Relevanz

Schulen und Universitäten werden heute häufig dafür kritisiert, daß

sie ihren Schülern und Studenten nicht mehr genügend relevantes

Wissen vermitteln. Was aber heißt Relevanz in unserem Zusammenhang?

Viele Wissenschaftler meinen, daß die auf unsere kulturelle Tradition

bezogenen Fakten und Zusammenhänge relevant seien, wie etwa

diejenigen, die im oben erwähnten Test abgefragt wurden. Relevant

sind aber auch die Fähigkeit zum logischen Denken, ausreichende

naturwissenschaftliche Kenntnisse, um den Reichtum der modernen

Technologien zu verstehen, Fremdsprachen und andere Inhalte, die die

Schüler und Studenten auf die praktische Lebenswelt vorbereiten.

Kritiker der traditionellen Lehrpläne stellen die Relevanz einer

Tradition in Frage, die eher exklusiv als umfassend und integrativ zu

sein scheint. Sie würden sich mehr Multikulturalität und

Traditionskritik und weniger Konkurrenzdruck wünschen. Doch obwohl

solche Empfehlungen den neuen Kontext unseres gesellschaftlichen

Lebens und unserer Lebenspraxis berücksichtigen, stellen sie ihn doch

nicht in den weiteren Zusammenhang der veränderten allgemeinen

Strukturen und lassen so die Relevanzkriterien vermissen, die

außerhalb ihres eigenen Kompetenzbereichs liegen.

Die Frage nach der Relevanz lenkt unseren Blick auf die Vergangenheit

und bestimmt zugleich unser auf die Zukunft gerichtetes Handeln. Daß

die schriftkulturelle Bildung und Erziehung in den Anfängen der

Schriftkultur xenophobisch oder rassistisch und vor allem politisch

war, braucht nicht sonderlich betont zu werden. Wer nicht zur Polis

gehörte und eine andere Sprache sprach, wurde aus politischen Gründen

einer Ausbildung unterzogen: Er sollte sich, auf welcher Stufe auch

immer, so schnell wie möglich als ein nützliches Mitglied der

Lebensgemeinschaft erweisen können. Zwar änderten sich die

Bedingungen für Erziehung und Bildung im Verlaufe der Zeit nachhaltig,

aber deren politische Dimension blieb erhalten. Deshalb kann es nur

hilfreich sein, mit gewissen schriftkulturellen Haltungen aufzuräumen,

die nationale, ethnische, rassistische oder ähnliche Elemente

aufweisen. Denn es ist völlig irrelevant, ob Pythagoras Grieche und

wie originell seine Geometrie war. Auch ist es irrelevant, ob diese

oder jene Person aus diesem oder jenem Teil der Welt den Ruhm für ein

literarisches Meisterwerk, ein Kunstwerk oder für einen religiösen

oder philosophischen Gedanken verdient. Was allein zählt, ist die

Frage, inwiefern solche Leistungen für die Menschheit und für ihre

immer komplexere Lebenspraxis relevant wurden. Auch leiten wir

unsere Werturteile nicht aus dem sportentliehenen Modell ab, also aus

der Frage nach dem Besten, dem Schnellsten, dem Meisten; vielmehr

orientieren wir sie daran, wie ein jeder von uns seine Identität in

noch nie dagewesenen Arbeits- und Freizeitbedingungen und den daraus

hervorgehenden Empfindungen konstituiert. Die Frage nach der

Relevanz ist also eindeutig zukunftsgerichtet und bringt im übrigen

die Erkenntnis, daß die Erfahrungen aus der Vergangenheit für unseren

neuen Lebenszusammenhang immer weniger wichtig werden.

Was also sollte unterrichtet werden? Sprachen? Mathematik? Chemie?

Philosophie? Wir können nicht zu allem einfach nur "ja" sagen, ohne

die Frage nach den angemessenen Unterrichtsstoffen in den Rahmen

unserer Lebenspraxis zu stellen. Das heißt aber vor allem, daß wir

Erziehung und Bildung nicht wie bisher mit einer religiösen oder

dogmatischen Aura versehen dürfen: Die Dozenten kennen die ewigen

Wahrheiten; die Studenten folgen den Vorlesungen und empfangen das

Sakrament.

Alle schulischen Grundfächer haben sich im Laufe der Zeit verändert,

und die Geschwindigkeit, in der sich heute die Veränderungen

vollziehen, nimmt zu. Das gegenwärtige Verständnis von Sprache,

Mathematik, Chemie und Philosophie muß nicht unbedingt auf dem

Prinzip des fortschreitenden Kenntniserwerbs gründen.

Naturwissenschaft hat z. B. nicht direkt etwas mit Akkumulation zu

tun. Das Gleiche gilt für das Erlernen von Sprachen, trotz aller

anderweitigen ersten Eindrücke. Das mechanische Einpauken von Regeln,

die als invariabel gelten, ist weniger wichtig als eine Kenntnis von

Verfahren, mit denen wir uns das für unsere dynamische Existenz

relevante Wissen zugänglich machen können. Es ist geradezu unmöglich,

all das zu behalten, was die Schulausbildung--egal wie gut oder

schlecht sie ist--unseren Schülern eintrichtert. Viel wichtiger wäre

es zu wissen, wie und wo wir das, was wir für eine bestimmte Aufgabe

benötigen, finden und verwenden können.

Ist es wichtig, daß wir Square Dance, Heavy-Metal-Musik, Bridge oder

chinesische Kochkunst unterrichten? Dieses und vieles mehr steht

heute in den Lehrplänen vieler Schulen und Universitäten. Die Frage,

wie relevant solche Unterrichtsinhalte für Lehrplan und

Studienordnung sind, muß sich nach denselben pragmatischen Kriterien

richten, von denen unser Leben und unser Lebensunterhalt abhängen.

Die Relativierung von Schriftkultur und Bildung in unserer

veränderten Lebenspraxis hat durchaus schon zu neuen Lehrinhalten

geführt. Sie allein können allerdings keine Ausbildung ersetzen, die

die Denkund Empfindungsfähigkeiten in einem durch erhöhte Komplexität

und Dynamik gekennzeichneten Lebensraum fördern.

Die heutige Erziehung muß sich an der Dynamik der

Persönlichkeitsentfaltung orientieren, die für die Lebenspraxis

unseres neuen Zeitalters charakteristisch ist. Das heißt keinesfalls,

daß Erziehung durch ziel- und planlose Fernsehprogramme oder endlose

Reisen im Internet ersetzt werden kann. Wir müssen allerdings

begreifen, daß wir nicht ohne weiteres Schriftkultur, Bildung und

Effizienz gleichzeitig haben können, denn sie sind in mancherlei

Hinsicht unvereinbar. Ein solches Unterfangen würde vermutlich nur

zu größerer Verwirrung führen. Und schließlich müssen wir erkennen,

daß Bildung im sekundären und tertiären Bildungsbereich nicht

unbedingt erforderlich ist für diejenigen, die einfach nur eine

Berufsausbildung benötigen.

Wir haben bereits zeigen können, wie die zunehmenden

Vermittlungsprozesse auf dem neuen Markt sich auf die Effizienzebenen

ausgewirkt und zahlreiche neue Sprachen für den Zuschnitt, die

Beschreibung, Koordinierung und Synchronisierung der menschlichen

Arbeit hervorgebracht haben. Für viele Arbeitsformen, von den

Künsten bis zu den Naturwissenschaften, benötigen wir

Programmiervorgänge, die nicht nach falsch oder richtig fragen,

sondern nach optimaler Einrichtung und stetiger Weiterentwicklung.

Für die Erfordernisse unserer neuen Lebensskala--für Globalität,

Arbeitsteilung und Ressourcenverteilung, für die zahlreichen neuen

Elemente im Bereich der Wirtschaft, der Technik, der Kommunikation,

des Marketing und des Managements--brauchen wir neue, spezifische

Ausbildungsprogramme. Die Schriftkultur kann dies nicht leisten.

