohnehin widerlich, und sie veränderte sich nicht bedeutend, außer daß
sie schmutziger wurde. Die Kranken schienen mir keineswegs auffallend
zu leiden; sie gaben kein Gestöhne oder irgend einen Schmerzlaut von
sich. Die asphyktisch Cholerischen waren vom tiefen Schlafe trunken.
Diejenigen, welche in den Hütten untergebracht werden, ziehen beinahe
Alle das traurige Loos eines frühzeitigen Todes.
So angenehm das Mahmudieh- und Ras-el-tin-Krankenhaus meine Erwartungen
übertrafen, so sehr ich auch geneigt wäre, ein günstiges Urtheil zu
fällen, so wenig kann ich der Observazionsanstalt Lobsprüche ertheilen.
Es stellt sich in der That zwischen einer solchen und keiner Anstalt
wenig Unterschied heraus. Dagegen lauten die Forderungen, daß gerade
das Pestlazareth auf dem humansten Fuße stehe. Wo ist die Hülfe
dringender, als bei Pest und Cholera? Wo ist es für einen Kranken, mag
er selbst ein gefesselter Sträfling sein, peinlicher, als zwischen
oder doch in der Nähe solcher Kranken, welche der ganze Rüstzeug der
Regierung und die öffentliche Meinung der Franken für ansteckend
ausgibt? Wie leicht werden die Erkältungen in der Regenzeit. Es ist für
den Ruhm nicht genug gesorgt, daß man einen Obersten des Landes reich
besolde, oder einen fremden Marschall mit Ehrenbezeugungen überhäufe,
so lange die Noth armseliger und beladener Unterthanen aus einem
Krankenstalle schreit.
Nach der einmal gefaßten oder vorgefaßten Meinung von dem ansteckenden
Karakter der Cholera sperren sich die meisten Europäer in Alexandrien
gegen diese Seuche, wie gegen die Pest, ab. Ich kann nicht umhin,
das völlig umgekehrte Verfahren der Kontagionisten in Europa, ins
Gedächtniß zurückzurufen, nach welchem die Kranken selbst isolirt
werden. Ein sicheres und das beste, aber das inhumanste, die
Pflichterfüllung und Berufstreue schnurstracks verhöhnende Mittel, sich
vor der Cholera zu schirmen, ist +die zeitige Entfernung vom Orte, wo
die Krankheit herrscht, an einen solchen, welcher davon frei ist+.