China und die Chinesen.
Das Land China, früher den verhaßten Fremden so fest verschlossen, ist
jüngst das Ziel des Wettlaufs europäischer Großmächte geworden, von
denen eine jede möglichst großen Anteil erstrebt an dem materiellen
Aufschwung, wie er sich dort durch den endlich begonnenen Eisenbahnbau
vorbereitet. Denn dieser Aufschluß Chinas für den Verkehr muß zu einer
gewaltigen Steigerung seines Außenhandels führen, und was bedeutet das
bei einer Bevölkerung, die sicher an Zahl diejenige von Afrika und
Amerika zusammengenommen weit übertrifft! Was für Summen sind allein
schon durch den Bau und Betrieb von Eisenbahnen, durch die rationelle
Ausbeutung der ungeheuern Steinkohlenlager in diesem Menschengewimmel
von China zu verdienen! Auch uns Deutschen winkt ein guter Gewinnanteil
hieran seit unserer rechtzeitigen Besitzergreifung von Kiautschou,
dieser trefflich gelegenen marinen Eingangspforte ins Innere von
Nordchina.
Jedoch ganz abgesehen von seiner wirtschaftlichen Bedeutung schon für
die allernächste Zukunft, ist China auch rein geographisch eins der
interessantesten Länder der Welt.
Zuvörderst imponiert das Land China, das zugleich im wesentlichen
den Staat China bildet, da die Außenbesitzungen in der Mandschurei,
Mongolei, im Tarimbecken und Tibet ihm doch nur lose anhängen, durch
seine Raumerfüllung. Es giebt nur wenige Länder auf Erden, die China
an Größe übertreffen, drei in Amerika, in Afrika die Sahara, in
Asien Sibirien, in Europa Rußland. Indessen bloß einige Randstücke
des europäischen Rußlands würden hervorragen, könnten wir China auf
Osteuropa decken. China kommt von sämtlichen kontinentalen Ländern
der Kreisgestalt am nächsten, die insofern für einen Staat am
günstigsten erscheint, als nach Ausweis der Geometrie diese Gestalt
die im Vergleich zur eingenommenen Fläche kleinste Umrißlinie besitzt,
kreisförmige Staaten mithin die kleinstmögliche Angriffslinie bieten.
Chinas Grenze ist dabei ziemlich gleich verteilt auf Land und Meer: die
Nordwesthälfte der Grenze zieht von der noch zum eigentlichen China
gehörigen Provinz Schöngking im Liaugebiet der südlichen Mandschurei in
etwas willkürlichen Zacken und Einbuchtungen durch die Übergangszone,
in der die Natur des abflußlosen Centralasien anhebt, durchweg vor
Länderräumen hin, die wie China von Völkern der mongolischen Rasse
bewohnt werden und der Macht der chinesischen Regierung unterstehen;
die Südostküste wölbt sich als selten gestörter Halbkreisbogen hinaus
in das stille Weltmeer. Die ungefähre Mitte des chinesischen Kreises
liegt da, wo der Jangtsekiang aus der großen Westprovinz, dem roten
Becken von Sötschuan, übertritt in die Provinz Hupe. Von hier aus läßt
sich ein Kreis mit einem Halbmesser von 1130 ~km~ beschreiben, über den
nur das nordöstliche Tschili (jenseit Peking) nebst Schöngking weiter
herausragt, falls wir die neuerdings zu den 18 alten Provinzen des
Kaiserreichs geschlagene ostturkestanische Mulde des Tarim, wie wir
geographisch müssen, bei Centralasien belassen. Und jener Halbmesser
gleicht der Entfernung des äußersten Südwestens Deutschlands von
der Nogatmündung ins frische Haff oder dem Abstand Hamburgs von Kap
Landsend an der Westspitze Südenglands.
China bildet ein uraltes Bestandstück des asiatischen Festlandes,
das seit der Juraperiode nie wieder vom Ozean überflutet wurde. Sein
Felsgerüst besteht aus altkrystallinischen Gesteinen, aus paläozoischen
Schiefern, Kalk- oder Sandsteinlagen und älteren mesozoischen
Schichten; dagegen fehlen Kreideformation und marines Tertiär gänzlich,
nirgends blinken weiße Kreideklippen hervor wie bei uns in Rügen,
nirgends schaut man die schluchtigen Thäler und mit Plattenform
gipfelnden Kreidesandsteingebirge wie bei uns in der sächsischen
Schweiz; ebenso wenig erblicken wir jüngst erloschene Vulkane neben
noch thätigen wie in dem großen Gürtel fortgesetzter vulkanischer
Thätigkeit, der sich vom Malaien-Archipel über Formosa und Japan bis
zum Beringsmeer hinzieht.
