II.

Das Meer im Leben der Völker.

Die einzige absolute Großmacht auf Erden ist das Meer. Aus dem

Meeresschoß erst ist das Land geboren worden, das noch heute in

insularer Zerstückelung bloß hie und da den allumfassenden Ozean

unterbricht. Nur das Meer bildet zwischen der Lufthülle und dem

Gesteinspanzer der Erde ein Ganzes, und der Hauptsache nach ist

die Erde immer noch ein vom Ozean umwogter Planet. Auch den

geheimnisreichen Ursprung des organischen Lebens werden wir uns als

ein folgenschweres Begebnis innerhalb der Meeresflut aus jener Zeit zu

denken haben, da es noch kein Land gab und unzertrennt ein einziger

Ozean den Erdball umgab als koncentrische Hohlkugel gleich der ihn

selbst einschließenden der Atmosphäre. Ist aber die Weiterentfaltung

des irdischen Lebens einheitlich erfolgt, so entstammen selbst die

landbewohnenden Gewächs- und Tierformen bis hinan zum Menschen marinen

Verfahren.

Durch äonenlange Anpassung an die Daseinsbedingungen außerhalb des

Meeres hat sich indessen eine tiefe Kluft herausgebildet zwischen

land- und meerbewohnenden Geschöpfen. Zwar Flüsse und Seen, durch ihre

Wassernatur dem Meer wahlverwandte Elemente des Landes, verwischen in

Ausnahmefällen die sonst so streng eingehaltene Grenze des ozeanischen

Faunareichs; manche Fische sind wie Aale und Lachse geradezu

Doppelwohner in Salz- wie Süßwasser, andere Seefische gewöhnen sich

allmählich an das minder salzige Gewässer der Flußmündungen, bis ihre

Nachkommen, die Stromadern hinaufschwimmend, schließlich für die Dauer

im Süßwasser verbleiben, gleichwie der kleine Keulenpolyp in jüngster

Zeit erst aus der Nordsee durch das Brackwasser der Elbmündung in die

Elbe und Saale, ja bis in den Süßen See bei Eisleben eindrang. Wale

gebären am Land, flugkräftige Fischräuber, so der Fregattvogel, der

Albatros bewegen sich mit ihren mächtigen Schwingen tagelang über hoher

See, Tausende von Kilometern entfernt von der Küste. Trotzdem bleibt

der Küstenzug die durchgreifendste Scheidelinie in der Verbreitung

der Lebewesen auf Erden. Und der Mensch, dessen ganze Organisation

darauf hinweist, daß seine Ahnen im Tertiäralter früchteverzehrende

Waldinsassen gewesen, war selbstverständlich von Anfang an

ausschließlicher Landbewohner. Der Küstenring der Ostfeste darf als

weitgesteckte Außenmauer des Heimatshauses der Urmenschheit gelten.

Das Meer kann auf den Menschen, als er es zuerst erblickte,

nur abschreckend gewirkt haben mit seiner Ungastlichkeit, mit

den jähen Gefahren, durch die es den nährenden Mutterboden des

Festlandes bedrohte in der Gestalt von hoch aufspringender Brandung,

überschwemmenden Fluten, furchtbarem Sturmwetter. Dem weit überlegenen,

mit elementarer Gewalt andrängenden Feind gegenüber sah sich der

wehrlose Mensch zuvörderst in die Verteidigungsstellung gedrängt, zumal

an Flachküsten, wo das Steigen und Fallen des Meeresspiegels bei Flut

und Ebbe Gezeitenströmungen erzeugt, die weit über die Küstenniederung

daherfegen. Plinius hat uns ein dramatisches Bild dieses an Urzeiten

gemahnenden Kampfes mit dem Ozean vom deutschen Nordseegestade

überliefert, als dieses zur römischen Kaiserzeit des schirmenden

Deichbaus noch entbehrte. Alltäglich, berichtet Plinius, setzte der

Flutstrom dies Land der germanischen Chauken unter Wasser, daß die

Bewohner, in ihre Hütten geflüchtet, Seefahrern glichen, bis dann der

Ebbestrom einsetzte und die Leute wie Schiffbrüchige aus ihren engen

Behausungen lockte, um Fische aus dem zurückweichenden Meerwasser zu

fangen oder ausgeworfenen Seetorf vom feuchten Wattengrund aufzulesen.

