b) eine schlechtere Sorte: «+Olio ricino per uso industriale+» oder

«+Olio ricino per le arti+».

Dies italienische Ricinusöl zu pharmazeutischen Zwecken kommt in

viereckigen Blechkanistern à 5, 10 und 20 kg Inhalt in Handel. Das

zu technischen Zwecken gebrauchte entweder in Kisten mit je zwei

Blechkanistern à 18 kg Inhalt oder in Fässern (Barrels) à c. 180 kg.

~Grossmann~ unterscheidet: Ol. ric. med. extra prima weiß «Crème»

(das teuerste), in Kisten à 4 Kan. à 20 kg, dann prima weiß, dies

auch in Barrels von c. 180 kg. Dann: erste Pressung und zweite

Pressung.

Ricinussamen kommen besonders aus Calcutta, Bombay, dem Senegal,

Italien, der Levante und Amerika in den Handel. Von den indischen

geht viel nach Italien (~Dymock~). Sie sind zurzeit ein großes

Spekulationsobjekt, so daß die Preise stark schwanken.

Marseille ist Hauptmarkt für Ricinussamen (1895 gelangten dorthin

22672 t). +British Indien+ exportierte Castor oil nach England und

Kolonien 1907/08: 1485431, 1908/09: 1076692 gall., nach anderen

Ländern 1907/08: 23114, 1908/09: 23275 gall. +Italien+ exportierte

1909: 56 und importierte 1909: 126684 quint. semi di ricino

und exportierte 1907: 5391, 1908: 3454, 1909: 2292, 1910: 4766

quint. olio di ricino. +Deutschland+ importierte 1909: 80990 dz

+Ricinussamen+ aus Brit. und Nied. Indien und 84934 dz +Ricinusöl+

besonders über Belgien und Großbritannien, etwas auch aus Italien.

+Hamburg+ importierte 1908: 63482 dz +Ricinussamen+, davon stammten

56233 aus Brit. Ostindien, 6446 aus Nied. Ostindien, nur wenig aus

Ostafrika. +Hamburg+ importierte 1908 seewärts: 34660 dz +Ricinusöl+.

Davon kamen aus Großbritannien: 25664, Belgien: 6076, Frankreich:

2451, Italien: 234, den Niederlanden: 229. Die Einfuhr von Castor

oil nach +London+ betrug 1906: 767, 1907: 827, 1908: 317, 1909: 178

casks und 1906: 1040, 1907: 949, 1908: 828, 1909: 599 cases. (1897

importierte England 155850 cwts Castor seeds aus Frankreich, Indien,

Belgien und Italien.) +Frankreich+ importierte 1908 +huile de ricin+

et de pulghère 10032 Quint. +Nordamerika+ importierte 1896: 22890,

1909 aber nur 6847 gall. Castor oil.

=Lit.= ~Schulte im Hofe~, Fabrik. u. Verwend. v. Ricinusöl in

Indien. Apoth. Zeit. 1900, 824. -- ~Ainslie~, Mat. med. I, 256.

-- ~Watt~, Dict. econ. prod. Ind. -- Pharm. Zeit. 1904, 1052. --

~Wright~, Med. pl. of Jamaica, London med. journ. 8. -- ~Vorderman~,

Castorolie-Fabricage op Java. Teysmannia 1894, 713.

=Morphologie des Samens.= Die Samen sind von sehr verschiedener Größe

und sehr verschiedener Farbe. Selbst bei derselben Varietät finden

sich Spielarten mit großen und kleinen Samen. Die Länge der Samen

schwankt von 9-22, die Breite von 6-15, die Dicke von 4,5-9 mm. Die

größten sind die vom Kongo und die Sansibar. Die medizinalen Samen

messen meist 4,5 : 6 : 9 mm, gehören also zu den kleinsten. Das Gewicht

von 100 Samen beträgt 11,8-107 gr, das Gewicht des Kerns beträgt

60,8-80,6% (~Bruyning~). Am häufigsten ist bei den medizinalen Samen

die Grundfarbe ein gesprenkeltes Silbergrau, in welches unregelmäßige,

nicht sehr breite, längsgestreckte, rotbraune Flecke eingestreut sind.

