Die Skala der Arbeit und die Skala der Sprache

In allen unseren gegenwärtigen und unserer Zeit vorausgegangenen

Handlungsrahmen war es relativ einfach, eine Kontinuität von Mitteln,

Methoden und zeitlichen Prozessen herzustellen. Von größerem

Interesse sind aber die Diskontinuitäten. Wir sehen uns einem

solchen Umbruch ausgesetzt. Der Gegensatz zwischen der Schriftkultur

und einem Zivilisationsstadium jenseits der Schriftkultur ist dafür

spürbarer Ausdruck. Am unmittelbarsten nehmen wir diesen Umbruch in

seiner Auswirkung auf unsere Identitätserfahrung im schnellen

wirtschaftlichen Wandel wahr. Manche Industriezweige verschwinden

gleichsam über Nacht. Viele innovative Ideen schaffen ebenso schnell

neue Arbeit, die allerdings neue Arbeitsbedingungen mit sich bringt.

Dieser Umbruch schlägt sich nicht nur in Statistiken nieder; er ist

kennzeichnend für eine qualitative Veränderung, die wir an den neuen

Beziehungen zwischen Arbeit und Sprache ablesen können.

Eine der Hauptthesen dieses Buches besagt, daß Umbrüche, in der

Theorie dynamischer Systeme auch Phasenverschiebungen genannt, sich

als Skalaveränderungen äußern. Schwellenwerte kennzeichnen die

Herausbildung neuer Zeichenprozesse. Wir konnten zeigen, wie die

praktischen Erfahrungen, durch die sich der Mensch seiner

Wirklichkeit vergewissert, durch die Skala beeinflußt werden,

innerhalb derer sie sich abspielen. Ein wesentliches Merkmal der

Menschheitsentwicklung bestand darin, daß mit zunehmender Komplexität

der zu lösenden Aufgabe die dafür notwendige Arbeit geteilt werden

mußte. Doch erst in der für unsere Zeit charakteristischen Skala hat

die fortschreitende Arbeitsteilung ihren kritischen Punkt erreicht.

In der Industriegesellschaft und in allen vorausgegangenen

Zivilisationsstadien war die Beziehung zwischen dem Ganzen (Aufgabe,

Ziel, Plan) und seinen Teilen (Teilaufgaben, Teilziele, aufeinander

folgende Planschritte) im Prinzip vom Menschen zu überblicken und zu

beherrschen. Allenthalben erwies sich die Arbeitsteilung als eine

effiziente und erfolgreiche teile-und-herrsche-Strategie für die

zunehmende Komplexität der sich jeweils stellenden Aufgaben.

Auch die Schriftkultur und die Form der Schriftlichkeit, die selbst

eine Praxis von nicht zu unterschätzender Komplexität darstellen,

erwiesen sich in diesem Prozeß als hilfreich, solange die

Differenzierung der Arbeit und das Ausmaß der zu leistenden

Integration im Rahmen der schriftkulturellen Komplexität lagen. Ist

deren Komplexität allerdings einmal überschritten, dann ist es zwar

vielleicht noch vorstellbar, daß die von der Schriftkultur

bereitgestellten Mittel die Reintegration der Teile in das gewünschte

Ganze leisten, aber das Management dieser Mittel jenseits einer von

uns zu überblickenden Komplexität liegen würde. Obwohl also die

Schriftkultur auch heute noch in mancherlei Hinsicht leistungsfähig

ist, erweist sie sich doch gegenüber den vielen von der Sprache

unabhängigen pragmatischen Ebenen als relativ flach. Und nicht nur

Schrift und Schriftkultur, auch die hochgelobte menschliche

Intelligenz könnte sich als flach erweisen.

Die veränderte Bevölkerungsskala und der damit verbundene Bedarf, der

exponentiell höher als jede Erfahrungsbreite eines Individuums ist,

hat zu einer vertieften Segmentierung der Arbeit und damit zu einer

Fülle von Verschiedenheiten geführt, die von einem einzelnen

Bewußtsein (mind) nicht mehr erfaßt werden können. Da aber die

Beschaffenheit eines jeden Bewußtseins (mind) für die

Selbstkonstituierung des Menschen von der Interaktion mit anderen

Bewußtseinsformen abhängig ist, ergibt sich zwangsläufig die

Notwendigkeit neuer Interaktionsmittel, die sich wesentlich von den

auf Sequentialität, Linearität und Dualismus bezogenen

Interaktionsmitteln unterscheiden. Dieses neue Stadium ist nicht

einfach eine Fortschreibung eines vorausgegangenen, und noch weniger

ist es das Ergebnis eines stets wachsenden Fortschrittsprozesses.

