Erziehung und Ausbildung haben ihr Gebiet gut abgesteckt. Einerseits
haben sie die Erwartungen derjenigen nicht erfüllt, die bei der Suche
nach einem Platz in der veränderten Lebenspraxis Unterstützung
benötigt hätten, andererseits hat sich ein neues Paradigma natur- und
geisteswissenschaftlicher Forschung durchgesetzt--das
rechnergestützte Arbeiten (computation). Vor allem im Zusammenspiel
mit den experimentellen und theoretischen Naturwissenschaften hat die
rechnergestützte Arbeit Ebenen erreicht, auf denen sowohl die
Erwartungen nach geistiger Kohärenz als auch nach einer Verknüpfung
mit Instanzen außerhalb des unmittelbaren Forschungsgebiets
befriedigt werden konnten. Rechnergestütztes Arbeiten hat
mittlerweile auch die Bildungssysteme erfaßt, ohne daß es allerdings
dessen grundlegende Strukturen ersetzt hat. Dennoch haben die
Bürokratien, die nach den traditionellen Funktionsregeln organisiert
sind, das Ausmaß der Veränderung, welches ihre eigene
Existenzberechtigung in Frage stellt, noch nicht erkannt.
In einigen privaten Schulen und Universitäten der USA sind zwar
mittlerweile selbst die Studentenwohnheime mit Computerterminals
ausgerüstet. Dennoch ist für die Mehrzahl der Studierenden die
Arbeitszeit am Computer begrenzt und auf bestimmte Arbeitsbereiche,
hauptsächlich Textverarbeitung, beschränkt. Viel zu viel
Bildungseinrichtungen setzen Computer lediglich für administrative
Arbeit wie Haushaltsführung und Immatrikulation ein. In den
europäischen Ländern ist die Situation noch schlechter. Und im
Vergleich zu den ärmeren Länder dieser Welt kann man nur hoffen, daß
sich der Unterschied nicht noch vertiefen wird. Wenn der Zugang zu
den Stromnetzen ähnlich geregelt wäre, gäbe es einen Aufschrei.
Dabei sollten heutzutage EDVgestützte Verfahren genauso verbreitet
sein wie Elektrizität.
Wenn aber die Universitäten keinen der heutigen Zeit angemessenen
Rahmen für Forschung und Lehre schaffen, versäumen sie ihre ureigene
Aufgabe, neues und originelles Wissen zu gewinnen und zu vermitteln.
Sie können allenfalls die anderswo gewonnenen Ergebnisse aus zweiter
Hand präsentieren. Damit kann man vielleicht ein gutes Verständnis
der Vergangenheit vermitteln, aber nur eine sehr fragwürdige
Durchdringung von Problemen der Gegenwart und Zukunft.
Innerhalb einer Sprache zu leben bedeutet auch, die in dieser Sprache
verarbeiteten Erfahrungen zu verinnerlichen. Die natürliche Sprache
verkörpert in sich eine bestimmte Erfahrung von Raum und Zeit;
Programmiersprachen indes verkörpern bestimmte logische Strukturen
oder eine objektbezogene Funktionsweise der Welt. Diese Erfahrungen
geben den Bezugsrahmen des Vorverständnisses von Welt ab. Wir haben
gesehen, wie die verschiedenen Sprachstufen des Menschen das den
Entwicklungsstufen jeweils eigene Wissen und die entsprechenden
Erfahrungsstrukturen widerspiegelten. Wir haben auch gesehen, wie
durch die Ausdifferenzierung von Sprache, Erfahrungen und
Lebenspraxis schließlich auch Schriftsprache und Schriftkultur ihre
Rolle als optimales Medium für die Vermittlung und den allen
gemeinsamen Zugang zu diesen Erfahrungen der Lebenspraxis verloren,
ohne dabei alle ihre Funktionen aufgegeben zu haben. Tatsache aber
ist, daß die Pläne für ein neues Gebäude, für Brücken, Maschinen und
viele andere Gegenstände nicht mehr im schriftsprachlichen Diskurs
formuliert werden können, wie hochentwickelt dieser Diskurs und die
diesen Diskurs vermittelnden Bildungsinstanzen auch immer sein mögen.
