Wenn ein Produkt mit einer lebenslangen Garantie auf den Markt kommt
und der Hersteller wenige Monate nach dem Verkauf des Produktes
bankrott geht, stellen sich normalerweise Fragen nach dem korrekten
Verhalten des Herstellers, nach falschen Angaben über das Produkt und
nach der Qualität der Werbung. Solche Vorgänge, gegen die niemand
immun ist, können nicht einfach abgetan werden, denn das Agieren auf
dem Markt bedeutet immer einen Umgang mit menschlichen Werten, wie
relativ diese auch sein mögen. Ehrenhaftigkeit, Wahrheit und eine
Achtung vor dem gegebenen Wort gehören zur Schriftkultur und sind
entsprechend in den Büchern dieser Schriftkultur ausgedrückt. Diese
und alle anderen Bücher verlieren ihren Sinn, wenn wir die
Schriftkultur hinter uns gelassen haben. Das heißt allerdings nicht,
daß in einem Stadium jenseits der Schriftkultur alle Werte
korrumpiert und bedeutungsleer werden. Märkte leisten etwas anderes:
Sie bauen die Erwartungen der Menschen in ihre eigenen Mechanismen
ein. Das heißt, sie müssen nicht deshalb bestimmte menschliche
Erwartungen erfüllen, weil diese schriftlich niedergelegt sind,
sondern weil die Märkte anders nicht erfolgreich funktionieren würden.
Wie dies im einzelnen geschieht, bedarf einer ausführlicheren
Erörterungen. Wir wollen dabei mit der eingangs gestellten Frage
beginnen: Was geschieht mit der lebenslangen Produktgarantie, wenn
der Hersteller bankrott geht?
Wir haben bereits in verschiedenen Zusammenhängen gesehen, daß die
sich in der Schriftkultur vollziehende sprachliche
Selbstkonstituierung des Menschen Stabilität und progressives
Wachstum insinuiert. Die in dieser Lebenspraxis gefundenen
Produktionsmittel weisen ebenfalls Eigenschaften auf, die
Dauerhaftigkeit garantieren. So erscheint das industrielle Modell
als Erweiterung des in der Schriftkultur verwurzelten
Schöpfungsmodells. Maschinen waren leistungsstark und beherrschend.
Sie und ihre Produkte überdauerten die Generation derer, die sie
entwickelten und verwendeten.
Schriftkultur und Bildung waren an den komplexen Lebensumständen
beteiligt, die zur industriellen Revolution führten, und sie wurden
durch diese dann weiter gefördert und unterstützt. Elektrisches
Licht verlängerte die Zeiträume, die zum Lesen zur Verfügung standen.
Bücher konnten schneller und billiger gedruckt werden, weil das
Papier schneller und billiger hergestellt und die Druckmaschinen
durch stärkere Motoren angetrieben wurden. Somit stand auch mehr
Zeit für Ausbildung und Studium zur Verfügung; die industrielle
Gesellschaft erkannte, daß mit der Entwicklung komplizierterer
Maschinen qualifizierte Arbeitskräfte produktiver waren. All dies
vollzog sich vor einem Erwartungshorizont, der wesentlich durch
Dauerhaftigkeit gekennzeichnet war und sich auch auf die Struktur der
Märkte auswirkte. Im Gegensatz zu landwirtschaftlichen Produkten,
die den Einflüssen von Wetter und Zeit ausgesetzt sind, können
industrielle Produkte auf Kommission bestellt und gelagert werden.
In diesen heterogenen und vermehrt auf Kredit kalkulierten
Marktstrukturen war die Schriftkultur ein wesentliches
Vermittlungsinstrument. Produktionszyklen waren lang und folgten
aufeinander wie die Jahreszeiten, wie die Buchstaben in einem Wort.
Ein großer Hersteller verkörperte mit seinen Produkten geradezu
Dauerhaftigkeit. Eine lebenslange Garantie auf solche Produkte
beinhaltet eine Aussage über seine auf Dauer angelegte
Leistungsfähigkeit und versinnbildlicht in gewisser Weise die Sprache,
die die Leistungsfähigkeit des Produktes beschreibt.
Jenseits der Schriftkultur gelten diese Verhältnisse nicht mehr.
Weder das Design eines Produkts, noch die verwendeten Materialien und
angewandten Prinzipien sind darauf ausgelegt, über einen Zyklus
optimaler Effizienz hinaus zu funktionieren. Das ist weder eine
moralische Entscheidung noch ein abwegiger Plan. In unseren
Produkten drücken sich lediglich andere Erwartungen aus. Ihre
Lebensdauer entspricht der Dynamik des Wandels, der neuen Skala
menschlicher Selbstkonstituierung und der für diese Skala typischen
Effizienzbesessenheit. Unsere Produkte werden flüchtiger, weil die
relativ gleichförmigen Zyklen unserer Selbstkonstituierung kürzer
geworden sind.
Die Lebenserwartung ist gestiegen, und diejenigen, die den Höhepunkt
ihrer produktiven Kraft überschritten haben, werden wohl bald die
Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Durch diese Veränderung wird die
durch die neuen Vermittlungsstrategien erreichte hohe
Produktivitätsebene nicht beeinträchtigt. Ein längeres Leben heißt
heute lediglich, daß man in mehrere Zyklen der Veränderung
eingebunden ist (was allerdings andere Veränderungen, etwa im Bereich
von Bildung und Ausbildung und im Familienleben, mit einschließt).
Im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrhunderten, in denen sich die
Entwicklung langsam vollzog, bezeugt eine abrupte Veränderung
ihrerseits eine neue conditio humana.
Wo früher Bildung und Schriftkultur für die Koordination der
vielfältigen Beiträge des Menschen zur Lebenspraxis nötig waren,
stehen heute neue Formen der Koordination und Integration. Die ihnen
entsprechende Lebenspraxis ist durch Intensität und Verteilung
gekennzeichnet, und die Produkte tragen anstelle des Prinzips der
Dauerhaftigkeit das Prinzip der Veränderung in sich, das alle
menschliche Erfahrung beherrscht. Auf diese Weise machten sich
Marktbedingungen für das Flüchtige, Vorübergehende geltend. Wenn ein
lebenslanges Funktionieren von Produkten garantiert wird, dann wird
unter lebenslang der relativ kurze Zyklus des gesamten Sortiments
verstanden. Und auch die Möglichkeit, daß ein Hersteller bankrott
geht, kommt nicht überraschend, denn die strukturellen Merkmale
unserer Effizienzerwartungen führen zu Produktionseinheiten, deren
Dauer (oder Kürze) sich nach der Bedarfsdauer ihrer Produkte richtet.
Auf diese Weise werden also unsere Erwartungen in die
Marktmechanismen integriert. Diese Produkte werden durch viele
Alphabetismen vermittelt, die dem Produkt innewohnen. Nun wird auch
klar, warum wir auf eine lebenslange Produktgarantie verzichten
können: Wir entsorgen nicht nur die hergestellten Produkte, sondern
auch die in ihnen verkörperte Sprache (bzw. Sprachen). Jede
Transaktion auf dem Markt des Flüchtigen entspricht einer
Lebenspraxis, die das faustische Prinzip in einen Werbeslogan
verwandelt.