Viele Fragen

Die Industriegesellschaft als Vorläufer unseres heutigen

pragmatischen Lebensrahmens benötigte Schriftkultur und Bildung, um

die Maschinen optimal nutzen zu können und die körperliche und

geistige Leistungsfähigkeit derer, die sie betrieben, zu bewahren.

Das Ergebnis rechtfertigte die Höhe der Bildungsaufwendungen. Ein

gut ausgebildeter Arbeiter, Arzt, Chemiker, Jurist, Geschäftsmann

waren notwendige Voraussetzungen für den reibungslosen Ablauf der

Industriegesellschaft. Man mußte wissen, wie eine Maschine zu

betreiben war. In aller Regel war die Betriebsdauer einer Maschine

länger als das Leben ihres Betreibers. Daher war das benötigte

Wissen (Gesetze, medizinische Therapien, chemische Formeln) fest

umrissen und unterlag relativ geringen Änderungen. In der Regel

behielt ein Buch seine Gültigkeit für Vater, Sohn und sogar Enkel.

Und was durch Schriftlichkeit nicht zu vermitteln war, wurde durch

beispielhaftes Handeln weitergegeben, in der Lehrlingsausbildung etwa,

von der die Technik enorm profitierte. Das Bildungssystem brachte

gebildete Menschen hervor, und die Mitglieder der Gesellschaft waren

auf Beziehungen vorbereitet, ohne welche die Maschinen wenig oder

keinen Sinn machten. Je komplexer diese Beziehungen wurden, desto

mehr Zeit mußte für Bildung und Erziehung aufgewendet werden und

desto höher mußte die Qualifikation derer sein, die das

Ausbildungssystem trugen.

Für diese Zwecke erfüllte das Ausbildungssystem als Vermittler des

notwendigen Wissens seine Aufgabe, es füllte gewissermaßen die leeren

Behälter, die von wohlhabenden Familien in die Schulen und

Universitäten geschickt wurden. Die Industriegesellschaft schuf die

Produkte und zugleich den zunehmenden Bedarf nach ihnen. Einigen mag

diese Erklärung simplifizierend erscheinen, und sie könnten ihr

entgegenhalten, daß die Industriellen ja keine ausgebildeten oder

gebildeten Arbeiter brauchten. Die Tatsache, daß ein großer Teil der

Arbeit von Kindern oder Frauen geleistet wurde, könnte dieses

Gegenargument unterstützen. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts

nahmen sie (möglicherweise unter dem Einfluß eines religiösen

Humanismus) die Kinder aus den Fabriken heraus und unterwiesen sie im

Lesen, um (wie es hieß) ihre Seelen zu erheben. Schließlich wurde

die Kinderarbeit auch durch entsprechende Gesetze verboten. Aber als

dies geschah, hatte die Industrie bereits, was sie benötigte: eine

relativ gut ausgebildete Arbeiterklasse und eine hohe Produktivität

der Beschäftigten, die die verfügbare Ausbildung optimal nutzten.

Unter den entsprechenden pragmatischen Voraussetzungen erwies sich

ein ausgebildeter Arbeiter als eine gute Investition.

Im Gegensatz zu den vielen philanthropischen Motiven, die für die

Entwicklung des Bildungssystems im 19. Jahrhundert angeführt werden,

bin ich der Meinung, daß die Industriegesellschaft zur optimalen

Ausnutzung ihres maschinellen Produktionspotentials den Bedarf für

das, was sie produzierte, schaffen mußte. Die ersten Produkte der

Industriegesellschaft sind mithin die Arbeiter selbst, die ihre

körperlichen Merkmale und Fähigkeiten, vor allem aber solche

Fähigkeiten wie Verstehen, Interaktion und Koordination in die

maschinenbezogene Praxis hineinprojizierten. Alle diese Merkmale

sind im übrigen die Strukturmerkmale der Schriftkultur.

Die Industrieprodukte, die aus den qualitativ neuen Formen der

menschlichen Selbstkonstituierung hervorgingen, waren für die

Illiteraten von geringem Interesse. Was sollte man mit

Schreibmaschinen, Büchern und ähnlichem Hausgerät anfangen? Wie

sollte jemand, der des Lesens und Schreibens nicht oder nicht

genügend kundig war, aus diesen Produkten ein befriedigendes Ergebnis

herausholen könne? Und wie könnte eine Koordination mit anderen, die

solche Produkte verwendeten, stattfinden? Natürlich waren die

Grenzen niemals so scharf gezogen. Nichtgebildete Eltern hatten

gebildete Kinder, die das notwendige Wissen aus der Schule

mitbrachten. Dieses allmähliche Durchsikkern von Bildung und

Schriftkultur gehörte vermutlich sogar zur allgemeinen Strategie.

