Ricinus (kiki = _R. comm._ +oder+ _R. africanus_) wurde im alten
Ägypten ganz allgemein angebaut. Es berichten darüber die alten
Schriftsteller (~Plinius~ z. B. sagt, der kikus wächst in Ägypten
sehr häufig, ~Herodot~ berichtet von Kulturen der Silicyprien an
Fluß- und Seeufern). Auch heutzutage wird _Ricinus_ noch in Ägypten
kultiviert. Wir finden die Pflanze dargestellt auf Monumenten (z. B.
dem Gartenplane von Tell-el-Amarna, vgl. I, Fig. 366) und ihre
Samen sind oft und gut erhalten in Gräbern (schon c. 4000 n. Chr.
~Caillaud~) gefunden worden (~Unger~, ~Wönig~). Im Papyrus ~Ebers~
finden sich in vielen Rezepten die Samen (Früchte), das Mark,
die Wurzelrinde und die Blätter der Pflanze und (eingeschoben in
den Text) eine Angabe über die Verwendung des Ricinus, der Samen
als Purgans und Haarwuchsmittel, des Öls als Salbe für riechende
Geschwüre. Das kikajon, kykwyn des alten Testaments, das in einer
Nacht zum Schutze des Propheten ~Jona~ emporwuchs, wurde mit
Gurke oder Epheu, dann auch mit _Ricinus_ übersetzt. ~Tristram~
und ~Niebuhr~ halten jedoch daran fest, daß kikajon die Gurke (=
el kerra, in Palästina: kurah) und nicht _Ricinus_ (= el keroa,
in Palästina: khurwah) sei. Das κρότων des ~Theophrast~ ist nach
~Fraas~ _R. commun._, nach Sprengel _R. africanus_. Nach ~Herodot~
(II, 94) wurden die Samen entweder zerstampft und gepreßt oder
gebraten und ausgekocht und das Öl abgehoben. Die Bereitung des
Öls schildert auch ~Plinius~. Der Same wurde mit Wasser gekocht
und das Öl abgeschöpft oder (in Ägypten) eingesalzen und dann
ausgepreßt. ~Dioskurides~ erwähnt in Ägypten nur das Auspressen
der gemahlenen Samen in Flechtkörben. ~Dioskurides~ beschreibt die
Darstellung des κίκινον ἔλαιον. Die in der Sonne getrockneten, von
der Schale befreiten Früchte werden in einem Mörser zerstoßen, in
einem Kessel mit Wasser ausgekocht und das Öl mit einer Muschel
abgeschöpft. ~Dioskurides~ erwähnt neben äußerlichen Anwendungen
und zur Pflasterbereitung die wurmtreibende und brechenerregende
Wirkung des Öls und daß es unangenehm purgiere. Die Hippokratiker
scheinen die Abführwirkung nicht gekannt zu haben, wohl aber ~Galen~.
Das Öl wurde im Altertum, wie es scheint, vorwiegend zum Brennen
benutzt, z. B. in Ägypten. ~Strabo~ erwähnt (XVII, c. 2 § 5) seine
Verwendung auch zum Salben bei ärmeren Leuten. Einige beziehen den
_Ricinus_ des ~Plinius~ und ~Strabo~ auf _Ricinus africanus_ ~Willd.~
Die Wurzel, die Blätter und das Öl wurden von den Indern, die die
Pflanze Jahrhunderte vor Christi Geburt kannten, schon frühzeitig
als Purgans-, Rheumatismus- und Augenmittel und bei Frauenleiden in
der Lactationsperiode benutzt. ~Suśrutas~ erwähnt das Öl und die
frische Pflanze (Pharmac. ind.). In den indischen Sprichwörtern ist
die Pflanze ein Symbol der Zerbrechlichkeit (auch kirwa bezeichnet
eine zarte Pflanze). Die Araber lernten die Pflanze wohl in Indien
kennen. Sie nannten die Samen daher simsim-el-hindi (= indischer
Sesam) und bedienten sich der Samen besonders innerlich, der Blätter
äußerlich. In den Pflanzenglossaren ist _Ricinus_ selten (eine Angabe
bei ~Fischer-Benzon~). Bei ~Albertus Magnus~ und ~Megenberg~ findet
er sich (s. oben). Er wurde also schon damals in Europa kultiviert.
Das Mittelalter scheint das Öl nur äußerlich verwendet zu haben.