Die Erfindung des Rades, an deren Anfang die Verwendung abgerundeter

Steine stand, öffnete mit anderen an das Rad geknüpften

Erfahrungsformen eine Erneuerungsperspektive. Die Erfindung des

Hebels leistete Ähnliches, möglicherweise auch die Erfindung der

Buchstabenschrift und des Zahlensystems. Deshalb konnte das Alte und

das Neue durch Vergleich, Metaphern und Analogien innerhalb einer

vorgegebenen Skala des Menschen zueinander in Beziehung gesetzt

werden. Aber aus dem gleichen Grunde haben wir es bei einer

Veränderung der Skala mit einem Umbruch zu tun, der die Übersetzung

unserer Erfahrungen in die Sprache der Vergangenheit verbietet.

Ein Auto ist in gewisser Hinsicht Teil des zunehmenden

Fortschrittsprozesses, der mit der Pferdekutsche begann. Flugzeug

und später Rakete lassen sich schon weniger problemlos in einen

allmählichen Veränderungsprozeß einordnen, stehen aber noch immer in

relativer begrifflicher Nähe zu unseren Erfahrungen mit Fliegen und

Vögeln oder mit einer auf Ursache und Wirkung gründenden Physik. Ein

Atomkraftwerk hingegen ist jenseits solcher Erfahrungen. Hier liegt

die Leistung darin, den Prozeß zu zähmen, ihn innerhalb einer Skala

zu halten, die ihn als neue Energiequelle verwendbar macht. Das

Verhältnis zwischen den in diesem Prozeß eingebundenen

Größenordnungen--Materie auf atomarer Ebene im Vergleich zu der

enormen Maschinerie und Architektur--liegt nicht nur jenseits des

Wahrnehmungshorizonts eines individuellen Bewußtseins, sondern auch

jenseits derer, die diese Reaktoren betreiben, wenn sie nicht von

einer enormen Technologie von ebenfalls außerordentlich hoher

Komplexität unterstützt würden. Das Schmelzen des

Tschernobyl-Reaktors hat uns die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs

demonstriert und zugleich gezeigt, wie bedeutungslos dagegen die in

die Schriftkultur eingebetteten Erfahrungen des traditionellen

Energiemanagements sind.

Die großen Satelliten--und funktelefonischen Netzwerke, die den

früher geläufigen Begriff des Äthers konkret verkörpern, bieten ein

neues Beispiel für die durch die neue Skala der menschlichen

Tätigkeit bewirkte Skala menschlicher Arbeit; ein Gleiches gilt für

die Telefonnetzwerke--mit Kupfer-, Koaxial- oder Glasfaser. Diese

Netzwerke, die die umfassende Kommunikation von Stimme, Daten und

Bildern mit einer ausgeklügelten Hochleistungstechnologie leisten,

verbieten jeden Vergleich mit Edisons Telefon, mit Briefen oder mit

Videokassetten. Die Menge der vermittelten Informationen, die

Geschwindigkeit der Vermittlung und die dafür entwickelten

Synchronisierungsmechanismen erstellen einen Rahmen für die

Interaktion zwischen den entlegensten Positionen, der für alle

Beteiligten die Zeit neu stellt und jegliche physische Distanz

eliminiert. Schriftlichkeit und Schriftkultur hätten mit ihren

Möglichkeiten solche Ebenen niemals erreichen können.

