alsbald das Ziel unserer heutigen Fahrt, ~das große Benedictinerstift
Göttweig~ auf dem runden 800 Fuß hohen Waldberge. Auf der Donau
überholten wir einen flachen Kahn, in welchem 14 Pferde standen; sie
schienen derartiger Fahrten gewohnt zu seyn und zeigten durchaus keine
Befremdung über das vorbeibrausende Dampfschiff. Die Matrosen trafen
nun Anstalt, den Mastbaum und den Schornstein niederzulassen, was mit
Leichtigkeit bewerkstelligt wurde. Alsbald schlüpfte das Schiff durch
die hölzerne Donaubrücke vor der Stadt ~Stein~ und schwenkte dann in
großem Bogen dem Lande zu.
Stein liegt am Ufer der Donau lang hingedehnt, und die vielen hier
aus- und eingeschifften Menschen und Waaren, sowie die zahlreich am
Ufer aufgeschichteten Kästen, Fässer und Ballen zeigen, daß wir uns
hier auf dem Stapelplatze von Mähren befinden. Wir begaben uns mit dem
Gepäck in Eder’s Gasthaus und traten auf den nach der Donau gerichteten
Balcon, von wo aus wir mit dem Fernglase uns die Gebäude von Göttweig
näher zu bringen suchten. Wir bemerkten die langen Fensterreihen, die
stattlichen Frontispize und Thürme.
Nachdem wir mit Speis’ und Trank uns erquickt, ergriffen wir die
Reisetaschen und schritten am Ufer entlang nach der Donaubrücke, deren
Länge 570 große Schritte beträgt. Wir schritten durch Mautern, ein
alterthümliches, sonst unansehnliches Städtchen, und gelangten auf die
Hochstraße, an welcher hie und da Betsäulen angebracht sind. Zu beiden
Seiten ist wohl angebautes Feld. Wir bemerkten unter den Früchten auch
Mais. Der Himmel schien sich zu lichten, in bester Hoffnung rollten wir
unsere Mäntel auf und schritten rüstig fürbas. Es kam uns ein Gensdarm
entgegen, der uns artig um unsere Pässe ersuchte und uns freundlichst
Auskunft über den Fußweg nach dem Stift ertheilte.
Der Weg steigt fortwährend an, und das Städtchen ~Furth~ ist schon
ziemlich hoch am Fuße des Berges von Göttweig gelegen. Hinter dem Ort
führt der Fußsteig in den Wald. Da begann aufs Neue der Regen, so daß
wir Mäntel und Schirm eilig entfalten mußten. Der Weg ist steil, doch
wohl gebahnt, und so sahen wir nach einer halben Stunde die weißen
Klostermauern über uns durch die grünen Wipfel der Kiefern blinken.
Wir schritten nun neben den alterthümlichen Resten der alten Burg über
die Brücke in den Hof, wo sich das zwischen zwei Thürmen erhebende
Kirchenportal stattlich darstellt. Wir traten in die Klosterpforte
und übergaben dem Pförtner unsere Karten mit der Bitte, sie unserem
Freunde, dem Bibliothekar des Klosters, zuzustellen. In wenigen Minuten
hörten wir seinen Tritt, und er stand im Kleide des heiligen Benedict
vor uns. Die Freude des Wiedersehens war um so größer, als die Ungunst
der Witterung sie noch vor wenigen Tagen sehr zweifelhaft gemacht hatte.
Der Freund geleitete uns auf unsere Zimmer, die eine prachtvolle
Aussicht auf das Donauthal gewährten. Es war ein hohes Gemach mit
blauen reichvergoldeten Ledertapeten, solidem Parket, reicher
Stuccaturdecke, Sammetstühlen und Marmortischen. In prachtvollen
Goldrahmen blinkten venetianische Spiegel. Das Zimmer meines
Begleiters, etwas kleiner, war mit einem großen Gemälde, Apollo und
Marsyas, verziert. Für alle Bequemlichkeiten war wohl gesorgt. Die
Toilette wurde rasch geordnet und dann zunächst dem Herrn Abt ein
Besuch abgestattet. Se. Gnaden empfingen mich mit Herzlichkeit und
Wohlwollen.