~Turner~ (Herbal 1568) erwähnt R. als eine Gartenpflanze Englands
und das Öl als _Oleum cicinum_ s. _ricininum_. ~Gerarde~ (I, S. 909)
nennt das Öl auch _Oleum de cherua_. Dann wurde das Öl vergessen. Es
fehlt bei ~Dale~ (1693) und war auch zur Zeit von ~Hill~, ~Lewis~
(I, S. 949) fast unbekannt. Durch die Dissertation des in Westindien
lebenden ~Peter Canvane~, On Ol. palmae Christi 1764 (in 2. Aufl.
1769; auch französ.) wurde die Aufmerksamkeit wieder auf das Öl als
ein mildes Purgans gelenkt und die Samen wurden in die Londoner
Pharmakopoee 1788 aufgenommen. ~Woodville~ sagt 1790 in seiner Med.
Bot., daß das Öl neuerdings öfter gebraucht werde. Damals kam der
Same und das Öl aus Jamaica. 1799 exportierte Jamaica 236 casks Öl
und 10 casks Samen. Später trat dann das ostindische Öl auf und die
Einfuhr stieg nun rasch. 1820 kamen schon für 7102 _£_ Öl von dorther
nach London (Pharmacographia). ~Heyer~ schlug (~Crells~, Neuest.
Entdeckungen 1781) vor, _Ricinus comm._ im Apothekergarten zu ziehen,
die Samen selbst zu ernten und das Öl selbst zu pressen. Kultiviert
und verwildert war Ricinus, der sich überall leicht ansiedelt,
schon zu ~Rheedes~ Zeit in Malabar, zu ~Rumphius~ Zeit auf Java und
Amboina, ebenso später in Japan und China. Nach Amerika wurde R. sehr
frühzeitig kurz nach der Entdeckung gebracht. ~Piso~ nennt schon
einheimische brasilianische Namen: nhambu-guacu (figuero inferno der
Portugiesen).
=Lit.= ~Wönig~, Pflanz. d. alt. Ägypt. -- ~Joachim~, Papyrus Ebers.
-- ~De Candolle~, L’origine d. plant. cult. -- ~Flückiger-Hanbury~,
Pharmacographia. -- Pharmacographia indica. -- ~Tristram~, Nat. hist.
of the bible.
Zur Ricinusölgruppe gehört nur noch das ähnlich sich verhaltende
Traubenkernöl.
II. Animalische Öle.
1. Öle von Seetieren.
Die Öle der Seetiere unterscheiden sich in vielen Punkten von denen
der Landtiere, z. B. durch hohe Jodzahlen, -- sie enthalten viel
ungesättigte Fettsäuren -- durch die große Menge Hexabromid, die
sie liefern, durch ihre Fähigkeit Sauerstoff zu absorbieren und die
Eigenschaft bei der Elaidinprobe kein Elaidin zu liefern. Sie ähneln
also den trocknenden vegetabilischen Ölen. Mit der Gruppe der Öle von
Landtieren sind sie durch Übergänge verbunden (~Lewkowitsch~).
a) Fischöle.
Die Fischöle werden aus allen Körperteilen der gewöhnlicheren Fische
(Hering, Sardinen, Lachs, Sprotte usw.) durch Auskochen erhalten.
Der Dorsch dagegen enthält nur in der Leber, nicht im Fleisch
beträchtlichere Mengen Öl. Zu dieser Gruppe gehören nur Öle, die
nicht oder kaum medizinische Anwendung finden, wie das +Menhadenöl+
von _Alosa Menhaden_ (_Brevoortia tyrannus_), +das Sardinen- oder
Japanische Fischöl+ von _Clupea sardinus_ und das +Lachsöl+ (huile de
saumon) von _Salmo salar_. Ferner das Stichlingsöl (Stichlingstran)
von _Gasterosterus trachurus_, das Heringsöl von _Clupea harengus_,
das Störöl von _Acipenser Sturio_, das Sprottenöl von _Clupea
sprattus_, das Karpfenöl von _Cyprinus carpio_ u. and. (Konstanten bei
~Lewkowitsch~. Näheres über diese Öle bei ~Benedikt-Ulzer~.)
Die Fischöle enthalten, wenn rein, keine Gallenstoffe (Cholesterin,
Lipochrome). Sie geben daher nicht die charakteristischen Reaktionen
der Leberöle (siehe unter _Ol. jecoris_).
b) Leberöle.