Wir sehen hier den Daseinsstreit des Menschen mit dem Meer schon mit

vervollkommneten Hilfsmitteln geführt; die Chauken hatten sich bereits

auf selbst aufgeführten Hügeln, auf „Wurten“, einen festen Baugrund

für ihre Hütten geschaffen, wie noch heute die Halligleute auf den

kleinen, darum uneingedeichten Marschlandinseln vor Schleswigs

Westküste solche benutzen. Es brauchte nur noch der „goldene Reif“ des

Deichwalles längs der Küste gezogen zu werden, um den amphibischen

Gürtel des Wechselspiels der Gezeiten als weide- und weizenreichen

schweren Marschboden dauernd dem deutschen Festland zu gewinnen. Man

weiß es aus der Geschichte, wie viel Segen dieser Triumph unseren

und den niederländischen Küstenbewohnern eingetragen hat, seitdem

der Friese nach dem letzten Spatenstich stolz dem in feste Schranken

zurückgewiesenen „blanken Hans“ d. h. dem Meer das Siegeswort zurief:

„Trutz nun, blank Hans!“ und es heißen durfte: ~Deus mare, Batavus

litora fecit.~ Der über den sonst so allmächtigen Gegner erzielte

Erfolg steifte den freiheitsstolzen Nacken und je unablässiger der

Deichbau gemeinsame Arbeit forderte für seine fernere Instandhaltung,

wie er nur zu gründen gewesen durch thatkräftiges, entsagungsvolles

Zusammenwirken vieler, desto zählebiger entfaltete sich hinter dieser

Festungsmauer gegen den Tyrannen Okeanos der den selbstsüchtigen

Einzelwillen bändigende ehrenfeste Gemeinschaftsgeist, der alle

staatliche Ordnung trägt, ganz ähnlich wie Jahrtausende früher hinter

den Damm- und Kanalbauten am unteren Huangho, in Babylonien oder am

ägyptischen Nil.

Ungleich wichtiger jedoch erscheint jener entscheidungsvolle Schritt,

den der Mensch in entlegener Vorzeit that, als er, das Grauen vor

dem Unbekannten bezwingend, sich kühn dem feindlichen Element selbst

anvertraute, um die wogende, endlos vor ihm liegende See zu befahren

auf gebrechlichem Floß, im ausgehöhlten Baumstamm oder im roh aus

Hölzern gezimmerten Boot. Mehr als einmal mag unser Geschlecht, durch

ausgedehnte Wanderungen längst zerspalten in variierte Horden, die

einander nicht kannten, angelangt an der Küste des Meeres, diesen

gewichtigen Fortschritt vollzogen haben, der den Keim zur Herrschaft

des Menschen über die Erde in sich barg. Wo Ströme ins Meer mündeten,

konnte man den Versuch wagen, auf Flußbooten die hohe See zu erreichen,

anderwärts erzeugte der Trieb, auf dem Rücken des Meeres sich dauernder

als bloß schwimmend zu bewegen, unmittelbar jene nachmals so

staunenswert hoch entwickelte Kunst des Baues wie der Führung mariner

Fahrzeuge, durch die der Mensch, unter allen Geschöpfen allein, die

Schranke der Küstenlinie nach allen Seiten und in die weitesten Fernen

zu durchbrechen vermochte.

Was in aller Welt trieb ihn denn aber zu dem tollkühnen ozeanischen

Wagnis? Recht oft wohl der Hunger, dieser finstre, allgewaltige

Erzieher der Menschheit, wie uns schon die nach Fischbeute im Ebbestrom

ausspähenden Chauken ahnen lassen; oft auch mag die Flucht von einem

überlegenen feindlichen Stamm in Todesangst erfinderisch gemacht haben,

um die trügerische See als zeitweiligen Zufluchtsraum dem sicheren Ende

vorzuziehen. Schlug dann aber ein Volksstamm seinen Wohnsitz für die

Dauer am Meeresstrand auf, so vermochte zweierlei ihn zu allmählicher

Vertrautheit mit dem anfangs gefürchteten Element zu erziehen: der

Schatz des Küstenmeeres an verwertbaren Seetieren und winkende

Gegenküsten oder beides zusammen. Der Nahrungsmangel der Polarlande

hätte die Eskimo wohl nie bis gegen und über den 80. Parallelkreis

vordringen lassen; das erwirkte vielmehr allein die Nahrungsspende

des tierreichen arktischen Meeres; wesentlich der Seehundsfang war

es, der diese beherzten Polarmenschen über die eisigen Sunde Amerikas

bis in den höchsten jemals von Menschen bewohnten Norden geleitete

und sie zu so unübertrefflichen Meistern im Kajakfahren heranbildete,

daß ein geschickter, ausdauernder Eskimo die Strecke von Rügen nach

Kopenhagen im Einmannsboot an einem Tage zurücklegen könnte. Die

Kolonisation der Hellenen rückte, den Thunfischzügen entgegengehend,

vom ägäischen Meer längs dem pontischen Strand Kleinasiens vor, wie

diejenige ihrer nautischen Lehrmeister, der Phönizier, durch das

Vorkommen der für ihre Färberei unentbehrlichen Purpurschnecke an den

verschiedensten Uferstrecken des Mittelmeers beeinflußt worden war.

