Küche die Dünste des Mittagsessens hervorquollen, wenn die ansehnliche
Gestalt der rührigen Wirthin hereintrat und die Wünsche der Gäste
vernahm oder erfüllte. Es war dieselbe Frau, die wir acht Tage früher
unter dem Schimmer des Goldhelmes erblickt hatten. Diesmal ersuchten
wir zunächst um eine Suppe und erhielten auch bald eine jener
oberösterreichischen Suppen mit fleischlichem Inhalt, die mir für ein
ganzes Mittagsessen genügen. Ich ließ jedoch noch ein Rindfleisch
auftragen, dessen Vortrefflichkeit zu weiterem Essen verleitete. Löffel
und Gabeln waren auch hier von Silber und das Tischzeug überaus sauber
und nett. Das Lob ihres Mittagsessens vernahm die gute Wirthin mit
freundlicher Miene.
Nachdem wir ein Stündchen geruhet, spannte unser Fuhrmann wiederum
ein; wir wollten eben einsteigen, als ein Wagen am Gasthof hielt, der
zwei Damen von unserer Bekanntschaft, und zwar von meiner Straße,
heranführte. Das gab denn natürlich große Freude und gegenseitige
eilige Mittheilungen.
Wir fuhren weiter; die Sonne war mittlerweile aus den Wolken getreten
und berührte den Wolfgangsee und seine malerischen Ufer auf das
Anmuthigste. Die Oberfläche des Wassers spielte in allen Nuancen
des Blau bis in Violett und Grün. Die Büsche und Bäume am Wege
funkelten noch naß vom Regen, und wir ließen, um uns diesem herrlichen
Schauspiele ganz hinzugeben, den Wagen zurückschlagen.
Wir hatten bald den Postwagen, der in St. Gilgen frische Pferde
vorgelegt hatte, überholt und eilten durch die bekannte Gegend dahin,
so daß wir zeitig in Ischl eintrafen und im Gasthofe zur goldenen
Krone abstiegen. Die freundlichen Kellnerinnen empfingen uns als alte
Bekannte und brachten uns auf unser früheres Zimmer, wo wir nicht lange
verweilten. Wir begaben uns zunächst nach dem Siedehause, sahen die
gewaltigen Pfannen und dann die Zuformung des schneeweißen Salzes,
das in Fässer geschlagen und weiter geführt wird. Dann begingen wir
die Promenaden, die Säulenhalle, die Straßen der niedlichen Stadt,
die bereits einige recht stattliche Gasthöfe aufzuweisen hat. Am
interessantesten war ein Gang an der Traun, wo eben ein Paar für den
kleinen Fluß scheinbar colossale Kähne durch Pferde unter der Brücke
hindurchgezogen wurden. Die Schiffer haben ganz eigenthümliche Schalten
und Ruder. Die Ruder bestehen aus Tafeln, die etwa eine Quadratelle
haben und an denen ein kurzer Stiel befestigt ist.
Mit Dunkelwerden kehrten wir in unseren Gasthof zurück und machten
nun unseren, mittlerweile daselbst ebenfalls angelangten Damen unsere
Aufwartung, die nun ausführliche Berichte über ihren Aufenthalt in
Wien, Venedig, Inspruck u. s. w. erstatteten.
Wir begaben uns sodann in die Wirthsstube, um ein frugales Souper
einzunehmen, und zogen Erkundigungen über die Wege nach Kremsmünster
und St. Florian ein. Ich hatte mir vorgenommen, ein österreichisches
Benedictinerstift zu besuchen, und Kremsmünster vornehmlich im Auge
behalten, ein Stift, dessen Insassen so viel für die Wissenschaften
geleistet. Ich war begierig, den astronomischen Thurm zu sehen und
die schönen Sammlungen, die er in seinen acht Stockwerken umschließt.
Das lockte sehr. Allein der Weg dahin ward als schwierig geschildert
und unser Gepäck war uns ein wahres Impedimentum, wenn wir eine
Fußwanderung unternehmen wollten. Ich schob indessen für heute die
Entscheidung auf, und wir begaben uns zeitig zur Ruhe.
