III.

Steppen- und Wüstenvölker.

Es wäre sehr unkritisch, jedwede Harmonie zwischen dem Wesen

eines Volkes und seiner Naturumgebung durch letztere verursacht

zu denken. Leichtgläubig pflegt man den Satz hinzunehmen, die

lachende, sonnenbestrahlte Landschaft Südeuropas habe „natürlich“ die

lachende Heiterkeit der Hellenen, der Süditaliener und Südspanier

hervorgebracht. Aber obschon die Leichtigkeit des Erwerbes des Wenigen,

was in diesem Süden zum Leben nötig ist, von dem mild subtropischen

Klima mitbedingt wird, und ein vollends etwa schon ursprünglich zu

frohsinniger Lebensanschauung geneigtes Volk unter einem solchen

Himmelsstrich dieser Neigung, unbedrückt durch materielle Sorgen, sich

hingeben, bei nur einigermaßen künstlerischer Anlage gewiß auch durch

die farbenglänzende Pracht von Himmel, Land und Meer bei holder Muße

sich zu Kunstschöpfungen anregen lassen wird, so muß uns doch schon ein

einziges klassisches Beispiel aus der neuen Welt von dem voreiligen

Schluß abschrecken, die Gemütsstimmung der Völker sei ein unmittelbares

Spiegelbild seiner Umgebung: die Nachkommen des erlauchten Kulturvolkes

der Azteken haben unter dem Azurblau des strahlenden Firmaments

von Mejiko in einer Landschaft, die bis hinan zu den herrlichen

Riesenvulkanen mit ihren Schneezinnen ungleich reizvoller ausschaut als

die Gegend am Fuß des Vesuv oder des Etna, die Schwermut bewahrt, die

ihnen wie den meisten Indianerstämmen als ein Rassenerbe auf die Stirn

geprägt ist.

Schiffervölker müssen ihre Kunst einbüßen, sobald sie in wasserlose

Binnenräume versetzt werden, Temperamente dagegen können den

Ortswechsel überdauern. Zum vertrauenswürdigen Nachweis eines

ursächlichen Zusammenhangs zwischen Landes- und Volksart kann uns

erst eine vorsichtige Anwendung vergleichender Methode führen. Wir

müssen untersuchen, ob Landschaftsarten, die in möglichst scharfer

Individualisierung an den verschiedensten Stellen der Erdoberfläche

wiederkehren, auf Bewohner der mannigfachsten Herkunft, also

wahrscheinlich auch der mannigfaltigsten Begabung von Haus aus gleiche

oder doch ähnliche Wirkung geäußert haben. Solche scharf ausgeprägte

Eigenart der Landschaft bei günstigster Verteilung über sämtliche

Erdteile finden wir nun vor allen in den Trockengebieten, d. h. in den

nur zeitweilig, doch alljährlich benetzten Landstrichen, die wir nach

dem russischen Ausdruck ~stjep~ für Grasflur Steppen nennen, und in den

so gut wie niederschlagslosen, den Wüsten.

Steppen, mehr noch Wüsten, haben zunächst dadurch das Völkerleben

immerdar mächtig beeinflußt, daß sie durch Spärlichkeit von

Trinkwasservorrat und die daher rührende Seltenheit, teilweise sogar

völlige Abwesenheit menschlicher Ansiedlungen in ihnen den Verkehr

erschwerten, deshalb ganze Völkerkreise, die von entgegengesetzten

Seiten sie berührten, dauernder auseinanderhielten als Ozeane das zu

thun pflegen. Wie lebhaft verkehren Europa und Amerika miteinander,

seitdem die Seeschiffahrt zwischen beiden die Brücke schlug, während

zwischen den afrikanischen Gestadeländern des Mittelmeers und dem

Negerland, dem Sudan, die große Wüste heute wie vor Jahrtausenden

eine Trennung bewirkt, die der schleppende Gang der Kamelkarawane

nicht aufhebt. Die antike Kultur, das römische Weltreich fand an der

Wasserarmut der Sahara wie der arabischen Wüste die von der Natur

gesetzte Äquatorialgrenze. Der mit der Sahara an Größe vergleichbare

Trockenraum Centralasiens, der freilich zugleich die allerhöchsten

Gebirge zwischen dem Süden und Norden des Erdteils aufrichtet, hat

nicht allein die indischen und die sibirischen Völker von jeder

wechselseitigen Berührung abgehalten, sondern auch in westöstlicher

Richtung, wo Bodenerhebungen viel weniger hemmten, Turan von China

geschieden, daß äußerst selten erobernde Chinesenheere zum Sir und

Amu herabstiegen; selbst das Tarimbecken Ostturkistans erscheint

in der Geschichte zumeist nur als eine lose angegliederte, gern

zum Abfall neigende auswärtige Provinz des chinesischen Reiches.

Kaliforniens Küste lag infolge der Quellenarmut des „fernen Westens“

dem Osten der Vereinigten Staaten bis zur Eröffnung der ersten

pazifischen Eisenbahn so fern, als gehörte das Land einem fremden

Weltteil an. Die durchglühten, wasser- und schattenarmen Wüsten oder

Halbwüsten Australiens durchmißt noch gegenwärtig keine einzige andere

Verkehrslinie von Küste zu Küste als die des elektrischen Telegraphen.