Wo auch außerhalb der Polarwelt das Binnenland durch Felsenwildnis,

Moor und Walddickicht den Menschen zurückscheucht, das Meer dagegen

durch Fische, Muscheltiere und Krebse eine gut beschickte Tafel ihm

aufthut, da begegnen wir Völkern, die gleich Seevögeln sogar fast

ausschließlich von Seekost leben, am Land nur wohnen; so am äußersten

Südende der bewohnten Erde den Feuerländern, in dem ganz skandinavisch

von Fjorden zerschnittenen, zu Küsteninseln zerrissenen Südosten

Alaskas den Tlinkit-Indianern, die dermaßen mit ihren trefflich

gebauten schlanken Fahrzeugen verwachsen sind, daß sie nur ungern und

ungeschickt zu Fuß sich bewegen. Bei uns in Europa hat sich gleichfalls

ein ganz überwiegend der Küste angehöriges Schiffervolk aus den Dänen

herausgebildet, seitdem ein Teil derselben an Norwegens Strand unter

dem treffenden Namen der Wikinger d. h. der Fjordenleute Siedelungen

gründete zwischen einem überaus fischreichen Meer und den öden Fjelden.

Die Normannengeschichte entrollt uns dazu ein eindrucksvolles Bild,

wie kühne Seefahrer immerdar auch leicht Seeräuber wurden; als solche

verlegten die Normannen ihre Raubzüge bald vom heimischen Strand in

ferne Lande, wozu die freie Weite des Meeres den Mutigen einlud, fuhren

die ostenglischen Flüsse, die Seine, die Elbe, den Rhein hinauf, um

Köln zu brandschatzen, betraten erobernd den Boden Siziliens. Gleichwie

in den Wüsten gilt auf dem Meer der Satz, daß verführerisch reiche

Beute den Wagehals zum Überfall lockt, zumal wenn Ortskunde und ein

sicherer Bergeplatz des Raubes Erfolg verheißt. Die dalmatinische

Küste, die in der ganzen Flanke der adriatischen Schiffskurse eine

solche Fülle günstiger Ausfallsthore wie Schlupfwinkel durch ihre

versteckten Felsbuchten und engen Seegassen darbietet, war deshalb

schon im Altertum ein ständiger Sitz der Piraterie; und wenn die

illyrische Königin Teuta den Sendboten Roms auf deren Forderung,

das Raubhandwerk einzustellen, stolz erwiderte, das gehe Rom nichts

an, es sei einmal bei ihrem Volk so Brauch, hatte das eine gewisse

geographische Berechtigung. Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern

erzieht auch Räubervölker.

