Wir wollen den Verlauf unserer Argumentation an dieser Stelle für
einen Augenblick unterbrechen und uns die Folgen vergegenwärtigen,
die die nachgezeichnete Entwicklung für die Gegenwart mit sich bringt.
Wir haben gesehen, wie die Formen des jeweiligen Marktes die
allgemeine Struktur des menschlichen Handelns spiegelten und wie
dieses sich in der Natur der an die jeweiligen Entwicklungsstadien
gebundenen Sprache ausdrückte. Wir haben ferner gesehen, wie von
einem gewissen Entwicklungsstadium an der Mensch Werkzeuge als
Erweiterung seiner körperlichen und geistigen Funktionen verwendete.
Heute erleben wir, wie durch die Einschaltung von elektronisch,
pneumatisch, hydraulisch oder thermisch übermittelten Anweisung eine
Vermittlung der Vermittlung stattfindet. Ein Knopfdruck, die
Bewegung eines Hebels, die Bedienung eines Keyboards oder die
Auslösung eines Relais setzen vollkommen durchprogrammierte
Aktivitäten in Gang und führen zu weiterführenden
Vermittlungsprozessen. Zwischen Hand oder Körperteil--die diese
Prozesse auslösen--und dem verarbeiteten Material sind vielfältige
Verarbeitungsmechanismen und Zeichenfolgen zur Kontrolle geschaltet.
Unsere auf Arbeit, Religion, Erziehung, Dichtung und Marktvorgänge
ausgerichtete Sprache wird neu strukturiert. Es entstehen neue
Sprachebenen und neue, begrenzte, auf spezifische Funktionen
ausgerichtete Sprachen, mittels derer diese Vermittlungsprozesse
ablaufen. Die Sprache des Zeichenbretts oder allgemeiner die Sprache
des Designs gehört dazu. Und es entstehen neue Beziehungen zwischen
den verschiedenen Sprachebenen und den neuentwickelten
Spezialsprachen.
In welchem Bezug steht nun dieser Vorgang zu der angeborenen
heuristischen Natur des Menschen und zu unserer These, daß sich die
Skala der menschlichen Tätigkeit nachhaltig verändert? Wir können
die von uns beobachteten Veränderungen nicht mehr einfach damit
erklären, daß die technologische Umsetzung wissenschaftlicher
Erkenntnisse höhere Effizienzebenen erreicht und damit zu einer
minderen Bedeutung der Schriftkultur geführt hat. Das
Bevölkerungswachstum und die Dynamik der Diversifikation (mehr
Optionen, vermehrte Ressourcen) hat in der neuen Skala eine
vollkommen andere Dimension erreicht. Es ist fast irrelevant
geworden, daß in den großen Industrieländern manch eine traditionelle
Ressource aufgebraucht worden ist. Denn selbst bei den ständig
kleiner werdenden Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung in der
westlichen Welt nehmen der Pro-Kopf-Verbrauch an Nahrungsmitteln und
die Verschiedenartigkeit des Angebots substantiell zu. In der
Auseinandersetzung mit den traditionellen, sich ebenfalls
erschöpfenden Praxisformen der Schriftkultur haben wir mittlerweile
Mittel entwickelt, die uns dadurch gesetzten Grenzen zu überschreiten
und unter Einbeziehung von globalen Dimensionen, Konfigurationen,
Nichtlinearität und vielwertiger Logik neue Produkte hervorzubringen,
die der neuen Lage angemessen sind.
Wir haben gelernt, unsere Kreativität auf die Erschließung neuer
Ressourcen zu richten und unsere Bedürfnisse und Möglichkeiten aus
einer neuen Perspektive zu betrachten. Wir dürfen allerdings
Globalität nicht mit dem japanischen Sushi-Restaurant in der Provence,
mit MacDonalds in Moskau oder Peking, mit multinationalen
Unternehmen oder mit Investitionen im Ausland verwechseln.
