I.

Das Antlitz der Erde in seinem Einfluß auf die Kulturverbreitung und

die tellurische Auslese seitens der einzelnen Länder.

Schon aus dem griechischen Altertum erklingt der Streit über die

Vormacht zwischen Erde und Menschheit. Die neuere Erdkunde hat ihn

unparteiisch geschlichtet. Plato, zufolge der idealistischen Richtung

seiner gesamten Weltanschauung in dieser Streitsache entschieden

Parteimann, fällt das Urteil: Nicht das Land hat sein Volk zu eigen,

sondern das Volk sein Land. Gründlichere Betrachtung enthüllt uns

jedoch überall ein stetes Wechselverhältnis von Land und Volk,

Menschheit und Erde. So gewiß die Menschheit zu keiner Zeit in allen

ihren Zuständen, in allen ihren Thaten unmittelbar abhängig war von

der Mutter Erde, so vermag sie sich doch nie und nimmermehr aus deren

Banden zu lösen.

Und wer könnte heutzutage bezweifeln, daß die Gewalt unseres Planeten

über unser Geschlecht größer sei als diejenige des letzteren über

jenen? Wohl trifft gegenwärtig mehr denn je der Sophokleische

Triumphgesang zu: „Nichts ist gewaltiger als der Mensch“, indessen

doch nur im Vergleich mit den übrigen Geschöpfen, unter denen er sich

kraft seiner Geistesentfaltung die Oberhand gewann. Mit den niedersten

Organismen des Tier- wie Pflanzenreiches teilt der Mensch so zu

sagen die Rangliste im Weltall: er ist ein Geschöpf, eine Geburt des

Erdplaneten. Er bleibt wie alle die anderen Lebewesen dieses kleinen

Weltkörpers an bestimmte Oberflächenteile desselben gekettet; schon

in mäßiger Tiefe unter unseren Sohlen läßt uns die Gluthitze des

Erdinneren nicht leben, und selbst vorübergehend als Luftschiffer

vermag der Mensch nur wenige Kilometer ins Luftmeer sich zu erheben,

weil ihn furchtbare Kälte nebst Sauerstoffmangel aus den ätherischen

Höhen zurückscheucht. Ja, dies räumlich so eingeschränkte Dasein der

Menschen auf Erden ist nicht einmal von Ewigkeit zu Ewigkeit; nein, es

fügt sich auch zeitlich in enge Schranken, wie sie von der Erdnatur

bestimmt werden. Wie gern träumen wir davon, die Erde sei nur für uns

erschaffen! Aber wir wissen doch jetzt, daß der Erdball einstmals

Millionen von Jahren durch den Weltenraum in kreisähnlichen Bahnen

dahinsauste, ohne irgend welches organische Leben zu beherbergen;

endlich, nachdem sich seine Lavaschmelzglut durch Ausstrahlung gekühlt,

der Ozean aus der Atmosphäre auf die nun erstarrte Steinkugel des

Erdpanzers niedergeregnet war, tauchten Geschöpfe auf, als Spätling

auch der Mensch. Indessen er wird gleich allen Mitgeschöpfen sein Leben

nur so lange fristen, als die unentbehrlichsten Lebensbedingungen

nicht versiegen, vor allem das nötige Maß von Wärme und das Wasser.

Seit kurzem erst kennen wir die gänzliche Unbeständigkeit jeglicher

Ortstemperatur; wir wissen, daß in größeren Zeiträumen Eiszeiten mit

wärmeren Perioden wechseln und das polare Eis schon einmal z. B. den

nordamerikanischen Boden bis in süditalienische Breiten gänzlich

überzog. Wie, wenn diese Wärmeschwankungen dereinst das Eis des Nord-

und Südpols im äquatorialen Gürtel sich zur Vernichtung alles Lebens

zusammenschließen lassen? Oder wie, wenn schon vorher die Erkaltung

des Erdinneren das Wasser, jetzt noch untief im Untergrund durch

Dampfspannung gehalten, daß es Quellen bilden, Meeresbecken füllen

kann, in den Abgrund des Erdinneren versinkt, wie auf solche Weise

offenbar der Mond, als kleinere Kugel rascher erkaltet, das Wasser

von seiner Oberfläche verloren hat? In dem einen Fall ist eisige

Polarlandschaft, im anderen fahle Wüste der Schauplatz des Hinsterbens

der letzten unseres Geschlechts. Aber, als sei gar nichts verändert,

wird dann die Erde gleichwie vormals weiterrollen in ihrer Bahn ohne

Leben, ohne Menschenherzen.