Daß Buchten- und Inselfülle der Küstenmeere die Bewohner nautisch

anregt, ist neuerdings etwas überkritisch angezweifelt worden. Hinter

den glatt verlaufenden, inselleeren Küsten des australischen und

afrikanischen Festlandes wohnten die Eingeborenen seit Alters ohne

jede Fühlung mit dem Meer. Man sage doch nicht, der Neger zeige keine

Anlage zum Seemannsberuf! Wie mancher schwarze Afrikaner hat schon

wackre Matrosendienste am Bord unserer Schiffe geleistet! Der ganze

Küstenstamm der Kruneger bei Kap Palmas ist sogar dadurch weltbekannt,

daß aus ihm die besten Schiffsknechte der westafrikanischen

Kauffahrtei stammen, allerdings erst seit diese „Kruboys“ in neuerer

Zeit von vorüberfahrenden Schiffen der Europäer zu solcher Arbeit

gedungen wurden. Bedeutsam jedoch dünkt es, daß die Papelneger

Portugiesisch-Westafrikas südlich von Senegambien, dieses einzige

selbständig Schiffahrt treibende Negervolk, eben dort sich entwickelt

hat, wo der Bissagos-Archipel der Schlauchmündung des Rio Geba dicht

vorlagert. Am insel- wie halbinselarmen Küstensaum Südamerikas trafen

die europäischen Entdecker nichts als Floßfahrt, abgesehen von den

Rindenkähnen der Feuerländer; wo dagegen unfern der Orinokomündung

die westindische Inselreihe an das Festland ansetzt, hatten die

Kariben bereits seetüchtige Schiffe, die sie mit Steuerruder lenkten

und unter Baumwollsegeln dahingleiten ließen; sie waren gefürchtete

Seeräuber und hatten die Eroberung der Antillen begonnen. An der

Westseite Nordamerikas grenzte wiederum Seeunkunde der Indianerstämme

und hochgesteigerte Seetüchtigkeit genau da aneinander, wo mit der de

Fuca-Straße der Fjordencharakter der Küste anhebt. Asien wie Europa

zeigen uns erst recht die Hauptgebiete ihrer nautischen Entfaltung an

ihren am reichsten gegliederten Außenseiten. Unter den asiatischen

Seefahrervölkern von Arabien bis Japan stehen diejenigen des

umfangreichsten Tropenarchipels in der Mitte dieses Länderzugs schon

frühzeitig den übrigen insofern voran, als wir hier bei den Malaien

den Ursprung zu suchen haben für einen ausgezeichneten Bootsbau und

den Ausgangspunkt für die ungeheure Verbreitung der Malaienrasse über

die zahllosen Inseln der Südsee. Seit vorchristlichen Zeitfernen hat

diese allmählich vollzogene Völkerwanderung über den größten aller

Ozeane den nämlichen Typus des schlanken, oft mit Ausleger gegen

das Kentern geschützten Bootes mit dem scharfen Kiel verbreitet,

dessen Ruderkraft durch Mattensegel verstärkt wird und das die plumpe

Walzenform des Einbaums hier nirgends hat aufkommen lassen. Erstanden

aber ist dabei die polynesische Abart der lichtbraunen Rasse, die

von allen Zweigen unseres Geschlechts am allseitigsten und tiefsten

verknüpft ist mit dem Weltmeer, im materiellen wie im geistigen

Leben bis hinan zu Dichtung und Mythus; ewig die balsamische Seeluft

atmend, früher schwimmen lernend als gehen, indem sie als Säuglinge

schon auf dem Mutterarm durch den Gischt der Brandung geführt werden,

leben diese Menschen auf ihren schmalen Koralleneilanden ein ganz

amphibisches Dasein, fast wie auf festgeankerten Schiffen in hoher See.

Blicken wir auf den indisch-arabischen Südwesten Asiens, so offenbart

uns das ewige Wechselspiel der Monsune die großartige Förderung des

Schiffsverkehrs über den indischen Ozean; weil immer zur Winterzeit

der nördlichen Erdhälfte die Segler so ständig vom Monsun nach Afrikas

Ostküste getrieben wurden, wie dann im Sommerhalbjahr wieder heimwärts

nach dem indischen oder arabischen Hafen, vollzog sich in diesem Raum

früher als irgendwo sonst ein befruchtender Völkerverkehr zwischen

zwei Erdteilen und ganz verschiedenen Rassen über landferne See.

