Handel und Schriftkultur

Früher haben die kleinen Geschäfte in unserer Nachbarschaft nicht nur

unseren täglichen Bedarf abgedeckt, sondern waren gleichzeitig

Kommunikationszentren. Ein Supermarkt muß sich an Lagerkapazitäten

und optimaler Raumnutzung, an schnellem Warendurchgang und einer

relativ geringen Verdienstspanne am einzelnen Produkt orientieren:

Hier sind Kommunikation und Gespräch kontraproduktiv. Versandhäuser

und elektronische Bestellung haben das Gespräch völlig erübrigt. Sie

operieren jenseits von Schriftlichkeit und Schriftkultur und jenseits

von menschlicher Interaktion. Die Handelsabläufe sind auf ein

Minimum reduziert: Auswahl, Bestätigung, Angabe der Kreditkarte oder

ihre automatische Erkennung und Bestätigung durch einen

Netzwerkservice.

Die auf der Schriftkultur basierenden Handelsformen haben alle

Merkmale der geschriebenen Sprache und des Lesens erfordert, so weit

sie sich auf diese Transaktion bezogen. Die Schriftkultur trug dazu

bei, daß die Bedürfnisse breiter ausgefächert und die Wünsche genauer

artikuliert wurden, dementsprechend konnten sich die Märkte

entwickeln und eine bis dahin nicht gekannte Effizienz erreichen.

Die dafür nötige Ausbildung und das Verbot von Kinderarbeit

verkürzten einerseits den produktiven Teil des menschlichen Lebens,

andererseits wurde dessen Effizienz durch die aus der Schriftkultur

hervorgehenden Lebensformen erhöht. Höhere Produktivität und eine

breitere Nachfrage optimierten die Marktzyklen. Seit der Zeit der

phönizischen Kaufleute haben die Schrift und die aus ihr

hervorgehende Schriftkultur ihren Beitrag geleistet zu den Strategien

des Warentausches, zur Besteuerung--die direkteste Form des

politischen Eingriffs in den Markt--und zu den regulierenden

Eingriffen in die vielfältigen Formen, in denen sich die Menschen im

und durch den Markt konstituieren. Schriftliche Verträge weckten

Erwartungen bezüglich einer weitergehenden, allgemeineren Planung auf

der Grundlage der Schriftlichkeit.

Zwischen der Gewinnung und Verarbeitung von Rohmaterialien und dem

Verkauf und Konsum eines Produktes sind viele Ebenen geschaltet. Auf

jeder Ebene ist eine andere Sprache wirksam, manchmal sehr konkret,

bisweilen sehr abstrakt. Diese Sprachen sollen die

Verarbeitungsprozesse und Handelsabläufe beschleunigen, die Risiken

reduzieren, den Profit erhöhen und die Effektivität weltweiter

Handelsbeziehungen sichern. Ohne negativen Einfluß auf die Effizienz

der Vermittlung können diese neuen Handelsformen jedoch nicht mehr im

Zentralismus einer Schriftkultur befangen bleiben. Die Ergebnisse

einer 70jährigen Planwirtschaft in der Sowjetunion und ihrer

Satellitenstaaten--allesamt hochgebildete Gesellschaften--ist hierfür

ein sichtbarer Beweis. Die Geschwindigkeit der heutigen

Handelsabläufe und der parallele Verlauf der Verhandlungen erfordern

Sprachen von optimaler Funktionalität und minimaler Ambiguität.

Manche Transaktionen müssen auf visuelle Argumente zurückgreifen, die

über die Möglichkeiten der Telekonferenz weit hinausgehen. Produkte

und Verfahren werden noch im Verlauf der Verhandlungen durch die

interaktive Verknüpfung aller am Design, an der Herstellung und an

der Vermarktung Beteiligten modifiziert.

Die Überschreitung nationaler oder politischer (auch kultureller und

religiöser) Allianzen führt zu einer neuen Form von Freiheit, die

allerdings auch Freiheit von der schriftkulturellen Form einer

Nationalsprache und von allen im schriftkulturellen Diskurs

beheimateten Darstellungen und Definitionen von Freiheit bedeutet.

Da Zeichensysteme und ganz besonders Sprachen keine neutralen

Ausdrucksmittel sind, müssen wir uns zunehmend auch in den Zeichen

anderer Kulturen zurechtfinden. Heute gibt es schon

Unternehmensberatungen, die sich auf die Probleme der

Interkulturalität und die unterschiedlichen Kulturformen

verschiedener Länder spezialisieren. Sie handeln mit dem, was Robert

Reich Symbolmanipulation genannt hat. Deren Rat erstreckt sich auch

auf Bereiche und Sitten, die jenseits der in der Schriftkultur

festgehaltenen Werte liegen: also etwa auf die Frage, in welchen

Ländern Bestechung der effizienteste Weg zum geschäftlichen Erfolg

ist.

