Arbeit ist ein Mittel der Selbsterhaltung, das über den primitiven
Kampf um das Überleben hinausgeht. Den Begriff Arbeit können wir
eigentlich erst verwenden, wenn wir von einem Bewußtsein des Menschen
seiner selbst und von einem Bewußtsein seiner Selbstkonstituierung in
praktischen Erfahrungen ausgehen können. Das Bewußtsein von Arbeit
und die Anfänge der Sprache gehören eng zusammen.
Unter Arbeit verstehen wir nicht die spezifische Ausführung dieser
oder jener Tätigkeit, sondern Muster und Profile menschlichen
Handelns. Wir betrachten sie also vor allem unter einem funktionalen
Gesichtspunkt, der auch die Frage aufwirft, wie sich diese Muster
reproduzieren. Interaktion, Veränderung, Wachstum, Verbreitung und
Beendigung sind Bestandteile dieser Profile. Es ist offensichtlich,
daß die Arbeitsprofile der landwirtschaftlichen Tätigkeit sich von
denen der vorindustriellen, der industriellen oder der
postindustriellen Zeit unterscheiden. Wir wollen im folgenden die
Arbeitsprofile der durch Schriftkultur gekennzeichneten Arbeitswelt
mit denen im Stadium jenseits der Schriftkultur vergleichen.
Die landwirtschaftliche Tätigkeit ist wesentlich von topographischen
und klimatischen Bedingungen abhängig. Gleichwohl hat sich bei den
in diese Tätigkeit eingebundenen Menschen unabhängig von ihrer
jeweiligen geographischen Lage eine kohärente Erfahrung eingestellt.
Die in der jeweiligen Sprache zum Ausdruck gebrachte Erfahrung weist
einen klar umrissenen Satz von Problemen, Fragen und Wissen auf, der
trotz des jeweils fragmentarisierten Weltblicks insgesamt homogener
ist, als wir erwartet hätten. Im Vergleich dazu sprechen die
Chiphersteller im Silicon Valley oder in entlegenen chinesischen
Provinzen, in Rußland oder in einem Entwicklungsland Osteuropas, in
Asien oder Afrika von vornherein dieselbe Sprache und stehen vor
denselben Problemen.
Landwirtschaftliche Tätigkeit verläuft nach dem bottom-up-Prinzip,
das in diesem Fall ein reaktives Prinzip ist. Die Reaktion auf
gegebene Probleme führte langsam, aber stetig zu Entscheidungen
zwischen Handlungsalternativen. Erfahrung führte zu repetitiven
Handlungsmustern. Effiziente Erfahrungen setzten sich durch, andere
wurden verworfen. So formte sich allmählich ein Bestand an Wissen,
der einem jeden, der in diese Überlebenspraktiken eingebunden war,
zur Verfügung stand. Im Falle der Chipfabrik ist die Struktur nach
dem top-down-Prinzip gestaltet: Von vornherein sind bestimmte und
klar definierte Ziele und Gründe sowie das notwendige, seiner Natur
nach nicht in Schriftlichkeit eingebundene Wissen Teil der
Erfahrungsstruktur. Nur so ist die hohe Effizienz zu erreichen.
Durch begleitende Maßnahmen werden die verfügbaren Fähigkeiten und
Fertigkeiten unablässig verbessert. Die Tätigkeit ist programmiert.
Eine klare Vorstellung von den Zielen des Unternehmens--hohe Qualität,
hohe Effizienz, ausgeprägte Anpassungsfähigkeit an neue
Erfordernisse--ist in das gesamte Unternehmenssystem eingebaut.
In beiden Modellen entwickelt sich die Sprache als Teil und Ausdruck
dieser Erfahrung. Koordination, Kommunikation, Aufzeichnung und
Wissensvermittlung erfordern für den reproduktiven Prozeß der Arbeit
die Transferleistung der Sprache. Gewiß ist die Sprache der
landwirtschaftlichen Lebenspraxis natürlicher und stärker auf den
Naturzustand des damaligen Menschen bezogen gewesen als die Sprache
im Chipzeitalter jenseits der Schriftkultur, die von einer
außerordentlichen Präzision sein muß, um den hochspezialisierten und
hocheffizienten Arbeitsabläufen zu genügen. Die Funktionen der
letzteren Sprachform unterscheiden sich von denen der natürlichen
Sprache, die als allgemeines Mittel menschlicher Interaktion jedoch
nach wie vor gültig bleibt.
Diese einleitenden Bemerkungen zum sich verändernden Verhältnis
zwischen Sprache und Arbeit mögen genügen. Unsere Terminologie
orientiert sich am heute gängigen Jargon der Genetik und ihrem
Gegenstück, der Memetik. Dennoch ist in diesem Zusammenhang Vorsicht
geboten, denn Memetik ist auf die quantitative Analyse kultureller
Dynamik gerichtet, wohingegen sich die Semiotik vornehmlich mit
qualitativen Aspekten beschäftigt.
Wie wir bereits erörtert haben, liefert die biologische
Evolutionstheorie heute die Metaphern für die neueren
Wirtschaftswissenschaften wie auch für die Theorien über
Wissenserwerb und Wissensverbreitung oder die Reproduktion von
Gedanken. Viele beschäftigen sich bereits mit der neuen Sparte der
memetischen Forschung. Die Mehrheit widmet sich effektiven, d. h.
meist computergestützten Verfahren zur Entwicklung von Mechanismen,
die die menschlichen Interaktionen verbessern sollen. So aufregend
dies alles ist, könnten sich jedoch qualitative Überlegungen als
mindestens ebenso nützlich erweisen, wenn wir sie in konkrete
praktische Erfahrungen umsetzen könnten. Wenn sich aus der
Evolutionstheorie ergibt, daß jeder lebendige Organismus
zweckbestimmt ist, dann läßt sich die Dynamik der menschlichen
Tätigkeit, wie sie sich in aufeinanderfolgenden pragmatischen Rahmen
ihrer Entwicklungsstadien niedergeschlagen hat, mit dem Mechanismus
der natürlichen Auslese allein nicht erklären. An diesem Punkt zeigt
sich der Unterschied zwischen der Auffassung vom Zeichencharakter der
menschlichen Interaktion, auch der in der Arbeit sich vollziehenden
Interaktion, und der quantitativen Auffassung. Solange natürliche
Auslese selbst als praktische Erfahrung--als Wahl zwischen mehreren
Möglichkeiten--verstanden wird, kann man sie nicht gleichzeitig zur
Erklärung dafür, wie sie sich vollzieht, heranziehen.
Wir können Arbeit in Analogie zu den Maschinen--denen von gestern und
denen von heute--als eine Maschine betrachten, die sich selbst
reproduziert. In der Terminologie der Memetik würde man Arbeit als
eine komplexe replikative Einheit beschreiben, als eine Meta-Meme.
Aber beide Vergleiche beziehen sich auf den Aspekt des
Informationsaustausches, der nur ein Teil des Zeichenprozesses ist.
Damit wollen wir nicht sagen, daß Arbeit auf Zeichenprozesse oder auf
Sprache reduzierbar ist. Uns interessiert hier die Verbindung
zwischen Arbeit und Zeichen bzw. zwischen Arbeit und Sprache. Uns
interessiert ferner, inwieweit und inwiefern pragmatische
Handlungsrahmen und die Merkmale der Spracherfahrung sich gegenseitig
beeinflussen und voneinander abhängig sind und inwieweit dieser
Zusammenhang memetisch zu verstehen ist, ohne allerdings darauf
reduziert zu werden.