Die Leberöle (fälschlich auch Trane genannt) sind durch eine
beträchtliche Menge von Cholesterin sowie durch Lipochrome und andere
Gallenstoffe ausgezeichnet. Sie geben daher in Schwefelkohlenstoff
gelöst mit konz. Schwefelsäure eine blaue, wenn ranzig eine purpurne
Färbung (~Lewkowitsch~, ~Tichomirow~, ~Kaiser~). Werden in Chloroform
gelöste Leberöle mit Phosphormolybdänsäurelösung durchgeschüttelt, so
entsteht +nach der Scheidung+ an der Berührungsstelle ein blauer Ring.
Oleum Jecoris Morrhuae.
=Syn.= Oleum jecoris Aselli, Ol. jec. Gadi, Ol. morrhuae (so z. B.
in U.S. Pharm.). Lebertran, Dorsch-, Kabliau-, Stockfisch-Lebertran,
Dorschleberöl, Kabeljauleberöl -- huile de foie de morue (franz.) --
Codliver oil, Coal- oder dogfish oil (engl.) -- Olio di fegato di
merluzzo (ital.) -- levertraan (hol.) -- csukamáj olaj (ung.) -- ἔλαιον
ἥπατος ονίσκον (gr.).
=Etym.= Der früher allgemein (auch jetzt noch vom D. A. V.) benutzte,
wie es scheint, zuerst bei ~Scherer~ auftretende Name _Ol. jec.
Aselli_ ist nach dem alten, schon seit über 100 Jahren verlassenen
Namen des Dorsches, _Asellus major_, gebildet. Die Worte Asellus
und Callarias schon bei ~Plinius~. (Asellus = Eselchen, wegen der
eselsgrauen Farbe des Tieres.) Die in Pharm. helv. IV gewählte
Bezeichnung _Ol. jecoris_ ist nicht glücklich, da es auch andere
Leberöle gibt und nur das Dorschleberöl benutzt werden soll. Die
beste Bezeichnung scheint mir _Ol. jecoris Morrhuae_ zu sein, da
es auch andere Aselli und andere Gadi gibt. -- +Tran+ erst im nhd.
(Stellen bei ~Kluge~), +ndl.+ traan, +dän. schwed.+ tran. Heimat und
Grundbedeutung unbekannt. -- +Dorsch+ (nhd., -- +anord.+ porskr,
+dän.+ torsk.) ist wohl aus torsk umgebildet. -- Klippfisch hat mit
Klippe (= Fels) nichts zu tun, sondern ist korrumpiert aus klapfisk,
d. h. aufgeschnittener Fisch, von klappet = aufgespalten. -- In einem
Tractatus de piscibus (Handschr. aus dem XIII. Jahrh.) wird von einem
Fische berichtet: «genus piscis a nostris +mo(r)rude+ ab ore, quia
+mourre+ vocant os cum prominentibus labris» (vgl. ~Schelenz~, Pharm.
Centralh. 1906, 166) und in einer Handschrift aus dem Jahre 1309
heißt es: «Item grossa bestia onerata ... piscibus alecibus, +Morua+
et similibus, debet pro pedagio octo denarios» (~Du Cange~). Hier
läßt sich also der Übergang von morrude in mourre und morua (aus dem
dann morue, der heutige Name des Dorsch in Frankreich wurde) direkt
verfolgen. Woraus aber morrude entstand, ist unklar (ob aus merluc?
maris lucidus = Seehecht?). -- Cod (zuerst 1357 in Act. 31 Edw. III
Stat. 3. «Les trois sortz de lob, lyng et cod» ~Murray~) kaum zu
γάδος, eher zu kodde, kudse zu ziehen.
=Herkunft.= Der Lebertran ist das Öl der Lebern in erster Linie von:
=Gadus morrhua L.= (incl. _G. callarias_, _ruber_ und _ogat_,
_Morrhua vulgaris_ und _callarias_, _Asellus major_ und _varius_),
dem +Kabeljau+ oder +Dorsch+ (Dösch, Pomuchel, Pamuchel; +port.+:
bacalão, +norw.+ skrei oder torsk, +franz.+: morue, cabeliau, +ital.+
baccalare, +engl.+ und +amer.+: cod) (Fig. 197), eines zu der durch
drei Rücken-und zwei Afterflossen, die bestimmt von der letzten
Rücken- und zweiten Afterflosse geschiedene Schwanzflosse und einen
Bartfaden an der Spitze der Unterkinnlade gekennzeichneten Gattung
der +Schellfische+ (Gadus) -- Pisces, Anacanthini, Gadoidei (oder
Teleosteae Malacopterygiae) -- gehörenden Fisches von 0,75-1,5 m
Länge und bis 20, ja 42 kg Schwere, der auf grauem Grunde mit kleinen
gelblichen Flecken getüpfelt, längs der Seitenlinie weiß gestreift und
auf dem lichten Bauche ungefleckt ist (Farbe und Flecke wechseln).
