Angeborene Heuristik

Begriffliche Werkzeuge, die auf den Menschen in seiner

synkretistischen Natur abzielen, existieren nur in dem Maße, in dem

wir sie in der Sprache identifizieren können. In jedem uns bekannten

System stehen Vielfalt und Präzision in einem komplementären

Verhältnis. Was immer die Menschen tun, ihre Bemühungen sind darauf

gerichtet, ihre Leistungen zu optimieren. Zu viele Einzelheiten

beeinträchtigen die Effizienz, ungenügende Genauigkeit beeinträchtigt

das Ergebnis. Es gibt offenbar zwischen dem Was und dem Wie eine

strukturale Relation der Art eins : viele. Wo immer uns

Effizienzüberlegungen dazu anhalten, die Wahl zwischen mehreren

Möglichkeiten zu treffen, wird diese Relation durchgespielt. Das

Optimale ist immer das, was sich nach bestem Wissen als das für das

Erreichen des Ziels am besten geeignete Mittel erweist. Zugleich ist

ein solches Optimum kennzeichnend für die Pragmatik eines jeweiligen

Kontexts. Jagd kann z. B. allein oder in Gruppen durchgeführt

werden, mit Steinen, Speeren, Pfeilen oder Fallen.

Der primitive synkretistische Mensch war (und ist in gegenwärtigen

primitiven Kulturen noch immer) in eine praktische Erfahrung

eingebunden, die er als Ganzheit erfuhr: natürliche Veranlagung,

Beziehung zur natürlichen Umwelt, erlernte Fähigkeiten und Wissen,

Gefühle (wie Furcht, Freude, Trauer). Der spezialisierte Mensch

konstituiert sich in partiellen Erfahrungen. Gemeinsam ist beiden

gleichwohl die natürliche Bedingung ihres Handelns. Der Unterschied

zwischen beiden liegt in den entwickelten Überlebens- und

Selbsterhaltungsstrategien, die von unmittelbaren Bedürfnissen und

direktem Handeln zu vermenschlichten Bedürfnissen und vermittelter

Handlung verlaufen. Eine begrenzte Menge von Optionen (etwa der Art

"wenn hungrig, such Nahrung") wird ersetzt durch eine Vielfalt von

Optionen, die schließlich zu der den Menschen eigenen heuristischen

Natur führt. Homo sapiens ist mithin dadurch gekennzeichnet, daß er

nach Optionen sucht. Der Mensch ist kreativ und effizient.

Es mag sein, daß die menschliche Sprache angeboren ist (wie Chomsky

glaubt). Für die heuristische Dimension des Menschen gilt dies ganz

gewiß. Die Auswahl der Mittel (die Bestimmung des Wie) läßt auf das

erstrebte Ziel schließen und auch auf das Bewußtsein von dem, was

möglich ist, sowie das Bemühen, den Bereich des Möglichen zu

erweitern. Das eigentliche Bestreben liegt nicht darin, die

Lebensumstände unverändert zu lassen, sondern den Bereich der

Möglichkeiten zu erweitern und mehr als nur das Überleben zu

garantieren. Dieses Bemühen nennen wir gemeinhin Fortschritt.

Unser einleitender kurzer Überblick über die Geschichte der Schrift

hat gezeigt, daß die gleiche heuristische Strategie der Entwicklung

der Schriftkultur zugrundeliegt. Vor der Entwicklung unseres

Alphabets in seiner heutigen Form gab es eine Reihe weniger optimaler

Schriftsysteme, deren konkrete Natur nur eine eingeschränkte

Expressivität erlaubte. Alle Sprachalphabete in ihrer heutigen Form

gingen aus einer langen Geschichte hervor, deren wesentliche

Antriebskraft das Streben nach Optimierung war: Arbeitspraxis

beeinflußte die Ausdrucksweise, die Ausdrucksweise schuf neue Rahmen

für die Arbeitspraxis, und gemeinsam entwickelten sich auf diese

Weise Erklärungsmodelle für die Welt. Das Was und das Wie im Bereich

der Sprachhandlung besaß ursprünglich einen Komplexitätsgrad, der dem

Komplexitätsgrad der in ihr zum Ausdruck gebrachten Handlungen

entsprach. Im Verlauf ihrer Entwicklung gewannen die Sprachen

jeweils die Komplexität der heuristischen Erfahrung, während die

Handlungsformen einfacher wurden.

