Geographische Motive in der Entwicklung der Nationen.
Wir gebrauchen das romanische Lehnwort „Nation“ nicht gleichbedeutend
mit dem viel allgemeineren Ausdruck „Volk“. Volk bedeutet uns keinen
recht bestimmten Begriff: „Viel Volks“ brauchen wir in dem nämlichen
Sinn wie „eine Menge Menschen“. Die Bewohner jeder Thalung, jeder
Insel, jeder Stadt und jedes Staates dürfen wir im zusammenfassenden
Sinn „Volk“ nennen, selbst wenn sie von ihren Nachbarn nicht oder kaum
verschieden sind. Auch Nationen sind Völker, indessen nicht jedes Volk
ist uns eine Nation. Es giebt keine hamburgische, württembergische,
sächsische oder preußische Nation, wohl aber eine deutsche,
französische, russische; etwa auch eine belgische und niederländische,
eine schweizerische oder österreichische?
Schon bei dieser Frage stutzt man. Die Österreicher wird nicht
leicht jemand eine Nation nennen; den meisten wird das auch schwer
ankommen bei den ihrer Abkunft und Sprache nach ganz und gar deutschen
Holländern, vollends bei den Belgiern und Schweizern mit ihrer teils
deutschen, teils romanischen Muttersprache. Wir ertappen uns auf
großer Unsicherheit, wenn wir die Frage beantworten sollen: machen die
Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika eine Nation aus? Viele
werden das verneinen mit dem Hinweis darauf, daß diese Nordamerikaner
doch nur ein Gemisch aus den verschiedensten Völkern Europas und
Afrikas darstellen. Können indessen nicht aus der Verschmelzung von
recht unverwandten Völkern Nationen geboren werden? Ist nicht die
chinesische hervorgegangen aus der Vermischung der aus Innerasien
vormals an den Huangho hinabgezogenen Urchinesen mit einer Menge ihnen
von Haus aus fremder Vorbewohner Nordchinas und vollends Südchinas, wo
noch bis zur Zeit des zweiten punischen Krieges keine Chinesen hausten
und wo bis zur Stunde Reste unchinesischer Stämme zu Hunderttausenden
von Köpfen weiterleben? Zeigt uns die russische Nation nicht noch in
der Gegenwart ganz den nämlichen Umschmelzungsvorgang durch Aufgehen
finnischer wie türkischer Völker im alles aufschlürfenden Russentum?
Ist nicht geradezu jede Nation ohne Ausnahme ein Mischungserzeugnis?
Keiner braucht sich zu schämen, wenn er bekennen muß, über solche
Skrupel sich noch nicht recht klar geworden zu sein. Beweisen doch zwei
unserer größten Geister aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, wie völlig
gegensätzlich sogar man damals noch über den Sinn des Wortes Nation bei
uns dachte. +Schiller+ ruft in einem Distichon aus:
„Zur Nation euch zu bilden,
Ihr hofft es, Deutsche, vergebens!“
Und gleich nachher, als Deutschland dem korsischen Sieger zu Füßen lag,
hielt +Fichte+ unter dem Trommelgetöse einer französischen Besatzung zu
Berlin unter den Linden seine Flammenreden „an die Deutsche Nation“!
Schiller meinte unter Nation offenbar eine im National+staat+ geeinte
Volksschar, Fichte dagegen hatte den Mut, selbst im zeitweilig
niedergetretenen, staatlich völlig zersplitterten Deutschtum
die nationale Kraft der Gemeinsamkeit anzurufen in prophetisch
zuversichtlichen Worten, als hätte ihn die stolze Ahnung erfüllt, daß
eben in mannhafter Gegenwehr gegen den französischen Erbfeind das
deutsche Volk sich dermaleinst den nationalen Staat erkämpfen werde!
Aber es dünkt doch sehr an der Zeit zu sein, daß wir den Begriff
„Nation“ in befriedigender Klarheit erfassen, weil er eine so mächtige
Rolle im täglichen Leben spielt und bei seiner ursprünglichen
Mehrdeutigkeit leicht als bestrickende Parteiparole von den
verschiedensten Seiten mißbraucht werden kann. Man denke nur an die
antisemitische Bewegung, an die mörderischen Kriege, die unter dem
Vorwand der Nationeneinung im vorigen Jahrhundert geführt wurden!
Kein Zweifel freilich, daß das lateinische Wort ~natio~ einen
Volksstamm bezeichnet, der zufolge gemeinsamer Abkunft seiner Glieder
sich gleich zeigt in Aussehen und Sprache, in Brauch und Sitte. Jedoch
die Geschichte lehrt, daß keine Nation eine solche natio, eine solche
genealogische Einheit darstellt. Jede im Gegenteil gleicht einem
Strom, der aus um so zahlreicheren Quellen sein Gewässer mischt,
je gewaltiger er im Lauf zum Meere hin anwächst. Gleich +sein+ von
jeher dichten nur oberflächliche Beurteiler den Nationen an; gleich
+werden+ aber ist allerdings ihr unablässig betriebenes Werk. Eben weil
Nationen sich in stets lebendigem Fluß befinden, ist es so verkehrt,
doktrinär aprioristisch von einer starren Definition für den in Rede
stehenden Begriff auszugehen und nachher schulmeisterlich zu Gericht
zu sitzen, um alle diejenigen Völker als Nichtnationen abzuweisen,
die dem im voraus festgestellten Begriff sich nicht fügen. Das ist
regelmäßig der Fehler einseitig urteilender Historiker, Sprachforscher,
Anthropologen oder Staatsrechtslehrer. Da sagen die einen: die
Stammeseinheit macht die Nation. Nun dann wären Engländer und Deutsche
nicht zwei Nationen, sondern nur eine, denn die Angelsachsen waren
rein deutsch und mischten sich auf britischem Boden nicht viel mehr
mit Kelten als unsere Vorfahren auf süddeutschem Boden, den doch bis
zum Beginn unserer Zeitrechnung ausschließlich Kelten inne hatten,
was noch heute daran ersichtlich wird, daß die Süddeutschen weit
häufiger dunkel von Auge und Haar sind als die Norddeutschen. Andere
behaupten: die Sprachgleichheit sei der richtige Ausweis nationaler
Zusammengehörigkeit. Aber dann gehörten ja Engländer und Nordamerikaner
zu einer und derselben Nation, ebenso Dänen und Norweger, die ja
nach Sprache wie Abkunft völlig eins sind. Endlich heißt es: der
+Staat+ erst macht ein großes Volk zu einer rechten Nation. Das hat
gewiß mehr für sich, denn Niederländer wie Portugiesen, Schweizer
wie Nordamerikaner haben sich erst durch Gründen eigener Staaten zu
nationaler Selbständigkeit erhoben, ja sogar losgelöst von ihren
stammes- und sprachverwandten Brüdern außerhalb der von ihnen gezogenen
Staatsgrenze.