Alles in allem aber war die philanthropische Förderung der Bildung

gleichbedeutend mit einer Investition in eine optimal funktionierende

Gesellschaft, deren Skala hocheffiziente Arbeitsebenen erforderlich

machte. Es gibt durchaus eine philanthropische Motivierung für die

Förderung von Bildung und Erziehung, und zwar als eine Form der

Verteilung des Reichtums. Aber solche Förderung ergibt sich nicht

nur aus reiner Nächstenliebe, sondern auch aus dem klaren Vorteil,

den man aus dem zur Verfügung gestellten Geld, den gestifteten

Sachmitteln oder den Stiftungslehrstühlen zieht.

Unser Bildungssystem als Ergebnis der Schriftkultur hat niemals so

recht verstanden, daß die Schriftkultur einem Entwicklungsstadium

entspricht, in dem Schriftsprache das Medium für die gesprochene

Sprache war. Es hat allerdings begriffen, daß wir heute das

Gesprochene in nichtschriftlicher Form speichern können, und zwar

bisweilen effizienter als in der Schriftsprache und ohne die hohen

Aufwendungen, die für die Pflege von Schriftkultur und Bildung

notwendig sind. Ob mit oder ohne die Hilfe von Philanthropie, das

Lernen muß sich heute von der Schriftkultur und deren beengenden

Strukturen befreien, so wie es sich vormals von der Kirche befreit

hat. Wenn sich aber dieses neue Bewußtsein nur darin äußert, daß die

Universitäten Videobänder anstelle von gedruckten Katalogen versenden,

dann fragt man sich, ob die für die Erziehung Verantwortlichen oder

nur die Marktprofis die gegenwärtige Dynamik verstanden haben. Das

Gleiche gilt für die Professoren, die im Glauben, daß Studenten

konserviertes Wissen leichter verinnerlichen, ihre Vorlesungen

inzwischen auf Videobändern anbieten. Online-Vorlesungen

durchbrechen zwar die alten Gewohnheiten, sind aber keine

ausreichende Antwort auf unsere neuen Probleme, jedenfalls nicht,

solange sie nicht in ein allgemeineres Verständnis von Bildung und

Ausbildung integriert sind, das neue Prioritäten setzt und

angemessene Inhalte definiert.

Gegen die Verwendung neuer Medien in der Ausbildung ist überhaupt

nichts einzuwenden, aber das Speicher- und Vermittlungsmedium stellt

nicht das eigentliche Problem dar. Medienlabors kümmern vor sich hin,

da sie die gleichen nutzlosen Informationen anbieten wie die

Unterrichtsformen, die sie eigentlich ersetzen und verbessern sollten.

Auch das zeigt uns, wie nötig eine grundsätzliche Veränderung

unseres Systems wäre. Zu den fundamentalen Voraussetzungen des

derzeitigen Bildungssystems gehört es z. B., daß das Wissen von

Professoren--die mehr wissen sollen--an Studenten--die weniger wissen

können--weitervermittelt wird. In Wirklichkeit aber sehen wir uns

mit einer völlig neuen und veränderten Wirklichkeit konfrontiert: In

manchen Bereichen wissen die Studenten heute mehr als ihre Lehrer.

Hinzu kommt, daß das Wissen, das noch vor kurzer Zeit in einem Fach

relevant gewesen sein mag--ob in Geschichte, Politikwissenschaft oder

Wirtschaft, oder aber in den Fächern, die sich mit den Kulturen der

ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas befassen--mittlerweile veraltet

ist. Physik, Mathematik und Chemie haben sich auf spektakuläre Weise

verändert. Die vorhandenen Lehrbücher und das sogenannte Wissen

einiger Professoren sind von der Wirklichkeit längst überholt worden.

Sollte sich die heutige Ausbildung an den Nachrichtenmedien

orientieren? Sollten die Bildungseinrichtungen zu einer

Internetadresse für unbegrenztes und unstrukturiertes Browsing

werden? Sollten Bildung und Ausbildung jegliche stabile Grundlage

aufgeben? Oder sollten die Universitäten nicht zumindest in

regelmäßigen Abständen ihren Zuschnitt so überdenken, daß sie die

neuesten Theorien, die neuesten Forschungstechniken und die neuesten

Erfindungen problemlos in ihre Curricula einbauen können? Alle diese

Fragen drängen sich denen auf, die noch immer ein Wort nach dem

anderen schreiben und eine Frage nach der anderen beantworten. Aber

wenn wir diese Fragen, auf die ich am Ende dieses Buches einige

Antworten zu geben versuche, nicht stellen, können wir keine Lösungen

erwarten. Wenn sich alle, die für unser Bildungssystem

verantwortlich sind, und alle, die von ihm in irgendeiner Weise

betroffen sind, diese und weitere Fragen stellen würden, dann könnten

wir uns vielleicht auf angemessene Weise mit einem Problem befassen,

für dessen Lösung es keine allumfassende Zauberformel geben kann.

Daß dies geschieht, zeichnet sich mittlerweile allerdings in vielen

Teilen unserer Welt ab. Endlich!

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 58 / 65 题