Die Variationen kommen besonders dadurch zu stande, daß entweder

die grauweiße Grundfarbe prävaliert und die Flecke zurücktreten

oder umgekehrt die braunen Flecken, die in allen Nuancen des Braun

bis zu Schwarz vorkommen, die Oberhand gewinnen, in wenigen großen

oder zahlreichen kleinen Flecken auftreten, ja ganz die Grundfarbe

verdrängen. Der Same ist ellipsoidisch, etwas plattgedrückt, an der

Bauchseite bisweilen zugeschärft. Er trägt an der Spitze eine helle,

mützchenartige Caruncula. Die Samenschale ist spröde und brüchig,

glänzend und glatt. Das reichlich entwickelte, weiße, ölig-fleischige

Endosperm zerfällt leicht in zwei Hälften. Innen liegen ihm die beiden

dünnen, geaderten, blattartigen Cotyledonen auf.

=Anatomie.= Das hemianotrope Ovulum hat zwei Integumente. Eine

große Funicularwucherung (Obdurator) legt sich über die Mikropyle.

Durch reichliche Vermehrung des Gewebes an der Chalaza entsteht

eine becherartig den Embryosack umfassende, von Gefäßbündeln

durchzogene Wucherung, die den Nucellus nach oben schiebt, ein

Pseudonucellus (~Schlotterbeck~). Aus dem äußeren Integumente

gehen drei Schichten hervor: die aus polygonalen Zellen bestehende

Samenschalepidermis, deren Außenwand mit unregelmäßigen zentripetalen,

«gekröseartigen» (~Moeller~) Verdickungen versehen ist und die bei

den gefärbten Stellen der Samenschale den Farbstoff führt, ein

4-6reihiges, reichdurchlüftetes, aus sternförmigen Zellen bestehendes

Schwammparenchym, in dem das Raphebündel zur Chalaza läuft und

eine Reihe etwas palissadenartig gestreckter, dünnwandiger, c. 20

mik hoher Zellen, deren Seitenwände bisweilen wellige Verbiegungen

zeigen. Aus dem inneren Integument geht zunächst die nun folgende

breite, außerordentlich harte Makrosklereïdenschicht hervor, die

aus stark radial gestreckten, radial oder schief radial gestellten,

miteinander verzahnten, bis 200 mik hohen, 8-15 mik breiten (~Moeller~)

Palissadensklereïden mit dicker, brauner, verholzter Wand besteht,

sodann die Nährschicht. Diese besteht beim unreifen Samen aus einem

aus sehr zahlreichen Zellreihen aufgebauten, reich durchlüfteten

Gewebe, das aber beim reifen Samen ganz zusammengefallen ist, aber

Oxalatkristalldrusen und nadelförmige, oft sternförmig vereinigte

Fettkristalle enthält (~Collin-Perrot~) und das die zahlreichen

Bündelchen führt. Es ist dies die sich als weißes Häutchen leicht

vom Samenkern ablösende innere Samenhaut der Autoren. Ihre Zellen

enthalten oft Calciumoxalat und auch wohl Fett. Löst man die harte

Schale von einem reifen Samen vorsichtig ab und legt den Kern in

Phloroglucinsalzsäure, so sieht man, daß das von der Chalaza

ausgehende reichverzweigte Bündelnetz nicht bis ganz zur Spitze reicht,

der oberste Teil also nicht von der Chalazawucherung umschlossen ist.

