Der Mensch hat Maschinen gebaut, die den menschlichen Arm und seine
Funktionen imitiert und auf diese Weise die Natur der Arbeit
verändert haben. Die Fähigkeiten, die man zur Beherrschung dieser
Maschinen benötigte, unterschieden sich von den handwerklichen
Fähigkeiten, die nun nicht mehr von Generation zu Generation
übertragen wurden und daher an Gültigkeit und Dauerhaftigkeit
verloren. Die industrielle Revolution erreichte Effizienzebenen, die
für den Unterhalt von Maschinen und Arbeitern ausreichten. Diese
Maschinen wurden permanent verbessert und erforderten immer besser
ausgebildete Operatoren, deren Ausbildung darauf ausgerichtet war,
das Maximum aus den ihnen anvertrauten Produktionsmitteln
herauszuholen.
Heute verliert die natürliche Sprache für die praktischen Erfahrungen
des Menschen immer mehr an Bedeutung. Das, was uns als verminderte
Schreib-, Leseund Ausdrucksfähigkeit erscheint, ist tatsächlich ein
Symptom für eine neue Grundlage der Lebenspraxis. Die Ausdrucks- und
Kommunikationsmittel der Schriftkultur werden nicht nur durch andere
Ausdrucks- und Kommunikationsformen ergänzt, sondern zunehmend durch
sie ersetzt. Oder sie werden auf ein stereotypes Repertoire
reduziert, das man leicht mechanisieren, automatisieren und
schließlich als erledigt betrachten kann. Die Kontrolle eines
automatisierten Montagebandes, der Betrieb einer komplizierten
Maschine, die Ausführung einer sehr begrenzten Tätigkeit ohne
Überblick über den gesamten Arbeitszusammenhang und viele ähnliche
Funktionen bringen den Menschen heute in eine Situation, in der die
Kompetenz des Einzelnen darauf reduziert ist, die gestellte
spezifische Aufgabe kompetent zu lösen. Bevor diese Aufgabe
wegrationalisiert wird, wird sie stereotypisiert. Sofern Sprache
ergänzend zu der involvierten Fachsprache hier noch eine Rolle spielt,
wird sie komprimiert und auf den begrenzten, d. h. nötigen und
möglichen Kommunikationsbedarf hin zugeschnitten und der sich
verändernden Situation permanent und schnell angepaßt.
Ein Handbuch für den Betrieb oder die Reparatur einer
hochkomplizierten Maschine oder Waffe beinhaltet heute weniger Wörter
als Bilder. Und die verwendeten Wörter sind auf das Bild bezogen.
Oft ist aber das Handbuch bereits durch ein Video, eine Laserdiskette,
eine CD-ROM oder durch im Netzwerk verankerte und jederzeit
aufrufbare Bedienungshilfen ersetzt. Oder aber die Maschine selbst
beinhaltet ein computerisiertes Handbuch, dessen Pages (auf dem
Bildschirm) aufgerufen werden können und die notwendigen
Informationen für die einzelnen Bedienungsschritte liefern; dies kann
auch in Form synthetischer Sprache für kurze Äußerungen und
vorfabrizierte Dialoge geschehen. Hierfür nur einige Beispiele: In
den USA werden bereits Dollarnoten entwickelt, die uns ihren Wert
nennen; Autos sind mit Geräten ausgestattet, die uns ansprechen, wenn
wir die Tür nicht geschlossen oder den Sicherheitsgurt nicht angelegt
haben; Glückwunschkarten können bereits mündlich aufgezeichnete
Botschaften des Absenders (und zukünftig vermutlich sogar laufende
Bilder) enthalten. Auch wenn derartige Artifakte den oberflächlichen
Geschmack ihrer Benutzer verraten, verweisen sie letztlich doch alle
auf eine neue Lebenspraxis und die ihr zugrundeliegende Struktur, die
der Komplexität der neuen Skala der Menschheit gerechter wird.
Vielleicht landen die Stimmen, die wir heute in unseren Autos hören,
schon bald in einem Museum, wenn das allgemeine Leitsystem für unsere
Autos installiert ist und wir nur noch den Zielort und bestimmte
Routen und Vorlieben eingeben müssen. Und selbst das Supertech-Auto
könnte sich schnell zu seinen musealen Vorläufern gesellen, wenn die
Energieorgien, die wir täglich zu den Stoßzeiten auf Straßen und
Autobahnen erleben, durch rationellere Arbeits- und Lebensstrategien
ersetzt werden. Die Telekommunikation befindet sich noch in den
Kinderschuhen und läßt erst vage erkennen, was sich daraus noch alles
entwickeln könnte. Die sprechende Glückwunschkarte könnte durch ein
Programm ersetzt werden, das sich an die Geburtstage unserer
Verwandten und Freunde erinnert, das Profil des Adressaten aus den
gespeicherten Daten (Vorlieben, Lebensumstände, etc.) heraussucht und
daraus eine Originalbotschaft erstellt, die mit der elektronischen
Zeitung zum Morgenkaffee auf den Tisch kommt. All das könnte bereits
heute mit geringem Aufwand von den Herstellern von Bildschirmschonern
angefertigt werden.