Daß aber Steppen und Wüsten neben der trennenden Wirkung, die sie

überall auf ihre Umgebung äußern, ihre Bewohner selbst vielseitig

beeinflussen, lehrt schon der flüchtigste Blick auf ihre Pflanzen-

und Tierwelt. Diese ist durchweg vor allem der Dürre der Luft und der

Seltenheit oder doch der allzu einseitigen Verteilung der Niederschläge

auf die Jahreszeiten angepaßt. In solcher Anpassung beobachten wir

die saftarmen Holzgewächse Australiens mit ihren schmalen, gegen

Verdorrung durch dicke Oberhaut geschützten Blättern, ihrem erstaunlich

tiefdringenden Wurzelwerk, das noch Bodenfeuchtigkeit ergattert, wenn

bereits Monate hindurch kein Tropfen Regen fiel; so die wunderbaren,

blattlosen Saxaulbäume, die wie große, umgekehrte Reiserbesen aus

den sonst so kahlen Flächen Turans hervorragen; so die Dattelpalme,

die wie der Araber naturwahr sagt, „den Fuß im Wasser, das Haupt

im Feuer“ haben will, d. h. den Regen geradezu scheut, nur von der

Bodenfeuchtigkeit sich nährend; so den riesenhohen Säulenkaktus in der

düsteren Mohavewüste, ferner die Fülle der über den Boden rankenden

Kürbis- und Gurkenarten, die durch ihr saftstrotzendes Fruchtfleisch

die Samen vor dem Eintrocknen bewahren. Auch die Harzausschwitzung so

vieler Holzgewächse der Trockenräume dient ihnen als Schutz gegen den

Verschmachtungstod, nicht minder die Dufthülle, die viele Kräuter durch

Verdunsten aromatischer Öle aus winzigen Drüsen ihrer Oberhaut sich

schaffen gleich unserem Salbei oder der Krauseminze; das Experiment hat

nämlich erwiesen, wie sehr diese Dufthülle die stetig sich vollziehende

Abgabe der Säftemasse aus dem Pflanzenkörper in Gasform an die Luft

einschränkt.

Und welch ein genügsames, feinsinniges und flinkes Heer

verschiedenartigen Getiers haben sich diese Trockenlande erzogen.

Grabende Nager bevölkern zu Tausenden alle Steppen, begnügen sich

zur Kost mit den unterirdischen Teilen, den Knollen, Zwiebeln oder

Wurzelstöcken der dort wachsenden Pflanzen, wenn die brennende Sonne

der Trockenzeit das Grün der Gräser samt der bunten Blumenschar

vergilbt, ja in Zunder verwandelt hat. Dem niedlichen Bobak, einem

Verwandten des Murmeltiers in den südrussischen Steppen, dient oft

Monate lang der Morgentau an den Grasblättern als einzige Labe. Im

prachtvoll durchsichtigen, weil dunstfreien Luftmeer zieht der Geier

seine weiten Kreise und erspäht auf unvergleichlich ausgedehntem

Gesichtsfeld am Boden seine Beute mit einer Scharfsichtigkeit, daß man

sein Auge mit einem Teleskop vergleichen darf. Die Fennekfüchschen

der Sahara erlauschen mit ihren breitdreieckigen Ohren, die das

Spitzköpfchen so hoch überragen, das fernste Geräusch und sind gleich

den wild lebenden Kamelen des Tarimbeckens bis zur Unerkennbarkeit

ihrer Bodenumgebung gleichfarbig, hier graugelb, dort mehr rötlich.

Kamele, Pferde, Antilopen und Strauße zeigen sich vor allem dadurch

ans Trockenklima angeschmiegt, daß sie schnellfüßig die gänzlich

wasserleeren Strecken durcheilen und teilweise wunderbar lange Zeit des

Wassers völlig entbehren können. Hält doch das zweihöckrige Kamel das

Tragen zentnerschwerer Theelasten durch die Gobi im härtesten Winter

aus, selbst wenn es bis zum zehnten Tag kein Futter erhält und nur auf

gelegentliches Schneelecken angewiesen ist, um den Durst zu löschen.

Das einhöckrige Kamel hält selbst in der Wüstenglut Arabiens den

Karawanenmarsch bis zum fünften Tag ohne Wasser aus, im Frühjahr, wenn

warme Regen ihm genug „Haschisch“ (Grünfutter) ersprießen lassen, sogar

mehr als drei Wochen.

Wie sollte da der Mensch als Bewohner des Trockenraums nicht

gleichfalls dessen Gepräge tragen! Lenken wir den Blick zuerst nach

dem Morgenland. Der eigentliche Orient, also was, etwa von Rom aus

betrachtet, den Ostrand des geographischen Gesichtskreises der Alten

ausmachte, von Palästina bis zum indischen Fünfstromland, und was

ihm in Arabien, sowie in Nordafrika gleichartig sich anschließt,

fällt in jenen gewaltigsten Steppen- und Wüstengürtel der ganzen

Erde, der am atlantischen Meer mit der Sahara beginnt und erst

mit der Kirgisenheimat und an der centralasiatischen Grenze gegen

Sibirien, die Mandschurei und China endet. In der Regel führt man die

bekannten Charakterzüge orientalischen Lebens auf den Islam zurück,

als wenn die Lebensregeln des Koran nicht selbst erst zum guten Teil

der arabischen Wüste entsprossen wären. Oder wenn man sich darauf

besinnt, daß ja dies orientalische Wesen vor Mohammed zurückreicht,

mindestens bis in Abrahams Zeit, so macht man gern die den Orientalen

nun einmal angeborene Sinnesrichtung dafür verantwortlich. Das

dünkt zwar recht bequem. Aber so gewiß die Gewohnheit bei den

Völkersitten eine sehr große Rolle spielt, so handelt es sich für

die Wissenschaft doch eben um Aufdecken des Ursprungs der habituell

gewordenen Gewohnheiten. Da nun Syrer wie Perser, Araber wie Türken,

mithin Sprossen ganz verschiedener Verwandtschaftsgruppen, der

semitischen, indogermanischen, mongolischen, innerhalb des Orients die

Eigenart ihres Lebens in den Grundzügen gemein haben, so ist nichts

wahrscheinlicher von vorn herein, als daß sie eben erst in diesem

Trockenraum und durch ihn sich in ihrem Sittenschatz verähnlichten.

Diese Wahrscheinlichkeit erhebt sich überall da zur Gewißheit, wo

wir die nämlichen Lebenszüge bei Australiern und Prärieindianern,

Patagoniern und Hottentotten gewahren, die nie mit Orientalen

Sittenaustausch zu üben vermochten, wohl aber wie sie in waldleeren,

offenen Fluren mit trockenem Klima wohnen.