Erziehung beginnt mit der Erfahrung dessen, was nicht gegenwärtig und

nicht unmittelbar ist. Sie beinhaltet Erfahrungen, die sich aus

Vergleichen, aus Nachahmung von Handlungen und bei der Herausbildung

von individuellen Mustern bezüglich der biologischen Merkmale des

Menschen ergeben. Erst später kommen Sprache und die Verwendung von

sprachlichen Konventionen und Metaphern hinzu, von denen einige Teil

der Schriftsprache, andere Teil anderer Sprachen sind. Mit der

evolutionsgeschichtlichen Entstehung der Familie beginnen die

Erziehung und eine neue Phase der Arbeitsteilung. Die sehr enge

Skala eines nomadischen Stammeslebens kannte dabei andere

Erziehungsformen als die erweiterte Skala, innerhalb derer zunächst

Formen der Notation und schließlich hochentwickelte Schriftsprachen,

bzw. die technische Sprache des Zeichnens entstanden. Der

Allgemeinheitsgrad der Schriftsprache und die daraus resultierende

Schriftlichkeit als Grundlage jeglicher Erfahrungsvermittlung brachte

wiederum andere Erziehungsformen mit sich. Wir sehen also, daß die

sich verändernden Formen von Erziehung und Bildung aus den

Veränderungen der menschlichen Evolution ergeben und daß somit

weitere Veränderungen in der Natur dieser Entwicklung liegen. Das

veranlaßt uns, die gegenwärtigen Erziehungs- und Ausbildungsformen zu

überdenken und sie mit Blick auf den erweiterten Rahmen der

menschlichen Tätigkeiten zu verbessern, statt sie zur Wahrung einer

historisch gewordenen Kulturphase auf ihre jetzige Form ein für

allemal festzulegen.

Wir mußten erst lernen, das zu sein, was wir heute sind. Wir sind es

geworden durch das, was wir in Bezug auf unser individuelles und

gesellschaftliches Daseins tun. Sprechen, schreiben und lesen heißt,

das zu verstehen, was wir sprechen, schreiben und lesen. Die

einfache mechanische Reproduktion von Wörtern oder Lautmustern könnte

genauso gut von entsprechend programmierten Maschinen vorgenommen

werden. Aber sprechen, schreiben und lesen lernen heißt, sich des

durch Sprechen, Schreiben und Lesen hervorgerufenen pragmatischen

Kontextes der zwischenmenschlichen Beziehungen bewußt zu werden, und

die für diese Vorgänge notwendigen Fertigkeiten zu erwerben. Dieses

Bewußtsein schließt allerdings das Bewußtsein von der Möglichkeit

einer Kontextveränderung mit ein.

Erziehung und Ausbildung bedeuten, andere und sich in einen Prozeß

einzubinden, der darauf ausgerichtet ist, dasjenige Wissen zu

erwerben und zu vermitteln, das für die weitere Vermehrung des

Wissens notwendig ist. Daher können die Erziehungsinhalte nicht

Wissen im allgemeinen sein, denn Schulen und Universitäten können die

Vielfalt der menschlichen Erfahrungen nicht nachvollziehen. Die

post-industrielle, auf einer digitalen Struktur basierende Erfahrung

ist so heterogen, daß die Vielfalt dessen, was die heutige

Lebenspraxis erforderlich macht, nicht unter vereinheitlichende

Ausbildungsgänge subsumiert werden kann. Wichtiger als allgemein

zugängliche und allen verfügbare Informationen ist daher die Kenntnis

davon, wie und wo ich finde, was ich brauche. Wissen zu besitzen

wird in diesem Zusammenhang zweitrangig; entscheidend ist der Zugang

zum Wissen und ein gutes Verständnis der auf die neuen

Erkenntisformen konzentrierten veränderten Lebenspraxis. Der Umgang

mit der Informationsfülle und die Fähigkeit, diese den Technologien

der Informationsverarbeitung zuzuführen, muß Teil unserer

Ausbildungsprogramme werden. Die Studenten müssen verstehen und

erklären lernen, wie sich die heutigen Erkenntnisformen und

Erkenntnisinhalte, also das Rohmaterial der digitalen Maschine, aus

unseren Erfahrungen ableiten.

Zwischen den von uns entworfenen Wegen, auf denen wir unser

biologisches Sein in das Sein der uns beheimatenden Welt projizieren,

und dem Ergebnis unserer Bemühungen besteht eine Einheit. Diese

kennzeichnet unseren geistigen und emotionalen Zustand und bestimmt

unser Denken und Fühlen. An einem bestimmten Punkt der menschlichen

Entwicklung, nachdem die Trennung von körperlicher und geistiger

Arbeit vollzogen war, wurde das Denken von seiner unmittelbaren

Zweckgerichtetheit befreit. Die einmal erreichte Abstraktion des

Denkens entsprach der Fähigkeit, in seinen Prozeß eingebunden zu sein,

sich seiner bewußt zu sein und ihn zu beurteilen. Das ist die Ebene

der Theorie. Die gegenwärtig zu verzeichnende Dynamik wirkt sich auf

den Status der Theorie aus, darauf, wie wir sie bilden, und darauf,

wie wir sie vermitteln. Zumindest mit Blick auf ihre Vermittlung,

wohl aber auch mit Blick auf ihre Formulierung, müssen wir uns im

gegebenen Zusammenhang kurz mit der Entwicklung der Universitäten

beschäftigen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 55 / 65 题