VII.

Deutschland und sein Volk.

Zwischen Dänemark und Italien, Frankreich im Westen, Rußland und

Ungarn im Osten liegt das Herzland Europas. Man könnte diesen ungefähr

quadratischen Raum noch heute Deutschland nennen, denn deutsch ist die

Hauptmasse seiner Bevölkerung, aus dem Schoß des mittelalterlichen

Deutschen Reichs sind seine Staaten herausgewachsen. Weil aber seit

1871 dem jüngsten dieser Staaten, unserem neuen Deutschen Reich, schon

durch seine Verfassungsurkunde der traulicher, geographischer klingende

Name „Deutschland“ als gleichbedeutender zweiter Name beigelegt wurde,

so empfiehlt es sich wohl, jenes Herzland unseres Erdteils nur als

Mitteleuropa zu bezeichnen.

Nicht die geometrische, aber die morphologische Mitte Europas ist es

ganz und gar. Jedes andere Glied des europäischen Körpers könnten wir

wegdenken, es bliebe immer noch ein verstümmeltes Europa übrig. Stoßen

wir dagegen Mitteleuropa aus dem Reigen der europäischen Länder aus, so

haben wir bloß noch peripherische Glieder ohne Zusammenhang vor uns.

Auch darin offenbart sich die Centrumsnatur Mitteleuropas, daß allein

hier die drei Hauptvölkergruppen unseres Erdteils sich berühren, die

germanische, slawische und romanische.

Physisch-geographisch dürfen wir Mitteleuropa kennzeichnen als die

Abdachung vom westöstlich verlaufenden Hauptwall der Alpen zur Nord-

und Ostsee, als ein Gebiet, dem Europas Adelszüge, Einheit in der

Mannigfaltigkeit und Maßhalten ganz besonders zuteil geworden sind.

Alle Bodenformen vereinigen sich hier in zonenweiser Lagerung: wir

steigen von den firnbedeckten Zackenkämmen der Alpen hernieder auf

die Hochflächen des Alpenvorlands, wo die Gewässer wie in den Alpen im

Westen schon dem Rhonegebiet, im Osten dem der Donau angehören, treten

dann ein in die vielgestaltige Welt der Mittelgebirgslandschaften

mit Wasserabfluß nach allen Seiten, indessen doch zusammengehalten

durch Zubehör ihres ganzen Flußnetzes allein zur Nord- und Ostsee,

schließlich durchmessen wir das weite Tiefland mit seinen schiffbaren

Strömen, unter denen der aus Gletscherwassern sich entspinnende Rhein

der einzige ist, der alle vier Zonenstreifen miteinander verklammert,

dem Westen Mitteleuropas eine ungleich bessere Verknüpfung spendend,

als sie dem Osten nachgerühmt werden kann, wo außer der schmalen

Elbpforte kein Strom Bresche gelegt hat in den Gebirgszug vom

Fichtelgebirge bis zu den Karpaten, die Donau aber den geschichtlich so

verhängnisvoll gewordenen Weg gen Osten weist.

Die Abstufung des Bodens in der Richtung von den Alpen zur Küste

gleicht die Temperatur von Süd und Nord aus; München z. B. hat eine

Juliwärme gleich der von Königsberg. Im allgemeinen nimmt die Wärme

wie in Europa überhaupt vielmehr von Südwest nach Nordost ab. Die

europäische Frostlinie des Januar zieht aus der Gegend der Elbmündung

im Bogenlauf quer über den Main und die süddeutsche Donau nach Bosnien.

Nur im Osten dieser Grenzscheide hat man also anhaltenden Winterfrost,

bleibende Schneedecke auch außerhalb der Gebirge. Am längsten und

meisten wird der Boden in der Südwesthälfte Mitteleuropas erwärmt;

