Das Carnaubawachs wird von der Carnaubapalme =Copernicia cerifera=

~Mart.~ (_Corypha cerifera_ ~Virey~, _Arrudaria cerifera_ ~Macedo~),

einer sehr nützlichen, zu den Coryphinae-Sabaleae gehörenden, 10-15

m hohen Palme Südamerikas, gewonnen, die besonders in den Staaten

Ceará, Pernambuco, Rio grande do Norte, Piauhi, Parahyba, Maranhao,

Matto grosso und Bahia, sowie in Venezuela wächst und von der sowohl

das Holz, wie die zu Flechtwerk, besonders Hüten, geeigneten Blätter,

deren Fasern (tucum) die Eingeborenen seit Menschengedenken anwenden,

die eßbaren Blütenkolben und Früchte, sowie endlich das Stärkemehl

des Stammes (farinha de carnauba), der Zucker und Palmwein, sowie

die Samen und die an NaCl reiche Asche der Wurzeln benutzt werden

(~Dias~, ~Peckolt~). Es gilt von ihr fast das Gleiche wie von der

Cocospalme (S. 709). Das Wachs überzieht beide Seiten der bis 1,5 m

langen Blätter, besonders aber die Oberseite, in einer bis 5 mm dicken,

aus prismatischen, radialgestellten, dicht miteinander verbundenen

Stäbchen bestehenden Schicht, die abgelöst die Abdrücke der Epidermis

erkennen läßt (~Wiesner~). Es bildet hier offenbar eine Anpassung an

trockenen Standort und das relativ trockene Klima von Ceará. Denn

die Palme bleibt frisch, auch wenn alles ringsum vertrocknet ist

(~Macedo~). Die Gewinnung des Carnaubawachses erfolgt in der Weise, daß

die zur Zeit der Trockenperiode (September-März) mit einer an einer

Stange befestigten Sichel abgeschnittenen, in langen Reihen mit der

Unterseite nach unten auf dem Boden getrockneten Blätter (von jedem

Baum werden c. 6-8 abgelöst) nach 4-5 Tagen auf Tüchern ausgebreitet,

zuerst abgebürstet und dann mit kleinen Stöcken geklopft werden, bis

der Wachsüberzug sich abgelöst hat. Um das Wachs besser abzulösen,

werden die Blätter mit einem Messer aufgeschlitzt. Das grauweiße Pulver

wird entweder über freiem Feuer geschmolzen oder mit der Hälfte des

Gewichtes Wasser in einem eisernen Topfe gekocht. Hierbei steigt das

Wachs als teigige Masse an die Oberfläche. Neuerdings (1894) werden

auch die Blätter direkt in heißes Wasser gebracht und das sich auf der

Oberfläche abscheidende Wachs abgenommen. Es wird dann geschmolzen

und in tönerne Formen gegossen und kommt jetzt meist gereinigt, d. h.

umgeschmolzen und heiß filtriert in sehr verschiedener Güte in den

Handel.

Etwa 2000-5000 Blätter sollen 15 kg Wachs liefern, nach ~Semler~

aber schon 850, nach ~Lima~ und ~Peckolt~ 500-1200 Blätter 16 kg,

was mir wahrscheinlicher erscheint, denn sicher liefert doch ein

so großes Blatt, dessen Wachsschicht 5 mm Dicke erreicht, mehr als

3-15 g. Es bildet einen beträchtlichen Handelsartikel Brasiliens,

das davon jährlich über 4 Mill. kg produziert. Viel wird im Lande

zur Kerzenfabrikation verbraucht. 1900 wurden c. 1000 t, besonders

aus der Umgegend von Aracaty, ausgeführt, 1902 betrug die Produktion

1547, 1903: 1920 t. Die Ausfuhr aus Brasilien betrug 1907: 2779000,

1908: 2592000, 1909: 3042000 kg. Hamburg empfing 1897: 350000,

1907: 1760000, 1908: 1260000, 1909: 2069000, 1910: 1800000 kg. Das

meiste geht nach Nordamerika. Die Vereinigten Staaten importierten

1908: 3701156, 1909: 4088100 pounds Vegetable Wax (wohl vornehmlich

Carnauba). Carnaubawachs ist im Großhandel (in Säcken à 75/80 kg)

in zahlreichen Sorten zu finden: hellgelb extrafein, primagelb,

mittelgelb, graufett, unberaubt, grau-courant, dann raffiniert

weiß Schmelzpunkt 74, 73, 71° und endlich Rückstände A, 00, B

(~Grossmann~). Carnaubawachs ist Objekt der Spekulation. In Brasilien

hat sich ein Monopol gebildet.

Neuerdings (1909) sind Versuche mit dem Anbau der Palme in den

deutschen Schutzgebieten gemacht worden.

[Illustration: Fig. 223.

_Copernicia cerifera_ ~Mart.~

Ausgewachsene und junge Palme. Der obere Teil des Stammes hat die

Blattnarben abgeworfen. A ein Stammstück mit diesen Narben. B

Fruchtzweig. [Aus +Engler-Prantl+, Pflanzenfamilien.]]

Das rohe Carnaubawachs ist schmutzig gelblich-grün, von Luftbläschen

durchsetzt, das gereinigte ist gelblich, das gebleichte fast weiß. Es

ist oft von einem kristallinischen Anfluge bedeckt. Carnaubawachs ist

hart, spröde, fast geschmacklos, frisch etwas nach Cumarin riechend.

=Chemie.= Das Carnaubawachs, in dem ~Lewy~ 80,32% C, 13,07% H und 6,61%

O fand, besteht hauptsächlich aus dem +Cerotinsäure-Myricylester+,

C₂₅H₅₁.CO--O.C₃₁H₆₃ (~Maskelyne~), daneben finden sich auch die

beiden Spaltungsprodukte desselben: +Cerotinsäure+ (~Berard~,

~Nafzger~, C₂₅H₅₀O₂ ~Marie~, C₂₆H₅₂O₂ ~Henriques~, -- das Vorkommen

der Cerotinsäure im Carnaubawachs bedarf der Bestätigung, ~Stürcke~

nimmt eine isomere Säure an), und +Myricylalkohol+ (C₃₀H₆₂O oder

C₃₁H₆₄O (~Gascard~) = Melissylalkohol ~Pieverling~, ~Story~ und

~Maskelyne~), die durch kalten Alkohol dem Wachse entzogen werden

können. Der Myricylalkohol aus Carnaubawachs (~Story-Maskelyne~,

~Pieverling~) ist identisch mit dem aus Bienenwachs (~Marie~). Ferner

enthält das Wachs (nach ~Stürcke~) einen Kohlenwasserstoff (F = 59),

einen Alkohol C₂₇H₃₆O (F = 76), +Cerylalkohol+ (C₂₆H₅₄O ~Henriques~,

C₂₇H₅₆O ~Gascard~), einen zweiwertigen Alkohol, C₂₅H₅₂O₂ (F = 103,5),

+Carnaubasäure+ (C₂₄H₄₈O₂, F = 72,5, isomer mit Lignocerinsäure) als

Ester und eine γ-Oxysäure (C₂₁H₄₂O₂) oder deren Lakton, vielleicht

auch einen Alkohol, C₂₃H₅₆CH₂OH (?), F = 76. Die früheren Angaben, daß

das Wachs Palmitin-, Stearin- und Laurinsäure enthalte, beruhen wohl

auf einem Irrtum. Die Asche beträgt 0,14-0,83% (~Story~). Sie enthält

Fe. Das Wachs läßt sich auch mit alkoholischer Kalilauge sehr schwer

verseifen, 55 (~Stürcke~) bzw. 54,87% (~Allen~ und ~Thomson~) sind

unverseifbar. Man kann die Verseifung dadurch erleichtern, daß man zur

Erhöhung des Siedepunktes höher siedende Kohlenwasserstoffe (z. B.