Die Niederländer sind reinblütigere Deutsche als die Reichsdeutschen
selbst, ihr Holländisch ist eine niederdeutsche Mundart so gut wie
das Platt der Gegend von Düsseldorf oder Köln. Nichts deutete bis
gegen Ausgang des Mittelalters auf nationale Abkehr dieser für uns so
wichtigen Rheindeltaflur vom deutschen Mutterland. Da bricht der Krieg
aus gegen die spanische Zwingherrschaft. Wir lassen die Holländer
in diesem echt deutschen Kampf um Nacken- wie um Glaubensfreiheit
thöricht genug im Stich und -- fertig steht ein niederländischer Staat
von vollgültiger nationaler Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten des
schaffenden Lebens. Ein Aufschwung ergreift das Volk, ähnlich dem der
Hellenen nach ihrem Obsiegen über den Koloß der Persermacht. Aus den
friedlichen Bauern und Heringsfischern geht eine kühne Seefahrernation
hervor, die eine Zeit lang die Hegemonie auf dem Weltmeer inne hat;
man gewinnt in überseeischem Handel und Kolonialbesitz eine wahre
Großmachtstellung, schafft in der nun zum Adel einer Schriftsprache
erhobenen heimischen Mundart eine hochansehnliche Litteratur, eigene
Kunstschulen und ein Gemeinwesen, das auch heute noch sein wieder
zu friedlicher Arbeit in engerem Kreise zurückgelenktes Volk sich
eines beneidenswert gleichmäßig verteilten Wohlstandes erfreuen läßt,
durchaus nicht gewillt, die seiner Eigenart angepaßte Verfassung durch
Eintreten in den deutschen Reichsverband preiszugeben. Ganz ähnlich
Portugal! Auch hier regte sich durchaus kein Streben nach Loslösung
aus dem so fest in sich geschlossenen iberischen Halbinselkörper bis
ins 11. Jahrhundert; der lusitanische Wohnraum deckte sich gar nicht
mit dem heutigen Portugal; ethnisch wie sprachlich war die Absenkung
Hispaniens zur heute portugiesischen Westküste vom Kernland der Mitte
nicht tiefer unterschieden wie dieses vom Ebroland oder vom fröhlichen
Andalusien. Portugiesisch war von jeher bloß eine spanische Mundart,
die man übrigens auch heute noch im spanischen Galicien spricht. Der
Staat Portugal erst brachte den Umschwung. Begründet dadurch, daß
König Alfons VI. seinem Eidam, dem ritterlichen Heinrich von Burgund,
das Küstenland zwischen Minho und Doiro als selbständige Grafschaft
überweist, wächst Portugal, Schulter an Schulter mit Kastilien, im
siegreichen Kampf gegen die Mauren südwärts aus, bis ihm an der Küste
Algarves das Meer eine natürliche Grenze setzt. Seit 1256 hat kein
anderes Königreich so fest seine Grenze eingehalten wie Portugal, ein
Beweis naturgemäßer Umgrenzung. Die nur auf portugiesischem Boden,
nicht ins spanische Hinterland schiffbaren Flußstrecken bilden samt
der Küstensee treffliche Verkehrsstraßen zu innigerem Zusammenschluß
des seiner ganzen Natur nach Kastilien entgegengesetzten, weit hinaus
ins Weltmeer blickenden Landes. Das gab dem Volk sein eigentümliches
Gepräge und schied es samt seiner auch hier zur vornehmen
Litteratursprache entwickelten Mundart national von Spanien.
Doch wir blicken in die Frühepoche europäischer Gesittung zurück und
vernehmen zwei merkwürdige Wahrsprüche der Geschichte über die gar
nicht immer gleichmäßige Beziehung zwischen Staat und Nation. Die alten
Griechen waren eine echte Nation in der wesentlichen Gleichartigkeit
des Typus, der Sprache, der Sitte und Gottesverehrung, in ihrem stolzen
Sichabsondern von allen übrigen Völkern, der Welt der „Barbaren“, im
ruhmreichen Kampf zur Verteidigung ihrer nationalen Freiheit gegen
den persischen Großkönig, indessen -- nie brachten sie es zu einem
nationalen +Staat+. Die Römer hingegen erweiterten Schritt für Schritt
ihre festgefügte Staatseinheit vom römischen Weichbild auf Latium,
auf Italien, auf die ganze Länderkette rings um das Mittelmeer, und
gleichwohl hinterließ dieser Römerstaat, als er in Trümmer sank,
keine einige Nation, sondern bloß vereinzelte Ansätze zu abgesondert
voneinander sich entfaltenden Nationalitäten.