Eine weite Tiefebene besitzt China bloß im Nordosten; das ist die gelbe
Lößniederung, aus der die gebirgige Schantung-Halbinsel spornartig
hervorragt. Im übrigen ist China überwiegend gebirgig; und zwar bedingt
sein Gebirgscharakter eine strenge Scheidung des Landes in eine Nord-
und eine Südhälfte. Als eigentlichen Reichsteiler hat uns Richthofen
eine Fortsetzung des uralten Kuenlun, dieses echten Rückgratgebirges
von ganz Asien, kennen gelehrt. Es ist der Tsin-ling-schan, der,
die Hauptrichtung des Kuenlun, Ost zu Süd, aus Innerasien nach
China übertragend, mit nur geringer Unterbrechung quer durch Chinas
Mitte bis gegen Nanking reicht. Dieser Reichsteiler scheidet nun
nicht allein die Gebiete der zwei Riesenströme, die China aus dem
fernen Quellenschoß Centralasiens mit östlichem Abfluß empfängt, den
Huangho und den Jangtsekiang, sondern er trennt auch zwei wesentlich
verschiedene Gebirgssysteme voneinander ab. Nordchina stellt ein
verschüttetes Gebirgland dar; hier haben in entlegener Vorzeit trockne
Winde feinkrumige, lehmige Verwitterungsmassen, sogenannten Lößlehm, in
gelben Wolken über Berg und Thal gebreitet, und Graswuchs hat jede neu
aufgewehte Lößdecke durch das Wurzelwerk in sich wie mit der älteren
Unterlage verfestigt, so daß gewöhnlich nur die Kämme der Gebirge mit
ihren festen Felsmassen anstehenden Gesteins aus der bis auf Tausende
von Metern aufgeschütteten braungelben Lößumhüllung aufragen wie
Dachfirsten eines deutschen Gebirgsdorfes, wenn es zur Winterzeit
in tiefem Schnee begraben worden. Trotzdem ist die nordchinesische
Gebirgslandschaft keineswegs bloß aus abgerundeten Gebirgskämmen mit
dazwischen gelagerten flachen Hochlandmulden ungeschichteten Lößes
zusammengesetzt; vielmehr haben die fließenden Gewässer ein äußerst
vieladriges System schluchtiger Thalwege in den weichen Lößschutt
eingearbeitet, dessen senkrecht verlaufende Haarröhrchen, herstammend
von längst abgestorbenen Graswurzeln, die geradezu groteske Ausbildung
immer ganz steiler Thalwände bedingen. Von diesen nackten Gehängen der
Lößschluchten heben noch gegenwärtig bei trockener Witterung die Winde
gelben Staub empor, daß die Sonne dann bleich durch eine fahlfarbene
Atmosphäre schimmert, Fußgänger wie Fuhrleute samt ihrem Geschirr, die
unten im Lößthal ihres Weges ziehen, über und über lößgelb werden.
Natürlich tragen die Flüsse den von ihnen so leicht abgenagten oder in
sie hineingewehten Löß seewärts; von seiner deshalb stets lehmfarbigen
Wassermasse führt der Huangho d. h. der gelbe Fluß seinen Namen, er
schüttete die gelbe Deltaflur des Nordostens auf, in der er bald süd-,
bald nordwärts der Schantung-Halbinsel seine Mündung suchte, wie ein
ungebärdiges Ungetüm sich in seinem Bett hin und her wälzend, die ihn
einengenden Schutzwälle von Menschenhand durchbrechend, und stiftete
dem seine trüben Fluten aufnehmenden Innengolf des ostchinesischen
Meeres den Namen Huanghai d. h. gelbes Meer.