Xylol) zusetzt (~Regnar Berg~).

Spez. Gew. bei 100°: 0,797-0,798 (~Evers~), Schmelzpunkt: 83-86,

meist c. 84° (bei gebleichtem 61), Säurezahl: 4-8 (bei gebleicht.

0,56), Verseifungszahl: 79-95, meist c. 88 (bei gebleicht.

33-34), Jodzahl: 13,17, kritische Lösungstemperatur: 154-154,5°,

Butterrefraktometeranzeige bei 40°: 66. ~Dieterich~ fand bei

Carnaubawachs naturale: S. Z. d. 2,8-4,2, E. Z. 73,9-77, V. Z. h.

76,72-81,2. Bei sog. Carnaubawachsrückständen: Schmelzp. 73-79°, S.

Z. d. 6,4-18,3, E. Z. 7,3-10,2, V. Z. h. 15,6-26,3.

Carnaubawachs ist das wichtigste Ersatzmittel des Bienenwachses, aber

diesem nicht gleichwertig. Es wird ihm aber oft beigemischt. Es dient

jetzt unter anderem viel bei Herstellung der Phonographenwalzen.

Als Ersatz des Bienenwachses wurde es zuerst von ~William Thomas

Brand~ in den Abhandl. der Royal Society 1811 empfohlen, als Graf

~Galvêas~ an Lord ~Grandville~ eine Probe gesandt hatte. ~Brand~

beschreibt schon eingehend seine Eigenschaften. Handelsartikel ist

Carnaubawachs etwa seit 1846, nach dem ungewöhnlich trockenen Jahre

1845. (Noch 1836 konnte ~Macedo~ kaum ½ kg zusammenbringen.) Die

Ausfuhr aus Ceará stieg dann von 26208 kg im Jahre 1846 auf 68096 kg

im Jahre 1860. 1862 kamen aus ganz Brasilien, besonders aus Ceará und

Aracati schon c. 720000 kg, von da an steigt die Ausfuhr beständig.

=Lit.= Die erste Beschreibung der Palme gab der brasilianische

Botaniker ~Arruda~ (1810). -- ~M. A. de Macedo~, Notice sur le

Palmier Carnauba. Paris 1867. (Dort ausführlichere Angaben über

die Palme.) -- ~Thiebaut de Berneaud~, Mém. sur le Cirier ou Arbre

à Cire etc. Paris 1810. -- ~Th. Peckolt~, Nutzpfl. Brasiliens.

Pharmac. Rundsch. 1888, 263. -- ~H. Theen~, Wachs, Prometheus 1894.

-- ~Drude~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfamilien (dort auch eine

Abbild.). -- Verwert. d. Carnaubap. in Brasilien. Tropenpflanzer

1901, 173, 1902, 256. -- ~Zimmermann~, Die Wachspalme in Pflanzer

1907, 191 (dort Übersicht über d. Benutzung der Wachspalme). --

~Seemann~, D. Palmen. -- ~Mikosch~ in ~Wiesner~, Rohstoffe, 2. Aufl.

-- ~Semler~, Trop. Agrikult. -- ~Brande~, Gilb. Ann. 44 (1813), 287.

-- ~Lewy~, Ann. chim. phys. 13, 449 (Elementaranalyse), -- ~Berard~,

Bull. soc. chim. 1868, 41. -- ~Virey~, Journ. pharm. 1834, 112. --

~Gerhardt~, Traité de chim. org. 1854. -- ~Girardin~, Lec. élém. d.

chim. appl. 1861. -- ~Story~ und ~Maskelyne~, Journ. chem. soc. 7,

87. -- ~Maskelyne~, Ber. d. chem. Ges. 1869,. 44. -- ~Benedikt-Ulzer~

a. a. O. -- ~Stürcke~, Lieb. Ann. 223 (1884), 283. -- ~Pieverling~,

Ebenda 183 (1876), 344. -- Chem. Rev. über d. Fett- u. Harzind.