Von ihm stammt der Armschmuck der indischen Braut aus afrikanischem

Elfenbein, die Ausdehnung des indischen Reisbaus durch arabische

Sklavenhändler bis zum Kongo, das Kisuaheli als arabisch durchsetzte

Bantunegersprache, der noch heute regen Handelsverkehr zwischen

Deutsch-Ostafrika und Bombay, das ständige Wohnen kapitalkräftiger

indischer Händler an unserer Schutzküste. Endlich welch eine glänzende

Reihe nautischer Thaten tritt uns im Wandel der Zeiten vor die Seele,

wenn wir hinüberblicken nach Griechenland, Italien, der iberischen

Halbinsel und nach den atlantischen Gestadeländern Westeuropas! Die

Mittelmeerschiffahrt ward früher erweckt, indessen die atlantische

wuchs schon im Altertum höher, denn sie hatte zu ringen mit einem

ungleich gefährlicheren Meer. Mit den soliden Keltenschiffen der

Veneter in der heutigen Bretagne aus dicken Eichenplanken mit eisernen

Ankerketten und Ledersegeln konnten griechische oder römische

Kauffahrer nicht wetteifern. Die Jahrhunderte hindurch fortgesetzten

Überfahrten der Normannen in ihren großen Ruderkähnen, den schwarz

geteerten „Seerappen“, von Norwegen nach Grönland und zurück sind

mannhaftere Leistungen gewesen als die freilich geschichtlich

folgenreichere Fahrt der Kolumbus-Karavelen im ruhigeren Südmeer mit

dem Kompaß als Leiter. Den großen Vorzug der Lage am verkehrsreichsten

aller Ozeane nutzten indessen erst in der Neuzeit für Welthandel und

Gründung überseeischen Besitzes die vier mittelständigen Lande voll

aus: Frankreich, die Niederlande, England, Deutschland. Für diesen

gewaltigsten Aufschwung des Seewesens mußte vor allem erst Amerika als

weckendes Ziel den Blicken Europas entschleiert werden. Und wenn sich

sodann auch innerhalb der neuen Welt die moderne Größe von Schiffsbau

und Seeverkehr dort entfaltete, wo unendliche Waldungen prächtiges

Schiffsbauholz lieferten, namentlich aber eine feine Küstengliederung

Buchten und Sunde, bergende Flußmündungshäfen nebst weit ins Land

hinein für mäßige Seeschiffe befahrbaren Strömen darbot, also in Kanada

und im Nordosten der Vereinigten Staaten, so wird man hier ebenfalls

der ursächlichen Verknüpfung inne, die zumeist besteht zwischen

Naturbegabung der Küstenlande und seemännischer Bethätigung ihrer

Bewohner.

Allerdings wäre es geistlos pseudogeographischer Fanatismus, wollte man

dieses Verhältnis wie einen naturgesetzlichen Zwang deuten. Der Mensch

ist kein willenloser Automat; er verhält sich zu Naturanregungen seiner

Heimat bald wie ein gelehriger, bald wie ein teilnahmloser Schüler. Das

Wasser des heutigen Welthafens von New-York diente einst den Indianern

bloß zum Sammeln eßbarer Muscheln; an derselben Schärenküste, die die

Norweger zu so kühnen Schiffern erzog, leben die Lappen weiter als

armselige Fischer. Die Angelsachsen vertieften sich nach der Landung

in Britannien so ganz in die Kämpfe mit den dortigen Kelten, danach in

Landbau und Viehzucht, daß sie der See völlig den Rücken zukehrten,

Alfred der Große seine Schiffe auf deutschen Werften bauen lassen

mußte. Die meisten Insulaner auf den Kykladen denken heutzutage nicht

an Seefahrt, sondern bauen Weizen, pflegen die Rebe oder weiden ihre

Ziegen. Seit die Holländer wohlhabend wurden, vernachlässigten sie

die von ihren Vorfahren im härteren Daseinskampf so viel energischer

betriebene Schiffahrt, ja in den belgischen Nachbarprovinzen

Brabant und Flandern überließ der Niederländer den auch dort recht

beträchtlichen Seeverkehr seit Alters vorzugsweise Ausländern, da

ihn auf seinem fruchtbaren Boden Ackerbau, Gewerbe, Landhandel weit

bequemer nährte.

Wagt es aber der Mensch, seine Kraft zu messen mit der elementaren

Übergewalt des Meeres, erwählt er als Seemann dieses Ringen mit Sturm

und Wogenschwall sogar zu seinem Beruf, dann gilt von ihm vollauf

das Dichterwort: „Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zielen.“

Das Seemannshandwerk stählt Muskel und Nerv, übt Sinnesschärfe,

Geistesgegenwart, steigert mit jedem neuen Triumph menschlicher

Klugheit über rohe Naturkraft den Mut überlegten, furchtlosen Handelns.

Wie scharf beobachtend späht ganz habituell das verwetterte Antlitz

unserer Matrosen unter dem Südwester in die Ferne, wie wortkarg, aber

tüchtig und thatbereit ist ihr ganzes Wesen; dem scheinbaren Phlegma

im Ruhezustand entspricht vom Augenblick der Auslösung der bisher

latent zusammengehaltenen Kraft die Energie und die erstaunliche

Ausdauer der Leistung. Wenn der Seemannsberuf wie in Norwegen oder

Großbritannien sehr weite Bevölkerungskreise umschließt, wenn er dazu

als ein Grundpfeiler der gesamten Volkswirtschaft hohe Achtung genießt

und bei geringem Abstand der Küste selbst vom innersten Binnenlandkern

allen Leuten in seiner klar ausgeprägten Eigenart vorschwebt, so

zünden die Charaktervorzüge des Seemanns auch innerhalb der nicht

seemännischen Bevölkerung durch Nachahmung. Ergreift dann, wie bei

größeren Kulturnationen so oft, im Gefolge wachsender Vertrautheit

mit dem Ozean, mit dem Erdganzen überhaupt, Seehandel, überseeische

Kolonisation immer ausgedehntere Kreise, so teilt sich gar viel von

dem frischen Unternehmungsgeist, dem Wagemut, dem durch Berührung

mit Fremden erweiterten geistigen Horizont dem gesamten Volk mit.