Der Fisch bewohnt den nördlichen Teil des atlantischen Meeres und die
angrenzenden Gebiete des Eismeeres und zwar vorzugsweise die unteren
Wasserschichten bis c. 120 Faden Tiefe (~Günther~) und kommt nur zur
Eiablage an seichtere Stellen (25-50 Faden). Er kommt in ungeheuren
Massen zwischen dem 50. und 75. Grade n. B. vor und überschreitet nach
Süden meist nicht den 40. Grad n. B. Er ist einer der fruchtbarsten
Fische. Ein Fisch enthält meist 1¼, bisweilen 4 (~Braydley~)
oder gar 9⅓ Mill. (~Leeuwenhoek~) Eier und ist im fünften Jahre
fortpflanzungsfähig. Auf der östlichen Seite des Verbreitungsgebietes
fällt die Laichzeit in den März, auf der westlichen, amerikanischen,
Seite in den Mai und Juni. Zu dieser Zeit erscheint der Fisch in
riesigen Scharen, «in Bergen», wie die Norweger sagen, d. h. in dicht
gedrängten, meilenlangen, oft mehrere Meter hohen Heeren an den
Küsten und Sandbänken und wird hier entweder in Netzen (Norwegen) --
Nöter-, Senk-, Zieh-, Sperrnetze, Garne -- oder mit der Handangel
(Tiefseeangel) oder der c. 2000 m langen, meist mit 1200 bis 3600
Angelschnüren besetzten Grundschnur (an den übrigen Plätzen) leicht
in großen Massen gefangen. Als Köder dienen Fische (z. B. Heringe und
Lodden) oder Muscheln.
[Illustration: Fig. 197.
1 Schellfisch (_Gadus aeglefinus_), 2 Wittling (_G. merlangus_), 3
Dorsch (_G. callarias_), 4 Kabeljau (_C. morrhua_). [Aus +Brehms+
Tierleben.]]
[Illustration:
Tafel XVII.
Die Flotille der Lofoten-Fischer begibt sich bei Morgengrauen auf den
Dorschfang. (Nach einem Gemälde bei Scott & Bowne.)]
[Illustration: Fig. 198.
Die Flotille der Dampf-, Motor- und Segelboote der Dorschfischer bei
Bolstad (Lofoten). [+Wilse+ phot.]]
Die meisten Boote (c. mit 14500 Fischern) fischen mit +Langleine+,
die zahlreiche, an seitlichen, vier Fuß voneinander entfernten
Leinen befestigte Angelhaken besitzt. Oft wird ein solcher stamp
an den anderen befestigt, so daß meilenlange Langleinen entstehen.
Jeder Ottring ist mit 3-5 Fischern bemannt. Neuerdings wird aber mit
Langleine auch von großen, gedeckten Segel-, Motor- oder Dampfbooten
aus gefischt, die nach amerikanischem Muster 3 bis 5 Jollen, dories,
d. h. offene Boote mit flachem Boden für 2 Mann mitführen, mittels
welcher die Leinen gesetzt und wieder gehoben werden (~Bull~). Viele
Boote (mit c. 12500 Fischern) fischen auch mit +Netzen+, deren
Maschen drei Zoll weit sind und die ebenfalls aneinander gebunden
werden. Diese Boote heißen Femböring. Aber neuerdings wird nicht nur
von großen und kleinen offenen Booten, sondern auch von gedeckten
Fahrzeugen (Motor- und Dampfbooten) mit Netzen gefischt. Nur die
kleinen, mit 2-3 Mann bemannten, Boote fischen mit Handleine. Sie
bilden die Minderzahl (c. 2300 Fischer). Allein, wenn in Finmarken
die Fischerei sehr reich ist, dann nehmen alle Arten von Booten daran
teil. Die im Netz gefangenen Fische sind meist größer (12 Pfund mit
Lebern von 11¼ Unze), die mit der Leine gefangenen sind kleiner
(10 Pfund mit Lebern von 9½ Unze). Die Avantgarde erscheint im
Vestfjord in der ersten Woche des Januar, die Hauptfangzeit ist
der März. Gegen Mitte März beginnt die Laichzeit, dann geht der
Fisch nicht an den Köder und die See trübt sich durch die riesigen
Mengen der Eier und Samen der «Hochzeitzüge» der Dorsche. Der