Ist somit doch nicht immer der Staat Grundlage oder Endziel nationaler
Ausgestaltung, so führt uns wohl am sichersten ein Wink des berühmten
Franzosen Ernst Renan der Lösung des Rätsels entgegen. In einem
glänzenden Vortrag, den Renan in der Pariser Sorbonne am 11. März 1882
über das Thema hielt: „~Qu’est ce qu’une nation?~“ -- der Vortrag liegt
längst auch gedruckt vor, blieb jedoch in Deutschland fast unbeachtet
-- weist derselbe alle bisherigen Versuche, den Begriff Nation zu
erklären, mit meist durchschlagenden Gründen zurück und überrascht
zum Schluß mit der ganz neuen Deutung: „Eine Nation ist eine große
Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein opferwillig für die
Gesamtheit vollbrachter Thaten und auf das Einverständnis, auch künftig
in dieser aufopfernden Gemeinsamkeit weiterzuleben.“ Er ruft aus: „Die
Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes Plebiscit.“
Das kennzeichnet richtig die Nation als etwas in steter Entwicklung
Begriffenes und legt das Schwergewicht mit Recht auf das thatkräftige
Wollen. Thaten sind uns geradezu Berechtigungsnachweis dafür, daß
eine Volksschar eine Nation ausmacht; eine herdenhafte Menschenmasse
von Millionen und aber Millionen Köpfen, dabei so gleichartig, als
stelle sie eine einzige Familie dar, wäre uns doch keine Nation, wenn
sie thatenlos dahin vegetierte. Unklar bleibt nur bei Renan, worauf
eigentlich dieser Wille der Zusammengehörigkeit beruht, aus dem die
großen Thaten fließen. Vortrefflich eröffnet Renans Nationalbegriff
die Perspektive auf die im gesunden Fortgang des nationalen
Zusammenschlusses begründete Vollendung des letzteren, die Aufrichtung
des nationalen Staates; denn nichts vermag besser den Willen der
Absonderung von den Nichtgenossen zu verwirklichen als Abstecken einer
möglichst gesicherten Staatsgrenze, nichts vermag andererseits den
Willen des festen Zusammenstehens gründlicher in die That umzusetzen
als das gesetzmäßig ausgebildete Pflichtensystem staatlicher
Einrichtungen. Doch wenn wir fragen nach dem Urquell eben dieses
Wunsches zusammenzuhalten, zu bethätigen das „alle für einen, einer für
alle“, so läßt uns der geistvolle Franzose im Dunkeln. Er hellt dieses
Dunkel auch nicht auf mit der Redewendung: „Eine Nation ist eine Seele,
ein geistiges Prinzip.“
Nein, das Wünschen und Wollen im bloßen Sinn subjektiven Beliebens
führt gewiß nicht zu dauerndem nationalen Zusammenschluß. Es handelt
sich um den objektiven Grund des Wollens, und ich denke, wir entdecken
ihn, wenn wir den Renanschen Satz geographisch vertiefen.
Ist es an dem, daß vor allem der ausdauernde feste Wille des
Zusammenhaltens in bewußtvoller Abkehr von den übrigen ein Volk zur
Nation stempelt, so bilden z. B. die Schweizer entschieden eine
Nation. „Wir +wollen+ sein ein einig Volk von Brüdern,“ so läßt der
Dichter die Schweizer auf der Rütliwiese ihren Bund besiegeln. Ja,
sie +wollen+ eins sein auch die Schweizer der Gegenwart, sie +wollen+
wie Brüder zusammenstehen, so deutlich auch die welsche Zunge im
Südwesten und Süden, die deutsche Zunge im übrigen größeren Raum
ihrer Eidgenossenschaft laut es künden, daß sie nicht von gleicher
Herkunft sind. Und +warum+ wollen sie es? Weil sie ein und dasselbe
Haus bewohnen, dies einzig schöne Haus von den Juraketten bis zu den
firngekrönten Alpenhöhen, vom grünen Bodensee zum blauen See von Genf.
Gar verschieden hat die Natur das Land ausgestattet. Wo im Südost
die Alpen ragen, da thront naturgemäß die Sennerei; mit den Erträgen
seiner Rinderzucht ist der Alpenschweizer auf das Hügelgelände des
Nordwestens, auf die Molasseschweiz zwischen Jura und Alpen gewiesen,
wo man Getreide und Obst baut, wo man Wein keltert. Schon damals, als
die Melkbauern um den Vierwaldstättersee den urältesten, noch so eng
umschränkten Eidgenossenbund gründeten, nahmen sie Luzern in ihn auf
als ihren Marktort am Austritt der Reuß ins schweizerische Kornland. So
klar erkannten sie, daß einem Dauer verheißenden Bund die materielle
Wirtschaftsgrundlage nicht fehlen dürfe. Und dieser reale Grund,
daß Alpen- und Molasseschweiz bei ihrer entgegengesetzten Begabung
aufeinander angewiesen sind zu wechselseitiger Ergänzung, leitete den
ferneren Ausbau der Eidgenossenschaft und hat bis zur Stunde diese
Schweizer zusammengehalten. Das Bewußtsein solcher Zusammengehörigkeit
aber erfuhr eine mächtige Steigerung durch äußere Widersacher: durch
die habsburgischen Versuche, die alte Bauernfreiheit zu verkümmern,
durch die blutigen Angriffe des eroberungslustigen Karl von Burgund,
durch die Teilnahmlosigkeit des Deutschen Reichs in jenen schweren
Tagen der Gefahr. So lernten die Schweizer, daß, wenn sie Herr in ihrem
hehren Hause bleiben wollten, sie treu zusammenstehen müßten ohne
Unterschied der Abkunft, der Sprache, des Glaubens. Sie erwuchsen zu
einer Nation und schufen sich zur Wahrung ihrer nationalen Güter den
immerdar festesten Hort, den nationalen +Staat+.
Das Beispiel der Schweiz ist ein Typus für Nationalentwicklung
überhaupt. Wie in einem klaren Spiegel schauen wir es da, daß leibliche
Verwandtschaft und daher stammende Sprachgemeinschaft durchaus nicht
unerläßlich sind zum Entfalten einer Nation, so gewiß sie imstande sind
das machtvoll zu fördern, ferner daß der eherne Panzer der staatlichen
Einheit gar sehr benötigt wird, ja unter Umständen unentbehrlich ist,
den Körper der Nation zu schirmen; vornehmlich aber erkennen wir an
dem Muster der Schweiz die bisher allzu sehr übersehene Bedeutung der
wirtschaftlichen Faktoren in ihrer Bedingtheit durch die Landesnatur.
In der Verkennung der leitenden Kraft dieser geographischen
Einwirkungen liegt die Hauptschwäche der Renanschen Ausführungen.