Mittwoch, den 10. September, waren wir bei früher Tageszeit auf den
Beinen und in den Straßen von Ischl. Die Kaufläden boten manches
interessante Gewerbserzeugiß zur Anschauung dar, so z. B. die Läden
mit österreichischem Porzellan und Glas, worunter namentlich sehr viel
modellirte Vesen, Thiere, die als Briefhalter dienen. Eigenthümlich
sind die sogenannten heiligen Geiste, die der Landmann in der Stube
aufhängt. Es sind Tauben mit ausgebreiteten Flügeln von weißer Farbe
und der Größe eines Schmetterlings, die mit farblosem Glase umgeben
sind. Ein anderer Laden enthielt Holzwaaren, darunter Tabakpfeifen
von höchst abenteuerlicher Gestalt. Der Kopf von ungarischer Form
besteht aus einem Knie von Lerchenholz, an welchem sich noch die Rinde
befindet, die auch an dem einzusteckenden Deckel theilweise sichtbar
ist. Der Stiel besteht aus sauber abgedrehtem und polirtem Knieholz.
Als Verzierung hängen an grünseidener Schnur zwei stattliche Quasten
aus Bartmoos (_Usnea_).
Wir beurlaubten uns dann von unseren Damen, die mehrere Tage in Ischl
verweilen wollten, und begaben uns nach der Post, um mit dem Stellwagen
nach Ebensee uns befördern zu lassen. Es war derselbe, der uns früher
nach Ischl gebracht hatte.
Der Wagen war bald gefüllt, und die Pferde zogen an. Bis an die
Traunbrücke, freilich eine gar kurze Strecke, ging Alles gut. Als aber
der Weg sich hob, verweigerte das auf der Wildbahn gehende Pferd den
Dienst und antwortete auf Peitschenhiebe mit Ausschlagen. Weiterhin,
wo eine größere Steigung Statt findet, ersuchte der Fuhrmann uns
auszusteigen -- aber das Pferd wollte den namhaft erleichterten
Wagen auch nicht ziehen. Da ergab es sich denn freilich bei näherer
Betrachtung, daß die Seiten des armen Thieres wund waren und daß beim
Anziehen die aufdrückenden Stränge demselben argen Schmerz verursachen
mußten. Indessen die Reisenden wollten vorwärts, und so begann denn
eine höchst unbehagliche Fahrt. Das Pferd bekam Hiebe, schlug die
Stränge durch und warf beim Ausschlagen ganze Massen Straßenschlamm in
den Wagen.
Daher kam es nun, da der Weg dicht am Wasser und zum Theil hoch über
demselben hinführt, daß der Wagen, auf dessen Verdeck das umfangreiche
und schwere Gepäck ruhte, oft arg schwankte.
Indessen gelangten wir, ohne umgeworfen worden zu seyn, glücklich
nach Ebensee und standen bald wohlbehalten auf der Landungsbrücke
am grünen Traunsee, vor uns zur Rechten den an 6000 Fuß hoch gerad’
anstrebenden Traunstein. Aus der Ferne näherte sich das Dampfboot und
nahm die wenigen Passagiere auf, die hier der Ueberfahrt harrten.
Der Wind wehte rauh, es fehlte nicht an Sprühregen, doch war der See
diesmal weniger bewegt als bei unserer letzten Fahrt. Schon bevor man
an Traunkirchen gelangt, öffnet sich die Aussicht nach Gmunden, und
auf die flache Umgegend der Stadt. Sie liegt da, wie die Unterschrift
zu dem interessanten Briefe einer theueren Person -- wir beklagen,
daß der Brief nun zu Ende. Das Dampfschiff kommt heran, wir verlassen
unsere Plätze, die wir am warmen Schornstein uns gegen den Wind
ausgewählt. Der Capitän, ein langer Engländer, und sein Gehülfe blicken
prüfend auf dem Verdeck umher, die Fahrkarten werden eingesammelt, die
Matrosen treten zum Anker, das Dampfschiff schwenkt und legt an der
Landungsbrücke endlich bei.
