Draußen tobte der Sturm und warf Regenströme an die Fenster. Ich begann
die Copie der Legende der heiligen Catharina aus der wohlerhaltenen,
zierlichen Pergamenthandschrift. Unser Freund erschien nach dem
Frühstück und fragte an, ob wir wohl geneigt wären, die Kirchenmusik
mit anzuhören; ich nahm den Vorschlag mit Dank an und bat nur, daß
man uns in der Kirche einen Platz anweisen möge, wo wir durch unsere
Gegenwart keine Störung verursachen könnten. Bald darauf klangen die
wohlgestimmten Glocken der Kirche, durch die Wolken brach sich ein
Sonnenstrahl Bahn. Vom Corridor aus sah man Landleute zur Kirche
schreiten. Halb Zehn erschien unser Freund und geleitete uns auf
das Musikchor; hier saßen einige der Herren Benedictiner mit ihren
Streichinstrumenten bereits an den Pulten; der eine spielte Cello,
ein alter achtzigjähriger Herr handhabte den Violon, vor den Pauken
saß Pater Paulus, ein ebenfalls schon sehr bejahrter Herr. Nächstdem
verstärkten einige Laien die Musik. Der _Regens chori_, Pater Hermann,
stand bei dem Chor der Knaben.
Die Messe war von Michael Haydn und wurde von den Mitwirkenden mit
wahrer Meisterschaft ausgeführt. Die Krone des Ganzen war meinem Gefühl
nach das Ave Maria von Michael Haydn. Wir verließen mit herzlichem
Dank für diese musikalische Anregung sodann die Kirche, deren Altar
sich heute im reichen Kerzenschimmer überaus stattlich ausnahm. Das
Presbyterium oder der hohe Chor ist um 13 Stufen über dem Schiff der
Kirche erhöht, so daß die im Schiffe versammelten Andächtigen die
heiligen Handlungen fortwährend im Auge haben.
Wir begaben uns hierauf in dasjenige Thurmzimmer, welches die
Alterthümer, die Münzen und die Kupferstiche enthält. Wir sahen
zunächst die Münzen. Besonders zahlreich und vollständig sind die
römischen vertreten, unter denen wir Prachtexemplare in Gold und Silber
fanden. Doch fehlt es auch nicht an jenen griechischen Goldmünzen,
welche als wohlerhaltene Kunstwerke erscheinen. Man zeigte uns ferner
eine große Anzahl mittelalterlicher Bracteaten, dann wohlbesetzte
Reihen größerer Medaillen in Silber, dabei auch die auf Gottfried
Bessel mit der Ansicht des Klosters (siehe das Titelblatt).
Wir vernahmen die Mittagsglocke und eilten nach dem Refectorium; auf
dem Corridor trafen wir den Herrn Prälaten. Heute zum Sonntag ward ein
Gericht mehr aufgetragen, auch nach dem Essen Kaffee servirt. Nach
Tische begaben wir uns in das Billardzimmer, um die hier aufgehängten
Gemälde näher zu betrachten. Es sind meist Genrebilder und Landschaften
der deutschen und niederländischen Schule. Ersterer gehört ein Mann
in der Tracht des 16. Jahrhunderts, der den Virgilius studirt,
letzterer eine überaus eigenthümliche Allegorie. Auf einem Pulte liegt
ein geschlossenes Buch in einem jener leichten Pergamentbände, wie
sie im 17. Jahrhunderte in Spanien und den spanischen Niederlanden
üblich waren. Daneben steht ein Messingleuchter mit Lichtscheere und
einem ziemlich niedergebrannten verlöschten Lichte. Dahinter machen
sich Urnen, ein Todtenkopf, bronzene Münzen und Lampen bemerklich,
wie die Ausgrabungen altrömischer Culturstätten sie liefern. Durch
eine geöffnete Thüre blickt man in ein antiquarisches Museum. An
der Wand des ersten Zimmers sind Bilder aufgehängt, eine ländliche
verliebte Scene, ein betender Mann, eine Landschaft und ein Alchymist.