In dieser flüchtigen Phase des Menschendaseins auf Erden nun spendet

uns der irdische Wohnraum Nahrung, Wohnung, Kleidung und giebt

unserem Thun die Richtung. Schon darum, weil alle jene Darbietungen

nicht ins Ungemessene wachsen können, ist das Grundmaß aller

Menschenleistung, die Gesamtzahl der Menschheit, an die Flächengröße

des Landraums der Erdaußenseite notwendig gebunden. Und wie viel der

Menschheitsschicksale läßt sich aus der Verteilung, aus der Bauweise

der Landmasse herauslesen, was man mit Eduard Sueß’ geflügeltem Wort

„das Antlitz der Erde“ zu nennen pflegt! In drei großen Weltinseln

ragt das Festland aus dem alles umspannenden Ozean, als Ostfeste,

Westfeste und Australkontinent. Auf darwinistischer Grundlage beruht

die gesicherte Einsicht, daß die weitaus größte der drei Weltinseln,

die unsrige, als Ursprungsstätte des Menschen betrachtet werden muß.

In so entlegener Urzeit jedoch, allem Anschein nach vor Ausbildung

der artikulierten Sprache, ist der Mensch nach den beiden anderen

Erdfesten hinübergezogen, daß im Lauf ungezählter Jahrtausende nach

dem Gesetz des Variierens organischer Formen zumal beim Ausschluß der

Vermischung mit der unveränderten Form drei Hauptgruppen von Völkern

und von Sprachen sich herausbildeten nach Maßgabe des Küstenzugs der

drei Weltinseln. Was man auch beibringen mag von vermeintlichen Zügen

näherer Verwandtschaft zwischen den Mongolen Asiens und den Indianern,

zwischen den Negern Afrikas und den Australiern, jedenfalls befaßte

Amerika bis 1492, Australien bis 1788 eine körperlich, noch weit mehr

sprachlich und sittenkundlich geschlossene Sondergruppe der Menschheit

im Gegensatz zur Ostfeste, deren Größe und vielfache Trennung durch

Meere, Wüsten, gewaltige Bodenerhebungen zwar gleichfalls zur

Dissoziierung der ursprünglich völlig gleichartigen Menschheit in

Völker, ja in Rassen führte, nur ohne diese hermetisch voneinander

abzusondern.

Vornehmlich kulturell ist die Trennung in die drei Erdfesten aufs

schärfste umgeprägt worden auf die Menschheit. Einzig unsere Ostfeste

erfand die Kunst der Tierzüchtung behufs Melkerei und entdeckte das

Geheimnis, das nützlichste aller Metalle, das Eisen, aus seinen Erzen

darzustellen. Dermaßen wirkungsreich erwies sich der Verschluß der

Festen durch das Meer, bis der Wagemut europäischer Schiffahrt die

fliegenden Brücken über alle Ozeane schlug, daß nicht einmal über die

Beringsenge Eisenverhüttung oder Züchten von Melktieren aus Nordasien

in die neue Welt eindrang. So hoch die Gesittung der Altamerikaner in

Mejiko und Peru gediehen, nie hat man dort Stahl und Eisen gekannt vor

Hinkunft der Spanier; und dasselbe Renntier, das von Lappland bis nach

Ostsibirien seit alters gemolken wurde, haben Eskimo wie Indianer immer

nur gejagt.