Da der echte Nucellus ganz resorbiert wird, so liegt hier nur Endosperm

(~Schlotterbeck~). Der Obdurator ist beim reifen Samen durch die

Caruncula ganz verdrängt. Sein Gewebe besteht aus reichgetüpfelten,

bisweilen Stärke führenden Zellen. Die Zellen des reichlich

ausgebildeten, die Hauptmasse des Samens ausmachenden Endosperms sind

dünnwandig und enthalten, in Ölplasma eingebettet, zahlreiche längliche

oder kugelige, meist 7,5-15, selten bis 20 mik große Aleuronkörner

(Fig. 196), die außer Grundsubstanz meist 1-2 wohlausgebildete

Kristalloide und ein großes oder mehrere kleinere Globoide enthalten

(~Lüdtke~).

Die +Kristalloide+ der Aleuronkörner von Ricinus sind unlöslich in

Wasser, 1% Kochsalzlösung, 1 und 5% und konz. Magnesiumsulfat, 1%

und konz. Ammonsulfat, 1% Chlorammon, 20% Kaliummonophosphat, konz.

Dinatriumphosphat, löslich in 10% Kochsalz, 20% Magnesiumsulfat, 10%

Ammonsulfat, 10 und 20% Chlorammon, Kalkwasser und Salzsäure. Die

+Grundsubstanz+ löst sich in Wasser und allen übrigen verdünnten

Salzlösungen. Die +Globoide+ sind unlöslich in Wasser, 1% Kochsalz,

1% Magnesiumsulfat und Kalkwasser, sonst in Salzlösungen im

allgemeinen leicht löslich, sehr schwer in konz. Magnesiumsulfat

(~Tschirch~ und ~Kritzler~).

[Illustration: Fig. 196.

+Aleuronkörner des Ricinussamens.+

A in starkem Glycerin, B in verdünntem Glycerin, C in Glycerin erwärmt,

D nach Behandeln mit Jodtinktur und Schwefelsäure, das Ölplasma ist

zurückgeblieben. [Nach +Sachs+.]]

Die innerste Schicht des Endosperms besteht aus der Quellschicht

(~Tschirch~). Die nur 130 mik dicken Cotyledonen sind breit blattartig

und den Innenseiten des in der Mitte gespaltenen Endosperms mit

breiter Fläche fest angefügt. Sie enthalten in dünnwandigen Zellen

Aleuronkörner, die sehr viel kleiner als die des Endosperms, oft nur

1 mik, meist jedoch 2-4 mik lang sind. In den Procambiumsträngen, die

als zartes Adernetz die Cotyledonen durchziehen, sind die Aleuronkörner

noch kleiner. Ober- und Unterseite ist bei den Cotyledonen nicht

different ausgebildet. Da beim Verfüttern der Preßkuchen wiederholt

Vergiftung beobachtet wurde, ist der mikroskopische Nachweis von

Ricinuskuchen oft erwünscht.

=Lit.= ~Gris~, Note sur le dével. d. l. graine du Ricin. Ann.

sc. nat. (4) 15 (1861) 17 (1862) und (5) 2 (1864). -- ~Harz~,

Landwirtsch. Samenkunde. -- ~Pammel~, Seed coats of the Gen.

Euphorbia. Shaw School of bot. 1891, 543. -- ~G. Keyser~, Beitr. z.

Entwicklungsgesch. d. Samendecken bei d. Euphorb. m. bes. Berücks.

v. Ricin. commun. Ber. d. pharm. Ges. 1892 (dort die Lit.). --

~Schlotterbeck~, Beitr. z. Entwicklungsgesch. pharmakogn. wicht.

Samen. Dissert. Bern 1896 (mit vielen Abbild.). -- ~Lüdtke~,

Aleuronkörner. Ber. d. pharm. Ges. 1891, 58. -- ~Gram~ (Samensch. d.

Euphorb.), Bot. Tidskrift 1896, 358. -- ~Collin~, Tourteau de Ricin.