Was zuvörderst die Körpereigenschaften betrifft, so hat die trockene

Luft etwas Zehrendes. Die in ihr lebenden Menschen bekommen deshalb, je

mehr sie sich ihr aussetzen, straffe Muskeln, setzen aber wenig Fett

an. Durchweg sind somit Steppen- und Wüstenbewohner hager und sehnig;

bei den Kalmücken spricht eine berühmte Ausnahme für die Regel: ihre

Priester, die Gällunge, weil sie unthätig den ganzen Tag im Zelt zu

sitzen pflegen, sind Ausbunde von Fettleibigkeit. Ferner bräunt das

grelle Licht der schattenarmen, dunstfreien Luft die Haut; das beweisen

die ungarischen Pußtenhirten, die Hirten der pontisch-kaspischen

Steppe Südrußlands, die Gauchos der Pampas. Die Haut wird durch ihre

Trockenheit der Luft leicht rissig; gegen dies schmerzhafte Aufspringen

der Haut salbten sich die alten Griechen bei minder umfänglicher

Gewandung mit Olivenöl, der Pußtenhirt reibt sich mit Speck ein und

hängt seinen zottigen Schafpelz über den Hirtenstab nach der Windseite,

der Buschmann ringelt sich schlangenhaft zur Abendrast in die flache

Erdgrube, in der er ein glücklich erbeutetes Häslein mit Haut und Haar

vorher geschmort hat, um des andern Morgens mit der fettdurchtränkten

Aschenkruste als einziger Bekleidung weiterzuwandern. Buschmänner und

Hottentotten zeichnen sich ganz besonders durch eine zur Runzelung

neigende, fettarme Haut aus; darum erhält ihr Gesicht schon in der

Jugend ein faltiges, sauertöpfisches Aussehen, weil sie zum Schutz

gegen die blendende Lichtfülle ihrer Umgebung bestrebt sind die Augen

zusammenzukneifen wie wir, wenn wir aus dem Dunkeln plötzlich ins Helle

treten. Welch bezeichnender Gegensatz, diese schlitzartig verengten

Augen des Kalacharimannes gegenüber dem weit geöffneten Phäakenauge des

Negers!

Durch eudiometrische Untersuchung von Luftproben aus der libyschen

Wüste wissen wir, zu einem wie hohen Grad der Ozongehalt der Luft

in Trockengebieten sich steigern kann. Vermutlich beruht auf der

Vernichtung der krankheitserregenden Mikroben, insonderheit der

Tuberkelbazillen durch das Ozon die gesundende Kraft des Trockenklimas,

wohl auch das Belebende, was z. B. die Saharaluft auf den europäischen

Wanderer ausübt. So lange die Bewohner von Steppen und Wüsten ihre

ozonreiche, freie Luft einatmen, kennen sie den Würgengel der

Schwindsucht nicht; er hielt in die nordamerikanischen Prärien erst mit

der Stadtsiedelung seinen traurigen Einzug.

So beneidenswert wie die Gesundheit ist die Sinnesschärfe unserer

Völker. Sie wurde tellurisch gezüchtet, weil zum Erspähen der Jagd-

oder Räuberbeute, zum lebenrettenden Heimfinden zu den Seinen in diesen

menschenöden Landen alle Sinne im alltäglichen Daseinskampf zur

entscheidenden Mitwirkung berufen waren.

Das Gehör spürt noch die leisesten Schallwellen, von denen unser Ohr

nicht das Geringste empfindet. In Australien unterhalten sich einander

begegnende Schwarze, wenn sie längst in entgegengesetzter Richtung

fortwandern, und der begleitende Europäer einen Monolog zu hören meint.

Ungefähr ein halbes Kilometer nennt der Kalmücke eine Hörweite, denn

auf solche Entfernung ist ihm menschliche Rede ohne Stimmverstärkung

verständlich. Wie seltsam doch die Sitte kirgisischer Mütter, den

Kleinen die Ohrmuscheln auszuweiten, damit sie dereinst durch besseres

Auffangen der Schallwellen besser ins Leben passen! Am Geruch erkennen

die Leute menschliche wie tierische Fährte, wenn sie auf unbewachsenem

Felsboden keinen Eindruck zurückließ, mitunter noch nach Tagen.

Aimara-Indianer finden sich in finsterer Nacht zum Lagerplatz zurück

durch den Geruch der Fluren, von dem der stumpfsinnigere Weiße gar

nichts spürt. Der Australschwarze wird gern in die austral-englische

Polizei eingestellt wegen seines äußerst feinen Witterungsvermögens,

das ihn Menschen- wie Tierfährten weithin auf hartem, keinerlei

Eindruck verratenden Felsboden verfolgen läßt, selbst wenn etwa der

Schafdieb bereits tags vorher über ihn fortgeeilt ist. Wie südrussische

Steppenrinder Tränkplätze auf weite Ferne wittern, so tritt wohl auch

im Osten der großen Wüste der Araber voll Sehnsucht nach dem Abschluß

seines Karawanenzugs auf eine Hügelspitze, schlürft, das Antlitz gen

Osten, gierig die Luft ein und kündet frohlockend: „Ich rieche den

Nil!“ Er hat den Strom entdeckt, ohne ihn zu erblicken. Doch freilich

die Schärfe des Gesichtssinns erweckt noch mehr unser Staunen.

Des Menschen Auge ist ja ein Organ steter Anpassung, hochgradiger

Fernblick kann sich mithin nur entwickeln innerhalb dunstfreier,

weiter Horizonte, so beim Gemsjäger, beim Steppen- und Wüstenmenschen.

Letzterer aber lernte im unablässigen Daseinskampf diesen weitesten

Horizont aufs vollkommenste beherrschen mit seinem Falkenauge, und

dieser wunderbare Späherblick vererbte, verfeinerte sich von Geschlecht

zu Geschlecht. So sind Trockenräume die Gebiete der größten Sehschärfe

durch alle Kontinente. Der Buschmannknabe in Liechtensteins Begleitung

auf der Rückfahrt vom Kap erkannte noch ziegengroße Antilopen an der

afrikanischen Küste auf Stundenferne, was Liechtenstein nur mit dem

Fernrohr zu kontrollieren vermochte. Der Targi der Westsahara zählt

bereits die Kamele einer eben in den Horizont eingetretenen Karawane,

wenn der Weiße neben ihm ohne Fernglas noch gar nichts von ihr sieht.