Er giebt zu, daß „die Geographie“ (er will sagen: die tellurische
Beeinflussung) ihren gewichtigen Anteil habe an der Trennung von
Nationen, indessen, nachdem er von der scheidenden Kraft der Gebirge,
der verknüpfenden der Flüsse geredet hat (ohne des Meeres auch nur
mit einem Wort gedacht zu haben), verkündet er: „Die Erde liefert
doch nur die Unterlage, das Kampffeld für den Wettbewerb mit den
Waffen oder in friedlicher Arbeit; der Mensch liefert die Seele.“ Und
dann verflüchtigt er alsbald wieder den eben eingeräumten Einfluß
geographischer Bedingnisse, indem er erklärt: „Eine Nation ist ein
geistiges Prinzip, hervorgewachsen aus tiefen Komplikationen der
Geschichte, eine geistige Familie, keineswegs eine durch den Bodenbau
bestimmte Gruppierung.“
Das letztere hat auch wohl noch niemals jemand behauptet. Staaten wie
Nationen sind keine Naturerzeugnisse, sondern jedesmal Schöpfungen der
Menschen. Es wäre jedoch eine Verkennung thatsächlicher Verhältnisse,
wollte man den Menschen so unumschränkt in seinen Neigungen und
Willensäußerungen sich denken, daß er hierin von seiner irdischen
Heimat gar nicht abhinge. Im Gegenteil, so gewiß im Pulsschlag des
Lebens einer Nation Blutsverwandtschaft, Gleichheit von Sprache
und Sitte, Glaubensgemeinschaft sehr wohl fühlbar sein kann, -- am
dauerndsten wie am allgemeinsten ruht doch die Vereinigung zu diesen
umfassenden Volksgenossenschaften in dem Bewußtsein, daß man neben
geistigen auch materielle Interessen gemein habe, die man darum mit
geeinter Kraft zu vertreten habe. Und eben weil materielle Interessen
am Boden zu haften pflegen, ist ein unlösbares Band geschlungen
zwischen einer Nation und ihrem Wohnraum. Geschichtliche Strömungen
mögen bald diese, bald jene Länder national verknüpfen, aber vom
Boden losgelöste Nationen hat es nie gegeben. Mag eine Nation ihre
Stätte wechseln, oder mag sie wie die russische in Sibirien ihren
Wirkungsraum auf benachbarte, ganz neue Lande ausdehnen, stets wird
sie sich dem neugewonnenen Boden innig vermählen, geistig ebenso wie
durch Anbau, Handel und Gewerbe, Verkehrs- und Staatseinrichtungen.
Das militärische Schutzbedürfnis kann sogar Hauptgrund werden für eine
Nation, etwa ein zeitweilig außerhalb ihrer Staatsgrenze gelegenes
Gebiet zu besetzen. Wir Deutsche haben „aus nationalem Interesse“ das
Elsaß nebst Deutsch-Lothringen für uns reklamiert, nicht weil dort uns
abtrünnig gemachte Volksgenossen wohnten oder weil diese Territorien
einst dem verflossenen Deutschen Reich angehörten, sondern weil uns
Metz als Sperrfeste des zum Rheinstrom ausmündenden Moselthals, vor
allem aber die Wasgaumauer hocherwünscht sein mußte zur Deckung
unserer Westgrenze. Mit freilich nicht ausgesprochener Bezugnahme auf
diese vermeintliche Gewaltthat bemerkt Renan, eine Nation habe nicht
mehr Recht als ein König zu einer Provinz zu sagen: „Du gehörst mir,
ich nehme dich.“ Denn, heißt es weiter: „Niemals besitzt eine Nation
ein wirkliches Interesse, ein Land gegen dessen eigenen Willen sich
anzugliedern oder für sich zu behalten. Der Wille der Nationen ist
schließlich das einzige gesetzliche Schiedsgericht, auf das man dabei
immer zurückzukommen hat.“ Das soll also heißen: Man lasse sich die
Bewohner von Elsaß und Deutsch-Lothringen frei äußern, ob sie lieber
zu Frankreich oder zu Deutschland gehören wollen, und regele nach
solcher Entscheidung die Karte Europas! Machen denn aber die teils
französischen, teils deutschen Insassen unseres heutigen Reichslandes
jenseit des Rheins, denen niemals die zu nationaler Sonderbethätigung
notwendige Selbstständigkeit zu eigen sein konnte, eine „Nation“ aus?
Das wollte doch gewiß auch Renan nicht behaupten. Hörten wir aber nicht
eben erst sein Urteil, eine Nation beruhe auf einem stetigen Plebiscit
der Zusammengehörigkeit? Nun, dann gilt bei dieser lediglich zwischen
Deutschland und Frankreich schwebenden Streitfrage der Wahrspruch
deutscher Nation: Wir brauchen diese unsere zurückeroberte Reichsmark,
um im Frieden sicher zu leben! Und Renan, der begeisterte französische
Patriot, muß nach obigem sogar selbst die Zuständigkeit eines solchen
Schiedsgerichtes als des „einzigen gesetzlichen“ anerkennen!
Derartige Beispiele, wie der Besitz eines verhältnismäßig schmalen
Landstreifens sogar für die Existenzfrage einer Nation von hohem Belang
sein kann, zeigen deutlich genug, daß die Landesnatur doch nicht
als bloße Äußerlichkeit betrachtet werden darf, wenn man sich über
das Werden von Nationen klar werden will. Wahrhafte Nationalstaaten
benutzen ihr Gebiet niemals als bloße Schaustätte ihrer Thaten. Der
glücklichste Wurf zu einer nationalen (d. h. hohen Sonderaufgaben eines
Volkes gerecht werdenden) Staatsgründung wird stets der sein, der den
richtig erkannten Zielen des Volkes das rechte Werkzeug in die Hand
giebt, sie zu erreichen, vor allem also das rechte Staatsgebiet in der
national zweckgemäßesten Umgrenzung.