Journ. pharm. chim. 1903, 361 u. Guide prat. 1893. -- ~Böhmer~,

Kraftfuttermittel 1903, Ölkuchen in ~Dammers~ Lexikon 1887 und in

~König~, Landwirtsch. wicht. Stoffe 1891. -- ~T. F. Hanausek~ in

~Wiesner~ Rohstoffe. -- ~Sachs~, Lehrbuch (Aleuron). -- ~Tschirch~,

Angew. Anatomie, Fig. 36. -- ~Tichomirow~, Lehrbuch 1900. -- ~Vogl~,

Kommentar 1892. -- ~Moeller~, Mikroskopie II. Aufl., Fig. 348-350. --

Preßkuchen: ~Collin-Perrot~, Resid. industr., Fig. 14 u. 15.

=Chemie.= Die Zusammensetzung der ungeschälten Samen ist im

Durchschnitt in %: Wasser 6,46, Stickstoffsubstanz 18,75, Fett 51,37,

stickstofffreie Extraktsubstanz 1,5, Rohfaser 18,1, Asche 3,1 (~König~).

~Schädler~ fand in geschältem italienischem (und indischem) Samen

in %: +Öl+ 52,6 (55,2), +Eiweiß+ 20,5 (19,3), +Zucker+ 2,1 (2,2),

+Asche+ 2,9 (3,4), +Wasser+ 8 (7,3). Die Samenkerne (und Schalen)

enthalten in % (nach ~Maillot~): Öl 52,2 (0), sonst in Alkohol

und Äther löslich 4,2 (10,4), Eiweiß 26,6 (15,3), Zucker 2,2 (0),

Rohfaser 5,7 (59,6), Asche 2,4 (3,1), Wasser 4,4 (10,5). ~Fleury~

fand (1865) im Samen 3,23% N. (= 20% Eiweiß), 46,6% Öl, 2,2% Zucker

und Schleim, 18% Cellulose.

-------------------------+------------+------------------------------

Die Preßkuchen | ~Johnston~ | ~Décugis~

zeigen folgende | Amerikan. | aus ganzen | aus geschälten

Zusammensetzung: | Ricinus | Samen | Samen

=========================+============+============+=================

Wasser | 2,54 | 9,85 | 10,38

Fett | 18,20 | 5,25 | 8,75

Stickstoffsubstanz | 27,00 | 20,44 | 46,37

Nicht stickstoffhaltige | } | |

Substanz | } 43,42 | 49,44 | 24,00

Rohfaser | } | |

Asche | 6,14 | 15,02 | 10,50

Stickstoff | 4,32 | 3,67 | 7,42

Phosphorsäure | 2,04 | 1,62 | 2,26

Die Eiweißkörper bestehen aus viel +Globulinen+, wenig +Albumin+,

+Nucleoalbumin+ und +Glykoproteïn+ (~Taylor~, ~Osborne~, ~Mendell~

und ~Harris~).

Nachgewiesen ist z. B. das Globulin, +Edestin+ (+Osborne+ und

+Campbell+) (= Conglutin C = 51,65, H = 6,89, N = 18,75, O =

21,86, S = 0,85%), das durch Chlornatrium nicht, wohl aber durch

Magnesiumsulfat vollständig gefällt wird und bei der Dialyse

oktaëdrische Kristalle oder Sphäroide gibt. Es ist auch in vielen

anderen Samen (Hanf, Lein, Kürbis, Baumwolle, Cocos, Weizen,

Roggen, Mais) gefunden worden. Die Kristalloide der +Aleuronkörner+

bestehen aus einem Globulin, die Globoide enthalten ebenfalls ein

Globulin, daneben aber, oder damit verbunden, das Ca-Mg-Salz einer

gepaarten Phosphorsäure, die Grundsubstanz neben einem Globulin wohl

auch Albumosen (~Tschirch~ und ~Kritzler~). In den Keimpflanzen:

+Asparagin+, +freie Fettsäuren+, aber kein Glycerin, viel +Zucker+,

+Pepton+ (~Green~), in den etiolierten Keimpflanzen Glutamin

(~Schulze~).