Wir versuchten die Deutung dieser Zusammenstellung. Einer der
Alterthumsfreunde, wie sie seit dem 16. Jahrhunderte am Niederrheine
und in den Niederlanden durch die dort gefundenen Römerdenkmale
herangebildet wurden, scheint hier seine Lebensansicht bildlich
ausgedrückt zu haben. Er bekümmerte sich nicht um die durch Kriege
zerrissene Gegenwart, sondern zog sich in die frühe Vorzeit zurück,
der er in seinen bescheidenen Räumen einen Tempel errichtet hatte.
Die Freuden der Liebe hatte er an den Nagel gehängt, ebenso die
kostspieligen alchymistischen Versuche und die von umherstreifenden
Kriegsleuten unsicher gemachten Landschaften. Wir waren zweifelhaft,
was das Bild des Betenden bedeute. Nicht unwahrscheinlich ist, daß
jener Zeitgenosse von Chevalier, Smetius, den Scaligern und anderen
Philologen zu einem geheimen Cultus der olympischen Götter geneigter
war als zu der Befolgung der vom Staate anerkannten Gebräuche.
Unter den hier aufgehängten Bildern hatte man zwei Landschaften mit
Wasserfällen früher als Salvator Rosa bezeichnet. Vorzüglich waren zwei
reiche Fruchtstücke mit Kürbis und Melone. Von den übrigen nenne ich
nur Landschaften von Brand, 1789, kleine Scenen von dem fruchtbaren
Kremser Schmid, dann ein Frühstück, Punsch, Champagner und Weintrauben,
überaus fleißig ausgeführt. Es fehlte nicht an Aquarellen. Die ganze
Sammlung mag etwas über 100 Nummern haben. Sie ist erst in neuer Zeit
zusammengestellt worden und lag früher unbeachtet in abgelegenen Räumen
wild durcheinander.
Von hier begaben wir uns abermals in das Thurmzimmer zu den Münzen
und Kupferstichen. Diese kostbare Sammlung füllt über 200 Bände,
und die deutsche Schule allein hat 12000 Blätter, über welche Pater
Vincenz Werl ein sorgfältiges Verzeichniß gefertigt hat. Hier zeigte
man uns einen ganz eigenthümlichen Calender, einen Prachtband, der
12 Doppeltafeln enthält, welche die in Email ausgeführten Bilder der
Calenderheiligen vorstellen.
In dem Vorzimmer sind viele Reliefs in Marmor, Alabaster und
Bronze aufgehängt. Ein Schrank enthält Majolicagefäße, gemalte und
geschliffene Glasbecher, Elfenbeinkrüge, Becher, die aus Nautilus
und anderen Muscheln gebildet sind; man sieht hier ferner allerlei
orientalische Messer, Handschare, Jagdblätter, Dolche, Schuhe,
Specksteinfiguren, eine Corda; dann sind mehrere kleine vorrömische und
römische Gefäße vorhanden, die in hiesiger Gegend ausgegraben werden,
unter anderen eine Framea, ein Legionstein mit der Inschrift: _LEG.
II. PR. I._ und einem strahlenumgebenen Mithraskopfe, dann aber auch
eine große Anzahl römischer Urnen und Gefäße von der bekannten, in
den Grenzprovinzen üblichen Gestalt. Zu den Seltenheiten des Cabinets
gehört eine Holztafel, die mit byzantinischem Schnitzwerk bedeckt ist.
Während nun mein Gefährte in die Naturalienkammer sich begab, um dort
seine Arbeit fortzusetzen, schrieb ich fleißig an meiner Legende, bis
die Dämmerung mich aufzuhören nöthigte und der Freund uns in das Zimmer
des _Regens chori_ geleitete.
Hier war Kammermusik. Einige der Herren spielten ein Quartett von
Mozart auf. In dem großen, hohen Zimmer nahm die Musik sich trefflich
aus, zumal da die wenigen Zuhörer, worunter ein alter weltlicher
Beamteter des Stiftes, sorgfältig jede Störung vermieden. Da konnte man
so recht diesen Tönen folgen und dem bunten Leben, das sie entwickeln.