Der Australschwarze verfolgt die kleine Biene seiner Heimat, nicht

größer wie unsere Stubenfliege, bis auf 18 ~m~ Höhe ins Dunkel

eines Baumwipfels, um den wilden Honig zu ergattern. Die größte uns

bekannte Späherleistung möchte indessen von jenem rosseweidenden

Kalmücken auf der ciskaukasischen Steppe erzielt worden sein, der die

Russen vor einem Überfall bewahrte, indem er den aufwirbelnden Staub

eines heranziehenden feindlichen Heerhaufes auf 30 ~km~ Ferne

erkannte, d. i. die Entfernung Potsdams vom Ostende Berlins.

Die urälteste Form des Menschenlebens, der Nomadismus, hat sich bis

zur Gegenwart in den Steppen und Wüsten erhalten, weil hier der Mensch

unter der Bedingung heroischer Marschausdauer, beherzter Waffenführung,

genügsamer Kost, auch gelegentlichen Hungerns und Durstens der uralten

Wonne unseres Geschlechts sich weiterfreuen durfte: der goldenen

Freiheit, ohne als Arbeitsknecht Hacke oder Pflug führen zu müssen.

Stets haben diese Freischweifenden mit der Verachtung des kühnen

Recken auf die Seßhaften herabgesehen, so die Beduinen d. h. die

Wüstensöhne auf die feisteren Bauern des arabischen Küstenrandes, die

ihnen nur zum Brandschatzen, wenn nicht zu dauernder Knechtung da zu

sein schienen, ebenso die Kurden der armenischen Alpmatten auf die

Armenier, die drunten im Thal Feld und Garten berieseln mußten im

Schweiß ihres Angesichts; bis zur russischen Besitzergreifung auch

die freiheitsstolzen, türkischen Ösbegen Turans, die, wenn sie als

Herren der persischen Siedler der Flußchanate ihr Heim in diesen selbst

aufschlugen, doch lieber ihre Filzjurte im viereckigen Freihof des

Wohnhauses aufschlugen als wie Feiglinge in den Lehmmauern eines Hauses

zu wohnen.

Australiens eingeborene schwarzbraune Rasse hält noch gegenwärtig an

ihrer uralten frei schweifenden Lebensweise fest, wie sie dereinst

bedingt war durch das nahezu gänzliche Fehlen anbaulohnender Gewächse

und die Spärlichkeit jagdbaren Getiers in den wasserarmen Ödungen des

Landes neben völliger Abwesenheit melkbarer Tiere. Auch nachdem nun

die europäischen Ansiedler mit bestem Erfolg unsere Kulturgewächse und

Haustiere nach Australien gebracht haben, verbleibt der Australschwarze

lieber der alten Freiheit treu, so sehr sie mit dem Jammer des bloßen

Sammelns von kümmerlichen Brosamen am Tisch der Wildnis naturnotwendig

verknüpft ist. Die Männer des Stammes schweifen auf der täglichen

Wanderung weiter aus, etwa eine Känguruherde aufzutreiben, einen Vogel

mit dem Bumerang herabzuholen, die Erdhügelnester des Tallagallahuhns

auszunehmen; die Weiber ziehen auf kürzerer Linie, mit dem armseligen

Hausrat und den kleinen Kindern bepackt, nach eßbaren Wurzeln

grabend, wilden Honig, Baumharz, kaum genießbares Gewürm zur Stillung

des nagenden Hungers auflesend, einem noch nicht ganz erschöpften

Wasserloch zu, an dem sie abends das Feuer entfachen vermittelst des

brennend unter der Glut des Tagesgestirns mitgeschleppten Holzscheites,

auf daß der gestrenge Gatte nicht zürne über zu langen Aufschub, wenn

erst durch Aneinanderreiben von Hölzern das Feuer entzündet werden

müßte, und jener dann unsanft den langen Wanderstab auf den Kopf der

Gattin niedersausen ließe.

In dem wildreicheren Afrika ist selbst der Buschmann nicht bloß

Nahrungssammler, sondern Jäger, ein gewandter Bogenschütze. Doch kein

Land der Welt ist ein solches Jägereldorado, daß der Mensch anders

als hin- und herziehend von seiner Jagdwaffe den Unterhalt erzielen

könnte. Auch der Hirt ist in Steppen mit gar zu kärglicher Benetzung,

also schlechten Futterwuchses, oder in Gegenden, wo ein anhaltender

Schneewinter die Gebirgsweide nimmt, folglich die Herde in benachbarten

Niederungen zu überwintern zwingt, ein Nomade. Hingegen führen Oasen

und die Trockenräume durchströmenden Flüsse -- man denke nur an den

nubisch-ägyptischen Nil, diesen einzigen Strom, der die Sahara in

ihrer ganzen Breite durchzieht -- zu fester Siedelung, weil hier

das Quell- oder Flußwasser Garten- und Ackerbau mittels künstlicher

Bewässerung zu treiben gestattet auch an Orten oder zu Zeiten, wo kein

Tropfen Regen fällt. Darum war ja Zoroasters Lehre eine solche Wohlthat

für Irans und Turans dürstende Gelände, weil sie die Berieselungswerke

heilig sprach, unter deren Segen der sonst gar nichts tragende Boden

tausendfältig Feld- und Baumfrucht spendete.

Wo vollends Steppen regenreich genug sind, um auch ohne Bewässerung

Feldbau zu gestatten, da sind sie teilweise schon vor Alters,

in weitem Umfang vollends in neuerer Zeit vielfach ins Gebiet

seßhaften Völkerlebens einbezogen worden, indem gewöhnlich von

außen ackerbautreibende Stämme hereinzogen, sei es, daß der Boden

unbewohnt angetroffen wurde, sei es, daß er ihnen zufiel nach dem

gerechten Schiedsspruch tellurischer Auslese: jedes Land gehört dem,

der es am besten zu verwerten, am tapfersten zu verteidigen weiß.