Das Gepäck wurde nun nach dem vor der Stadt gelegenen Hofe der
Pferde-Eisenbahn geschafft, wir lösten Fahrkarten und kehrten
nach der Stadt zurück ans Ufer des herrlichen See’s, aus dem mein
Gefährte sich ein Fläschchen mit Wasser aushob, das überaus klar und
vollkommen farblos ist. Auch heute zeigte der See die tief dunkelgrüne
Färbung, die nur am Ufer vom Ebensee etwas lichter erschien. Von der
Landungsbrücke sahen wir dem munteren Treiben der kleinen Fische
zu, die hier in großer Zahl versammelt sind und das Brot begierig
erhaschen, das man ins Wasser wirft.
Wir begaben uns ins goldene Schiff und fanden abermals an dem Fenster
einen Platz, der uns die Aussicht auf den See länger genießen ließ.
Während ich meine Sachen ablege, ruft Jemand meinen Namen, und zu
meiner freudigen Ueberraschung sehe ich einen Freund aus Dresden an
einem anderen Tische. Es ist eine große Freude, in der Ferne unerwartet
alten Freunden zu begegnen; es ist wie ein Gruß aus der Heimath, denn
an jeder Person haftet eine Reihe von heimathlichen Bildern, die nun
lebendig hervorquellen und der fremden Umgebung um so reizendere
Gegensätze gewähren.
Endlich schieden wir vom Freunde und vom Traunsee und wanderten dem
Bahnhofe zu, getreu meinem alten Grundsatze, lieber eine halbe Stunde
zu früh als eine halbe Secunde zu spät zu kommen. Wir hatten Zeit,
den Bahnhof, die Wagen, die Vorräthe, die ganze Umgebung gemächlich
in Augenschein zu nehmen. Wir hörten auch, daß gestern Abend beim
Hereinfahren eine Bremse gesprungen, daß jedoch durch schleunige Hülfe
jeder Unfall verhütet worden sey. Das Fortkommen mit der Pferdebahn ist
unstreitig das angenehmste und für den Reisenden, der keine besondere
Eile hat, das bequemste, und doch immer noch rascher als mit dem
Eilwagen. Das abscheuliche Rasseln und Klirren der Wagen, das Pfeifen,
Quieken und Pusten der Locomotiven, das Stoßen und Krachen, kurz die
ganze Encyclopädie der unangenehmsten, gewaltsamsten und grellsten
Töne, welche eine Fahrt mit dem Dampfwagen auf längere Dauer so lästig
macht, fällt hier weg, die Gefahr vor dem Umwerfen ist durch den
Schienenweg beseitigt. Uebrigens sind die Wagen bequem und geräumig
eingerichtet, und der Preis -- von Gmunden nach Linz in zweiter Classe
ein Gulden -- unglaublich billig.
Gegen 3 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Man gelangt bald in eine
waldige Gegend, die jedoch noch einige Male erwünschte Ansichten
des See’s und seiner Umgebung darbietet. Wir hatten Zeit, unsere
Nachbarschaft zu mustern. Mir gegenüber saß eine in viele wollene
Shawls und Mäntel gehüllte Engländerin, die sich dem Schlaf zu
überlassen sehnte und deshalb Studien zu einer bequemen Stellung
machte. Nach manichfachen Versuchen beharrte sie bei der Lage des
barberinischen Faun in München, d. h. sie legte den Nacken auf die
Sitzlehne, schloß die Augen und öffnete den Mund.
In Lambach wurde angehalten, doch nicht lange genug, um das
Benedictinerstift näher betrachten, viel weniger besuchen zu können.
Die Gegend bietet nichts Außerordentliches dar, es ist immer Wald,
mir allerdings stets ein lieber Anblick. In Wels hält der Zug mitten
in der Straße. Zur Linken stieg hinter den Häusern eine neue, im
schönsten gothischen Styl gebaute, mäßig große Kirche empor. Sie war
für die Protestanten bestimmt. Im Vordergrunde trieben sich ungarische
Husaren umher; diese schlanken, zierlichen Gestalten in der schmucken,
knappen Tracht mit den dunkelen, ruhigen Gesichtern nehmen sich überaus
elegant aus. Sie haben eine Elasticität in ihren Bewegungen, die von
dem schwerfälligen Gange des norddeutschen Bauern grell absticht.
