Niemand kann ernsthaft über die Verbesserung von Bildungssystemen
nachdenken, ohne sich die tatsächliche Situation eines Kindes zu
vergegenwärtigen. In unserer heutigen durch Freiheit, Flüchtigkeit
und fast grenzenlose Mobilität gekennzeichneten Welt kommen immer
mehr Kinder aus Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil.
Viele Kinder unterliegen Umwelteinflüssen, die durch Diskriminierung,
Armut, Vorurteil und Gewalt gekennzeichnet sind. Auch diese Umstände
charakterisieren eine Gesellschaft, die sich demokratischen Idealen
verschrieben hat. Wir müssen einfach in Rechnung stellen, daß die
Erziehung und Ausbildung von Kindern zunehmend von der Familie auf
Institutionen übergeht, die eine erzogene oder ausgebildete Person
produzieren. Die Gesellschaft hat aus den allerbesten Motiven heraus
Fabriken für die Bearbeitung (im Sinne von processing) von Kindern
geschaffen. Viele Menschen übertragen ihre eigene persönliche
Erziehungsverantwortung nicht ungern auf diese sozio-pädagogischen
Einrichtungen, die nach dem Prinzip handeln: "Alles ist in Ordnung,
wenn die Kinder wie ihre Eltern erzogen werden."
Obwohl wir wissen, daß die Zyklen unseres Lebens (der Produktion, des
Designs, der Evaluierung) immer kürzer werden, halten wir unsere
Kinder so lange in den Ausbildungsgängen fest, daß sie nicht mehr auf
die Stühle in den Klassenräumen passen. Und diese Erwachsenen,
voller Energie und voller Frustration darüber, daß nicht ihre
kreative Leistungsfähigkeit, sondern ihre Geduld einer Prüfung
unterzogen wird, geben ein armseliges Bild ab. Jemand, der heute die
Schule oder die Universität vorzeitig verläßt, beweist nicht
unbedingt geistige Unreife. Der Anspruch der Gesellschaft, auch für
die nachwachsenden Generationen zu bestimmen, was für deren Zukunft
das Beste ist, führt zur Festlegung auf einen einzigen Ausbildungstyp
und ein bestimmtes Erziehungsideal. Noch immer weigert sich die
Gesellschaft anzuerkennen, daß die Menschen ein vielfältiges
Leistungspotential aufweisen, das in ebenso vielfältigen
Erziehungsidealen zum Ausdruck kommen müßte. Möglicherweise sind die
hohen Abbruchquoten nur ein Anzeichen dafür, daß die Ausbildungswege
für viele Leistungsprofile unangemessen sind und die Dauer der
Ausbildung insgesamt viel zu lang ist.
Ein Bildungsumfeld, das durch Flexibilität und neue Herausforderungen
gekennzeichnet ist, zahlt sich auf lange Sicht vermutlich aus.
Dennoch ist die Situation für die heutige junge Generation nicht
einfach. Der Leistungsdruck, die starke Konkurrenz, der jugendliche
Drang nach Neuem und die Suche nach einem Platz in der Welt können
das Leben eines jungen Menschen schlagartig verändern. Auch ist im
Gegensatz zu früheren Generationen der Weg zwischen Paradies (einem
sorgenfreien Leben mit vielen Wahlmöglichkeiten) und Hölle (dem
ganzen Spektrum von Krankheiten, Sucht und Abhängigkeit, Einsamkeit,
Enttäuschung, Orientierungslosigkeit) heute zu einer schmalen
Gratwanderung geworden. Ebenso können die vielfältigen Möglichkeiten,
zwischen denen junge Menschen wählen können--Hunderte von
Fernsehkanälen, das Internet, Tausende von Musiktiteln (auf CD, Video
oder im Radio), Verlockungen von Sport, Drogen, Sex und Hunderten von
modischen Firmenmarken--zu einem Alptraum werden. Die Schriftkultur
hatte das Leben ordentlich durchorganisiert. War man verliebt, war
Romeo und Julia die richtige Lektüre. Wollte man nach Griechenland
fahren, begann man mit den Homerischen Epen und ergänzte sie durch
den Roman eines zeitgenössischen Schriftstellers.
Drogen und AIDS, Millionen von Verlockungen, der Zwang, seinen
eigenen Raum in einer weniger stabilen und auch ungeduldigeren Welt
zu finden, passen indes nicht mehr in das ordentliche Schema einer
schriftkulturell strukturierten Welt. Die Sprache der Genetik und
die Sprache der Persönlichkeitsentfaltung haben heute bessere und
andere Artikulationsmöglichkeiten. Helden, Eltern, Lehrer, Priester
und Aktivisten fungieren nicht mehr fraglos als sinngebende Ikonen,
selbst wenn sie in den Darstellungen besser wegkommen, als sie in
Wirklichkeit sind.