dort finden wir neben Weizen- und Spelt- schon Maisbau; Schwalben

und Störche treffen zuerst durch die burgundische Pforte in der

oberrheinischen Tiefebene ein; an Rhein und Neckar, Mosel und Main

sehen wir unsere besten Weinlagen verteilt. In Ostpreußen verkürzt

sich dagegen die warme Jahreszeit bereits so sehr, daß die Rotbuche

wie aus dem nämlichen Grund in Rußland nicht mehr fortkommt. Glücklich

beschirmt durch das südliche Hochgebirge gegen die nordafrikanisch

heißtrockenen Sommer des Mittelmeerbeckens, wohnen wir auch den

atlantischen Hauptquellen des europäischen Regens fern genug, um nicht

eine Überfülle von Niederschlag zu empfangen wie die Westseite der

britischen Inseln, und doch auch jenen wiederum nahe genug, um frei

zu sein von der Steppendürre Südosteuropas. Mitteleuropa entrollt

uns somit auch landschaftlich wie in seinem Wirtschaftsleben echt

europäische Mannigfaltigkeit in seinen grünen Bergen und Thälern, auf

seinen ebenen Fluren voll saftiger Weiden, fruchtbarer oder wenigstens

den Bauernfleiß zur Genüge lohnender Felder, umfangreicher Laub- und

Nadelholzwaldung. An Ertrag vom Getreidebau wie von der Viehzucht wird

Europas Mittelland innerhalb unseres Erdteils allein durch Rußland

ob seiner Raumgröße übertroffen, in Wein- und Obstsegen nähert es

sich Frankreich und den sonnigen Südlanden, in seiner industriellen

Bethätigung steht es bloß noch hinter England zurück, seitdem es im

19. Jahrhundert mit immer gesteigerter Energie den Vorzug gründlicher

ausbeuten lernte, daß es bei Anteilschaft an allen geologischen

Formationen verfügt über gewaltige Rohstoffmassen an Metall, Kohlen und

Salzen; seine Küstenlinie mit trefflichen Häfen, namentlich den fast

gänzlich eisfreien Nordseehäfen, sichert ihm die Osteuropa versagten

ununterbrochenen Welthandelsbeziehungen durch Schiffahrt auf allen

Ozeanen bis zu den fernsten Erdenwinkeln.

Als ostfränkisches Reich löste sich Mitteleuropa staatlich aus dem

Verband der Monarchie Karls des Großen heraus, die es so eng mit

Frankreich verknüpft hatte. Seine Osthälfte war freilich nach der

Völkerwanderung an die nachrückenden Slawen verloren gegangen, wurde

jedoch nachmals durch Zurückfluten des Deutschtums nach Osten zum

größten Teil wiedergewonnen. Einem losen Bund der das westliche

Mitteleuropa bewohnenden deutschen Stämme glich unser altes Reich,

da es vom Sachsenherzog Heinrich nach dem Aussterben der Karolinger

aus den ostfränkischen Trümmern organisiert ward. Es gliederte sich

durchaus ethnographisch: dem niedersächsischen Kernstamm im Norden

schlossen sich an die Thüringer und Hessen, die im Herzogtum Lothringen

vereinigten Franken des nördlichen Rhein- und des Scheldegebiets, also

die Bewohner der heutigen Rheinprovinz, Luxemburgs, Belgiens und der

Niederlande, ferner die Mainfranken samt den wesentlich fränkischen

Pfälzern, die Schwaben und die Bayern.

Aber es ist eine bisher zu wenig beachtete Thatsache, daß die

staatliche Weiterentwicklung sich nicht im Rahmen dieser Stammesgebiete

vollzogen hat, sondern je länger je mehr hierbei Leitmotive zu

Tage traten, die dem Zusammenwohnen in physisch geschlossenen

Verkehrsprovinzen erwuchsen. Das geographische Moment erwies sich

mithin machtvoller als die Stämmegliederung. Das Stammland der Sachsen

blieb zwar bis zum territorialen Zerfall des spätmittelalterlichen

Deutschland überhaupt noch längere Zeit eine politische Einheit,

befaßte es doch bis auf den ins rheinische Schiefergebirge reichenden

Südzipfel, den heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, das gut geeinte

Stück Tiefebene von Holstein bis gegen den Niederrhein. Ihm schlossen

sich die wahlverwandten ostelbischen Slawenlande zum guten Teil an, die

durch ihr Plattdeutsch noch zur Stunde die Macht der niedersächsischen

Kolonisation verkünden. Auch Hessen und Thüringen gaben in der so

ungeographischen, meist rein dynastisch bedingten Herausschälung

kleiner und kleinster Sondergebiete ihre Landeseinheit noch

einigermaßen zu erkennen. Indessen der im Bodenbau gar nicht wurzelnde

Grenzzug des lothringischen Herzogtums verschwand gar bald, auch die

Pfalz schied sich von Mainfranken, das Schwabenland zertrennte sich in

seine geographischen Elemente, die fast ausschließlich von den Bayern

besiedelten deutsch-österreichischen Lande, die darum ursprünglich

nur Marken unter der Oberhoheit des bayrischen Stammesherzogtums

ausmachten, verselbständigten sich als alpine Wohnräume dieses Stammes,

nur durch den Donaustrom verknüpft mit dem nunmehr auf das Alpenvorland

nebst den ihm durch Isar und Iller angeschlossenen Randgliedern der

nördlichen Kalkalpen beschränkten Herzogtum, dem fortan allein der

Bayernname verblieb.