Die Ungarn sind ohnstreitig die jüngsten Kaukasier, welche in Europa
eingedrungen.
In Wels stieg ein Mann in den Wagen, der als Unteroffizier die Kriege
in Italien mitgemacht und mehrfach italienische und ungarische
Staatsgefangene eskortirt hatte. Auf die Italiener, namentlich die
italienische Geistlichkeit, war er gar nicht gut zu sprechen. Nach ihm
stieg ein alter Herr ein, der seinen kleinen Enkel bei sich hatte. Da
der Wagen sehr besetzt war, so wurde der Knabe neben der Engländerin
untergebracht. Mein Nachbar, der eben eingestiegene Kriegsmann,
knüpfte ein Gespräch mit der Engländerin an, sie gab zu erkennen, daß
sie kein Deutsch verstehe, nahm trotzdem aber den niedlichen Knaben
in ihren Schutz und sorgte gar freundlich für bequemen Sitz des
schlafmüden Kindes. Der Nachbar versuchte nun in gebrochenem, sehr
laut ausgesprochenem Deutsch eine Conversation mit der wohlgesinnten
Fremden zu führen. Er mußte jedoch seine Versuche bald aufgeben, zumal
da sie bald eben so fest, wie der in ihren Schooß gesunkene Knabe
schlief. Mittlerweile war es dunkel geworden und der Entschluß gereift,
Kremsmünster und Florian aufzugeben und von Linz aus nach Göttweig und
Wien zu gehen. Aus der Ferne schimmerte hie und da ein Lichtlein, in
der Straße konnte man die Telegraphenstützen und die Bäume nothdürftig
wahrnehmen. Ich ergötzte mich an den Streiflichtern, welche die
Wagenlaternen in den oft nahe herantretenden Wald warfen, und den
Strahlen, die zuweilen meteorartig aus den Wächterhäusern über die im
Schlaf befangenen Wagen-Insassen hinzuckten.
Endlich war der Weg vollbracht, die weiße Kirchhofmauer von Linz
vorüber und der Bahnhof erreicht. Hier wurden die Pässe abgegeben und
das Gepäck einem Karrenführer anvertraut. Wir schritten durch die öden
Straßen, die bei Laternenlicht sich fremdartig darstellten, fürbas,
bis wir einen alten Herrn trafen, der mit uns ein Stück Weges vorwärts
ging und uns dann weitere Auskunft gab. Weiterhin trafen wir einen
Kaiserlichen Soldaten, der uns bestätigte, daß wir auf dem rechten Wege
nach dem schwarzen Bock wären.
Hier fanden wir als alte Bekannte gar freundliche Aufnahme und unser
altes Zimmer. Zehn Uhr war freilich vorüber, allein wir setzten uns
doch erst in die Gaststube und nahmen ein Souper ein, das nach dem
langen Wege trefflich mundete.
Donnerstag, den 11. September, erhoben wir uns erst nach der Sonne,
ordneten unser Gepäck und gingen dann bei freundlichem Himmel aus, um
die Stadt ~Linz~ recht gemächlich in Augenschein zu nehmen. Zunächst
schritten wir nach dem Markte, der allerdings bei seiner namhaften
Länge und verhältnißmäßigen Breite einen überaus stattlichen Anblick
gewährt. Er ist mit reich verzierten Häusern umgeben, in der Mitte
erhebt sich die Pestsäule Karl’s VI. Auf einem gewaltigen Unterbau
steigt eine Säule empor, die ganz mit steinernen Wolken umgeben ist,
an welcher Engel angebracht sind. Zu oberst thront die Statue der
heiligen Jungfrau. Die Farben sind weiß und Gold. Es hält schwer, eine
klare Ansicht des ganzen kolossalen Werkes zu erhalten, da es mit
Detail überladen ist. Es ist aber jedenfalls eine Zierde des Platzes,
den außerdem zwei Brunnen schmücken. Von hier gingen wir nach der auf
15 Jochen ruhenden, 864 Fuß langen Donaubrücke, die die herrlichsten
Ansichten darbietet. Auf der Stadtseite sind sehr ansehnliche
Gasthäuser errichtet, unter denen Erzherzog Karl das hervorragendste;
hier ist der Landungsplatz der Dampfschiffe, wo auch namhafte Vorräthe
an Kohlen, Holz und Waarenballen aufgehäuft sind. Man sieht auch hier
flache Böte, in denen die Waschweiber lautschwatzend ihr Werk treiben.