Dennoch besuchen viele junge Menschen voller Enthusiasmus und
Hoffnung auf eine gute Ausbildung und Selbsterfüllung die Schulen und
Universitäten. Aber was heute mit großem zeitlichen Aufwand und
unter großen finanziellen Opfern gelernt wird, hat nur wenig mit dem
zu tun, was die spätere Berufswelt von ihnen verlangt. Sie lernen
schreiben, lesen und rechnen und müssen erfahren, daß im wirklichen
Leben ganz andere Fähigkeiten gefragt sind. Eine schlimmere
Erfahrung kann es kaum geben als die, daß jahrelanger Fleiß sich
schließlich doch nicht auszahlt. Wir können nicht beides
gleichzeitig haben, traditionelle Bildung und die dazugehörige
Schriftkultur einerseits und andererseits Berufsqualifikationen, die
auf der Grundlage von Schriftkultur und Bildung nicht nur nicht zu
erwerben sind, sondern von ihr geradezu verhindert werden. Die
gegenwärtige Situation ist mithin durch einen Kompromiß
gekennzeichnet: zwischen den Interessen von traditionellen
Bildungsinstitutionen (und Abertausenden von Lehrern, die arbeitslos
würden) und einem neuen pragmatischen Handlungsrahmen, den nur wenige
Vertreter der akademischen Welt wirklich verstehen.
Ein wichtiges Element dieser Kompromißformel besteht darin, daß wir
die Ausbildung auf einer möglichst kontinuierlicher Grundlage für
alle öffnen. Aber wir werden nur unbefriedigende Ergebnisse erzielen,
wenn wir sie nicht auf die Vielfalt von Bildungsformen und
Literalitäten ausrichten. Die Vielfalt der heutigen Lebenspraxis
macht es erforderlich, daß wir verschiedene Kreativitätstypen
anerkennen, die notwendigen Ausbildungsgänge für sie schaffen und zu
einem integrierten Bildungsangebot finden. Vor allem aber müssen wir
Weiterbildungsmaßnahmen treffen. Gerade sie gehören zum wesentlichen
Bestandteil jener gegenseitigen Verpflichtungen, durch die unsere
neue Lebenspraxis anerkannt wird.
Denen, die sich den menschlichen Aspekten von Politik, Geschäftsleben,
Recht und Medizin verpflichtet fühlen und die darüber klagen, daß
die Techniker der politischen Entscheidungsprozesse nicht mehr den
Weg zu den Herzen der Menschen finden, mag dies als eine
Schreckensvision erscheinen. Wir alle verfolgen ein Ideal von
Individualität, das uns durch persönliche Würde, durch eigene
Persönlichkeitsmerkmale, Überzeugungen, Emotionen und Schmerzen von
anderen unterscheidet. Aber wir selbst unterminieren unsere
Erwartungen, indem wir immer mehr für immer weniger Geld verlangen
und nicht einmal den Preis zu zahlen bereit sind, den die
Gesellschaft aufwenden muß, um uns zu dieser Individualität zu
verhelfen. Unsere derzeitige Skala nötigt uns Anonymität, vermutlich
auch Mediokrität auf. Es ist Zeit, daß wir uns von den in der
Schriftkultur festgeschriebenen Erwartungen lösen, denn diese haben
keinen Bezug mehr zu unserer neuen Pragmatik.
Ein Kompromiß zwischen den alten Bildungsformen und den neuen
Bedürfnissen sieht oft so aus, daß wir die traditionellen
Bildungswege und Bildungsinhalte um neue Teilbereiche aus den
vielfältigen partiellen Literalitäten ergänzen. Das macht dann aus
unserem Bildungssystem eine Art Verpackungsindustrie für Menschen:
Man wählt den Verarbeitungstyp, dem man sich unterwerfen möchte,
bekommt ein allgemeines schriftkulturelles Alibi und darüber hinaus
eine zusätzliche berufsbezogene Ausbildung für sogenannte
Eingangsstufenjobs.