Das Römerreich war ein Weltreich, verbunden außer durch den eisernen
Herrscherwillen der Römer allein durch die herrliche Verkehrsbrücke
des Mittelmeers. Doch so verschieden wie die Natur Italiens und
Syriens, Ägyptens und Galliens, ebenso verschieden gestaltete sich das
Völkerleben in diesen Provinzen des Reichs, so daß nimmermehr, auch bei
noch weit längerer Reichsdauer von einer nationalen Vereinheitlichung
hätte die Rede sein können. Noch machtloser hierzu erwiesen sich so
gewaltsame Staatsschöpfungen wie die der mongolischen Großkhane des
Mittelalters oder die Napoleons I., bei denen zur Unvereinbarkeit der
Länder und Völker sich auch die Kürze der zwangvollen Vereinigung
gesellte. Wenn dagegen wie in den Vereinigten Staaten die Natur große
Einheitszüge aufweist, und der Mensch die vorhandenen Gegensätze wie
dort zwischen dem wohlbenetzten, an den nützlichsten Fossilschätzen
reichen Osten und dem dürren edelmetallreichen Hochlandwesten samt
den riesigen Entfernungen von atlantischer bis pacifischer Küste,
samt dem argen Verkehrshemmnis der Felsengebirge, der Nevadakette
durch Eisenbahnen zu überwinden versteht, dann mag in jenes gewaltige
Viereck unter dem Sternenbanner ein Schwall verschiedenartigsten Volkes
einströmen, -- es kann die nationale Einung doch nicht ausbleiben.
Dem durch die englische Besiedlung früherer Jahrhunderte begründeten
Stamm der Neusiedler schmiegten sich in Sprache und Lebensgewohnheiten
so gut wie alle späteren Nachzügler aus Europa an nach dem Gesetz
der Ausgleichung an der Hand des täglichen Verkehrs; das Leben auf
demselben Boden, in derselben Luft wirkte nicht minder ausgleichend auf
körperliche Ausbildung und Temperament, Eheschließungen verwischten
ethnische Gegensätze, namentlich aber flößte das gemeinsame Wirken
auf der gleichen Grundlage der Bodenmitgift nach den gleichen Zielen
in Ackerbau, Gewerbe, Handel den Wunsch ein nach gleichartiger
Regelung der wirtschaftlichen Einrichtungen durch den nationalen
Staat, unabhängig von Fremden, und seien sie auch die daheim in
England gebliebenen Väter oder Brüder. Der weltgeschichtliche Abfall
der Kolonien an der atlantischen Seite Nordamerikas von England war
nur der Ausdruck des frisch erwachten nationalen Sonderinteresses
der englischen Amerikaner auf dem den Indianern und der Wildnis auf
eigene Faust entrissenen Neuland. Man faßte den Willen der Loslösung
einerseits, des selbständigen Zusammenhaltens der Kolonisten
andererseits, d. h. man fühlte sich als Nation.
Wenn der erste Kanzler des Deutschen Reichs einmal im Reichstag
äußerte, „ein Deutscher, der sein Vaterland abstreift wie einen
alten Rock, ist für mich kein Deutscher mehr, ich habe kein
landsmannschaftliches Interesse mehr für ihn“, so atmet dieser
nur scheinbar herzlose Ausspruch die ganze Schärfe Bismarckscher
Realpolitik, die auf der Überzeugung ruht: das Vaterland bestimmt die
Nation, weist ihr die ganze Lebensrichtung, giebt einem jeden das
Pfund, mit dem er wuchern soll, verleiht ihm dafür indessen auch nur so
lange Schutz, als sein Wirken ihm zu gute kommt.
Was wir hier zu erweisen suchen, daß eine Nation gar nicht auf
wirklicher Blutsverwandtschaft aller ihrer Angehörigen von Uranfang
beruht, so gewiß dauerndes Beisammenwohnen infolge von unvermeidlicher
Blutmischung schließlich sogar nach Millionen zählende Nationen
familiär vereinheitlicht, wird kaum jemals die Überzeugung der Masse,
des gemeinen Mannes werden. Der wird sich nach wie vor, schon unter
Einwirkung des trügerischen Namenschalles, unter einer Nation die
naturgegebene große Familie denken, die von einem Adam und einer Eva
herstammt, wenn man auch deren Eintragung in das Standesamtsregister
nicht mehr vorzuweisen vermag, ebenso wenig wie den ordnungsmäßig bis
zur Gegenwart fortgeführten Stammbaum. Unsere eigenen Vorfahren, die
sich erst seit der Regierungszeit Ludwigs des Deutschen den Gesamtnamen
„Deutsche“ beilegten, müssen ihren Verwandtschaftszusammenhang doch
schon lange vor jeder staatlichen Vereinigung erkannt haben, denn sie
hielten sich für eine weit ausgezweigte Germanenfamilie, und ihrem
Kausalitätsbedürfnis genügte die kindliche Vorstellung, es sei zur
Gründung dieser Familie gar kein Ehepaar erforderlich gewesen, sondern
allein der „Urmann“ (~mannus~, wie Tacitus sagt), der, aus der Erde
hervorgesprossen, das blonde Germanengeschlecht aus sich erzeugt
habe. Viel mag auch in unseren Schulen der Unterricht in biblischer
Geschichte dazu thun, daß man sich in früher Jugend bereits unter dem
Eindruck der schlicht klassischen Erzählungen von den Erzvätern das
Entstehen von Völkern vollkommen so geschehen denkt wie das einer
Einzelfamilie, ohne zu ahnen, daß die angeblichen Abrahamsöhne
schon in der Periode, da sie mit ihren Herden im Land Kanaan hin
und her zogen, sicherlich nicht reinblütig d. h. nicht von völlig
gleicher Abstammung waren, geschweige denn in der Folgezeit, als
sie seit dem Einzug in das ihnen „verheißene“ Land den langwierigen
Verschmelzungsvorgang durchmachten, der aus ihnen und all den
Vorbewohnern des eroberten Landes zu beiden Seiten des Jordan, mithin
aus einer nicht mehr analysierbaren Mischung von semitischen wie
nichtsemitischen Elementen die jüdische Nation hervorbrachte.
So wird wohl in den Köpfen weiter spuken der Wahn von der
Familiennation, eben weil er für so selbstverständlich wahr hingenommen
wird, obwohl er eine Fülle irriger, gar nicht ungefährlicher
Schlußfolgerungen mit sich führt ähnlich wie der schöne Satz: „Der
Mensch besteht aus Leib und Seele“, woraus ganz harmlos das Gleichnis
von Hülle und Inhalt herauswächst, dieser vom gräßlichsten Aberglauben
übervoll wuchernde Boden des Wähnens einer Trennbarkeit der Seele von
ihrem „Wohnhaus“. Man wird sich auch fernerhin eine Nation zumeist
wie die eigene Familie entfaltet denken, von der sie sich eigentlich
gar nicht wesentlich, sondern nur in der ungeheuer viel größeren
Kopfzahl unterscheide. Man wird demzufolge auch gern geneigt sein,
sentimentale Erwägungen anzustellen über Bruderpflichten, die man
habe selbst gegen späte Nachkommen von Nationalgenossen, die einst in
wer weiß wie weite Fernen dahingezogen sind. Wer möchte spotten über
echten Brudersinn? Wurzelt er doch in der edeln Selbstlosigkeit der
Nächstenliebe, ist ja nur eine ganz naturgemäße Steigerung letzterer.