Wessen Markt? Wessen Freiheit?

Ein Markt, der an die moralischen und politischen Begriffe des

schriftkulturellen Diskurses gebunden bleibt, erreicht schnell die

Grenzen seiner Effizienz. Wir begegnen diesen Grenzen auf andere

Weise, wenn wir in bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhängen mit

Idealen oder Verhandlungspositionen konfrontiert werden, deren

implizite Wertvorstellungen sich aus Erwartungen (bezüglich eines

bestimmten Lebensstandards oder irgend welcher Vorteile) ergeben, die

in Verträgen und Gesetzen eingefroren sind. Viele europäische Länder

erleben derzeit die Krise ihres schriftkulturellen Erbes, weil

überholte, den neuen Effizienzerwartungen nicht mehr entsprechende

Arbeitsverhältnisse in Arbeitsgesetzen kodifiziert sind.

Andererseits müssen wir sehen, daß die in der amerikanischen

Verfassung garantierten Menschenrechte auf dem weltweiten Markt

gerade von denen vergessen werden, für die sie angeblich

selbstverständlich sind. Kein Amerikaner--nicht einmal ein

Angehöriger einer Minderheit--schert sich beim Kauf von neuen

Turnschuhen auch nur einen Deut darum, daß die Frauen und manchmal

sogar Kinder, die diese Turnschuhe in fernöstlichen Ländern

anfertigen, damit nicht einmal ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Und diese unmoralische oder opportunistische Haltung können wir

nicht einmal dem Markt zuschreiben, sondern jenen Konsumenten, die

das Größte und Beste zum kleinsten Preis erwarten. Es ist fraglich,

ob Bildung und Schriftkultur wirksamer als die heutigen

Effizienzerwartungen jene Gerechtigkeit bewirken würden, die im

Elfenbeinturm der Literatur eingeklagt wird. Wer an einen Markt, der

durch Wettbewerb gekennzeichnet ist und auf dem nur Effizienz und

Profit zählen, ethische Erwartungen heranträgt, wird schnell

enttäuscht sein, wenngleich es vielleicht die Gewissensbisse lindern

mag. Märkte sind der Ausdruck derer, die sie konstituieren; sie sind

realistisch, wenn nicht sogar zynisch.

Allein aus Gründen der Effizienz geben Märkte die Rahmenbedingungen

für die Selbstkonstituierung des Menschen ab, der Freiheiten und

Rechte genießt, die zu seinen produktiven Fähigkeiten beitragen. Der

Gedanke, daß Märkte nicht nur von großen Spannungen gekennzeichnet

und ohne Moral, sondern auch die Wiege für Freiheit, Toleranz

(politische, soziale, religiöse und geistige) und Kreativität sind,

wird nicht jedem gefallen. Aber wir sollten nicht vergessen, daß die

amerikanische Revolution nicht zuletzt durch Handelsstreitigkeiten

hervorgerufen wurde. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in den

Sowjetländern setzen sich im ehemaligen Ostblock allmählich und

mühsam Formen des Waren- und Gedankenaustausches durch, die denen im

Westen ganz ähnlich sind. Und trotz aller gegenwärtiger

Schwierigkeiten erkennen wir deutlich eine Entwicklung zu mehr

Freiheit und weniger Regulierungswut. Lediglich die Volksrepublik

China ist noch im Griff einer zentralistisch geregelten

Planwirtschaft. Und doch zeichnet sich auch dort ab, daß die

Konkurrenz zwischen offenen Märkten und der freie Fluß von Gütern auf

ein klares zukünftiges Ziel hinsteuert. Es wird vielleicht noch

etwas dauern, aber dann werden auch die Chinesen auf dem Festland so

frei sein wie ihre Nachbarn in Taiwan. Letztlich entscheidet die

Interaktion auf dem Markt das Schicksal der Menschen.

Und der Markt wird die Schriftkultur hinter sich lassen, wenn diese

seine Effizienz beeinträchtigt; er wird sich mit Hilfe von

Mechanismen weiterentwickeln, die den neuen Bedingungen des neuen

Marktes angemessen sind. Wenn wir verstehen wollen, wie Märkte

funktionieren, hat es überhaupt keinen Sinn mehr, auf Erklärungen

zurückzugreifen, die aus überholten Formen der Lebenspraxis

entwikkelt wurden. Es wäre Zeitverschwendung und würde in Nostalgie

enden. Die neue komplexe Lebenspraxis des neuen Marktes und damit

die neuen Möglichkeiten unserer Selbstkonstituierung würden wir

dadurch nicht besser beherrschen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 39 / 65 题