Neue Märkte, Neue Sprachen

Unser Beschreibungsmodell, das den Markt als Zeichenprozeß definiert,

machte den offenen Charakter jeder Transaktion sichtbar; unsere

Erörterung der zahlreichen Phasen, in denen sich die Konstitution von

Märkten vollzieht, hat die distributive Natur von Marktprozessen

dargelegt. Um die veränderten Bedingungen der menschlichen

Selbstkonstituierung auf dem Markt in einer radikal veränderten Skala

mit einer entsprechend neuen Dynamik näher zu erklären, müssen wir zu

beiden Bereichen einige Ergänzungen machen.

Die Verwendung von Zeichen und von Sprache ist eine spezifisch

menschliche Tätigkeit. Die Verfasser eines gesprochenen oder

geschriebenen Textes konstituieren damit ihre Identität und richten

sich gleichzeitig darauf ein, die Antwort einer potentiellen oder

intendierten Leserschaft entgegenzunehmen und zu interpretieren.

Dieses gilt für alle zeichenhaften Ausdrucksformen und ihre

Kombinationen. Text, Musik, Geruch können Bilder assoziieren oder

auch Assoziationen untereinander hervorrufen. Diese Assoziation kann

weitervermittelt werden an andere, die sie wiederum ad infinitum

verbreiten, und zwar oft so, daß das Ausgangszeichen (d. h. also die

Ausgangsperson, die ein Zeichen in Antizipation der durch andere

vollzogenen Interpretation des Zeichens entwirft) am Ausgangspunkt

dieses Übermittlungsprozesses vollkommen vergessen ist.

Wenn wir nun diesen Gedanken auf die Produkte menschlicher Tätigkeit

übertragen, können wir die Hervorbringungen des Menschen unter drei

Gesichtspunkten betrachten:

1. unter ihrer Ausdrucksleistung--etwa das von einer Maschine, einem

Produkt, einem bestimmten Nahrungs- oder Kleidungsmittel, einem

Wirtschaftszweig erfüllte Bedürfnis;

2. der Kommunikationsleistung--erfüllt das Produkt ein Bedürfnis

weniger oder vieler, auf welche Weise wird das Bedürfnis erfüllt, was

wird ausgesagt über die, die dieses Produkt hergestellt haben, und

die, die ihre Identität durch die Verwendung dieses Produktes setzen,

was erfahren wir über realisierte Chancen und eingegangene Risiken;

und

3. der Bedeutungsleistung--der in dem Produkt ausgedrückte Wissens-

und Kompetenzstandard.

Das heißt natürlich nicht, daß jedes Alltagsprodukt ein Zeichen oder

eine Sprache ist. Aber es kann als Zeichen für einen Gegenstand (der

Produktionsstand in einem bestimmten Bereich, die Qualität des

Designs, die Kompetenz in der Ausführung) interpretiert werden und

damit etwas aussagen über den pragmatischen Lebenszusammenhang des

Menschen und seine durch diese Pragmatik ermöglichte

Identitätsfindung. Wir alle kennen Fälle, in denen dem Sprecher das

Wort auf den Lippen erstirbt, weil ihm niemand zuhört. Analog hierzu

kann auch ein Produkt aus unserem Leben verschwinden, weil es für

unsere Lebenspraxis irrelevant geworden ist. Es gibt viele solcher

Fälle, in denen Zeichen diese Qualität der Interpretierbarkeit

verloren haben.

Eine Firma, die an die Börse geht, wird an zahlreichen Eigenschaften

gemessen. Das Wachstumspotential ist eine dieser Eigenschaften,

deshalb werden z. B. die im Internetbereich tätigen Firmen bei ihrem

Gang an die Börse so hoch bewertet. Dieses Potential kann in

schriftlicher Form dargelegt werden mittels veröffentlichter Daten

über die erworbenen Patente, mittels Marktanalysen oder aber über die

intuitive Einsicht, daß sich in diesem Marktzeichen mehr verbirgt als

nur der Name und der anfängliche Börsenwert. In einer begrenzten

Skala der menschlichen Erfahrung konnte ein jeder an der Erfahrung

teilhaben; mit der Erweiterung der Skala hat die Schriftkultur die

Informationen übermittelt und so die Rolle eines partiellen

Garantieträgers übernommen. Heutzutage gibt es nicht nur ein

Unternehmen für ein bestimmtes Produkt und eine Handlung, sondern

viele ähnliche und immer neue erhöhen den Konkurrenzdruck; Angebot

und Nachfrage regeln sich auf einem Markt, auf dem der Verlust des

einen der Gewinn des anderen ist. Die Schriftkultur kann nicht

länger als Hintergrund für die Dynamik dieser Veränderung und

Erneuerung dienen. Würde sie sich für die Kontrolle derartiger

Marktabläufe eignen, hätte sich die Firma Netscape--ein Synonym

schlechthin für den Internet-Browser--niemals so entwickeln können;

Ähnliches gilt für die Unternehmen, die die Software für das

Telefonieren via Internet (voice over ISP) entwickelt haben.

Bei einem relativ homogenen Markt erwies sich die Sprache als ein

angemessenes Kommunikationsmittel. Solange die verschiedenen

Kontexte, die gemeinsam den heutigen Weltmarkt ausmachen, sich nicht

so erheblich unterschieden, wie es sich derzeit abzeichnet, waren

Schriftsprache und Schriftkultur ein gut funktionierender Kompromiß.