Ein solches geistiges Band aufrichtig familienhafter Zuneigung wird
gerade die Besten der Nation auch mit den Auszüglern verbinden, so
lange sie ihre Nationalität bewahren (unter „Nationalität“, diesem
noch nicht genügend begrifflich gefestigten Wort, hier die Summe
der Eigenschaften verstanden, die vom Wesen der Nation bei jedem
einzelnen wiederkehren, besonders Sprache, Charakter, Denkart und
Sitte). Wenn die aus unserer Mitte nach Nordamerika Gezogenen und
dort in dem gewaltigsten Freistaat der Welt zu hohem Wohlstand
Gelangten ihre milde Hand aufthun, um den von arger Überschwemmung
heimgesuchten Bewohnern der oberrheinischen Niederung einen Teil ihres
Vermögensverlustes hochherzig zu ersetzen, oder wenn sie edelsinnig
von ihrem Reichtum spenden zur Unterstützung der Hinterbliebenen
jener tapfern Streiter, die uns das neue Reich erkämpften, so findet
solche Handlungsweise einen dankbaren Widerhall in unser aller Herzen.
Unzweifelhaft fühlen wir uns auch zu Gegenleistung verpflichtet. Mit
freudigem Stolz verfolgen wir die Laufbahn der Unsrigen, die dort
drüben deutsche Art zu hohen Ehren gebracht haben wie Karl Schurz
auf dem Gebiet des Staatswesens, Joh. Aug. Röbling, der Erbauer der
Eastriverbrücke, und so viele andere auf den Feldern der Technik und
der Wissenschaft. Vollends eint uns noch ein lebendiges Band gleichen
Strebens insbesondere bei wissenschaftlichem oder künstlerischem
Schaffen dermaßen innig mit unseren Volksgenossen in der deutschen
Schweiz, in Österreich-Ungarn, als gehörten sie noch heute der
deutschen Nation an. Viele unter uns werden da in feuriger Erregtheit
einwenden: „Noch immer gehören sie ihr an!“ Jedoch eben hier klafft
der Zwiespalt zwischen der am Wort haftenden traditionellen Auffassung
vom Begriff Nation und der hier vertretenen. Manche bringen es
freilich fertig, begeisterungsvoll von der „nun im Deutschen Reich
vereinten Nation“ zu reden, und gleichzeitig den Angehörigen „deutscher
Nation“ in Österreich Jubelgrüße hinüberzusenden. Indessen da liegt
doch der innere Widerspruch klar zu Tage. Gewiß wird man im Anschluß
an die eben erst hier versuchte Deutung dessen, was man etwa unter
„Nationalität“ verstehen dürfte, ohne chauvinistischen Beigeschmack die
Deutschen in Österreich, die wackern Sachsen in Siebenbürgen deutscher
Nationalität zuzählen, man wird auch nicht vergessen, daß sie aus
unserem alten Reich hervorgesproßt sind, die Deutsch-Österreicher als
ruhmwürdige Kämpfer im Grenzbereich unserer alten bayrischen Mark,
die Sachsen auf der ungarischen Akropolis des fernen Südostens als
unsere weitaus treueste Kolonie noch aus dem staufischen Zeitalter.
Ob aber hinausgezogen über unsere ehemalige Volksgrenze nach Osten,
wie es ja auch die Ahnen der Deutschen in Rußlands Ostseeprovinzen
gethan, oder ob auf dem Boden der Väter sitzen geblieben wie die
Deutschen der Schweiz, Nordbelgiens, der Niederlande, -- sie sind im
Lauf der Geschichte in eigenartige Staatsgebilde, folglich in uns
fremde Interessenkreise einbezogen worden, sie zählen also in diesem
realpolitischen Sinn entschieden nicht mit zur deutschen Nation. Wenn
jeder von uns sagt, ein Werk wie der Nord-Ostsee-Kanal sei eins „von
hoher nationaler Bedeutung“, wenn niemand unter uns den oben von uns
gebrauchten Ausdruck bemängeln wird, wir hätten der Erwerbung des
Elsasses samt Deutsch-Lothringen „aus nationalem Interesse“ benötigt,
-- so ist hiermit stillschweigend eingeräumt, daß sich bei solcher
moderner Abklärung des Begriffes „national“ gar nichts verschwommen
Genealogisches mehr in ihm findet, sondern der deutlich geographisch
umrissene vaterländische Gedanke ihm innewohnt. Bismarck war gewiß
urdeutsch bis ins Mark hinein, indessen seine klare Realpolitik hätte
nie das Schwert Germaniens aus der Scheide lockern lassen zum Schutz
der Deutschen in Siebenbürgen oder in Rußland, in Südbrasilien oder
Südaustralien.
Aber wie? Hängen denn die englischen Koloniallande im kanadischen
Amerika, in Südafrika, in Australien nicht eng mit dem britischen
Mutterland zusammen? Ja, dieser nationale Verband ist in der That
erhalten geblieben, aber nur dadurch, daß infolge der ununterbrochen
thätigen Dampfer- und Seglerverbindung diese Tochterländer in einem
regen Wechselverkehr mit dem Mutterhaus Britannien verharren, ihm ihre
Roherzeugnisse liefernd, von ihm ihre Fabrikwaren empfangend und, in
Erinnerung an den schweren Fehler, den England vor mehr denn hundert
Jahren mit dem Versuch einer Besteuerung seiner nordamerikanischen
Kolonien machte, frei geblieben sind in der Verwaltung der eigenen
Angelegenheiten. Nicht einen Penny unmittelbarer Abgabe liefern sie
in den Staatsschatz nach London und bilden doch eine Hauptgrundlage
britischer Größe durch den gewaltigen Umsatz von Milliarden im
Familienkreis dieses „~Greater Britain~“, dieses Nationalkörpers von
noch nie vordem dagewesener Lagerung über den Erdball durch alle vier
bewohnten Zonen, mit dem Herzen in Europa, den Gliedern in sämtlichen
Weltteilen, dem Adersystem interkontinentaler Schiffahrtslinien.