Die Parameter, nach denen sich dieser Wirtschaftszweig zur
Verarbeitung nachwachsender Generationen richtet, ergeben sich aus
der opportunistischen Suche nach einem Platz irgendwo zwischen der
akademischen Welt und der Wirklichkeit. Analog zur allgemeinen
Arbeitsteilung auf dem Berufsmarkt haben sich auch im
Wissenschaftsbereich sehr enge Bereiche herauskristallisiert, in
denen die jeweils wissenschaftliche Expertise erworben werden kann;
das schlägt sich in den Strukturen der Ausbildungsstätten nieder,
ohne daß allerdings die künstliche Distanz zur Wirklichkeit und der
dort erwarteten Effizienz überbrückt wird. Die akademische Welt geht
nur selten Verpflichtungen gegenüber ihren Absolventen ein.
Entsprechend tief ist die Kluft zwischen ihrer Sprache und den
Sprachen der gegenwärtigen Lebenspraxis. Der Beamtenstatus bzw. die
lebenslange Anstellung von Hochschullehrern trägt zur Verkrustung
dieser Strukturen bei. Und wenn das höchste Ziel eines angesehenen
Professors darin liegt, von seiner Lehrverpflichtung befreit zu
werden, dann kann irgend etwas nicht mehr stimmen mit der Freiheit,
die wir den Professoren zur Ausübung ihrer Tätigkeit einräumen.
Häufig spiegeln auch die Prüfungsstrukturen diese Misere wider. Die
in den Vereinigten Staaten weitverbreiteten Testverfahren zur
Leistungsüberprüfung von Studierenden gründen auf einer Dichotomie,
die den Studenten dazu anleitet, auf bestimmte Fragen zu reagieren,
statt ihn in seiner kreativen Leistungsfähigkeit zu fördern. Also
werden--auch in den Erwartungen der Studierenden--Lehre und Lernen
auf das Abschlußexamen abgestellt, nicht auf den Gegenstand. Kein
Wunder, daß die wirklich guten Studenten frustriert sind und das
Gefühl haben, sich nicht entfalten zu können. Die kreative Neugier,
die mit 14 Jahren noch gut ausgebildet war, wird durch die
bürokratischen Tests eher abgestumpft, die im übrigen meist nur wegen
ihrer niedrigen Kosten durchgeführt werden. Dennoch wirken sie sich
nachhaltig auf die Strukturen der Lehre und des Lernens aus. Die
eigentlichen Schlüsselaktivitäten--sich auf neue Situationen
einstellen zu können und sie kreativ vorherzusehen--werden indes
durch solche Strukturen konterkariert.
Die geringste Lehrqualität findet sich heute im Grundstudium der
Universität, welches weitgehend von Assistenten und Lehrpersonen
vergleichbaren Status durchgeführt wird, während die Professoren
ihre Zeit darauf verwenden, Drittmittel für ihre Forschung anzuwerben.
Auch diese Tatsache ist darauf zurückzuführen, daß wir bislang
weder willens noch in der Lage waren, unsere Bildungsstrukturen an
die neuen Lebensumstände anzupassen, die einen von uns selbst
verursachten Bedarf an erhöhter Effizienz beinhalten. Im übrigen
trägt auch die alleinige Orientierung an den Abschlußzensuren als
Leistungsindikator zur Beibehaltung der Unterrichtsstrukturen bei.
Denn damit wird gerade das, was die Qualität der Ausbildung negativ
beeinflußt, zum einzigen Maßstab gemacht. Es ist daher wohl kein
Zufall, daß das in den Vereinigten Staaten am meisten nachgefragte
Buch über die Universitäten--die heutigen Erziehungsfabriken--eine
Anleitung zum erfolgreichen Täuschen in Prüfungen ist.
In den vergangenen Jahren hat man verschiedentlich die
Bildungssysteme der Vereinigten Staaten und Japans oder
westeuropäischer Länder und die jeweiligen Absolventenleistungen
miteinander verglichen. Dabei traten einige bemerkenswerte
Erkenntnisse zutage. So verbringen die japanischen Studierenden etwa
genausoviel Zeit vor dem Fernsehapparat wie die amerikanischen
Studenten, hingegen wird unterschiedlich viel Zeit für die Lektüre
aufgebracht. Japaner lesen doppelt soviel wie amerikanische
Studenten, Japaner verwenden auch etwa die doppelte Zeit für ihre
Vor- und Nachbereitung zu Hause, entsprechend weniger Zeit steht für
Unterhaltung zur Verfügung. Ist also Japan ein Modell für unser
Bildungssystem? Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß japanische
Studierende bei allen naturwissenschaftlichen Tests hervorragend
abschneiden, müßte die Antwort positiv ausfallen. Wenn wir aber die
allgemeine Leistungsfähigkeit, das kreative Potential, vergleichen,
ist die Lage schon etwas zurückhaltender zu beurteilen und erklärt
teilweise die Japankrise. Bei allen Nachteilen zeigt sich nämlich,
daß die Studierenden in den Vereinigten Staaten auf die pragmatischen
Erfordernisse der Berufswelt besser vorbereitet werden. Das mag an
der Dynamik des Landes, nicht unbedingt am Bildungssystem liegen.
