Markt, Werbung, Schriftlichkeit

Die Rolle der Werbung in Markt und Gesellschaft ist durchaus

umstritten. Die Meinungen reichen von Robert L. Heilbroners Urteil,

daß die Werbung die Moral der kapitalistischen Gesellschaft am

nachhaltigsten untergrabe, bis zu McLuhans Apologie, daß die Werbung

unserer Zeit unsere Werte, Sehnsüchte und Tätigkeiten am besten

widerspiegele. Wir wollen nicht Partei ergreifen. Ob wir nun

Werbung bewundern oder verachten, ignorieren oder genießen, sie

spielt in unserem heutigen Leben eine enorm wichtige Rolle. Wer aber

mit der Geschichte der Werbung einigermaßen vertraut ist, wird wissen,

daß sich die Skala dieses Tätigkeitsbereichs als Bestandteil des

Marktes radikal verändert hat. Uns interessiert an der Werbung nicht

nur, wieviel Bildung und Schriftkultur (oder nicht-schriftkulturelle,

‘analphabetische’ Elemente) in ihr stecken, sondern auch, wie sich

die Mittel der Schriftkultur für die psychologischen, ethischen und

rationalen (oder irrationalen) Aspekte der Handelsabläufe auf dem

Markt eignen.

Im übrigen zeigt uns ein Blick auf die Werbung der vergangenen

Jahrhunderte, welche Rolle die Schriftkultur in der Gesellschaft und

in der kaufmännischen Welt gespielt hat. Mund-zu-Mund-Werbung und

Angebotstafeln vor einem Geschäft stehen für eine Zeit, in der

Handelsabläufe von geringem Umfang und mit geringer Reichweite an der

Tagesordnung waren. Die Werbestrategien um die Jahrhundertwende

verdeutlichen ihrerseits die damals erreichten Standards der

Schriftkultur und die Effizienzerwartungen, die man bezüglich der

Handelszusammenhänge und der Skala jener Zeit an sie richtete. Die

Werbung jener Zeit enthält mehr Text als Bild und spricht mehr den

Verstand als die Sinne an. Als Zeitungen und Wochenmagazine die

bestimmenden Kommunikationsmittel waren, verließ man sich in der

Werbung auf die Überredungskraft des Wortes. Nicht wirkliche

Ehrenhaftigkeit oder Werte wurden in ihnen ausgedrückt, sondern nur

der Anschein davon. Das schwarz auf weiß zu Papier gebrachte Wort

mußte einfach und wahrhaftig erscheinen.

Das jedenfalls galt für Amerika. In Europa hatte die Werbung zu

jener Zeit einen anderen Stil entwickelt, verriet aber noch immer das

Vertrauen in die alten Werte. Viele bekannte Künstler wurden für die

Werbung gewonnen. Henri Toulouse-Lautrec, El Lissitzky und Herbert

Bayer sind die bekanntesten. Für den gebildeten und auf

Schriftkultur fixierten, aber künstlerisch interessierten Europäer

jener Zeit besaßen solche Werbungen für hochwertige Produkte und

Ereignisse eine größere Suggestionskraft. Vermutlich in der

Nachfolge dieser europäischen Tradition experimentierten dann auch

amerikanische Designer nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Bild als

Werbeträger und schufen die Wiege für das Graphik-Design in den USA.

Als dann noch leistungsfähigere Visualisierungsmedien zur Hand waren,

die zur Erhöhung ihrer Effektivität auf psychologische Daten

zurückgreifen konnten, wurde das Bild in der Werbung zum

beherrschenden Faktor. So offen und mehrdeutig ein Bild auch sein

mag, steigende Verkaufszahlen bestätigten allemal die Wirkmächtigkeit

des Bildes in der Werbung. Sofern heute auf Schrift in der Werbung

zurückgegriffen wird, geschieht es im wesentlichen mit Blick auf die

visuellen Aspekte der Schrift.

