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Wenn wir den Menschen als ein Zeichen setzendes Wesen (zoon

semeiotikon) verstehen, so will das besagen, daß der Mensch seine

individuelle Wirklichkeit in die Realität des allgemeinen Daseins

durch semiotische Mittel hineinprojiziert. Auf dem Markt treffen die

drei Einheiten des Zeichenprozesses zusammen: das Darstellende

(Representamen), das, was dargestellt ist (Gegenstand) und der

Interpretationsvorgang (Interpretant). Diese Begriffe können auch in

Bezug auf den Markt definiert werden. Das Representamen ist das auf

dem Markt erkennbare Zeichenrepertoire. Dabei kann es sich um

vielerlei Dinge handeln, um Nützlichkeit (eines bestimmten Produktes),

Seltenheit, Quantität, das zur Herstellung verwendete Material, die

für die Entwicklung und Hervorbringung eines Produktes aufgewendete

Phantasie oder die für den Herstellungsprozeß verwendete Technologie

oder verbrauchte Energie. Die Menschen können durch völlig

unerwartete Eigenschaften eines Produktes angezogen werden, können

geradezu eine Abhängigkeit von Farbe, Form, Markennamen, Geruch usw.

entwickeln. Manchmal ist das Representamen der Preis, der die an

einem Produkt beteiligten Elemente oder andere Preiskriterien wie

Verkaufstrend, die Attraktivität (sexiness) eines Produkts, die

Leichtgläubigkeit oder die mangelnden wirtschaftlichen Kenntnisse von

Käufern benennt. In jedem Fall repräsentiert der Preis das Produkt,

wenn auch nicht immer auf angemessene Weise. Dem Gegenstand des

Zeichenprozesses entspricht das Produkt, sei es ein hergestellter

Gegenstand, ein Gedanke, eine Handlung, ein Ablauf oder ein Geschäft.

Wenn wir einmal vom unmittelbaren Tauschhandel absehen, ist jeder

Marktgegenstand durch einige der oben aufgelisteten Eigenschaften

repräsentiert. Daß diese Darstellungselemente keinen unmittelbar

einsichtigen Bezug zum Gegenstand haben müssen, zeigt nur, wie viele

Vermittlungseinheiten auf dem Markt wirksam sind.

Nichts ist ein Zeichen, solange es nicht als Zeichen interpretiert

wird. Wir verstehen diesen Interpretanten als einen Ablauf, denn

Interpretationen können ad infinitum fortlaufen. Ein Beispiel: Brot

ist ein Nahrungsmittel; ein akademischer Titel bezeugt die Tatsache,

daß ein Studium erfolgreich beendet wurde; Computer können als

verbesserte Schreibmaschinen oder für die Hervorbringung von Daten

verwendet werden. Als Zeichen aber kann Brot für alles stehen, was

es verkörpert: unser tägliches Brot; eine bestimmte Ernährungskultur;

das Wissen, das in den Getreideanbau und in die Getreideverarbeitung,

in die Hefeherstellung und in den Ofenbau, in die Kontrolle des

Backvorgangs eingeht. Selbst symbolische, auf Mythos oder Religion

bezogene Interpretationen gehören zur Interpretation des Brotes als

Zeichen. Ganz ähnlich verhält es sich mit akademischen Titeln, die

auf einen allgemeinen Bildungshintergrund, auf ein berufliches Umfeld,

auf eine Funktion und auf bestimmte Zukunftserwartungen hinweisen.

Und ganz ähnlich können Computer über ihre Funktionen hinaus auf die

Art der Anbindung an die Welt, auf die Art der Vernetzung, auf den

finanziellen Hintergrund seines Besitzers verweisen.