Wohl gemahnt dieses britische Reich an das Weltreich der Römer im
Altertum; was diesem das Mittelmeer war, ist jenem der Ozean. Der
tiefgreifende Unterschied jedoch liegt darin, daß die Römer fremde
Nationen von großenteils älterer, ureigener Kultur unter ihr Joch
zwangen, die Engländer dagegen ihre Koloniallande, abgesehen von
Indien, mit dem eigenen Blut erfüllten, im stetigen Blutaustausch mit
ihnen blieben und sie paritätisch behandeln.
Das Britenreich lehrt uns also, wie bei weiser Schonung materieller
Sonderinteressen eine stark ausgeprägte Volksindividualität selbst
bei Überwanderung über das Weltmeer bis in die fernsten Lande den
nationalen Zusammenhang bewahren kann an der Hand des Schnellverkehrs,
der die Entfernungen kürzt. Der Deutsche hingegen zerschneidet in der
Regel als Auswanderer seinen Zusammenhang mit der Heimat; er findet
nirgends überseeische Länder für deutsche Massenansiedelung unter
deutschem Banner, er geht im fremden Volk auf, zumal im englisch
redenden. Wie viele Millionen der Unsrigen sind hinübergezogen nach den
Vereinigten Staaten, aber so wenig haben sie als Deutsche dem Absatz
deutscher Waren dort drüben Bahn gebrochen, daß nächst der englischen
Zufuhr nach dem vereinsstaatlichen Gebiet die französische die
bedeutendste blieb, obwohl doch die französische Einwanderung daselbst
ganz untergeordnet erscheint. Jüngst zwar hat Deutschland auch auf
diesem Feld Frankreich überflügelt, jedoch offenbar nicht darum, weil
seine Einwanderer dort auf einmal nationaler sich bethätigen, sondern
weil seine industrielle Machtstellung sich schon vor dem glorreichen
Triumph von Chicago der französischen überlegen zeigte.
Ein trübes Gegensatzbild zum britischen Weltreich, wo nationale Kraft
bis auf einen gewissen Grad trotz der verschiedenen Landesnatur,
trotz der riesigen Entfernungen sich einheitlich und dadurch stark
erhält, bietet Österreich-Ungarn. Eine mächtige Schlagader für
die Einheit seines Wirtschaftslebens ist ihm durch den Donaustrom
beschieden; an ihm liegen seine beiden prächtigen Großstädte, nach
ihm gravitiert der Hauptverkehr, selbst der böhmische, denn offen
liegen die Wege von Böhmen nach der mährischen Donauprovinz, somit
nach Wien, wogegen nach Norddeutschland bloß der eine Engpaß des
Elbthals als natürliche Verbindungsstraße führte, bis in den Beginn
des 19. Jahrhunderts obendrein wenig benutzt. Indessen es stoßen hier
unversöhnte Völkergegensätze in engem Gehege aufeinander. Ungarn haben
wir so gut wie unabhängig werden sehen, und die Magyaren sind rüstig
dabei, ziemlich schonungslos ihren Staat national auszubauen bis zum
trefflich grenzenden Mauerbogen der Karpaten. In Österreich aber
tobt der Unfriede zwischen Deutschen, Tschechen, Polen, Slowenen und
Italienern weiter; die wie zum Spott sogenannte Versöhnungspolitik des
verflossenen Ministeriums Taaffe hat einen wechselseitigen Völkerhaß
dort ins Kraut schießen lassen, der die jetzt erhoffte Verknüpfung der
Reichsteile auf der Grundlage realer, vornehmlich wirtschaftlicher
Interessengemeinschaft recht fern rückt; und wie lose sind in der That
an diesen Donaustaat angeschlossen Länder wie Galizien und Dalmatien!
Doch man behaupte ja nicht: da sieht man, wie Nationen wesentlich doch
aus Blutsverwandtschaft hervorgehen! Nein: Österreich beweist nur,
daß thörichte innere Politik und andere unglückliche Umstände, vor
allem auch eine ungeographisch am grünen Tisch zurechtgeschmiedete
Zusammenschweißung von Ländern die Verschmelzung verschiedenartigen
Volkes hemmt, zumal wenn die Gemeinsamkeit der Wirtschaftsinteressen
bei peripherischen Gliedern eine so geringe ist wie beim adriatischen
Litoral und dem galizisch-bukowinischen Außenrand der Karpaten. Rußland
war ethnisch noch viel buntscheckiger als das heutige Österreich, bis
Peter der Große und Katharina II. dem ursprünglich nur im Centrum
der großen osteuropäischen Niederung wohnenden Großrussenvolk die
Herrschaft über die ringsum gelagerten Völker, die Küsten der Ostsee
und des Schwarzen Meeres gewann, so daß nun der umfangreichste aller
Nationalstaaten der östlichen Erdfeste sich ausgestalten konnte,
alles Nichtrussische allmählich russifizierend, unterstützt durch
die Österreich fehlende Bodenform des weiten Tieflands ohne jede
Gebirgsscheide, was sich für Ausgleichen volkstümlicher Gegensätze,
für Aufrichtung straffer Staatseinheit zufolge schrankenlosen Verkehrs
stets so günstig erweist.