Nachdem wir uns etwas erfrischt, begaben wir uns nach der Bibliothek;
sie ist in einem geräumigen, durch zwei Stockwerke gehenden Saale
aufgestellt. Die Decke ist mit Stucco und Fresken geschmückt, der
Fußboden ist Marmor, die Bücherschränke bestehen aus braungebeiztem
Holze, das reich geschnitzt und mit Vergoldung geziert ist. Um das
Ganze läuft eine Galerie, auf welche in der Ecke Wendeltreppen
führen. Auf den in der Mitte angebrachten Tischen stehen Erd- und
Himmelskugeln. Daneben befindet sich ein ~Gemach~, das nicht minder
stattlich eingerichtet ist und die Incunabeln und Handschriften enthält.
Vor Allem zeigte uns der Freund die von dem Pater Vincenz Werl überaus
fleißig und sorgsam gearbeiteten Verzeichnisse der hier verwahrten
gelehrten Schätze; das der Handschriften umfaßt drei Bände, die ich mir
zu näherer Durchsicht erbat und mit auf mein Zimmer nahm.
Wir gingen abermals zu dem Herrn Abt und begaben uns sodann mit diesem
in das Winterrefectorium, einen geräumigen gewölbten, geschmackvoll im
älteren Styl gemalten Saal. Oben quervor steht die Tafel, an welcher
der Abt mit den Gästen und den älteren Beamten des Stifts sitzt. Eine
andere, für die jüngeren Herren bestimmte Tafel steht der Länge nach.
Wir traten ein, die Benedictiner reihten sich zu beiden Seiten längs
der Wand, und der Prior begann das Gebet, in welches abwechselnd die
übrigen, auch der Abt einstimmten. Darauf nahm man Platz, der meinige
war zwischen dem Abt und dem Prior. Mir gegenüber saßen der Kämmerer
des Stifts, der bekannte Geschichtforscher Friedrich Blumenberger und
der Secretär des Hauses Pater Heinrich. Der Abt bedeutete, daß wir
heute gerade einen Fasttag getroffen; wir versicherten jedoch, daß die
Fischcoteletts unserem Appetit vortrefflich zusagten. Das Gespräch bei
Tische wurde mit jener Mäßigung geführt, welche stets das Zeichen einer
guten Gesellschaft ist.
Die Tafel wurde mit Gebet geschlossen. Die Väter entfernten sich meist,
wir blieben mit dem Abt und unserm Freunde, der die Würde des Subpriors
bekleidet, noch eine Weile bei einem Glase Wein sitzen. Dann geleitete
uns der Freund durch die langen marmorbelegten Corridore nach unserem
Zimmer.
So waren wir denn im Kloster. Mein Begleiter warf sich gar bald dem
Schlaf in die Arme, ich saß noch beim Lichte und genoß die wahrhaft
heilige Stille und Ruhe, die hier oben, hoch über dem städtischen
Getreibe herrschte. Man vernahm nur das Rauschen des Mühlbachs, der
unten im Thale bei Furth thätig war, und den Laut des Windes, der die
Wipfel der Kiefern zu unseren Füßen aus dem Traume scheuchte.
Wie stach dieser Aufenthalt ab gegen den auf dem Dampfschiffe und in
der Cajüte desselben, wo 30 Menschen in einem Raum zusammenstaken, der
30 Fuß lang und 12 Fuß breit, aber höchstens 8 Fuß hoch war. In dem
Stifte von Göttweig wohnen etwa 30 Väter; dann leben dort der Apotheker
mit seiner Familie, die Oekonomen, die weltlichen Diener, Beamten und
andere, die hier Beschäftigung finden, etwa 70 Köpfe, so daß im Ganzen
an 100 Menschen den Gipfel des Berges innehaben.