Die Entfaltung des mitteleuropäischen Staatensystems unserer Tage hat

gar nichts gemein mit der Grenzabsonderung der Teilstämme unserer

Nation. Bruchstückweise sind letztere an die fünf Staaten aufgeteilt.

In den Niederlanden, Flämisch-Belgien und Luxemburg wohnen außer den

friesischen Strandleuten Niedersachsen und Franken, in der Schweiz,

mit Romanen unter einem Dach, Schwaben, in Österreich mit Slawen in

friedloser Ehe Bayern. Nur die innerdeutschen Stämme der Thüringer

und Hessen sind dem im neuen Deutschland zusammengefaßten Hauptrest

Mitteleuropas ganz treu geblieben. Unser heutiges Deutsches Reich

ist der Inbegriff sämtlicher Stämme unserer Nation, soweit sie nicht

ausgerankt sind in die peripherisch abgegliederten mitteleuropäischen

Staaten oder hinausgezogen nach Großbritannien, Siebenbürgen, Rußland

und in transozeanische Fernen.

Wohl haben einstmals Stammesinteressen der politischen Einung unseres

Volkes widerstrebt, als es noch keine mitteleuropäische Pentarchie gab.

Der Sachsenstamm trägt noch immer seinen Widukind im Herzen, der ihm

Freiheit und Glauben gegen den mächtigen Frankenkönig verteidigen half.

Im Süden waren es die Bayern, die besonders gern der Centralgewalt

des Reichs Widerpart leisteten, ja bis ins achtzehnte Jahrhundert

traten bayrische Sympathien mit dem stammes- und glaubensverwandten

habsburgischen Nachbarstaat so stark hervor, daß ein Anfall Bayerns an

Österreich nicht ganz ausgeschlossen schien. In letzter Stunde siegten

aber doch die realen Interessen, wie sie schon vor der Gründung des

neuen Reichs im preußischen Zollverein, 1866 in der Zollvereinigung

des norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zum Ausdruck

kam. Ganz deutlich verrät sich die Bedeutung von natürlich gegebenen

Verkehrsbezirken für Vereinheitlichung der gesamten Lebensziele ihrer

Bewohner, folglich für die allergesundeste Anbahnung staatlichen

Zusammenschlusses darin, daß die beiden großen Verkehrshälften

Mitteleuropas, die wir im antiquierten großdeutschen Sinn die

norddeutsche und die süddeutsche nennen mögen, sich abspiegeln in

der Staatengeschichte durch alle Jahrhunderte von Armins und Marbods

Tagen her. Die für die Staatenkarte der Gegenwart entscheidende

Losgliederung der Niederlande und Belgiens einerseits, der Schweiz

und Deutsch-Österreichs andererseits vollzog sich eben deshalb als

eine rein norddeutsche, bezüglich rein süddeutsche, weil es überhaupt

bei Ausbildung der Teilstaaten Mitteleuropas nie eine dauernde

Überschreitung der nord-süddeutschen Wende gegeben hat, die sich längs

der Sudeten und des Erzgebirges zur Mainquelle hinzieht, um dann

auf der Wasserscheide zwischen Main- und Wesergebiet sich dem Rhein

zu nähern, die Pfalz Süddeutschland zuzuweisen. Auch der in unserem

Reich am meisten fühlbare Gegensatz ist der zwischen der nord- und

süddeutschen Staatengruppe.

Zum Glück ist er nicht so wesentlich verursacht durch die leise an

Rassenhaß gemahnende wechselseitige Abneigung verschieden begabter

Stämme, wie fast allgemein geglaubt wird. Zwar sind Schwaben und Bayern

fast ausnahmslos nur in Süddeutschland heimisch, Franken dagegen

wohnen vom preußischen Rheinland bis in die Pfalz, ja sie siedeln

seit mehr als tausend Jahren sowohl an der lothringischen Mosel

wie im gesegneten Mainland. Nein, der Abstand unseres Deutschtums

in Süd und Nord wurzelt wahrlich nicht in Blutsfeindschaft. Sind

doch die Germanen der Südhälfte Mitteleuropas allesamt erst aus

Norddeutschland als echte Brüder der blondhaarigen Norddeutschen

eingewandert! Mit einer Menge kleiner Absonderlichkeiten in Mundart

und Gebräuchen hat sich allerdings auch ein gewisser Antagonismus

gegen norddeutsches Wesen dort im Süden allmählich festgewurzelt;

im näheren Verkehr mit Schwaben und Bayern als mit Norddeutschen

sind auch die Mainfranken, so zweifellos sie ihrer Herkunft nach

dem norddeutschen Frankenstamm angehören, zu Süddeutschen geworden.