Insgesamt gilt doch wohl, daß die relative Freiheit von Regulierungen,
die Fähigkeit, sich an veränderte Situationen anzupassen, und die
Innovationsbereitschaft die Vereinigten Staaten flexibler machen für
die Bildungsmöglichkeiten, die sich uns heute bieten.
Der Preis, den die Vereinigten Staaten für den Bildungskompromiß zu
zahlen haben, ist allerdings sehr hoch. Als japanische Unternehmen
damit begannen, die ersten amerikanischen Universitäten aufzukaufen
und damit vor dem Bankrott zu retten, wurde die Höhe dieses Preises
allen deutlich. Die amerikanischen Universitäten konnten auf diese
Weise der Rigidität ihres eigenen Bildungssystems entgehen, welches
anerkanntermaßen am wenigsten geeignet war, sich auf diese veränderte
Dynamik einzustellen. Urplötzlich wurde die weltweite
Amerikanisierung durch eine Japanisierung ersetzt. Doch bei
genauerem Hinsehen erweist sich wohl auch hier, daß Japan versucht,
sich von den drastischen Anforderungen einer Schriftkultur zu
befreien, die innerhalb des traditionellen japanischen Wertesystems
die notwendige Anpassung an die neue Zeit nachhaltig behindert.
Natürlich ist mangels ausreichender Kenntnisse des japanischen
Bildungssystems bei solchen Beurteilungen Vorsicht geboten, dennoch
zeichnet sich ein entsprechender Trend ab. Die Folgen dieses Trends
sind selbstredend.
Welche Alternativen?
Bevor wir uns mit Alternativen beschäftigen, sollten wir uns
vergegenwärtigen, daß wir mit den gegebenen technischen Möglichkeiten
jede Information und jeden Informationstyp an jede denkbare Adresse
vermitteln können. Im Gegensatz zur global agierenden Wirtschaft und
der Vernetzung von Geschäften und Märkten führen unsere Schulen und
Universitäten inhaltlich und organisatorisch ein Leben jenseits der
Wirklichkeit; sie sind fast so anachronistisch wie die Schlösser und
Paläste, die wir heute mit der Macht und den Aufgaben des Adels
assoziieren, bzw. so anachronistisch, wie heute die riesigen
Stahlfabriken als Sinnbild für Industrie oder die Städte als Sinnbild
für gesellschaftliches Leben. Für die Aufrechterhaltung ausgedienter
Strukturen und Haltungen und für Investitionen in feudale
Universitätsstrukturen gibt es keine Rechtfertigung mehr. Statt
dessen müssen wir unser Augenmerk auf die Dynamik individueller
Selbstkonstituierung und auf den pragmatischen Horizont unserer aller
Zukunft legen.
Das alte Bildungssystem in den Vereinigten Staaten oder irgendwo
anders auf der Welt zu reformieren und auszubauen würde mehr kosten,
als ein neues aufzubauen. In einem solchen neuen Bildungssystem
müßte ein angemessenes Klima und müßten angemessene Strukturen für
Interaktionen geschaffen werden, die die Fortschritte in den
Kommunikationstechnologien und im interaktiven Lernen in vollem
Umfang nutzen. Dafür müssen wir gar nicht das Internet oder das
World Wide Web idealisieren. Aber wenn unsere Zukunft zunehmend
durch kommerzielle Erwartungen und weniger durch pädagogische
Bedürfnisse bestimmt wird, dann sollte sich niemand überrascht zeigen,
wenn das erzieherische Potential der pädagogischen Bedürfnisse erst
spät Früchte trägt.