Die Gebäude sind überaus stattlich, durchgängig steinern und massiv
erbaut. Ueberaus prachtvoll ist die große Treppe, deren Wände weiß
und goldverziert sind. Die Decke schmückt ein colossales Freskobild
von Troger, den Sieg der Wahrheit und die Apotheose Kaiser Karls VI.
darstellend. Die langen, breiten und hohen, mit ansehnlichen Fenstern
erleuchteten Corridore sind mit Gemälden verziert. Einige derselben
stellen Scenen aus dem Leben des heiligen Benedict dar, gemalt von
Hötzendorffer, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Kloster
und von demselben lebte. Hötzendorffer war Landschaftmaler, und seine
legendarischen Bilder sind auch vorzugsweise höchst genial ausgeführte
Landschaften, in denen der Heilige und seine Genossen nur als Staffage
erscheinen. In einem der Corridore sieht man die Bilder einiger
Aebte, von denen mich das des würdigen ~Gottfried Bessel~ am meisten
interessirte. Das Stiftsgebäude ist sehr umfangreich, sein Grundriß
ist von der Gestalt des Berges bedingt. Die nach der Donau gerichtete
Seite ist befestigt. Die Kirche befindet sich in der Mitte des Ganzen.
Das Stift ist jedoch noch nicht vollendet, und der Theil, welcher
gegenwärtig noch unscheinbare Wirthschaftsgebäude enthält, sollte eine
stattliche Façade darstellen und den Hof umschließen, dessen Glanzpunkt
die Kirche gebildet haben würde, deren Thürme noch nicht beendigt sind.
Im Jahre 1718 brannte das Stift ab; Abt Gottfried hatte einen Plan
entworfen, den er nach Wien einsandte. Kaiser Karl VI. fand denselben
jedoch der Bedeutung des Stifts keineswegs angemessen. Er ließ durch
seinen Hof-Baumeister Lucas von Hildebrand einen anderen herstellen,
und der Abt begann nach diesem den Bau. Er hatte die Absicht, die
eigentlichen Wohnstätten zuletzt auszuführen, da er die Ueberzeugung
hatte, wenn nur erst das dulce hergestellt, werde sich das utile schon
von selber finden. Allein der Convent war anderer Ansicht, und diesmal
wurde das Nothwendige dem Schönen vorgezogen. Am 2. Juli 1719 legte
Abt Gottfried den Grundstein, 1720 erhob sich die Ostseite des Hauses,
und am 8. Nov. 1724 konnte der Convent einziehen. 1728 vollendete der
Hausmaler Pyß das Deckenbild des Sommerrefectoriums, 1743 malte Troger
die Decke der Treppe. Abt Gottfried starb 1749, Mittlerweile waren die
unseligen Schlesischen Kriege in Gang gekommen, welche eine so große
Fülle von Elend in ihrem Gefolge hatten. Der Bau des Stiftes gerieth
ins Stocken, und noch heute steht die Abtei Göttweig unvollendet
da, eines der unzähligen Denkmäler jener Zeit der Zerrissenheit der
deutschen Nation und des unfruchtbaren Ehrgeizes ihrer Glieder.
Sonnabend, den 13. September, war ich bei guter Zeit am Schreibetisch,
um mir aus dem ~Verzeichnisse der Handschriften~ Notizen zu machen.
Der erste Band desselben enthält eine fleißige Zusammenstellung des
Wissenswürdigsten aus der Handschriftenkunde, nebst einer Darstellung
der ältesten, in Göttweiger Manuscripten vorkommenden Papierzeichen,
woran sich dann das Verzeichniß der alten bis zum 16. Jahrhundert
reichenden Handschriften schließt. Der zweite Band ist vorzugsweise
durch die Beschreibung des gelehrten Apparates des Abts Gottfried
gebildet, den dieser zu Herstellung des _Chronicon Gott vicense_
brauchte. Der gelehrte Verfasser des Katalogs, Pater Vincenz Werl,
gegenwärtig Hofmeister des Göttweiger Hofes in Wien, hat einen Abriß
der Lebensgeschichte des Abtes Gottfried beigefügt. Die Ordnung der
Bessel’schen Papiere ist ebenfalls sein Werk. Zu beachten ist dabei,
daß Pater Vincenz bei seiner schwierigen Arbeit durchaus nicht mit der
Fülle von Hülfsmitteln versehen war, die bei derartigen Arbeiten so
wünschenswerth sind.
