Alternativen

Zur Erklärung der Veränderungen, die von einer allumfassenden

Schriftkultur zu einem Stadium jenseits der Schriftkultur geführt

haben, rekurrierten wir auf das malthusianische Prinzip (die

Bevölkerung wächst geometrisch an, die Quellen für Nahrungsmittel

hingegen arithmetisch). Nicht in Betracht allerdings zog Malthus die

heuristische Natur des Menschen, d. h. die zunehmende Umsetzung des

kreativen Potentials dieser Gattung, das nicht nur seine eigene Natur

bewahrt, sondern kraft dieser Kreativität eine eigene

nicht-natürliche Natur schafft. Im Prozeß seiner

Selbstkonstituierung schafft der Mensch die Mittel für sein Überleben

und für zukünftiges Wachstum jenseits der Zirkularität einfacher

Überlebensstrategien. Henry George hat im vergangenen Jahrhundert

diesen Umstand in einem Vergleich zwischen Raubvögeln und Menschen

verdeutlicht: Beide Spezies essen Hühner; aber eine Zunahme von

Raubvögeln würde zu einer Verringerung der Zahl von Hühnern führen,

während ein Bevölkerungswachstum zu einem Zuwachs der Zahl von

Hühnern führt. Obwohl dieses Beispiel viele andere Faktoren, die für

das Aussterben von Gattungen oder für die Zahlenverhältnisse von

Tieren und Menschen verantwortlich sind, außer acht läßt, verweist es

doch auf einen wesentlichen Aspekt der menschlichen Gattung, der mit

eben dieser erwähnten Kreativität und einer erweiterten Skala der

menschlichen Tätigkeit zu tun hat, aus der heraus die Schriftkultur

notwendig erwuchs.

Auch zu der Zeit, als George sein Beispiel formulierte, zeichneten

sich Probleme ab, die dem malthusianischen Gesetz zu entsprechen

schienen. Holz, Kohle und Öl als Brennstoff für Lampen wurden

zunehmend knapper, so wie wir heute einer Erschöpfung vieler unserer

Ressourcen (Mineralien, Energie- und Nahrungsmittelressourcen, Wasser

usw.) befürchten müssen. Diejenigen, die das Versiegen solcher

Ressourcen verkünden, übersehen die Tatsache, daß der Mensch bei

allen vorangegangenen Verknappungen Alternativen entwickelte, die er

in neue praktische Erfahrungen integrieren konnte. Als im 16.

Jahrhundert in England das Holz knapp wurde, entdeckte man die Kohle;

im 19. Jahrhundert wurde Kerosin für die Beleuchtung nutzbar gemacht

(1859); weitere Kohlevorräte wurden entdeckt; man entwickelte

Maschinen mit geringerem Energieverbrauch und zur effizienteren

Kohlegewinnung; verschiedene Industriezweige stellten sich auf andere

Mineralien ein. Die strenge Abhängigkeit von jahreszeitlichen Zyklen

und vom Getreide- und Gemüseanbau wurde zunehmend durch neue

Techniken zur Verarbeitung und Lagerung von Lebensmitteln ersetzt.

Die neue Lebenspraxis des 19. Jahrhunderts weist die strukturalen

Merkmale einer erweiterten Skala der Menschheit auf. Diese betrifft

die Natur der menschlichen Arbeit und die Natur der

gesellschaftlichen, politischen und staatlichen Organisation

innerhalb der sich damals herausbildenden Nationalstaaten. Im

Rückblick auf die Dynamik des Wachstums und die Verfügbarkeit von

Ressourcen zeigt sich heute, daß mit der Entwicklung von Sprache, von

Schreiben und Lesen und schließlich mit der Entwicklung von

Schriftkultur und Bildung sowie durch die außerhalb der Sprache

liegende Technik ein lebenspraktischer Zusammenhang eingerichtet

wurde, der die zunehmende Unausgeglichenheit zwischen

Bevölkerungswachstum und Ressourcen ausgleichen konnte.

Unsere heutige Zeit ist in mehrfacher Hinsicht Ausdruck eines

Zeichenprozesses, dessen Wurzeln tief in den pragmatischen

Zusammenhang zurückreichen, in dem die Schrift entstand. Heute sind

Technik und Technologie vorherrschend. Wenn wir diesen Zeichenprozeß

von Technik und Technologie, also die Entwicklung des Verhältnisses

zwischen an Technik und Technologie gebundener Arbeit und der Sprache,

beschreiben wollen, stoßen wir sowohl auf Kontinuität--in Form

sukzessiver Reproduktion--und auf Diskontinuität--in der

grundsätzlich neuen Natur der gegenwärtigen technischen und

technologischen Arbeit. Wir können uns dabei sowohl auf die

Verbreitung des auf dem phönizischen Alphabet gründenden

Schriftsystems beziehen als auch auf die Sprache des Zeichnens, die

die Entwicklung der Technik begünstigte.

Phönizische Händler lieferten Materialien an die Minoer. In der

minoischen Bestattungskultur war es üblich, den Bestatteten wertvolle

Gegenstände, die den Leistungsstand der damaligen Handwerkskunst

widerspiegelten, mit ins Grab zu geben. Diese Gegenstände wurden aus

Silber, Gold, Zinn und Blei hergestellt. Aufgrund der gesteigerten

Nachfrage nach solchen Metallen war der Markt allmählich erschöpft.

Auf der Suche nach diesem Handelsgut mußten die phönizischen Händler

immer weitere Wege gehen und bessere Werkzeuge zum Abbau und zur

Vorverarbeitung der Mineralien entwickeln. Schrift und Zeichnungen

waren in diesen Prozeß der Kompensation zwischen Bedürfnissen und

verfügbaren Ressourcen eingebunden, und die fortwährende Suche nach

neuen Ressourcen führte automatisch zur Verbreitung von Schrift und

Handwerk: Wir müssen diesen Vorgang mithin als Teil der Dynamik

bestimmter Wirtschaftsräume sehen.

Wir können nur im Rückblick die Frage beantworten, bis zu welchem

Punkt diese die schriftkulturellen und technischen Fertigkeiten

einbeziehenden Kompensationshandlungen effektiv waren und wann sie

ihren Höhepunkt erreichten, der vermutlich irgendwann im Zeitalter

der industriellen Revolution liegt. Gibt es einen Zeitpunkt, in dem

die Waagschale zugunsten der technischen Ausdrucks- und

Kommunikationsmittel ausschlug? Wenn dies so ist, können wir ihn

nicht näher bezeichnen. Als sich aber das Potential der

Schriftkultur zur Unterstützung der menschlichen

Selbstkonstituierungserfahrungen in einem neuen pragmatischen

Zusammenhang erschöpft hatte, wurden neue Mittel notwendig. Ziel des

vorliegenden Buches ist es, die Dynamik dieses Umbruchs zu erklären.

Dazu gehört gewiß die Technologie, aber nicht als Ursache, sondern

eher als Ergebnis der neuen Dynamik.

Der mächtige Strom der breit ausgefächerten Erfahrungen, der durch

zahlreiche neue Sprachen einschließlich der Sprache des Designs und

der Technik befördert wurde, führte zu einem verstärkten Bewußtwerden

von der Bedeutung der Vermittlung, die ihrerseits ein Ziel an sich

wurde.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 50 / 65 题