Menschen bringen unterschiedliche Begabungen mit und entwickeln sich
daher mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und in verschiedene
Richtungen. Die Unterschiede zwischen jedem Einzelnen von uns sind
so groß, daß die Hauptaufgabe der Erziehung nicht darin bestehen kann,
aufgrund eines falschen Demokratieverständnisses Unterschiede
einzuebnen, sondern sie vielmehr zu betonen und zu verstärken. Nur
dies gibt einem Jedem die Chance, sich gemäß seiner eigenen
Möglichkeiten zu entwickeln. Die Inhalte unserer Erziehung und
Bildung, welche wir als einen immerwährenden Prozeß auffassen sollten,
müssen die menschliche Erfahrung und die Mittel sein, diese
Erfahrung zu schaffen und zu verstehen. An die Stelle der einen
beherrschenden Sprache mit den ihr eingebauten Erwartungen, welche
der Mehrheit der Studenten zunehmend als weltfremd erscheinen, muß
die Fähigkeit treten, mit vielen unterschiedlichen Zeichensystemen,
mit vielen Sprachen umzugehen, sich in ihnen auszudrücken, sie an die
jeweiligen Umstände anzupassen und darauf anzuwenden und diese
Erfahrung mit anderen zu teilen. Nun könnte man dem entgegenhalten,
daß man das vor nicht allzu langer Zeit mit der modernen Mathematik
versucht hat, mit dem Ergebnis, daß niemand die moderne Mathematik
verstanden hat und gleichzeitig die Kenntnisse in der traditionellen
Mathematik zurückgegangen sind. Darin liegt gewiß etwas Wahres.
Richtig aber ist, daß die mathematisch begabten Schüler keine
Probleme mit der neuen Mathematik hatten. Nur diejenigen, die unter
dem Einfluß schriftkulturellen Denkens standen, hatten mit Problemen
zu kämpfen. Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu können, ist doch
das Grundbedürfnis klar: Wir müssen den Geist offen halten, soviel
Wissen wie möglich akkumulieren, aber uns auch von nutzlosem Ballast
trennen können, sofern neue Erfahrungen eine Öffnung für neue Inhalte
und eine Loslösung von Althergebrachtem verlangen. Einige Studenten
werden sich (in der Mathematik und in verwandten Fächern) vornehmlich
auf visuelle Zeichensysteme konzentrieren, andere auf Laute und
Klänge, wieder andere auf Wörter, auf Rhythmen oder auf irgendeine
der Formen, in denen sich menschliche Intelligenz ausdrückt. Die
interaktiven Multimedien sind nur einige der verfügbaren Medien.
Andere Möglichkeiten zeichnen sich ab. Das Gleiche gilt für das
Internet. Wir brauchen einen allgemeinen Rahmen, in dem sich jeder
Einzelne nach seinen individuellen Bedürfnissen die Lernangebote
auswählt und sie in dem Maße verfolgt, wie seine eigene Lebens- und
Berufspraxis dies erfordert und anerkennt. Dafür reicht
Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung längst nicht mehr aus.
Hinzutreten müssen mathematische Bildung, biologische, chemische,
technische Literalität, ebenso wie das visuelle Denken und der
visuelle Ausdruck. Entscheidend wird auch die Verknüpfung zwischen
solchen Fächern werden, die traditionellerweise ein isoliertes Dasein
führten. In dieser interdisziplinären Verknüpfung liegt ein enormes
Kreativitätspotential.
Die atomistische Betreibung isolierter Unterrichtsgegenstände muß
einer ganzheitlichen Perspektive weichen, die die einzelnen Fächer
zur Totalität der Wirklichkeit und damit zueinander in Beziehung
bringt. Effektive Instrumente der Vermittlung zwischen diesen
einzelnen Bereichen wird die Effizienz der Arbeit erhöhen, die
notwendige Integration bewerkstelligen und zwischen den
arbeitsteiligen Wissensformen unserer praktischen Erfahrungen
vermitteln. Im Zentrum unserer Bildungserfahrungen muß die
Zusammenarbeit stehen, die sich an gemeinsamen Interessens- und
Erfahrungsbereichen zu bewähren hat. Erziehung und Bildung müssen
darauf abzielen, solche Erfahrungen auszutauschen und zu teilen.
Gemeinsames kollaboratives Lernen kann die Vielfalt unterschiedlicher
Interessen zu einem Brennpunkt vereinen. Dieser Ansatz weist viele
Dimensionen auf: das gemeinsam gesuchte Wissen, die Erfahrung von der
Vielfalt der Perspektiven und Anwendungen, das Bewußtsein von
Interaktion, die Fähigkeiten zur Interkommunikation und vieles mehr.
Die nach wie vor entscheidende Motivation für individuelle Leistung
und individuellen Lohn wird ergänzt durch die kollaborative Erfahrung
des gemeinsamen effizienten Strebens nach Leistung und Erkenntnis.