Der nördlichen Halbkugel gehört das meiste Land, darum war sie von

jeher die hauptsächlichste Heimstätte der Menschheit. Besonders

umfangreich ist ihr Anteil an dem gemäßigten Erdgürtel, dieser

glücklichen Zone, in der des Menschen Leibes- und Willenskraft

gestählt wird, ohne wie im arktischen Raum aufzugehen im Kampf gegen

die Unbilden der polaren Natur; nach Süden pflegen die Erdteile in

zipfelförmige Halbinseln oder in kompakte Keilgestalten auszulaufen,

so daß nur verschmälerte Teile von Südafrika und Südamerika in die

südliche gemäßigte Zone tiefer hineinragen. Somit kann sich unsere

Erdhälfte des Doppelvorzugs rühmen, zugleich die meisten und die

thatkräftigsten Bewohner zu besitzen. Auch in Südamerika rafft sich

zur Zeit der an Chile und Argentinien aufgeteilte außertropische

Süden zu kraftvollerer Haltung auf. Wie viel gewaltiger jedoch stehen

in wirtschaftlicher, staatlicher, geistiger Größe innerhalb des

Nordgürtels menschlicher Schaffungskraft Europa, China, Japan, die

Vereinigten Staaten!

Wüsten und Polarlande werden ihre Bewohner nie zu höheren

Verdichtungsgraden gelangen lassen. Zwischengelagert zwischen Landen

fruchtbareren Klimas bilden wüsten- oder steppenhafte Trockenräume

dauernde Schranken für Kulturausbreitung und Völkermischung, weil

sie den Verkehr nur von Oase zu Oase, im günstigsten Fall längs

eines Flußlaufs, immer also bloß auf beschränkten Linien zulassen.

So hielt die Sahara durch die Jahrtausende unsere Rasse von der

Negerrasse getrennt, bildete mit der arabischen Wüste zusammen die nie

überschrittene Äquatorialgrenze des Römerreichs. Der centralasiatische

Trockenraum, dessen Unwegsamkeit durch den massigen Hochlandcharakter,

durch die höchsten Gebirge noch wesentlich gesteigert wird, sperrte

von jeher die indische Welt ab von der sibirischen, die chinesische

von der des Abendlandes. Umgekehrt begrüßen wir in schiffbaren Strömen

wertvolle Leitlinien der Erschließung und Gesittung der Länder. In

wenigen Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts drangen die Europäer auf dem

Orinoko, dem Amazonenstrom, dem Parana ins Herz von Südamerika ein;

Jahrtausende hingegen währte es, bis man in Afrika mit seinen von

Stromschnellen verriegelten Flußstraßen ebenso weit kam. Nicht voll

vierzig Jahre brauchte die kleine Kosakenschar, Sibirien für den Zaren

zu erobern, indem sie die feine wurzelartige Stromverflechtung im

Süden des Landes benutzte, um die unermeßlichen Nadelholzwälder bis

zum ochotskischen Busen zu durchmessen; und genau längs diesen Strömen

hat danach die russische Kolonisation sich ostwärts vorgeschoben, den

nur von zwei Meereslücken unterbrochenen Ring der Europäisierung des

Nordens unserer Erde bei Wladiwostok schließend.

Das Gesicht der Erde zeigt weit größere Verschiedenartigkeit als das

des Mondes. Neben den eintönigen Flächen Afrikas, vollends Australiens

erblicken wir scharfe Ländergliederung, vor allem im breiten Norden der

Ostfeste; gröbere auf weiterem Raum in Asien, feinere, gleichsam in

Miniatur gearbeitet, in Europa. Daher stammen die großen Gegensätze von

asiatischen Völkerindividualitäten, zu denen die beiden Riesenvölker

der Erde, das Vorderindiens und das Chinas gehören, neben der

reizvollen Vielheit europäischer Nationen in so viel engeren Grenzen.