Auf den Märkten herrscht alles andere als ein einfacher, klarer

Kausalzusammenhang. Der Übergang von einer wohl strukturierten,

rationalen Interpretation des Marktes und von seinem ethischen

Gebaren zu Irrationalität und Entstellung ist leicht vollzogen und

läßt sich an den neuen Formen ablesen, die die Märkte genommen haben,

und an den neuen Techniken ihrer Transaktion und der damit

verbundenen Werbung. Mit Irrationalität meinen wir die Aufgabe

allgemeiner Vernunftregeln (oder ökonomischer Theorien) bezüglich des

Warentausches. In den 80er Jahren zeigte sich dies auf dem Ölmarkt,

dem Kunstmarkt, dem Markt für Adoptivkinder und bei den Angeboten

neuer Werte auf dem Aktienmarkt.

Wirtschaftstheorien oder der Text einer Werbung können diese

Irrationalität nur anerkennen und Erklärungen vorschlagen. Es gibt

Ansätze und Schulmeinungen im Bereich der Marktanalyse, die auf

Spieltheorie, Psychodrama, zyklischer Modellierung, den Mondphasen

usw. beruhen. Sie alle produzieren eine Unmenge von

Informationsbroschüren, die die schwer vorhersagbaren

wirtschaftlichen und finanziellen Phänomene zu erklären und zu

verstehen suchen. Sprachähnliche Erklärungen und Ratschläge sind

Teil der Werbung, Teil der Sprache des Marktes, die ihre eigene

Schriftlichkeit entwickelt und viele darin einbindet. Doch selbst

der gebildetste Teilhaber an den Marktabläufen kann diesen Prozeß

nicht anhalten, denn die an diesen Ablauf teilhabende Schriftlichkeit

unterscheidet sich von der Schriftlichkeit, die in einem Produkt oder

seiner Werbung verkörpert ist. Zu jeder Zeit sind, wie im Leben,

irrationale Elemente auf dem Markt präsent; diese sind aber nicht zu

vergleichen mit dem Ausmaß, in dem die Sprache des Marktes die

Hysterie etwa des Schwarzen Montags im Jahr 1987 an der New Yorker

Börse reflektierte oder ihre pragmatische Funktion bisweilen gänzlich

aufgibt.

Wir alle klagen darüber, daß unsere Intimsphäre kleiner wird,

erlauben aber gleichzeitig durch unsere Präsenz auf dem Markt, daß

uns die vom Markt ausgeübte Integrationskraft erfaßt, ohne zu sehen,

wie eng diese beiden Aspekte zusammenhängen. Die Schriftkultur hatte

früher auch eine Schutzfunktion ausgeübt und Regeln der Diskretion

und des Anstands festgeschrieben. Die Illiteralität indes versetzt

uns in Furcht; sie macht uns zwar effizienter, öffnet aber all den

Mitteln Tür und Tor, die uns unserer Identität berauben. Wenn wir

unsere Geschäfte online betreiben, geben wir, ohne zu zögern, unsere

persönlichen Daten und die Nummer unserer Kreditkarte preis und

setzen dabei stillschweigend einen Bereich der Privatheit voraus, der

für den Kode unseres schriftkulturellen Verhaltens selbstverständlich

war. Aber gerade diejenigen, die Bildung und Kommunikationsformen

aus dem Umgang mit Computern gewonnen haben, sollten wissen, wie

unbegrenzt die Macht des Netzes ist, wenn es darum geht, für alle nur

denkbaren Verwendungen Informationen zu suchen, zu finden und zu

klassifizieren.

In diesem neuen Stadium jenseits der Schriftkultur wendet sich die

Werbung nicht mehr nur an einen undifferenzierten großen Markt,

sondern sehr differenziert auch an kleinere Gruppen, selbst an das

Individuum. "Sag mir, was du kaufen oder verkaufen möchtest, und ich

sage dir, wer du bist": Diese Feststellung beschreibt sehr genau, wie

der Zeichenvorgang auf dem Markt uns die Beteiligten transparent

macht. Der enorme Aufwand, mit dem heute ein neues Müsli, eine neue

Software, ein Wahlkampf, ein Film oder eine Sportveranstaltung

vermarktet werden, hat aus der Sprache der Werbung eine eigene

Sprache gemacht mit einem eigenen Vokabular und einer eigenen

Grammatik. Diese verändern sich stetig, weil sich die von ihnen

dargestellte Welt schnell und stetig verändert. "Sag mir, was du

kaufst, und ich sag dir, wer du bist." Unaufhörlich und überall

machen enorm erfindungsreiche Digitaltechniken Aufnahmen von uns, die

Feinabstimmung übernimmt der Markt. Das Kaufen von Produkten ist

längst vorbei. Heute kaufen uns die Produkte.