Anders in Südchina! Hier halten die Gebirgszüge noch weit allgemeiner
als in Nordchina sinische Streichung ein, also die Richtung Südwest zu
Nordost; in langen Parallelreihen ziehen sie so gegen jene chinesische
Fortsetzung des Kuenlun, gegen den Tsin-ling-schan hin, in dessen Nähe
sie ostwärts umbiegen, da ihre Auffaltung an dem bereits vorhandenen
alten Querriegel offenbar ein Hemmnis fand; und, was die Hauptsache
ist, sie sind ohne Lößverschüttung geblieben. Unverhüllt recken
sie mithin ihre Gipfelzinnen gen Himmel, keine Lößwehen haben die
Böschungen ihrer Gehänge verkümmert, in hurtigem Schuß eilen von ihren
Höhen die Gewässer hernieder und verbinden sich zu klaren, unvertrübten
Strömen. Allen voran steht der Ta-kiang, der „große Strom“, den
wir Jangtsekiang zu nennen pflegen; nachdem er, der hochgeborene
Tibetaner, innerhalb des Sötschuan-Beckens durch Aufnahme ansehnlicher
Seitenflüsse vollkräftig geworden, durchtost er gegen die Landesmitte
hin, in eine wundervolle Thalschlucht eingeengt, zwischen hochragenden
Felswänden noch eine ganze Staffelreihe von Stromschnellen, um sodann,
majestätisch ruhig seinen Vorzug, der schiffbarste Strom Chinas
zu sein, zur vollen Geltung zu bringen, bis er in dem seenreichen
Delta mündet, das im Norden der tumultuarische Huangho Jahrhunderte
lang mit ihm bauen half, ehe er sich 1852 launisch von ihm abwandte.
Der schönste Schmuck wird Südchina verliehen durch seine immergrüne
Pflanzenwelt. Während der Löß Nordchinas wie der in anderen Ländern dem
Waldwuchs sich abhold zeigt, durch die außerordentliche Fruchtbarkeit
seines fein aufgeschlossenen, völlig steinfreien Bodens hingegen Feld
an Feld reiht von dem Niveau der Niederung bis zu St. Gotthardshöhe,
hält sich der Bodenanbau Südchinas mehr an die Thalsohlen und die
unteren Gehängestufen, darüber aber prangt noch eine ursprüngliche
Vegetation immergrüner Strauch- und Baumarten mit einer für China
überhaupt bezeichnenden Fülle von Holzgewächsen, unter denen die
Kamelien, die Verwandten des Theestrauchs, eine tonangebende Rolle
spielen.
Wenn der Wintermonsun aus Nordwest die furchtbar kalte Luft
Ostsibiriens und der Mongolei über China breitet, so erwärmt sich
dieser Luftstrom nur langsam beim Vorrücken in diesem Land, das doch
mit Italien und Nordafrika die Breitenlage teilt. Selbst in Kanton,
obwohl es bereits innerhalb des Wendekreises liegt, giebt es noch
gelegentlich Schneefälle. Immerhin hat Südchina noch verhältnismäßig
milde Winter; in seinem Tropenanteil erinnern Palmen und Elefanten
an Indien, es gedeihen auch noch weiterhin Orangen und Zuckerrohr,
Theebau findet überall seine Stätte. In Nordchina wird dieser durch den
anhaltenden Frost ausgeschlossen; Peking, trotzdem es südlicher liegt
als Neapel, hat einen Winter wie Petersburg, Mukden in Schöng-king,
die große Stadt der Kaisergräber, genau unter Roms Breite, erduldet im
Januar weit härtere Kälte als Moskau. Dreht sich dann aber im Frühjahr
der Wind in die entgegengesetzte Richtung, setzt der ebenso anhaltende
Sommermonsun aus Südost ein, so lagert sich eine aus dem Tropengürtel
kommende heiße Luft über ganz China, und befruchtende Regen ergießen
sich über seine Reis- und Baumwollenfelder, am reichlichsten
naturgemäß über Südchina. Der thermische Gegensatz zwischen Süd und
Nord, wie er im Winter bestand, ist dann ganz ausgetilgt; man spürt
kaum einen meßbaren Wärmeunterschied zwischen Kanton, Schanghai
und Peking, denn die Wärme nimmt während des Hochsommers in China
überhaupt nicht von Norden nach Süden zu, sondern vielmehr gegen das
Glutgebiet des südasiatischen Inneren hin, also gen Westen. Schon von
Hankau, der wichtigen Handelsstadt in Hupe, wo die große nordsüdliche
Verkehrsstraße den Jangtsekiang kreuzt, heißt es: „Wenn der Teufel
dort eine Zeit lang im Sommer verweilte und dann wieder in seine
Hölle zurück käme, so würde er seinen Überzieher brauchen.“ Nur noch
einmal begegnet auf Erden ein Land, das unter einem ähnlichen Einfluß
jahreszeitlicher oder Monsunwinde schwankt zwischen arktischer Kälte
und tropischer Hitze, begleitet von tropenhaften Regengüssen vom
nahen Meer her. Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Während
indessen hier die Segensgaben des heißfeuchten Sommerwindes fast
ausschließlich dem östlichen Landesdrittel beschert werden, erfährt
China in seiner Gesamtheit den Wechsel erfrischender Winter und
tropischer Sommer im regelmäßigen Wandel der Horen, mithin die Gunst
der gemäßigten und der heißen Zone in seltenster Verknüpfung.