Aus der Voraussetzung, daß ein Zeichen nur durch Interpretation zu

einem solchen wird, ergibt sich, daß die Interpretation

gleichbedeutend ist mit der Selbstkonstituierung des Menschen als

Zeichen: Der Mensch wird re-präsentiert durch seine Produkte. Die

Nützlichkeit wird einem Produkt abgelesen; ein Produkt kann auf

Wohlwollen oder Ablehnung treffen; es kann Bedürfnisse und

Erwartungen wecken. Die sich selbst konstituierenden Individuen

erfahren durch ihr Handeln eine Selbstwertung (Erfolg oder Mißerfolg),

die durch das Produkt (Ergebnis) ihrer Handlungsweise repräsentiert

wird; dabei kann es sich um ein greifbares oder immaterielles

Ergebnis handeln, einen konkreten Gegenstand, einen Ablauf (auch

Vermittlungsprozesse) oder einen Gedankenhandel. Diese Lesarten

gehören ebenfalls zum Interpretationsvorgang. Das Konglomerat aller

Lesarten ist das Portrait des abstrakten Konsumenten, der all

diejenigen verkörpert, die ihre Individualität in den Transaktionen

konstituieren, die den Markt ausmachen. Ein Gebrauchtwagenhändler

oder ein Computerverkäufer, ein Einzelhändler oder ein

Universitätsprofessor identifizieren sich jeweils auf ihre Weise im

Markt und durch den Markt. Jeder wird durch einige charakteristische

Merkmale seiner Arbeit dargestellt. Jeder wird auf dem Markt,

jeweils mit Blick auf den lebenspraktischen Zusammenhang der

Transaktion, als zuverlässig, kompetent oder kreativ usw.

interpretiert. Die Interpretationsformen des Marktes sind sehr

unterschiedlich; sie reichen von der einfachen Beobachtung des

Marktes bis zur unmittelbaren Eingebundenheit in die Marktmechanismen

durch Produkte, Warentausch oder Gesetzgebung.

Der Markt ist der Ort, an dem die drei Elemente des

Zeichenprozesses--das, was vermarktet wird (Gegenstand), die Sprache

oder Zeichensysteme der Vermarktung (Representamen), die

Interpretation (abgeschlossene oder nicht vollzogene

Transaktion)--zusammentreffen. Der Markt kann unmittelbar oder

vermittelt sein, wirklich oder symbolisch, geschlossen oder offen,

frei oder reguliert. Wochenmarkt, Supermarkt, Direktverkauf der

Hersteller oder eine Einkaufszeile sind Beispiele für reale Märkte.

Der Markt gewinnt vermittelte oder symbolische Züge in solchen Fällen,

wo das Produkt nicht unmittelbar in seiner dreidimensionalen

Realität dargeboten, sondern durch ein Bild, eine Beschreibung oder

ein Versprechen präsentiert wird. Hierher gehören Versandhäuser oder

Aktien- und Termingeschäfte, die allerdings aus den direkten, realen

Märkten abgeleitet sind. Früher einmal war die Wall Street von

zahlreichen Märkten umgeben: Sie boten vielfältige exotische Produkte

feil, die die Schiffe aus aller Welt herangetragen hatten. Heute ist

die Wall Street ein System von Geräten und Händlern, die auf

Bestellzetteln oder Computerbildschirmen Zeichen entschlüsseln, die

sich auf Handelsprodukte beziehen, von denen sie nichts verstehen.

Die Börse ist heute ein Datenverarbeitungszentrum. Nur so konnten

die Erwartungen an eine optimale Markteffizienz erfüllt werden.

Dennoch müssen die Zeichenprozesse dieses neuen Marktes in Echtzeit

stattfinden, die so real und notwendig ist wie die Zeit, die beim

Tauschhandel oder bei persönlichen Verhandlungen über Produkte im

Spiel war. Nur verändert die neue Praxis des Marktes die Dauer von

Marktzyklen und die Geschwindigkeit geschäftlicher Transaktionen.

Das Feilschen auf einem Basar erfordert Zeit, digitale Transaktionen

mit Hilfe von entsprechenden Programmen sind abgeschlossen, bevor

irgend jemand ihre Folgen kalkulieren kann. Regulierungsmechanismen

können die Dynamik solcher Vermittlungsabläufe beeinflussen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 36 / 65 题