Aber ist es nicht ein bedeutungsvoller Zug im Leben unserer Nation,

daß am meisten längs den Ufern des Rheinstroms die Grenze süd- und

norddeutscher Volkstümlichkeit sich verwischt? Süddeutsches „le“ für

die Verkleinerungssilbe „chen“ hört man ebenso gut am norddeutschen

Rhein, „nit“ statt „nicht“ weit über Köln hinaus. Der Rhein bildet das

wertvollste Einheitsband für den Westen unseres Reichs, ja er ist

dessen eigentliches Rückgrat. Indem der Vater Rhein so leibhaftig uns

alle Tage vor Augen hält, was der Verkehr auf seinen grünen Fluten, auf

den Schienenwegen zu seinen beiden Seiten für den Austausch von Süd und

Nord leistet, erbringt er uns den besten Beweis, daß die Einheitskraft

unseres Reiches um so sicherer partikularistische Strebungen besiegen

wird, je mehr die Schranken der alten Zeit mit ihrem schläfrigen

Verkehr, meist nur im engen Bezirk, fallen, je mehr Güter- und

Personenbewegung den Gesichtskreis der Deutschen über ganz Deutschland

erweitert und sie alle begreifen lehrt, daß die Stärkung der gesamten

Reichskraft jedem, auch dem kleinsten Teil des Reichskörpers zu gute

kommt, während die Insassen eines solchen in seiner Vereinzelung höchst

ohnmächtig ihre Freiheitshymnen singen würden.

Sein Vaterland kennen lernen ist unerläßliche Vorbedingung dafür, es

richtig zu würdigen. Es fällt indessen bei Deutschland und seinem Volk

nicht eben leicht, jene Vorbedingung zu erfüllen, da uns von Gau zu

Gau stark individuelles Gepräge aufstößt. Versuchen wir in flüchtiger

Wanderskizze zu zeigen, wie vielfach dieser reizvolle Wechsel von

Landschaft und Volkstum auf der gegenseitigen Beeinflussung beider

beruht.

Im Allgäu an den Quellbächen der Iller und weiter östlich in den

bayrischen Alpen erhebt sich der Boden unseres Reichs wie nirgends

sonst bis über die Schneegrenze. Hier allein jagt man die Gemse,

wohnen halbnomadisch die Sennhirten in wettergebräuntem Blockhaus nur

sommersüber auf der grünen Alpmatte, die sich einschaltet zwischen die

schneebedeckten Zinnen des Hochgebirgsgrates und die tannendunkle Zone

der unteren Gehängestufe. Auch letztere wird häufig unterbrochen vom

lichteren Grün der Weideländerei, während Feldfluren ganz zurücktreten

im Landschaftsbild, beschränkt gewöhnlich auf die Thalsohle in der

Umgebung der Dorfschaften. Tiefer Naturfrieden lagert über dem Ganzen.

Rinderzucht nebst Waldwirtschaft ernährt eine spärliche Anzahl

genügsamer Menschen. Gleichviel ob Schwaben im Westen, Bayern im Osten,

-- die Alpennatur drückt den Bewohnern ganz gleichartigen Stempel auf.

Gesundheit und Kraft spricht ihnen aus dem Antlitz, aus dem rüstigen

Gang selbst auf schwindelndem Pfad an jäher Felswand. Stets von Gefahr

bedroht durch übermenschliche Mächte, ist der Älpler ein aufrichtig

frommer Mensch, nur kein Kopfhänger. Das erhebende Bewußtsein des

Gelingens, der Überwindung von Gefahren ist hier mehr als anderwärts

in Deutschland mit den einfachsten Arbeiten verbunden, mit dem

Niederbringen einer Kötze Heu, dem Holzflößen, dem Botenweg. Das stimmt

zur Fröhlichkeit, die sich im Echo weckenden Juchzer und Jodler Luft

macht, genährt von der körperlichen Frische in dieser herrlichen,

Gesundheit spendenden Natur.