Wollen wir schlagende Beweise, daß nicht Blutsverwandtschaft,
sondern Eigenart des Wohnraums in erster Linie nationaler Ausbildung
die Wege weist, so brauchen wir gar nicht über Europas Grenzen
hinauszublicken. Wie schwer würde es fallen, Siebenbürgen mit dem
rumänischen Nachbarland unter einen Hut zu bringen, trotzdem doch
beide Lande so gut wie allein von Rumänen bewohnt werden! Ganz wie
von selbst haben wir es dagegen geschehen sehen, daß die Moldau und
Walachei als linksseitiges Uferland der unteren Donau sich staatlich
einten, während Siebenbürgen beim karpatischen Donaureich Ungarn
verblieb. Portugal löste sich aus dem spanischen Nationalverband
heraus wie die Niederlande aus dem deutschen einzig und allein auf
der Grundlage litoraler Sonderinteressen; so wurden die Portugiesen
eine eigene Nation, erhoben ihre spanische Mundart zur Schriftsprache,
wurden früher seegewaltig als ihr spanisches Hinterland; und ganz dem
entsprechend die Niederländer, deren Kolonialbesitz 280 Jahre älter
ist als der deutsche. Die englische Nation entstand, wie jeder weiß,
dadurch, daß deutsche Angeln, Sachsen und Friesen nach Britannien
hinüberzogen, die norwegische dadurch, daß die dänischen Normannen an
der ozeanischen Fjordenküste Skandinaviens heimisch wurden.
Frankreichs wie Italiens nationale Einheit beruht mitnichten auf
ursprünglicher Blutsverwandtschaft, sondern auf dem natürlichen
Zusammenschluß jedes der beiden Länder, ihrem Abschluß nach außen durch
Meer und Gebirge. Die Völkergruppe der Kelten, aus der die Franzosen
hervorgingen, breitete sich auch über Hispanien, die britischen Inseln,
West- und Süddeutschland, ja über Oberitalien aus; nur ein Teil
dieser Völker hatte Frankreich inne und verschmolz daselbst mit ganz
fremden Völkerschaften: Iberern und Ligurern, Römern und Griechen,
Franken und Burgundern. Nicht anders wuchs die Nation Italiens aus den
verschiedensten Bevölkerungselementen, auch deutschen, hellenischen
und arabischen hervor; zweimal hat sie uns das fesselnde Schauspiel
gewährt, daß sie genau innerhalb des nämlichen Raums von den Alpen
bis nach Sizilien sich ausgestaltete: einmal im Altertum bis unter
Augustus, dann wieder nach der Zerstörung durch die Stürme der
Völkerwanderung.
So gleichen natürlich geschlossene Landräume Hohlformen, in welche
die bildsame Masse verschiedenster Volksart sich einschmiegt, um zur
nationalen Einheitsform zu verschmelzen. Die Masse kann wechseln, die
Form bleibt. Flußthäler, die Schiffahrt längs den Küsten, offene Ebene,
bequem überschreitbare Gebirge erzeugen in dem nämlichen Landraum
immer wieder die nämlichen Verkehrs- und Handelslinien; größere
Meeresflächen, höhere Gebirge schranken von der Fremde ab. Handel und
Verkehr aber sind die einflußreichen Bildner der Völker; sie greifen
nicht so geräuschvoll ein wie Naturkatastrophen oder Völkerschlachten,
dafür sind sie alltäglich bei ihrem Werk, kleine Ursachen in
milliardenhafter Summierung zu großen Wirkungen hinanführend.
Ernste Pflicht dünkt es uns, der Störung des Völkerfriedens
entgegenzutreten, die da heuchlerisch einherschreitet unter der
Lügenmaske eines Napoleon III. vom „Nationalitätsprincip“, nach dem
die Staaten Europas sollten zurecht geschnitten werden. Der schlaue
~empereur~ zog mit dieser klangvollen Fanfare nach Italien, nur um
Österreich zu demütigen und sich mit der Abtretung von Savoyen nebst
Nizza ein gutes Trinkgeld von Italien zu holen, das französische
~prestige~ mit etwas neuer gloire zu vergolden. Am liebsten bekanntlich
hätte er uns die linke Rheinseite nach der unendlich fadenscheinigen
Anwendung des Nationalitätsgrundsatzes abgenommen, weil, wie er in
seiner ~Vie de Jules César~ laut betont, die französischen Gallier
einstmals bis an den deutschen Rhein heranreichten. Wenn dergleichen
Weisheit genügen soll, den Länderbestand anzutasten, dann mag man der
italienischen Irredenta nur gleich Südtirol ausantworten und Triest
dazu. Mehr aber als die Thatsache, daß man in Triest italienisch
redet, gilt doch das historische Recht, die Erinnerung daran, daß
Triest, um im Wettbewerb gegen Venedig Hilfe zu erlangen, im 14.
Jahrhundert freiwillig unter Habsburgs Schutz trat und alles, was es
heute ist, Österreich verdankt; noch schwerer aber wiegt es, daß wohl
Italien, jedoch nicht Österreich Triest entbehren kann, diese seine
Weltmeerpforte, das österreichische Hamburg.
Es muß der Überzeugung Raum geschaffen werden, daß gesunde Staaten
reale Interessengemeinschaft vertreten und in diesem Sinn, aber nicht
im ethnologischen Nationalstaaten darstellen. Wahr also bleibt der Satz
des verdienstvollen französischen Anthropologen Quatrefages: ~Toute
repartition politique, fondée sur ethnologie, est absurde.~ Auch unser
neues Reich ist zuerst als ein engerer Verkehrs- und Handelsbezirk
aus dem alten Deutschland herausgetreten, denn es erscheint 1834 als
Zollvereinsgebiet fast schon genau in seinen heutigen Grenzen. Ohne
Blut und Eisen vermochte es freilich nicht seine Losgliederung von
dem in ganz andere Interessenkreise hineingezogenen Österreich zu
erringen und zuletzt im gerechtesten und herrlichsten aller Kriege die
Kaiserkrone zu erwerben. Dafür steht es nun auch um so geachteter da,
ein treuer Schutz und Schirm des echtesten Deutschtums, ein eherner
Verband zwischen Nord und Süd, vom Fels der Alpen bis zum Meer, ein
wohlbewahrtes Haus für friedliche Bewohner, die sich zusammenthaten,
weil’s ihrer Arbeit frommte und weil sie auch zumeist sich rühmen
können als Söhne und Töchter Germanias verschwistert zu sein, ja
allesamt sich eins fühlen, da sie seit Jahrtausenden schon Freud und
Leid miteinander geteilt haben. Doch vergessen wir es nicht: weder
Blutsgenossenschaft noch geistiges Verwandtschaftsgefühl allein
gewährleistet uns das Glück unserer Zukunft, einzig der thatenfeste
Wille, die Brüderlichkeit fest und ehrlich zu wahren, erhält eine
Nation.