Und schließlich läßt uns der Computer, allein oder eingebunden in

Netzwerke, die Grenzen unserer Wahrnehmungsfähigkeit für komplexe

Zusammenhänge in aller Deutlichkeit erkennen. Die Tatsache, daß ein

Flugzeug etwa 200mal schneller ist als ein Fußgänger und daß es

300-450 Passagiere einschließlich deren Gepäck fassen kann, bereitet

uns offenbar noch keine Probleme. Der Computerchip hingegen ist eine

geistige Errungenschaft, die jenseits unserer

Verständnismöglichkeiten liegt. Die Funktionsweise eines digitalen

Computers--sowohl als Ganzes, als auch in allen seinen kleinen mit

vielfältigen und komplizierten Funktionen ausgestatteten

Komponenten--gehört einer Skala an, zu der wir weder intuitiven noch

unmittelbaren Zugang haben. Computer sind nicht einfach bessere

Rechenmaschinen oder Ladenkassen. Das Zeitalter des Computers ist

vielmehr gekennzeichnet durch eine semiotische Fokussierung, in der

auf die Sprachverarbeitung der Schriftkultur die Symbolmanipulation

im Computer folgt.

Neben seiner unüberschaubaren Komplexität hat der Computer jedoch

auch noch andere Folgen: Er ersetzt die als Kontinuum aufgefaßte Welt

durch eine aus verschiedenen diskreten Zuständen bestehende Welt.

Das könnte auf den ersten Blick nur wie ein qualitativer Unterschied

anmuten, wenn sich die Abkehr von einer aus zusammenhängenden

Funktionen und monotonem Verhalten bestehenden Welt--was immer auf

Extremfälle zutrifft, gilt auch für alles zwischen den extremen

Polen--nicht konkretisieren würde als radikal veränderte Bedingungen

für die identitätsstiftende praktische Erfahrung.

Die Welt der Schriftkultur ist durch Analogerwartungen gekennzeichnet,

denen zufolge Akkumulation zu Fortschritt führt: Mehr Wissen

(Sprache, Wissenschaft, Kunst) führt zu vermehrten Mitteln

(Ressourcen) und vermehrtem Besitz. Auch Fleiß und Strebsamkeit--in

allgemeiner oder spezifischer Form--ist Teil dieser analogen

Denkstruktur. Das Digitale ist seiner Natur nach nicht linear. Im

digitalen Bereich verändert eine kleinste Abweichung das

Verarbeitungsresultat so drastisch, daß allein das Auffinden und

Beheben des Fehlers eine neue Erfahrung und oftmals eine neue

Wissensquelle darstellt.