Noch eine Strecke weit erfreuen uns ins nicht mehr hochgebirgige

Vorgelände hinaus, soweit es noch wesentlich von alpenhaftem Klima

beherrscht wird, die dem letzteren angepaßten Lebensformen: die

Zerstreutheit der Einzelgehöfte in noch vorwiegend für Viehhaltung

verwendeter Flur, ihr Holzbau mit dem weitvorspringenden, gegen den

Sturm steinbeschwerten Dach, unter dem auf zierlicher Holzgallerie

die vom Regen so oft benetzten Kleidungsstücke trocknen, der Tiroler

Kremphut bei beiden Geschlechtern, das Lodenwams, der kurze, das

Ausschreiten nicht hemmende Frauenrock, der feste Bergschuh. Dann aber

wird die Landschaft eben, das Klima minder niederschlagsreich, je

mehr wir uns längs den rauschenden Alpenflüssen Iller, Lech und Inn

der Donau nähern. Da wohnt ein ackerbauendes, bierbrauendes Volk in

geschlossenen Siedelungen. Inmitten ihrer Felderflur liegen ansehnliche

Dörfer mit hohen roten Ziegeldächern, und manche altberühmte Stadt

mit ehrwürdigen, hochragenden Gotteshäusern erinnert an eine große

Vergangenheit. Regensburg und Augsburg erzählen schon durch ihren

Namensklang, wie hier der Germane einst römische Städte nach seiner

Weise ausbaute. Die Blüte von Augsburg und dem münstergekrönten Ulm

wurzelte in der vormaligen Bedeutung der süddeutschen Donauhochfläche

für den Handel zwischen den Mittelmeerhäfen und dem viel früher als

Ostdeutschland kulturmächtigen rheinischen Westen. Augsburg verrät

durch den modernen Aufschwung seiner Webeindustrie den regeren Sinn für

gewerblichen Fortschritt, der die Schwaben vom Lech westwärts überhaupt

vor den behäbigeren Bayern auszeichnet.

Über alle Städte des Alpenvorlands aber kam München empor, dieses

glänzende Zyklopenauge auf der breiten Stirnfläche unseres Südens,

das lebensvolle Verkehrscentrum dieser Ebene, die stets berufen

war zwischen Nord und Süd, Ost und West zu vermitteln, der große

Getreidemarkt für die getreidearmen Alpengaue, die erste Bierbraustadt

der Welt.

Bloß das Donauthal über Passau hinaus verbindet die süddeutsche

Hochfläche mit Österreich, eine Vielzahl bequemer Thalwege hingegen,

die durch den Jura führen, verklammern mit dem übrigen Deutschland.

Sie führen uns ins südwestdeutsche Becken, ganz eingesponnen ins

süddeutsche Rheinsystem, mit dem Rheinstrom von Basel bis Mainz in

seiner tiefsten Rinne. Im Maingebiet wohnen die nach ihm benannten

südöstlichsten Franken. Sie haben auf dem mageren Keupersandboden

inmitten des Regnitzlandes unter dem Schutz der noch heute die

Stadt auf steilem Felsen überragenden alten Kaiserburg ihr Nürnberg

gegründet, die einzige Stadt des Reichs, die durch das erfindungsreiche

Schaffen ihrer Bürger die Blüte seiner mannigfachen, durchaus nicht

bodenständigen Gewerbe seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart bewahrt

hat. Sonst ist der Mainfranke werkthätiger im Anbau seines fruchtbaren

Triasbodens. In der Bamberger Gegend bis gegen Schweinfurt hin bilden

Hopfenberge eine Landschaftszierde, im wärmeren Unterland, so um die

alte Bischofsstadt Würzburg, Weinberge. Im lieblichen Neckarland haben

die Nachkommen schwäbischer Juthungen ihre Heimat zu einer Stätte

harmonischer Durchdringung von Anbau und Gewerbefleiß umgeschaffen.

Der Ackersegen der Felder, der glänzende Obst- und Weinertrag der

Bodenabstufung bis zu den Thalsohlen des Neckargeflechts ist es nicht

allein, was die Menschenfülle des Ländchens ernährt; überall sehen

wir das starke Flußgefälle zu industriellen Anlagen verwertet und die

Steinkohlen vom norddeutschen Rheinland auf Schienen- wie Wasserweg

heranfahren zum maschinellen Großbetrieb.