Dem Umriß nach nichts als eine größere, vom Uralgebirge aus westwärts

vorgestreckte Halbinsel Asiens, bekam dies Europa eben dadurch das

Gepräge eines selbständigen Erdteils, daß es in seiner unvergleichlich

zierlichen Ausgliederung, seiner Fülle von Meerbusen und Sunden, seiner

teilweisen Auflösung zu Halbinseln sowie Inseln, seiner Durchzogenheit

mit Gebirgen, die den Halbinseln stärkeren Abschluß gegenüber dem Rumpf

verleihen und auch diesen wieder in sich zergliedern, ein ganzes System

von Ländern vorstellt. Dieses System europäischer Länder deckt sich

mit dem der Hauptvölker Europas. Auch das bestimmt einen gleichartigen

Charakterzug zwischen beiden, daß die Einheit in der Mannigfaltigkeit

künstlerisch gewahrt blieb. So viel gleichmäßiger Bodennatur, Klima,

Pflanzen- und Tierwelt das kleine Europa einigen im Gegensatz zu Asien,

so viel winzigere Meeresspiegel sich in seine Zackengestalt einfügen,

so viel leichter überschreitbare Gebirge die Lande scheiden, so giebt

es auch eine gesamteuropäische Kultur, keine gesamtasiatische.

Daß so oft Wohnflächen von Völkern mit natürlich geschlossenen

Landräumen zusammenfallen, ist ein wissenschaftlich noch wenig

untersuchtes Problem. Nur Stumpfsinn kann es für selbstverständlich

erachten, in Portugal lauter Portugiesen zu finden, aber auch nur

dort echte Portugiesen, in der Apenninenhalbinsel bloß Italiener,

in Frankreich bloß Franzosen, auf den britischen Inseln wesentlich

nur Briten. Das alles sind doch nicht von Urbeginn her gegebene,

sondern geschichtlich gewordene Thatsachen. Rein geschichtliche

Zufälligkeiten sind es indessen auch nicht gewesen, die in Gestalt

von Völkerwanderungen, Eroberungen, Staatsschöpfungen jene Länder mit

ihrem Volk erfüllten. Dazu half die Ländernatur selbst mit, teils

durch die Bestimmtheit ihrer Grenzumhegung, teils durch gewisse

Beeinflussung der in diesem Grenzgehege dauernd Angesiedelten. Es giebt

Wahlverwandtschaften zwischen dem Volk und seiner Heimat. Sie können

sich natürlich erst an Ort und Stelle entfaltet haben, und gleichwohl

greifen sie so tief ins Wesen der Volkstümlichkeit ein, daß wir sie gar

nicht mehr vom Volksgenius zu trennen vermögen. Das Russenvolk wäre uns

z. B. undenkbar auf englischem Boden, das britische auf russischem.

Der russische Bauer, der seit unvordenklichen Zeiten sich an das in

Sommerhitze und Winterkälte schwankende Klima Osteuropas, ohne es zu

wissen, immer von neuem angepaßt, indem er sich in seinem Dampfbad

krebsrot erhitzt und danach unbekleidet in arg durchkältetem Schnee

wälzt, ist ein natursinniges Kind der centralrussischen Waldung; bei

lange Jahrhunderte hindurch einsamem Weilen in kleinen Walddörfern

wurde er Zimmermann, Wagner, Kunstschnitzer in einer Person, gewann

Geschicklichkeit auch für allerlei anderes Handwerk, da er meist für

allen Bedarf allein zu sorgen hatte, und ward im endlos erscheinenden

Raum abenteuerlustiger Wanderer; im Winter nutzte er Frost und

Schnee, selbst pfadlose Moräste zu Fuß oder im Schlitten weithin zu

durchziehen, im Sommer war er wagehalsiger Flößer und Flußschiffer,

nur das Meer kannte er von Haus aus gar nicht. So wurde er der rechte

Festlandkolonist, dessen praktischer Sinn sich nach Maßgabe der

Ausdehnung des Zarenreichs bis ans japanische Meer an immer größeren

Aufgaben erfolgreich bethätigte. Wie anders der Brite, dem auf seiner

für Weltschiffahrt wie geschaffenen Insel der Seemannsberuf nun im Blut

steckt und der jene von diesem Beruf großgezogenen Charaktervorzüge

scharfen Ausspähens, zäher Ausdauer, mutigen Unternehmungsgeistes

einsetzte zur Begründung seiner Seemacht, seiner durch alle Erdteile

verzweigten Handels- und Kolonialstellung!