In solchen Vermittlungsmechanismen, die von einem höheren

Abstraktionsgrad als die Sprache sind, erreichte die Dimension des

Was und des Wie eine noch größere Komplexität. Diese spiegelte sich

in dem Unterschied wider, der zwischen der Größenordnung der

menschlichen Arbeit und derjenigen des Ergebnisses bestand,

insbesondere in den bereitgestellten Wahlmöglichkeiten. In dem Maße,

in dem der Mensch als Individuum seine synkretistische Natur

preisgeben mußte, verzeichnen wir als Parallelentwicklung die

Entstehung eines kompositen Synkretismus der Lebensgemeinschaft.

Eine relativ stabile individuelle Ganzheit wurde durch eine auf die

Lebensgemeinschaft bezogene, sich gleichwohl immer schneller

verändernde Ganzheit ersetzt. Die Spracherfahrungen waren in diese

Verlagerung einbezogen. Der Mensch, der sich durch den

Sprachgebrauch in der Welt konstituierte, erkannte seine soziale

Dimension, welche ja ihrerseits ein Beispiel für die im Verlauf

seiner Entwicklung erreichte Ausdifferenzierung seiner Optionen ist.

Die heuristische Natur des Menschen äußerte sich in dem Augenblick,

in dem sich die Überlebensstrategien des Menschen aus ihrer

unmittelbaren Bindung an die natürlichen Zyklen lösten: Wenn sich z.

B. die Zahl der Tiere, die auf eine bestimmte Beute Jagd machen,

erhöht, so wird die gejagte Gruppe entweder neue Überlebensstrategien

suchen oder in einem absehbaren Zeitraum nicht mehr als Nahrung zur

Verfügung stehen. Der Mensch hingegen verfolgte andere Strategien.

Statt sich auf wenige Methoden der Nahrungsversorgung zu

konzentrieren, diversifizierte er seine praktischen Erfahrungen der

Selbstkonstituierung und des Überlebens und erschloß sich vielfältige

Ressourcen. Der homo habilis entwickelte in einem präagrikulturellen

Handlungsrahmen mannigfaltige Formen der Jagd, der Fischerei, der

Nahrungsmittelsuche. Während das begrenzte Nahrungsangebot bei allen

anderen Gattungen drastische Wachstumskontrollen zur Folge hatte,

entwickelte allein der Mensch eine Fähigkeit, die Palette seiner

Ressourcen zu erweitern. Im Verlauf dieser Entwicklung wurde das

menschliche Wesen zu einem arbeitenden Wesen, und die Arbeit wurde

zum eigentlichen Wesensmerkmal der Gattung.

Spracherwerb und der Übergang von den natürlichen Erfahrungen der

Selbstkonstituierungen im Überlebenskampf zu den praktischen

Erfahrungen in der Arbeit verlaufen parallel. Mit jeder neuen Skala,

in der sich der Mensch wiederfand, entfernten sich die menschlichen

Arbeitsabläufe von dem einfachen Muster von Aktion/Reaktion. Wir

haben in verschiedenen Zusammenhängen gezeigt, daß sich mit der

Entwicklung von Zeichenverwendung zu frühen Sprachformen und von

frühen Sprachformen zu fest etablierten sprachlichen Ausdrucksmitteln

die Skala der Menschheit erweitert und sich eine Grundstruktur der

Lebenspraxis durchgesetzt hat, die mit Sequentialität, Linearität,

Determinismus und Zentralismus einen neuen pragmatischen

Handlungsrahmen setzte.

Die Schriftfähigkeit wurde relativ spät erworben und ergab sich aus

dem Prozeß der Arbeitsteilung. Dieser Prozeß war seinerseits

gebunden an die Diversifikation der Ressourcen und praktischen

Erfahrungen, die den Synkretismus auf der Ebene der

Lebensgemeinschaft bewahrte. Nicht jeder schrieb, nicht jeder las.