War doch dieses Quartett ein Blick in das menschliche Leben. Die vier
Instrumente stellten gleichsam vier Personen dar; die erste Violine
einen jungen Menschen, dessen unbestimmtes, extravagantes Wesen immer
oben hinaus will und dem die zweite Violine gar zu gern Gesellschaft
leistet. Das Cello lenkt aber immer wieder mit unablässiger Milde
und Geduld in die rechte Bahn hinein, und es sendet oft die Bratsche
nach, die ihn zurückzuführen sich bemüht, bis er denn am Ende mit den
älteren Gefährten willig geht und alle Viere in schöner Harmonie dahin
schreiten.
Diese Saiteninstrumente haben nun freilich den Vorzug größeren
Ausdrucks. Der Künstler bildet und schafft die Töne selbst, er kann,
wie Pater Heinrich sagte, mit dem Herzen spielen, und somit dringen
auch seine Töne wieder zum Herzen.
In den Pausen kamen auch allerlei Erlebnisse zur Sprache, welche die
Herren sowohl in ihrer Jugend in den Seminarien, als später in ihrer
Stellung als _Regentes chori_ erlebt hatten. Bei dem Stift Göttweig
besteht nicht allein eine Lehranstalt für junge Theologen, sondern es
ist auch hier eine Schule, ein Alumnat für die Sängerknaben des Chors.
Pater Heinrich war früher Vorsteher derselben gewesen, Pater Rudolf
darin erzogen worden. Wie überall ist auch hier die liebe Jugend gleich
der ersten Violine zu allerlei Unfertigkeiten und Tollheiten geneigt.
Auch hier hält sie gleich den Kletten zusammen und duldet keinen
Verrath.
Pater Wilhelm erzählte eine Geschichte, die sich vor geraumer Zeit in
einem der österreichischen Seminare zugetragen: Einer der Seminaristen
hatte den Urheber einer Tollheit dem Lehrer verrathen. Da beschließen
seine Cameraden, demselben eine Strafe angedeihen zu lassen, die an
die Handlungen der alten Vehme erinnert. Das Loos sollte Denjenigen
bestimmen, der an dem Delinquenten dieselbe zu vollziehen habe. Man kam
überein, daß Keiner dem Anderen sagen solle, ob und welches Loos er
gezogen. Die Zeit der Rache naht, die Mitternachtstunde schlägt. Der
ganze Cötus erhebt sich auf einmal aus den Betten, schreitet mit den
über den Kopf gehängten Bettdecken in feierlichem Zuge um das Bett des
Sträflings, so daß diesem vor Entsetzen schier das Blut in den Adern
gerinnt. Zuletzt tritt der vom Loos Gewählte an sein Bett heran und
versetzt ihm eine tüchtige Ohrfeige, worauf Alles wieder in die Betten
fährt. Es war unmöglich, den Thäter zu ermitteln.
Indessen rief die Glocke zur Abendtafel, wo noch anderweite Geschichten
dieser Art uns lange versammelt hielten, so daß wir ziemlich spät erst
zur Ruhe gelangten.
Die folgende Nacht brachte argen Sturm und heftige Regengüsse, der
Morgen des 15. Septembers aber in dem Donauthale ein wundervolles
Himmelschauspiel. Der scharfe Ostwind trieb von der Wiener Gegend
eine gewaltige Wolkenmasse herein, die uns den Anblick der jenseits
der Donau gelegenen Berge theilweise verdeckte. Diese waren von der
Sonne beleuchtet und glänzten, wenn die Wolken einmal rissen, dahinter
hervor. Dann drehte der Wind die Spitzen der Wolken zusammen, so daß
sie sich ballten. Wie sie dem Klosterberge naheten, sprühete ein feiner
Regen daraus hervor.
Ich beendigte mittlerweile meine Abschrift der Catharinenlegende. Dann
aber führte uns der Freund abermals in die Kirche, wo wir uns die
Gemälde und die hinter dem Altare angebrachte Capitelstube ansahen, in
deren Mitte ein unter dem Fußboden befindlicher Ofen angebracht war.
Diese unter dem Fußboden gelegenen Oefen, wie sie ehedem in römischen
Gebäuden und heute noch in China üblich, sind ohnstreitig überaus
zweckmäßig, und es ist unbegreiflich, warum sie in der bürgerlichen
Baukunst von Mitteleuropa gar keinen Eingang haben finden wollen.