Werbung ist nicht mehr nur Mitteilung oder Erläuterung. Werbung ist

Informationsverarbeitung mit bisweilen bizarren Ausmaßen und darüber

hinaus sehr erfindungsreich, wenn es um die Querverweisung von

Information und die Feinabstimmung der Botschaft auf die

individuellen Bedürfnisse hin geht. Automatische Datenanalyse wird

ergänzt durch Abstimmungsmethoden, die das Gewicht der Wörter den

spezifischen Bedürfnissen des Adressaten anpassen. In der Realität

des Marktes und seines Gehilfen, der Werbung, werden Sprachen, die

sich auf Kunst, Erziehung, Ideologie oder Sexualität beziehen, von

der grenzenlosen Vermittlungsmaschinerie eingenommen, die den

pragmatischen Rahmen unserer heutigen Existenz ausmacht. Nichts ist

wertvoller als das Wissen darum, wer wir sind. Vermutlich sind jene

Makler, die mit den Informationen über einen jeden einzelnen von uns

handeln, auf diesem Markt der vielen miteinander konkurrierenden

partiellen Literalitäten die erfolgreichsten.

Im Verlauf dieser Entwicklung hat die Sprache ihre Möglichkeiten

erschöpft und die Schriftkultur ihre beherrschende Rolle in unserer

Kultur verloren. Eine jede schriftkulturelle Äußerung ging

stillschweigend davon aus, daß der Mensch die optimale

Informationsquelle und der ideale Empfänger sei. Die ‘illiterate’

Botschaft kann sich automatisch vermitteln, als Bild oder als Text,

als Video oder als Internet-Spamming, was immer für das auserkorene

menschliche Ziel am treffsichersten erscheint. Wir haben gar keine

andere Wahl. Direkte Verhandlungen zwischen Personen sind längst dem

Austausch über Faxgeräte gewichen und werden zukünftig als

Verhandlungen zwischen Softwareprogrammen geführt werden. Die Folgen

davon werden so weitreichend sein, daß es wenig Sinn ergäbe, auf

diese Situation emotional mit reiner Begeisterung oder bloßer

Verachtung zu reagieren.

Die Pragmatik des heutigen Marktes unterliegt der Notwendigkeit, den

Überfluß ständig auszuweiten, um den von Begehr und Erwartung

getriebenen Austausch von Gütern und Dienstleistungen anzutreiben.

Derartiges Begehren und derartige Erwartungen in der globalen Skala

der menschlichen Interaktionen sind von einer einzigen beherrschenden

Form von Bildung und Schriftkultur nicht mehr in den Griff zu

bekommen. Hunderte von Literalitäten, die ihrerseits eine ebenso

große Zahl von Selbstkonstituierungsformen überall auf der Welt

verkörpern, sind unter dem Superzeichen, das wir Markt nennen,

zusammengefaßt.

Der Markt--im engen Sinne als Umschlagplatz von Gütern und als

Zeichenprozeß, der Struktur und Dynamik verbindet--bringt all das

zusammen, was die Beziehungen zwischen dem Individuum und seinem

sozialen Umfeld regelt: Sprache, Sitten, Gebräuche, Wissen,

Technologie, Bilder, Klänge, Gerüche und vieles andere. Durch den

Markt werden Wirtschaftsformen bestätigt oder einer schmerzlichen

Umstrukturierung unterworfen. Die zurückliegenden Jahre haben

diesbezüglich sehr viel Unruhe verursacht, aber auch ökonomische

Chancen geboten--ein Ausdruck neuer pragmatischer Umstände.

Konkurrenz, Spezialisierung und Kooperation haben sich verstärkt.