Jahrtausende hindurch sind nun die Chinesen den Einwirkungen der Natur
dieser ihrer endgültigen Heimat ausgesetzt gewesen. Mögen sie also auch
manchen Zug ihres Wesens schon von ihrem früheren, wie man vermutet,
ostturkestanischen Wohnsitz mitgebracht haben, es verlohnt sich gewiß
zu prüfen, inwiefern China seine Chinesen auf dem Wege tellurischer
Züchtung ausbilden half. Ja man hat hier sogar den nirgends sonst
wiederkehrenden Fall vor Augen, daß ein nach Hunderten von Millionen
zählendes Volk so lange Zeit immer den nämlichen Natureinflüssen
unterstanden hat. Ein wahres Massenexperiment, wie es sich der Geograph
nicht besser wünschen kann!
Da drängt sich uns zuerst im Anschluß an das kurz vorher Erörterte die
Schlußfolgerung auf, daß der alljährlich von den wechselnden Monsunen
gebrachte Gegensatz zwischen polarer Winterkälte und tropischer
Sommerhitze keinerlei Menschen in diesem Reich der Mitte duldete,
die allzu zärtlich nur mäßige Temperaturschwankungen vertrugen, daß
mithin auf diesem Boden nur diejenigen sich lebensfähig erwiesen,
die der Kälte gleiche Widerstandskraft entgegensetzen wie der Hitze,
gewissermaßen also in dieser Hinsicht die Körperleistung von Jakuten
oder Tschuktschen verbinden mit der des Negers. Thatsächlich bewähren
das auf Erden einzig und allein die Chinesen. Darum sind sie die
einzigen Menschen, die beim Hinauszug in die Fremde, läge sie unter
hohen oder ganz niederen Breiten, so gut wie niemals dem Klima zum
Opfer fallen. Der Chinese trotzt in der Mandschurei und Ostsibirien
einer Kälte, bei der das Quecksilber erstarrt, und arbeitet ebenso
frohgemut unter der scheitelrechten Sonne Javas, Singapores oder in
der siedeheißen Luft am Kessel der Rohrzuckerfabriken Kubas. Bringt
er es doch daheim fertig in der Julihitze von 30-40° ~C~ von früh
bis abend ein schweres Boot stromaufwärts zu rudern, höchstens mit
dem Fächer dem glühenden Kopf dann und wann etwas Kühlung zuführend,
und nach Halbjahrsfrist mit der nämlichen Ausdauer noch größere
Lasten auf dem Eisspiegel desselben Stroms bei schneidender Kälte im
Schlitten zu befördern. Emin Paschas Idee, Chinesen als Kolonisten
ins tropische Afrika einzuführen, war physiologisch wohlberechtigt,
denn auffallenderweise erliegen die Chinesen nächst den Negern auch am
wenigsten dem Malariafieber, wie sich beim Bau der Panama-Eisenbahn
gezeigt hat.