Typisch hierfür leuchtet uns aus dem Altertum der Gegensatz auf

zwischen dem braven, jedoch engherzigen Spartaner, der, durch sein im

Ausland nicht kursfähiges Geld der Eisenstifte vom Überseeverkehr auch

künstlich abgeschrankt, zwischen den Gebirgsmauern seines Eurotasthals

konservativ fortlebte, und andrerseits dem ionischen, fortschrittlichen

Schifferstamm, den in ägäischer Seeluft gebadeten Athenern voll

fröhlichster, in schrankenlose Weite strebender Thatenlust.

Der Urmensch wird das Weltmeer kaum gekannt haben; späteren

Geschlechtern war es ein Gegenstand von Furcht und Schrecken. Als man

jedoch nachmals für die Dauer an seinem Ufer wohnte, seine Schätze

ausschöpfte, seinen breiten Rücken sich dienstbar machte, um nach

Herzenslust die fernsten Küsten anzufahren, da trat man ihm näher und

näher, freilich ohne ihm jemals Sklavenfesseln anlegen zu können. Als

schöpferische Gottheit begann man es zu verehren. Die bezaubernde

Schönheit des Meeres, wenn es bei stiller Luft friedlich die Segler

dahin gleiten läßt über seinen Spiegel, aus dem des Tages freundlich

der Sonnenglanz, nachts der Sternenhimmel silbern widerscheint, oder

wenn im Gewittersturm die Wogen aufgepeitscht werden, flammende Blitze

das Düster von Seegewölk und Wasser durchzucken, -- der Anprall der

Wogen gegen die Steilküste, der Kampf des Schiffes mit dem Sturm, dann

die verklärte Natur, nachdem das rasende Wetter sich verzogen, das

stets wechselnde Farbenspiel in einer Harmonie von Himmel und Wasser,

wie sie dem Land in solcher Vollkommenheit mangelt, -- das alles hat

die dichterische Naturschilderung nicht bloß in Homers und Ossians

Gesängen begeistert, nein, selbst aus schlichten Stegreifliedern von

Naturvölkern des Strandes klingt das naturfrisch uns entgegen, und die

Maler aller in der Kunst höher gestiegenen Seefahrernationen haben uns

in herrlichen Bildern die Andacht des Menschen im Anblick ozeanischer

Größe verewigt.

Wissen und technisches Können wurde schon dadurch beim Umgang mit

dem Meer mächtig angeregt, weil dieser zum Bau des nötigen Fahrzeugs

sowie zu dessen immer höherer Vollendung hintrieb. Und wie vielseitig

wurde Wissenschaft und Technik für den Schiffsbau vollends in

Anspruch genommen, seitdem das 19. Jahrhundert die Dampfer schuf, um

selbst gegen Wind und Strömung die Ozeane zu durchkreuzen! Mittelbar

hat ferner die Sicherung der Schiffsführung eine Mehrzahl von

Wissensgebieten segensvoll beeinflußt. Noch leben auf karolinischen

Eilanden einige greise Glieder jener merkwürdigen Gilde, in der sich

genaue Kenntnis der Fixsternlage zum Sommer- und Winterhorizont für

Verwertung bei der Bootssteuerung vererbt und zugleich eine so genaue

Bekanntschaft mit der Ortslage der Inseln in weitestem Umkreis, wie sie

die zeitgenössische Geographie der Kulturvölker lange noch nicht besaß.

Italienischen Nautikern danken wir die Einführung des Kompasses

in unseren Schiffsdienst auf grund der zuerst in China erkannten

Richtungskraft der Magnetnadel. Er hat nicht bloß zahllosen Tausenden

von Schiffen, denen in Nacht und Nebel kein Gestirn schimmerte, den

rechten Weg gewiesen, sondern ohne die am Kompaß durch alle Zonen

von den Schiffern gemachten Massenbeobachtungen hätte auch kein Gauß

erfolgreich am Problem des Erdmagnetismus zu arbeiten vermocht. Und

wenn schon vor Jahrhunderten die Markscheider im Klausthaler Bergwerk

ihre unterirdischen Gänge zielsicher ausbauten, beim Grubenlicht den

Kompaß befragend, so klingt selbst in diese wahrlich seeferne Arbeit

ein verhallendes kulturgeschichtliches Echo vom Wogengetümmel.