Aber nicht nur die Märkte, sondern auch die Handelsformen selbst

haben sich verändert: vom Austausch von Gütern gegen Güter oder vom

Austausch von Gütern gegen einen universellen Ersatz (Gold, Silber,

Edelsteine) oder gegen konventionelle (Geld-) Einheiten hin zu Größen

wie den Euro oder das über die Netzwerke gehandelte e-Money; in

diesem Entwicklungsschritt wird die eine allein gültige Schriftkultur

durch eine Vielzahl von Alphabetismen und "Literalitäten" ersetzt,

die an die einzelnen Transaktionssegmente gebunden sind.

Aktienanteile an einer italienischen oder spanischen Firma,

Warentermingeschäfte oder Obligationen für Investmentfonds der

Dritten Welt--sie alle unterliegen ihren eigenen Handelsgesetzen mit

einer jeweils eigenen Sprache.

Die Spezialisierung, die zur Effizienzsteigerung des Marktes führte,

hat auch die Zahl von Sondersprachen und neuen Bildungsformen erhöht.

Diese bringen das Produktionspotential von Unternehmen und den Wert

ihres Managements auf den Markt. Sie verzeichnen z. B. die Höhe der

erwarteten landwirtschaftlichen Produktivität (einschließlich des

Risikos der Wetterbedingungen) und die im Zusammenhang der

fortschreitenden wirtschaftlichen Globalisierung sich abzeichnenden

unternehmerischen Risiken. Sie können ihrerseits wiederum in

Programme eingebracht werden, die mit anderen Programmen in Beziehung

treten. Darüber hinaus binden die Mechanismen, die für den

distributiven Charakter des heutigen globalen Marktes verantwortlich

sind, weitere Sprachen in den Markt ein, in diesem Fall die Sprachen

der "weichen" Maschinen, die unabhängig von Schriftkultur mit

Fähigkeiten zur Informationssuche und heuristischen Planung

ausgestattet sind.

Marktsimulationen ermöglichen die Erstellung von intelligenten

Programmen für die Abwicklung des Handels und die Entwicklung

zahlreicher selbständiger intelligenter Agenten, die sich selbst

modifizieren, auf neue Bedingungen einstellen und so immer bessere

Handelsergebnisse erzielen können. Kurz: Vor dem Hintergrund eines

starken integrativen Prozesses spielen sich viele Vermittlungsformen

ab. Dieser Hintergrund ist eben jener neue pragmatische Rahmen, der

die globale Plattform für eine in viele Teilbereiche aufgegliederte

Wirtschaft mit immer kürzeren Produktionszyklen abgibt. Der Prozeß

kennt kaum noch sequentielle Abläufe und keinen Zentralismus. Mit

anderen Worten: Nahezu die gesamte Marktaktivität vollzieht sich in

parallel ablaufenden verteilten Prozessen. Darüber hinaus ergeben

sich in den fließenden Koordinaten der weltweiten Handelsbeziehungen

neue Konfigurationen, d. h. sich verändernde Interessenszentren.

Jedes einzelne Geschäft entwickelt als ein sich selbst

organisierender Nukleus seine eigene Dynamik. Auch die Beziehungen

zwischen solchen Konfigurationsnuklei sind dynamisch. Die

Beziehungen zwischen den daran beteiligten Elementen sind nicht

linear und verändern sich kontinuierlich. Solidarität wird durch

Wettbewerb ersetzt, der nicht selten feindlich ist oder Formen der

Feindlichkeit annimmt. So verzehrt der Markt sich selbst und damit

auch das Erbe der Schriftkultur, an deren Stelle er provisorische und

für spezielle programmierbare Funktionen eingerichtete

Spezialsprachen setzt.

Wann immer Individuen ihre Identität in ein Produkt hineinprojizieren,

wird die in diesem Produkt verkörperte vieldimensionale Erfahrung

zum Tausch mit anderen dargeboten. Auf dem Markt wird die Erfahrung

auf diejenige Dimension reduziert, die dem gegebenen Kontext der

Transaktion entspricht. Mit seinem Verhalten auf dem Markt drückt

der Mensch das Bewußtsein seiner selbst aus, seine kritischen und

selbstkritischen Fähigkeiten und seine Gerichtetheit auf die Zukunft.

Die abstrakte Natur der Marktprozesse, die Befreiung von der

Schriftkultur und die Überantwortung an Technologien, die einen

effizienten Austausch ermöglichen, verweisen auf eine Zukunft, die

manchen, die in anderen pragmatischen Zusammenhängen aufgewachsen

sind, besorgniserregend erscheinen mag.

Die sozialistischen Modelle, deren ideologische Säulen Begriffe wie

bürgerlicher Besitz, Klassenunterschied, Reproduktion der

Arbeitskraft und ähnliche Kategorien waren und die aus einem

pragmatischen Rahmen hervorgingen, der die Schriftkultur möglich und

notwendig gemacht hatte, haben sich erübrigt. Besitz und Märkte sind

verteilt (nicht immer in einer Weise, die unserem Verständnis von

Fairneß entspricht). Wir definieren uns zunehmend in einem

gesellschaftlichen Kontinuum, das in mancherlei Hinsicht keinen Platz

mehr für das Außergewöhnliche hat und an dessen Stelle das

Durchschnittliche und Mediokre setzt. Die selbstkonstitutive Kraft

des Menschen wird nicht nur in den neuen Formen der Lebenspraxis

reproduziert, sondern multipliziert in einer Lebenspraxis des

Überschusses, der neuen Überschuß produziert. Damit verliert der

Mensch seinen Sinn für Dauerhaftigkeit und für das Außergewöhnliche

als Merkmale seiner Produkte und seiner Selbstkonstituierung durch

Arbeit.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 40 / 65 题