Was nun aber die psychischen Eigenschaften dieses ältesten Kulturvolks
der Gegenwart betrifft, so möchten diese wohl zum guten Teil auf die
Thatsache der seit unvordenklicher Zeit hohen Volksverdichtung in
China zurückführbar sein, und diese selbst müssen wir ableiten von
zwei ständig zusammenarbeitenden Faktoren: einem in der Landesnatur
begründeten und einem religiösen. Chinas Nordhälfte, so lehrt die
Geschichte, war die Ursprungsstätte der chinesischen Gesittung, des
chinesischen Staatswesens. Nordchina, sahen wir, ist das lößbedeckte
China, wo die außerordentliche Fruchtbarkeit dieser gelben Erde für
den Anbau von Getreide zusammentrifft mit den beiden Segensspenden
des chinesischen Sommers, der hochgradigen Wärme und den mit nie
aussetzender Regelmäßigkeit diese begleitenden Monsunregen. Hier
war auf unabsehbaren Flächen von der Natur die Möglichkeit also
gegeben, daß ein kopfreiches Ackerbauvolk unter dem Schutz staatlicher
Ordnung sich entfaltete, zuerst in der Lößmulde des zum Huangho
fließenden Weiho sowie in den übrigen Gebirgs- und Thalgauen des
Binnenlandes, nachmals auch in der für Anhäufung von Massenbevölkerung
noch besser geeigneten Niederung, die sich im Nordosten zum Gelben
Meer abdacht, aber als jüngst geborene Deltaflur der Entsumpfung
bedurfte, die ihr als die älteste Kulturthat chinesischen Geistes
und chinesischer Thatkraft zuteil ward, deren Glanz in den Annalen
des Reichs der Mitte noch heute unverblichen strahlt. Daß nun die
von der Natur gebotene Möglichkeit, auf so günstigem Boden, unter
einem so gütigen Himmel ein großes Volk im Schweiß des Ackermanns
erwachsen zu lassen, der Verwirklichung zugeführt werde, dafür sorgte
ein seit Alters den Chinesen tief eingeprägtes Pietätsgefühl gegen
ihre Vorfahren. Kongfutse, der große Weise, der zur Zeit, als Cyrus
das Perserreich gründete, die Sittenlehre seiner Nation zu jenem
wirkungsvollen System ausgestaltete, das bis zur Stunde Millionen
als heilsame Richtschnur dient, fand diese Ehrfurcht vor den Ahnen
schon als längst bestehend vor. Sie geht auf den Totenkultus zurück,
der so zahllosen Völkern eigen war und vielen immer noch eigen ist.
So nüchtern realistisch der Zopfmann sich sonst überall zeigt, er
ist angeerbter Maßen durchschauert von dunkeln Ahnungen über ein
mystisches Weiterleben in einem Jenseits nach seinem irdischen Ableben;
ihn bangt vor den Strafen, die seiner harren nach Überschreiten der
düsteren Grabesschwelle, doch ihn tröstet die allgemeine Zuversicht,
selige Ruhe im Jenseits zu finden, wenn nur die hierfür unerläßliche
Bedingung erfüllt wird, daß ihm bei jeder Wiederkehr des Jahrestages
seines Todes die Totenopfer dargebracht werden. Diese aber darf nach
altgeheiligter Vorschrift niemand erbringen als der leibliche Sohn oder
dessen männliche Sprossen. Daher die heiße Sehnsucht der Chinesen, in
die Ehe zu treten, um Söhne zu erzeugen und diese sobald wie möglich
wieder zu vermählen. Nur die allergräßlichste Armut vermag einen
Chinesen von der Heirat abzuhalten. Junggesellen giebt es deshalb in
China fast gar nicht, Großväter von 34-36 Jahren dagegen nicht selten.
Die Geburt eines Knaben wird in der dürftigsten Chinesenhütte mit
hellem Jubel begrüßt, die Geburt einer Tochter selbst im Hause des
Reichen mißliebig, fast wie ein Trauerfall angesehen. Die Ehefrau, die
Jahr um Jahr keinem Sohn das Leben schenkt, muß sich ohne zu murren
es gefallen lassen, daß ihr Gatte neben ihr eine zweite Frau ehelicht
oder Konkubinen sich zugesellt; nie vermißt sich dort eine Sarah zu
der Forderung, eine Hagar mit ihrem Sohne zu verstoßen, nein, sie
muß demütig die Hagar auszeichnen und ehren, weil sie es ist, die
ihrem Gemahl zur Erfüllung des höchsten Lebenswunsches verholfen hat.
