Vorbemerkungen

Wenn wir das Verhältnis zwischen Markt und Schriftkultur, bzw. einem

Stadium jenseits der Schriftkultur, näher betrachten, brauchen wir

zunächst einen begrifflichen Rahmen, innerhalb dessen die spezifische

Rolle der Sprache als Vermittlungselement auf diesem Markt genauer zu

fassen ist. Insbesondere müssen wir die Funktionen betrachten, die

die Schriftkultur bei der Diversifizierung von Märkten und deren

Effizienzsteigerung erfüllt hat. Wenn nämlich die Grenzen der

Vermittlungsfähigkeiten der Schriftkultur erreicht sind, wird auch

ihre Effizienz in Frage gestellt. Das geschieht nicht etwa außerhalb

des Marktes, wie einige Wissenschaftler und Politiker uns glauben

machen wollen. Diese Erkenntnis stellt sich auf dem Markt selbst ein,

auf dem im übrigen auch geistige Arbeit einschließlich der

Schriftkultur als Ware gehandelt wird.

Im folgenden sei Markt verstanden als ein Zeichenprozeß, durch den

sich die Menschen in der Welt konstituieren. Insofern können

Transaktionen auf dem Markt als Erweiterungen der menschlichen

biologischen Anlagen gesehen werden: Die Produkte unserer Arbeit

verkörpern die strukturalen Merkmale unserer natürlichen Anlagen und

genügen den Bedürfnissen und Erwartungen, die diesen Merkmalen

entsprechen. Diese Produkte sind Ausdruck unserer Persönlichkeit und

unserer Kultur, sie ergeben sich aus den Erwartungen und Werten, die

für die menschliche Gattung charakteristisch sind, und lassen das

Selbstbewußtsein und die Zukunftsziele dieser Gattung erkennen. Mit

der Sprache, mehr noch mit der Schriftkultur, werden Märkte zu

Auslegungsinstanzen, projektive Instantierungen (d. h.

Materialisierungen) von uns selbst auf dem Weg zu einer neuen

Entwicklungsschwelle, einer neuen Skala. Die Selbstkonstituierung

des Menschen durch Märkte versinnbildlicht die erreichten Ebenen der

produktiven und kreativen Kräfte und die Ziele, die ursprünglich dem

Überleben dienten, später dem Wohlstand und nunmehr der Komplexität

einer globalen Skala gegenwärtiger und zukünftiger Handlungsformen.

Von den frühesten Formen des Tauschhandels bis zum heutigen Handel

mit Futures und Optionen, von der Geldwirtschaft zur bargeldlosen

Gesellschaft haben Märkte seit jeher den Rahmen für eine immer höhere

Handelseffizienz geschaffen, die oft genug gleichbedeutend mit Profit

ist. Die allgemeinen Erklärungen, zum Beispiel der Zeichencharakter

des Marktes, lassen dennoch einige spezifische Fragen offen: Wie

kommt es z. B., daß ein Gerücht über eine Firma deren Börsenwert

beeinflussen kann, während veröffentlichte Rechenschaftsberichte

nahezu unbeachtet und wirkungslos bleiben? Es könnte sein, daß die

verborgenen Strukturen der im vorliegenden Buch diskutierten Abläufe

mehr zur Erklärung und Vorhersage solcher Phänomene beitragen können

als die vielfältigen mit akademischer Aura versehenen Theorien.

Jenseits der Schriftkultur — Band 3 · 第 35 / 65 题