Fisch erscheint entweder in dünnen Bändern oder in ganz kompakten
Massen, bald ganz oben, bald tief, bald in der Nähe des Landes,
bald weit davon entfernt, bald bei den Westlofoten, bald bei den
Ostlofoten. Sobald die Fische aus dem Netz genommen sind, wird es
wieder ausgeworfen. Ein Netzboot fängt täglich c. 300-400 (bis 800),
ein Leinenboot c. 200 (bis 400) Fische. Der Fisch wird durch einen
Einschnitt hinter den Kiemen getötet, dann geöffnet, Leber und Rogen
in verschiedene Behälter getan, der Rest der Eingeweide ins Meer
geworfen und der Fisch selbst nach Entfernung des Kopfes an Land
verkauft. Für Ordnung sorgt eine königliche Aufsichtsbehörde, ein
Inspektorgeneral mit c. 50 Beamten (Gesetz vom Jahre 1857). Sie
kontrolliert die Fangplätze, gibt das Signal zur Ausfahrt, verteilt
die Plätze und sammelt das statistische Material. Der Fisch liebt
eine Seewärme von c. 4-6° C (~Damas~). Ihr geht er nach. Der Wechsel
in der Temperatur der Meereswasserschichten kommt dadurch zu stande,
daß der Golfstrom mit dem Polarstrom hier zusammenstößt (s. d. Karte).
[Illustration: Illustration: Fig. 199.
Das Öffnen der Dorsche und Beseitigen der Köpfe an Land auf Röst
(Lofoten). [+Wilse+ phot.]]
[Illustration: Fig. 200.
Ein norwegischer Fischer mit einem besonders großen Dorsch. [Nach einer
Photographie von +Scott & Bowne+.]]
Diese regelmäßigen Wanderzüge des Fisches, die sich sowohl gegen die
norwegische Küste (Lofoten und Finmarken), die südlicheren Gebiete der
Nordsee (Doggerbank) und die schottische Küste (Newhaven) wie auch
gegen die Küsten Neufundlands richten, hängen allerdings zunächst mit
der Laichzeit zusammen (bei den Lofoten laichen die Dorsche auf der
Nordwest- und Südostbank, s. d. Karte) sind aber auch als Raubzüge zu
betrachten, da die gefräßigen Dorsche ihrem Nahrungstriebe folgend,
den Zügen des Herings und der Lodde folgen, die eben jene Gegenden
zu dieser Zeit aufsuchen. Bei den Lofoten dauert der Fang meist vom
Januar bis etwa 12. oder 24. April. Hier ist im März die Laichzeit.
Der Schluß des Fanges ist meist Ende April. In Finmarken (70° n. B.)
dauert der Fang in der Regel von November bis Ende März (Winterskrei
oder Winter-Kabeljau) und von März bis etwa 24. Juni (Frühjahrs-
oder Lodde-Fisch). Bei Bergen und Aalesund in Romsdalen (63° n.
B.) erscheint der Fisch im Januar und Februar. Bedeutend ist der
Dorschfang auch außerhalb der großen Inseln Senjen und Kvalö (westlich
und südwestlich von Tromsö). Hier liegen die «Banken» (Laich-Bänke)
viel weiter vom Lande entfernt und tun hier die oben erwähnten
größeren modernen, zweimastigen Motorboote, die überhaupt jetzt mehr
und mehr die «Nordlandsboote» (Femböring und Ottring) verdrängen,
ausgezeichneten Dienst. Der Fang dauert hier besonders von Januar bis
März (~Svendsen~). Stürmisches Wetter verzögert oft den Anfang der
Fischerei und zwingt zu frühzeitigem Schluß. In schlechten kalten
Jahren (z. B. 1902 u. 1903), in denen der Fisch südlichere Gegenden
(z. B. England) aufsucht (1902 wurden dort doppelt so viel gefangen als
1901!) wird der Fang erst im Mai oder Juni, ja bisweilen erst Anfang
Juli beendet.
[Illustration:
Tafel XVIII.
Öffnen der Dorsche auf dem Schiff und Versorgen der Lebern in Fässern.
[+Wilse+ phot.]]