In einer Zeit, in der die Begrenztheit der Ressourcen offenkundig
wird und die Erwartungen dennoch exponentiell ansteigen, sind solche
Erziehungsformen lebenswichtig. Dieses neue Bildungsmodell, das
Individualität und Differenz in die kollaborative Erfahrung einbindet,
würde im übrigen einen neuen ethischen Rahmen schaffen, den wir
heute dringend benötigen. Darin wäre Konkurrenz keineswegs
ausgeschlossen, aber an die Stelle des Konfliktes--der sich heute
darin äußert, daß Studenten Seiten aus den Lehrbüchern herausreißen,
damit ihre Kommilitonen benachteiligt sind--könnte ein allgemeines
Klima der Kooperation zum gegenseitigen Vorteil treten. Wie weit
sind wir von diesem Ziel entfernt?
Jacques Barzun, ganz gewiß ein Verfechter schriftkultureller Bildung,
hat unserem Ausbildungssystem vorgehalten, daß es "natürliche
Intelligenz nicht ausreichend" entwickele: "Wir wollten den idealen
Bürger, den toleranten Nachbarn, das Engagement für den weltweiten
Frieden, heile Familien mit glücklichen Familienmitgliedern schaffen,
die im Sexual- und im Autoverkehr gleichermaßen erfahren sind."
Daran ist natürlich überhaupt nichts auszusetzen, aber als
Erziehungsziele gehen sie doch am Wesentlichen vorbei.
Bürgerlichkeit bedeutet in der heutigen Gesellschaft etwas anderes
als früher. Toleranz muß sich heute auf eine andere Weise als früher
zeigen, z. B. in der Anerkennung und Integration von Alterität und
Komplementarität. Ja, und auch Frieden bedeutet heute angesichts der
vielen lokalen Konfliktherde überall auf der Welt etwas anderes. Und
was Familie, Sexualität und Autokultur betrifft, so dürfte hier
unsere Erziehung am deutlichsten versagt haben. Die Faktoren, die
das zeitgenössische Familienleben ausmachen, finden in unseren
Bildungsangeboten kaum Beachtung. Mit der Sexualität steht es nicht
besser. Auf die Degradierung der Sexualbeziehungen hat unser
Bildungssystem keine bessere Antwort zu bieten als die kostenlose
Verteilung von Kondomen an den Schulen, was dann großartig
Sexualerziehung genannt wird. Und die versierten Autofahrer haben
offenbar niemals die kritischen Stimmen gehört, die sich über die
Energieverschwendung Gedanken machen. Mit Wohlwollen betrachten wir,
wie viele Schüler und Studenten mit eigenen Autos oder den Autos
ihrer Eltern zur Schule oder zur Universität fahren, statt zu
begreifen, daß auch die Ausbildung dezentralisiert werden und--warum
denn nicht--die heutigen Möglichkeiten der Kommunikation und
Interaktion besser genutzt werden müßten. Die jugendlichen Anhänger
der Grünen, die sich heute gegen den Energieverbrauch stark machen,
sind vermutlich dem Erziehungssystem weit voraus, müssen es aber
dennoch durchlaufen. Und schließlich müßte unsere Erziehung auch die
anderen Veränderungen zur Kenntnis nehmen, die mit dem Ende der
Schriftkultur einhergehen, die Veränderungen im Status der Familie,
der Religion, der Rechtsprechung und des Regierungssystems.
Erziehung und Bildung werden unverändert auf den bürgerlichen Status
des Individuums bezogen bleiben, aber die neuen Bedingungen für die
Tätigkeit unseres Verstandes dürfen dabei nicht außer acht gelassen
werden. Im Idealfall tragen Bildung und Erziehung allen Facetten des
menschlichen Daseins Rechnung. Die neuen Bedingungen der allgemeinen
Verknüpfung verändern das Paradigma der Weiterbildung zu einem
Paradigma der niemals endenden, fortlaufenden Bildung, die den
anhaltenden Veränderungen in unserer Erfahrung unter immer
komplexeren Umständen entspricht. Es könnte durchaus sein, daß wir
für einige dieser Erfahrungen auf die Werte zurückgreifen müssen, die
die Schriftkultur gekennzeichnet haben. Aber es ist allemal besser,
sie neu zu entdecken, als das Ideal der Schriftkultur fraglos zu
verteidigen, wenn sich neue Perspektiven und neue Erfahrungen
abzeichnen, die viel, sehr viel mehr als nur Schriftkultur,
Schriftlichkeit und Bildung verlangen.