In einigen Fällen läßt sich schon heute der Nachweis erbringen, wie

die Landesnatur eine förmliche Musterung unter den Einzüglern hält,

um nur den für sie Geeigneten das Bürgerrecht zu erteilen. Eine

solche „tellurische Auslese“, wie ich es nennen möchte, scheint mir

vorzuliegen in der höchst merkwürdigen Beobachtung, daß der größte

Brustumfang, also die umfangreichste Ausbildung der Lunge, allein

diejenigen Völker auszeichnet, die die drei höchsten Hochländer

bewohnen: Tibet, Mejiko und Hochperu. Beim Verweilen in größeren

Seehöhen muß der Mensch naturgemäß mehr Luft einatmen, weil dort die

dünnere Atmosphäre in gleichen Raumteilen weniger Sauerstoff enthält

als auf niedrigeren Höhenstufen. Selbst auf deutschen Mittelgebirgen

ist daher das Atmen der Bewohner tiefer als bei denjenigen am

Gebirgsfuß, wie die betreffenden Messungen der Stellungspflichtigen

ergeben. Der Mensch vermag sich auch bei plötzlichem Versetztwerden

auf Bergeshöhen außer durch tiefere durch häufigere Atemzüge, als

Begleiterscheinungen rascheren Blutumtriebes, unbewußt dem Höhenklima

anzuschmiegen; so bemerkte der französische Naturforscher Vallot,

als er sein Montblanc-Observatorium bezogen hatte, bereits nach

wenigen Tagen an sich eine größere Zahl von Pulsschlägen in der

Minute als er vorher in Genf gezählt. Daß es sich nun aber bei den

in Rede stehenden drei Hochlandvölkern nicht um eine durch bloße

Atmungsgymnastik erzielte Lungenvergrößerung handelt, das lehrt der

anatomische Befund: ihre Lungenflügel bestehen aus einer größeren

Anzahl von obendrein umfänglicheren Lungenbläschen. Welche andere

Deutung also wäre für diesen anziehenden Kongruenzfall von Hochlage

des Wohnraums und abnormer Brustweite zu ersinnen als „tellurische

Auslese“? Verscheucht durch Bedränger oder etwa als streifende Jäger

auf jene tibetanischen, bezüglich amerikanischen Höhen gelangt, waren

die Vorfahren von deren heutigen Bewohnern nur dann ohne Beschwerde zum

Fortleben in der sauerstoffarmen Luft befähigt, wenn der glückliche

Zufall es fügte, daß ihnen der erwähnte reichere Ausbau der Lunge eigen

war. Solchen allein mochte Gesundheit und längeres Leben beschieden

sein; von ihnen werden die Nachkommen den Vorzug geerbt haben, und von

Geschlecht zu Geschlecht wird sodann fortgesetzt natürliche Auslese die

entscheidend bedeutungsvolle Eigenart der Lunge stetig erhalten haben.

Diese Erklärungsweise hat neuerdings eine gewissermaßen experimentelle

Bestätigung erfahren. Als nämlich im Osten von Hochperu, wo der

Amazonas bereits im Tiefland strömt, Goldwäschen am Stromufer eröffnet

wurden, lockte der gute Verdienst auch die breitbrüstigen Aimara,

Nachkommen der alten Inkaperuaner, von ihren alpinen Höhen dorthin.

Bald jedoch erlagen sie dem Klima: die Niederungsluft war ihnen zu

dicht. Nur einige wenige Aimarafamilien erhielten sich am Leben, ja

sie arbeiteten schon in der zweiten Generation auf den Goldwäschen,

als der englische Arzt ~Dr.~ Forbes sie besuchte. Und was fand er?

Aimaras von durchweg schmalerem Brustbau, deren Lungen mithin kein

Übermaß von Sauerstoff zur Verarbeitung aufgebürdet bekamen! Man sieht

demnach: tellurische Auslese hatte sich sofort ans Werk gemacht, die

nicht in den neuen Wohnraum Passenden unerbittlich ausgemerzt, hingegen

die zufällig von der Stammart Abweichenden, für diese Örtlichkeit

Lebensfähigen in züchterische Pflege genommen.