Ziehen wir dazu den Umstand in Betracht, daß es eine überseeische
Auswanderung von Chinesen, so sehr sich eine solche bis nach Amerika
und Australien neuerdings fühlbar gemacht hat, fast nur in den beiden
Südostprovinzen Fokien und Kuangtung giebt, chinesische Auswanderer
noch dazu stets bestrebt sind nach Aufbesserung ihrer Vermögenslage
heimzukehren, weil es ihrer leidenschaftlichen Anhänglichkeit an den
vaterländischen Boden entsetzlich dünkt in fremder Erde bestattet
zu werden, so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß China immerdar
der Raum der stärksten Volksanhäufung auf Erden gewesen ist. Bis zum
kürzlichen Emporkommen von Philadelphia und Chicago war China das
einzige Land mit einer Mehrzahl von Millionenstädten; an großen, mit
viereckiger Backsteinmauer wie das alte Babel umgebenen Städten zählt
es rund 1500, manche mit einer Mauerlänge von 20 bis 30 ~km~ und dazu
noch mit menschenwimmelnden Vorstädten außerhalb der Thore. Und welch
ein Hin- und Herströmen des Landvolkes nach und von diesen Städten
begiebt sich alltäglich, wenn sich ihre Thore bei Sonnenaufgang
unter Kanonenschüssen, Gong- oder Glockenschlag aufthun, desgleichen
bei Einbruch der Abenddämmerung schließen! Sowohl im Menschengewoge
der städtischen Straßen als in den stadtgroßen Dörfern tritt uns die
beträchtliche Kinderzahl der chinesischen Familien leibhaftig vor
Augen, noch überraschender die große Zahl im Greisenalter stehender
Männer, denn das Chinesenvolk ist bei aller Vielheit von Krankheiten,
die es plagen, bei all seiner jämmerlichen Quacksalberei dank seiner
staunenswerten Seuchenfestigkeit eins der langlebigsten.
Nun ist zwar China nicht ganz so dicht bevölkert wie das Deutsche
Reich, denn es wohnen dort wohl kaum über 80 Menschen auf 1
~qkm~, bei uns 103. Aber man bedenke, daß China erst jetzt seinem
großindustriellen Aufschwung entgegengeht, wenn, wie sicher zu
erwarten, dem Beginn seiner Eisenbahnära die Einführung der
Dampfmaschine und der elektrischen Triebkraft in seine Industrie auf
dem Fuß folgen wird. Bisher lebten die Chinesen wie wir im Mittelalter
überwiegend vom Ackerbau, vom Handwerk und Kleinhandel. Und hierfür
war seine Volksdichte, die sich z. B. in Kiangsu, der an Reis und
Seide ertragreichsten Provinz zu beiden Seiten der Mündung des
Jangtsekiang, mindestens aufs Doppelte des mittleren Wertes steigert,
eine verhältnismäßig sehr hohe.
Wir sollten China ob seines patriotischen Stolzes nicht verlachen,
selbst wenn er sich in Verachtung der Fremden äußert. Sein Staatswesen
hat wie kein anderes Bestand gehabt von der Pharaonenzeit bis
heute; Religionen erwuchsen, Religionen verschwanden um das Reich
der Mitte her, aber Kongfutses Lehre blieb in Vollkraft durch die
Jahrtausende. China genügte sich auch wirtschaftlich selbst; wie es,
allen Nachbarreichen überlegen, seine sieghaften Waffen unter dem
Drachenbanner mehrmals bis zum Kaspischen Meer trug, das ungeheure
Innerasien fast stets in ganzem Umfang zu seinen Füßen sah, -- so
bedurfte es nichts von den Fremden weder für seine Ernährung noch für
seine Kleidung; stolz wies es selbst die Waren der rothaarigen Teufel,
die unter europäischen und amerikanischen Flaggen an ihrer Küste
landeten, von der Hand, daß sich die Engländer durch Anstacheln des
Opiumlasters eine schnöde Einfuhr ersinnen mußten, um Thee und Seide
nicht bloß mit Silber bezahlen zu müssen.
