Da in unserer Selbstkonstituierung die Schriftkultur nur noch eines
von vielen Medien für die von der neuen Skala geforderte Effizienz
ist, begreifen wir allmählich, daß wir uns Schriftkultur und Bildung
nicht mehr in dem Maße leisten können, wie wir es bislang getan haben.
Und selbst wenn wir es könnten, sollten wir es nicht tun.
Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, daß die schriftkulturelle
Maschinerie, die wir merkwürdigerweise noch immer Erziehung oder
Bildung nennen, die nachwachsenden Generationen nur noch bedingt auf
das Leben vorbereitet. Die Bildungsperspektiven stehen dabei in
permanentem Widerspruch zu den sich rasant verändernden menschlichen
Erfahrungen, durch die wir das werden, was wir sind. Eine am
Paradigma der Schriftkultur orientierte Erziehung ist, wie wir
gesehen haben, ein Luxus geworden, den sich keine Gesellschaft, ob
reich oder arm, mehr leisten kann. Die im Verlauf der Erziehung
erworbenen Fähigkeiten und die Perspektiven, die wir für unser Leben
aus der Bildung beziehen, müssen heute als Zusammenhang betrachtet
und als eine niemals endgültig abgeschlossene Serie von
Ausbildungsschritten konzipiert werden. Die Nützlichkeit der
jeweiligen Ausbildung wird vermutlich zeitlich sehr begrenzt sein,
die aufeinanderfolgenden Ausbildungsabschnitte möglicherweise nicht
nahtlos auseinander hervorgehen.
Niemand wird die Bedeutung eines Sprachenstudiums ernsthaft in Frage
stellen, aber nur wenige sind willens, das Sprachenstudium oder das
Studium von Fächern, die auf einem Sprachenstudium basieren, als
Voraussetzung für eine Serie von verschiedenen Berufstätigkeiten
anzusehen, denen die heutigen Studenten im Laufe ihres Lebens werden
nachgehen müssen. Noch immer ist die gehobene Schulausbildung (also
etwa die Sekundarstufe 2 an deutschen Gymnasien) und ein großer Teil
des Universitätsstudiums auf Sprachen und Geisteswissenschaften
ausgerichtet; niemand nimmt die offenkundige Verlagerung von diesen
Bereichen auf die Sprachen der Mathematik--die heute eine extrem
diversifizierte Wissenschaftsdisziplin geworden ist--und der
visuellen Darstellung zur Kenntnis und ist bereit, daraus die
entsprechenden curricularen Konsequenzen zu ziehen. Die Mathematik
bereitet heute auf die Vielzahl der zukunftsweisenden Berufsfelder
vor, im Bereich der Technik und des Managements, der
Naturwissenschaft und Philosophie, des Designs und der Rechtsprechung.
Rechnen ist zuallererst eine Sprache, und Ziel jeder Erziehung
müßte die flüssige Beherrschung dieser Sprache sein. Das Gleiche
gilt für alle Bereiche, die mit Visualisierung zu tun haben: Zeichnen,
Computergraphik, Design. Das Studium der visuellen Techniken und
Ausdrucksformen ist heute mindestens so wichtig wie das Studium
sprachbezogener Gegenstände.
Vor diesem Hintergrund muß sich unser Bildungssystem neu definieren.
Vor allem muß das "Containermodell"--das Kind als leerer Container,
das mit Sprachen, Geschichte, Mathematik und leider nicht sehr viel
mehr angefüllt wird--durch ein heuristisches Erziehungsmodell ersetzt
werden. Wie die Pragmatik unseres Lebens muß auch die Pragmatik der
Bildung prozeßhaften Charakter gewinnen. Sie muß zu Interaktion
fähig sein und zur Herausbildung von Kriterien, die die Wahl zwischen
zahlreichen Optionen erleichtern. Manche Pädagogen verbrämen die
traditionellen Erziehungsmodelle mit neuen Begriffen, wenn sie die
vermeintlich neuen Erziehungsideale umschreiben als "Erziehung zum
Denken". Studenten denken ohnehin, ob wir sie dazu erziehen oder
nicht! Und heute stellen sich die Studenten besser auf die ihnen
bewußten Veränderungen und die daraus sich notwendig ergebenden
Interaktionsformen ein, auch auf Interaktionen mit Technologie, als
ihre Lehrer. Die Mehrzahl der neuen jungen Unternehmen im Internet
geht aus diesen studentischen Kreisen hervor und ist auf deren
Erfindungsgeist und Hingabe zurückzuführen. Interessanterweise sind
die Studierenden trotz der dargestellten Misere des Bildungssystems
zu den wesentlichen Betreibern der Veränderungen geworden. Sie sind
oftmals ihre eigenen Erzieher und schaffen das Umfeld, in dem sie
ihre Erfahrungen weitervermitteln.