Wir sahen dann in einer halbunterirdischen Vorhalle die aus rothem
Marmor gearbeiteten Grabsteine der älteren Aebte, die jedoch nicht über
das 15. Jahrhundert hinausgehen. Wir gingen darauf in die Apotheke.
Sie ist überaus stattlich eingerichtet und mit der Büste eines Pferdes
verziert, das an der Stirn ein prachtvolles Narwalhorn trägt. Ein
anderes, nicht minder schönes Exemplar wird nebenher aufbewahrt. Es
waren außerdem noch mehrere Haifische und Schildkröten aufgehängt. Die
Gefäße befanden sich im besten Stand.
Hinter der Apotheke ist der Ueberrest des vom Feuer verschonten
Kreuzganges, den der Apotheker für seine Zwecke benutzt. Auch hier
sahen wir noch mehrere Inschriften, die Erbauungsjahre andeutend,
und Grabsteine, unter denen sich der eines Abtes vor allen durch
treffliche Arbeit auszeichnete. Er hatte jedenfalls ehedem auf einer
Tumba gelegen, stand jetzt aber an der Wand. Der alte geistliche Herr
war in seiner Amtstracht dargestellt, mit Mütze, Handschuhen und Mantel
bekleidet und auf das Paradebett hingestreckt. Der Stein war gemalt,
übrigens aber, bis auf die Nase, ganz wohl erhalten. Ich drückte
dem Freunde den Wunsch aus, daß man doch diese ganz interessanten
Kunstdenkmale sammeln und irgendwo vereinigt der Betrachtung
darbieten möge. So im Getriebe des Verkehrs sind sie doch nur steten
Beschädigungen ausgesetzt.
Von hier begaben wir uns in die sogenannten Kaiserzimmer, zu denen
von dem Sommerrefectorium eine Thür führt. Das erste derselben ist
mit gewirkten Tapeten von Arras bekleidet, welche niederländische
Landschaften mit Bauerstaffagen darstellen. Die venetianischen Spiegel
sind mit prachtvollen Rahmen versehen. In dem zweiten Zimmer herrscht
mehr moderner Geschmack, man sieht darin die Büste des Kaisers
Alexander von Rußland und die Oelgemälde des Kaisers Ferdinand und
seiner Gemahlin. Die Stühle sind ebenfalls mit gewebtem Zeuge überzogen
und die Darstellungen mit französischen Devisen illustrirt. Wir begaben
uns von da in ein anderes Thurmzimmer, das eine reizende Aussicht
nach Dürrenstein, Stein, Krems und der Wiener Gegend darbietet. Eine
Eigenschaft, die sämmtliche Zimmer des Stiftes theilen.
Nach Tische wurde zuvörderst bei dem Herrn Prälaten der Kaffee
eingenommen. Darauf hatte mein Sohn die Ehre, demselben die von ihm
heute beendigte Aufstellung der Mineraliensammlung zu zeigen. Bei
dieser Gelegenheit wurde nun manches der werthvollen Stücke, an denen
die Sammlung so reich ist, in näheren Augenschein genommen und die
Eigenthümlichkeiten desselben betrachtet.
Wir begleiteten sodann unsern Freund auf sein Zimmer, wo wir die in
einen Prachtband vereinigten vier ältesten Denkmale der Buchdruckerei
betrachteten. Er zeigte uns ferner seine entomologischen Sammlungen und
seine literarischen Apparate. Die Herren sind ganz gut untergebracht.
Ein Jeder hat ein größeres und ein kleineres Zimmer, ganz nach eigenem
Geschmack eingerichtet, wo er seine Apparate beisammen hat.
Wir begaben uns sodann in die Keller des Stiftes, die sehr geräumig
und der Größe der ganzen Anstalt entsprechend sind. Von hier stiegen
wir auf den einen Kirchthurm, um die ansehnliche Glocke in Augenschein
zu nehmen. Die Thürme der Kirche sind freilich nicht ausgebaut, man
hat ein Dach aufgesetzt, um das Gemäuer gegen das Wetter zu schützen.