In der Umgebung von Neufundland, wo auch die Franzosen noch alte
Fischereirechte besitzen, wird besonders auf der sog. Bank von
Neufundland und den französischen Besitzungen bei St. Pierre und
Miquelon der Dorsch vom 15. April bis Ende September gefangen. Er ist
hier im September am fettesten. Den Fang (mit der ligne à la main,
ligne de fonds, senne, faulx) schildert ~Rousset~ (a. a. O.). In Island
(Reykiavik, Patrixfjord, Dyrefjord, Faskrudfjord) dauert der Fang in
zwei Saisons und an verschiedenen Stellen vom Februar bis August.
[Illustration: Fig. 201.
Hafen von Mehavn (Finmarken) mit Segel-, Dampf- und Motorbooten. Im
Vordergrunde die großen Behälter, in denen die Lebern aufgesammelt
werden behufs Bereitung von natürlichem Dorschleberöl. [+Bull+ phot.]]
Der frische Fisch heißt +Kabeljau+ (Cod), der frische der kleinen
Varietät +Dorsch+, der Schellfisch +Kaddock+, der an Stangengerüsten
getrocknete +Stockfisch+, der aufgeschnitten mit Salz bestreute und
getrocknete +Klippfisch+, der in Fässern eingesalzene +Laberdan+.
Herr ~H. Bull~, Direktor der Fiskeriforsøkstationen i Bergen
berichtet mir ferner: «Von anderen Fischen, deren Leber in Norwegen
für die Bereitung von Leberölen verwendet werden, muß in erster
Linie der Sej, _Gadus virens_, dann die Brosme (_Brosmius brosme_),
die Länge (_Molva vulgaris_), der Schellfisch (_Gadus aeglefinus_)
und der Eishai (_Laemargus microcephalus_) genannt werden. Der Sej
entstammt der Küstenfischerei, gibt ein sehr schönes Dampföl, das
aber beim Abkühlen viel Stearin abscheidet; auch das kalt geklärte
Öl enthält viel (etwa 15%) feste Fettsäuren und ist dadurch
gekennzeichnet; dasselbe wird vielfach mit dem reinen Dorschleberöl
vermischt und die Mischung als solches verkauft. Die Brosme sowie
die Länge entstammen der Hochseefischerei (an den Abhängen der
Hochplateaus im Meere), kommen daher nicht frisch ans Land, und
das aus denselben durch Fäulnis bereitete Öl dürfte wohl nur für
technische Zwecke verwendet werden. Dasselbe gilt vom Schellfischöl,
weil demselben, auch dem Dampföl, ein unangenehmer Geruch anhaftet.
Das Eishaileberöl (Dampföl) ist zwar schön, aber, weil vorwiegend
eine Wachsart enthaltend, medizinisch nicht verwendbar.»
Neuerdings werden auch von deutschen Hochseefischern sowohl in
der Nordsee als auch in der Ostsee außer dem Kabeljau auch die
Lebern einiger anderer verwandter Fische auf technischen und
Medizinaltran verarbeitet, nämlich die des kleineren, gestreckteren
+Schellfisches+, _Gadus aeglefinus_ L. (_Morrhua aeglefinus_ und
_punctatus_, _Asellus minor_, Egrefin), der im Februar und März zur
Laichzeit in großen Scharen an der friesischen Küste erscheint und
die des in der Ostsee vorkommenden sog. +gewöhnlichen Dorsches+,
einer kleineren Varietät von _Gadus morrhua_, die ~Linné~ als eigene
Art, _G. callarias_ L., abtrennte, die aber oben mit zur Art _G.
morrhua_ gezogen wurde (nicht ein Jugendzustand, wie man früher
annahm). Das D. A. V. läßt auch die Leberöle dieser beiden Fische zu;
Ph. austr. VIII auch die anderer _Gadus_arten.
Auf der Doggerbank in der Nordsee dauert der Fang vom Dezember bis
Mai. Die deutsche Dampftranproduktion erhält aber ihr Rohmaterial
besonders durch Schiffe der deutschen Hochseedampferflotte aus den
Gegenden Islands.