1905, 56. -- ~K. Haegele~, Beitr. z. Kenntn. d. im Carnaubaw. enth.

Myricylalkohols. Diss. Bern 1890. -- ~Henriques~, Ber. d. chem.

Ges. 30 (1897) 1415. -- -- ~Gascard~, Journ. pharm. chim. 1893,

49. -- ~Lionel Guy Radcliffe~, Journ. Soc. Chem. Ind. 1906, 158.

-- ~Regnar Berg~, Chem. Zeit. 1909, 886. -- ~Valenta~, Einfluß d.

Carnaubawachses auf Schmelzp., Glanz und Härte von Fettkörpern,

Wachs, Paraffin, Ceresin usw. Zeitschr. Landw. Gew. 1883. --

~Dieterich~, Helfenb. Ann.

[Illustration: Fig. 224.

Gruppe von Wachspalmen (_Ceroxylon andicola_) mit Wachssammlern in den

Anden. [Aus dem Prometheus 1903.]]

Zu den +Pflanzenwachsen+ gehören ferner:

Das Palmenwachs von _Ceroxylon andicola_ H. B. (Fig. 224) und

_Klopstockia cerifera_ (vgl. ~E. Kr.~, Die Wachspalme der Anden

[_Ceroxylon andicola_], Prometheus 1903, 324, mit Abbild.);

Raphiawachs von _Raphia Ruffia_ ~Mart.~;

Pisangwachs von _Musa_arten, Pisang Karet -- enthält Pisangcerylsäure

(C₂₄H₄₈O₂ F = 71) und Pisangcerylalkohol (C₁₈H₂₈O F = 78 ~Greshoff~

und ~Sack~);

Flachswachs von _Linum usitatissimum_ L.;

Gondang- (javanisches Pflanzen-)Wachs, Sumatraw. (Getah lahu) von

_Ficus ceriflua_ ~Jungh.~, enthält Ficocerylsäure (C₁₃H₂₆O₂ F = 57)

und Ficocerylalkohol (C₁₇H₂₈O F = 198 ~Greshoff~ und ~Sack~);

Curcaswachs von _Jatropha Curcas_, die aber eine besondere Gruppe

bilden.

Dem Carnaubawachs ähnlich scheint das Ocotillawachs von _Fouquiera

splendens_ zu sein (~Schär~, Arch. Ph. 1898), sowie das

Zuckerrohrwachs (~Wynberg~, Dissert. Amsterdam 1909).

Von auf Blättern vorkommenden Wachsen sind (ich folge ~Czapeks~

Biochemie) analysiert: Das Wachs der Gramineenblätter

(Myricylalkohol, Melissinsäure, Kohlenwasserstoff, Ceroten,

~König~ und ~Kiesow~), der Musablätter (Myricyl-Fettsäureester,

~Greshoff~ und ~Sack~), der Eucalyptusblätter (Cerylalkohol,

~Hartner~), der Buxusblätter (Palmitinsäure-Myricylester,

~Barbaglia~), der _Vaccinium Vitis Idaea_-Blätter (Cerotinsäure-,

Melissinsäure-, Palmitinsäure- und Myristinsäureester des

Myristyl- und Cerylalkohols, ~Oelze~), der Tabakblätter

(Myristyl-Melissinsäureester), der _Drimys granatensis_-Blätter

(Wachsalkohol Drimol ~Hesse~).

2. Animalische Wachse.

Von den tierischen Wachsen kennen wir sowohl solche von Säugetieren,

als auch Insektenwachse und von ersteren können wir wieder die Gruppe

des Walrat und die des Wollfettes unterscheiden.

a) Säugetierwachse.

α) Walratgruppe.

Cetaceum.

Sperma ceti, Album ceti, Ambra alba, Flos maris, Halosanthos, Spuma

maris, Walrat, Wallrath, Walrot, weißer Amber, Spermacet -- Blanc de

balaine, Cétine, Ambre blanc, -- Spermaceti, Cetin -- Spermaceto. -- In

der älteren englischen Literatur (~Sibbald~): wale shot, scale amber.