Eine beschleunigte Dynamik und eine allgemein verbreitete Praxis der
Vermittlung, die nicht mehr auf der Schriftkultur basiert, sind in
unserem neuen Stadium jenseits der Schriftkultur zu einem wichtigen
Bestandteil unserer Lebenspraxis geworden und definieren die unserem
Leben zugrundeliegenden Strukturen neu. Die Sprache behält darin
eine eingeschränkte Funktion. Sie ist ein Zeichensystem unter vielen
anderen Zeichensystemen, von denen einige sich besonders gut für
Rationalisierung und Automatisierung eignen, und sie wird nun
ihrerseits in Maschinen integriert, die für Zeichenverarbeitung
(insbesondere für Informationsverarbeitung) entwickelt wurden.
Dieser Entwicklungsprozeß kann an einem einfachen Beispiel
verdeutlicht werden: Um die in den Homerischen Texten verarbeitete
Erfahrung in aller Tiefe und Subtilität verstehen zu können, benötigt
man eine gründliche Kenntnis des Altgriechischen. Um die
juristischen Texte des Römischen Reiches verstehen zu können, braucht
man Lateinkenntnisse und daneben noch einige andere Kenntnisse. Um
aber Algebra verstehen zu können--das Wort kommt aus dem Arabischen
al-dschabr und heißt soviel wie "Vereinigen gleichartiger Glieder auf
beiden Seiten zu einem Glied"--braucht man nicht das Arabische zu
beherrschen.
Bildung und Schriftkultur spielen in unserer derzeitigen Erfahrung
der Selbstkonstituierung eine viel geringere Rolle als in der
Vergangenheit. Dennoch zwingt die daraus hergeleitete Erziehung
nahezu allen Bereichen ihre Merkmale auf: Der Nachvollzug bereits
bekannten Wissens ist Voraussetzung für die Entdeckung des
Unbekannten. Wenn wir uns indes genauer damit beschäftigen würden,
wieviel und was genau wir von den zurückliegenden Erfahrungen wissen
und verstehen müssen, um neue Formen der Lebenspraxis entwickeln zu
können, wären wir ziemlich überrascht. Die erste Überraschung liegt
in der Erkenntnis, daß sich nachhaltige Veränderungen vollziehen, und
zwar von Arbeits- und Denkformen, die auf fundamentale Weise an
vergangene Erfahrungen geknüpft sind, zu Bereichen der
Identitätskonstituierung, die die Vergangenheit weder nachvollziehen
noch wiederholen. Vielmehr leugnen solche neuen Erfahrungen die
Vergangenheit geradezu und machen sie relativ unbedeutend. Wenn wir
uns von den Fesseln der Vergangenheit lösen, können wir erkennen, daß
das in Texten ausgedrückte Wissen bisweilen unser Verständnis der
Gegenwart einschränkt, weil es ein Vorverständnis von der Zukunft in
sich trägt, das neue, effektive Erfahrungen verhindert. Die zweite
Überraschung ergibt sich aus der Erkenntnis, daß andere nicht
schriftkulturelle Mittel die menschliche Selbstkonstituierung viel
besser fördern und daß diese neuen Mittel eine andere Grundstruktur
aufweisen.
"Ob wir es wollen oder nicht, die Naturwissenschaften stellen
vermutlich die größte intellektuelle Leistung des Menschen dar, und
jede Form von Erziehung, die diese Tatsache außer acht läßt, verfehlt
in eben diesem Maße ihre Aufgaben." Diese Auffassung Searles teilen
viele. Nicht deutlich genug wird in diesem Zitat allerdings, daß
sich die Naturwissenschaften eigentlich erst entwickeln konnten,
nachdem sie ihre der Sprache und Schriftkultur untergeordnete Rolle
überwunden hatten. Die Mathematisierung von Naturwissenschaft und
Technik, die Konzentration auf computation, die Notwendigkeit, sich
auch den Design-Aspekten der menschlichen Tätigkeit zu widmen (etwa
innerhalb von Soziologie, Jura, Medizin usw.) gehören allesamt
alternativen Erklärungsformen an, die ein schriftkulturelles Denken
immer weniger leistungsfähig erscheinen lassen. Sie eröffnen damit
neue Horizonte für die Forschung in Astronomie, Genetik und
Anthropologie. Neben die kognitiven Fähigkeiten, die der neue
pragmatische Zusammenhang erfordert, treten metakognitive Fähigkeiten:
Dazu gehört vor allem die Fähigkeit, sein eigenes Wissen und seine
eigene Lernfähigkeit in einer Welt der Veränderung, der Vielfalt, der
Arbeitsteilung, der vermittelten Arbeit, der weltweiten Verknüpfung
und der Heterogenität beständig zu überprüfen.