Unter den Handschriften finden sich freilich keine Schätze ersten
Ranges; nur wenige reichen, wie das Psalterium (2.), in’s 9. und, wie
die Tironischen Noten, in’s 16. Jahrhundert. Indessen bieten doch die
800 Bände manchen schätzbaren Beitrag zur Literatur des Mittelalters.
Vor Allem zeigen sie, welchen ausdauernden Fleiß die Benedictiner
in ihren literarischen Arbeiten hatten; in der einen Handschrift
befindet sich das Verzeichniß der Bücher, welches Bruder Heinricus
der Kirche zubrachte. Die Manuscripte gehören zumeist der kirchlichen
Literatur an. Doch ist auch Anderes darunter, wie Marbod’s Gedicht von
den Edelsteinen, die _Mirabilia Romae_, Hermanns Chronik, Solinus,
ein Herbarium des 13. Jahrhunderts. Die _Gesta Romanorum_, Guido von
Columna, Walters Alexanderis, viele Schriften des Albertus Magnus, ein
deutsches Trojabuch, Gesundheitsordnungen, Büchsenmacherei u. dgl. Daß
die Marienliteratur und die der Legenden, Predigten u. dgl. zahlreich
vertreten ist, scheint ganz in der Ordnung.
Mich interessirte vor Allem die Lebensskizze Gottfried Bessel’s, welche
Vincenz Werl dem 2. Bande seines Handschriftenkatalogs vorangeschickt
hat. Abt Gottfried war unstreitig einer der bedeutenderen Prälaten
seiner Zeit und ein nicht minder gewandter Diplomat, als gründlicher
Gelehrter und thätiger Kunstfreund. Er war zu Buchheim am 5. Sept. 1672
geboren und muß eine gründliche Bildung genossen haben. Er war sehr
thätig bei der Bekehrung der braunschweigischen und mecklenburgischen
Fürsten und hatte deshalb viele Reisen unternommen. Seine gelehrte
Thätigkeit als Gründer einer nationalhistorischen Akademie in seinem
Stifte, deren Frucht das Chronikon, wovon leider nur zwei Theile
erschienen sind, ist allgemein anerkannt. Neu war es mir, daß Abt
Gottfried bereits in dem ersten Viertheil des vorigen Jahrhunderts
eine Trivialschule bei dem Stifte errichtet hat. Möchte es doch dem
Manne, der dazu unstreitig die meiste Befähigung und die nothwendigen
Hülfsmittel hat, Herrn Vincenz Werl, gefallen, eine ausführliche
Lebensbeschreibung dieses gelehrten Prälaten zu schreiben und dadurch
einen wichtigen Beitrag zur deutschen Culturgeschichte des 18.
Jahrhunderts zu liefern. Die bis jetzt gedruckten Nachrichten über Abt
Gottfried sind zu dürftig[2].
[2] _Ziegelbauer, historia literaria ordinis S. Benedicti
I. A. Fabricii bibliotheca mediae & inf. Latinitatis III._ 230. Neue
Beiträge zu alten und neuen theol. Sachen. 1751. S. 667, Jäck in
Ersch und Gruber’s Encyklopädie. _Museum Mazzucchelli_ S. 227.
Meine Arbeit ward oft unterbrochen, denn wenn die Sonne aus den Wolken
trat, ward ich nach dem Fenster gezogen, um die herrliche Aussicht zu
genießen, die sich hier darbot. Da sah man das prächtige Donauthal,
zur Linken das Städtchen Dürrenstein mit den über demselben am Berge
hangenden Trümmern der Burg. Unten an unserem Berge zeigte sich das
Städtchen Furth, mit dem Fernglase bemerkte man, was auf den Straßen
vorging, weiterhin Mautern mit dem spitzigen Steinthurme, umgeben von
Weingärten und Feldern. Dann erblickte man die Donaubrücke von 19
Jochen. Drüben aber an den waldbekrönten Rebenbergen streckten sich die
sauberen Städte Stein und Krems, zwischen denen das ehemalige Kloster
Und gelegen, in langer Linie hin. Nach der rechten Seite dehnte sich
das Grün der Landschaft in unabsehbarer Ferne an dem glänzenden Spiegel
der Donau dahin. Welche Wolkenbildungen, welche Lichtwirkungen gab es
da zu beobachten.