=Etym.= Sperma ceti (in Lappland hvalauki) -- weil für den Samen

des Wal gehalten (s. Geschichte), ist eine zu Anfang des XVI.

Jahrh., vermutlich auch noch früher, übliche Bezeichnung für Walrat

(~Flückiger~). -- ~Flückiger~ schreibt Walrath und Walrat, ältere

Autoren meist Wallrath. Ich schreibe +der+ Walrat (nicht +das+ W.),

denn rat ist = Vorrath (z. B. an Nahrungsmitteln), also Walrat =

+der+ Vorrath des Wals. Man dachte wohl, daß das Öl als Reservestoff

diene, was aber nicht der Fall zu sein scheint, aber immerhin als

«Nebenfunktion» möglich ist. Vielleicht ist aber das Wort Walrat aus

dem älteren Walrâm umgebildet und umgedeutet. -- +Cetaceum+, aus Cete

= Wal gebildet, so z. B. in der Pharm. borussica 1779 (~Schelenz~).

-- Physeter («aussi bien que physalus», sagt ~Cuvier~), bedeutet

souffleur = Bläser, wegen des Wasserausblasens, das diese Tiere

auszeichnet. -- Cachalot ist ein baskischer Name (cachau = Zahn).

-- Der «Physeter des gallischen Oceans» bei ~Plinius~ (IX, 3) war

vielleicht Physeter macrocephalus (kaum die Orca, die als Feinde der

Wale beschrieben werden). Die φαλαῖνα des ~Aristoteles~ und ~Aelius~

war wohl eine große, mit Zähnen versehene Cetacee (~Cuvier~).

~Plinius~ kannte von den wahren _Balaena_arten nur den zahnlosen

_Mysticetus_ des Mittelmeeres, während ~Juvenal~ in dem Verse «Quanto

delphinis balaena britannica major» wohl _Balaena Mysticetus_ meint.

=Stammtier und systemat. Stellung.= =Catodon macrocephalus= ~Lacepède~

(Physeter macrocephalus ~Shaw.~, Ph. trumpo, Balaena macrocephala).

Gemeiner Cachalot, Cachelot, Pottfisch, Pottwal, Zahnwal, Spermwhale,

in Grönland: kegutilik, in Irland: tweldhval.

Mammalia, Cetodontes, Physeterides.

Pharm. helv. läßt auch das Cetaceum anderer Pottwale, Pharm. austr.

das anderer _Catodon_- und _Physeter_arten zu. Es sind neuerdings

Bedenken aufgetaucht, ob der Walrat des +heutigen+ Handels überhaupt

von _Catodon macrocephalus_ und nicht vielmehr von anderen Cetaceen

gesammelt wird. Besonders der Entenwal _Heperoodon rostratus_

wird genannt. Es ist dies möglich, da alle Glieder der Abteilung

Fetthöhlen im Schädel besitzen (vgl. Fig. 228). ~Flückiger~ nennt

auch _Physeter Tursio_, _Ph. microps_ (und _Delphinus edentulus_?).

Die Systematik der Abteilung läßt aus begreiflichen Gründen zu

wünschen übrig (s. weiter unten). Sie bietet unüberwindliche

Schwierigkeiten (~Pöppig~).

=Beschreibung des Tieres.= Der nur von tierischer Nahrung (bes.