Zum Größten jedoch führte das Weltmeer den Menschen hinan, indem es

ihm die einzige Möglichkeit erschloß, die Erde als Ganzes auf dem Weg

der Entschleierung des irdischen Antlitzes kennen zu lernen, durch den

Welthandel die Wirtschaft der einzelnen Völkerkreise zur Weltwirtschaft

zu verknüpfen, endlich durch dieses Mittel allseitigen Verkehrs, wie

ihn allein der alle Lande umschlingende Ozean zu schaffen vermag, die

urzeitliche Trennung der Menschenstämme nach den einzelnen Kontinenten

zu überwinden, auch eine geistige Verbindung der gesamten Menschheit

anzubahnen. Daß der Welthandel hierbei die Führung übernahm, versteht

sich aus der nicht bloß bösen Macht der Gewinnsucht. Rief doch schon

Strabo aus, da er im entsetzlichen Tanz der Wellen die Seeleute ihr

Leben einsetzen sah, um die nach Rom bestimmten Waren auf hoher See

vor der schon damals zu seichten Tiber aus dem Kauffahrer in die

Leichterboote überzuladen: „Ja, die Sucht nach Erwerb besiegt alles!“

Das Meer öffnete von jeher die freisten und, was sehr schwer wiegt,

die billigsten Wege um den Erdball. Wir werden bald aus den unfernen

Schantungwerken billigere Steinkohlen nach Tsingtau liefern, als man

von England dort feilbieten könnte; dagegen schon Mailand, geschweige

denn die italienische Küste liegt uns zu fern, um dort die englische

Kohle auszustechen, weil diese fast schon vom Förderungsplatz bis nach

Italien den Seeweg vor unserer deutschen Binnenlandkohle voraus hat.

Apfelsinen aus Italien werden in Hamburg billiger feilgeboten als in

München oder in Wien, weil die Seefracht von Sizilien nach Hamburg

nicht einmal ganz so teuer zu stehen kommt wie z. B. die Landfracht

von Hamburg nach Berlin. So wirft allerwegen der Seehandel wegen

wohlfeilster Fracht den meisten Verdienst ab; um die billige Seestraße

nicht um ein Kilometer unnütz zu verkürzen, sind ja die größten

Seehandelsplätze eben in den innersten Nischen von Meereseinschnitten

ins Land erblüht; und der Millionenverdienst des Welthandels wirft

genug ab, um die Unsummen herzuliefern, die der Schiffsbau verschlingt,

und um jene Millionengarde wackerer Schiffsbemannung zu lohnen, auf daß

sie fern der süßen Heimat harte und mit steter Lebensgefahr bedrohte

Arbeit leiste, selbst den Taifunen trotzend.

„Unfruchtbar“ nannte Homer die See, und doch wie viel Güter

beschert sie den Menschen, aus eigenem, nimmer versiegenden Schatz,

mehr noch dadurch, daß sie die Schätze der ganzen Erde über ihre

spiegelnde Fläche geleitet mit denkbar geringster Beeinträchtigung

ihrer Marktfähigkeit. Über die Gestadeländer des Meeres, zumal der

am intensivsten arbeitenden gemäßigten Zonen, schauen wir einen

Abglanz dessen sich ausbreiten: die verkehrsreichsten Städte, die

dem Welthandel als Hafenorte dienen, Werfte, Industriestätten, die

überseeisch erzeugte Rohstoffe aus erster Hand haben wollen, um sie in

Kunstprodukte umzusetzen, vereinigen sich an den Küstenstreifen mit

einer Fülle kleinerer Siedelungen, teils auch vom Seehandel oder von

Küstenfahrt und Fischerei lebend, umgeben von meist wohlbestellten

Fluren, über denen der milde Seehauch befruchtend waltet. Der leichter

zu erringende Wohlstand ist es, was die Menschen an die Küste zieht.

Darum zeichnen sich Inseln so oft vor dem benachbarten Festland,

kleinere Inseln unter sonst gleichen Verhältnissen vor größeren

aus durch stärkere Volksverdichtung zufolge ihres relativ größeren

Küstenanteils. Wo Land und Meer einander berühren, da zeigt sich mithin

naturgemäß am offenkundigsten des Meeres Segen für die Menschheit.

