Wenn wir die Leistungsfähigkeit der unmittelbaren Erfahrung mit der
Leistungsfähigkeit von vermittelten Erfahrungsformen--vermittelt
durch Werkzeuge, Zeichen oder Sprachen--vergleichen, so zeigt sich,
daß die Effizienz der durch Zeichensysteme vermittelten Handlungen
höher ist. Die Quelle dieser Effizienzsteigerung liegt in der
kognitiven Leistung, die die angemessenen Mittel mit dem erstrebten
Ziel koordiniert. Im Rückblick können wir verstehen, wie ungeheuer
groß diese Aufgabe war: Beobachtung, Vergleich, Entwicklung und
Abwägung von Alternativen mußten ins Spiel gebracht werden. Die
Nachbildung solcher kognitiven Prozesse ist nach allem, was wir nach
jüngsten wissenschaftlichen und technologischen Forschungen in diesem
Bereich wissen, noch lange nicht absehbar, zumal solche kognitiven
Prozesse sich über lange Zeiträume entwickelt haben.
Sprache ist wie jedes andere Zeichensystem ein integraler Bestandteil
bei der Selbstkonstituierung und Selbstbehauptung des Menschen. Sie
spielt in diesem Prozeß eine dynamische Rolle. Sie entspricht den
verschiedenen pragmatischen Zusammenhängen, in denen die Menschen
ihre strukturale Wirklichkeit in die Wirklichkeit ihres Lebens
hineinprojizieren. Das biophysische System, innerhalb dessen sich
diese Projektion abspielt, wurde und wird nachhaltigen Veränderungen
unterworfen. Diese Veränderungen spiegeln sich in der biophysischen
Veränderung des Menschen wider. Als Teil dieser sich verändernden
Welt und als deren Beobachter befindet sich der Mensch mithin
gleichzeitig innerhalb und außerhalb der Welt: innerhalb der Welt als
eine genetische Sequenz, außerhalb der Welt als ihr Bewußtsein und
Gewissen, das sich neben allen anderen Formen des Bewußtseins auch in
der Arbeit ausdrückt.
Ob wir nun Sprache in ihrem sehr begrenzten frühen Stadium oder als
ein potentiell universelles Ausdrucks-, Darstellungs- und
Kommunikationssystem betrachten, wir müssen sie immer in ihrer
Abhängigkeit von der menschlichen Natur sehen. Ebenso müssen wir ihr
Verhältnis zu anderen Ausdrucks-, Darstellungs- und
Kommunikationsformen miteinbeziehen. Die Notwendigkeit von Sprache
zeigt sich in dem Maß, in dem die evolutionäre Bestimmung und die
Selbstbestimmung des Menschen oder der Gesellschaft korrelieren.
Sprache ergibt sich aus den praktischen Erfahrungen des Menschen.
Gleichzeitig aber ist sie für diese konstitutiv, und zwar zusammen
mit vielen anderen Elementen der menschlichen Praxis, wie etwa der
biologischen Anlage, der Heuristik und Logik, Dialektik und
Ausbildung. Das gilt für alle Stadien der Sprachentwicklung. In der
Form, die sie innerhalb der Schriftkultur bekommen hat, bewirkte die
Sprache die zunehmende Spezialisierung und Fragmentarisierung der
menschlichen Praxis. Wir sind heutzutage Zeugen und zugleich
Betreiber eines Prozesses, in dem der schriftkulturelle Gebrauch von
Sprache durch die Analphabetisierung der vielen Sprachen in der
Arbeitswelt, auf dem Markt und sogar im gesellschaftlichen Leben
ersetzt wird.
Zeichensysteme aller Art, vor allem aber die Sprache, haben die
vielen Projekte aufgenommen und gespeichert, die die Bedingungen der
Lebenspraxis, wie sie in den vorangegangenen Kapiteln beschrieben
wurden, verändert haben. Eine jede Veränderung hat die strukturalen
Grenzen der Sprache evidenter gemacht. Diese Grenzen sind heute um
so schärfer konturiert, je mehr neue Sprache, vor allem
Visualisierungen, entwickelt werden, die sich den neuen Erwartungen
stellen, Erwartungen bezüglich verbesserter Expressivität, höherer
Verarbeitungsgeschwindigkeit und Interoperabilität--ein Bild kann
weitere Handlungen veranlassen.
Die vielen nebeneinander existierenden Sprachen sind zwar alle sehr
spezialisiert, aber insofern ihrem Charakter nach global, als sie
überall auf der Welt für diesen speziellen Bereich Verwendung finden.
Eine Chipfabrik, um bei unserem Beispiel zu bleiben, eine
Pizzabäckerei oder eine Hamburgerküche kann jederzeit in jede Ecke
dieser Welt schlüsselfertig geliefert werden. Die Sprachen der
Mathematik, der Ingenieurwissenschaft oder der Genetik können für
sich allein genommen durch all die Merkmale beschrieben werden, die
die natürliche Sprache aufweist und die sie aus diesem Grunde für die
Komplexitäten in der heute erreichten Skala unserer Aktivität
unbrauchbar gemacht haben: Sequentialität, Dualismus, Zentralismus
und Determinismus. Aber sie können in andere praktische
Erfahrungshorizonte, etwa der Automatisierung, integriert werden, so
daß sich aus ihnen eine neue Dynamik entwickeln kann. Sie sind
sicherlich weniger ausdrucksfähig als die natürliche Sprache, aber
dafür um so präziser.