Cephalopoden) lebende +Pottwal+ oder +Cachalot+ ist ein riesiges,

fast schwarzes, glattes, glänzendes, unterseits weißliches, plumpes,

das Meer bewohnendes Tier, das eine Länge von 25 m und darüber bei

einem Körperumfang von 9-12 m erreicht, «das ungeschlachteste und

abenteuerlichste Mitglied der ganzen Ordnung» (Taf. XXIV). Der große

viereckige Kopf, der fast ⅓ der Körperlänge einnimmt, ist vorn an der

Stirn fast senkrecht absteigend, und trägt dort etwas linksseitig ein

Spritzloch (Fig. 225). Echte Zähne finden sich nur im Unterkiefer, die

des beträchtlich größeren Oberkiefers verkümmern (Fig. 226). Augen und

Ohröffnung sind klein. Der Kopf ist vom Körper durch eine Querfurche

geschieden, hinter welcher die Brustfinnen liegen. Von dort bis zum

After ist der Körper fast walzenförmig, im letzten Drittel erhebt sich

eine unbewegliche Fettflosse. Die sehr fettreiche Schwanzfinne ist

eingeschnitten-zweilappig. Das weibliche Tier trägt zwei Zitzen, das

männliche einen riesigen Penis. An Größe steht der Pottwal nur einigen

der größten Bartenwale nach, gehört also zu den größten Tieren der

Erde. Das Weibchen bleibt aber in der Größe beträchtlich hinter dem

Männchen zurück und erreicht oft nur die halbe Länge.

[Illustration: Fig. 225.

Weiblicher Pottwal. [Aus +Martiny+, Zool. med.]]

Der Cachalot, der sich nur von Cephalopoden nährt, scheint vom Äquator

bis zu den Polen vorzukommen, im Atlantischen Ozean jetzt aber selten

zu sein. Ob die in der Südsee und im Stillen Ozean vorkommenden Arten

spezifisch verschieden sind von denen der nördlichen Meere erscheint

zweifelhaft. ~Gray~ unterscheidet zwei Arten von Pottwalen, deren jeder

er den Rang einer Unterfamilie zuspricht. Es fragt sich aber sehr,

ob die hervorgehobenen Unterschiede nicht zufällige sind. Erfahrene

Walfischfänger nehmen nur eine einzige Art Pottwale an, behaupten aber,

daß Aufenthaltsort, Nahrung usw. auf Größe, Farbe usw. der Pottwale

Einfluß haben. Auch ~Beauregard~ nimmt nur eine Art an. Als eigentliche

Heimat bezeichnet ~Pechuel-Lösche~ die zwischen 40° nördlicher und 40°

südlicher Breite liegenden Meere, doch gelangt der Pottwal, warmen

Strömungen folgend, bis 50, ja 60° n. und s. B. Er kommt auch an

die europäischen Küsten. Die eigentliche Heimat dürfte die südliche

Erdhälfte sein. Er durchzieht die Meere in oft enggeschlossenen

«Schulen» oder Scharen von verschiedener Stärke (20-30), die tiefsten

Stellen und die Nähe von Steilküsten bevorzugend, oft von einem

männlichen «Schulmeister» geführt, in Reihen hintereinander. Nur die

riesigen Männchen (Bullen) trifft man auch einzeln, oft das Wasser wie

ein Dampfer durchpflügend oder senkrecht gestellt. Er kann fast eine

Stunde unter Wasser verweilen, ohne an die Oberfläche zum Atemholen zu

kommen. Er bläst so eigenartig, daß der Walfischfänger allein an diesem

Geräusch schon den echten Pottwal erkennt.

[Illustration: Fig. 226.

Skelett eines männlichen Pottwal im Muséum d’histoire naturelle in

Paris. [Nach +Beauregard+, Mat. med. zool.]]

[Illustration:

Tafel XXIV.

Männlicher Pottwal. [Aus Brehms Thierleben.]]

+Jetzt ist nächst dem Stillen Ozean+ (San Francisco) +die Südsee

hauptsächlichster Jagdgrund+. Der Fang ist gefährlich, wie zahlreiche

in ~Brehms~ Tierleben erzählte Schiffergeschichten lehren. Der +Fang+

erfolgt mit Harpunen und Lanzen wie beim Walfischfang und wird außer im

Stillen Ozean und der Südsee auch bei den Azoren und im indischen Ozean

(Mozambique, Sansibar, Ceylon), sowie in den nördlichen Meeren (z. B.