~Tusson~ isolierte 1864 aus den Samen das krist. +Ricinin+. Es enthält

Stickstoff, ist aber kein Alkaloid. ~Wayne~ fand es auch in den

Blättern; ~Schulze~ in den Keimpflanzen (~Schulze~ nennt es +Ricidin+).

(~Werners~ +Ricinin+ war etwas anderes, nämlich das Magnesiumsalz

einer organischen Säure.) Das Ricinin (nach ~Soave~: C₁₇H₁₈N₄O₄

F. = 194°, nach ~Evans~ = C₁₂H₁₃N₃O₃₁) bildet bitterschmeckende,

sublimierbare, optisch aktive, neutrale, wasserlösliche Kristalle, +die

keine Alkaloidreaktionen geben+, wohl aber die ~Weidel~sche und die

Murexidreaktion. ~Maquenne~ und ~Philippe~ fanden es zu 0,2% in den

Preßkuchen (F = 201,5°). Es erwies sich als ein Pyridinderivat von der

Formel C₈H₈N₂O₂. Es zerfällt folgendermaßen:

C---NH C---NH

/ \\ / / \\ /

HC C HC C

|| | + alkohol. -> || |

CH₃.C C.COOCH₃ KOH CH₃.C C.COOH

\ // \ //

N N

Ricinin Ricininsäure

O

C---NH C

/ \\ / / \

HC C HC C(OH)

|| | + rauch. HCl -> | |

CH₃.C C.COOH bei 150° CH₃.C CH

\ // \ /

N N

Ricininsäure H

Methyloxypyridon

Es ist giftig (~Soave~; ~Cornevin~ bestreitet 1897 die Giftigkeit),

besitzt aber keine abführenden Eigenschaften (~Dey~). Vom Ricinin ist

im Samenkern 0,03%, in der Samenhaut das fünffache enthalten. In grünen

Ricinuskeimpflanzen war die Menge desRicinins auf das zwölffache, in

etiolierten auf das fünfzehnfache gestiegen. Etiolierte Keimpflanzen

enthalten 2,43%, grüne 1,33% Ricinin (~Schulze~ und ~Winterstein~).

Ricinin wird auch in den Schalen (zu 1,5 ‰) angegeben (~Soave~).

Das Vorkommen von Amygdalin bedarf der Bestätigung.

In den reifenden Samen sind +proteolytische+ und +lipolytische Enzyme+

gefunden worden (~Green~, ~Nicloux~). +Reifer Ricinussamen enthält

eine sehr kräftige, zur Fettspaltung technische Verwendung findende

(D. R. P.+ 145413) +Lipase+ (~Connstein~, ~Hoyer~ und ~Wartenberg~; noch

wirksamer ist übrigens Chelidoniumlipase, ~Fokin~), die in 24 Stunden

90% der Fette aufspaltet. Daneben werden angegeben: +Invertase+ und

+Maltase+ (~Taylor~), ein +Labenzym+ (~Bruschi~), ein +diastatisches+

(~Brasse~) und +tryptisches+ Ferment, sowie ein die Fettspaltung

beschleunigendes säurebildendes Enzym (~Hoyer~). Die keimenden

Samen enthalten ein +proteolytisches+, dem +Trypsin+ ähnliches, ein

fettspaltendes und ein +Labferment+. Diese sollen im ruhenden Samen

als Zymogene enthalten sein (~Green~, ~Nicloux~). Bei der Keimung

werden die Globuline und Albumosen des Samens in Peptone und Asparagin

umgewandelt. Im keimenden Samen sind neuerdings neben Milchsäure und

Essigsäure +Katalase+, +Peroxydase+ und eine +Reductase+ (Hydrogenase)

gefunden worden (~Deleano~). ~M. Nicloux~ schreibt die lipolytische

Eigenschaft des Ricinussamens übrigens dem Cytoplasma («Lipasoidin»)

zu, nicht einem löslichen Enzym. ~Lamy~ erhielt aber das Enzym in

Lösung.