Dann traten wir in eine Kirche, die im Style des vorigen Jahrhunderts
reich und bunt verziert war.
Wir schritten nach dem Markte zurück, wo ein lebendiger Verkehr sich
entwickelt hatte. Wir nahmen besonders die stattlichen Schaufenster
der Kaufleute in Augenschein, die überaus geschmackvoll und zierlich
angeordnet waren. Da sah man z. B. einen Kaiserlichen Adler aus
Angelhaken, Heften und Nadeln hübsch zusammengestellt, dann die
verschiedenen Backwerke, die halbmondförmigen Kupfeln, die Brezeln
und die echinitenartigen Brötchen zu einem Ganzen geordnet. Die Läden
der Korbflechter zeigten Tische, Stühle, Körbe, Consolen und andere
kleinere Gefäße; sehr reich waren die Läden mit Porzellan aus Ellnbogen
und Kadan; die Kunsthandlungen hatten Heiligenbilder, Portraits der
Helden des letzten Krieges und Scenen aus demselben ausgestellt.
Reich an niedlichen Arbeiten waren die Vorräthe der Gipsgießer, der
Goldschmiede, die prachtvolles Kirchengeräth, Leuchter, Monstranzen
und Kelche zur Schau gestellt hatten. Linz ist eine Fabrikstadt, und
die Schaufenster der Schnittwaarenhändler zeigten geschmackvolle
Baum- und Schafwollenstoffe. In einer Nebengasse reizte der Laden
eines Wachswaarenhändlers, der mit Kerzen, wächsernen Blumen, Engeln,
Heiligen angefüllt war.
Wir schritten sodann durch das stattliche Landhaus, dessen
venetianisches Portal in buntem Marmor und Gold prangt, und gelangten
sodann auf die Promenade, die mit schönen Platanenalleen verziert ist.
Hier findet sich ein elegantes Kaffeehaus, und von hier gelangt man
nach der breiten Landstraße mit sehr ansehnlichen öffentlichen Gebäuden
und Kirchen.
Wir hatten dasmal die Absicht, die öffentliche Bibliothek zu
beschauen, und trafen, obschon eben Ferien, den Secretair derselben,
einen freundlichen, diensteifrigen Mann. Zunächst sah ich die
Kataloge mir an. Dann legte mir Herr Laurenz Christlbaur eine sehr
sorgfältig gearbeitete Uebersicht über die Geschichte der Anstalt
und die vorzüglichsten Schätze derselben vor. Die Bibliothek gehört
eigenthümlich dem Stifte Kremsmünster; der Kaiser giebt jährlich 300
Gulden zu anderweiten Anschaffungen. Sie hat etwa 20,000 Bände, die
in mehreren Zimmern trefflich aufgestellt und gut gehalten sind. Sie
besitzt die Petersburger Acten, die Wiener Jahrbücher der Literatur,
gute historische Werke, kann aber bei den sehr beschränkten Mitteln
nicht sonderliche Fortschritte machen.
Wir begaben uns in das Zimmer der Handschriften; viele derselben mußten
früher nach Wien wandern. Doch waren noch manche schätzbare Sachen
vorhanden, wie ein schönes Evangelium aus dem 12., eine deutsche
gereimte Bibel aus dem 14. Jahrhundert mit einigen sehr interessanten
Miniaturen, ein deutsches Gebetbuch des 15. Jahrhunderts. Besonders
merkwürdig ist ein gemaltes Herbarium des 16. Jahrhunderts, welches an
das in der Königlichen Bibliothek zu Dresden (B. 71.) aufbewahrte von
Kenntmann erinnert.