Eben so fehlt auch die Kuppel, die man der Kirche zugedacht. Wäre der
ganze großartige Plan ausgeführt worden, so würde die Abtei Göttweig
unstreitig eines der stattlichsten Gebäude in Deutschland geworden
sein. Wie jetzt die Sachen stehen, dürfte kaum daran zu denken seyn,
daß eine Vollendung jenes Planes je Statt finden werde. Die moderne
Zeit hat eine anerkennenswerthe Geschicklichkeit im Zerstören und
Verfallen. Zum Erhalten fehlt ihr die liebreiche Ehrfurcht für die
Absichten der Väter.
Wir sahen ferner die sechs Kanonen, welche als letztes Mittel
gegen rohe Gewalt hier in Bereitschaft stehen. Es sind freilich
nur Dreipfünder, allerdings gar sauber aus Bronze gegossen und auf
tüchtigen Gestellen -- aber wir sahen Gewaltige fallen, denen mehr als
sechs Dreipfünder zu Gebote standen.
»~Die Zeit der Stifte und Klöster ist vorüber.~« Dieses harte Wort
hörten wir mehrmals auf österreichischer Erde! Als wir bei Traunkirchen
mit dem Dampfschiffe vorüber fuhren, sagte ein vielgereiseter kluger
junger Mann hebräischer Abkunft: Die Pfaffen haben sich doch immer die
besten Plätze ausgesucht. Man muß sie ihnen abnehmen. Ich bemerkte
ihm, daß alle diese geistlichen Stifte Privateigenthum seyen, wozu
der Staat nie einen Heller gegeben, und daß es ein himmelschreiendes
Unrecht, wenn man die Hand darnach ausstrecke. Unsere Urväter haben
aus Dankbarkeit für die vielfachen, nicht blos geistlichen, sondern
auch oft sehr materiellen und reellen Nutzen bringenden Wohlthaten der
Kirche diese Stifte beschenkt. Sie rechneten darauf, daß die Urenkel
für ihre Stiftungen dieselbe Ehrfurcht haben würden, welche sie für
die Vermächtnisse ihrer Väter hatten. Die Mönche, denen sie Felder und
Gelder übergaben, unterrichteten ihre Kinder, schrieben und lasen ihre
Briefe und Urkunden, milderten ihren Zorn und ihre Wildheit, verklärten
ihr Gemüth, trösteten sie in Noth, Angst und Tod, pflegten sie,
wenn sie elend und krank waren, lehrten sie das wüste Land anbauen,
brachten ihnen aus der Ferne nutzbare Samen und Kräuter, schützten
ihre Unterthanen gegen ihren Jähzorn, unterrichteten sie in nützlichen
Künsten -- sie begruben ferner die Todten unserer Väter, erhielten das
Andenken derselben und waren ihre treuen Rathgeber und Freunde. Der
Jüngling konnte diese Thatsachen nicht widerlegen.
Die neue Zeit ist stark im Vergessen, daher ihre Undankbarkeit.
Es machten die sechs Dreipfünder einen gar traurigen Eindruck auf mich.
Sie kamen mir vor, wie Schienen an einem gebrochenen Arm, wie Binden an
einer Wunde.
Wir traten aus dem Thore und umschritten den Berg, da die Sonne eben
mild und freundlich, wie tröstend das Benedictinerstift bestrahlte.
Der Berg ist mit wohlerhaltenen Wegen umgeben, an denen hie und da
Ruhebänke angebracht sind. Unter den Kiefern suchten wir uns Blumen zum
Andenken an die Stätte, wo uns so viel Wohlwollen und Liebe zu Theil
geworden. Wir fanden noch blühende Erdbeerstauden. Weiterhin hütete ein
Hirt seine Schafheerde, begleitet von einem jener kolossalen Hunde, die
hier zu Lande heimisch sind und die unsere Bewunderung erregt hatten.
Wir gelangten zu einer felsigen Partie, die einen prächtigen Anblick
in’s Thal gewährte. Dann stiegen wir aufwärts zu einem Pavillon,
unter welchem sich der Ausfluß des aus dem Thale gehobenen Wassers
befindet. Nahe dabei ist auch die Bahn, auf welcher die Holzvorräthe
heraufgeschafft werden.
Wir traten dann an den, an der Südseite des Stiftes gelegenen
Blumengarten, wo die herbstlichen Astern bereits ihre Blüthe entfaltet
hatten. Nicht minder freute uns das muntere Leben, welches hier
eine allerliebste Katzenfamilie entwickelte, welche gemeinsam die
zierlichsten Arabesken um Blumenstengel und Rosenstämmchen bildete.