bei Schottland), hauptsächlich von Nordamerikanern und Engländern

betrieben. Die erlegten Cachalote werden an das Schiff bugsiert, der

Kopf abgelöst und an Bord der Walratbehälter geöffnet. Aus dem Speck

wird Tran gesotten. Der Wal trägt nämlich in seinem Schädel Ölbehälter

von riesigen Dimensionen, die offenbar den Zweck haben, den großen mit

starken Knochen versehenen Körper im Wasser schwebend zu erhalten und

ihn gegen den langen Körper zu equilibrieren. Diese Walratbehälter

liegen in einer muldenförmigen Aushöhlung der Schnauze (Fig. 226) und

der oberen Fläche des Schädels vor dem eigentlichen Cranium, welches

das Gehirn enthält, und völlig von diesem getrennt (Fig. 227). Es sind

deren zwei, denn die Höhle ist durch eine wagerechte durchlöcherte

Wand in zwei Kammern geteilt, die jedoch zusammenhängen. Unter der

dicken Specklage des Kopfes sich ausbreitende Sehnenlagen («white

horse») dienen ihnen als Decke. Die Fettbildung scheint hier wie bei

den übrigen Säugetieren im Bindehautzellgewebe normal zu erfolgen, aber

ins Riesige gesteigert zu sein. Der reinste Walrat ist in den kleinsten

und am wenigsten ligamentösen Zellen enthalten (~Hunter~). Entfernt

man die äußere Kopfhaut und die darunter liegende Specklage, so stößt

man auf zwei Höhlen. Auf der rechten Seite der Nase und der Oberfläche

des Kopfes liegt eine dreieckige Höhle, bei den Cachelotfängern Case

(= Behälter), auch erste Kammer oder Klappmütze genannt. Unter der

Case im vorderen Teil der Schnauze, über dem Oberkiefer, findet sich

eine zweite Höhle, bei den Cachelotfängern Junk (Junke) genannt.

Beide Höhlen sind 4-6′ hoch und enthalten 3000 bis 5000 (bei großen

Exemplaren nach ~Scoresby~ bis 10000) Pfund Öl. Außer diesen beiden

großen Walrathöhlen findet sich noch ein subkutaner Rückenkanal, eine

ölführende Röhre, die mit der unteren Kammer in Verbindung steht, vom

am Rückgrat fort vom Kopfe bis zum Schwanze verläuft, vorn schenkel-,

hinten fingerdick ist. Nach ~Köhne~ sollen noch außerdem viele hundert

kleine Seitengänge zum Speck und Fleisch des ganzen Leibes führen und

auch im Fleische zerstreut dünnhäutige, mit Walrat gefüllte Höhlungen

sich finden. (~Beauregard~ bestreitet [1901], daß die Walrathöhle mit

anderen in Verbindung steht.) Doch stammt der Walrat vorwiegend aus den

Kopfhöhlen, nach ~Beauregard~ sogar nur aus der +einen+ Höhle (A Fig.

227) «dans la région supérieure de la face, immédiatement au-dessus

de la narine droite, depuis la muraille osseuse verticale formée

par l’extrémité postérieure des maxillaires et le frontal, jusqu’à

l’extrémité antérieure du museau». Jedenfalls wird der Kopfwalrat

(head matter) gesondert gesammelt und zunächst nicht mit dem anderen

gemischt. Die +Ausbeute+ an Rohöl vom Pottwal schwankt zwischen 1150

und 33350 lbs und beträgt im Durchschnitt 5750-6900 lbs beim Weibchen

und bis 17250, ja 20700 lbs beim Männchen (~Lewkowitsch~); nach

~Beauregard~ beim Weibchen 15, beim Männchen 45-130 barils (1 Bar. =

114½ l).

[Illustration: Fig. 227.

Transversalschnitt durch den Kopf des Pottwal. A Raum, in dem sich das

Cetaceum findet (organe du blanc). B faserige Wand der Kammer (caisse).