Beim Kaffee, zu welchem appetitliche Weißbrotschnitten gegeben wurden,
überraschte uns unser Freund. Er führte uns zunächst in die Kirche,
deren Chor außen noch die Ornamente des 15. Jahrhunderts an sich
trägt. Das Gebäude wurde beim Brande am 17. Juni 1718 von den Flammen
verschont. Schiff und Thürme sind modern, letztere nicht vollendet.
Das Innere der Kirche ist ganz in dem neueren, österreichischen
Kirchenstyle ausgeschmückt. Der bilderreiche Altar wird durch zwei
ein Frontispice tragende Säulen gestützt. Er ist überreich bemalt und
vergoldet. Die Chorstühle, so wie die Seitenaltäre zeigen ebenfalls
reiches Schnitzwerk. Decke und Säulen prangen in Stuccoornamenten und
Frescomalerei. Der Singechor trägt eine Reihe musicirender Engel;
dahinter glänzt die in drei Abtheilungen gebaute Orgel. Die Grabstätten
der letzten Aebte sind in den Abseiten des Chors. Nicht ohne innige
Ehrfurcht sahen wir die Marmorplatte, hinter welcher die Gebeine des
verdienten Abts Gottfried und die seines Nachfolgers Magnus Klein ruhen.
Wir begaben uns sodann in das ~Naturaliencabinet~, das ein achteckiges
Thurmzimmer einnimmt. Im Vorzimmer befindet sich das Modell des Werkes,
welches dem Stifte vom Fuße des Berges das nöthige Wasser zuführt, dann
aber auch ein, mit Florentiner Pietradura trefflich ausgelegter Schrank.
Die Naturaliensammlung enthält nur wenige zoologische Gegenstände,
einige Schädel, Mumientheile, Muscheln, Narwalzähne; desto schätzbarer
ist die Abtheilung der Mineralogie. Es sind nicht allein zahlreiche,
sondern auch ansehnliche und seltene Sachen, besonders Erze hier
beisammen. Der in der Nähe entdeckte ~Gurhofian~ oder dichte Bitterkalk
war natürlich in Prachtexemplaren vertreten. Da seit einigen Jahren
unter den Herren kein Mineralog vorhanden und mehrere neu dazugekommene
Stufen noch nicht bestimmt waren, so übernahm mein Begleiter eine
Durchsicht und Anordnung der Sammlung, wobei einige der Patres ihm
hülfreiche Hand leisteten.
Zu Mittag Punct Zwölf rief die Glocke die Brüder in das Refectorium;
wir holten den Herrn Prälaten ab. Wir waren nun schon ganz bekannt
mit unseren liebenswürdigen Herren Tischgenossen, die uns zum Theil
im Naturaliencabinet aufgesucht hatten. Der Prior, Pater Benedict
Wild, und der _Pater venerabilis_, ein alter, fast erblindeter Herr
von 84 Jahren, vernahmen gern sächsische Nachrichten, während Pater
Blumenberger interessante Mittheilungen über die mit den zum Stift
gehörigen Ortschaften obschwebenden Ablösungsangelegenheiten machte.
Auch hier hat man dem Kloster Arges zugemuthet und seit dem Jahre 1848
jede Abgabe hartnäckig verweigert. Ja die Demokraten haben oft genug
aufgefordert, dieses Pfaffennest zu zerstören. Die Herren Patres sind
jedoch im Besitze von 6 dreipfündigen Kanonen und 60 gezogenen Büchsen,
mit denen sie die ihnen treuergebenen Klosterleute bewaffnet hatten.
Das Kloster ist nächstdem befestigt und war auf einen plötzlichen
Ueberfall genügend vorbereitet.
Nach Tische folgten wir dem Prälaten mit unserem Freunde und dem
Secretair, dem heiteren Pater Heinrich, auf sein Zimmer, um eine Tasse
Kaffee einzunehmen. Der Prälat bewohnt eine Reihe Zimmer mit der
Aussicht nach der Donau. Hier sind einige nette Kunstwerke aufgestellt,
namentlich ein Crucifix aus Elfenbein von besonderer Schönheit,
eine heilige Magdalene von Van Dyk und mehrere gute Portraits von
Mitgliedern des Hauses.
Wir begaben uns sodann in die Naturaliensammlung, wohin die schöne
Aussicht und die übrigen, noch vorhandenen anderweiten Merkwürdigkeiten
lockten. Es waren mehrere Richtschwerter hier aufbewahrt, deren eins
mit folgender Inschrift versehen war:
_DER-KAVFT-E-DAZ VAIL-1444.
WIRT . VNT. E . DAS . VERLORN . WIRT.
DER . STIRBT . E . DAS . ER . KRANCK . BIRT._
Daneben steht ein Rad. Auf der anderen Seite ist: der Galgen
eingeschlagen und der Name des Waffenschmieds oder des Besitzers:
_MICHAEL * PRUNER *_ Der Spruch muß unter den Scharfrichtern der
Donaulande sehr beliebt gewesen seyn, da wir denselben bereits in
Salzburg gefunden hatten. In einem der Mineralienkästen sah man eine
viereckige Flasche mit engem Halse, in deren Inneres ein ganzes
Bergwerk aus mehreren Stockwerken eingebaut war. Die Bergleute hatten
die alte sächsische Tracht und rothe Hosen. Das eigenthümliche Werk
stammte jedenfalls aus dem vorigen Jahrhunderte. Von einem Hüttenwerke
waren nur noch Trümmer vorhanden. Nächstdem gab es Bezoarsteine,
seltsam gestaltete Wurzeln, Mosaiken, Korallen und andere Curiosa, die
man ehedem als Verzierung der Naturaliensammlung aufstellte.
Ich ging dann mit dem Collegen in die Bibliothek und ließ mir die
Handschriften vorlegen, die ich mir in dem Katalog ausgezeichnet hatte.
Es sind sehr schätzbare Sachen, namentlich Kirchenbücher, vorhanden.
Ich bemerkte als ein Prachtstück ein nautisches Werk, auf dickes
Pergament gezeichnet und in der bekannten Art der Portolanen schön
mit Farben und Gold erhöht: _Christoph. Eusenii Sacerdotis descriptio
Archipelagi & Ciclarum aliarumque insularum_ vom Jahre 1422. Dabei
befanden sich aber auch noch Karten von Sicilien, Sardinien, Corsika
und England. Das Ganze war trefflich erhalten.
Noch schöner ist Nr. 453, ein Breviarium des 15. Jahrhunderts, auf
Pergament mit flandrischen Miniaturen und Randmalereien von der
höchsten Zierlichkeit und Vollendung. Unter den ersteren zeichnet sich
ein _Ecce homo_ aus, dann ein Blatt, das den schwarzen Tod auf einem
schwarzen Elenn mit schwarzer Sense darstellt, der die Päpste und
Fürsten abmähet. Die Randleisten zeigen Feldblumen, Safran, Erdbeeren,
dann auch Vogelkäfige in den reichsten Arabesken.
Wir sahen dann einige der zahlreichen Bände durch, welche den Apparat
zu dem _Chronicon Gotvicense_ bilden. Diese Bände enthalten unter
Anderem auch die überaus sorgfältig auf Wachspapier ausgeführten
Durchzeichnungen der Urkunden, die Abt Gottfried in Kupfer stechen
ließ. Hier wird ferner die umfangreiche Correspondenz dieses gelehrten
Prälaten aufbewahrt. Diese zahlreichen Briefe, Blätter und Hefte hat
der überaus fleißige Pater Vincenz Werl auf das Gewissenhafteste und
Trefflichste geordnet, numerirt und verzeichnet. Darunter finden
sich auch deutsche poetische Versuche Bessel’s, die gewiß für die
Charakteristik desselben höchst wichtig sind.