Globalität bedeutet vielmehr, daß wir weltweit die gleichen
Ressourcen teilen und unsere kreative Energie auf deren Vermehrung
richten müssen, unabhängig von den uns durch Sprache, Kultur, Staat
oder Allianzen gesetzten Grenzen. Dieser Umstand hat neben den
ungeheuren Möglichkeiten, die er bietet, auch ein häßliches Gesicht.
Um den Zugang zu wichtigen Ressourcen zu sichern und die Märkte offen
zu halten, würde die Welt selbst vor einem Krieg nicht
zurückschrecken (wie sie es immer wieder gezeigt hat). Aber diese
häßliche Seite der Medaille prägt nicht unsere effektive Lebenspraxis
und bestimmt auch nicht die Bedingungen, unter denen wir uns in
dieser Welt mit ihrer neuen Dynamik und unseren neuen Erwartungen
setzen.
Unter den neuen Arbeitsformen jenseits der Schriftkultur haben sich
die alten Arbeitsformen wie Jagd und Fischen zu Sportarten und
Freizeitübungen gewandelt, und der Sammlerinstinkt des Menschen ist z.
B. in den Vereinigten Staaten so degeneriert, daß manch einer gar
nicht mehr weiß, daß in unseren Wäldern Pilze, Beeren und Nüsse als
Nahrungsmittel wachsen. Auch die Landwirtschaft, vermutlich die
dauerhafteste Form der praktischen Erfahrung, befreit sich von den
durch die Natur vorgegebenen Strukturen und nimmt industrielle
Dimensionen an, die sich mit vielen technologischen Mitteln dem
jahreszeitlichen Ablauf entziehen. Globale Dimensionen hat auch
unser Umgang mit Ressourcen und der Umwelt, haben Kommunikation,
Transport und Technologie, hat vor allem aber der Markt angenommen.
All das zeigt uns, daß wir die Veränderungen nicht auf eine Erfindung
oder eine Verhaltensweise zurückführen können, sondern auf die
veränderten Bedingungen der menschlichen Erfahrung, die letztendlich
auch das menschliche Individuum verändern wird.
Viele Arbeitsformen verlaufen heute ohne menschliche Kontrolle. Der
Mensch als Betreiber von Programmen und Maschinen wurde ersetzt durch
eine Technologie, deren Effizienz- und Sicherheitsstandard jenseits
des menschlichen Fassungsvermögens liegen. Damit sind viele dieser
Arbeitsformen aber auch von den Fesseln der Sprache befreit,
insbesondere von denen der Schriftkultur. Maschinen müssen keine
Rechtschreibung, Grammatik oder Syntaxregeln lernen. Noch weniger
muß zwischen Mensch und Maschine eine vermittelnde Instanz der
Schriftlichkeit und Schriftkultur eingeschaltet werden, die nicht nur
ineffizient und mehrdeutig ist, sondern durch die verschiedenen
religiösen, politischen und ideologischen Verwendungen, die sie im
Verlauf der vergangenen Jahrhunderte genommen hat, belastet ist. Die
neuen Sprachen, ob als Interface zwischen Maschinen oder zwischen
Menschen und Maschinen, sind nur begrenzt einsetzbar und nicht auf
Bestand hin konzipiert. Für die Dynamik der Arbeitswelt sind diese
neuen Sprachen gut aufeinander abgestimmt. Insgesamt wird unsere
Tätigkeit schneller, präziser, segmentierter, arbeitsteiliger und
zugleich komplexer. Sie unterliegt einer mehrwertigen Effizienzlogik,
nicht mehr der dualistischen Logik von wahr und falsch.
Man könnte aus dieser Darstellung möglicherweise ein Votum gegen die
zahlreichen ökologischen Bewegungen und für Technokratie, für
grenzenloses Wachstum oder für die Planung von Wunderwelten ablesen.
Nichts davon trifft zu. Ich möchte lediglich versuchen, ein
Verstehens- und Handlungsmodell zu entwerfen, das die Komplexität
unseres Problems ernst nimmt und nicht verniedlicht, wie es die
simplifizierenden Modelle der Schriftkultur oft getan haben.
Kapitel 3: