Märkte sind vermittelnde Maschinen. Heutzutage verstehen wir unter
Maschine allerdings etwas anderes als das, was das industrielle
Maschinenzeitalter darunter verstand--ein Zeitalter, das wir eng mit
dem pragmatischen Handlungsrahmen der Schriftkultur verbunden sehen.
Heute ruft der Begriff Maschine eher Assoziationen an Software, d. h.
Programme, weniger an Hardware, d. h. Dinge, hervor. Insgesamt
umfaßt der Begriff Maschine jedoch Input und Output,
Verarbeitungsprozeß, Kontrollmechanismen und vorhersagbare
Funktionsfähigkeit. Hier beginnen unsere Schwierigkeiten, und zwar
weil uns Märkte bestenfalls als willkürlich, planlos, alles andere
als programmiert erscheinen. Marktvoraussage ist fast ein Oxymoron.
Was für eine Formel Fachleute auch ersinnen--der Markt geriert sich
vollkommen anders.
Eine unglaubliche Zahl von Transaktionen unterwirft die Produkte der
menschlichen Selbstkonstituierung ständig dem Test der Markteffizienz.
Nichts kann sich diesem Test entziehen: Ideen, Waren, Individuen,
Kunst, Sport, Unterhaltung. Wie eine Kaulquappe scheint sich der
Markt selbst in seinen Transaktionen zu ändern. Bisweilen erscheinen
diese uns so esoterisch, daß wir nicht einmal ahnen, was Input und
was Output in dieser Maschine ist. Aber wir alle erwarten, daß sich
am Ende der häßliche Frosch in einen Märchenprinzen verwandelt!
Ohne allzuviel vorwegzunehmen, können wir allerdings sagen, daß
dieser ständig wachsende Mechanismus menschlicher Selbstevaluierung
mit seiner gegenwärtigen Dynamik und im gegenwärtigen Umfang sich
nicht innerhalb des pragmatischen Rahmens der Schriftkultur hätte
entwickeln können. Gewiß können wir überall auf der Welt in Basaren
und Einkaufszentren Marktabläufe erleben, die wir mit
vorausgegangenen pragmatischen Handlungsrahmen (etwa dem
Tauschhandel) in Verbindung bringen. Als die wirklichen neuen
Marktformen in einer quasi reinen Form, also jene, die für ein
Erfahrungsstadium jenseits der Schriftkultur typisch sind, muß man
sich aber die Aktienbörsen und die im Internet abgewickelten Formen
des Warentausches und der Auktionen vergegenwärtigen. Man muß sich
jene unsichtbaren, weit verzweigten, im Netzwerk sich vollziehenden
Transaktionen vorstellen, bei denen kaum noch zu sagen ist, wer sie
in Gang gebracht, diese oder eine andere fortgeführt oder einen
Handel erfolgreich abgeschlossen hat, bzw. nach welchen Kriterien
sich dies vollzog. Diese Transaktionen führen gleichsam ein
Eigenleben, haben eine Eigendynamik.
Der Begriff Vermittlungsmaschine konnotiert auch die Vorstellung von
einem Programm. Manch ein Börsenmakler steht der Entwicklung, in der
viele Vermittlungen durch Entitäten stattfinden, die weder sprechen
noch schreiben können, reserviert gegenüber. Dennoch ist der
Börsenhandel mit Hilfe von Programmen heute eine
Selbstverständlichkeit. Wirtschaftsexperten und Marktforscher, die
gemeinsam Software auf der Grundlage von biologischen Analogien, der
Genetik und dynamischen Systemmodellen entwickeln, belegen dies
nachdrücklich.