Westindien liefert uns ein anderes Beispiel solcher von der Landesnatur

geübten Auslese. Dem auf dieser herrlichen Inselflur beständig

umschleichenden gelben Fieber erliegen die Eingebornen viel weniger

als Neuankömmlinge. Wie haben nun jene ihre größere Widerstandskraft

gegen das schlimme Krankheitsgift erworben, da sie doch alle, Weiße wie

Neger, von Voreltern stammen, die gar nicht hier zu Hause, sondern im

Lauf der letztvergangenen 400 Jahre eingewandert waren? Das Geheimnis

entschleiert sich, sobald wir den unter unseren Augen noch gleichmäßig

andauernden Auslesevorgang beobachten. Die Erfahrung nämlich lehrt, daß

Zuwanderer aus Klimaten mit strengerer Winterkälte dem Gelbfiebermiasma

Westindiens schlechter widerstehen; es wählt sich somit dieser

Archipel einen größeren Prozentsatz von afrikanischen Negern aus

dem Einzüglerangebot als von Europäern, innerhalb letzterer wieder

einen größeren von Südeuropäern als von Franzosen, einen größeren

von Franzosen als von Deutschen oder gar Osteuropäern; die übrigen

werden den Friedhöfen überlassen. Gemäß der auch unter Angehörigen

derselben Nation vorhandenen individuell verschieden hohen Immunität

gegen das gefährliche Fieber werden z. B. selbst Andalusier in Kuba

oder Portoriko von ihm befallen, jedoch sie kommen leichter durch

als solche aus Gegenden mit Schneewinter, und bei allen Neulingen

auf westindischem Boden bestätigt es sich, daß jede Periode einer

heftigeren Gelbfieberepidemie den Organismus gegen das Miasma immer

besser feit, selbst wenn er vom innerlichen Kampf seiner Säfte gegen

dieses nichts verspürte, also gar nicht aufs Krankenlager gestreckt

wurde. Ganz analog stehen ja auch in den Burenstaaten Südafrikas

diejenigen Pferde, die ausnahmsweise das jährlich wiederkehrende

„Pferdesterben“ überstanden haben, als sogenannte „gesalzene“ d. h.

nun immun gewordene viel höher im Preis, obwohl sie gleichzeitig mit

dem sieghaften Kampf gegen jenes tückische Leiden ein eigentümlich

blödes Wesen annehmen. Auch von uns pflegt ja gegen Masern- und

Scharlachinfektion sich widerstandskräftiger zu bewähren, wer die

Masern- oder Scharlachansteckung schon einmal siegreich überstand. Die

Europäer haben indessen ihre stärkere Festigkeit gegen diese unter

Naturvölkern bei der leisesten Ansteckung so gräßlich verheerend

auftretenden Krankheitsgifte gleichfalls erst errungen und behaupten

sie nur durch unerbittliche Ausmerzung der Untüchtigen. Bei uns,

den Hartgesottenen, merkt man diesen fort und fort anhaltenden

Ausleseakt bloß an etwas erhöhter Kindersterblichkeit während einer

Scharlach- oder Masernepidemie; grausig dagegen offenbart sich der

nämliche Vorgang, wenn er ein erstes Mal einsetzt in einem vorher

von dem Miasma noch unberührt gewesenen Volk. So raffte unmittelbar

nach Besitzergreifung der Fidschi-Inseln seitens der Engländer 1874

Ansteckung durch ein so mäßiges Maserngift, daß es die übertragenden

Briten an sich selbst gar nicht merkten, nicht weniger als 60000 der

braunen Insulaner dahin, Alt und Jung.

Der hohe Norden Amerikas hat in den Eskimo ein wahres Idealvolk von

Anpassung an die harten Lebensbedingungen der Arktis groß gezogen. Kein

Schwächling wurde an den kärglich mit Speise beschickten Tisch der

Eskimolande zugelassen. In Kleidungs- und Wohnweise erklügelte sekulare

Erfahrung ein unübertreffliches System von Gegenwehr gegen eine so

häufig bis unter den Quecksilberfrostpunkt erniedrigte Temperatur;

