Der Wegwerfmensch

Für jedes Phänomen wird es je nach Standpunkt des Betrachters

unterschiedliche Erklärungen geben. Aber unabhängig von den

Erklärungen, die man für das hier beschriebene Phänomen anbieten kann,

bleibt die allen Erklärungen zugrundeliegende Tatsache, daß sich

nachhaltige Veränderungen vollzogen haben und daß diese Veränderungen

darauf zurückzuführen sind, daß der Mensch seine Identität zunehmend

in solchen Formen der Selbstkonstituierung findet, die nicht an

Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung geknüpft sind. Mit dem

allmählichen Verzicht auf Lese- und Schreiberfahrungen und dem

Aufkommen anderer Kommunikations- und Rezeptionsformen ist der Mensch

noch einer weiteren Strukturveränderung unterworfen: der Verlagerung

von Zentralismus auf Dezentralismus, von einem zentripetalen

Existenz- und Handlungsmodell, in dessen Mittelpunkt das

traditionelle Wertsystem (religiöse, ästhetische, moralische,

politische Werte usw.) steht, zu einem zentrifugalen Modell: von

einem monolithischen zu einem pluralistischen Modell. Der Verlust

des Zentrums bedeutet paradoxerweise, daß der Mensch auch seine

zentrale Rolle und seinen Bezugswert verliert. Das führt zu einer

dramatischen Situation: Wenn die menschliche Kreativität den

begrenzten Vorrat an Ressourcen (Mineralien, Energie, Nahrungsmittel,

Wasser usw.) dadurch auszugleichen versucht, daß sie Ersatzquellen

oder eine effizientere Verwendung der traditionellen Ressourcen

findet, dann wird der Mensch selbst zu einer Wegwerfware; je

begrenzter seine praktische Selbstkonstituierung ist, desto

disponibler wird er.

Innerhalb der durch die Schriftkultur gekennzeichneten Lebenspraxis

wurden Maschinen weniger oft ausgewechselt; selbst wenn sie

ausgewechselt oder verändert wurden, behielt der, der sie betrieb,

seinen Platz. Die einmal erworbenen Grundfertigkeiten reichten für

die Dauer eines Arbeitslebens. Ebenso waren die konstruierten

Gegenstände auf lebenslange Dauer angelegt.

Die von uns beschriebene Lebenspraxis jenseits der Schriftkultur mit

ihren schnellen Veränderungen und immer kürzer werdenden Zyklen

machte auch den Menschen ersetzbar. In der neuen Skala der

menschlichen Tätigkeit verliert das große und wachsende Angebot der

Ware Mensch zunehmend an Wert: an Marktwert, an geistigem und an

tatsächlichem Wert. Die Würde des Lebens gibt der ausgeklügelten

Technologie der Lebenserhaltung, dem mechanischen Verlauf des Daseins

und den Studios für Fitneß und Bodybuilding Raum. An der

unbegrenzten Börse der Ersatzteile werden Nieren oder Herzen

(mechanische oder natürliche) fast genauso geführt wie Schweinemägen

und Zement, van Goghs Gemälde, CD-Geräte und höchstentwickelte

medizinische Instrumente. Alles gilt als Ware. Hinter all diesen

Waren verbirgt sich hochspezialisierte Arbeit, die auf dem Niveau des

Profisports oder des Managementprofis bezahlt wird.

Der arbeitende Mensch, der sich mit seiner Arbeit in kurzlebige

Produkte hineinprojiziert, projiziert zugleich deren Disponibilität

als neuen moralischen Wert in sie hinein, was nicht ohne Auswirkungen

auf seine eigenen Lebensbedingungen bleibt und schließlich zur

Auflösung der traditionellen Werte führt. Die hohe Effizienz unserer

Arbeit garantiert der Menschheit zwar ausreichende

Überlebensressourcen, aber nicht mehr die praktischen Erfahrungen,

die die Integrität des Individuums und die Würde des menschlichen

Daseins sichern. Innerhalb eines schriftkulturellen Diskurses und

der dazugehörigen Ideologie der Dauerhaftigkeit sorgt diese neue

Moral der Disponibilität für Schlagzeilen; aber da die

Strukturbedingungen, die zu dieser Moral führten, davon unbetroffen

bleiben, verlieren sich die Schlagzeilen unter den zahllosen anderen

kulturkritischen Kommentaren, einschließlich derjenigen, die den

Niedergang der Schriftkultur beklagen.

Natürlich gehört die Disponibilität der Sprache in diesen

Zusammenhang. Wenn Grundfertigkeiten in unserer schnellebigen Welt

des Umbruchs immer weniger bedeutsam werden, wird auch dem Individuum

immer weniger Gewicht beigemessen. Unter dem Schlagwort von

Grundfertigkeiten werden junge und weniger junge Arbeiter einer

Ausbildung im Lesen und Schreiben unterzogen, die mit den praktischen

Erfahrungen immer kürzer werdender Arbeitszyklen immer weniger zu tun

haben. Auf der Suche nach billigen Arbeitskräften haben viele

Unternehmen die Vereinigten Staaten entdeckt; hier treffen sie in

weiten Bereichen auf eine Effizienz, die sie unter den aus der

Schriftkultur hervorgegangenen Arbeitsgesetzen ihrer Länder niemals

erreichen könnten. Mercedes Benz, BMW, Porsche und viele japanische

Unternehmen bilden ihre Arbeitskräfte in South Carolina, Mississippi,

Arkansas und anderen Staaten aus. Die Einsatzfähigkeit dieser

Arbeitskräfte ist fast mit der von Maschinen zu vergleichen, wenn

diese Arbeitskräfte nicht ohnehin durch Automatisierung ersetzt

werden.

Der technologische und der menschliche Zyklus sind so eng ineinander

verwoben, daß man von der hybriden Natur der heutigen Technologie

ohne weiteres sagen kann: Maschinen mit einer life-Komponente. Viele

Maschinen sind nicht mehr uns zu Diensten, sondern wir ihnen. Unsere

Ausstattung zum Desktop-Publishing auf allerhöchstem Qualitätsniveau,

zur Datenverarbeitung für finanzielle Transaktionen oder zur

Visualisierung wissenschaftlicher Phänomene erfordert es, daß wir die

Maschinen mit Daten füttern und das entsprechende Programm fahren,

damit sich ein vernünftiges Ergebnis einstellt. Lediglich in solchen

Fällen, in denen die Maschine vielleicht nicht den Unterschied

zwischen guter und schlechter Schrift erkennt, muß der Operator mit

seinem Wissen eingreifen, das immaterielle Faktoren wie Stil, Gefühl

oder Geschmack umfaßt.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 47 / 65 题