Die englischen Weizenbauer und Schafzüchter dringen immer tiefer

ins Innere Australiens ein; die Buren verdrängten Hottentotten wie

Kaffern; die Prärien, wo noch vor kurzem die Rothäute die zahllosen

Büffel jagten, wogen gleich den argentinischen Pampas von unabsehbaren

Getreidefeldern. Dort, wo im Altertum skythische Skoloten und

Sauromaten mit ihren Herden Südosteuropas Steppen durchzogen, führt

jetzt der russische Ansiedler den Pflug. Und eben da, dicht am

südlichen Uralgebirge, vollzieht sich jüngst ein lehrreicher Vorgang

des Obsiegens der Seßhaften über die Schweifenden. Die Baschkiren

nämlich mögen nur ungern ihr freies Wanderleben in der Steppe aufgeben;

eingeengt jedoch durch die Uralwälder im Osten, die wüstenhafte

kaspische Salzsteppe im Süden, das leise Vorrücken der russischen

Bauern in West und Nord, fühlen sie sich außer stande allein durch

Vermittlung ihrer Herden vom Steppengras zu leben, darum verpachten

sie gegen Kornzins einen Teil ihrer Länderei an russische Bauern und

erkaufen sich damit noch auf eine Galgenfrist die Adelsfreiheit des

Nomaden. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, denn um von Weidewirtschaft

in der Baschkirensteppe zu leben braucht man für den Kopf 120 Morgen,

bei Landbau nur 20-30. Derselbe Flächenraum, der einem einzigen

Baschkiren genügend Milch und Fleisch liefert, ernährt also vier bis

sechs Russen.

Allerwegen indes, wo das alte Hin- und Herziehen verblieb, erhielt sich

auch Sitte und Brauch fast unverändert. In den echten Wüsten führt

erst ganz neuerdings der Eisenbahnbau einen gänzlichen Umschwung des

Verkehrs hier und da herbei. Sonst zieht dort noch wie vor Alters der

Mensch von einer Wasserstelle zur andern, als Hirt, falls zu günstiger

Jahreszeit flüchtiges Grün den Boden überzieht, als Karawanenführer,

als Weidmann oder als lauernder Räuber. Wüsten züchten Räubervölker,

denn sie sind von Natur immer arm, es sei denn, daß sie stellenweise

Steinsalz bergen oder Salpeter wie die Atacama; oft liegen nun

beiderseits reiche Landstriche, wie die Mittelmeerküste Afrikas und

der Sudan, die einander ihre Güter durch Frachtzüge quer durch die

Wüste zusenden, und dauernd locken Quell- oder Flußoasen mit winkenden

Dattelhainen, mit Fruchtfeldern aller Art; Obst- wie Mehlzukost wünscht

sich aber der Steppen- und Wüstenmensch gar sehr zu seinem ewigen

Einerlei animalischer Nahrung. Was Wunder also, daß letzterer bei

seiner überlegenen Ortskunde, die Angriff wie Rückzug deckt, seiner

körperlichen Kraft, seiner fliegenden Eile zu Roß oder Kamel gern

wenigstens nebenbei das Räuberhandwerk treibt, weshalb jeder Oasenort

sich mit Lehmmauer umgürtet?

Das stete Wanderleben auf dürrer Fläche erzeugt eine Fülle von

Gewohnheiten, die gänzlich abweichen von denen seßhafter Menschen, und

sich darum weit weniger wandeln, weil hier eine Natur von unbeugsamer

Starrheit gebietet. In der syrisch-arabischen Wüste fühlt man sich

noch heute in die Tage der Erzväter Israels versetzt. Der Reichtum

besteht wie zu Abrahams Zeit in Vieh und Silbergeschmeide, in Waffen

und Teppichen. Außer dem unentbehrlichen Zelt, dessen Gestänge nebst

härenen Tüchern die Lasttiere auf dem Marsch zu schleppen haben,

muß die sonstige fahrende Habe aufs sparsamste bemessen werden. Man

darf sich nicht Tisch, Stuhl oder Bettstatt gönnen. Man hockt und

schläft auf platter Erde; auf den hingebreiteten Teppich wird die

große Schüssel mit dem einfachen Mahl gesetzt, in die greifen die

Herumhockenden mit den Fingern wie Christus und seine Jünger, denn

die Israeliten behielten gar manche Sitten des alten Nomadenlebens

bei, auch als sie in Palästina seßhaft geworden, nannten sie doch

für immer ihr Heim ~ohel~ d. h. Zelt. Die Geräte müssen dauerhaft

sein, weil man sie nicht so oft beim Händler erneuern kann; aus

hölzernen, womöglich mit Metallreifen geschützten Schalen trinkt der

Mongole seinen gemüseartig gekochten Thee mit reichlicher Zuthat von

Hammeltalg. Geringer geschätzt als der Mann ist das Weib; es verrichtet

niedere Dienste, bleibt ausgeschlossen vom Mahl der Männer. Sobald

abends das Zelt aufgeschlagen, begiebt sich Frau oder Tochter zum

Wasserholen, und damit sie den oft nicht so kurzen Weg nicht mehrmals

zurücklege, muß der thönerne Wasserkrug recht umfangreich sein, darum

wieder läßt er sich nur auf der Schulter oder auf dem Kopf tragen,

was zu straff aufrechter Haltung des Körpers viel beiträgt. Das Bild

der Rebekka am Brunnen kehrt allabendlich im Orient hundertfältig

wieder. Es fesselt stets durch die Verbindung von Anmut und Kraftübung;

wie spielend hebt die Wasserträgerin den schweren Krug empor und

trägt ihn elastischen Schritts von dannen. Mitten in der syrischen

Wüste begegnete unser Wetzstein einer wassertragenden Beduinenfrau,

die unterwegs geboren hatte in menschenleerer Öde, und nun rüstig

dahinschritt, den Wasserkrug auf dem Haupt, das Neugeborene im Arm.

Auch die Prärie-Indianerin wird zuweilen wohl auf dem Ritt durch die

meerähnliche totenstille Grasflur von ihrer schweren Stunde überrascht;

sie bindet dann ihr Pferd etwa an einen einsamen Baumstamm und schwingt

sich nach ein paar Stunden Rast heldenhaft mit dem Säugling auf ihr Roß.

Körperliche Ausdauer und Rüstigkeit sind diesen Nomaden in

jahrtausendelangem Daseinskampf anerzogen worden. Die Patagonier,

allerdings wohl die langbeinigsten aller Menschen, unternehmen

Erholungsspaziergänge von mehr als 60 ~km~. Der Tubu legt seine

heroischen Wüstenmärsche mit der notdürftigsten Tagesration weniger

Datteln zurück; im äußersten Fall öffnet er dem Kamel eine Ader an der

Schläfe, formt sich aus den zerstoßenen Knochen am Weg bleichender

Skelette von verschmachteten Menschen, häufiger von gefallenen Kamelen

und aus den paar Tropfen Kamelblut eine Paste zur Fristung seines

Lebens; Wasser kann er, falls er tagsüber regungslos im Schatten ruht

und nur nachts mit seinem treuen Tier weiterzieht, vier Tage lang

entbehren, dann erst bindet er sich todesmatt auf das Kamel, seine

Rettung dem unvergleichlich scharfen Spürsinn desselben überlassend.