Wir wissen heute noch nicht genau, wie wir den Ausbildungsbedarf
formulieren und quantifizieren, welche Mittel und Kriterien für die
Leistungsmessung wir heranziehen sollen. Wenn wir lediglich einen
Respekt vor der Tradition, gute Manieren und eine allgemeine
Urteilsfähigkeit anstreben, dann beschränken wir uns auf das
Persönlichkeitsideal der Vergangenheit. Halten wir uns nur einmal
die enormen Kosten vor Augen. In den Vereinigten Staaten werden von
Eltern, Schülern, aus privaten und öffentlichen Mitteln jährlich über
370 Milliarden Dollar für das Bildungswesen aufgebracht. Dahinter
verbergen sich neben den allgemeinen Kosten unzählige spezielle
Ausbildungs- und Stipendienprogramme. Aber wenn wir uns klarmachen,
daß eine Gruppe von 25 Schülern bzw. Studenten mit bis zu 250000
Dollar finanziert wird, dann geht in der Gleichung zwischen
Finanzierungsaufwand und Ausbildungsergebnis irgend etwas nicht auf,
dann ist das Ergebnis dieser Investitionen niederschmetternd. Allein
die Tatsache, daß bis zu einer Million Schüler und Studierender
jährlich Schule oder Studium abbrechen--die Zahl steigt und ist in
vielen anderen westlichen Ländern ähnlich hoch--und daß komplementäre
Maßnahmen zur Eingliederung dieser jungen Menschen in den
Arbeitsmarkt weitere Finanzaufwendungen erfordern würden, macht
deutlich, daß mit unserem Bildungssystem nicht alles in Ordnung sein
kann. In anderen Ländern sind die pro Kopf entstehenden
Ausbildungskosten und die Detailprobleme anders, aber die allgemeinen
Fragen und Unsicherheiten sind die gleichen. In vielen Ländern
(Frankreich, Deutschland, Italien, einige Länder in Osteuropa) dauert
die Schulzeit länger als das, was man in den USA für normal halten
würde. In Deutschland will die Diskussion über die Dauer der
Schulzeit nicht enden. Reichen zwölf oder dreizehn Schuljahre? Wie
lange darf ein Student an einer deutschen Universität eingeschrieben
sein? Und mit der Vereinigung Deutschlands stellten sich neue
Probleme: eine ausreichende Zahl ausreichend qualifizierter Lehrer,
angemessene Ausstattung, Finanzierung der Schulen in den neuen
Bundesländern. In Japan dauert die Schulzeit zwar nur zwölf Jahre,
beinhaltet aber insgesamt mehr Schultage (230 Schultage jährlich im
Vergleich zu 212 in Deutschland und 180 in den USA). In Frankreich
ist sogar das Vorschulstadium staatlich reguliert, hier liegt die
Gesamtschulzeit bei 15 Jahren. Dennoch beherrschen 40% aller
französischen Schüler am Ende der Schulzeit ihre Sprache nicht
fehlerfrei. Als Richelieu vor ungefähr 360 Jahren die Académie
Française als Hüter der Sprache gründete, konnte er nicht ahnen, daß
die Sprache ihre Bedeutung für das Leben und die Arbeit der Menschen
verlieren würde und daß trotz des enormen finanziellen und zeitlichen
Aufwands für den Unterricht nicht alle, die das Ausbildungssystem
durchlaufen, auch gebildet sein werden.
Der neue pragmatische Kontext braucht andere Erziehungs- und
Ausbildungsziele: das Erkennen von Beziehungen und Zusammenhängen in
einer sehr dynamischen Welt, die Fähigkeit zu hinterfragen und in
Frage zu stellen, den Umgang mit einer Komplexität, die unsere
Lebenspraxis nachhaltig beeinflußt und den Umgang mit einem Kontinuum
von Werten. Studenten wissen heute aus eigener Erfahrung, daß die
Sprache nicht zwangsläufig auf Bestand und Universalität angelegt ist;
vermutlich ist es für viele ein Schock zu sehen, wie gut die großen
"illiteraten" Gruppen unserer Bevölkerung in die moderne Gesellschaft
eingebunden sind, wie sie funktionieren und gedeihen. Ein großer
Teil derer, die aus welchen Gründen auch immer aus unserem
Ausbildungssystem herausgefallen sind, haben irgendwo im
Wirtschaftsleben der westlichen Länder einen Platz gefunden. Im
Alphabetismus des Konsums sind sie durchaus zu Hause und erfüllen die
von ihnen erwartete Funktion des Konsumenten.