Der neue Handlungsrahmen erforderte Ordnungsprinzipien, Methoden der

Aufgabenverteilung und der Überprüfung der Aufgaben, einen gewissen

Zentralismus und, vor allem, Organisationsformen, die weitgehend von

der Religion und den Regierungsinstanzen gestaltet wurden. Unter

diesen Bedingungen galt alles als Arbeit, was die Identitätsfindung,

das Überleben, die Veränderung und den Fortschritt der menschlichen

Gattung förderte. Das drückte sich in dem Maße in Sprache aus, in

dem es ausgedrückt werden mußte. Mit anderen Worten: Auch die

Sprache ist Teil des menschlichen Bemühens, Optionen und Ressourcen

zu diversifizieren.

Eine begrenzte Vermittlung durch Sprache und Schriftlichkeit wurde

nötig, um die Abstimmung von Bedürfnissen und Möglichkeiten zu

optimieren. Die Vermittlung nahm dabei ihrerseits den Charakter von

Arbeit an. Fragen waren zu stellen und zu beantworten,

Verpflichtungen waren einzugehen, Äquivalenzen herzustellen. Alle

Tätigkeiten waren darauf ausgerichtet, die verfügbaren Ressourcen zu

nutzen und durch neue zu ergänzen. Die jeweiligen Zeichenprozesse

mußten mit der jeweiligen Entwicklung der Produktivität, der

Verfügbarkeit von Ressourcen und dem daran geknüpften Planungsbedarf

Schritt halten. Die Einführung des Geldes markierte z. B. die

nächste abstraktere Vermittlungsebene, die die unmittelbaren

Lebensbedürfnisse in eine vergleichende Skala von Maßnahmen

übersetzte, die diese Bedürfnisse befriedigen konnte. Der

Zusammenhang, in dem sich Warentausch abspielte, führte zur

Verwendung des Geldes, welches später selbst zu einer Ressource,

einer Ware auf höchster Ebene wurde. Wie jede Vermittlungsform

entwickelte auch das Geld eine eigene Sprache. Mit dem Aufkommen von

universellen Austauschmitteln, wie Sprache eines ist, entwickelten

sich das Was und das Wie der menschlichen Tätigkeit noch weiter

auseinander. Direkter Handel nahm indirekte Formen an. Die

Bedürfnisse wurden nicht mehr durch die zufälligen Angebote eines

Marktes gestillt. Der Markt verwandelte sich zunehmend in ein

Organisationsmittel, für dessen Abläufe und für dessen Erweiterung

die Sprache zu Diensten war. In diesen Formen des Marktes war

Sprache noch immer rudimentär, direkt, mündlich, an den unmittelbaren

Ausdruck gebunden und oft genug in dem Augenblick verbraucht, in dem

sich die Ressource oder die Option erschöpft hatte (sofern keine

Alternative entwickelt wurde). Das gilt auch heute noch.

Später erst entwickelte die Sprache ihre Möglichkeiten, Sachverhalte

aufzuzeichnen, Transaktionen auszuführen, Pläne zu entwickeln und

neue Erfahrungsbereiche zu erschließen. Die Logik dieser Sprachform

objektivierte gewissermaßen die Logik der menschlichen Tätigkeit.

Sie ergänzte die angeborene heuristische Veranlagung des Menschen.