Mehr gesondert nach den Bodenformen erweist sich Anbau und Gewerbe

auf der süddeutschen Rheinebene gegenüber ihren beiderseitigen

Einschlußgebirgen. Jene hat sich von jeher den Namen „Deutschlands

Garten“ verdient bei ihrem ertragreichen Boden, ihrem milden Klima. Bis

zur Pfalz hin hält der hier noch für Bootfahrt etwas zu ungestüme Rhein

die Uferlande im Ost und West auseinander; deshalb waren sie trotz

gleichartiger Wirtschaftsweise ihrer Bewohner staatlich immer getrennt,

erst die Pfalz vermählt auch politisch die beiden Uferseiten.

Getrennt entfaltete sich die wie immer von so vielen

Zufälligkeiten abhängige Geschichte des Gewerbes in den schön

bewaldeten Umrahmungsgebirgen: der Schwarzwald wählte sich die

Holzschnitzerei, aus der sich dann Uhrenmanufaktur und Herstellung

von Musikinstrumenten, selbst kostbarer Orchestrien entwickelte, der

Wasgau die Baumwollweberei, deren Hauptsitz jedoch Mülhausen blieb,

wo das Vorbild der Textilindustrie der Schweiz, der Mülhausen früher

angehörte, noch heute nachwirkt.

Die von Saarbrücken und Aachen bis nach Sachsen und Oberschlesien

verbreiteten Steinkohlenlager bewirkten es aber, daß die moderne

Großindustrie Deutschlands doch eine ganz vorwiegend norddeutsche

wurde. Süddeutschland ist auch hierin dem Norden nur dort mehr

angeglichen, wo der Kohlenbezug aus dem norddeutschen Rheinbezirk,

zumal aus dem für den Wasservertrieb so günstig gelegenen

Ruhrkohlenbecken nicht zu teuer ist. Darum sind im südwestdeutschen

Becken so jugendliche Städte wie Mannheim, Ludwigshafen norddeutsch

rasch gewachsen, Landstädtchen des Donaugebiets wie Straubing oder

Amberg in der Oberpfalz dörflich klein geblieben.

Krupps weltberühmte Gußstahlwerke in Essen holen sich ihr Eisen aus

Nähe und Ferne, selbst aus Spanien, jedoch durch ihren Kohlenbedarf

sind sie an die Ruhrgegend gefesselt; verschlingen doch die Kruppschen

Maschinenöfen jährlich 1¼ Millionen Tonnen Steinkohle. Älterer

Bedeutung für gewerbliche Anregung der Bewohner unseres rheinischen

Schiefergebirges sind allerdings die Erzvorkommen gewesen. Die

Schwertfegerei von Solingen ist so alt wie die Bleicherei und Weberei

an der Wupper, aus der jene gewaltige Industrie der Doppelstadt

Elberfeld-Barmen mit dreimal Hunderttausend Einwohnern hervorging.

Überhaupt haben die drei Faktoren, Kohlenreichtum, großer Vorrat

an Eisen-, Zink- und Bleierz nebst angeerbter Neigung des Volks zu

gewerblichem Verdienst, dort am Nordsaum des Schiefergebirges und ins

bergisch-märkische Land hinein an der Hand der Großindustrie die größte

Massenverdichtung der Deutschen gezeitigt.

Das gefeiertste Stück des Rheinthals von Bonn aufwärts bis Bingen

entrollt uns das lebensvolle Bild der verjüngten Schaffensthätigkeit

unseres Volkes auf fast allen Gebieten. Eng aneinander reihen sich um

den verkehrsreichen Strom die schiefergedeckten Städte und Dörfer,

letztere oft nur in einer einzigen Häuserzeile eingeklemmt zwischen

dem grünen Rhein und den nicht hohen, aber steilen Felsen seines

gewundenen Thales, deren düsteres Grau von Rebengrün und stellenweise

von Eichenwald verhüllt wird. Alles atmet Frohsinn und fortschreitenden

Wohlstand; hier und da schaut noch ein römischer Wachtturm ins frisch

pulsierende Leben der Gegenwart, neben Bergruinen aus dem Mittelalter

grüßen vornehme Landsitze, schmucke Schlösser von den Höhen. Es

ist das rechte Heim des weinfröhlichen Franken, der hier seit zwei

Jahrtausenden haust und seinerseits dieser gottgesegneten Thalung

den Stempel seiner energischen Schaffenslust aufgeprägt hat. Doch

dieselben Rheinfranken wohnen doch auch auf den plattigen Flächen

zur Seite von Rhein, Mosel und Lahn; indessen wie zurückgeblieben,

wie weltabgeschieden und arm, wo der naßkalte Fels- oder Thonboden

der Eifel, des Hunsrücks, des Westerwalds, über den der Nordwest

Regenschauer und Schneewehen treibt, die Aussaat so kümmerlich lohnt!

Ostwärts folgt das hessische Bergland, das seit alters ein fleißiges,

tapferes Bauernvolk ernährt, ohne Steinkohlen- und Erzschätze im

grellen Gegensatz zum Rheinland bis ins 13. Jahrhundert völlig der

Städte entbehrte, auf seinen anmutigen, aussichtsreichen Basaltkuppen,

wie dem Petersberg bei Fulda, der Milseburg, dem Kreuzberg der Rhön,

aber alte Andachtsstätten besitzt zum Beleg des nur scheinbar barocken

Satzes „Basalt macht fromm“.

Wo in den noch weiter östlichen Gliedern unseres Mittelgebirgsraumes,

dem thüringischen, dem sächsischen, dem schlesischen, für den Ackerbau

gut geeigneter Niederungsboden rauheren Höhen benachbart liegt, da

meldet meistens schon das Fichtengrün der letzteren und die falbe

Flur mit den langgezogenen Rechtecken der Äcker zu ihren Füßen, wie

die Bodenerhebung die Beschäftigung der Menschen regelt. Besonders

schön aber kann man eben dort bei den Bergbewohnern die Wahrheit des

Satzes kennen lernen: „Not ist die Mutter der Künste!“ Läge da fetteres

Erdreich, das die Waldrodung zum Feldbau lohnte, und wäre der Winter

dort nicht zu lang und zu rauh, so würden die armen Leute auf dem Harz,

dem Erzgebirge nicht so emsig in den lichtlosen Erdenschoß eingedrungen

sein, um mit Lebensgefahr Metalladern anzuschlagen in immer höher

gesteigerter Kunst, wodurch diese Gebirge zu Musterschulen des Berg-

und Hüttenwesens für die ganze Welt geworden sind; es würde ebenso

wenig jene großartige Fülle hausgewerblicher Industriezweige erwachsen

sein, die Kunst der Glasfabrikation eine so hohe Vervollkommnung

erreicht haben wie es der Fall ist vom Thüringerwald bis in die

Waldgründe der Sudeten. Die Regel, daß die Volkszahl nach den höheren

Gebirgsstufen sich mindert, ist durch den Bienenfleiß und die mit

Kunstsinn gepaarte hochgradige Geschicklichkeit dieser Gebirgsbewohner

mehrfach ins Gegenteil verkehrt worden. So leben die Erzgebirgler

auf der fast keine Feldfrucht neben der Kartoffel tragenden Kammhöhe

ihres Gebirges in dichteren Scharen, volkreicheren Dörfern als

unten die Bauern auf dem fruchtbaren Löß des ebenen Vorlandes an

der Pleiße, Mulde und Elbe. Ihre Vorfahren kamen als Bergleute auf

die luftigen Höhen; als dann die Erzschätze allzubald versiegten,

blieben die Nachgeborenen mit leidenschaftlicher Heimatsliebe auf der

armen Gneisscholle, suchten und fanden Verdienst durch Schnitzerei,

Tischlerei, Spitzenklöppeln und Feinstickerei, so daß sie mit fast

chinesischer Anspruchslosigkeit bei Kartoffelkost und Blümchenkaffee

ein zahlreiches, auskömmlich lebendes, sangeslustig fröhliches Völkchen

wurden.

Großartiger freilich offenbart uns zu guterletzt das norddeutsche

Tiefland den Sieg unserer Nation über eine von Haus aus kargende Natur.

Wie hat es der Deutsche verstanden, selbst dem dürftigsten Diluvialsand

in steigenden Mengen Nahrungsmittel abzugewinnen, sogar in den Mooren

sich ein sauber wohnliches Obdach, ja Wohlstand zu schaffen. Eben

bei der harten Arbeit, die sich Jahr um Jahr erneuert, wenn hier der

Landmann sich und den Seinen das Dasein fristen will, ist der harte

Menschenschlag groß geworden, der in Treue und Tüchtigkeit, Ausdauer

und Kraft den Kern des preußischen Staates ausgestalten, mithin

die Grundlage unseres Reiches legen half. Die Wegsamkeit der Ebene

schon als solcher, die Schiffbarkeit ihrer Ströme, die Zwischenlage

zwischen den Gebirgen mit ihren der Niederung versagten Kohlen und

Metallen auf der einen, dem Meer auf der andern Seite erzeugte eine

Entfaltung von Handel und Industrie, die im Zeitalter des Dampfer-

und Eisenbahnverkehrs eine vordem ungeahnte Höhe erklomm. „Arbeit

schafft Wohlstand und Macht“, das lehrt uns das Emporkommen gerade

dieses Nordens unseres Vaterlandes aus den früheren ärmlichen Zuständen

besonders vernehmlich. Dem Wirtschaftsfortschritt dieses Raumes vor

allem, gar nicht bloß der politischen Vorrangstellung Preußens ist

es beizumessen, daß das Schwergewicht des neudeutschen Reiches im

Nordosten liegt. Bis tief ins Mittelalter koncentrierte sich das

geistige Leben, das Aufblühen größerer Gemeinwesen hauptsächlich auf

den Südwesten Deutschlands. Nunmehr ist die Pflege von Kunst und

Wissenschaft bis in unsere östlichsten Grenzmarken vorgedrungen, und

große wie mittlere Städte sind über unser ganzes Tiefland verteilt.

Sie ordnen sich namentlich in drei Reihen. Eine verfolgen wir von

Aachen über Leipzig bis ins Vorland der Sudeten; sie hält sich in der

Nähe des Gebirgsfußes, wo der Boden der Niederung thonhaltiger, deshalb

fruchtbarer ist, und nutzt den Marktvorteil aus, wie er sich überall

darbietet durch den Erzeugungsgegensatz zwischen Gebirge und Ebene.

Eine zweite fällt in die große mittlere Verkehrsaxe, die zugleich

ein Stück der gesamteuropäischen von Paris über Moskau ausmacht: sie

besteht vorzugsweise aus Brückenorten wie das steinalte, doch ewig

jugendfrische Köln, Hannover, Magdeburg, das natürliche Hauptcentrum

des Verkehrs der Nordostniederung Berlin, ferner Frankfurt a. O.,

Posen. Die dritte befaßt die Küstenstädte, die erst durch den Kaiser

Wilhelm-Kanal an einen einheitlichen, rein deutschen Schiffahrtsweg

gelangten. Sie waren zum guten Teil schon zur Hansezeit Deutschlands

Stolz als Organe seines Überseehandels nach England, Skandinavien,

Rußland. Bei vorzugsweiser Richtung dieses Seeverkehrs über das

baltische Meer mußte Lübeck das Venedig des Hansebundes werden. Nun

schaut unser weltumspannend gewordener Handel naturgemäß zumeist gen

Nordwest, wo in der innersten Nische des einzigen Weltmeergolfes mit

deutschem Küstenanteil das deutsche London durch seine thatkräftige

Bürgerschaft zum ersten Handelshafen des europäischen Festlandes

entwickelt ward. Was wäre Deutschland ohne Hamburg! Aber wir dürfen

hinzufügen: Was wäre Hamburg ohne Deutschland mit seiner riesenhaften

Arbeitsleistung, mit seinem machtvollen Reichsschutz!

Wir Deutsche im Reich gehören eben zusammen nicht bloß durch uralte

oder erst auf diesem Boden geknüpfte Verwandtschaftsbande und eine

mehr denn tausendjährige gemeinsame Geschichte, nein vor allem durch

unser Vaterland. Das haben wir zu Nutz und Frommen friedlichen

Schaffens gemeinsam zu schirmen durch unser starkes Heer, und an der

allertreusten unserer Grenzen, an der Küste, durch unsere endlich

erlangte, der Kauffahrerflotte unter schwarz-weiß-roter Flagge auf

allen Meeren der Welt als Schild dienende herrliche Kriegsflotte.

Aber dies Vaterland fordert nicht bloß unser einmütiges Zusammenhalten

als die nötige Schutzfeste unseres Daseins. Es heischt auch unsere

Dankbarkeit. Ihm danken wir über alle kleinen Stammessonderungen

hinaus die ernste Zucht zu Arbeit, Sparsamkeit und guter Sitte, den

gemeinsamen Pulsschlag eines treuen Herzens.

Aus Natur und Geisteswelt.

Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen

Gebieten des Wissens.

Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden · 第 19 / 20 题