Wir dankten dem freundlichen Collegen für die zuvorkommende Güte, mit
der er uns diese Schätze erschlossen, und setzten unsere Wanderungen
durch die Stadt fort. Zunächst war unser Ziel die Höhe außerhalb
der Stadt, welche das Jesuitenkloster trägt. Wir gelangten an die
berühmten, in den weichen Sandstein eingeschnittenen Bergkeller, die
300 Fuß tief in den Berg hineingehen, und aus denen schornsteinartige
Luftzüge hervorragen. Hier werden die Bier- und Weinvorräthe der Linzer
Wirthe aufbewahrt, bevor sie Verzehrungssteuer davon entrichten. Wir
stiegen den Hohlweg aufwärts, rechts sah der Thurm der Jesuiten mit dem
rothgelben gothischen Giebel aus dem grünen Laube hervor. Wir wandten
uns jedoch links und gelangten auf eine Anhöhe, die die herrlichste
Ansicht über die Stadt und das Donauthal gewährte. Die Thürme der Stadt
stellen sich stattlich dar. Die bekannten Maximiliansthürme, die ich
im Jahre 1838 genauer betrachten konnte, bemerkt man von hier oben gar
nicht, wie denn der Reisende, der von jenen Thürmen keine Kunde hat,
sie bei dem Hereinfahren auf der Pferdebahn meist übersieht und keine
Ahnung hat, welch’ ein militairisch wichtiger Punkt die Stadt Linz ist.
Wir begaben uns vor Tisch noch auf den Markt, um die Wachtparade zu
sehen. Wir hörten die einfache Trommel und sahen die Wachtmannschaft,
bestehend in einem Offizier mit etwa 25 Mann, ganz einfach der
Hauptwache zuschreiten, wo die Ablösung in aller Ruhe stattfand. Eine
Parade gab es nicht, wie wir denn weder in Salzburg, noch in Wien eine
solche zu sehen die Freude hatten.
Bei Tische trafen wir mehrere Offiziere, anspruchlose heitere Männer,
die sich ihre und ihrer Freunde Erlebnisse aus den letzten Kriegen
mittheilten. Es macht einen freundlichen, wohlthuenden Eindruck,
daß sich durchweg die in gleichem Grade stehenden Offiziere der
Kaiserlichen Armee du nennen.
Wir verweilten nicht länger, als nothwendig, bei Tische und waren eben
in unser Zimmer zurückgekehrt, als ein Brief aus der Heimath eintraf
und die Versicherung brachte, daß dort Alles in bestem Wohlseyn. Briefe
aus der Heimath sind dem Reisenden wahre Erquickungen, wenn ihr Inhalt
ein befriedigender ist und wenn er schon Tage lang darauf gehofft hat.
Wir traten nun aufs Neue unsere Wanderung an; zunächst besuchten wir
die Brücke und betrachteten die in der Nähe derselben gelagerten
mannichfachen Schiffe; dann nahmen wir unsern Weg aufwärts am rechten
Ufer des Stromes, dessen grünlich graue, trübe Fluth sehr rasch
dahinströmt. Auf dieser Seite ist das Ufer gemauert. Es kamen gewaltige
Holzflöße von Regensburg her. Bei einem Gasthofe mit öffentlichem
Kegelgarten sah man ansehnliche Vorräthe von den Sohlenhofer
Kalksteinplatten, die hier und längs der Donau zum Belegen der
Hausfluren und Vorsäle benutzt werden und durchgängig einen Quadratfuß
Flächeninhalt haben. Mancherlei Fuhrwerk begegnete uns auf der Straße,
meist mit den kolossalen Pinzgauer Rossen bespannt. Wir bemerkten
nächstdem auch hier die auffallende Größe und Wohlbeleibtheit der
Hunde. Katzen sah man wenige. Was uns bereits in Salzburg und dessen
Umgebungen aufgefallen, war die Seltenheit der Vögel in den Gefilden.
Die bei uns so häufigen Krähen, Feldtauben, Sperlinge und andere Vögel
erschienen außerordentlich selten. Wild haben wir gar nicht gesehen.
