Das Ideal und das Leben

Schulen aller Bildungsarten vermitteln ihren Schülern eine

traditionelle Erziehung und bekennen sich zur soliden

Ausbildungstradition vergangener Zeiten. Trotz allem behaupten die

Schulen unter dem Druck des Berufsmarktes, daß sie ihre Schüler auf

die neuen pragmatischen Lebensumstände angemessen vorbereiten.

Einige Schulen bieten auch berufsbezogene Fächer an oder beziehen

berufsrelevante Ausbildungskomponenten in die traditionelle

Ausbildung ein. EDV-Kurse gehören dazu. Aber ein im Jahr 1996 in

den Vereinigten Staaten durchgeführter Test mit 500 Schulabsolventen

hat ergeben, daß nur 7% aller Testpersonen 15 von 20 Fragen richtig

beantworten konnten. Fünf Fragen bezogen sich auf Mathematik, der

Rest auf Geschichte und Literatur--allesamt also auf traditionellen

Bildungsstoff.

Diese und andere Ergebnisse lassen Bildungsexperten von einem

allgemein sinkenden Bildungsniveau sprechen, und die Experten klagen

darüber, daß das Bildungssystem nicht mehr den demokratischen Bürger

hervorbringe. Derartige Analysen und Klagen nehmen ganz

offensichtlich keine Kenntnis davon, was sich in der Realität

abspielt. Denn sie beziehen sich auf die USA, doch nachweislich das

reichste und vermutlich dynamischste Land der Welt, mit der

geringsten Arbeitslosenquote und der höchsten Quote an

Unternehmensneugründungen--wenn also die Bildung dennoch angeblich

versagt, so muß etwas anderes, Positives, an ihre Stelle getreten

sein.

Solange die Konzepte von Bildung und Ausbildung nicht neu gedacht

werden, können sie mit der Wirklichkeit nicht mehr Schritt halten.

Unter den gegenwärtig gefundenen Kompromissen wird unser

Bildungssystem weiter vor sich hin wursteln und die Klientel beider

Lager verärgern: diejenigen, die noch immer auf eine Bildung im

Rahmen des schriftkulturellen Modells fixiert sind, und diejenigen,

die Strukturveränderungen für dringend geboten halten.

Vermutlich läßt sich der Universalitätsanspruch des traditionellen

Bildungsmodells, der sich in den demokratischen Prinzipien von

Freiheit und Chancengleichheit widerspiegelt, in seiner

ursprünglichen Form nicht länger aufrechterhalten. Vielmehr sollte

sich das Bildungssystem gegenüber den Unterschieden zwischen den

Menschen, ihrem unterschiedlichen persönlichen, sozialen und

kulturellen Hintergrund, ihrer Ethnizität und ihren individuellen

Fähigkeiten flexibler zeigen. Statt zu standardisieren, sollte das

Bildungssystem die Unterschiede fördern, um den Nutzen aus diesen

Unterschieden ziehen zu können. Statt einen gleichen und allgemeinen

Zugang zur Mittelmäßigkeit zu garantieren, sollte das Bildungssystem,

unterschiedliche, sich ergänzende Zugänge zur Exzellenz bereitstellen.

Heute erweisen sich manche Menschen als unerziehbar. Aber

vielleicht weisen sie nur Merkmale auf, die man nicht auf den in der

Schriftkultur verankerten gemeinsamen Bildungsnenner reduzieren kann.

Vielleicht könnten alternative Bildungswege ihre Fähigkeiten besser

erkennen und optimaler fördern; vielleicht werden sich diese

Fähigkeiten in der Lebenspraxis als relevant und nützlich erweisen,

so unterschiedlich sie auch ausfallen mögen.

Eine Quotengleichheit in bezug auf Minoritäten jeglicher Art geht

ebenfalls von einem falschen Demokratieverständnis im Bildungssystem

aus. Denn oft genug werden diejenigen, die ermutigt und gefördert

werden sollen, damit ihrer speziellen Fähigkeiten und Chancen beraubt.

Das Prinzip der Quotengleichheit geht von der falschen Vorstellung

aus, daß der Einheitsbrei des perfekt funktionierenden Schmelztiegels

der Gesellschaft nützlicher sei als die Anerkennung und Förderung von

Unterschieden. Ob man damit eine gleichförmige Mittelmäßigkeit oder

arbeitsteilige Exzellenz hervorbringt, scheint niemanden zu

interessieren. Angemessener und realitätsnäher wäre ein anderes

Verständnis von Chancengleichheit: wenn die Unterschiede anerkannt

und bewahrt und die daraus erwachsenden spezifischen Fähigkeit zur

vollen Entfaltung gebracht würden.

Das Bildungsprinzip der Schriftkultur bringt ein bestimmtes

Verständnis von Konformität und Standardisierung mit sich, das der

Lebenspraxis entspricht, die eine standardisierte Bildung notwendig

gemacht hatte. Für die heute zur Verfügung stehenden alternativen

Ausdrucks- und Kommunikationsmittel hat das derzeitige Bildungssystem

offenbar keinen Platz. Aber gerade sie würden die Auswahlmöglichkeit

aus einer erweiterten Skala von Optionen erheblich erleichtern; denn

gerade sie ermöglichen die geforderte höhere Effizienz. Wir müssen

die Bildungswege auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen

Gruppen besser zuschneiden. Dies kann aber nur geschehen, wenn wir

dem unverbrüchlichen Recht auf Ausbildung und Arbeit zum Zwecke der

Persönlichkeitsentfaltung die gleiche Bedeutung wie dem Recht auf

Freiheit und Gleichheit einräumen.

Die hier skizzierte globale Dimension der Lebenspraxis ist nicht ein

von einem waghalsigen Unternehmer erfundenes Szenario. Sie spiegelt

vielmehr eine Skala wider, innerhalb derer das Bevölkerungswachstum,

die Ressourcenverteilung und die zu neuen Effizienzebenen führenden

Handlungsoptionen einen kritischen Zustand erreicht haben. Viele

Menschen auf dieser Welt erhalten niemals eine Chance auf Bildung und

Ausbildung; viele Menschen sind ständig durch Hungersnöte und

Epidemien bedroht und müssen ein menschenunwürdiges Leben führen.

Diese Tatsachen stehen allerdings nicht im Widerspruch zu der

beschriebenen Dynamik, die die Alternativen zur Schriftkultur und

Bildung hervorgebracht hat. Wir müssen daher die Art des vom

Bildungssystem vermittelten Wissens und seine Auswirkungen auf die

Ausgebildeten hinterfragen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 54 / 65 题