Der Kalmücke vermag auf Karawanenreisen wenigstens drei Tage lang zu

hungern und zu dursten; findet er dann noch kein Trinkwasser, so rupft

er Haare aus der Mähne des Pferdes und kaut daran.

Langes Fastenkönnen und erstaunliche Gefräßigkeit entspricht vollkommen

dem auf Mangel an Speise oft folgenden Überfluß des Jägers, der

entbehrungsvollen Wanderung und späten Abendrast des Hirten-Nomaden.

Der Mongole kann mehrere Tage ohne Speise bleiben, jedoch einen viertel

Hammel sieht er als gewöhnliche Tagesration des Mannes an, ja er

vertilgt bei festlichem Gelage einen Hammel mittlerer Größe an einem

einzigen Tage für sich allein. Zu starkes Essen gilt übrigens bei

diesen Völkern oft als des Mannes unwürdig. Auf Fehdezügen läßt sich

der Kalmücke an ein paar Bissen Fleisch genügen oder er kaut geröstete

Tierhaut; am Tage der Schlacht pflegt er nur die Brühe vom Fleisch

zu trinken. Nordamerikanische Steppenindianer vermeiden selbst bei

reichlichen Vorräten übermäßiges Essen (das sie nur Weibern, Kindern

und Hunden nicht verargen), um sich straff zu halten für Mannesthaten

bei Waffenspiel oder ernster Gegenwehr.

Zum Spiel ist dem Nomaden viel Zeit übrig, und er liebt auch im

Spiel Körperkraft nebst Gewandtheit zu zeigen. Zum Bogenschießen

oder Ballspiel lockt die baumleere Weite; letzteres erfreut den

Teke-Turkmenen wie den Dakota und Tehueltschen. Im Zelt wird

leidenschaftlich gewürfelt; der Gaucho schlägt die Faulheitsstunden

mit Kartenspiel tot, während der Araber lieber in lauer Abendluft,

nachdem im Purpur des westlichen Himmels die Sonne niedergesunken,

dem Märchenerzähler oder dem Sänger der Ruhmesthaten seines Stammes

lauscht. Nicht von ungefähr trägt das Schachspiel einen persischen

Namen. Herrlich gelingen den Männern überall die Reiterkunststücke und

das Wettrennen; im Morgenland befeuern die zuschauenden Frauen durch

ihren Zuruf, jauchzen den Siegern zu, wehklagen über das Zurückbleiben

der Ihren. Es sind das segensreiche Volksfeste, in denen unentbehrliche

Tugenden durch den Sporn des Ehrgeizes ihre Pflege finden. Aus den

südrussischen Grasfluren kamen die wagehalsigen Bereiterstückchen

in die Kosakenregimenter der russischen Reiterei; Baschkiren, in

Ostturkistan selbst würdige Priester vergnügen sich daran, im rasenden

Galopp einen Stein vom Boden aufzuheben, ohne den Bügel loszulassen;

die Turkmenen rennen auf 160 ~km~ um die Wette und stiften dem ersten

Sieger den ansehnlichen Preis von zwölf Kamelen. Das malerischeste

Schauspiel bietet aber ein Renntag in der syrisch-arabischen Wüste oder

eine Falkenbeize, sei es auf Reiher, sei es auf Gazellen am Hauran. Da

bricht die Jagd- und Reitlust der Beduinen am feurigsten aus; wie toll

stürmen sie ins Weite, und wenn dann die silberweißen Jagdfalken im

blauen Äther mit den Reihern im Knäuel sich verschlingen, da schauern

sie wild empor, und jede Fiber zuckt den bronzefarbenen Männern, die

trotz aller Nervenstählung hochgradig nervös sind, wie so oft die

Menschen, die dauernd in elektrisch gespannter, trockener Luft leben.

Manche Eigentümlichkeiten treffen wir in diesen Landen, die nicht aus

ihrer Eigenart hervorgegangen, sondern hier nur besonders treu erhalten

sind, weil eben der Zeiger auf dem Zifferblatt der Kulturgeschichte

dort so viel langsamer vorrückt als bei uns. Dahin zählt u. a. der

vielfach noch nicht eingebürgerte Gebrauch des Kochsalzes. Man

könnte zwar meinen, Fleisch und Blut der Wüstentiere sei durch deren

salzreiches Futter schon salzig genug; in der That schmeckt trocknes

Kamelfleisch wie gesalzen. Die Sträucher und Kräuter des so selten

benetzten Bodens, in dessen Kruste die verdunstenden Tropfen von Tau

oder Regen ausgelaugte Salzteile aufspeichern, sind oft nicht minder

salzhaltig, folglich genießt z. B. der Namahottentotte, wenn er sich

Knollen oder Zwiebeln zur bescheidenen Kost ausgegraben, schon etwas

salzreichere Nahrung als wir, wenn wir Brot oder Kartoffeln verzehren.

Indessen so viele von der Berührung mit unserer Kulturentfaltung bisher

ausgeschlossen gebliebene Völker, darunter auch unsere Schutzbefohlenen

auf Neuguinea und den Karolinen, wissen nichts vom Salzen der Speisen,

daß wir gleichfalls bei den uns beschäftigenden Völkern hierin nur

einen Nachhall der Urzeit erblicken möchten, in der unser Geschlecht

sein stets vorhandenes, aber recht mäßiges Salzbedürfnis mit dem

geringen Salzgehalt seiner Nahrung im ungesalzenen Zustand befriedigte,

hingegen Zugabe von überflüssigem Salz als bloßem Gewürz zur Speise, an

die wir uns nun als an eine Notwendigkeit so gewöhnt haben, noch nicht

kannte.