Wir begaben uns sodann in das gemüthliche Zimmer des _Regens chori_.
Die Freunde ergriffen die Saiteninstrumente und erfreuten uns durch
ein Trio von Beethoven, bis die Glocke zur Abendtafel rief, nach deren
Beendigung wir noch lange beisammen waren.
Dienstag, der 16. September, brachte einen schönen klaren Morgen
mit einem frischen Nordostwind. Wir waren eben am Kaffeetisch, als
es klopfte. Der Herr Prälat trat in Reisekleidern zu uns; er hatte
eine Berufsreise nach St. Pölten vor. Wir nahmen herzlichen Abschied
und drückten dem trefflichen Herrn unseren innigen Dank aus für das
liebevolle Wohlwollen, das er uns bewiesen hatte. Wir begleiteten ihn
an seinen Wagen, in den er mit dem Pater Kämmerer einstieg.
Ich begab mich sodann in das Sommerrefectorium, um das von dem genialen
Pyß ausgeführte Deckengemälde nochmals genauer in Augenschein zu
nehmen. Es stellt die Hochzeit zu Kanaan dar. Der Künstler hat da,
wo die Wände an die Decke stoßen, ein Geländer angebracht, hinter
welchem in antiken Baulichkeiten die Gestalten in frischen Farben
erscheinen. Er selbst ist über einer Thür, den Hut in der Hand und
flott herabgrüßend, zu sehen. Es ist eine kräftige lebensfrohe Gestalt.
Die Wände des Refectoriums sind mit Klosteransichten und den Portraits
von Franz I. und Maria Theresia geschmückt. Die Hauptbilder stellen
Göttweig dar, gemalt von Joh. Sam. Hötzendorffer, der in der Mitte des
vorigen Jahrhunderts in dem Kloster lebte. Das eine Bild zeigt das
Stiftsgebäude in der Gestalt, die es vor dem Brande gehabt, das andere
dasselbe in der Vollendung des großartigen Planes, mit ausgebauten
Thürmen und der Kuppel. Jedes dieser Gemälde ist über zehn Schritt
lang. Die kleineren Bilder stellen Landhäuser dar, die das Kloster in
der Nähe besitzt. Die Bilder sind mit großer Feinheit und Leichtigkeit
ausgeführt.
Von hier aus begaben wir uns abermals in die Kaiserzimmer, dann aber
in die bei der Kirche befindliche Schatzkammer, die nicht minder
schätzbare, aber doch meist moderne, aus dem vorigen Jahrhundert
stammende Schmucksachen besitzt. Die Monstranzen, Kelche, die
_Fistula Eucharistiae_, die silbernen Hände, die Abtstäbe, Ketten,
Weihrauchgefäße, dann die Festkleider, Infuln, Casulen u. s. w.
waren trefflich gehalten und in geräumigen Schränken aufgestellt. Am
interessantesten waren mir der alte, einfache Abtstab des Bischofs
Altmann und seine Gebeine, die in einem besonderen Behältnisse hier
aufbewahrt wurden.
Indessen schlug die Stunde des Abschieds. Der Diener meldete, daß
der Wagen bereit stehe. Die trefflichen Männer, die uns so viele
Freundschaft bewiesen, geleiteten uns die Treppe hinab, und wir stiegen
in den eleganten Wagen, den zwei kräftige Braune alsbald zum Thore
hinauszogen. Der Fahrweg umschließt den hohen Klosterberg in weitem
Bogen und gewährt schöne, reiche Aussichten in die Thäler. Wir kamen
durch das Städtchen Furth und rollten immer abwärts und vorwärts.
Göttweig zeigte sich nun in der Höhe, und wir sahen die Fenster unserer
Zimmer. Diesmal gelangten wir auch in das Innere von Mautern. Im
schönsten Sonnenschein fuhren wir über die breite Donaubrücke und bogen
dann in die lange Straße, welche die Stadt Stein bildet. Wir hielten an
der Hinterseite von Eder’s Gasthaus und entließen den treuen Fuhrmann.
