Tempel des Wissens

Nachdem einmal in der Schriftkultur ein allgemeines Instrument der

Kommunikation und Koordination etabliert war, wurden Ausbildung und

Erziehung zur Institution, zur Maschine der Schriftkultur. Dies

vollzog sich parallel zur Versachlichung vieler anderer Formen

menschlicher Praxis: Religion, Rechtsprechung, Militär. Die

Universitäten der westlichen Welt verkörperten das elitäre Ideal der

Schriftkultur auf jede nur denkbare Weise: Exklusivität, Philosophie

der Pädagogik, Architektur, allgemeine Ziele, Curriculum, Lehrkörper,

Studentenschaft, Beziehung zur Öffentlichkeit, religiöser Status.

Diese Universitäten kümmerten sich nicht um die Handwerkskünste,

kannten und anerkannten keinen Lehrlingsstatus. Anders als die

Schulen konnten die Universitäten ihren Einfluß weit über ihre

Grenzen hinaus geltend machen, eine führende Rolle im geistigen Leben

der Bevölkerung spielen und dabei eine Aura der Exklusivität aufbauen.

Das lag nicht nur am religiösen Fundament, auf dem die

Universitäten ruhten. Die Universitäten besaßen die wichtigen

geistigen Dokumente über die Theorien der Natur- und

Geisteswissenschaften und die dazu gehörigen Ausbildungsprogramme.

Diese Quellen unterstrichen die Rolle einer allgemeinen Bildung

(nicht nur als Spiegelung des katholischen Anspruchs der Kirche),

deren grundlegende Komponente einen Tempel des Wissens erstellte, von

dem aus die Theorien über die westliche Welt verbreitet wurden. In

ihrer Anlage und in den durch sie verkörperten Werten fungierte die

Universität als ein Modell für die Gesellschaft und als wichtiger

Garant der gesellschaftlichen Dynamik. Tradition, Sprachen (die den

direkten Zugang zur Welt der klassischen Philosophie und Literatur

eröffneten) und die Künste wurden als Einheit aufgefaßt. Die Technik

und alle praktischen Anwendungsformen des Wissens hatten in ihr

keinen Platz.

Im Gegensatz zu heute waren jene Universitäten ihrer Zeit so weit

voraus, daß sie fast schon wieder den Kontakt mit der Wirklichkeit

verloren hatten. Ihre Welt war eine Welt fortschrittlicher Gedanken,

idealisierter sozialer und moralischer Werte und neuer

wissenschaftlicher Erkenntnisse, die in metaphysischer Abstraktion

zelebriert wurden. In unserem Zusammenhang interessiert die

dynamische Entwicklung der universitären Ausbildung bis etwa zur

Jahrhundertwende und die daran geknüpfte Frage, inwieweit diese den

heutigen Ausbildungszielen genügt oder sie verfehlt. Als die ersten

Universitäten gegründet wurden, war der Zugang zu ihnen begrenzt.

Daher ist ein Vergleich zwischen damals und heute eigentlich

irrelevant. Er könnte indes erklären, warum heute noch immer die

große Zahl der Studierenden, die vor hundert oder auch nur vor

fünfzig Jahren niemals ein Studium hätte aufnehmen können, nicht

uneingeschränkt willkommen ist. Die Universität vermittelt eben

nicht nur Werte, sondern auch Vorurteile.

Die Bedeutung des historischen Hintergrunds tritt zutage, wenn wir

uns die formative Macht der Sprache, ihre Leistung für die

Aufbewahrung von Ideen und Idealen, die auf Dauer angelegt sind, und

ihre Funktion für die Verbreitung dieser Doktrin von Bestand und

Autorität vergegenwärtigen. Die Religion durchdrang die Natur- und

Geisteswissenschaften und machte sich nachdrücklich geltend, wenn es

darum ging, den Erfindungen und Theorien Bedeutung zuzuweisen. Die

in diesen Universitäten vermittelte Bildung sollte für ewig gelten

und orientierte sich an einem Modell, das den Menschen als Zentrum

der Welt und als Höhepunkt der göttlichen Schöpfung ansah. Das ganze

Programm der Universität war auf Kontinuität angelegt und auf das

Fundament der Schriftkultur gestellt. Als Organisationsform

begünstigte sie Integration anstelle von Differenzierung. Sie war

eine Gegenkraft, ein kritisches Instrument und ein Rahmen für

geistige Tätigkeit. "Wissen ist Macht": Dieses heute oft mit der

politischen Linken assoziierte Motto hat seinen Ursprung in der

Universität des Mittelalters und in konservativen Machtbeziehungen,

für die Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung die grundlegenden

Strukturen boten.

Man kann ohne weiteres sagen, daß die Universität des Mittelalters

die Verdinglichung der Sprache verkörperte, die Verdinglichung des

griechischen logos und der römischen ratio. Alle vorausgegangenen

Bemühungen, die Vergangenheit zu versachlichen, wurden in den

Forschungs- und Lehrprogrammen der Universität zusammengefaßt und als

Modell für die Zukunft entworfen. Alternative Denk- und

Kommunikationsformen blieben ausgeschlossen oder wurden den Formen

der Sprache angepaßt bzw. ausnahmslos der herrschenden Rationalität

unterworfen. Auf diesen Voraussetzungen entwickelte sich die

Universität als eine Institution, die den methodischen Zweifel übte.

Sie wurde zur intellektuellen Maschine, die immer neue Erklärungen

vom Universum als Ganzes und seiner Teile versuchte.

Die Umstände, die zu einer Trennung zwischen allgemeinen geistigen

und erzieherischen Aufgaben führte, sind auf verschiedene,

miteinander verknüpfte Faktoren zurückzuführen. Einer dieser

Faktoren ist zweifellos die Druckmaschine. Ausschlaggebend aber

waren die praktischen Erwartungen. Die Menschen mußten nämlich

erkennen, daß sie die von ihnen benötigten Maschinen nicht mit Hilfe

ihrer Latein- oder Griechischkenntnisse oder den auswendig gelernten

Litaneien bauen konnten, sondern nur mit Mathematik und Mechanik.

Ein Teil dieses Wissens fand sich in den griechischen und

lateinischen Texten, die von muselmanischen und jüdischen Gelehrten

nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches aufbewahrt worden waren.

Auch mußte man lernen, wie man seine praktischen Ziele formulieren

und wie man technische Pläne so vermitteln konnte, daß sie zum Bau

von Straßen, Brücken, Gebäuden und vielem mehr anleiteten. Für die

Erkundung neuer Energiequellen reichte das aristotelische Weltbild

nicht aus. Mehr physikalisches, chemisches, biologisches und

geologisches Wissen war erforderlich. Der Zugang zu diesen Bereichen

führte immer noch über Schrift und Schriftkultur, obwohl all diese

Bereiche im Ansatz bereits ihre eigene Sprache entwickelt hatten.

Maschinen wurden als Metaphern für den Menschen verstanden und gebaut.

Sie verkörperten eine animistische Anschauung, obwohl sie

tatsächlich die Bedürfnisse und Erwartungen erfüllten, die aus einer

Existenzskala jenseits animistischer Erfahrungen hervorgingen.

Die Erfahrung industrieller Arbeit, ihrerseits die Schule eines neuen

pragmatischen Erfahrungsrahmens, vermittelte ein Bewußtsein von

Kreativität, Produktivität und Vertrauen. Arbeit und

gesellschaftliches Leben verloren an Homogenität. Doch in dem Moment,

in dem der Anspruch der Schriftkultur, alles erklären zu können und

das einzige Medium für neue Theorien zu sein, seine Grenzen erreichte,

blieben auch die Universitäten hinter der Entwicklung der

Lebenspraxis zurück. Der Unterschied zwischen der Physik Galileo

Galileis und der Newtonschen Physik ist kleiner als der Unterschied

zwischen diesen beiden und der Einsteinschen Relativitätstheorie;

dieser wiederum ist geringer als das, was alle drei von der sich

seitdem entwickelten kosmischen Physik trennt. Dieses neue

physikalische Denken erschließt eine Skala und einen Bereich, der

über alles bisher Gekannte weit hinausgeht, und er beinhaltet vor

allem eine völlig neue Art der Problemformulierung. Nicht zuletzt in

diesem Bereich zeigt sich, daß die Menschheit neue kognitive

Erklärungsmodelle anwendet, denen die Wissensinstrumentarien der

Vergangenheit nicht mehr genügen. Ein Gleiches gilt übrigens für die

neueren Theorien in Biologie, Chemie und zunehmend auch in Soziologie,

Wirtschaft und den Entscheidungswissenschaften. Wir sehen daran,

ein wie wichtiges und umfassendes Kriterium dasjenige der Skala und

die darin erfaßte Komplexität darstellt, ein Kriterium, das

letztendlich auch entsprechende Auswirkungen auf die Theorie und

Praxis von Ausbildung und Erziehung hat.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 56 / 65 题