Die giftige Wirkung der Samen beruht auf einem Gehalte von etwa

3% an dem Toxalbumin +Ricin+. 1889 fand ~Stillmark~ dies +Ricin+

auf, das bereits ~Bübnow~ und ~Dixson~ 1887 in Händen gehabt und

+Ricinon+ genannt hatten. ~Stillmark~ extrahierte mit NaCl, fällte

mit Magnesiumsulfat und dialysierte den Niederschlag. Ricin ist

enorm giftig, mit 1 g kann man 1½ Mill. Meerschweinchen töten

(~Ehrlich~), 0,006 (= 10 Samen) töten einen Menschen (doch wirken

schon unter Umständen drei Samen giftig). Schon 0,002 mg der Substanz

pro 1 kg Körpergewicht wirken bei Kaninchen, 0,04 mg bei Hunden

tötlich (~Osborne~ und ~Mendel~). Ricin ist ein agglutinierendes

Toxin (~Stillmark~). Es bildet mit Abrin (in _Abrus precatorius_)

Crotin (vgl. S. 581), Curcin (~Siegel~, in _Jatropha Curcas_),

Robin (~Power~), und Phallin (in _Amanita phalloides_), sowie den

~Greshoff~schen Urticaceentoxinen die Gruppe der pflanzlichen

Blutagglutinine, d. h. der die Blutkörperchen zur Verklebung und

Ausfällung bringenden Toxalbumine, die ~Kobert~ als Gemische eines

Albumins mit einem Globulin betrachtet. Es wirkt agglutinierend auf

Frosch-, Säugetier-, Menschen- und Vogelblut, nicht auf Fischblut. Es

bringt Milch zum Gerinnen. Verdauung im Brutschrank schwächt es nicht

ab (~Kobert~). Die Angabe, daß Ricin durch feuchte Hitze von 90° und

trockene von 130° seine Giftigkeit verliert (~Miessner~), ist nicht

richtig (~Mooser~). Ricin nach der Phasindarstellungsmethode (Biochem.

Ztschr. 18 [1909] II, 549) bereitet, agglutiniert und enthält eine

toxische Komponente, ist also ein Phasin. Aber das Phytotoxin (α

Phytalbumose) +Ricin+, das erste aus einer höheren Pflanze isolierte

Proteid von toxalbuminartigem Charakter ist möglicherweise gar kein

Eiweißkörper. Denn ~Jacobys~ durch tryptische Verdauung von allen

Eiweißkörpern befreites, keine Eiweißreaktionen mehr gebendes Ricin

besaß noch vollkommen seine Giftigkeit und die agglutinierenden

Eigenschaften. Auch das reinste Ricin ist noch ein Gemisch. ~Jacoby~

betrachtet es als aus Vollgift, Toxintoxoid und Agglutinintoxoid

bestehend. ~Ehrlich~ zeigte, daß sich das Ricin wie ein Bakterientoxin

verhält, also im Körper die Bildung eines +Antitoxins+ des Antiricins

hervorruft und daß man also durch Einverleibung von Ricin Immunität

gegen Ricin erzielen kann. Das Ricin spielt daher im Ausbau von

~Ehrlichs~ Seitenkettentheorie eine Rolle. Das Antiricin des

Immunserums ist ziemlich resistent gegen Wärme und Säuren. Das Ricin

war das erste Gift, welches man (durch ~Ehrlich~) kennen lernte, das

ein Antitoxin im Blutserum erzeugt. Dann erst folgten Abrin, Crotin,

Schlangengifte und die Bakterientoxine.