Andere Einzelzüge haben jedoch die Bewohner der Trockenräume offenbar

erst diesen in näherer oder weiterer Vermittlung entlehnt. So zeigen

sie gern ihre Waffen, um feindlichen Angriff schon durch die Furcht

vor diesen womöglich im Keim zu ersticken. Meist in offener Ebene

dahinziehend, führen sie daher in weite Ferne drohende Waffen, mit

Vorliebe Lanzen, die Kurden z. B. 8 bis 10 ~m~ lange Bambuslanzen, die

Beduinen die längsten Flinten der Welt, während die Tuareg bei Speer

und altertümlichem Schwert mit Kreuzgriff verharren, die Schußwaffe

mit Pulver und Blei als Schutzmittel des Feigen von sich weisend.

Die Waldlosigkeit ladet sonst gerade zur Verwendung weit tragender

Schußwaffen ein. Mit der Sicherheit ihrer Pfeilschüsse bei jagendem

Ritt machten sich Hunnen, Awaren, Magyaren unseren Vorfahren furchtbar,

als sie aus den Steppen des Ostens nach Deutschland einfielen. Der Tubu

bringt mit seinem wagerecht geworfenen zackigen Wurfeisen dem Gegner

gleichwie mit einer Zackensense am Riesenstiel gefährliche Wunden bei.

Die Schleuder spielt seit alters in den Trockengebieten der alten Welt

eine ähnlich große Rolle wie Lasso und Bolas in denen der neuen.

Eine glückliche Sondererfindung der Saharavölker ist der sogenannte

Gesichtsschleier oder Litham, ein blaubaumwollener Shawl, der so um

den Kopf gewunden wird, daß er nur einen schmalen Schlitz für die

Augen frei läßt. Wie wir uns im Winter mittels des ~cache-nez~ durch

die eigene Atmung wieder Wärme zuführen, ebenso erwirken Tuareg wie

Tubu durch ihren Litham, daß die schmachtend trockene Wüstenluft durch

die selbstausgeatmete Feuchtigkeit, die sich im Litham verfängt,

durchfeuchtet wird, ehe sie sie einatmen. Die Araber scheinen einen

gleichen Schutz nicht zu kennen, pflegen aber bei Smum wohl nicht bloß

gegen den Wüstensand, sondern zu dem nämlichen Zweck einen Zipfel ihres

Mantels vor Mund und Nase zu ziehen.

Den Kopf tragen viele der Völker zum Schirm gegen die schroffen

Temperaturwechsel, oft auch gegen den Regen, bedeckt: die Kirgisen

mit einem buntgestickten Käppchen, die Iranier mit der hohen,

schwarzen Lammfellmütze, andere Morgenländer mit turbanartigem

Kopftuch oder Fez, die Hottentottin mit der Fellhaube. Letztere

abzulegen öffentlich gilt bei den Hottentotten als schamlos, wie auch

der Morgenländer vor dem Höherstehenden oder gar im Gotteshaus nie

die Kopfbedeckung abthut, wohl aber der Schuhe oder Sandalen sich

entledigt. Christus stets barhäuptig abzubilden ist ganz unhistorisch.

Der dicke Burnus des nordafrikanischen Kabilen sowie des Beduinen ist

als schlechter Wärmeleiter gegen Tageshitze ein ebenso guter Schutz

wie gegen Nachtkälte. Beinkleider treffen wir nur, wo Steppen und

Wüsten von kalten Wintern heimgesucht werden, so in den Prärien, in

Patagonien und Innerasien; der Mongole legt sie sogar nur im Winter

an. Hohe Stiefel sind eine beliebte Zuthat zu den Beinkleidern bei

Reitervölkern; manchen Völkern sind Hosen nebst hohen Stiefeln bei

beiden Geschlechtern eigen; daher reiten auch Frauen und Mädchen, z.

B. bei den Ostturkistanern, den Tanguten am Kuku-Nor, rittlings nach

Männerart. Die Tehueltschen ziehen über ihre hohen Reitstiefel noch

Überschuhe, um den Fuß auch im Schmelzwasser des Schnees trocken zu

halten. Auf dem bis über 70° ~C~ erglühenden Fels- und Sandboden der

Sahara zieht die nackte Fußsohle leicht Brandblasen, daher das dortige

Bedürfnis, Fellschuhe oder Sandalen aus Kamelleder zu tragen, obwohl

der sparsame Tubumann, wo es irgend geht, seine Sandalen an die Spitze

des über der Schulter getragenen Speers knüpft, mit dem er leichtfüßig

über den glühenden Boden dahinschreitet, ohne daß seine nackten,

freilich hornüberzogenen Sohlen auf dem scharfen Gestein zerschnitten

werden, während die Stiefel des Europäers auf demselben in Fetzen

zerreißen.

Die allgemeine Seltenheit des Wassers hat die Neigungen der Völker

geradezu gegensätzlich beeinflußt. Dem Araber ist der Anblick großer

Massen von Süßwasser eine ersehnte Augenweide, das Plätschern eines

Springquells die liebste Musik; die Fontäne gehört deshalb als

Hauptstück in den Mittelpunkt seines gartenartig ausgeschmückten

Innenhofs, ohne Baumesschatten und rauschende Quellen kann er sich das

Paradies nicht denken. In Centralasien hat dagegen die Seltenheit des

Anblicks von fließendem Wasser eine völlige Idiosynkrasie gegen alles

kalte Wasser herbeigeführt. Der Mongole schlägt seine Jurte niemals

dicht bei der Wasserstelle auf, so nötig er für sich und seine Tiere

das Wasser braucht; er trinkt nur gekochtes Wasser, und es wird ihm

übel, wenn er den Fremden etwa eine Wildente verspeisen sieht, weil

diese zum Wassergeflügel gehört. Die Chinesen sind wahrscheinlich

aus der Takla-Makan Innerasiens erst nach China eingewandert. Daraus

wird es sich erklären, daß sie nur abgekochtes Wasser zu sich nehmen.

So wurden sie die Erfinder des Theetrinkens, und man darf schon die

Behauptung wagen: Wir trinken Thee, weil die Chinesen aus Centralasien

stammen.

Wo das Wasser so kostbar, wird es nicht leicht zum Waschen benutzt.