Die Interaktionsformen des Marktes und die zunehmenden

Effizienzerwartungen verliehen der menschlichen Tätigkeit

vermitteltere Formen. In jenen lange zurückliegenden Zeiten, in

denen die ersten Sprachformen Kontur gewannen, vermehrte sich die

Zahl der Werkzeuge, bis schließlich diese Werkzeuge zusammen mit

anderen Hervorbringungen des Menschen über ihre Funktion als

Hilfsmittel hinaus ihrerseits zu Handelsobjekten wurden. Als

vermittelndes Element zwischen dem Hersteller und dem Hergestellten

war das Werkzeug Arbeitsmittel und zugleich Ziel: Bessere Werkzeuge

erforderten eine Unterweisung derer, die sie benutzten. Der

angemessene Gebrauch wiederum erhöhte die Effizienz der Arbeit und

den Markterfolg der Produkte. Bei der Ausfächerung der praktischen

Erfahrungen spielten diese Werkzeuge eine ähnliche Rolle wie bei der

Erweiterung der Lebenserhaltungsgrundlagen. Die Mittel, mit denen

Werkzeuge und andere menschliche Produkte geschaffen wurden, ließen

weitere Sprachen, etwa das Zeichnen, entstehen, auf welche die frühen

Formen der Technik zurückgreifen konnten. In diesem Zusammenhang

müssen wir an eine bereits getroffene wichtige Feststellung erinnern:

Kein Werkzeug wird einfach nur benutzt. Der Benutzer paßt sich den

Bedingungen der Benutzung, dem Werkzeug, an und wird in gewisser

Weise selbst zum Benutzten, zum Werkzeug des Werkzeugs. Das gilt

gerade auch für Sprache, Schrift und Schriftkultur. Sie wurden

entwickelt zur Optimierung der menschlichen Lebenspraxis. Aber die

Menschen haben sich auch den Zwängen der von ihnen ersonnenen

Erfindung unterworfen.

Am Anfang der Schriftkultur führte die Spannung zwischen einer

erzwungenen schriftlichen Präzision--die Nähe der Sprache zum

Gegenstand, die sprachliche Benennung nur solcher Gegenstände, die

auch Piktogramme darstellen könnten--und einer relativ breit

gefächerten mündlichen Sprache zu Konflikten zwischen den Verfechtern

der Schrift und den Hütern der Mündlichkeit (wie wir es an den

verschiedenen Positionen griechischer Philosophen ablesen konnten).

Das Geschriebene mußte vom Gegenstand genauso befreit werden wie der

Mensch von einer bestimmten Quelle für Proteine oder Nahrungsmittel.

Es mußte zu allgemeineren Ausdrucksformen finden und auf Familien,

Typen, Klassen usw. von Gegenständen verweisen können. Mündlichkeit

mußte gezähmt und mit Schriftlichkeit in Einklang gebracht werden.

Und dieser Zähmungsprozeß konnte sich nur durch Arbeit und durch

soziale Interaktion vollziehen. Alle menschlichen Bemühungen, das

aus der Arbeit gewonnene Wissen in entsprechende Gegenstände

umzusetzen (die das Messen, die Orientierung oder die Navigation

erleichterten), legen hierfür ein Zeugnis ab. Die phonetische

Schrift als Fortentwicklung der menschlichen Bemühungen zur

Optimierung der Schrift konnte die mündliche Sprache besser nachahmen.

Persönliche Merkmale, die das Mündliche expressiv gestalteten, und

soziale Merkmale, die das Geschriebene mit Merkmalen versahen, die

sie näher an das Gesprochene heranführten, werden durch das

phonetische System unterstützt. Das theokratische System der

Piktographen und die von anderen als demokratisch bezeichnete Sprache

der phonetischen Schrift verdienen ihre Namen nur dann, wenn wir

beide Sprache als konstitutiv und repräsentativ für die menschliche

Erfahrung verstehen. Undifferenzierte Arbeit ist theokratisch. Ihre

Gesetze ergeben sich aus dem, was Gegenstand der praktischen

Erfahrung ist. Geteilte Arbeit ist trotz ihrer Auswirkungen auf die

Integrität derer, die nur einen kleinen Teil des gesamten

Arbeitsprozesses ausmachen, ihrer Natur nach partizipatorisch in dem

Sinne, daß ihre Ergebnisse von der Leistung eines jeden in diesen

Arbeitsprozeß eingebundenen Menschen abhängen. Ausübung und

Erfahrung von Sprache und Ausübung und Erfahrung von geteilter Arbeit

sind wesensmäßig miteinander verbunden und entsprechen dem

pragmatischen Rahmen jener menschlichen Skala, aus der sie

hervorgingen. Arbeitsteilung und die Bindung von sehr abstrakten

phonetischen Einheiten an sehr konkrete Formen der Versprachlichung

menschlicher Erfahrung bedingen sich gegenseitig.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 49 / 65 题