Das Höchste und das Beste

Aus den neuen Formen unserer Selbstkonstituierung in einer Welt, die

durch Effizienz, hohe Bedarfsbefriedigung und eine unersättliche

Fähigkeit, das Neue durch immer Neueres zu ersetzen, gekennzeichnet

ist, stellt sich auch das Problem von Erziehung und Ausbildung in

einer Weise neu, für die Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung

nicht mehr hinreichend sind. Seit etwa 30 Jahren schickt unser

Erziehungssystem die nachrückenden Generationen in eine Zukunft, die

nur noch wenig mit den Inhalten, Strukturen und Denkweisen zu tun hat,

die diese Erziehung vermittelt. Unter dem großen Druck der sozialen,

politischen, ökonomischen und moralischen Erwartungen hat unser

Bildungssystem als Institution seine Glaubwürdigkeit verloren, sofern

es sich in seinen Strukturen nicht analog zum Umbruch in unseren

Lebensumständen verändert. Die Inhalte und Denkweisen, die heute in

den Schulen, Laboratorien, Handbüchern und Erziehungsmethoden, nicht

zu reden vom lebendigen Inventar wie Lehrer und Ausbilder, vermittelt

werden, sind--wenn überhaupt--nur noch marginal auf den Umbruch von

einer einzigen beherrschenden Schriftkultur auf zahlreiche

Alphabetismen eingerichtet. Zum gegenwärtigen Ausbildungsstand

junger Menschen hat IBM unverhohlen festgestellt: "Seit 1900 hat sich

fast jede Institution auf die jeweiligen Veränderungen einstellen

können, mit einer Ausnahme: das Bildungssystem."

Gerade in letzter Zeit ist viel in die Ausbildung junger Menschen

investiert worden, aber an der Auffassung von Bildung und an der

Auffassungsfähigkeit der Ausgebildeten hat sich wenig geändert. Wenn

heute an einem Gymnasium oder an einer Universität ein neues Labor

eingerichtet wird, ist es in dem Augenblick, in dem das letzte

Ausrüstungsteil bestellt wurde, bereits veraltet. Die Ausbildung

selbst unserer besten Lehrer hat sich inhaltlich bereits in dem

Augenblick erübrigt, in dem die ersten Schüler in die Berufswelt

eintreten. Je mehr sich unsere Schulen und Universitäten bemühen,

mit dem Umbruch Schritt zu halten, desto offensichtlicher wird es,

daß sie eine falsche Richtung einschlagen oder daß etwas im Kern

unseres Bildungssystems dieses Ziel unerreichbar macht. Oft trifft

beides zu. Manche schieben dieses Versagen auf die überladene

Bürokratie des Bildungssystems. Daran ist sicher einiges wahr.

Andere führen das Versagen des Systems auf einen Mangel an guten

Lern- und Lehrmethoden zurück. Auch falsche Auffassungen von den

Aufgaben der Erziehung oder falsche Prioritäten werden als Grund

genannt. Gerade letztere haben zu immensen Fehlinvestitionen im

Bildungssektor geführt.

Andere, nicht-schulische Gründe sind für die mangelnde

Leistungsfähigkeit des Bildungssystems angeführt worden--falsch

verstandene Liberalität und Demokratie, Traditionsverlust, der

Zusammenbruch der Familie als Lebensund Erziehungsform, eine

ausschließlich auf Tests abgerichtete Unterrichtsform. Es gibt so

viele Erklärungen wie es Kritiker unseres Bildungssystems gibt.

Manche dieser Erklärungen greifen weit zurück in die Zeit, in der die

Schrift entwickelt wurde: Erziehung beeinträchtigt Originalität,

dämpft Spontaneität und zerstört Kreativität. Oder aber: Erziehung

leugnet in der sensibelsten Phase der individuellen Entwicklung, wenn

der Geist junger Menschen offen ist für alle nur denkbaren Eindrücke,

die Natürlichkeit.

Wieder andere Argumente richten sich auf die gegenwärtige Situation:

Wenn die richtigen Texte gewählt (was immer hier richtig heißt) und

die besten Methoden angewandt würden, wäre die Ausbildung für junge

Menschen interessanter und sie könnte es mit der Konkurrenz der

Unterhaltungsangebote aufnehmen. Andere befürworten einen leicht

verdaulichen Zugang zu Texten, die möglicherweise als Comicstrips

oder als Internetbotschaften aus maximal sieben Sätzen mit maximal

sieben Wörtern bestehen sollten. Alle diese Erklärungen gehen davon

aus, daß die Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung ihre

Gültigkeit bewahrt haben. Sie alle entwerfen Strategien--einige

hilflos, einige verstiegen--, die die Funktion der schriftkulturellen

Bildung aufrecht erhalten sollen. Ob sich die Bedingungen, die die

Schriftkultur entstehen ließen, so weit geändert haben, daß nunmehr

eine völlig neue Lebenssituation auch neue Unterrichtsstrukturen

erfordern könnte, scheint niemanden zu interessieren. Noch immer

scheint Matthew Arnolds traditionslastiges Selbstverständnis zu

gelten: "Bemühe dich um das Höchste und Beste, das unser Wissen

hervorgebracht hat."

In einer Welt, in der sich das Beste nur noch auf Waren, nicht auf

dynamisches Wissen bezieht, hat diese Position an Überzeugungskraft

verloren.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 53 / 65 题