Bildung, Ausbildung und Schriftkultur hängen eng zusammen. Das eine
ist ohne das andere nicht denkbar. Andererseits hat es auch vor der
Schrift Erziehung gegeben, und es gibt Formen der Erziehung, die
nicht auf Schriftlichkeit beruhen, oder zumindest nicht
ausschließlich. Wir sollten bei unseren Überlegungen, welche
Faktoren Bildung und Ausbildung auf Schriftlichkeit gegründet haben
und welche Folgen sich daraus für ihre gegenseitige Abhängigkeit
ergeben, diese Zusammenhänge nicht ganz aus dem Auge verlieren.
Wie viele andere Einrichtungen, die die Merkmale schriftkultureller
Erfahrungen tragen, ist auch der gegenwärtige Stand des
Bildungswesens alles andere als ideal. Mit der Schriftkultur setzte
sich im Bereich der Erziehung das Ideal von Dauerhaftigkeit und
Bestand fest. Wir haben gesehen, daß die Schriftkultur für eine
Entwicklungsphase, mit der sich viele von uns noch immer eindeutig
identifizieren, das richtige Ziel und ein angemessenes Mittel war.
Innerhalb dieser Struktur hatten Erziehung und Ausbildung die Aufgabe,
optimale Formen der sozialen Interaktion zu fördern und an Werten
auszurichten, die in der Sprache zum Ausdruck kamen. Die in der
Schriftkultur verankerte Erziehung bezog sich auf eine Dynamik, die
innerhalb der begrenzten Skala der Menschheit Veränderungen erlaubte,
die schließlich zur Herausbildung von Nationen und Nationalstaaten
führten--Einheiten mit relativer Autarkie. Innerhalb nationaler
Grenzen konnten Bevölkerungswachstum, Ressourcen und
Handlungsoptionen in Balance gehalten werden.
Diese zweifellos vereinfachte Darstellung erlaubt uns, die
Entwicklung der Erziehung von ihren frühen Formen--der direkten
Weitergabe von Erfahrungen zwischen einzelnen Personen und zwischen
den Generationen--zu den religiös begründeten Erziehungsformen
nachzuzeichnen. Unter dem Einfluß religiöser Prämissen ging die
Erziehung später über die Vermittlung des unmittelbaren, eng an die
Lebenspraxis gebundenen Wissens hinaus und wurde, wenn auch nicht
ganz mühelos, institutionalisiert in Form von Schulen und
Universitäten, in denen Wissen, Wissenschaft und Gelehrsamkeit
verbreitet wurden. Auch das war ein langer, viele Stufen
durchlaufender Prozeß, der schließlich zu unserem heutigen
allgemeinen Bildungssystem führte, in dem Kirche und Staat getrennt
sind. Die freie Erziehung und alle damit verbundenen Werte bilden
heute die allgemeine Grundlage unseres Bildungssystems.
Wenn man jemandem einen Hammer gibt, sieht jedes Problem wie ein
Nagel aus. Wenn man jemandem ein Alphabet gibt, wird jedes Problem
zu einem Problem von Schriftkultur, Bildung und Erziehung--dieser
Vergleich charakterisiert einigermaßen den gegenwärtigen
Diskussionsstand in Sachen Erziehung und Ausbildung. Daraus folgt
allerdings nicht, daß mit dem Aufkommen des World Wide Web Erziehung
und Ausbildung darauf reduziert sein sollten, die notwendigen
Lehrpläne online anzubieten und die Erziehungsbedürfnisse an dem, was
im Netzwerk zufällig zur Verfügung steht, auszurichten. In der
heutigen Zeit des Umbruchs ist das Ende von Schriftkultur und
schriftkultureller Bildung nicht einfach ein Symptom, sondern eine
notwendige, über OnlineBildungsangebote hinausgehende Entwicklung.
Dies könnte nach einer voreiligen Kritik an der digitalen
Wissensverbreitung aussehen. Wir wollen daher unsere Schlußfolgerung
etwas ausführlicher rechtfertigen.