Wir nahmen unser hier zurückgelassenes Gepäck in Empfang, besorgten die
Billets zum Dampfschiff und ließen uns auf dem, der Donau zugewendeten,
Balkon nieder, wo uns ein kräftiges Frühstück zur weiteren Fahrt
stärkte.
Vor uns lag, allerdings in namhafter Ferne, auf hohem Berge das
prächtige Benedictinerstift, wo wir so freundliche Aufnahme gefunden.
Wie gern hätten wir noch länger hier oben verweilt unter den so
kenntnißreichen, als wohlwollenden Männern. Wie manche Frage war uns
noch übrig, wie wenig hatte ich von den handschriftlichen Schätzen der
Bibliothek benutzen können.
Indessen war das Dampfschiff auf der Donau herabgeschwommen und legte
sich an’s Land. Wir stiegen ein und nahmen auf dem Verdecke Platz. Das
Schiff Marie Dorothea ward als besonders guter Segler geschildert.
Wir sahen so lange als möglich dem Stiftsberge nach -- endlich
verschwand er. Der Himmel umzog sich mittlerweile mit Wolken; der Regen
ward ärger, und wir mußten in die Kajüte flüchten, wo ich endlich von
dem Geschwirr der Durcheinanderredenden in festen Schlummer gebracht
wurde, bis mein Sohn mich benachrichtigte, daß der Regen nachgelassen.
Ich stieg wieder auf das Verdeck, in der Ferne erschien ein dunkler
Kirchenthurm -- es war der St. Stephansthurm von ~Wien~.
Bald war ~Nußdorf~ erreicht. An dem Ufer hielt eine Unzahl von Wagen,
Omnibussen und Fiakern, zwischen Gepäck, Waarenballen und Kohlenbergen
in der Straße. Gensdarmen schritten ordnend und beseitigend umher. Wir
nahmen einen Fiaker in Beschlag, das Gepäck ward aufgenommen, und wir
fuhren nun zwischen Landhäusern vorwärts, als es eben drei Uhr war.
Bald waren wir in der Vorstadt; an der Linie fragte ein Mauthbeamter,
ob wir Zollbares bei uns hätten, und als wir ihm erklärten, unser
Gepäck bestehe nur in Kleidern, gebrauchter und frischer Wäsche, hieß
er uns sofort weiter fahren. Ein Vertrauen, welches wohl Kapot und
Uniformmütze meines Sohnes hervorgerufen.
Wir kamen nun in lange Straßen, an stattlichen Gebäuden vorüber, fuhren
durch ein Thor und endlich über die Brücke nach der Leopoldstadt, und
in das Thor des goldnen Lammes. Der Fiaker hatte uns versichert, daß
wir kaum wo anders als hier ein Unterkommen finden würden, da eine
Unzahl Fremder in der Stadt wäre. Der Fiaker verlangte 4 Gulden, wir
sandten ihm drei durch den Portier und nahmen drei Treppen hoch ein
Zimmer mit zwei Betten ein. Nachdem wir rasch unsere Toilette gemacht,
traten wir die Wanderung durch die Stadt an.
Wir überschritten die hölzerne Ferdinandsbrücke, gingen durch das
rothe Thurmthor und gelangten in die überaus belebten Straßen der
Stadt. Wir hatten unser erstes Ziel, die Stephanskirche, bald erreicht
und umschritten dieselbe. Dieser Dom ist allerdings ein wundervolles
Bauwerk, vor Allem aber der Thurm, auf dessen reichen, organischen
Ornamenten das Auge behaglich von Bogen zu Bogen hinaufsteigt. Welche
Fülle von Einzelnheiten bei der so einfachen und sicheren Construction.
Wie ernst, altehrwürdig und doch wieder wie gut erhalten und frisch.
-- Immer kehrt aber das Auge zu dem Thurme zurück, der die meilenweit
um ihn sich erhebenden Gebäude allesammt überragt. Wir treten in
das Innere, dessen Verhältnisse dem Aeußeren entsprechen. Vor Allem
fällt nächst der außerordentlichen Höhe die gewaltige Breite auf.
Die Farbe der Säulen und Gewölbe ist ein von der Zeit geschaffenes
Dunkelbraungrau, welches dem Hervortreten des architektonischen Details
allerdings äußerst ungünstig ist.