Daher starren die Menschen oft von Schmutz. Herodots Ausspruch über die

Skoloten „Sie waschen sich nie“ gilt auch von den heutigen Mongolen,

die sich sogar stolz hierauf ~kara hunn~, d. h. schwarze Menschen,

nennen. Die Sitte der Skolotinnen, die, um zu gefallen, sich nachts

über eine aus zerriebenen wohlriechenden Hölzern hergestellte Paste

auflegten, so daß sie des Morgens als duftige Huldinnen erschienen,

ausnahmsweise auch ohne Schmutzkruste im Gesicht, erinnert uns an

eine bisher ganz übersehene Geschmacksrichtung, die unseren Völkern

offenbar durch ihre Heimat zu teil ward. In allen Trockenlanden

nämlich walten, wie wir schon bemerkten, aromatische Gewächse zufolge

natürlicher Züchtung auffallend viel mehr vor als anderwärts; ist doch

Arabien, zu deutsch das Wüstenland, von jeher durch seine Aromata

berühmt gewesen. Dieser Umstand machte die also stets von solchen

Wohlgerüchen umhauchten Steppen- und Wüstenvölker zu leidenschaftlichen

Freunden derselben; auch ihren Göttern schrieben sie natürlich diese

Vorliebe zu. Aus dem Morgenland empfingen wir selbst die Sitte des

Parfümierens; Mohammed trug stets ein Etui mit Wohlgerüchen bei sich,

wir könnten sagen ein Schnupftabaksdöschen; wenn die braune Nubierin

das Entzücken ihres Gatten sein will, nimmt sie ein förmliches Rauchbad

aus lauter aromatischen Stoffen. Mit nichts wurde im salomonischen

Tempel so viel Geld verpraßt, als um Jahve die köstlichsten Spenden

von Myrrhen und Weihrauch zum Himmel empor zu senden; ganz ebenso

zündeten die mittelalterlichen Tataren Asiens ihrem Gott duftige Opfer

und bringen noch immer die Indianer der Prärie ihrem „großen Geist“

Salbeiopfer. Der Weihrauchduft der christlichen Kirchen ist mithin ein

echt geographischer Hinweis auf den Orient als Ursprungsstätte des

Christentums.

Ein gewisser schwermütiger Zug geht durch diese Völker; er entspricht

wohl dem vereinsamten Weilen in einer einförmigen, schweigenden

Natur. Bis zu finsterster Stimmung steigert sich der freudlose Ernst,

wenn der karge Boden wie im Tubuland Tibesti selbst an Quellorten

nur wenige Datteln und kaum weich zu klopfende Dumpalmenfrüchte

trägt. Da macht der nagende Hunger die Herzen hart wie die Steine

der Wüste. Sonst jedoch verklärt ein freundlichstes Erbe uralter

Vorzeit auch das dürftigste Nomadenzelt: die sogar vom Räuber in Ehren

gehaltene selbstlose Gastfreiheit. Handel und Wandel, Verführung durch

Kulturgenüsse hat Biederkeit und ritterlichen Sinn meist noch nicht

angetastet. „Griechische Treue“ ist Satire, „türkische Ehrlichkeit“

hingegen Wahrheit. Dazu stählt Nüchternheit Leib und Seele; sie nicht

zum letzten führte die Khalifenheere wie die Osmanen von Sieg zu

Sieg. Trockenräume geben aus ihrem Gewächsreich wenig Zuckerstoff zur

Herstellung berauschender Getränke; das bewahrte ihre Söhne vor dem

Trunklaster, impfte ihnen Verachtung ein gegen die Weichlinge, die

sich nicht genügen lassen am ältesten und gesundesten Getränk der

Menschheit, Wasser und Milch, oder dem heißen Labetrunk von Kaffee oder

Thee, die sich berauschen wie die verachteten Knechte der Ackerarbeit.

„In ein Haus, unter dessen Dach ein Pflug steht, kehrt der Engel Gottes

nicht ein“ heißt es nomadenstolz im Koran. Mohammed, dieser Lykurg der

Wüste, hat die Abscheu gegen Trunksucht nicht erst eingeführt, nein er

fand sie vor und weihte sie nur wie so viele andere uralte Wüstensitten

als aus Allahs heiligem Willen geboren.

Wald- und Seevölker pflegen Polytheisten zu sein, Steppen- und

Wüstenvölker neigen vielmehr zum Monotheismus. Vom Sinai, aus Palästina

und Arabien empfing die Welt die drei wirkungsreichsten Lehren vom

+einen+ Gott. Dschingiskhan gebot, als wäre er ein Prophet des alten

Bundes: „Du sollst glauben an den alleinigen Gott, der Himmel und Erde

geschaffen hat, den Herrn über Leben und Tod.“ Nicht anders denkt

der Mandan-Indianer der Prärie von dem „großen Geiste, der im Himmel

wohnt“. Wir alle suchen die Einsamkeit, wenn wir unsere Gedanken

sammeln wollen. Das nämliche Streben trieb Johannes den Täufer und

Christus in die Stille der Jordanwüste, Mohammed in die Wüstenklippen

abseits von Mekka. Nur wenige, aber gewaltige Eindrücke sind es,

mit denen die Wüste in feierlichem Schweigen das sinnende Gemüt des

Menschen erfüllt. Über der starren Gesteinsfläche schaut das Auge

nur eine, aber eine stetige, ruhig gleichmäßige Bewegung: die der

Gestirne. Nicht Menschenhand lenkt sie, es muß eine übermenschliche,

jedoch einheitliche Macht sein, die das erwirkt; und was der Forschung

das Naturgesetz der Gravitation, ist dem kindlichen Sinn der einige

Gott, „der die Sterne lenket am Himmelszelt“, der die ganze Welt

regiert, zürnend daher fahrend im Gewittersturm, vernichtende Blitze

schleudernd, dann aber mild lächelnd seine Sonne wieder scheinen

lassend über Gerechte und Ungerechte.

Die Freude der Orientalen, gedankenvoller Rede zu lauschen, nicht bloß

bei abendlicher Rast im Nomadenzelt, nein auch am hellen Tag, etwa auf

der grünen Matte am See Genezareth gelagert, wie bei der Bergpredigt,

das war der rechte Boden, solche erhabene Lehren volkstümlich werden zu

lassen, aus ihnen menschenbeglückende Religionen zu gestalten.

Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden · 第 15 / 20 题