die Dänen, die sich an Grönlands Westküste häuslich niedergelassen

haben, können dort ihr Dasein nur fristen, indem sie sich genau so

wie die Eingebornen in eng anschließende Pelzkleidung hüllen mit

der ruhenden Luftschicht zwischen Pelz und Oberhaut als trefflichem

Warmhalter nach dem Prinzip der Doppelfenster. Ausschließlich an der

Seeküste zu wohnen gestattet dem Eskimo seine Heimat, weil nur hier

auch im Winter Seehunde zu erlegen sind. Robbenschlag, weiß der Eskimo,

ist für ihn das alleinige Mittel, durch alle Jahreszeiten hindurch

sich zu beköstigen. Wie bei uns der junge Jurist zumeist erst sein

Assessorexamen bestanden haben muß, ehe er die Verlobungskarten drucken

lassen darf, so ist es darum dem Eskimojüngling durchaus erst nach

dem Fang seines ersten Seehundes gestattet, seiner etwas thranigen

Geliebten die Hand zum Ehebund zu reichen.

Doch welch scheinbar unbegreiflicher Gegensatz! Unter diesem

Gorgonengesicht eisiger Polarnatur mit ihrem grauenhaften Winter,

der auf Monate den belebenden Sonnenstrahl der Erde mißgönnt, -- da

erfreuen sich die Eskimo habituellen Frohsinns! Eben hierin offenbart

sich uns eine psychische Naturauslese. Besonders der andauernde

Lichtmangel stimmt die Lebensgeister der Menschen herab und untergräbt

bei dem tief innerlichen Zusammenhang zwischen Leib und Seele gar

bald auch die körperliche Gesundheit. Das veranlaßte ja Julius Payer

nur aus den lustigsten Quarneroli die Mannschaft seines Tegetthoff zu

wählen, und wie viel Kurzweil mußte er trotzdem aufbieten, letztere vor

stumpfer Verzweiflung zu retten, als das Schiff, vom Eis gepackt, ziel-

und willenlos in die anscheinend ewige Polarnacht hinaustrieb! So geht

denn unser Schluß kurz dahin: nur ganz besonders mit Gemütsheiterkeit

begnadete Menschen blieben bei gelegentlichem Eindringen in jene

nördlichsten Breiten, wie sie allein die Westfeste erreicht, am Leben;

gemäß der bekannten Erblichkeit gerade auch der Temperamentsstimmung

vererbten sie diese durch nichts zu beugende Fröhlichkeit auf fernere

Geschlechter, denen dies kostbare Gut, obschon bloß in wenigen

Tausenden von Herzen, dadurch behütet bleibt, daß jedem zufällig zu

Trübsinn Ausartenden von der Natur das Todesurteil gesprochen wird.

Eine andere beneidenswerte Charaktertugend dieser „Letzten Menschen“

gen Norden, ihre Friedfertigkeit, wurde erst recht ersichtlich

tellurisch gezüchtet. Denn ohne Feuerungsstoff zu besitzen mußten sich

die Eskimo durch Abgabe der eigenen Körperwärme vor dem Erfrieren unter

ihrem Obdach wechselseitig bewahren. Der wenn auch deshalb eng und

niedrig gehaltene Innenraum ihrer Hütte ließ sich aber doch nur auf

den erforderlichen Wärmegrad bringen, wenn er durch Halbverschläge zum

Wohnen einer Vielzahl von Familien verwendet wurde. Da hieß es denn:

Vertragt euch hübsch oder erfriert! Die Eskimo zogen verständig genug

das erstere vor und wurden somit trotz ihres vielmehr cholerischen als

phlegmatischen Wesens eine so verträgliche Menschenvarietät, daß sie

selbst Rechts- und Ehrenhändel satirisch-lyrisch ausfechten, indem

beide Parteien vor versammelter Gemeinde mit den unblutigen Waffen

recitativer Spottlieder aufeinander eindringen und derjenige als Sieger

aus dem Streit hervorgeht, der den lachenden Beifall der Genossen

schließlich auf seiner Seite hat.

So erkennen wir beim unbefangenen Verfolgen ursächlicher Zusammenhänge

überall den Menschen, ob unmittelbar oder in weiterer Vermittlung, bis

zu seines Herzens Tiefen als echtes Kind seiner Heimat.

Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden · 第 13 / 20 题