So bestand bis in die jüngste Vergangenheit das chinesische
Wirtschaftsleben wie das keines zweiten Kulturstaats in einem steten
Versuch das Gleichgewicht zu halten zwischen einer zu grenzenloser
Vermehrung drängenden Volkszahl und einer durchaus nicht ins
unendliche vermehrungsfähigen Summe ausschließlich heimischer
Landeserzeugnisse. Das brachte den großartigsten Kampf ums Dasein
hervor, den je eine Nation gekämpft hat. Er ist es, der die größten
Vorzüge des Chinesentums erschuf und fortdauernd vervollkommnete:
den unvergleichlichen Arbeitsfleiß, die geduldigste Ausdauer und die
bescheidenste Einschränkung der Ansprüche an die Genüsse des Lebens.
In China allein ist es ermöglicht worden, die uralte Lust unseres
Geschlechts am ungebundenen, müßigen Dahinleben in ihr Gegenteil
zu verkehren. In diesem riesigen Arbeitshaus China, wo man keine
Sonntagsrast kennt und nichts vom Evangelium des Achtstundentages
weiß, weil man sonst verhungern müßte, ist der Trieb zum emsigen
Schaffen den Menschen zur anderen Natur geworden. Selbst dem gründlich
gehaßten Herrn in San Francisko, bei dem der Chinese etwa Dienerstelle
angenommen, leistet er unbeaufsichtigt pflichtmäßige Arbeit, einfach
weil ihm leben arbeiten heißt. Und trotz aller Rastlosigkeit, trotz
aller staunenswerten Geschicklichkeit bei der Arbeit, wie sie sich bei
Benutzung einfachsten Geräts in so vielen Zweigen auch der Kunsttechnik
staunenswert zu erkennen giebt, bringt es der Chinese daheim unter
der Masse des Angebots von Arbeitskraft und Arbeitsleistung doch nach
unseren Begriffen durchschnittlich nur zu einem Hungerlohn. Es klingt
uns wie ein Märchen, daß ein erwachsener Chinese den Tag über mit
acht Pfennig für seine Kost auskommt, ja in Zeiten durch Hungersnot
gebotener Einschränkung sogar mit sechs Pfennig. Damit bestreitet
er seinen Bedarf an Reis, Gemüse, Fisch und Thee, behält auch noch
eine Kleinigkeit für Tabak übrig. Das erklärt sich einerseits aus der
großen Billigkeit der Lebensmittel, andererseits aus der trefflichen
Kochkunst, die schlechte, fast ungenießbare Ware genießbar und gut
verdaulich macht, dabei nicht das mindeste fortwirft, freilich außerdem
auch aus der Genügsamkeit des Chinesen und seiner Freiheit von Ekel,
die ihm Hunde-, Katzen- und Rattenbraten, ja das Fleisch an Seuchen
verstorbener Pferde oder Esel als willkommenste Zukost erscheinen läßt.
Die Tugend der Sparsamkeit übt kein Volk in so hohem Maße wie das
chinesische; sie ist neben Arbeitsamkeit und Genügsamkeit die
Hauptwaffe in seinem Ringen um Leben und Gründung eines eigenen
Herdes. Der nordchinesische Bauer wühlt sich wie ein Murmeltier ein
unterirdisches Obdach unter seinem Hirsen- oder Weizenfeld in die
steile Lößwand an dessen Abhang, damit er seine Ernte nicht durch
den Hüttenbau auf der Oberfläche um den Ertrag einiger Quadratmeter
alljährlich verkürze. Ein rührendes Beispiel echt chinesischer
Sparsamkeit und zugleich über das Grab hinausschauenden ehrenwerten
Familiensinns teilte vor kurzem aus eigener, in China gemachter
Erfahrung ein amerikanischer Missionar mit. Er sah eine hochbetagte,
blutarme Frau, die sich kaum fortzuschleppen vermochte, mühsam an
den Hauswänden einer Straße sich hintasten: sie befand sich auf dem
letzten Ausgang, sie wollte, den Tod vor Augen, ihre einzige Verwandte
aufsuchen, um von deren Haus beerdigt zu werden, damit die Sargträger
nicht so viel forderten wie bei dem weiteren Weg von ihrer eigenen
Behausung.