Daß Ricinussamen giftig sind und schwere Magendarmentzündungen

hervorrufen können, ist seit langem bekannt. ~Beauvisage~ stellte 1894

die bekannten 155 Vergiftungsfälle zusammen. Aber auch die Preßkuchen

sind unter Umständen giftig, da außer der Hauptmenge der Lipasen auch

das Ricin in ihnen zurückbleibt. (Ricin ist in Öl unlöslich.) Aber

Tiere sind sehr verschieden empfindlich gegen das Gift (vgl. oben).

Pferde z. B. vertragen bis 100 g der Samen (~Bierbaum~), ebenso sind

Hühner ziemlich ricinimmun. Auch kann man durch langsame Gewöhnung oder

durch Ricininjektionen (~Cornevin~) die Tiere gegen Ricin immunisieren,

da ja im Blute Antiricin entsteht (Schafblutserum enthält sogar

normal ein Antiricin) und so ist selbst die vorsichtige Verfütterung

der an sich giftigen Preßkuchen, wenn man langsam steigende Mengen

gibt, ohne Schädigung möglich (~Kobert~), freilich immerhin nicht

ganz unbedenklich, so daß ~Nagel~ vorschlug, die Ricinuskuchen durch

Ausziehen derselben mit 10% Kochsalzlösung zu entgiften (Ricin geht in

Lösung). Neuerdings wird übrigens behauptet, daß bisweilen Vergiftungen

mit Ricinuspreßkuchen durch Beimischung der Preßrückstände anderer

giftiger Samen zu stande kämen (? ~Bierbaum~).

Der Nachweis, ob ein Preßkuchen Ricin enthält, kann +auf biologischem

Wege+ erbracht werden. 10 g des Preßkuchen werden 24 Stunden mit

100 g Glycerin bei 37° digeriert, filtriert und mit Alkoholäther

gefällt. Der Niederschlag wird gewaschen, getrocknet und mit 10%

Kochsalzlösung eine Stunde digeriert, dann filtriert und auf 200

ccm verdünnt. 1 ccm der Lösung wird mit 0,1 ccm Antiricinserum

überschichtet und im Thermostaten gehalten. Bei Anwesenheit irgendwie

wesentlicher Mengen Ricin tritt sofortige Fällung ein, bei geringen

Mengen nach einiger Zeit, bei Abwesenheit von Ricin bleibt die Lösung

klar (~Mooser~).

~Maillot~ fand in den Schalen 0,5% +Gallussäure+ und in den Kernen 1%

+Äpfelsäure+. Lösliche +Pentosane+ enthalten die Samenkerne nicht,

unlösliche sind in den entfetteten 2,12% enthalten. Die unlöslichen

Pentosane des Hemicellulosenrückstandes betragen 18,27% der entfetteten

Kerne. Die Samenschalen enthalten 18,77% Pentosane (~Godet~). Ferner

enthalten die Samen c. 2% +Saccharose+ (~E. Schulze~, ~Vallée~, ~Gram~)

und +Invertzucker+ (~Green~ u. ~Jackson~), +Lecithin+, +Bernsteinsäure+

(~Gram~), +Gummi+, einen +Bitterstoff+ und nach ~Green~ und

~Jackson~, die die saure Reaktion des Saftes darauf zurückführen,

neben organischen Säuren eine Spur freie Phosphorsäure. Die +Asche+

der Kerne beträgt 2,1-3,6%, die der Schalen 3,1-5% (~Bruyning~). Die

Asche der ganzen Samen beträgt 3-4%. Sie enthält 31,9% Phosphorsäure

und 19,8% Magnesia (~Schulze~ u. ~Godet~). Über die Lokalisation der

einzelnen Stoffe sind neue Untersuchungen nötig. Bemerkenswert ist,

daß ~Dierbach~ den «scharfen Stoff» als ausschließlich in der zarten

weißen Samenhaut lokalisiert angibt, ~Boutron~ und ~Henry~ ihn im

Eiweißkörper, ~Jussieu~ im Embryo suchen.