Wie immer die Zukunft aussehen wird, deutlich ist, daß sich gerade
auch die Produktionsmittel immer weiter entwickeln. Der
Bildungsstand in bezug auf die von der Schriftkultur bereitgestellte
Bildung bleibt jedoch auf einem relativ geringem Niveau, weil die
Menschen für die meisten heutigen Arbeitsformen diese Form von
Bildung nicht mehr benötigen. Einer der Gründe liegt sicherlich
darin, daß die meisten neuen Maschinen das Wissen, das man für ihren
Betrieb benötigt, in sich einprogrammiert haben. Sie sind allesamt
viel effizienter als Menschen. Diese Entwicklung hat auch ihre
Auswirkungen auf die Universitätsausbildung. Sofern Universitäten
ihre Studenten auf die Arbeitswelt vorbereiten sollen, müssen sie
sich denselben hohen Effizienzerwartungen stellen. Daher sind
Universitäten heute zunehmend Ausbildungsstätten für bestimmte
hochqualifizierte Berufe und weniger Orte der Bildung im
traditionellen Sinne der allgemeinen kulturellen Bildung und der
Vermittlung von Grundlagenwissen in allen Bereichen.
Wenn wir auf den niedrigen Bildungsstand verweisen, wollen wir damit
nicht in die Klage der Humanisten einstimmen, sondern die
tatsächliche Situation auf dem Arbeitsmarkt beschreiben. Die
Tatsache, daß die natürliche Sprache zumindest in ihrer
schriftsprachlichen Form weder die wichtigste Vermittlungsinstanz für
kollektive Erfahrung noch das allgemeingültige Ausbildungsmittel
darstellt, ist struktural bedingt. Die heutige praktische Erfahrung
menschlicher Selbstkonstituierung beruht in allen ihren
Aspekten--Arbeit, Markt, Ausbildung, gesellschaftliches Leben--mehr
auf Bildern als auf Schriftlichkeit. Wo immer eine bestimmte Norm
oder ein Gesetz zu befolgen ist, verwenden wir heute piktographische
Darstellungen, und zwar nicht nur, um die Grenzen der einzelnen
Nationalsprachen zu überwinden (wie auf Flughäfen, in Olympiastadien,
bei Verkehrszeichen oder bei internationalen Handelsbeziehungen),
sondern als Ausdruck einer bestimmten Lebensart und Funktionsweise
des Menschen. Die heutige Kommunikation ist eindeutig vom visuellen
Element beherrscht.
Wörter und Sätze, die im Verlauf ihrer historischen Verwendung in
unterschiedlichen sozialen, geographischen und historischen
Zusammenhängen zu mehrdeutig geworden sind, erfordern zuviel
Bildungsanstrengungen, um einer erfolgreichen Kommunikation zu dienen.
Die auf Schriftkultur basierende Kommunikation erfordert einen
höheren Aufwand als den, der für das Hervorbringen, Erkennen und
Betrachten von Bildern nötig ist. Bilder verkörpern eine
positivistische Einstellung und bringen eine relativistische Haltung
mit sich. Sie müssen nicht in sequentieller Abfolge gelesen werden,
ihre Lektüre erfordert keine zeitlichen und finanziellen
Lernanstrengungen, sie weisen nicht die der Schriftkultur eigene
Regelstrenge auf, kurz: Der Gebrauch von Bildern spiegelt unsere
Effizienzerwartungen wider, die sich aus der neuen Skala des Menschen
ergeben. Die Verlagerung von einer eher schriftlich orientierten zu
einer eher visuell orientierten Kultur ergibt sich nicht aus den
Entwicklungen der Medientechnologie, sie ist vielmehr das Ergebnis
fundamentaler Veränderungen der Arbeits- und Wirtschaftswelt, die
diese neuen Medien erst erforderlich und schließlich ihre Produktion
und Verbreitung möglich gemacht haben.
Die hier diskutierte Veränderung ist sehr komplex. Die Bedürfnisse
einer vermittelten Praxis und die neuen leistungsfähigen
Vermittlungsmechanismen der Massenkommunikation, die das Individuum
in den Mechanismus einer globalen Wirtschaft integrieren, kommen in
dieser Veränderung zum Ausdruck. Der Übergang von einer Sprache zu
einer Vielfalt von Spezialsprachen und von direkter zu indirekter
durch Multimedien vielfach vermittelter Kommunikation beschränkt sich
dabei nicht einfach nur darauf, den Logozentrismus (ein strukturelles
Merkmal von auf Schriftkultur gründenden Kulturen) und die daran
gebundene Logik abzulegen. Wir alle sind eingebunden in den Prozeß,
der viele Bedeutungszentren an die Stelle des Wortes und der
traditionellen Sprachkompetenzen setzt. Diese Zentren können in der
Subkultur oder in der etablierten Kultur angesiedelt sein. Nehmen
wir als Beispiel nur die Internet-Cafés, in denen man beim
Kaffeetrinken über die Kontinente hinweg kommuniziert, oder die
Gespräche, die ein japanischer Journalist in einer sowjetischen
Raumstation mit seinen Kollegen führt, oder die Bilder, die wir von
einer Kunstausstellung in Bogotá vermittelt bekommen. Alles dies
sind die Ausdrucksformen der neuen Erfahrungen, die sich im
sogenannten Cyberspace nachvollziehen lassen.