Wenn ein Volk, das über ein Fünftel der Menschheit ausmacht, in so
eintönig freudlosem Schaffen vom ersten Tagesgrauen bis zum späten
Abend, ja vielfach bei nächtlicher Weile, den Schlaf scheuchend, sich
um so kümmerlichen Verdienst abmüht, so beschleicht uns bei Betrachtung
dessen wohl ein wehes Mitgefühl. Ist nicht die goldene Freiheit des
Wilden beneidenswerter als dieses Arbeitselend des Kulturmenschen? Hat
unser Geschlecht nicht eben durch Übernahme des Arbeitsjoches, wie
es höhere Gesittung unweigerlich mit sich bringt, an Lebensfreude
eingebüßt? Indessen da messen wir unbedachtsam nach unserem Maß!
Wir täuschen uns in der Annahme, der Chinese müsse bei seinem
ewigen Hasten fast um nichts stumpfsinniger Trübsal verfallen. Weit
gefehlt! So mannigfaltig Temperamente und Talente nebst körperlichem
Aussehen wechseln durch die 18 Provinzen, von den gelben, etwas zu
Fettleibigkeit neigenden Südländern bis zu den braunen, schlanken und
höher gewachsenen Nordchinesen, -- ein harmloser Frohsinn, eine selbst
durch harte Schicksalsschläge nicht leicht zu beugende stillvergnügte
Heiterkeit ist dem Volk fast allerwegen eigen. Auch darin dürfen wir
eine Spur tellurischer Auslese erkennen. Wie die Winternacht der
Polarlande nur die unverwüstlich Fröhlichen bei sich aufnahm, so
brachte der chinesische Daseinskampf nicht nur die Faulen und Üppigen
ums Leben, nein, von den Helden des Fleißes und Darbens auch alle die,
denen ein solches Heldentum Lebensüberdruß bereitete. Und so sehen wir
eine uralt vererbte Munterkeit dem darbenden Arbeitsernst der Chinesen
wie ein versöhnender Engel zur Seite stehen.
Allerdings hat das Streben, so zahlreiche Mitbewerber um den kärglichen
Verdienst auszustechen, auch unlautere Seiten beim Chinesen entwickelt.
Mit der von allen Kennern gerühmten Tüchtigkeit im Handels- und
Bankierfach, in Gewerbe und Landbau geht Arglist, Lug und Trug Hand in
Hand. Enges Zusammenwohnen in schlecht gelüfteten Räumen hat neben weit
verbreiteter Armut eine widerliche Gleichgültigkeit gegen Reinhaltung
von Körper und Kleidung verursacht. Das Erpichtsein auf materiellen
Verdienst im Nährstand oder in Beamtenstellung, welche letztere wieder
nur durch eifriges Studium der chinesischen Klassiker zu erzielen, ließ
höhere als im Dienst der Technik stehende Künste, wahre d. h. nach dem
inneren Zusammenhang der Dinge forschende Wissenschaft nicht aufkommen.
Die Musen und Grazien waren nie in China heimisch.
Einseitige Größe ist die Signatur chinesischer Nationalentwicklung. Es
gab eben bisher zweierlei Kulturmenschheiten, eine mit europäischem
Kulturgepräge und eine chinesische. Die innigere Berührung zwischen
beiden wird eins der folgenschwersten Ereignisse des zwanzigsten
Jahrhunderts bilden. Die Schranke, die Europa und China trennte,
schwindet; an ihre Stelle tritt die ungeheure Brücke der ersten
pazifischen Eisenbahn der Ostfeste, der südsibirischen. Wie wird sich
die Lohnfrage stellen, wenn die gelbe Rasse auf dem Arbeitsmarkt
Europas auftritt? Welcher Umschwung wird im Welthandel eintreten, wenn
China mit seinen Steinkohlenschätzen, seinem billigen Arbeitslohn
zur Großindustrie übergeht? Harmonischer mag sich das Chinesentum
ausgestalten, manche Schattenseite seiner bisher starr selbständigen
Kultur freundlich durchlichten unter Befruchtung durch den Genius
des Abendlandes. Aber weiterdauern wird der demantne Kitt seiner
Gesellschaft, der ehrenfeste Familiensinn, weiterleben seine
nervenstarke Ausdauer in allen Klimaten und die schier unerschöpfliche
Arbeitskraft, vervielfacht durch Übernahme unserer Methoden in die
Technik seines Wirtschaftsgetriebes. Eine große Zukunft steht dieser
Nation zweifellos bevor. Denn auch von ganzen Völkern gilt das
Dichterwort: In deiner Brust steh’n deines Schicksals Sterne.