Ricinussamen enthalten im Kern bis 64,5% Öl (~Bruyning~ 1896). Der

Ölgehalt der Kerne (und das spez. Gew. des Öls) differierten bei den

einzelnen Varietäten. Sie betragen z. B. nach ~Peckolt~ bei var.

_microcarpus_ 56,17 (spez. Gew. 0,971), var. _genuinus_ 45,4 (0,970),

var. _badius_ 43,29 (0,962), var. _brasiliensis_ 43,29 (0,963).

~Greshoff~ fand bei Javasamen das Gewicht von 100 Samen 19,2-21,8-31 g

und den Ölgehalt des Kerns 50-58%, bei Senegalsamen 100 Samen 45,4 und

9,8 g und den Ölgehalt 61-64%, bei Curaçaosamen 100 Samen 9,5, Ölgehalt

62% (der Kern betrug 70-78,2% der Samen). In den ganzen Samen sind

meist 45-53% Öl enthalten (~Lewkowitsch~). Je wärmer das Klima, um so

größer der Ölgehalt (~Semler~).

=Ricinusöl=, =Oleum Ricini= (Ol. palmae christi, Ol. granae regiae,

huile de ricin, castor oil, lamp oil, olio di ricino, wonderolie,

κικινέλαιον) ist sehr dickflüssig, fast farblos und schwach gelblich

mit einem Stich ins Grünliche; fast ohne Geruch, von sehr eigenartigem,

hinterher kratzendem Geschmack, der bei amerikanischen Ölen stärker

hervortritt als bei italienischen und französischen. Es trocknet nicht

ein, selbst wenn es in sehr dünnen Schichten der Luft ausgesetzt wird,

sondern wird ausschließlich eine zähe Masse. Nach dem Einlegen in

konz. Kali, dem konz. Ammoniak zugesetzt wurde, treten im Öltropfen

sehr kleine Nadeln auf, ganz vereinzelt kleine Sphärite (~Hartwich~

und ~Uhlmann~). Das Öl besteht aus einer geringen Menge +Tristearin+

(~Mangold~, ~Krafft~), etwas, c. 1%, +Di(hydr)oxystearin+ (~Juillard~,

~Haller~, Dioxystearinsäure = Margaritinsäure, ~Bussy~ und ~Lecanu~)

und +Hydroxystearin+ (~Juillard~) und vorwiegend (über 80%) dem

Glycerinester der +Ricinolsäure+. +Palmitin+, +Olein+, Caprylalkohol

(~Bouis~), Önanthylalkohol (~Kolbe~) fehlen, +Isoricinolsäure+

(~Hazura~ und ~Grüssner~) ist fraglich. Durch Alkoholyse mit Methyl-,

Äthyl-, Propyl- und Isobutylalkohol unter Zusatz von 1-2% HCl konnte

~Haller~ die Glyceride der Stearin-, Ricinol- und Dioxystearinsäure,

nicht aber die beiden isomeren Ricinoleïne von ~Hazura~ und ~Grüssner~

erhalten. Es muß aber, wie die Jodzahl zeigt, eine geringe Menge einer

anderen ungesättigten Säure außerdem vorhanden sein. Die sich beim

Erkalten zu 3-4% ausscheidende feste Masse besteht aus Tristearin und

Triricinoleïn. Die hydroxylierte Fettsäure (Dihydroxystearinsäure)

macht nur 1% der Fettsäuren aus. Vielleicht ist auch etwas Sebacinsäure

darin. Amerikanisches Öl ist reicher an festen Glyceriden als indisches

und italienisches Öl. Die Elementarzusammensetzung des Öls ist: C = 74,

H = 10,26, O = 15,71 (~König~). Bei der Elaïdinprobe liefert Ricinusöl

eine weiße, feste Masse (Ricinelaïdin kristallisiert leicht).

Handbuch der Pharmakognosie(#71452) · 第 97 / 120 段