Werfen wir zum Schluß noch einen raschen Blick auf die Bedeutung

des Meeres für den Staat, so versteht es sich aus dem eben Gesagten

zunächst von selbst, daß jeder Staat, falls er sich der Vorteile des

Seewesens für seine Angehörigen bewußt wird, nach Ausdehnung seines

Gebiets bis zum Meer streben wird, und wäre es auch bloß um einen

so winzigen Küstenstreifen zu erwerben wie neuerdings Montenegro an

der Adria erhielt. Denn wer einen Fuß am Strande hat, kann seine

Schiffe um die ganze Erde senden. Welche Machtfülle in Seehandel,

Seeherrschaft und Kolonisation bis an die entlegensten pontischen

Gestade hat im Altertum Milet, im Mittelalter Genua von einem einzigen

Hafen aus entfaltet! Die Schweiz steht uns als einziger Wunderbau

eines Staates vor Augen, der, auf den Alpenzinnen inmitten Europas

gegründet, durch den rüstigen Industrietrieb seiner Bewohner Handel

über die ganze Welt hin treibt, ohne je eine Küsteneroberung hoffen

zu dürfen. Aber wie peinlich abhängig fühlt sich darum auch die

Schweiz für Warenabsatz nebst Warenfracht von den Zolleinrichtungen,

den Tarifsätzen der Eisenbahnen seitens der vier Großstaaten, die sie

umklammern! Rußland hingegen bietet uns das weltgeschichtlich größte

Beispiel eines ursprünglich rein binnenländischen Staates, der in

zielbewußten Vorstößen die Küsten seiner sämtlichen Umgebungsmeere

sich angliederte, daß nun sein Banner weht von der Ostsee bis zum

Huanghai.

Aber dem Staat als solchem verleiht das Meer drei der besten, ja der

unentbehrlichsten Gaben: Unabhängigkeit, Einheit und Machtfülle.

Das Meer ist das schlechthin Unbewohnbare, betont mit Recht Ratzel,

somit die allersicherste Schutzmauer für einen Staat. Wie viel minder

gewährleistet erschiene des größten Freistaats Freiheit, hätte die

Union zum atlantischen Littoral nicht auch das pazifische errungen!

Ein allseitig meerumschlungenes Staatsgebiet wie das britische, das

japanische und nun auch Australien, der neue Weltinselstaat, kann nie

anders als punktweise, nämlich allein durch Flottenangriff berannt

werden. Frankreich erscheint durch Überwiegen der Seegrenze besser

gedeckt als Deutschland. Weil gleichfalls der friedliche Verkehr nur

stichweise zu Schiff über die Küste ins Innere eines Staates zu dringen

vermag, haben die vom Meer gebildeten Staatsgrenzen auch ethnisch

etwas schärfer Umrissenes vor den verschwommeren Landgrenzen voraus:

sie helfen besser die Vereinheitlichung nationaler Volksmischung zu

fördern und zu erhalten. Im römischen Weltreich bewährte sich umgekehrt

ein einzigesmal in der Geschichte das Mittelmeer als die von innen her

den gewaltigen Staat zusammenhaltende Kraft. Unablässig jedoch bringt

das Weltmeer von außen allen Staaten, an deren Saum es brandet, und

die seinen Weckruf verstehen, Einheit und Macht. Griechenland, die

Apenninen-Halbinsel verlegen bei ihrem gebirgigen Inneren einen guten

Teil ihres Gesamtverkehrs auf die Küstenfahrt, die Tag für Tag Bewohner

und Güter von Nord und Süd zusammenführt, die Interessengemeinschaft

steigernd und immer von neuem den Blick auch weiter lenkend auf die

hohe See jenseits des heimatlichen Strandes.

Seehandel wie jede über See drängende Thätigkeit, sei das

Großindustrie, technische Bethätigung über See oder Kolonisation, führt

mehr als irgend etwas sonst zur Verflechtung einer Nation mit der

weiten Welt, schweißt aber zugleich die binnenländischen Staatsteile

aufs festeste zusammen mit der Küste, über die allein der lebendige

Austausch zwischen daheim und draußen geschehen kann, schmiedet

folglich mit den Hammerschlägen des Begreifens der Zusammengehörigkeit

die Teile zum Ganzen. Das fühlen wir Deutsche kräftiger denn jemals

in der Gegenwart. Kein Hohenstaufe kehrt mehr den deutschen Küsten

gleichgültig den Rücken, um Romzüge über die Alpen zu führen; keine

Hanse streicht mehr unmutig die Flagge, weil es ihren ruhmwürdigen

Thaten an Sicherung durch Reichsschutz gebricht. Eine wachsende

Panzerwehr unter deutscher Reichsflagge schirmt unsere Handelsschiffe

auf allen Meeren, leiht jeder redlichen Unternehmung deutscher

Reichsbürger in und außer unseren Schutzgebieten ihren schützenden Arm

bis zum fernsten Strand. So strömen, vor feindseligen Unbilden bewahrt,

die von deutscher Betriebsamkeit verdienten Güter der Welt über die

Schwelle des Meeres in alle Gaue unseres Vaterlands, steigernd den

Wohlstand unseres Volkes zu vordem nie erreichter Höhe, segensvoll

erweiternd seinen geistigen Gesichtskreis, nährend die staatliche

Macht. Auch unseres Reiches Herrlichkeit liegt stark verankert im

Weltmeer.

Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden · 第 14 / 20 题