Die medizinisch nicht zu verwendende Handelsmarke +Coast Cod
oil+ wird aus den Lebern des Meer- oder Seehecht, Kümmel- oder
Hechtdorsch, _Merluccius vulgaris_ (_Gadus merluccius_), des Leng,
_Molva vulgaris_ (_Gadus molva_, _Lota molva_, _Asellus longus_),
des Sejfisch, Wittling oder Weißling, _Gadus merlangus_ (_Merlangus
vulgaris_, Fig. 197), des Köhler, _Gadus virens_ (_Merlangus
virens s. carbonarius_, in dorscharmen Jahren auch sonst zur
Lebertrangewinnung herangezogen ~H. Meyer~), des Schellfisch (s.
oben) und des Eishai oder Haakjerring (_Laemargus_ oder _Seymnus
borealis_ und _brevipinna_) dargestellt. Französische Fischer (von
Boulogne und Graveline) fangen in der Nordsee besonders den Leng
(Elingue). Haifischleberöl wird in Island, Norwegen und Californien
gewonnen.
Leberöle werden auch noch dargestellt außer von der Brosme, dem Lub
oder Torsk (_Brosmius brosme_), der an den Küsten Norwegens, bei
den Faröer Inseln und Island häufig ist, von dem Meerengel (_Rhina
squatina_, _Squatina vulg._), dem Thunfisch (_Thynnus vulg._), dem
Dorn- oder Nadelrochen (_Raja clavata_) und Glattrochen, Tepel,
Tegel, Fleten (_Raja batis_).
=Lit.= Abbild. u. Beschreibung: ~Brandt-Ratzeburg~, Mediz. Zoologie
1833, t. IX. -- ~Martiny~, Naturgesch. d. f. d. Heilk. wicht. Tiere
1854, t. XI. -- ~Guibourt~, Hist. nat. d. drog. simpl. VII. Aufl. --
~Brehm~, Tierleben. -- ~Beauregard~, Mat. méd. zoolog. 1901, Fig. 72.
=Gewinnung.= Die Gewinnung des Lebertrans erfolgt an der norwegischen
Küste, besonders bei den +Lofoten+, einer felsigen Inselgruppe unter
67-69° n. B., in dem Vestfjord zwischen diesem und dem Festlande
(vgl. die Karte), wo die ersten Züge der Fische schon Ende Dezember,
die Hauptmassen aber erst von Mitte Januar an, besonders aber im
Februar-April erscheinen. Meist dringen sie zwischen den Inseln am
südwestlichen Ende der Gruppe (Moskenaes und Vaerö, Flakstadö, Röst und
Ost- und West-Vaagö) in den Fjord ein und verteilen sich in diesem, in
der Tiefrinne (s. d. Karte) nach Norden geführt, an den Laichstellen,
«Banken». Dann wird Dorschfang und Trangewinnung auch an anderen
Küstenpunkten Norwegens, wie z. B. in Romsdalen, im Throndhjemer Fjord,
bei Aalesund und im nördlichen Finmarken betrieben -- Finmarken liefert
jetzt viel Öl -- sowie an den Küsten Islands, den Faröer-, Shetland-
und Orknay-Inseln. Endlich wird auch bei Neufundland, Neuengland,
Neuschottland und in der Nordsee «Tran geschmolzen» (die Geestemünder
senden schon 200 Schiffe auf den Fang), weniger in der Ostsee.
[Illustration: Fig. 202.
Die hauptsächlichsten Dorschfangorte der norwegischen Küste. [Mit
Benutzung der Karten von +Peckel Möller+, gez. von +A. Tschirch+.]]
[Illustration: Fig. 203.
In Finmarken gebräuchlicher Apparat zur Dampftranbereitung.
A Konischer Behälter aus Holz,
B Deckel,
C Dampfrohr,
D, E Ablaßhähne.
[+Bull+ gez.]]
[Illustration: Fig. 204.
Auf den Lofoten gebräuchlicher Apparat zur Dampftranbereitung.
A Schmelzkessel,
B Wasserbad,
D, F, G Feuerung.
[+Bull+ gez.]]
Die Fabrikation erfolgt in den norwegischen Gewässern meist in Fabriken
an Land, seit die Segler zum Teil durch Dampfboote ersetzt wurden,
also der Fang, der übrigens meist in der Nähe der Küste erfolgt, rasch
an Land gebracht werden kann. Das Gewicht einer Leber beträgt im
Durchschnitt ½ Pfund. Die größten beobachteten Lebern wogen gegen 11
Pfund. Die Farbe guter Lebern ist sahnenartig, die Konsistenz weich.