Im geschriebenen Satz wird ein Schreib- oder Druckfehler fast

automatisch korrigiert. Die Schriftlichkeit gibt uns ein Modell für

die Unterscheidung zwischen richtig und falsch in die Hand. In der

digitalen Welt sind die Sprache des Programms und die Daten, die es

bearbeitet, schwer, wenn überhaupt, zu unterscheiden. Diese

Maschinen können Symbole in einer viel größeren Menge und Vielfalt

verarbeiten als der menschliche Verstand. Da sie auch nicht die Last

vorangegangener praktischer Erfahrungen zu tragen haben, können

solche Maschinen auf potentielle Erfahrungen in einem Bezugsrahmen

hinarbeiten, zu dem Schriftkultur und Schriftlichkeit keinen Zugang

besitzen. Das Verhalten eines Gegenstandes in einem

multidimensionalen Raum (vier, fünf, sechs oder noch mehr

Dimensionen), Handlungen in einem regressiven Zeitverlauf oder in

verschiedenen unterschiedlichen und bezugslosen Zeitrahmen oder

Modellierungen, die über die Fähigkeit des menschlichen Verstandes

weit hinausgehen--diesen und vielen anderen Phänomenen, die für das

Überleben und die Weiterentwicklung der Menschheit von unmittelbarer

Bedeutung sind, widmet sich der digitale Computer. Allerdings, so

könnte man einwenden, formuliert der Computer nicht die Probleme, die

er löst. Darum geht es aber nicht. Auch die Schriftkultur hat nicht

die Probleme formuliert, für die sie die Antworten lieferte. Beide

verkörpern auf ihre Weise Formulierungen und Antworten, die der Skala

entsprechen, der sie zuzuordnen sind. Die weniger expressive Sprache

aus Nullen und Einsen (ja/nein, offen/geschlossen, weiß/schwarz) ist

dafür präziser und für die Komplexitätsebenen unseres neuen

Evolutionsstadiums angemessener. Die allgemeine Verwendbarkeit des

Computers, die Abstraktionsfähigkeit des Programms für die

Symbolmanipulation und die sehr konkreten Daten, auf die die Arbeit

des Programms bezogen ist, stellen eine leistungsfähige Verknüpfung

aus verdinglichtem Wissen, effektiven Prozeduren für Problemlösungen

und hohen Analysefähigkeiten dar. Diejenigen, die im Computer nur

eine wichtige technologische Metapher unserer Zeit sehen, verkennen

den durch ihn hervorgerufenen und ermöglichten neuen Rhythmus unserer

Lebenspraxis und die Rolle, die der Computer eingenommen hat, in dem

Maße wie sich die Grenzen unseres Verstandes offenbart haben (so wie

der Mensch in der industriellen Gesellschaft die Grenzen seiner

körperlichen Leistungsfähigkeit erfahren mußte).

Edsger Dijkstra hat für den Umgang mit dem radikal Neuen einen

methodischen Ansatz vorgeschlagen, in dessen Mittelpunkt "die

Schaffung und das Erlernen einer neuen fremden Sprache steht, die

nicht in irgendeine der bestehenden Muttersprachen übersetzt werden

kann." Dieser Vorschlag deutet in die richtige Richtung, geht aber

nicht weit genug. Den radikalen Umbruch werden wir nur dann in den

Griff bekommen, wenn wir akzeptieren, daß Schriftkultur und

schriftkulturelle Bildung ihre Grenzen erreicht haben und an ihre

Stelle die Illiteralität, der Analphabetismus der zahllosen

Spezialsprachen tritt, die für unsere Selbstkonstituierung in den

neuen Lebensumständen erforderlich sind. Dieser Abriß der

gegenwärtigen Veränderungen mag zu neuer Verwirrung führen. In dem,

was wir üblicherweise eine zivilisierte Gesellschaft nennen, hat

bislang die Sprache als Einheitswährung für kulturellen Austausch

gegolten. Werden nun die höheren Effizienzgrade und Erwartungen, die

den Markt und die Technologie antreiben, ihrerseits die neuen, von

ihnen geschaffenen Kommunikationsmittel untergraben? Wird unsere

Sprache in einer ihrer neuen, nicht schriftkulturellen Verkörperung,

wenn sie mit dem exponentiellen Informationswachstum nicht mehr

Schritt halten kann, sich ebenfalls einer Umstrukturierung

unterziehen müssen? Werden wir eine völlig neue Art von Symbolen

entwickeln oder irgendeine Art von Vorverarbeitung, bevor die

Informationen an den Menschen vermittelt werden? Alle diese Fragen

bleiben aber auf die Arbeit bezogen, auf die Arbeit als die

Erfahrungsform, aus der sich die menschliche Identität gemeinsam mit

den menschlichen Produkten, die den Stempel dieser Identität tragen,

ergibt.

Die aktive Rolle, die jedes Zeichensystem ausübt, ist durchaus

vergleichbar mit der Funktion von Werkzeugen. Die Hand, die einen

Stein wirft, wird von diesem auch "getroffen", d. h. beeinflußt.

Hebel, Hämmer, Zangen, Teleskope, Füllhalter, Automaten und Computer

unterstützen unsere praktischen Erfahrungen, wirken sich aber

gleichzeitig auf die Individuen aus, die sich durch ihren Gebrauch in

der Welt konstituieren. Eine Geste, ein geschriebenes Zeichen, ein

Laut, eine Körperbewegung, geschriebene oder gelesene Wörter drücken

uns aus oder tragen unsere Äußerungen weiter und wirken sich

gleichzeitig auf diejenigen aus, die sich im Gebrauch dieser Zeichen

als Menschen konstituieren. Der Einfluß der Sprache auf die Arbeit

ist daher gleichbedeutend mit dem Einfluß, den Sprache innerhalb

eines gegebenen pragmatischen Rahmens auf den Menschen ausübt. Um

einige Aspekte dieses äußerst schwierigen Problems zu erhellen,

wollen wir die synkretistische Natur des Menschen etwas näher

betrachten.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 48 / 65 题