Ein aufregendes und zugleich für manche beunruhigendes Wachstum der

wirtschaftlichen Aktivität hat neue Hochleistungsmärkte

hervorgebracht. Phänomene wie just in time, point of sale und

elektronischer Austausch mußten sich entwickeln, weil die neue

Lebenspraxis sie erforderlich machte.

Deshalb können wir auch nicht so ohne weiteres den Erklärungen folgen,

die die Dynamik des Wirtschaftslebens auf die technologischen

Veränderungen zurückführen. Die schnelleren Wirtschaftszyklen

verlaufen nicht neben den neuen praktischen Erfahrungen menschlicher

Selbstkonstituierung, sondern sind auf sie bezogen. Kognitive

Ressourcen zählen zu den wichtigsten Gütern der neuen

wirtschaftlichen Erfahrungen. Und der Markt richtet sich darauf ein,

indem er für den beschleunigten Umschlag dieser Güter Mechanismen und

Zeichenprozesse entwickelt, die eine bislang nicht erreichte

technologische Komplexität aufweisen. Dynamische Systeme für

intelligente Agenten und verbesserte Möglichkeiten für die

Einschätzung von Marktchancen und Prognosen haben neue Algorithmen

hervorgebracht, die diese neuen kognitiven Ressourcen angemessen

ausdrücken. Sie könnten aufblühen in einem Kontext, der Freiheit von

jeglicher Hierarchie und Zentralismus, Loslösung von Sequentialität

und Determinismus erfordert. Selbst das interessante

Wirtschaftsmodell, das Wirtschaft als ein Ökosystem versteht (ich

beziehe mich hier auf Rothschilds Bionomics), verrät doch in letzter

Konsequenz eine deterministische Sehweise.

Zeichenprozesse (auch Semiosen genannt) können keine wirtschaftlichen

Veränderungen hervorrufen. Aber Zeichenprozesse reflektieren in der

Form hochentwickelter Transaktionen die Veränderungen, die sich in

der pragmatischen Grundlage des Menschen vollzogen haben. Die

zahlreichen neuen Unternehmen von Fast-food-Ketten über

Mikrochip-Hersteller bis zu RoboterEntwicklern, die das menschliche

Wissen in die neuen Waren und Dienstleistungen umsetzen, zeigen die

Notwendigkeit dieser pragmatischen Veränderungen. Angebotsvielfalt

und Überfluß können vielleicht auf Wettbewerb und Zusammenarbeit

zurückgeführt werden, aber die eigentliche Triebkraft der Wirtschaft

und des Marktes ist das objektive Bedürfnis nach Effizienzebenen, die

der heute erreichten globalen Skala menschlicher Tätigkeit

entsprechen. Eine zentrale Planung wie überhaupt jegliche

zentralistische Struktur hat sich nicht wegen des technologischen

Fortschritts erübrigt, sondern weil sie nicht mehr mit effizienten

praktischen Erfahrungen in Einklang zu bringen war.

Wie die Märkte in einer Zivilisation jenseits der Schriftkultur

aussehen, hat sich aus den vorausgegangenen Überlegungen

herauskristallisiert. Sie sind gekennzeichnet durch vielfältige

Vermittlungsinstanzen, rasche Entwicklungszyklen sowie eine globale

Verknüpfung und Abhängigkeit. An die Stelle des Menschen als

optimaler Informationsquelle und idealem Empfänger treten

elektronisch vermittelte Datenverarbeitungsprozesse, die sich

jederzeit an jeden in einem jeden Kontext wenden können: an die

Produzenten von Rohmaterialien, an Energielieferanten, an Hersteller

und Verkäufer. Die Analyse des Käuferverhaltens beim Scannen der

Internetangebote geht direkt in Programme ein, die Produktion,

Marketing und Distribution steuern. Kauf und Verkauf regeln sich

nicht mehr über persönliche Verkaufsgepräche, Fax oder e-mail,

sondern als Interaktion zwischen Programmen. An die Stelle von

Massenmärkten treten spezialisierte Einzelmärkte. Die Dynamik dieser

Märkte, die sich in den einzelnen Zellen der Selbstorganisation

ausdrückt, entspricht dabei der Dynamik der Menschen, die sich in

dieser ihrer Realität konstituieren.

Kapitel 2:

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 42 / 65 题