Es war uns noch übrig, den Kirchhof zu besuchen, der, außerhalb der
Stadt gelegen, eine große Fläche Landes einnimmt. Man passirt zunächst
den Linz-Gmundener Bahnhof und schreitet an einer langen, weißen Mauer
hin, ehe man in die Allee tritt, die nach dem Eingange hinführt. Das
Innere des Kirchhofs ist durch mehrere Mauern in verschiedene Räume
getheilt. Wie in St. Sebastian zu Salzburg, ziehen sich längs der
Mauern Familiengrabstätten hin, die jedoch nicht übermauert sind. Man
war eben mit Hinwegräumung einiger Mauern beschäftigt. Das Ganze machte
durchaus nicht den würdigen Eindruck der Salzburger Todtenstätten.
An Denkmalen war wenig Ausgezeichnetes vorhanden. Auch vermißten wir
die sorgfältige Pflege der Gräber. Gar auffallend war ein, wohl dem
17. Jahrhundert angehöriges Relief, welches in die Kirchhofmauer
eingelassen war. Es war eine Darstellung der Sündfluth. Das Ganze war
durch eine Wolkenschicht in zwei Theile geschieden. Der obere Theil
zeigte eine wohlbesetzte Tafel, an welcher Männer und Frauen Speis’
und Trank im Uebermaß zu sich nahmen und sich herzten und küßten.
Einer der Männer gab bereits die genossenen Speisen wieder von sich.
Andere tanzten paarweise neben der Tafel. Links stand die Arche
und vor derselben Vater Noah, der mit der Hand den in toller Lust
sich ergötzenden Leuten abmahnend winkte. Ein Mann im Vordergrunde
beantwortete diese Winke mit einer überaus unanständigen Geberde.
Unterhalb der Wolkenschicht sah man die Sündfluth, Menschen und Thiere,
mit den Wellen ringend und vergebens nach Rettung strebend. Die Figuren
waren etwa sechs Zoll hoch, die Ausführung sehr mittelmäßig. Am
Eingange des Kirchhofes war neben der Wohnung des Todtengräbers eine
Menge zerbrochener Todtenkreuze und Sargbreter aufgehäuft, was den
übelen Eindruck, den das Ganze machte, nicht eben zu mildern geeignet
war.
Auf dieser Seite der Stadt beginnt die große Ebene, die sich bis hinter
Wels zieht. Das Land ist gut angebaut, die Vorstädte dehnen sich hier
weit heraus, unter anderen auch die sehr belebte Landstraße.
Wir begaben uns mit einbrechender Dämmerung nach Hause und nahmen
eine neue Verpackung unserer Sachen vor, dann aber gingen wir in
die Gaststube, wo wir Gesellschaft und belehrende Unterhaltung über
österreichische Zustände fanden.
Der 12. September, Freitag, brachte einen wolkenbedeckten Himmel,
welcher freilich für die bevorstehende Donaufahrt nicht eben tröstliche
Aussichten verhieß. Wir verfügten uns nach dem Dampfschiffe Wien. Ein
Kanonenschuß gab das Zeichen zur Abfahrt, und man suchte für das kleine
Gepäck eine sichere Stätte in der Kajüte. Von den Ufern sah man im
raschen Vorüberfliegen von hier aus durch den immer dichter strömenden
Regen nur wenig mehr als den Schimmer der Gebäude. Man näherte sich
dem Strudel und Wirbel, wir traten in die Mäntel gehüllt auf das
Verdeck. Das Dampfschiff bezwingt jedoch die Wellen gar leicht, und der
Reisende, der nicht besonders auf den Strudel aufmerksam gemacht wird,
dürfte denselben leicht übersehen. Der Strom ist allerdings zwischen
Felsen ziemlich zusammengedrängt, die selbst bei dem dichten Regengrau
einen erhabenen Anblick gewähren. Der Name Ips, das im Nibelungenlied
genannte Pechlarn, namentlich aber Mölk lockten uns aufs Neue aus der
Kajüte. Namentlich stellt das Benedictinerstift Mölk sich überaus
stattlich dar. Weiterhin folgt das liebliche Dürrenstein, über der
Stadt sieht man die Trümmer des Schlosses, in dem Richard Löwenherz
gefangen gehalten wurde.