C Fetthülle, in welche das rechte Nasenloch (D) getaucht ist. G linkes

Nasenloch. H Scheidewandknorpel. L Speck. M linkes Nasenmuskelbündel. N

rechte und linke Nasenmuskeln. O Fettpolster, die Höhlung des Maxillar-

(R) und Intermaxillarknochens (P) teilend.

[Aus +Beauregard+, Mat. méd. zool.]]

=Gewinnung.= Auf der rechten Seite der Nase und der oberen Kopffläche

befindet sich eine dreiseitige Höhle, die von den Walfischfängern die

«Kappe» oder «white horse» genannt wird. In diese wird eine Öffnung

gemacht und das Öl in Eimern herausgeschöpft. Die dichte Masse von

Zellgewebe zwischen jener Stelle und den Nasenlöchern enthält

ebenfalls Öl. Das aus den Walrathöhlen frisch geschöpfte Öl ist

(infolge der Körperwärme des Tieres) flüssig, scheidet sich aber in

kalter Luft bald in zwei Teile, in den auskristallisierenden +Walrat+

und das flüssig bleibende +Walratöl+ (Spermacetöl). Die erstarrte, von

Walratöl durchsetzte Masse wird in Leinwandfilter gebracht (boegged

sperm) und in Haarsäcken in der hydraulischen Presse ausgepreßt

(pressed sperm), die feste Masse zur Abscheidung der Unreinlichkeiten

und tierischen Fasern mit Wasser gekocht, umgeschmolzen und zur

Entfernung des Öls mit schwacher Potasche oder Kalilauge behandelt,

gewaschen, durch Dampf geschmolzen und in Formen gegossen, neuerdings

auch vielfach dann noch aus Alkohol umkristallisiert. Auf den Schiffen

wird zunächst das «Kopföl» von dem weniger wertvollen «Körperöl»

gesondert gehalten, doch mischt man in den Ölraffinnerien oft vor der

Abscheidung des Walrat beide im Verhältnis ⅓ : ⅔ (~Lewkowitsch~).

[Illustration: Fig. 228.

Schädel des Grindwals (_Globiocephalus melas_) von der linken Seite,

mit der großen der Schnauze aufliegenden Fettmasse. f weiche Fettmasse.

b feste bindegewebige Schicht unterhalb der durch eine dicke, schwarze

Linie angedeuteten Oberhaut. n Nasenloch. l Luftsäckchen vom Nasengang

ausgehend.

[Nach +Murie+, Aus +Boas+ Lehrbuch d. Zoologie]]

In den +Ölraffinerien+ wird das Rohöl in Kühlkammern 10-14 Tage bei

0° stehen gelassen und die erstarrte Masse dann in hydraulischen

Pressen in der Kälte gepreßt. Das abfließende (winter sperm oil)

beträgt c. 75% und erstarrt unter 38° F («Cold test 38») = 3,3° C.

Der braune Preßrückstand wird dann bei 10-15° zum zweitenmal gepreßt,

wobei c. 9% spring sperm oil abfließen. Die Preßkuchen schwitzen

bei 26,7° nach einigen Tagen Öl aus. Die Ränder werden daher mit

rotierenden Messern abgeschnitten und die Mitte bei gewöhnlicher

Temperatur einem sehr hohen Preßdruck ausgesetzt. Das abfließende

(taut pressed oil) beträgt 5%. Der Preßrückstand (11% des Rohöls) ist

roher brauner Walrat vom Schmelzp. 43,3-46,1, der wie oben gereinigt

wird. Auch das Walratöl ist ein wertvolles Produkt. Der Handel

unterscheidet vom Walrat: französische Form, kubische Stücke à 15-20

kg, englische Form konisch, amerikanische Form, runde Brote.

Daß Cetaceum auch im Meere schwimmend gefunden wurde berichtet

~Wormius~, ~Bartholini~, ~Pouchet~ u. and. Es scheint dies

wahrscheinlich, da es beim Absterben der Tiere erstarrt und der Fäulnis

widersteht. Das Altertum kannte nur dieses.

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 114 / 120 段