Als es dunkelte, kam Pater Wilhelm mit meinem Sohne in die Bibliothek,
aus der ich mir einen Miscellancodex auf mein Zimmer nahm, der eine
deutsche poetische Bearbeitung der Legende von der heiligen Catharina
enthielt.
Wir spazierten noch ein wenig ins Freie, besahen die älteren Partieen
des Hauses, die gegenwärtig von den Oekonomen benutzt werden, und
gingen außen herum. Von hier aus sieht man den steilen Berg hinab
in ein liebliches Thal, das den Brunnen enthält, welcher das Stift
mit Wasser versorgt. Dort unten ist eine Mühle, ein Dörflein, die
Geburtsstätte des Herrn Prälaten, und ein Kirchlein, bei welchem die
verstorbenen Brüder ihre letzte Ruhestätte finden.
Wir traten nun an die massiven Festungswerke, die in der That
unersteiglich scheinen, da der Berg hier überaus steil abfällt. Es ist
diese Nordseite ziemlich felsig und unfruchtbar. An einigen Stellen
steht der Granit zu Tage. Hier ist die Aussicht nach Dürrenstein sehr
schön.
Wir kehrten, da ein Regenwetter aus Nordost heranzog, in das Haus
zurück und begaben uns in das neben dem Refectorium gelegene
Billardzimmer, dessen Wände mit einer kleinen Bildergalerie verziert
sind. Wir fanden hier den _Pater venerabilis_ Victorinus, der in den
Kriegsjahren um 1809 eine dem Stifte gehörige Pfarrei innehatte. Er
erwähnte, daß damals ein königl. sächsischer Hauptmann bei ihm im
Quartiere gelegen, der ihm gegen die Anforderungen der Kriegsvölker
schützende Abwehr geschafft habe. In jenen Tagen litten die Stifter
Oesterreichs außerordentlich. Die französischen Soldaten richteten
besonders in den Weinkellern gewaltige Verheerungen an. Dem Kloster
Göttweig hätte die Ehre, Napoleon einige Stunden zu beherbergen, fast
den Untergang gebracht. Der Kaiser hatte sich in den Kaiserzimmern
mit einigen Generalen über die Operationen berathen. Da bemerkt
ein Adjutant, daß die mit Tapeten bekleideten Wände hohl sind, und
beschuldigt die Väter, daß sie dem Kaiser diese Zimmer in der Absicht
angewiesen, um in den hohlen Wänden einen Horcher aufzustellen. Man
überzeugte jedoch die kriegerischen Gäste von der Nichtigkeit dieses
Verdachtes. Der gute Vater Victorin erzählte noch manchen Zug aus den
unheilvollen Kriegsjahren, bis wir, dem Rufe der Glocke folgend, uns in
das Refectorium begaben.
Es waren bei dem Herrn Prälaten eben Briefe aus Ungarn eingegangen, wo
das Stift Göttweig ansehnliche Besitzungen in dem Kloster ~Zalavar~
inne hat. Dieses Gebiet ist von bei Weitem größerem Umfange als das,
welches es in Oesterreich besitzt. Der Abt sprach die Hoffnung aus,
daß, wenn nur erst die nächsten Folgen der Revolution beseitigt und
der Anbau jenes reich begabten, fruchtbaren Landes in ernsten Angriff
genommen worden, dem Staate sich dort ganz frische Quellen des
Einkommens eröffnen würden. Das größte unter den äußeren Hemmnissen sey
der Mangel an Straßen und anderen Verkehrsmitteln. Der Prälat besucht
von Zeit zu Zeit jenes Stiftsgebiet. Das Gespräch wandte sich nun noch
den Erlebnissen der Jahre 1848 und 1849 zu; der Abt war damals zu
Wien bei dem Reichstage anwesend, umgeben von den Schrecknissen der
Revolution. Wir saßen noch lange in der Besprechung damaliger Zustände
und in gegenseitigen Mittheilungen der Einzelheiten.