Magere Lebern sind zäh und rötlich, kranke fleckig und grünlich. Es
wechselt dies nach den Jahren («auf 7 fette folgen 7 magere Jahre»,
sagt der Fischer). In den norwegischen Gewässern wird möglichst
bald, nachdem der Dorsch gefangen ist, die große, sehr fettreiche
Leber herausgeschnitten, die Gallenblase und event. kranke Teile
abgetrennt, die Leber gewaschen und nun entweder zerschnitten und
unter gelindem Drucke ausgepreßt (Pharm. helv. IV «das durch gelinden
Druck ausfließende Öl») oder in großen Kesseln durch Einleiten von
Dampf rasch aufgekocht bzw. durch Heizen der schmalen, hölzernen,
doppelwandigen Kessel mit Dampf von außen auf 60-70° (nicht über 80°,
Pharm. nederl.) erhitzt oder endlich in einen 200-300 l fassenden
Kessel von Weißblech oder verzinntem Eisen gebracht und dieser auf
ein direkt oder durch Dampf geheiztes Wasserbad gesetzt. -- Die
+Wasserbadmethode+ (Fig. 204), die die älteste und die zeitraubendste
ist, aber die höchste Ausbeute und die beste Qualität Öl liefert, wird
besonders auf den Lofoten und südlich, die +Dampfmethode+ (Fig. 203)
in Finmarken geübt. -- Diese Methoden werden an Land benutzt (1898
gab es 120 Dampfapparate). Zum Gebrauche auf den Schiffen bedient man
sich abgestumpft-konischer hölzerner Gefäße, in die man, nachdem die
Lebern eingebracht sind, überhitzten Dampf leitet (1898 gab es deren
40). Die deutschen Hochseefischer benutzen zum Ausschmelzen der Lebern
in den Dampfkessel der Maschinen der Schiffe eingelassene Gefäße.
Hauptsache ist bei allen diesen Methoden, daß die Leber frisch ist
und daß die Erhitzung nicht zu hoch ist (nicht über 70°) und nicht
zu lange (nicht über ¾ Stunde) dauert. Das bei diesen Methoden
austretende Öl wird abgeschöpft, durch Absetzenlassen geklärt und bevor
es in die mit Holz umgebenen Weißblechtonnen gefüllt wird, filtriert.
Schon hierbei scheidet sich, da ja die Temperatur zu jener Zeit in den
Gegenden, wo die Gewinnung erfolgt, niedrig ist, ein Teil der festen
Fettbestandteile ab. Um diese Bestandteile noch weiter abzuscheiden und
ein auch bei 0° klar bleibendes Öl zu erhalten, wird dann der Lebertran
durch Kältemischungen (Eis und Kochsalz) in Kühlkammern auf etwa -5°
abgekühlt oder auch nur der Winterkälte ausgesetzt und bei möglichst
niedriger Temperatur durch Filterpressen oder Filtersäcke filtriert.
Das Abgeschiedene, durch hydraulische Pressen vom Öl befreite geht als
«Fischstearin» in die Seifenfabrikation oder als «Fischtalg» in die
Gerbereien. Da die Luft bei dieser Fabrikationsweise verändernd auf
den Lebertran einwirkt, findet neuerdings da und dort das Ausschmelzen
in einer Kohlensäureatmosphäre statt (~Peter Moeller~). ~Heyerdahl~
empfahl in einer Wasserstoffatmosphäre zu arbeiten. Dieser sorgfältig
aus frischen Lebern an der norwegischen Küste bereitete Lebertran
ist der sog. helle +Medizinaltran+, +Dampflebertran+, norwegischer
Medizinal-Dorschtran oder Fabriktran I. Qualität, der von einigen
Pharmakopoeen (D. A. V., Ph. austr.) ausdrücklich verlangt wird. Aber
auch der durch einfaches Auspressen oder spontanen Austritt (s. unten)
gewonnene sog. +natürliche+ Lebertran kann noch in seinen besten Sorten
medizinisch benutzt werden.
Bei dem in Ostende benutzten Verfahren von ~Henseval~ und ~Huwart~
vermischt man die gut gewaschenen Lebern mit ⅕ Wasser und leitet
unter Umrühren soviel Dampf von ¼ Atm. ein, daß die Temperatur
nach 40 Minuten 70-75° beträgt. Nach ½ Stunde Ruhe wird das Öl (¼
der Gesamtmenge) abgeschöpft (durch Pressen wird eine Sekundasorte
gewonnen). Das abgeschöpfte Öl wird dann, nachdem es zwei- bis
dreimal mit Wasser von 50° gewaschen, in hermetisch geschlossenen
Behältern im Eiskeller abgekühlt, um das Stearin abzuscheiden.